Der Schwierige: Lustspiel in drei Akten

Part 4

Chapter 43,517 wordsPublic domain

_Hans Karl._ Ich hab' jetzt einen sehr guten Abend vor mir. Zuerst eine ernste Konversation mit der Toinette....

_Crescence._ Aber das brauchen wir ja jetzt gar nicht!

_Hans Karl._ Ah, ich red' doch mit ihr, jetzt hab' ich es mir einmal vorgenommen, und dann soll ich also als Onkel vom Stani die gewissen seriösen Unterhaltungen anknüpfen.

_Crescence._ Das Wichtigste ist, daß du ihn bei der Helen ins richtige Licht stellst.

_Hans Karl._ Da hab' ich also ein richtiges Programm. Sieht sie, wie sie mich reformiert? Aber weiß sie, vorher -- ich hab' eine Idee -- vorher geh' ich für eine Stunde in den Zirkus, da haben sie jetzt einen Clown -- eine Art von dummem August ...

_Crescence._ Der Furlani, über den ist die Nanni ganz verrückt. Ich hab' gar keinen Sinn für diese Späße.

_Hans Karl._ Ich find' ihn delizios. Mich unterhält er viel mehr als die gescheiteste Konversation von Gott weiß wem. Ich freu' mich rasend. Ich gehe in den Zirkus, dann esse ich einen Bissen in einem Restaurant, und dann komm' ich sehr munter in die Soiree und absolvier mein Programm.

_Crescence._ Ja, er kommt und richtet dem Stani die Helen in die Hand, so was kann er ja so gut. Er wäre doch ein so wunderbarer Botschafter geworden, wenn er hätt' wollen in der Karriere bleiben.

_Hans Karl._ Dazu is es halt auch zu spät.

_Crescence._ Also, amüsier er sich gut und komm' er bald nach.

_Hans Karl_ $(begleitet sie bis an die Tür, Crescence geht)$.

Neunzehnte Szene

_Hans Karl_ $(kommt nach vorn)$.

_Lukas_ $(ist mit ihm hereingetreten)$.

_Hans Karl._ Ich ziehe den Frack an. Ich werde gleich läuten.

_Lukas._ Sehr wohl, Eure Erlaucht.

_Hans Karl_ $(links ab)$.

Zwanzigste Szene

_Vinzenz_ $(tritt von rechts ein)$. Was machen Sie da?

_Lukas._ Ich warte auf das Glockenzeichen vom Toilettezimmer, dann geh' ich hinein helfen.

_Vinzenz._ Ich werde mit hineingehen. Es ist ganz gut, wenn ich mich an ihn gewöhne.

_Lukas._ Es ist nicht befohlen, also bleiben Sie draußen.

_Vinzenz_ $(nimmt sich eine Zigarre)$. Sie, das ist doch ganz ein einfacher, umgänglicher Mensch, die Verwandten machen ja mit ihm, was sie wollen. In einem Monat wickel ich ihn um den Finger.

_Lukas_ $(schließt die Zigarren ein. Man hört eine Klingel)$.

_Lukas_ $(beeilt sich)$.

_Vinzenz._ Bleiben Sie nur noch. Er soll zweimal läuten. $(Setzt sich in einen Fauteuil.)$

_Lukas_ $(ab in seinem Rücken)$.

_Vinzenz_ $(vor sich)$. Liebesbriefe stellt er zurück, den Neffen verheiratet er, und er selber hat sich entschlossen, als ältlicher Junggeselle so dahinzuleben mit mir. Das ist genau, wie ich mir's vorgestellt habe. $(Über die Schulter nach rückwärts, ohne sich umzudrehen.)$ Sie, Herr Schätz, ich bin ganz zufrieden, da bleib' ich!

$Der Vorhang fällt.$

_ZWEITER AKT_

$Bei Altenwyls. Kleiner Salon im Geschmack des XVIII. Jahrhunderts. Türen links, rechts und in der Mitte. _Altenwyl_ mit _Hans Karl_ eintretend von rechts. _Crescence_ mit _Helene_ und _Neuhoff_ stehen links im Gespräch.$

Erste Szene

_Altenwyl._ Mein lieber Kari, ich rechne dir dein Kommen doppelt hoch an, weil du nicht Bridge spielst und also mit den bescheidenen Fragmenten von Unterhaltung vorlieb nehmen willst, die einem heutzutage in einem Salon noch geboten werden. Du findest bekanntlich bei mir immer nur die paar alten Gesichter, keine Künstler und sonstige Zelebritäten -- die Edine Merenberg ist ja außerordentlich unzufrieden mit dieser altmodischen Hausführung, aber weder meine Helen noch ich goutieren das Genre von Geselligkeit, was der Edine ihr Höchstes ist: wo sie beim ersten Löffel Suppe ihren Tischnachbar interpelliert, ob er an die Seelenwanderung glaubt, oder ob er schon einmal mit einem Fakir Bruderschaft getrunken hat.

_Crescence._ Ich muß Sie dementieren, Graf Altenwyl, ich hab' drüben an meinem Bridgetisch ein ganz neues Gesicht, und wie die Mariette Stradonitz mir zugewispelt hat, ist es ein weltberühmter Gelehrter, von dem wir noch nie was gehört haben, weil wir halt alle Analphabeten sind.

_Altenwyl._ Der Professor Brücke ist in seinem Fach eine große Zelebrität und mir ein lieber politischer Kollege. Er genießt es außerordentlich, in einem Salon zu sein, wo er keinen Kollegen aus der gelehrten Welt findet, sozusagen als der einzige Vertreter des Geistes in einem rein sozialen Milieu, und da ihm mein Haus diese bescheidene Annehmlichkeit bieten kann --

_Crescence._ Ist er verheiratet?

_Altenwyl._ Ich habe jedenfalls nie die Ehre gehabt, Madame Brücke zu Gesicht zu bekommen.

_Crescence._ Ich find' die berühmten Männer odios, aber ihre Frau'n noch ärger. Darin bin ich mit dem Kari einer Meinung. Wir schwärmen für triviale Menschen und triviale Unterhaltungen, nicht Kari?

_Altenwyl._ Ich hab' darüber meine altmodische Auffassung, die Helen kennt sie.

_Crescence._ Der Kari soll sagen, daß er mir recht gibt. Ich find', neun Zehntel von dem, was unter der Marke von Geist geht, ist nichts als Geschwätz.

_Neuhoff_ $(zu Helene)$. Sind Sie auch so streng, Gräfin Helene?

_Helene._ Wir haben alle Ursache, wir jüngeren Menschen, wenn uns vor etwas auf der Welt grausen muß, so davor: daß es etwas gibt wie Konversation; Worte, die alles Wirkliche verflachen und im Geschwätz beruhigen.

_Crescence._ Sag, daß du mir recht gibst, Kari!

_Hans Karl._ Ich bitte um Nachsicht. Der Furlani ist keine Vorbereitung darauf, etwas Gescheites zu sagen.

_Altenwyl._ In meinen Augen ist Konversation das, was jetzt kein Mensch mehr kennt: nicht selbst perorieren, wie ein Wasserfall, sondern dem andern das Stichwort bringen. Zu meiner Zeit hat man gesagt: wer zu mir kommt, mit dem muß ich die Konversation so führen, daß er, wenn er die Türschnallen in der Hand hat, sich gescheit vorkommt, dann wird er auf der Stiegen mich gescheit finden. -- Heutzutag hat aber keiner, pardon für die Grobheit, den Verstand zum Konversationmachen und keiner den Verstand, seinen Mund zu halten -- ah, erlaub', daß ich dich mit Baron Neuhoff bekannt mache, mein Vetter Graf Bühl.

_Neuhoff._ Ich habe die Ehre, von Graf Bühl gekannt zu sein.

_Crescence_ $(zu Altenwyl)$. Alle diese gescheiten Sachen müßten Sie der Edine sagen -- bei der geht der Kultus für die bedeutenden Menschen und die gedruckten Bücher ins Uferlose. Mir ist schon das Wort odios: bedeutende Menschen -- es liegt so eine Präpotenz darin!

_Altenwyl._ Die Edine ist eine sehr gescheite Frau, aber sie will immer zwei Fliegen auf einen Schlag erwischen: ihre Bildung vermehren und etwas für ihre Wohltätigkeitsgeschichten herausschlagen.

_Helene._ Pardon, Papa, sie ist keine gescheite Frau, sie ist eine dumme Frau, die sich fürs Leben gern mit gescheiten Leuten umgeben möchte, aber dabei immer die falschen erwischt.

_Crescence._ Ich wundere mich, daß sie bei ihrer rasenden Zerstreutheit nicht mehr Konfusionen anstellt.

_Altenwyl._ Solche Wesen haben einen Schutzengel.

_Edine_ $(tritt dazu durch die Mitteltür)$. Ich seh', ihr sprechts von mir, sprechts nur weiter, genierts euch nicht.

_Crescence._ Na, Edine, hast du den berühmten Mann schon kennen gelernt?

_Edine._ Ich bin wütend, Graf Altenwyl, daß Sie ihn ihr als Partner gegeben haben und nicht mir. $(Setzt sich zu Crescence.)$ Ihr habts keine Idee, wie ich mich für ihn interessier'. Ich les' doch die Bücher von die Leut'. Von diesem Brückner hab' ich erst vor ein paar Wochen ein dickes Buch gelesen.

_Neuhoff._ Er heißt Brücke. Er ist der zweite Präsident der Akademie der Wissenschaften.

_Edine._ In Paris?

_Neuhoff._ Nein, hier in Wien.

_Edine._ Auf dem Buch ist gestanden: Brückner.

_Crescence._ Vielleicht war das ein Druckfehler.

_Edine._ Es hat geheißen: Über den Ursprung aller Religionen. Da ist eine Bildung drin, und eine Tiefe! Und so ein schöner Stil!

_Helene._ Ich werd' ihn dir bringen, Tant' Edine.

_Neuhoff._ Wenn Sie erlauben, werde ich ihn suchen und ihn herbringen, sobald er pausiert.

_Edine._ Ja, tun Sie das, Baron Neuhoff. Sagen Sie ihm, daß ich seit Jahren nach ihm fahnde.

_Neuhoff_ $(geht links ab)$.

_Crescence._ Er wird sich nichts Besseres verlangen, mir scheint, er ist ein ziemlicher --

_Edine._ Sagts nicht immer gleich »snob«, der Goethe ist auch vor jeder Fürstin und Gräfin -- ich hätt' bald was g'sagt.

_Crescence._ Jetzt ist sie schon wieder beim Goethe, die Edine! $(Sieht sich nach Hans Karl um, der mit Helene nach rechts getreten ist.)$

_Helene_ $(zu Hans Karl)$. Sie haben ihn so gern, den Furlani?

_Hans Karl._ Für mich ist ein solcher Mensch eine wahre Rekreation.

_Helene._ Macht er so geschickte Tricks? $(Sie setzt sich rechts, Hans Karl neben ihr.)$

_Crescence_ $(geht durch die Mitte weg, Altenwyl und Edine haben sich links gesetzt.)$

_Hans Karl._ Er macht gar keine Tricks. Er ist doch der dumme August!

_Helene._ Also ein Wurstel?

_Hans Karl._ Nein, das wäre ja outriert! Er outriert nie, er karikiert auch nie. Er spielt seine Rolle: er ist der, der alle begreifen, der allen helfen möchte und dabei alles in die größte Konfusion bringt. Er macht die dümmsten »lazzi«, die Galerie kugelt sich vor Lachen, und dabei behält er eine Elegance, eine Diskretion, man merkt, daß er sich selbst und alles, was auf der Welt ist, respektiert, er bringt alles durcheinander, wie Kraut und Rüben; wo er hingeht, geht alles drunter und drüber, und dabei möchte man rufen: »Er hat ja recht!«

_Edine_ $(zu Altenwyl)$. Das Geistige gibt uns Frauen doch viel mehr Halt! Das geht der Antoinette zum Beispiel ganz ab. Ich sag' ihr immer: sie soll ihren Geist kultivieren, das bringt einen auf andere Gedanken.

_Altenwyl._ Zu meiner Zeit hat man einen ganz andern Maßstab an die Konversation angelegt. Man hat doch etwas auf eine schöne Replik gegeben; man hat sich ins Zeug gelegt, um brillant zu sein.

_Edine._ Ich sag': wenn ich Konversation mach', will ich doch woanders hingeführt werden. Ich will doch heraus aus der Banalität. Ich will doch wohintransportiert werden!

_Hans Karl_ $(zu Helene, in seiner Konversation fortfahrend)$. Sehen Sie, Helen, alle diese Sachen sind ja schwer: die Tricks von den Equilibristen und Jongleurs und alles -- zu allem gehört ja ein fabelhaft angespannter Wille und direkt Geist. Ich glaub' mehr Geist, als zu den meisten Konversationen. --

_Helene._ Ah, das schon sicher.

_Hans Karl._ Absolut. Aber das, was der Furlani macht, ist noch um eine ganze Stufe höher, als was alle andern tun. Alle andern lassen sich von einer Absicht leiten und schauen nicht rechts und nicht links, ja, sie atmen kaum, bis sie ihre Absicht erreicht haben: darin besteht eben ihr Trick. Er aber tut scheinbar nichts mit Absicht -- er geht immer nur auf die Absicht der andern ein. Er möchte alles mittun, was die andern tun, soviel guten Willen hat er, so fasziniert ist er von jedem einzelnen Stückl, was irgendeiner vormacht: wenn einer einen Blumentopf auf der Nase balanciert, so balanciert er ihn auch, sozusagen aus Höflichkeit.

_Helene._ Aber er wirft ihn hinunter?

_Hans Karl._ Aber wie er ihn hinunterwirft, darin liegt's! Er wirft ihn hinunter aus purer Begeisterung und Seligkeit darüber, daß er ihn so schön balancieren kann! Er glaubt, wenn man's ganz schön machen tät, müßt's von selber gehen.

_Helene_ $(vor sich)$. Und das hält der Blumentopf gewöhnlich nicht aus und fällt hinunter.

_Altenwyl_ $(zu Edine)$. Dieser Geschäftston heutzutage! Und ich bitte, auch zwischen Männern und Frauen: dieses gewisse Zielbewußte in der Unterhaltung!

_Edine._ Ja, das ist mir auch eine horreur! Man will doch ein bißl eine schöne Art, ein Versteckenspielen --

_Altenwyl._ Die jungen Leut' wissen ja gar nicht mehr, daß die Sauce mehr wert ist als der Braten -- da herrscht ja eine Direktheit!

_Edine._ Weil die Leut' zu wenig gelesen haben! Weil sie ihren Geist zu wenig kultivieren! $(Sie sind im Reden aufgestanden und entfernen sich nach links.)$

_Hans Karl_ $(zu Helene)$. Wenn man dem Furlani zuschaut, kommen einem die geschicktesten Clowns vulgär vor. Er ist förmlich schön vor lauter Nonchalance -- aber natürlich gehört zu dieser Nonchalance genau das Doppelte wie zu den andern ihrer Anspannung.

_Helene._ Ich begreif', daß Ihnen der Mensch sympathisch ist. Ich find' auch alles, wo man eine Absicht merkt, die dahintersteckt, ein bißl vulgär.

_Hans Karl._ Oho, heute bin ich selber mit Absichten geladen, und diese Absichten beziehen sich auf Sie, Gräfin Helene.

_Helene_ $(mit einem Zusammenziehen der Augenbrauen)$. Oh, Gräfin Helene! Sie sagen »Gräfin Helene« zu mir?

_Huberta_ $(erscheint in der Mitteltür und streift Hans Karl und Helene mit einem kurzen, aber indiskreten Blick)$.

_Hans Karl_ $(ohne Huberta zu bemerken)$. Nein, im Ernst, ich muß Sie um fünf Minuten Konversation bitten -- dann später, irgendwann -- wir spielen ja beide nicht.

_Helene_ $(etwas unruhig, aber sehr beherrscht)$. Sie machen mir Angst. Was können Sie mit mir zu reden haben? Das kann nichts Gutes sein.

_Hans Karl._ Wenn Sie's präokkupiert, dann um Gottes willen nicht!

_Huberta_ $(ist verschwunden)$.

_Helene_ $(nach einer kleinen Pause)$. Wann Sie wollen, aber später. Ich seh' die Huberta, die sich langweilt. Ich muß zu ihr gehen. $(Steht auf.)$

_Hans Karl._ Sie sind so delizios artig. $(Ist auch aufgestanden.)$

_Helene._ Sie müssen jetzt der Antoinette und den paar andern Frauen guten Abend sagen. $(Sie geht von ihm fort, bleibt in der Mitteltür noch stehen.)$ Ich bin nicht artig: ich spür' nur, was in den Leuten vorgeht, und das belästigt mich -- und da reagier' ich dagegen mit égards, die ich für die Leut' hab'. Meine Manieren sind nur eine Art von Nervosität, mir die Leut' vom Hals zu halten. $(Sie geht.)$

_Hans Karl_ $(geht langsam ihr nach)$.

Zweite Szene

_Neuhoff_ $(und der berühmte Mann sind gleichzeitig in der Tür links erschienen)$.

_Der berühmte Mann_ $(in der Mitte des Zimmers angelangt, durch die Tür rechts blickend)$. Dort in der Gruppe am Kamin befindet sich jetzt die Dame, um deren Namen ich Sie fragen wollte.

_Neuhoff._ Dort in Grau? Das ist die Fürstin Pergen.

_Der berühmte Mann._ Nein, die kenne ich seit langem. Die Dame in Schwarz.

_Neuhoff._ Die spanische Botschafterin. Sind Sie ihr vorgestellt? Oder darf ich --

_Der berühmte Mann._ Ich wünsche sehr, ihr vorgestellt zu werden. Aber wir wollen es vielleicht in folgender Weise einrichten --

_Neuhoff_ $(mit kaum merklicher Ironie)$. Ganz wie Sie befehlen.

_Der berühmte Mann._ Wenn Sie vielleicht die Güte haben, der Dame zuerst von mir zu sprechen, ihr, da sie eine Fremde ist, meine Bedeutung, meinen Rang in der wissenschaftlichen Welt und in der Gesellschaft klarzulegen -- so würde ich mich dann sofort nachher durch den Grafen Altenwyl ihr vorstellen lassen.

_Neuhoff._ Aber mit dem größten Vergnügen.

_Der berühmte Mann._ Es handelt sich für einen Gelehrten meines Ranges nicht darum, seine Bekanntschaften zu vermehren, sondern in der richtigen Weise gekannt und aufgenommen zu werden.

_Neuhoff._ Ohne jeden Zweifel. Hier kommt die Gräfin Merenberg, die sich besonders darauf gefreut hat, Sie kennen zu lernen. Darf ich --

_Edine_ $(kommt)$. Ich freue mich enorm. Einen Mann dieses Ranges bitte ich nicht mir vorzustellen, Baron Neuhoff, sondern mich ihm zu präsentieren.

_Der berühmte Mann_ $(verneigt sich)$. Ich bin sehr glücklich, Frau Gräfin.

_Edine._ Es hieße Eulen nach Athen tragen, wenn ich Ihnen sagen wollte, daß ich zu den eifrigsten Leserinnen Ihrer berühmten Werke gehöre. Ich bin jedesmal hingerissen von dieser philosophischen Tiefe, dieser immensen Bildung und diesem schönen Prosastil.

_Der berühmte Mann._ Ich staune, Frau Gräfin. Meine Arbeiten sind keine leichte Lektüre. Sie wenden sich wohl nicht ausschließlich an ein Publikum von Fachgelehrten, aber sie setzen Leser von nicht gewöhnlicher Verinnerlichung voraus.

_Edine._ Aber gar nicht! Jede Frau sollte so schöne tiefsinnige Bücher lesen, damit sie sich selbst in eine höhere Sphäre bringt: das sag' ich früh und spät der Toinette Hechingen.

_Der berühmte Mann._ Dürfte ich fragen, welche meiner Arbeiten den Vorzug gehabt hat, Ihre Aufmerksamkeit zu erwecken?

_Edine._ Aber natürlich das wunderbare Werk »Über den Ursprung aller Religionen«. Das hat ja eine Tiefe, und eine erhebende Belehrung schöpft man da heraus --

_Der berühmte Mann_ $(eisig)$. Hm. Das ist allerdings ein Werk, von dem viel geredet wird.

_Edine._ Aber noch lange nicht genug. Ich sag' gerade zur Toinette, das müßte jede von uns auf ihrem Nachtkastl liegen haben.

_Der berühmte Mann._ Besonders die Presse hat ja für dieses Opus eine zügellose Reklame zu inszenieren gewußt.

_Edine._ Wie können Sie das sagen! Ein solches Werk ist ja doch das Grandioseste --

_Der berühmte Mann._ Es hat mich sehr interessiert, Frau Gräfin, Sie gleichfalls unter den Lobrednern dieses Produktes zu sehen. Mir selbst ist das Buch allerdings unbekannt, und ich dürfte mich auch schwerlich entschließen, den Leserkreis dieses Elaborates zu vermehren.

_Edine._ Wie? Sie sind nicht der Verfasser?

_Der berühmte Mann._ Der Verfasser dieser journalistischen Kompilation ist mein Fakultätsgenosse Brückner. Es besteht allerdings eine fatale Namensähnlichkeit, aber diese ist auch die einzige.

_Edine._ Das sollte auch nicht sein, daß zwei berühmte Philosophen so ähnliche Namen haben.

_Der berühmte Mann._ Das ist allerdings bedauerlich, besonders für mich. Herr Brückner ist übrigens nichts weniger als Philosoph. Er ist Philologe, ich würde sagen, Salonphilologe, oder noch besser: philologischer Feuilletonist.

_Edine._ Es tut mir enorm leid, daß ich da eine Konfusion gemacht habe. Aber ich hab' sicher auch von Ihren berühmten Werken was zu Haus, Herr Professor. Ich les' ja alles, was einen ein bißl vorwärtsbringt. Jetzt hab' ich gerad' ein sehr interessantes Buch über den »Semipelagianismus« und eins über die »Seele des Radiums« zu Hause liegen. Wenn Sie mich einmal in der Heugasse besuchen --

_Der berühmte Mann_ $(kühl)$. Es wird mir eine Ehre sein, Frau Gräfin. Allerdings bin ich sehr in Anspruch genommen.

_Edine_ $(wollte gehen, bleibt nochmals stehen)$. Aber das tut mir ewig leid, daß Sie nicht der Verfasser sind! Jetzt kann ich Ihnen auch meine Frage nicht vorlegen! Und ich wäre jede Wette eingegangen, daß Sie der Einzige sind, der sie so beantworten könnte, daß ich meine Beruhigung fände.

_Neuhoff._ Wollen Sie dem Herrn Professor nicht doch Ihre Frage vorlegen?

_Edine._ Sie sind ja gewiß ein Mann von noch profunderer Bildung als der andere Herr. $(Zu Neuhoff.)$ Soll ich wirklich? Es liegt mir ungeheuer viel an der Auskunft. Ich würde fürs Leben gern eine Beruhigung finden.

_Der berühmte Mann._ Wollen sich Frau Gräfin nicht setzen?

_Edine_ $(sich ängstlich umsehend, ob niemand hereintritt, dann schnell)$. Wie stellen Sie sich das Nirwana vor?

_Der berühmte Mann._ Hm. Diese Frage aus dem Stegreif zu beantworten, dürfte allerdings Herr Brückner der richtige Mann sein. $(Eine kleine Pause.)$

_Edine._ Und jetzt muß ich auch zu meinem Bridge zurück. Auf Wiedersehen, Herr Professor. $(Ab.)$

_Der berühmte Mann_ $(sichtlich verstimmt)$. Hm. --

_Neuhoff._ Die arme gute Gräfin Edine! Sie dürfen ihr nichts übel nehmen.

_Der berühmte Mann_ $(kalt)$. Es ist nicht das erstemal, daß ich im Laienpublikum ähnlichen Verwechslungen begegne. Ich bin nicht weit davon, zu glauben, daß dieser Scharlatan Brückner mit Absicht auf dergleichen hinarbeitet. Sie können kaum ermessen, welche peinliche Erinnerung eine groteske und schiefe Situation, wie die, in der wir uns soeben befunden haben, in meinem Innern hinterläßt. Das erbärmliche Scheinwissen, von den Trompetenstößen einer bübischen Presse begleitet, auf den breiten Wellen der Popularität hinsegeln zu sehen -- sich mit dem konfundiert zu sehen, wogegen man sich mit dem eisigen Schweigen der Nichtachtung unverbrüchlich gewappnet glaubte --

_Neuhoff._ Aber wem sagen Sie das alles, mein verehrter Professor! Bis in die kleine Nuance fühle ich Ihnen nach. Sich verkannt zu sehen in seinem Besten, früh und spät -- das ist das Schicksal --

_Der berühmte Mann._ In seinem Besten.

_Neuhoff._ Genau die Nuance verkannt zu sehen, auf die alles ankommt --

_Der berühmte Mann._ Sein Lebenswerk mit einem journalistischen --

_Neuhoff._ Das ist das Schicksal --

_Der berühmte Mann._ Die in einer bübischen Presse --

_Neuhoff._ -- des ungewöhnlichen Menschen, sobald er sich der banalen Menschheit ausliefert, den Frauen, die im Grunde zwischen einer leeren Larve und einem Mann von Bedeutung nicht zu unterscheiden wissen!

_Der berühmte Mann._ Den verhaßten Spuren der Pöbelherrschaft bis in den Salon zu begegnen --

_Neuhoff._ Erregen Sie sich nicht. Wie kann ein Mann Ihres Ranges -- Nichts, was eine Edine Merenberg und tutti quanti vorbringen, reicht nur entfernt an Sie heran.

_Der berühmte Mann._ Das ist die Presse, dieser Hexenbrei aus allem und allem! Aber hier hätte ich mich davor sicher gehalten. Ich sehe, ich habe die Exklusivität dieser Kreise überschätzt, wenigstens was das geistige Leben anlangt.

_Neuhoff._ Geist und diese Menschen! Das Leben -- und diese Menschen! Alle diese Menschen, die Ihnen hier begegnen, existieren ja in Wirklichkeit gar nicht mehr. Das sind ja alles nur mehr Schatten. Niemand, der sich in diesen Salons bewegt, gehört zu der wirklichen Welt, in der die geistigen Krisen des Jahrhunderts sich entscheiden. Sehen Sie doch um sich: eine Erscheinung wie die Figur dort im nächsten Zimmer, vom Scheitel bis zur Sohle sich balancierend in der Selbstsicherheit der unbegrenzten Trivialität -- von Frauen und Mädchen umlagert -- Kari Bühl.

_Der berühmte Mann._ Ist das Graf Bühl?

_Neuhoff._ Er selbst, der berühmte Kari.

_Der berühmte Mann._ Ich habe bis jetzt keine Gelegenheit gehabt, ihn kennen zu lernen. Sind Sie befreundet mit ihm?

_Neuhoff._ Nicht allzusehr, aber hinlänglich, um ihn Ihnen in zwei Worten erschöpfend zu charakterisieren: absolutes, anmaßendes Nichts.

_Der berühmte Mann._ Er hat einen außerordentlichen Rang innerhalb der ersten Gesellschaft. Er gilt für eine Persönlichkeit.

_Neuhoff._ Es ist nichts an ihm, das der Prüfung standhielte. Rein gesellschaftlich goutiere ich ihn halb aus Gewohnheit; aber Sie haben weniger als nichts verloren, wenn Sie ihn nicht kennen lernen.

_Der berühmte Mann_ $(sieht unverwandt hin)$. Ich würde mich sehr interessieren, seine Bekanntschaft zu machen. Glauben Sie, daß ich mir etwas vergebe, wenn ich mich ihm nähere?

_Neuhoff._ Sie werden Ihre Zeit mit ihm verlieren, wie mit allen diesen Menschen hier.

_Der berühmte Mann._ Ich würde großes Gewicht darauf legen, mit Graf Bühl in einer wirkungsvollen Weise bekannt gemacht zu werden, etwa durch einen seiner vertrauten Freunde.

_Neuhoff._ Zu diesen wünsche ich nicht gezählt zu werden, aber ich werde Ihnen das besorgen.

_Der berühmte Mann._ Sie sind sehr liebenswürdig. Oder meinen Sie, daß ich mir nichts vergeben würde, wenn ich mich ihm spontan nähern würde?

_Neuhoff._ Sie erweisen dem guten Kari in jedem Fall zuviel Ehre, wenn Sie ihn so ernst nehmen.

_Der berühmte Mann._ Ich verhehle nicht, daß ich großes Gewicht darauf lege, das feine und unbestechliche Votum der großen Welt den Huldigungen beizufügen, die meinem Wissen im breiten internationalen Laienpublikum zuteil geworden sind, und in denen ich die Abendröte einer nicht alltäglichen Gelehrtenlaufbahn erblicken darf. $(Sie gehen ab.)$

Dritte Szene

_Antoinette_ $(mit Edine, Nanni und Huberta sind indessen in der Mitteltür erschienen und kommen nach vorne.)$

_Antoinette._ So sagt's mir doch was, so gebt's mir doch einen Rat, wenn ihr seht's, daß ich so aufgeregt bin. Da mach' ich doch die irreparablen Dummheiten, wenn man mir nicht beisteht.

_Edine._ Ich bin dafür, daß wir sie lassen. Sie muß wie zufällig ihm begegnen. Wenn wir sie alle konvoiieren, so verscheuchen wir ihn ja geradezu.

_Huberta._ Er geniert sich nicht. Wenn er mit ihr allein reden wollt', da wären wir Luft für ihn.

_Antoinette._ So setzen wir uns daher. Bleibt's alle bei mir, aber nicht auffällig. $(Sie haben sich gesetzt.)$