Der Schwierige: Lustspiel in drei Akten
Part 3
_Stani._ Wir haben uns getroffen. $(Sie setzen sich.)$
_Neuhoff._ Ich sollte die Freude haben, Ihnen diesen Abend im Altenwylschen Hause zu begegnen. Gräfin Helene hatte sich ein wenig darauf gefreut, uns zusammenzuführen. Um so schmerzlicher war mein Bedauern, als ich durch Gräfin Helene diesen Nachmittag erfahren mußte, Sie hätten abgesagt.
_Hans Karl._ Sie kennen meine Cousine seit dem letzten Winter?
_Neuhoff._ Kennen -- wenn man das Wort von einem solchen Wesen brauchen darf. In gewissen Augenblicken gewahrt man erst, wie doppelsinnig das Wort ist: es bezeichnet das Oberflächlichste von der Welt und zugleich das tiefste Geheimnis des Daseins zwischen Mensch und Mensch.
_Hans Karl_ $(und Stani wechseln einen Blick)$.
_Neuhoff._ Ich habe das Glück, Gräfin Helene nicht selten zu sehen und ihr in Verehrung anzugehören.
$(Eine kleine, etwas genierte Pause)$.
_Neuhoff._ Heute nachmittag -- wir waren zusammen im Atelier von Bohuslawsky -- Bohuslawsky macht mein Porträt, das heißt, er quält sich unverhältnismäßig, den Ausdruck meiner Augen festzuhalten: er spricht von einem gewissen Etwas darin, das nur in seltenen Momenten sichtbar wird -- und es war seine Bitte, daß die Gräfin Helene einmal dieses Bild ansehen und ihm über diese Augen ihre Kritik geben möchte -- da sagt sie mir: Graf Bühl kommt nicht, gehen Sie zu ihm. Besuchen Sie ihn, ganz einfach. Es ist ein Mann, bei dem die Natur, die Wahrheit alles erreicht und die Absicht nichts. Ein wunderbarer Mann in unserer absichtsvollen Welt, war meine Antwort -- aber so hab' ich mir ihn gedacht, so hab' ich ihn erraten, bei der ersten Begegnung.
_Stani._ Sie sind meinem Onkel im Felde begegnet?
_Neuhoff._ Bei einem Stab.
_Hans Karl._ Nicht in der sympathischesten Gesellschaft.
_Neuhoff._ Das merkte man Ihnen an, Sie sprachen unendlich wenig.
_Hans Karl_ $(lächelnd)$. Ich bin kein großer Causeur, nicht wahr, Stani?
_Stani._ In der Intimität schon!
_Neuhoff._ Sie sprechen es aus, Graf Freudenberg, Ihr Onkel liebt es, in Gold zu zahlen; er hat sich an das Papiergeld des täglichen Verkehrs nicht gewöhnen wollen. Er kann mit seiner Rede nur seine Intimität vergeben, und die ist unschätzbar.
_Hans Karl._ Sie sind äußerst freundlich, Baron Neuhoff.
_Neuhoff._ Sie müßten sich von Bohuslawsky malen lassen, Graf Bühl. Sie würde er in drei Sitzungen treffen. Sie wissen, daß seine Stärke das Kinderporträt ist. Ihr Lächeln ist genau die Andeutung eines Kinderlachens. Mißverstehen Sie mich nicht. Warum ist denn Würde so ganz unnachahmlich? Weil ein Etwas von Kindlichkeit in ihr steckt. Auf dem Umweg über die Kindlichkeit würde Bohuslawsky vermögen, einem Bilde von Ihnen das zu geben, was in unserer Welt das Seltenste ist, und was ihre Erscheinung in hohem Maße auszeichnet: Würde. Denn wir leben in einer würdelosen Welt.
_Hans Karl._ Ich weiß nicht, von welcher Welt Sie sprechen: uns allen ist draußen soviel Würde entgegengetreten ...
_Neuhoff._ Deswegen war ein Mann wie Sie draußen so in seinem Element. Was haben Sie geleistet, Graf Bühl! Ich erinnere mich des Unteroffiziers im Spital, der mit Ihnen und den dreißig Schützen verschüttet war.
_Hans Karl._ Mein braver Zugführer, der Hütter Franz! Meine Cousine hat Ihnen davon erzählt?
_Neuhoff._ Sie hat mir erlaubt, sie bei diesem Besuch ins Spital zu begleiten. Ich werde nie das Gesicht und die Rede dieses Sterbenden vergessen.
_Hans Karl_ $(sagt nichts)$.
_Neuhoff._ Er sprach ausschließlich von Ihnen. Und in welchem Ton! Er wußte, daß sie eine Verwandte seines Hauptmanns war, mit der er sprach.
_Hans Karl._ Der arme Hütter Franz!
_Neuhoff._ Vielleicht wollte mir die Gräfin Helene eine Idee von Ihrem Wesen geben, wie tausend Begegnungen im Salon sie nicht vermitteln können.
_Stani_ $(etwas scharf)$. Vielleicht hat sie vor allem den Mann selbst sehen und vom Onkel Kari hören wollen.
_Neuhoff._ In einer solchen Situation wird ein Wesen wie Helene Altenwyl erst ganz sie selbst. Unter dieser vollkommenen Einfachheit, diesem Stolz der guten Rasse verbirgt sich ein Strömen der Liebe, eine alle Poren durchdringende Sympathie: es gibt von ihr zu einem Wesen, das sie sehr liebt und achtet, namenlose Verbindungen, die nichts lösen könnte, und an die nichts rühren darf. Wehe dem Gatten, der nicht verstünde, diese namenlose Verbundenheit bei ihr zu achten, der engherzig genug wäre, alle diese verteilten Sympathien auf sich vereinigen zu wollen.
$(Eine kleine Pause)$.
_Hans Karl_ $(raucht)$.
_Neuhoff._ Sie ist wie Sie: eines der Wesen, um die man nicht werben kann: die sich einem schenken müssen.
$(Abermals eine kleine Pause)$.
_Neuhoff_ $(mit einer großen, vielleicht nicht ganz echten Sicherheit)$. Ich bin ein Wanderer, meine Neugierde hat mich um die halbe Welt getrieben. Das, was schwierig zu kennen ist, fasziniert mich; was sich verbirgt, zieht mich an. Ich möchte ein stolzes, kostbares Wesen, wie Gräfin Helene, in Ihrer Gesellschaft sehen, Graf Bühl. Sie würde eine andere werden, sie würde aufblühen: denn ich kenne niemanden, der so sensibel ist für menschliche Qualität.
_Hans Karl._ Das sind wir hier ja alle ein bißchen. Vielleicht ist das gar nichts so Besonderes an meiner Cousine.
_Neuhoff._ Ich denke mir die Gesellschaft, die ein Wesen wie Helene Altenwyl umgeben müßte, aus Männern Ihrer Art bestehend. Jede Kultur hat ihre Blüten: Gehalt ohne Prätention, Vornehmheit gemildert durch eine unendliche Grazie, so ist die Blüte dieser alten Gesellschaft beschaffen, der es gelungen ist, was die Ruinen von Luxor und die Wälder des Kaukasus nicht vermochten, einen Unstäten, wie mich, in ihrem Bannkreis festzuhalten. Aber, erklären Sie mir eins, Graf Bühl. Gerade die Männer Ihres Schlages, von denen die Gesellschaft ihr eigentliches Gepräge empfängt, begegnet man allzu selten in ihr. Sie scheinen ihr auszuweichen.
_Stani._ Aber gar nicht, Sie werden den Onkel Kari gleich heute abend bei Altenwyls sehen, und ich fürchte sogar, so gemütlich dieser kleine Plausch hier ist, so müssen wir ihm bald Gelegenheit geben, sich umzuziehen. $(Er ist aufgestanden.)$
_Neuhoff._ Müssen wir das, so sage ich Ihnen für jetzt adieu, Graf Bühl. Wenn Sie jemals, sei es in welcher Lage immer, eines fahrenden Ritters bedürfen sollten $(schon im Gehen)$, der dort, wo er das Edle, das Hohe ahnt, ihm unbedingt und ehrfürchtig zu dienen gewillt ist, so rufen Sie mich.
_Hans Karl_ $(dahinter Stani, begleiten ihn. Wie sie an der Tür sind, klingelt das Telephon.)$
_Neuhoff._ Bitte, bleiben Sie, der Apparat begehrt nach Ihnen.
_Stani._ Darf ich Sie bis an die Stiege begleiten?
_Hans Karl_ $(an der Tür)$. Ich danke Ihnen sehr für Ihren guten Besuch, Baron Neuhoff.
_Neuhoff_ $(und Stani ab)$.
_Hans Karl_ $(allein mit dem heftig klingelnden Apparat, geht an die Wand und drückt an den Zimmertelegraph, rufend)$: Lukas, abstellen! Ich mag diese indiskrete Maschine nicht! Lukas! $(Das Klingeln hört auf.)$
Dreizehnte Szene
_Stani_ $(kommt zurück)$. Nur für eine Sekunde, Onkel Kari, wenn du mir verzeihst. Ich hab' müssen dein Urteil über diesen Herrn hören!
_Hans Karl._ Das deinige scheint ja fix und fertig zu sein.
_Stani._ Ah, ich find' ihn einfach unmöglich. Ich verstehe einfach eine solche Figur nicht. Und dabei ist der Mensch ganz gut geboren!
_Hans Karl._ Und du findest ihn so unannehmbar?
_Stani._ Aber ich bitte: so viel Taktlosigkeiten als Worte.
_Hans Karl._ Er will sehr freundlich sein, er will für sich gewinnen.
_Stani._ Aber man hat doch eine Assurance, man kriecht wildfremden Leuten doch nicht in die Westentasche.
_Hans Karl._ Und er glaubt allerdings, daß man etwas aus sich machen kann -- das würde ich als eine Naivität ansehen oder als Erziehungsfehler.
_Stani_ $(geht aufgeregt auf und ab)$. Diese Tiraden über die Helen!
_Hans Karl._ Daß ein Mädel wie die Helen mit ihm Konversation über unsereinen führt, macht mir auch keinen Spaß.
_Stani._ Daran ist gewiß kein wahres Wort. Ein Kerl, der kalt und warm aus einem Munde blast.
_Hans Karl._ Es wird alles sehr ähnlich gewesen sein, wie er sagt. Aber es gibt Leute, in deren Mund sich alle Nuancen verändern, unwillkürlich.
_Stani._ Du bist von einer Toleranz!
_Hans Karl._ Ich bin halt sehr alt, Stani.
_Stani._ Ich ärgere mich jedenfalls rasend, das ganze Genre bringt mich auf, diese falsche Sicherheit, diese ölige Suada, dieses Kokettieren mit seinem odiosen Spitzbart.
_Hans Karl._ Er hat Geist, aber es wird einem nicht wohl dabei.
_Stani._ Diese namenlosen Indiskretionen. Ich frage: was geht ihn dein Gesicht an?
_Hans Karl._ Au fond ist man vielleicht ein bedauernswerter Mensch, wenn man so ist.
_Stani._ Ich nenne ihn einen odiosen Kerl. Jetzt muß ich aber zur Mamu hinauf. Ich seh' dich jedenfalls in der Nacht im Klub, Onkel Kari.
_Agathe_ $(sieht leise bei der Tür rechts herein, sie glaubt Hans Karl allein)$.
_Stani_ $(kommt noch einmal nach vorne)$.
_Hans Karl_ $(winkt Agathe zu verschwinden)$.
_Stani._ Weißt du, ich kann mich nicht beruhigen. Erstens die Bassesse, einem Herrn wie dir ins Gesicht zu schmeicheln.
_Hans Karl._ Das war nicht sehr elegant.
_Stani._ Zweitens das Affichieren einer weiß Gott wie dicken Freundschaft mit der Helen. Drittens die Spionage, ob du dich für sie interessierst.
_Hans Karl_ $(lächelnd)$. Meinst du, er hat ein bißl das Terrain sondieren wollen?
_Stani._ Viertens diese maßlos indiskrete Anspielung auf seine künftige Situation. Er hat sich uns ja geradezu als ihren Zukünftigen vorgestellt. Fünftens dieses odiose Perorieren, das es einem unmöglich macht, auch nur einmal die Replique zu geben. Sechstens dieser unmögliche Abgang. Das war ja ein Geburtstagswunsch, ein Leitartikel. Aber ich halt dich auf, Onkel Kari.
_Agathe_ $(ist wieder in der Tür erschienen, gleiches Spiel wie früher)$.
_Stani_ $(war schon im Verschwinden, kommt wieder nach vorne)$. Darf ich noch einmal? Das eine kann ich nicht begreifen, daß dir die Sache wegen der Helen nicht näher geht!
_Hans Karl._ Inwiefern mir?
_Stani._ Pardon, %mir% steht die Helen zu nahe, als daß ich diese unmögliche Phrase von Verehrung und »Angehören« goutieren könnt'. Wenn man die Helen von klein auf kennt, wie eine Schwester!
_Hans Karl._ Es kommt ein Moment, wo die Schwestern sich von den Brüdern trennen.
_Stani._ Aber nicht für einen Neuhoff. Ah, ah!
_Hans Karl._ Eine kleine Dosis von Unwahrheit ist den Frauen sehr sympathisch.
_Stani._ So ein Kerl dürfte nicht in die Nähe von der Helen.
_Hans Karl._ Wir werden es nicht hindern können.
_Stani._ Ah, das möcht' ich sehen. Nicht in die Nähe!
_Hans Karl._ Er hat uns die kommende Verwandtschaft angekündigt.
_Stani._ In welchem Zustand muß die Helen sein, wenn sie sich mit diesem Menschen einläßt.
_Hans Karl._ Weißt du, ich habe mir abgewöhnt, aus irgendeiner Handlung von Frauen Folgerungen auf ihren Zustand zu ziehen.
_Stani._ Nicht, daß ich eifersüchtig wäre; aber mir eine Person wie die Helen -- als Frau dieses Neuhoff zu denken, das ist für mich eine derartige Unbegreiflichkeit -- die Idee ist mir einfach unfaßlich -- ich muß sofort mit der Mamu davon sprechen.
_Hans Karl_ $(lächelnd)$. Ja, tu das, Stani. --
_Stani_ $(ab)$.
Vierzehnte Szene
_Lukas_ $(tritt ein)$. Ich fürchte, das Telephon war hereingestellt.
_Hans Karl._ Ich will das nicht.
_Lukas._ Sehr wohl, Euer Erlaucht. Der neue Diener muß es umgestellt haben, ohne daß ich's bemerkt habe. Er hat überall die Hände und die Ohren, wo er sie nicht haben soll.
_Hans Karl._ Morgen um sieben Uhr früh expedieren.
_Lukas._ Sehr wohl. Der Diener vom Herrn Grafen Hechingen war am Telephon. Der Herr Graf möchten selbst gern sprechen wegen heute abend: ob Erlaucht in die Soiree zu Graf Altenwyl gehen oder nicht. Nämlich, weil die Frau Gräfin auch dort sein wird.
_Hans Karl._ Rufen Sie jetzt bei Graf Altenwyl an und sagen Sie, ich habe mich freigemacht, lasse um Erlaubnis bitten, trotz meiner Absage doch zu erscheinen. Und dann verbinden Sie mich mit dem Grafen Hechingen, ich werde selbst sprechen. Und bitten Sie indes die Kammerfrau, hereinzukommen.
_Lukas._ Sehr wohl. $(Geht ab, Agathe herein.)$
Fünfzehnte Szene
_Hans Karl_ $(nimmt das Paket mit den Briefen)$. Hier sind die Briefe. Sagen Sie der Frau Gräfin, daß ich mich von diesen Briefen darum trennen kann, weil die Erinnerung an das Schöne für mich unzerstörbar ist: ich werde sie nicht in einem Brief finden, sondern überall.
_Agathe._ Oh, ich küss' die Hand! Ich bin ja so glücklich. Jetzt weiß ich, daß meine Frau Gräfin unsern Herrn Grafen bald wiedersehen wird.
_Hans Karl._ Sie wird mich heut' abend sehen. Ich werde auf die Soiree kommen.
_Agathe._ Und dürften wir hoffen, daß sie -- daß derjenige, der ihr entgegentritt, der gleiche sein wird wie immer?
_Hans Karl._ Sie hat keinen besseren Freund.
_Agathe._ Oh, ich küss' die Hand.
_Hans Karl._ Sie hat nur zwei wahre Freunde auf der Welt: mich und ihren Mann.
_Agathe._ Oh, mein Gott, das will ich nicht hören. Oh Gott, oh Gott, das Unglück, daß sich unser Herr Graf mit dem Grafen Hechingen befreundet hat. Meiner Frau Gräfin bleibt wirklich nichts erspart.
_Hans Karl_ $(geht nervös ein paar Schritte von ihr weg)$. Ja, ahnen denn die Frauen so wenig, was ein Mann ist?! Und wer sie wirklich lieb hat!
_Agathe._ Oh, nur das nicht. Wir lassen uns ja von Euer Erlaucht alles einreden, aber das nicht, das ist zu viel!
_Hans Karl_ $(auf und ab)$. Also nicht. Nicht helfen können! Nicht so viel! $(Pause.)$
_Agathe_ $(schüchtern und an ihn herantretend)$. Oder versuchen Sie's doch. Aber nicht durch mich: für eine solche Botschaft bin ich zu ungebildet. Da hätte ich nicht die richtigen Ausdrücke. Und auch nicht brieflich. Das gibt nur Mißverständnisse. Aber Aug' in Aug': ja, gewiß! Da werden Sie schon was ausrichten! Was sollen Sie bei meiner Frau Gräfin nicht ausrichten! Nicht vielleicht beim erstenmal. Aber wiederholt -- wenn Sie ihr recht eindringlich ins Gewissen reden -- wie sollte sie Ihnen denn da widerstehen können? $(Das Telephon läutet wieder.)$
_Hans Karl_ $(geht ans Telephon und spricht hinein)$. Ja, ich bin es selbst. Hier. Ja, ich bin am Apparat. Ich bleibe. Graf Bühl. Ja, selbst.
_Agathe._ Ich küss' die Hand. $(Geht schnell ab, durch die Mitteltür.)$
_Hans Karl_ $(am Telephon)$. Hechingen, guten Abend! Ja, ich hab's mir überlegt. Ich habe zugesagt. Ich werde Gelegenheit nehmen. Gewiß. Ja, das hat mich bewogen, hinzugehen. Gerade auf einer Soiree, da ich nicht Bridge spiele und deine Frau, wie ich glaube, auch nicht. Kein Anlaß. Auch dazu ist kein Anlaß. Zu deinem Pessimismus. Zu deinem Pessimismus! Du verstehst nicht? Zu deiner Traurigkeit ist kein Anlaß. Absolut bekämpfen! Allein? Also die berühmte Flasche Champagner. Ich bringe bestimmt das Resultat vor Mitternacht. Übertriebene Hoffnungen natürlich auch nicht. Du weißt, daß ich das Mögliche versuchen werde. Es entspricht doch auch meiner Empfindung. Es entspricht meiner Empfindung! Wie? Gestört? Ich habe gesagt: Es entspricht meiner Empfindung. Empfindung! Eine ganz gleichgültige Phrase! Keine Frage, eine Phrase! Ich habe eine gleichgültige Phrase gesagt! Welche? Es entspricht meiner Empfindung. Nein, ich nenne es nur eine gleichgültige Phrase, weil du es so lange nicht verstanden hast. Ja. Ja. Ja! Adieu. Schluß! $(Läutet.)$ Es gibt Menschen, mit denen sich alles kompliziert, und dabei ist das so ein exzellenter Kerl!
Sechzehnte Szene
_Stani_ $(aufs neue in der Mitteltür)$. Ist es sehr unbescheiden, Onkel Kari?
_Hans Karl._ Aber bitte, ich bin zur Verfügung.
_Stani_ $(vorne bei ihm)$. Ich muß dir melden, Onkel Kari, daß ich inzwischen eine Konversation mit der Mamu gehabt habe und zu einem Resultat gekommen bin.
_Hans Karl_ $(sieht ihn an)$.
_Stani._ Ich werde mich mit der Helen Altenwyl verloben.
_Hans Karl._ Du wirst dich ...
_Stani._ Ja, ich bin entschlossen, die Helen zu heiraten. Nicht heute und nicht morgen, aber in der allernächsten Zeit. Ich habe alles durchgedacht. Auf der Stiege von hier bis in den zweiten Stock hinauf. Wie ich zur Mamu in den zweiten Stock gekommen bin, war alles fix und fertig. Weißt du, die Idee ist mir plötzlich gekommen, wie ich bemerkt hab', du interessierst dich nicht für die Helen.
_Hans Karl._ Aha.
_Stani._ Begreifst du? Es war so eine Idee von der Mamu. Sie behauptet, man weiß nie, woran man mit dir ist -- am Ende hättest du doch daran gedacht, die Helen zu nehmen -- und du bist doch für die Mamu immer der Familienchef, ihr Herz ist halt ganz Bühlisch.
_Hans Karl_ $(halb abgewandt)$. Die gute Crescence!
_Stani._ Aber ich hab' immer widersprochen. Ich verstehe ja jede Nuance von dir. Ich hab' von jeher gefühlt, daß von einem Interesse für die Helen bei dir nicht die Idee sein kann.
_Hans Karl_ $(dreht sich plötzlich zu ihm um)$. Und deine Mutter?
_Stani._ Die Mamu?
_Hans Karl._ Ja, wie hat sie es aufgefaßt?
_Stani._ Feuer und Flamme natürlich. Sie hat ein ganz rotes Gesicht bekommen vor Freude. Wundert dich das, Onkel Kari?
_Hans Karl._ Nur ein bißl, nur eine Idee -- ich hab' immer den Eindruck gehabt, daß deine Mutter einen bestimmten Gedanken hat in bezug auf die Helen.
_Stani._ Eine Aversion?
_Hans Karl._ Gar nicht. Nur eine Ansicht. Eine Vermutung.
_Stani._ Früher, die früheren Jahre?
_Hans Karl._ Nein, vor einer halben Stunde.
_Stani._ In welcher Richtung? Aber die Mamu ist ja so eine Windfahn'! Das vergißt sie ja im Moment. Vor einem Entschluß von mir, da ist sie sofort auf den Knien. Da spürt sie den Mann. Sie adoriert das fait accompli.
_Hans Karl._ Also, du hast dich entschlossen? --
_Stani._ Ja, ich bin entschlossen.
_Hans Karl._ So auf eins, zwei!
_Stani._ Das ist doch genau das, worauf es ankommt. Das imponiert ja den Frauen so enorm an mir. Dadurch eben behalte ich immer die Führung in der Hand.
_Hans Karl_ $(raucht)$.
_Stani._ Siehst du, du hast vielleicht früher auch einmal daran gedacht, die Helen zu heiraten ...
_Hans Karl._ Gott, vor Jahren vielleicht. In irgendeinem Moment, wie man an tausend Sachen denkt.
_Stani._ Begreifst du? Ich hab' nie daran gedacht! Aber im Augenblick, wo ich es denke, bring' ich es auch zu Ende. -- Du bist verstimmt?
_Hans Karl._ Ich habe ganz unwillkürlich einen Moment an die Antoinette denken müssen.
_Stani._ Aber jede Sache auf der Welt muß doch ihr Ende haben.
_Hans Karl._ Natürlich. Und das beschäftigt dich gar nicht, ob die Helen frei ist? Sie scheint doch zum Beispiel diesem Neuhoff Hoffnungen gegeben zu haben.
_Stani._ Das ist ja genau mein Kalkul. Über Hoffnungen, die sich der Herr v. Neuhoff macht, gehe ich einfach hinweg. Und daß für die Helen ein Theophil Neuhoff überhaupt in Frage kommen kann, das beweist doch gerade, daß eine ernste Okkupation bei ihr nicht vorhanden ist. Solche Komplikationen statuier ich nicht. Das sind Launen, oder sagen wir das Wort: Verirrungen.
_Hans Karl._ Sie ist schwer zu kennen.
_Stani._ Aber ich kenn' doch ihr Genre. In letzter Linie kann die sich für keinen Typ von Männern interessieren als für den unsrigen; alles andere ist eine Verirrung. Du bist so still, hast du dein Kopfweh?
_Hans Karl._ Aber gar nicht. Ich bewundere deinen Mut.
_Stani._ Du und Mut und bewundern?
_Hans Karl._ Das ist eine andere Art von Mut als der im Graben.
_Stani._ Ja, ich versteh' dich ja so gut, Onkel Kari. Du denkst an die Chancen, die ich sonst noch im Leben gehabt hätte. Du hast das Gefühl, daß ich mich vielleicht zu billig weggeb'. Aber siehst du, da bin ich wieder ganz anders: ich liebe das Vernünftige und Definitive. Du, Onkel Kari, bist au fond, verzeih', daß ich es heraussage, ein Idealist: deine Gedanken gehen auf das Absolute, auf das Vollkommene. Das ist ja sehr elegant gedacht, aber unrealisierbar. Au fond bist du da wie die Mamu; der ist nichts gut genug für mich. Ich habe die Sache durchgedacht, wie sie ist. Die Helen ist ein Jahr jünger wie ich.
_Hans Karl._ Ein Jahr?
_Stani._ Sie ist ausgezeichnet geboren.
_Hans Karl._ Man kann nicht besser sein.
_Stani._ Sie ist elegant.
_Hans Karl._ Sehr elegant.
_Stani._ Sie ist reich.
_Hans Karl._ Und vor allem so hübsch.
_Stani._ Sie hat Rasse.
_Hans Karl._ Ohne Vergleich.
_Stani._ Bitte, vor allem in den zwei Punkten, auf die in der Ehe alles ankommt. Primo: sie kann nicht lügen, secundo: sie hat die besten Manieren von der Welt.
_Hans Karl._ Sie ist so delizios artig, wie sonst nur alte Frauen sind.
_Stani._ Sie ist gescheit wie der Tag.
_Hans Karl._ Wem sagst du das? Ich hab' ihre Konversation so gern.
_Stani._ Und sie wird mich mit der Zeit adorieren.
_Hans Karl_ $(vor sich, unwillkürlich)$. Auch das ist möglich.
_Stani._ Aber nicht möglich. Ganz bestimmt. Bei diesem Genre von Frauen bringt das die Ehe mit sich. In der Liaison hängt alles von Umständen ab, da sind Bizarrerien möglich, Täuschungen, Gott weiß was. In der Ehe beruht alles auf der Dauer; auf die Dauer nimmt jeder die Qualität des andern derart in sich auf, daß von einer wirklichen Differenz nicht mehr die Rede sein kann: unter der einen Voraussetzung, daß die Ehe aus dem richtigen Entschluß hervorgeht. Das ist der Sinn der Ehe.
Siebzehnte Szene
_Lukas_ $(eintretend)$. Frau Gräfin Freudenberg.
_Crescence_ $(an Lukas vorbei, tritt schnell ein)$. Also, was sagt er mir zu dem Buben, Kari? Ich bin ja überglücklich. Gratulier' er mir doch!
_Hans Karl_ $(ein wenig abwesend)$. Meine gute Crescence. Ich wünsch' den allergrößten Erfolg.
_Stani_ $(empfiehlt sich stumm)$.
_Crescence._ Schick' er mir das Auto retour.
_Stani._ Bitte, zu verfügen. Ich gehe zu Fuß. $(Geht.)$
Achtzehnte Szene
_Crescence._ Der Erfolg wird sehr stark von dir abhängen.
_Hans Karl._ Von mir? Ihm steht's doch auf der Stirne geschrieben, daß er erreicht, was er sich vornimmt.
_Crescence._ Für die Helen ist dein Urteil alles.
_Hans Karl._ Wieso Crescence, inwiefern?
_Crescence._ Für den Vater Altenwyl natürlich noch mehr. Der Stani ist eine sehr nette Partie, aber nicht epatant. Darüber mach' ich mir keine Illusionen. Aber wenn er ihn appuiiert, Kari, ein Wort von ihm hat gerade für die alten Leut' so viel Gewicht. Ich weiß gar nicht, woran das liegt.
_Hans Karl._ Ich gehör' halt selbst schon bald zu ihnen.
_Crescence._ Kokettier' er nicht mit seinem Alter. Wir zwei sind nicht alt und nicht jung. Aber ich hasse schiefe Positionen. Ich möcht' schon lieber mit grauem Haar und einer Hornbrille dasitzen.
_Hans Karl._ Darum legt sie sich zeitig aufs Heiratstiften.
_Crescence._ Ich habe immer für ihn tun wollen, Kari, schon vor zwölf Jahren. Aber er hat immer diesen stillen obstinaten Widerspruch in sich gehabt.
_Hans Karl._ Meine gute Crescence!
_Crescence._ Hundertmal hab' ich ihm gesagt: sag' er mir, was er erreichen will, und ich nehm's in die Hand.
_Hans Karl._ Ja, das hat sie mir oft gesagt, weiß Gott, Crescence.
_Crescence._ Aber man hat ja bei ihm nicht gewußt, woran man ist!
_Hans Karl_ $(nickt)$.
_Crescence._ Und jetzt macht halt der Stani, was er nicht hat machen wollen. Ich kann gar nicht erwarten, daß wieder kleine Kinder in Hohenbühl und in Göllersdorf herumlaufen.
_Hans Karl._ Und in den Schloßteich fallen! Weiß sie noch, wie sie mich halbtot herausgezogen haben? Weiß sie -- ich hab' manchmal die Idee, daß gar nichts Neues auf der Welt passiert.
_Crescence._ Wie meint er das?
_Hans Karl._ Das alles schon längst irgendwo fertig dasteht und nur auf einmal erst sichtbar wird. Weißt du, wie im Hohenbühler Teich, wenn man im Herbst das Wasser abgelassen hat, auf einmal die Karpfen und die Schweife von den steinernen Tritonen da waren, die man früher kaum gesehen hat? Eine burleske Idee, was!
_Crescence._ Ist er denn auf einmal schlecht aufgelegt, Kari?
_Hans Karl_ $(gibt sich einen Ruck)$. Im Gegenteil, Crescence. Ich danke euch so sehr, als ich nur kann, ihr und dem Stani, für das gute Tempo, das ihr mir gebt mit eurer Frische und eurer Entschiedenheit. $(Er küßt ihr die Hand.)$
_Crescence._ Findet er, daß ihm das gut tut, uns in der Nähe zu haben?