Der Schwierige: Lustspiel in drei Akten

Part 2

Chapter 23,553 wordsPublic domain

_Hans Karl_ $(sehr höflich, aber mit dem Wunsche, ein Ende zu machen)$. Ich fürchte, ich habe die gewünschten Briefe nicht hier in meinem Schreibtisch, ich werde gleich meinen Sekretär rufen.

_Agathe._ Oh Gott, in der Hand eines Sekretärs sind diese Briefe! Das dürfte meine Frau Gräfin nie erfahren!

_Hans Karl._ Die Briefe sind natürlich eingesiegelt.

_Agathe._ Eingesiegelt! So weit ist es schon gekommen?

_Hans Karl_ $(spricht ins Telephon)$. Lieber Neugebauer, wenn Sie für einen Augenblick herüberkommen würden! Ja, ich bin jetzt frei -- aber ohne die Akten -- es handelt sich um etwas anderes. Augenblicklich? Nein, rechnen Sie nur zu Ende. In drei Minuten, das genügt.

_Agathe._ Er darf mich nicht sehen, er kennt mich von früher!

_Hans Karl._ Sie können in die Bibliothek treten, ich mach' Ihnen Licht.

_Agathe._ Wie hätten wir uns denn das denken können, daß alles auf einmal vorbei ist.

_Hans Karl_ $(im Begriff, sie hinüberzuführen, bleibt stehen, runzelt die Stirn)$. Liebe Agathe, da Sie ja von allem informiert sind -- ich verstehe nicht ganz, ich habe ja doch der Frau Gräfin aus dem Feldspital einen langen Brief geschrieben, dieses Frühjahr.

_Agathe._ Ja, den abscheulichen Brief.

_Hans Karl._ Ich verstehe Sie nicht. Es war ein sehr freundschaftlicher Brief.

_Agathe._ Das war ein perfider Brief. So gezittert haben wir, als wir ihn gelesen haben, diesen Brief. Erbittert waren wir und gedemütigt!

_Hans Karl._ Ja, worüber denn, ich bitt' Sie um alles!

_Agathe_ $(sieht ihn an)$. Darüber, daß Sie darin den Grafen Hechingen so herausgestrichen haben -- und gesagt haben, auf die Letzt ist ein Mann wie der andere, und ein jeder kann zum Ersatz für einen jeden genommen werden.

_Hans Karl._ Aber so habe ich mich doch gar nicht ausgedrückt. Das waren doch niemals meine Gedanken!

_Agathe._ Aber das war der Sinn davon. Ah, wir haben den Brief oft und oft gelesen! Das, hat meine Frau Gräfin ausgerufen, das ist also das Resultat der Sternennächte und des einsamen Nachdenkens, dieser Brief, wo er mir mit dünnen Worten sagt: ein Mann ist wie der andere, unsere Liebe war nur eine Einbildung, vergiß mich, nimm wieder den Hechingen --

_Hans Karl._ Aber nichts von allen diesen Worten ist in dem Brief gestanden.

_Agathe._ Auf die Worte kommt's nicht an. Aber den Sinn haben wir gut herausbekommen. Diesen demütigenden Sinn, diese erniedrigenden Folgerungen. Oh, das wissen wir genau. Dieses Sichselbsterniedrigen ist eine perfide Kunst. Wo der Mann sich anklagt in einer Liebschaft, da klagt er die Liebschaft an. Und im Handumdrehen sind wir die Angeklagten.

_Hans Karl_ $(schweigt)$.

_Agathe_ $(einen Schritt näher tretend)$. Ich habe gekämpft für unsern Herrn Grafen, wie meine Frau Gräfin gesagt hat: Agathe, du wirst es sehen, er will die Komtesse Altenwyl heiraten, und nur darum will er meine Ehe wieder zusammenleimen.

_Hans Karl._ Das hat die Frau Gräfin mir zugemutet?

_Agathe._ Das waren ihre bösesten Stunden, wenn sie über dem gegrübelt hat. Dann ist wieder ein Hoffnungsstrahl gekommen. Nein, vor der Helen, hat sie dann gerufen, nein, vor der fürcht' ich mich nicht -- denn die lauft ihm nach; und wenn dem Kari eine nachlauft, die ist bei ihm schon verloren, und sie verdient ihn auch nicht, denn sie hat kein Herz.

_Hans Karl_ $(richtet etwas)$. Wenn ich Sie überzeugen könnte --

_Agathe._ Aber dann wieder plötzlich die Angst --

_Hans Karl._ Wie fern mir das alles liegt --

_Agathe._ Oh Gott, ruft sie aus, er war noch nirgends! Wenn das bedeutungsvoll sein sollte --

_Hans Karl._ Wie fern mir das alles liegt!

_Agathe._ Wenn er vor meinen Augen sich mit ihr verlobt --

_Hans Karl._ Wie kann nur die Frau Gräfin --

_Agathe._ Oh, so etwas tun Männer, aber Sie tun's nicht, nicht wahr, Erlaucht?

_Hans Karl._ Es liegt mir nichts in der Welt ferner, meine liebe Agathe.

_Agathe._ Oh, küss' die Hände, Erlaucht! $(Küßt ihm schnell die Hand.)$

_Hans Karl_ $(entzieht ihr die Hand)$. Ich höre meinen Sekretär kommen.

_Agathe._ Denn wir wissen ja, wir Frauen, daß so etwas Schönes nicht für die Ewigkeit ist. Aber, daß es deswegen auf einmal plötzlich aufhören soll, in das können wir uns nicht hineinfinden!

_Hans Karl._ Sie sehen mich dann. Ich gebe Ihnen selbst die Briefe und -- Herein! Kommen Sie nur, Neugebauer.

_Agathe_ $(rechts ab)$.

Siebente Szene

_Neugebauer_ $(tritt ein)$. Euer Erlaucht haben befohlen.

_Hans Karl._ Wenn Sie die Freundlichkeit hätten, meinem Gedächtnis etwas zu Hilfe zu kommen. Ich suche ein Paket Briefe -- es sind private Briefe, versiegelt -- ungefähr zwei Finger dick.

_Neugebauer._ Mit einem von Euer Erlaucht darauf geschriebenen Datum? Juni 15 bis 22. Oktober 16?

_Hans Karl._ Ganz richtig. Sie wissen --

_Neugebauer._ Ich habe dieses Konvolut unter den Händen gehabt, aber ich kann mich im Moment nicht besinnen. Im Drang der Geschäfte unter so verschiedenartigen Agenden, die täglich zunehmen --

_Hans Karl_ $(ganz ohne Vorwurf)$. Es ist mir unbegreiflich, wie diese ganz privaten Briefe unter die Akten geraten sein können --

_Neugebauer._ Wenn ich befürchten müßte, daß Euer Erlaucht den leisesten Zweifel in meine Diskretion setzen --

_Hans Karl._ Aber das ist mir ja gar nicht eingefallen.

_Neugebauer._ Ich bitte, mich sofort nachsuchen zu lassen; ich werde alle meine Kräfte daransetzen, dieses höchst bedauerliche Vorkommnis aufzuklären.

_Hans Karl._ Mein lieber Neugebauer, Sie legen dem ganzen Vorfall viel zu viel Gewicht bei.

_Neugebauer._ Ich habe schon seit einiger Zeit die Bemerkung gemacht, daß etwas an mir neuerdings Euer Erlaucht zur Ungeduld reizt. Allerdings war mein Bildungsgang ganz auf das Innere gerichtet, und wenn ich dabei vielleicht keine tadellosen Salonmanieren erworben habe, so wird dieser Mangel vielleicht in den Augen eines wohlwollenden Beurteilers aufgewogen werden können durch Qualitäten, die persönlich hervorheben zu müssen meinem Charakter allerdings nicht leicht fallen würde.

_Hans Karl._ Ich zweifle keinen Augenblick, lieber Neugebauer. Sie machen mir den Eindruck, überanstrengt zu sein. Ich möchte Sie bitten, sich abends etwas früher freizumachen. Machen Sie doch jeden Abend einen Spaziergang mit ihrer Braut.

_Neugebauer_ $(schweigt)$.

_Hans Karl._ Falls es private Sorgen sind, die Sie irritieren, vielleicht könnte ich in irgendeiner Beziehung erleichternd eingreifen.

_Neugebauer._ Euer Erlaucht nehmen an, daß es sich bei unsereinem ausschließlich um das Materielle handeln könnte.

_Hans Karl._ Ich habe gar nichts solches sagen wollen. Ich weiß, Sie sind Bräutigam, also gewiß glücklich ...

_Neugebauer._ Ich weiß nicht, ob Euer Erlaucht auf die Beschließerin von Schloß Hohenbühl anspielen?

_Hans Karl._ Ja, mit der Sie doch seit fünf Jahren verlobt sind.

_Neugebauer._ Meine gegenwärtige Verlobte ist die Tochter eines höheren Beamten. Sie war die Braut meines besten Freundes, der vor einem halben Jahr gefallen ist. Schon bei Lebzeiten ihres Verlobten bin ich ihrem Herzen nahe gestanden -- und ich habe es als ein heiliges Vermächtnis des Gefallenen betrachtet, diesem jungen Mädchen eine Stütze fürs Leben zu bieten.

_Hans Karl_ $(zögernd)$. Und die frühere langjährige Beziehung?

_Neugebauer._ Die habe ich natürlich gelöst. Selbstverständlich in der vornehmsten und gewissenhaftesten Weise.

_Hans Karl._ Ah!

_Neugebauer._ Ich werde natürlich allen nach dieser Seite hin eingegangenen Verpflichtungen nachkommen und diese Last schon in die junge Ehe mitbringen. Allerdings keine Kleinigkeit.

_Hans Karl_ $(schweigt)$.

_Neugebauer._ Vielleicht ermessen Euer Erlaucht doch nicht zur Genüge, mit welchem bitteren, sittlichen Ernst das Leben in unsern glanzlosen Sphären behaftet ist, und wie es sich hier nur darum handeln kann, für schwere Aufgaben noch schwerere einzutauschen.

_Hans Karl._ Ich habe gemeint, wenn man heiratet, so freut man sich darauf.

_Neugebauer._ Der persönliche Standpunkt kann in unserer bescheidenen Welt nicht maßgebend sein.

_Hans Karl._ Gewiß, gewiß. Also Sie werden mir die Briefe möglichst finden.

_Neugebauer._ Ich werde nachforschen, und wenn es sein müßte, bis Mitternacht. $(Ab.)$

_Hans Karl_ $(vor sich)$. Was ich nur an mir habe, daß alle Menschen so tentiert sind, mir eine Lektion zu erteilen, und daß ich nie ganz bestimmt weiß, ob sie nicht das Recht dazu haben.

Achte Szene

_Stani_ $(steht in der Mitteltür, im Frack)$. Pardon, nur um dir guten Abend zu sagen, Onkel Kari, wenn man dich nicht stört.

_Hans Karl_ $(war nach rechts gegangen, bleibt jedoch stehen)$. Aber gar nicht. $(Bietet ihm Platz an und eine Zigarette)$.

_Stani_ $(nimmt die Zigarette)$. Aber natürlich chipotierts dich, wenn man unangemeldet hereinkommt. Darin bist du ganz wie ich. Ich hass' es auch, wenn man mir die Tür einrennt. Ich will immer zuerst meine Ideen ein bißl ordnen.

_Hans Karl._ Ich bitte, genier' dich nicht, du bist doch zu Hause.

_Stani._ Oh pardon, ich bin bei dir ...

_Hans Karl._ Setz dich doch.

_Stani._ Nein wirklich, ich hätte nie gewagt, wenn ich nicht so deutlich die krähende Stimm' vom Neugebauer ...

_Hans Karl._ Er ist im Moment gegangen.

_Stani._ Sonst wäre ich ja nie ... nämlich der neue Diener lauft mir vor fünf Minuten im Korridor nach und meldet mir, notabene ungefragt, du hättest die Jungfer von der Antoinette Hechingen bei dir und wärest schwerlich zu sprechen.

_Hans Karl_ $(halblaut)$. Ah, das hat er dir ... ein reizender Mann!

_Stani._ Da wäre ich ja natürlich unter keinen Umständen ...

_Hans Karl._ Sie hat ein paar Bücher zurückgebracht.

_Stani._ Die Toinette Hechingen liest Bücher?

_Hans Karl._ Es scheint. Ein paar alte französische Sachen.

_Stani._ Aus dem XVIII. Das paßt zu ihren Möbeln.

_Hans Karl_ $(schweigt)$.

_Stani._ Das Boudoir ist scharmant. Die kleine Chaiselongue! Sie ist signiert.

_Hans Karl._ Ja, die kleine Chaiselongue. Riesener.

_Stani._ Ja, Riesener. Was du für ein Namensgedächtnis hast! Unten ist die Signatur.

_Hans Karl._ Ja, unten am Fußende.

_Stani._ Sie verliert immer ihre kleinen Kämme aus den Haaren, und wenn man sich dann bückt, um die zusammenzusuchen, dann sieht man die Inschrift.

_Hans Karl_ $(geht nach rechts hinüber und schließt die Tür nach der Bibliothek)$.

_Stani._ Zieht's dir, bist du empfindlich?

_Hans Karl._ Ja, meine Schützen und ich, wir sind da draußen rheumatisch geworden wie die alten Jagdhunde.

_Stani._ Weißt du, sie spricht scharmant von dir, die Antoinette.

_Hans Karl_ $(raucht)$. Ah!...

_Stani._ Nein, ohne Vergleich. Ich verdanke den Anfang meiner Chance bei ihr ganz gewiß dem Umstand, daß sie mich so fabelhaft ähnlich mit dir findet. Zum Beispiel unsere Hände. Sie ist in Ekstase vor deinen Händen. $(Er sieht seine eigene Hand an.)$ Aber bitte, erwähn' nichts von allem gegen die Mamu. Es ist halt ein weitgehender Flirt, aber deswegen doch keine Bandelei. Aber die Mamu übertreibt sich alles.

_Hans Karl._ Aber mein guter Stani, wie käme ich denn auf das Thema?

_Stani._ Allmählich ist sie natürlich auch auf die Unterschiede zwischen uns gekommen. Ça va sans dire.

_Hans Karl._ Die Antoinette?

_Stani._ Sie hat mir geschildert, wie der Anfang eurer Freundschaft war.

_Hans Karl._ Ich kenne sie ja ewig lang.

_Stani._ Nein, aber das vor zwei Jahren. Im zweiten Kriegsjahr. Wie du nach der ersten Verwundung auf Urlaub warst, die paar Tage in der Grünleiten.

_Hans Karl._ Datiert sie von daher unsere Freundschaft?

_Stani._ Natürlich. Seit damals bist du ihr großer Freund. Als Ratgeber, als Vertrauter, als was du willst, einfach hors ligne. Du hättest dich benommen wie ein Engel.

_Hans Karl._ Sie übertreibt sehr leicht, die gute Antoinette.

_Stani._ Aber sie hat mir ja haarklein erzählt, wie sie aus Angst vor dem Alleinsein in der Grünleiten mit ihrem Mann, der gerade auch auf Urlaub war, sich den Feri Uhlfeldt, der damals wie der Teufel hinter ihr her war, auf den nächsten Tag hinausbestellt, wie sie dann dich am Abend vorher im Theater sieht und es wie eine Inspiration über sie kommt, sie dich bittet, du solltest noch abends mit ihr hinausfahren und den Abend mit ihr und dem Adolf zu dritt verbringen.

_Hans Karl._ Damals hab' ich ihn noch kaum gekannt.

_Stani._ Ja das entre parenthèse, das begreift sie gar nicht! Daß du dich später mit ihm hast so einlassen können. Mit diesem öden Dummkopf, diesem Pedanten.

_Hans Karl._ Da tut sie ihrem Mann unrecht, sehr!

_Stani._ Na, da will ich mich nicht einmischen. Aber sie erzählt das reizend.

_Hans Karl._ Das ist ja ihre Stärke, diese kleinen Konfidenzen.

_Stani._ Ja, damit fangt sie an. Diesen ganzen Abend, ich sehe ihn vor mir, wie sie dann nach dem Souper dir den Garten zeigt, die reizenden Terrassen am Fluß, wie der Mond aufgeht ...

_Hans Karl._ Ah, so genau hat sie dir das erzählt.

_Stani._ Und wie du in der einen nächtlichen Konversation die Kraft gehabt hast, ihr den Feri Uhlfeldt vollkommen auszureden.

_Hans Karl_ $(raucht und schweigt)$.

_Stani._ Das bewundere ich ja so an dir: du redest wenig, bist so zerstreut und wirkst so stark. Deswegen find ich auch ganz natürlich, worüber sich so viele Leut den Mund zerreißen: daß du im Herrenhaus seit anderthalb Jahren deinen Sitz eingenommen hast, aber nie das Wort ergreifst. Vollkommen in der Ordnung ist das für einen Herrn wie du bist! Ein solcher Herr spricht eben durch seine Person! Oh, ich studier dich. In ein paar Jahren hab ich das. Jetzt hab ich noch zuviel Passion in mir. Du gehst nie auf die Sache aus und hast so gar keine Suada, das ist gerade das Elegante an dir. Jeder andere wäre in dieser Situation ihr Liebhaber geworden.

_Hans Karl_ $(mit einem nur in den Augen merklichen Lächeln)$. Glaubst du?

_Stani._ Unbedingt. Aber ich versteh natürlich sehr gut: in deinen Jahren bist du zu seriös dafür. Es tentiert dich nicht mehr: so leg ich mir's zurecht. Weißt du, das liegt so in mir: ich denk über alles nach. Wenn ich Zeit gehabt hätt', auf der Universität zu bleiben -- für mich: Wissenschaft, das wäre mein Fach gewesen. Ich wäre auf Sachen, auf Probleme gekommen, auf Fragestellungen, an die andere Menschen gar nicht streifen. Für mich ist das Leben ohne Nachdenken kein Leben. Zum Beispiel: Weiß man das auf einmal, so auf einen Ruck: Jetzt bin ich kein junger Herr mehr? -- Das muß ein sehr unangenehmer Moment sein.

_Hans Karl._ Weißt du, ich glaub', es kommt ganz allmählich. Wenn einem auf einmal der andere bei der Tür vorausgehen läßt und du merkst dann: ja, natürlich, er ist viel jünger, obwohl er auch schon ein erwachsener Mensch ist.

_Stani._ Sehr interessant. Wie du alles gut beobachtest. Darin bist du ganz wie ich. Und dann wird's einem so zur Gewohnheit, das Ältersein?

_Hans Karl._ Ja, es gibt aber immer noch gewisse Momente, die einen frappieren. Zum Beispiel, wenn man sich plötzlich klar wird, daß man nicht mehr glaubt, daß es Leute gibt, die einem alles erklären könnten.

_Stani._ Eines versteh' ich aber doch nicht, Onkel Kari, daß du mit dieser Reife und konserviert wie du bist, nicht heiratest.

_Hans Karl._ Jetzt.

_Stani._ Ja, eben jetzt. Denn der Mann, der kleine Abenteuer sucht, bist du doch nicht mehr. Weißt du, ich würde natürlich sofort begreifen, daß sich jede Frau heut' noch für dich interessiert. Aber die Toinette hat mir erklärt, warum ein Interesse für dich nie seriös wird.

_Hans Karl._ Ah!

_Stani._ Ja, sie hat viel darüber nachgedacht. Sie sagt: du fixierst nicht, weil du nicht genug Herz hast.

_Hans Karl._ Ah!

_Stani._ Ja, dir fehlt das Eigentliche. Das, sagt sie, ist der enorme Unterschied zwischen dir und mir. Sie sagt: du hast das Handgelenk immer geschmeidig, um loszulassen, das spürt eine Frau, und wenn sie selbst im Begriff gewesen wäre, sich in dich zu verlieben, so verhindert das die Kristallisation.

_Hans Karl._ Ah, so drückt sie sich aus?

_Stani._ Das ist ja ihr großer Charme, daß sie eine Konversation hat. Weißt du, das brauch' ich absolut: eine Frau, die mich fixieren soll, die muß außer ihrer absoluten Hingebung auch eine Konversation haben.

_Hans Karl._ Darin ist sie delizios.

_Stani._ Absolut. Das hat sie: Charme, Geist und Temperament, so wie sie etwas anderes nicht hat: nämlich Rasse.

_Hans Karl._ Du findest?

_Stani._ Weißt du, Onkel Kari, ich bin ja so gerecht; eine Frau kann hundertmal das Äußerste an gutem Willen für mich gehabt haben -- ich geb' ihr, was sie hat, und ich sehe unerbittlich, was sie nicht hat. Du verstehst mich: Ich denk' über alles nach, und mach' mir immer zwei Kategorien. Also die Frauen teile ich in zwei große Kategorien: die Geliebte und die Frau, die man heiratet. Die Antoinette gehört in die erste Kategorie, sie kann hundertmal die Frau vom Adolf Hechingen sein, für mich ist sie keine Frau, sondern -- das andere.

_Hans Karl._ Das ist ihr Genre, natürlich. Wenn man die Menschen so einteilen will.

_Stani._ Absolut. Darum ist es, in Parenthese, die größte Dummheit, sie mit ihrem Mann versöhnen zu wollen.

_Hans Karl._ Wenn er aber doch einmal ihr Mann ist? Verzeih', das ist vielleicht ein sehr spießbürgerlicher Gedanke.

_Stani._ Weißt du, verzeih' mir, ich mache mir meine Kategorien, und da bin ich dann absolut darin, ebenso über die Galanterie, ebenso über die Ehe. Die Ehe ist kein Experiment. Sie ist das Resultat eines richtigen Entschlusses.

_Hans Karl._ Von dem du natürlich weit entfernt bist.

_Stani._ Aber gar nicht. Augenblicklich bereit, ihn zu fassen.

_Hans Karl._ Im jetzigen Moment?

_Stani._ Ich finde mich außerordentlich geeignet, eine Frau glücklich zu machen, aber bitte, sag' das der Mamu nicht, ich will mir in allen Dingen meine volle Freiheit bewahren. Darin bin ich ja haarklein wie du. Ich vertrage nicht, daß man mich beengt.

_Hans Karl_ $(raucht)$.

_Stani_. Der Entschluß muß aus dem Moment hervorgehen. Gleich oder gar nicht, das ist meine Devise!

_Hans Karl._ Mich interessiert nichts auf der Welt so sehr, als wie man von einer Sache zur andern kommt. Du würdest also nie einen Entschluß vor dich hinschieben?

_Stani._ Nie, das ist die absolute Schwäche.

_Hans Karl._ Aber es gibt doch Komplikationen?

_Stani._ Die negiere ich.

_Hans Karl._ Beispielsweise sich kreuzende widersprechende Verpflichtungen.

_Stani._ Von denen hat man die Wahl, welche man lösen will.

_Hans Karl._ Aber man ist doch in dieser Wahl bisweilen sehr behindert.

_Stani._ Wieso?

_Hans Karl._ Sagen wir durch Selbstvorwürfe.

_Stani._ Das sind Hypochondrien. Ich bin vollkommen gesund. Ich war im Feld nicht einen Tag krank.

_Hans Karl._ Ah, du bist mit deinem Benehmen immer absolut zufrieden?

_Stani._ Ja, wenn ich das nicht wäre, so hätte ich mich doch anders benommen.

_Hans Karl_. Pardon, ich spreche nicht von Unkorrektheiten -- aber du läßt mit einem Wort den Zufall oder nennen wir's das Schicksal unbedenklich walten?

_Stani._ Wieso? Ich behalte immer alles in der Hand.

_Hans Karl._ Zeitweise ist man aber halt doch versucht, bei solchen Entscheidungen einen bizarren Begriff einzuschieben: den der höheren Notwendigkeit.

_Stani._ Was ich tue, ist eben notwendig, sonst würde ich es nicht tun.

_Hans Karl_ $(interessiert)$. Verzeih', wenn ich aus der aktuellen Wirklichkeit heraus exemplifiziere -- das schickt sich ja eigentlich nicht ...

_Stani._ Aber bitte ...

_Hans Karl._ Eine Situation würde dir, sagen wir, den Entschluß zur Heirat nahelegen.

_Stani._ Heute oder morgen.

_Hans Karl._ Nun bist du mit der Antoinette in dieser Weise immerhin befreundet.

_Stani._ Ich brouillier mich mit ihr, von heut' auf morgen!

_Hans Karl._ Ah! Ohne jeden Anlaß?

_Stani._ Aber der Anlaß liegt doch immer in der Luft. Bitte. Unsere Beziehung dauert seit dem Frühjahr. Seit sechs, sieben Wochen ist irgend etwas an der Antoinette, ich kann nicht sagen, was -- ein Verdacht wäre schon zuviel -- aber die bloße Idee, daß sie sich außer mit mir noch mit jemandem andern beschäftigen könnte, weißt du, darin bin ich absolut.

_Hans Karl._ Ah, ja.

_Stani._ Weißt du, das ist stärker als ich. Ich möchte es gar nicht Eifersucht nennen, es ist ein derartiges Nichtbegreifenkönnen, daß eine Frau, der ich mich attachiert habe, zugleich mit einem andern -- begreifst du?

_Hans Karl._ Aber die Antoinette ist doch so unschuldig, wenn sie etwas anstellt. Sie hat dann fast noch mehr Charme.

_Stani._ Da verstehe ich dich nicht.

Neunte Szene

_Neugebauer_ $(ist leise eingetreten)$. Hier sind die Briefe, Euer Erlaucht. Ich habe sie auf den ersten Griff ...

_Hans Karl._ Danke. Bitte, geben Sie mir sie.

_Neugebauer_ $(gibt ihm die Briefe)$.

_Hans Karl._ Danke.

_Neugebauer_ $(ab)$.

Zehnte Szene

_Hans Karl_ $(nach einer kleinen Pause)$. Weißt du, wen ich für den gebornen Ehemann halte?

_Stani._ Nun?

_Hans Karl._ Den Adolf Hechingen.

_Stani._ Der Antoinette ihren Mann? Hahaha! --

_Hans Karl._ Ich red' ganz im Ernst.

_Stani._ Aber Onkel Kari.

_Hans Karl._ In seinem Attachement an diese Frau ist eine höhere Notwendigkeit.

_Stani._ Der prädestinierte -- ich will nicht sagen was!

_Hans Karl._ Sein Schicksal geht mir nah'.

_Stani._ Für mich gehört er in eine Kategorie: der instinktlose Mensch. Weißt du, an wen er sich anhängt, wenn du nicht im Klub bist? An mich. Ausgerechnet an mich! Er hat einen Flair!

_Hans Karl._ Ich habe ihn gern.

_Stani._ Aber er ist doch unelegant bis über die Ohren.

_Hans Karl._ Aber ein innerlich vornehmer Mensch.

_Stani._ Ein uneleganter, schwerfälliger Kerl.

_Hans Karl._ Er braucht eine Flasche Champagner ins Blut.

_Stani._ Sag' das nie vor ihm, er nimmt's wörtlich. Ein uneleganter Mensch ist mir ein Greuel, wenn er getrunken hat.

_Hans Karl._ Ich hab' ihn gern.

_Stani._ Er nimmt alles wörtlich, auch deine Freundschaft für ihn.

_Hans Karl._ Aber er darf sie wörtlich nehmen.

_Stani._ Pardon, Onkel Kari, bei dir darf man nichts wörtlich nehmen, wenn man das tut, gehört man in die Kategorie: Instinktlos.

_Hans Karl._ Aber er ist ein so guter, vortrefflicher Mensch.

_Stani._ Meinetwegen, wenn du das von ihm sagst, aber das ist noch gar kein Grund, daß er immer von deiner Güte spricht. Das geht mir auf die Nerven. Ein eleganter Mensch hat Bonhomie, aber er ist kein guter Mensch. Pardon, sag' ich, der Onkel Kari ist ein großer Herr und darum auch ein großer Egoist, selbstverständlich. Du verzeihst.

_Hans Karl._ Es nützt nichts, ich hab' ihn gern.

_Stani._ Das ist eine Bizarrerie von dir! Du hast es doch nicht notwendig, bizarr zu sein! Du hast doch das Wunderbare, daß du mühelos das vorstellst, was du bist: ein großer Herr! Mühelos! Das ist der große Punkt. Der Mensch zweiter Kategorie bemüht sich unablässig. Bitte, da ist dieser Theophil Neuhoff, den man seit einem Jahr überall sieht. Was ist eine solche Existenz anderes als eine fortgesetzte jämmerliche Bemühung, ein Genre zu kopieren, das eben nicht sein Genre ist.

Elfte Szene

_Lukas_ $(kommt eilig)$. Darf ich fragen -- haben Euer Erlaucht Befehl gegeben, daß fremder Besuch vorgelassen wird?

_Hans Karl._ Aber absolut nicht. Was ist denn das?

_Lukas._ Da muß der neue Diener eine Konfusion gemacht haben. Eben wird vom Portier herauftelephoniert, daß Herr Baron Neuhoff auf der Treppe ist. Bitte, zu befehlen, was mit ihm geschehen soll.

_Stani._ Also, im Moment, wo wir von ihm sprechen. Das ist kein Zufall. Onkel Kari, dieser Mensch ist mein Guignon, und ich beschwöre sein Kommen herauf. Vor einer Woche bei der Helen, ich will ihr eben meine Ansicht über den Herrn v. Neuhoff sagen, im Moment steht der Neuhoff auf der Schwelle. Vor drei Tagen, ich geh' von der Antoinette weg -- im Vorzimmer steht der Herr v. Neuhoff. Gestern früh bei meiner Mutter, ich wollte dringend etwas mit ihr besprechen, im Vorzimmer find' ich den Herrn v. Neuhoff.

_Vinzenz_ $(tritt ein, meldet)$. Herr Baron Neuhoff sind im Vorzimmer.

_Hans Karl._ Jetzt muß ich ihn natürlich empfangen.

_Lukas_ $(winkt: eintreten lassen)$.

_Vinzenz_ $(öffnet die Flügeltür, läßt eintreten)$.

Zwölfte Szene

_Neuhoff_ $(tritt ein)$. Guten Abend, Graf Bühl. Ich war so unbescheiden, nachzusehen, ob Sie zu Hause wären.

_Hans Karl._ Sie kennen meinen Neffen Freudenberg?