Part 7
Über dem Dorf betreten wir den herrlichsten Hochwald mit seinen wunderbar gepflegten Wegen, die sich jeder Art von Bewegungsbedürfnis anpassen, vom kurz dauernden Gang ohne jede Steigung bis zur lohnendsten Hochwanderung, die stundenlang ausgedehnt werden kann. Von der Überfülle schöner Ausflugsziele mögen nur zwei genannt werden, der Sirnitzsattel (1072 ~m~) am Wege zum Belchen, der durch das felsen- und wasserfallreiche Klembachtal entweder auf neuer prachtvoll angelegter Kunststraße oder auf dem alten Wege längs des rauschenden Bergbaches erreicht werden kann, sodann der Gipfel des aussichtsreichen Blauen (1165 ~m~), auf den eine Fahrstraße und ein ganzes Labyrinth von prächtigen Fußpfaden führt.
Überaus lohnend ist auch das langsame und behagliche Schlendern durch die Vorbergzone, etwa nach Bürglen (667 ~m~), einer ehemaligen Propstei des Stiftes St. Blasien, und weiter nach dem freundlich gelegenen und ansehnlich gebauten Industriestädtchen Kandern, einst berühmt durch seine Hochöfen, welche die Bohnerze der Gegend verarbeiteten, jetzt durch seine Brezeln, seine Tonwarenfabriken und seine blühende Kunsttöpferei. Im Kandertal aufwärts liegt über dem freundlichen Dorfe Marzell (Abb. 41) die Lungenheilanstalt Friedrichsheim, das Tal hinab führt eine Nebenbahn an der malerischen Felslandschaft der Wolfsschlucht vorbei und durch mehrere schmucke Dörfer in der Richtung auf Basel.
Wie im Süden von Badenweiler, so haben wir auch im Norden dieses Kurortes einen reichen Wechsel von lieblichen Landschaftsbildern voll freundlicher Ortschaften in ihrem reichen Garten-, Obst- und Rebenschmuck mit ernsteren Wald- und Berggegenden, die vom Rande der Ebene bis zu den höchsten Kämmen des Gebirges ansteigen. Der Blick, den die Eisenbahnfahrt von Müllheim bis Freiburg auf den Schwarzwald gewährt, ist an manchen Stellen geradezu großartig, besonders von Heitersheim bis Krotzingen, wo die mächtige Kuppe des Belchen (1413 ~m~) gewaltig aufragt, mit dem südlich anstoßenden Horn des Hochkelch eine imponierende Berggestaltung. Zu diesen Höhen erschließen kurze und im oberen Teil steil ansteigende Täler prächtige Zugänge. So gelangen wir von Heitersheim mit seinem Deutschordensschloß aus dem Jahre 1524 nach dem eng zwischen die Berge geschobenen Sulzburg, einem alten Bergwerksstädtchen am Fuße des weinberühmten Kastelbergs, dessen Ruine vielfach als die eines Römerturmes angesehen worden ist. Etwas weiter oben im traulichen Waldtale liegt das Sulzburger Bad, für Ruhe- und Erholungsbedürftige wie geschaffen, aber auch ein Stützpunkt für Wanderungen nach allen Richtungen.
[Sidenote: Das Münstertal.]
Bei Krotzingen mündet das vom Neumagen durchströmte Münstertal in die Ebene; eine Nebenbahn, deren Verlängerung durch das reich gesegnete Hügelland nach Sulzburg führt, läßt uns in kurzer Fahrt das hübsche Städtchen Staufen erreichen, dessen Hauptstraße und Marktplatz einen malerisch-altertümlichen Eindruck machen. Vom rebenumpflanzten Schloßberg grüßt altes Gemäuer auf das frische Leben der Gegenwart herab. Die Aussicht, die sich uns oben erschließt, steht in nichts der von der Burg Badenweiler nach. Hinter Staufen ragt der Belchen in unmittelbarer Nähe dräuend auf, die Höhen-Differenz von mehr als 1100 ~m~ wirkt fast erschreckend (Abb. 42); aus anderen Mittelgebirgslandschaften läßt sich der Anblick mit dem der Schneekoppe vom Riesengrund aus vergleichen. Vor dem Fuße des Bergkolosses gabelt sich das Münstertal, dessen früherer Bergwerkssegen sich erschöpft zu haben scheint. Der eine Talast, Untermünstertal, führt zum Sattel am Haldenhof (931 ~m~), nicht weit von der Sirnitz, und dann ins Gebiet des mittleren Wiesentals; der andere, Obermünstertal, am alten Kloster St. Trudpert (Abb. 43, 44) vorbei zum mächtig aufragenden Porphyrfelsen des Scharfensteins (Abb. 45) und auf die Wiedener Eck (1137 ~m~), von wo ins obere Wiesental abgestiegen wird.
Rasch ist nun von Krotzingen ab Freiburg im Breisgau erreicht, die natürliche Hauptstadt des Schwarzwaldes. Auch diese Fahrtstrecke wird jeden befriedigen, der sich offenen Sinnes und frischer Genußfähigkeit erfreut. Denn die gartengleich angebaute, dicht besiedelte Landschaft, welcher die Ebene, sanft geböschte Lößhügel und kräftiger modellierte Vorberge stets wechselnde, aber immer schöne Züge verleihen, hat etwas unendlich Liebliches, am meisten in den Frühlingstagen der Obstbaumblütenpracht, wo besonders die anderwärts selteneren Pfirsichbäume mit ihrem entzückenden, zarten Rot ganz bezaubernd zur Geltung kommen.
VIII. Von der Donau zur Dreisam.
[Sidenote: Donaueschingen.]
Um auch die vierte Seite der Umrandung des südlichen Schwarzwaldes kennen zu lernen, begleiten wir von dem früher erwähnten Eisenbahn-Knotenpunkt Immendingen ab die windungsreiche Donau talaufwärts, treten bald aus dem Gebiete des Juradurchbruches in die Niederung des botanisch hochinteressanten Donauriedes und gelangen in kurzer Frist nach Donaueschingen (677 ~m~). Das ist eine in vielen Beziehungen höchst interessante, kleine Residenzstadt mit fast 4100 Einwohnern. Der Hofhalt der besonders in Böhmen begüterten Fürsten von Fürstenberg, die bis 1806 souverän waren und jetzt noch zwischen Bodensee, Feldberg und Kinziggebiet große Besitzungen haben, gibt dem Orte ein besonderes Ansehen (Abb. 46). Von dem furchtbaren Brand, der im August 1908 einen großen Teil der Stadt einäscherte, ist keine Spur mehr zu sehen. Schmucke Neubauten ersetzen aufs vorteilhafteste die ehemals viel unansehnlicheren Stadtteile. Der weit ausgedehnte Schloßpark mit seinen herrlichen Baumgruppen wird jeden Besucher entzücken, und keiner unterläßt es, an der hübsch gefaßten Donauquelle (Abb. 47) seine Betrachtungen über den weiten Weg anzustellen, den das Wasser von hier bis zum Schwarzen Meere zurückzulegen hat. Die frühere Sitte, wonach jeder Gast des Fürstenhauses einen Sprung in das Becken tun und im Wasser stehend den Becher leeren und einen Sinnspruch sagen mußte, hat uns Scheffel, der nach seiner Säckinger Zeit als Archivbeamter hier lebte, in seinem Juniperus köstlich geschildert. Mit dieser Donauquelle ist es aber eine eigene Sache. Sie gibt ihr Wasser in die Brigach (farbiges Einschaltbild Nr. 48) ab, die nahe beim Städtchen nach 40 ~km~ langem Lauf sich mit der Brege vereinigt, welche auch schon eine Lauflänge von 45 ~km~ hinter sich hat. So bleibt doch wohl der Schwarzwälder Spruch berechtigt:
Brig und Breg Bringen die Donau z’weg.
Der Renaissancebau des Schlosses ist sehr ansehnlich, nicht wenige sonstige Bauwerke verdienen außerdem Beachtung. Die Sammlungen sind in hohem Grade wertvoll; es gilt das von den naturwissenschaftlichen wie von der Kupferstich-, Münz- und Waffensammlung, vom Archiv und der Bibliothek, unter deren reichen Schätzen die Laßbergsche Handschrift ~C~ des Nibelungenliedes sich wohl der größten Berühmtheit erfreut.
[Sidenote: Die Baar.]
Die Höhenluft und das Solbad ziehen viele Sommergäste an, und jedem ist der Aufenthalt bekömmlich. Manchem mag das Landschaftsbild der weiteren Umgebung einförmig erscheinen. Und doch entbehrt die Baar -- so heißt die Hochfläche zwischen dem eigentlichen Schwarzwald und dem Jura --, der Reize durchaus nicht. Die Blicke über fruchtbare Kornfelder, im einzelnen hübsche Flußszenerien, malerische Baumgruppen, schmucke Ortschaften, all das macht die reiche Gegend zu einer freundlichen, anheimelnden.
[Sidenote: Wutachtal.]
Der Weg nach Westen, den wir nun einschlagen, ist einer der meistbegangenen im Schwarzwald. Im unfernen Hüfingen erinnert ein nicht schlecht erhaltenes Römerbad an die Bedeutung der Heerstraße von Vindonissa nach Arae Flaviae, bald überschreitet sodann die im Herbst 1901 eröffnete Bahnlinie im Dögginger Tunnel bei 749 ~m~ Meereshöhe die Donau-Rhein-Wasserscheide, und zieht nun in vielen Krümmungen, die uns manch wechselvollen Blick, gelegentlich auch auf die Alpen, gewähren, über das Hochland hin; gewaltige Viadukte überschienen einzelne Talfurchen; weiterhin halten wir uns zumeist nahe dem Steilrande der tief eingenagten Wutach, die hier nach Osten fließt, und gelangen an Löffingen (803 ~m~) vorüber ins Waldtal des Röthenbaches. Damit verlassen wir die Fruchtbreiten der Kalkregion; bald haben wir auch die hier schmale Buntsandsteinzone durchschnitten und befinden uns im Granitgestein des eigentlichen Gebirges.
Vier Tunnels werden durchfahren, dazwischen haben wir herrliche Niederblicke in die enge Schlucht unmittelbar zu unseren Füßen; auf einer mächtigen Steinbrücke von 57 ~m~ Spannweite geht’s über die Runse des Schwändebachtobels und auf noch grandioserer Brücke, der größten ihrer Art in Deutschland, überschreiten wir schließlich die Wutach, genauer gesagt die Gutach, wie der Waldstrom hier noch heißt, um bald danach die weit vom gleichnamigen Dorf abliegende Station Kappel-Gutachbrücke zu erreichen. 64 ~m~ spannt der mächtige Brückenbogen, der das Wildwasser 34 ~m~ tief unter sich läßt. Die Umgebung dieser Brücke kann zu den eigenartigsten Landschaften des Schwarzwaldes gerechnet werden (Abb. 49). In tiefer Rinne, deren Querschnitt die für Erosionsschluchten charakteristische ~V~-Form hat, tost der Bach über mächtige Gerölle; die Abhänge sind dicht bewaldet wie die umgebenden, sanft geformten Höhenzüge, von deren Tannendunkel das helle Grün eingestreuter Wiesenflächen sich kräftig abhebt. Über allem der Hauch ungetrübter Ursprünglichkeit, der Friede der Einsamkeit. Und mitten in diese stille Bergwelt ist nun die gewaltige Gutachbrücke mit ihrem kühn geschwungenen Bogen hineingestellt, über den scheinbar ganz langsam der Wagenzug hinrollt, um auch diese abgelegene Bergwelt ans Netz des Weltverkehrs anzuschließen. Der Gegensatz zwischen der Landschaft und dem mächtigen Werk der Ingenieurkunst wirkt vielleicht am stärksten, wenn man den Fußpfad unter der Brücke zum rauschenden Wildwasser hinabsteigt und aus der Tiefe herauf blickend das wunderbare Bild in sich aufnimmt.
Das Tal der Gutach-Wutach war bis 1904 das einzige des Gebirges, dem kein Weg der ganzen Länge nach folgte. Seither hat es der Schwarzwaldverein durch Anlage neuer Wege und durch teilweise Benutzung älterer Wegstücke möglich gemacht, zunächst von der Kappeler Brücke ab bis zur Schattenmühle zu gelangen, indem man dem eben erwähnten Fußpfad folgt und auf und ab, bald nahe am Fluß, bald hoch über demselben, mit wechselnden Blicken in die Schlucht und ihre Felseinrahmung sich zur großartig einsamen Einmündung des Röthenbaches und weiter zum Räuberschlößchen durcharbeitet, von wo die Schattenmühle, in einer freundlichen Talweitung am Fuß gelegen, erreicht wird. Von hier ist ein Abstecher in die an alpine Szenerien erinnernde Lothenbachklamm (Abb. 50) überaus lohnend, und bald ist dann das kleine Bade- und Kurhaus Boll erreicht, ein behaglicher Rastort mitten in der einsamen Wildnis der ernsten Bergwelt.
Weiter bis zur Wutachmühle aber fehlte einst jede Möglichkeit des Durchkommens. Der Fluß macht mäandrisch zahlreiche Biegungen zwischen den beiderseits senkrecht aufragenden Kalkwänden und unterspült an der konvexen Seite der Krümmungen die Felsen meist so stark, daß zwischen diesen und dem Wasserlauf ein Vordringen völlig undenkbar war. Nur dem mutigen und ausdauernden Wagehals, der sich nicht scheute, vielleicht zwei dutzendmal das Wasser zu durchwaten und sich zwischen je zwei Furten mit Mühe durch wildes Gestrüpp von urwaldartiger Dichte durchzuzwängen, enthüllte das interessante Schwarzwaldtal seine geheime Schönheit. Dem verschwiegenen Botaniker und dem Geologen bietet dieses jungfräuliche Stück Land eine seltene Fülle des Interessanten. Auch ein Stück Trockental ist vorhanden, indem der Fluß an einer Stelle in den Kalkfelsen eindringt, unterirdisch weiterläuft und erst in größerer Entfernung wieder als mächtiger Wasserschwall aus einem Felsentor hervorrauscht (Abb. 51).
Der neue Schwarzwaldvereinsweg von Boll abwärts -- er trägt den Namen des Verfassers dieses Büchleins -- hat endlich die Wutachschlucht der Allgemeinheit erschlossen und kann jedenfalls beanspruchen, die großartigste und interessanteste Weganlage zu sein, die aus touristischem Interesse in unserem Gebirge geschaffen worden ist. Der Weg führt bald hoch über den senkrechten Kalkwänden hin und gewährt herrliche Niederblicke auf Talboden und Fluß, bald zieht er durch grüne Auen am Stromufer hin, eingerahmt von dichtem Niederholz und fast tropisch üppiger Kräutervegetation, unter der die Riesenblätter des Huflattich stark vorherrschen, dann überschreitet er wieder -- es geschieht das viermal -- den Wildstrom auf hohem, sicherem Eisensteg. So geht es etwa anderthalb Stunden weit in ununterbrochenem Wechsel von neuen, immer schönen Landschaftsbildern bis zu einem Holzsteg, über den nach Norden ein Pfad durch die wilde Gauchachschlucht abzweigt, der dem Wutachtalweg an Schönheit nicht viel nachgibt. Er führt zur Eisenbahnstation Döggingen (s. S. 74) hinauf, und eröffnet so einen bequemen Zugang zum Wutachtal, das auch von zwei anderen Stationen der Donaueschinger Linie, nämlich Bachheim und Reiselfingen, mühelos zu gewinnen ist.
Wenig östlich vom Einfluß der Gauchach, unmittelbar an dem erwähnten Steg, liegt die Wutachmühle; von hier führen Straßen auf die umgebenden Höhen hinauf, nördlich nach Donaueschingen, südlich nach Bonndorf; im sich freundlich erweiternden Tal selbst geht ein bequemer Fahrweg nach Achdorf, wo der Fluß nach Südwesten umbiegt, und zur Eisenbahn nach Zollhaus oder Fützen (s. S. 50 und 52). Auch hier, in der Gegend des Wutachknies, haben neue, schöne Wege viel zur Erschließung der interessantesten Landschaft beigetragen.
Kehren wir zur Kappeler Brücke zurück, so erreicht von hier ab unsere Bahnlinie zwischen hohen fluvioglazialen Terrassen hinziehend bald das über 3600 Einwohner zählende Industriestädtchen Neustadt (805 ~m~), das, von seiner hochgelegenen Kirche mit ihrem schlanken Turm überragt, einen ansehnlichen Eindruck macht. In der Neustadter Gegend kleiden sich Frauen und Mädchen noch allgemein in der alten, malerischen Tracht (Abb. 52).
[Sidenote: Titisee.]
Weiter biegt unser Schienenweg, stets der jungen Gutach entlang, um den 1188 ~m~ hoch ansteigenden Hochfirst herum, den ein Aussichtsturm krönt, und in wenig Minuten fahren wir in die Station Titisee (858 ~m~) ein. Noch einen Augenblick, und wir stehen am Ufer des stillen, dunkelen Bergsees, eines wertvollen Kleinodes im reichen Schmucke der Schwarzwaldlandschaften.
Der Titisee (Abb. 53) ist etwa 2 ~km~ lang und 0,5 ~km~ breit. Seine größte Tiefe mißt 39 ~m~. Er wird gespeist vom Seebach, der aus dem Feldsee am Feldberg kommt; sein Abfluß ist die mehrfach genannte Gutach, später Wutach genannt. Seine Umgebung ist eine echte Moränenlandschaft (Abb. 54), aus der typische Moränenblöcke nahe am Bahnhof zu einem kleinen, aber lehrreichen Gletschergärtchen vereinigt worden sind. Die Moräne, welche den See abdämmt, ist am Hirschbühl hinter dem Bahnhof und nahe dem Gutachabfluß aufs schönste angeschnitten.
Doch was kümmert die meisten unter den Tausenden von Besuchern die Entstehungsgeschichte dieses Fleckes Erde? Lassen darum auch wir in erster Reihe seine Schönheit auf uns wirken. Und was könnten wir Lieblicheres in uns aufnehmen, als das Bild des strahlenden Sees, aus dessen klarem Spiegel die ihn umrahmenden Berghöhen nochmals unser Auge treffen? Wie wohlig ist es uns zumute, wenn wir hinausrudern in die friedliche Fläche und dann den Kahn ruhig treiben lassen, um ungestört umherblicken zu können in der freundlichen und doch ernsten Gebirgswelt mit ihren stillen Höhen, den dunkeln Wäldern, den saftigen Matten mit ihrem weidenden Vieh, dessen fernes Glockengetön allein die friedliche Ruhe unterbricht. Fehlen auch die schroffen Formen des Hochgebirges, die uns die Umgebung so manches Alpensees als etwas unvergleichbar Herrliches vor das Gedächtnis zaubern, so wird es der Titisee in seiner einfachen Lieblichkeit doch immer unserm Herzen antun, gleichviel ob die glänzenden Lichter der Mittagssonne aus ihm widerstrahlen, ob düstere Wolken über ihn jagen und ihn fast schwarz erscheinen lassen, oder ob die Ruhe der Nacht sich schweigend über ihm ausbreitet. Ein bißchen an Ursprünglichkeit hat er allerdings verloren, seit die Lokomotive mehrmals des Tages an ihm vorbeischnaubt. Wo früher ein kleines, ärmliches Wirtshäuschen stand, sonst aber von Menschenspuren nicht viel zu sehen war, da ist jetzt eine stattliche Siedlung entstanden, und eine starke Kolonie von Kurgästen bevölkert allsommerlich die großen Gasthöfe. Straßen und Fußwege laden zu lohnenden Wanderungen ein, die von hier aus bequem nach allen Richtungen ausgeführt werden können.
[Sidenote: Zur Dreisam.]
[Sidenote: Höllental und Himmelreich.]
Uns aber führt die Bahn weiter nach Westen. In der typischen Torfmoorlandschaft von Hinterzarten überschreiten wir bei 893 ~m~ Meereshöhe -- es ist das die höchste Stelle, welche die badischen Eisenbahnen erreichen -- die Wasserscheide der Wutach gegen die Dreisam, und nun geht’s rasch in die Tiefe hinab. Nur 11 ~km~ sind es bis zum Himmelreich, aber 438 ~m~ Höhenunterschied müssen auf dieser kurzen Strecke überwunden werden; zu diesem Zwecke ist bis zur Station Hirschsprung der Zahnradbetrieb eingeführt, der ein Gefälle bis 1 : 18 gestattet, freilich bei sehr langsamer Fahrt. Noch geht es zunächst durch schön aufgeschlossene Moränen (Abb. 55), dann im anstehenden Gneis hoch über dem Löffeltal hin, dann durch einige Tunnels und auf 144 ~m~ langem Viadukt 37 ~m~ hoch über die wilde Ravennaschlucht (Abb. 56), an deren Ausgang ins Höllental gerade unter der Bahnlinie die alte St. Oswaldskapelle neben dem großen, weitum bekannten Sternwirtshaus liegt. Das Tal zeigt sich zunächst noch freundlich und lieblich. Durch grüne Wiesen plätschert der Rotbach neben der Talstraße, während die Bahn sich oben an der Berglehne hält. Das ändert sich erst unter der Station Hirschsprung, wo die Felsen von beiden Seiten sich so nahe treten, daß die Straße nur durch Sprengungen neben dem Bach Raum gewinnen konnte, während die Bahnlinie die Bergwand in drei Tunnels durchbricht. Diese Enge, der Hirschsprung, ist die großartigste Stelle des Tales und darf sich den wildesten Talschluchten aller Mittelgebirge an die Seite stellen (Abb. 57). Freilich ist sie nur kurz, doch wahrt das Tal auch unterhalb dieses Engpasses noch den schluchtartigen Charakter (Abb. 59); ist seine Sohle doch beiderseits von 400 bis 600 ~m~ hohen Flanken eingefaßt, so daß es sich gut begreift, wie die Raubritter der Feste Falkenstein von ihrem Felsnest aus dem Berufe des Wegelagerertums erfolgreich obliegen konnten, bis sie schließlich ihr Schicksal ereilte, und ihre Burg 1390 zerstört wurde.
Bei Himmelreich (455 ~m~), wo mächtige Flußterrassen die Talhänge flankieren und uns zeigen, wie die Geschiebeführung nach dem Abschmelzen der Gletscher auch hier eine viel mächtigere war als in der Gegenwart (Abb. 58), öffnet sich plötzlich die Landschaft zum weiten sonnigen Taltrichter der Dreisamebene, die eine größte Breite von 6 und bis Freiburg eine Länge von 14 ~km~ hat. Der Gegensatz gegen die Enge der soeben noch durchmessenen Talstrecke ist wirklich ein großer und erklärt genugsam die Benennungen: Himmelreich und Höllental. An der alten Keltenniederlassung Tarodunum (Zarten) vorbei, die schon Ptolemäus erwähnt, und die eine ausgesucht günstige Lage auf hoher Terrasse innehat, wird das am Fluß des vielbesuchten Giersberger Wallfahrtshügels (Abb. 60) frei gelegene Kirchzarten erreicht, von wo mehrere Straßen nach Nord und Süd ins Gebirge abzweigen, und bald darauf nähern wir uns der natürlichen Schwarzwaldhauptstadt, Freiburg im Breisgau (271 ~m~).
[Sidenote: Straßen von Schwaben ins Breisgau.]
Der Gebirgsübergang Donaueschingen-Freiburg ist einer der wichtigsten im Schwarzwalde; er hat oft eine große Rolle im Krieg und Frieden gespielt. Das Schwabentor in Freiburg weist durch seinen Namen schon auf die Bedeutung der Straße hin, welche die obere Rheinebene mit der Bodenseegegend, dem Donautal und Neckargebiet in Verbindung setzt. Freilich umging sie früher das Höllental, das bis 1755 nur einen Saumpfad, dann einen holperigen Fahrweg besaß, welcher 1770 in Rücksicht auf Maria Antoinettens Brautfahrt von Wien nach Paris besser ausgebaut wurde; 1857 ward die jetzige Kunststraße, 1887 die Eisenbahn Freiburg-Neustadt angelegt. Die alte Heerstraße vermied die Schlucht, sie hielt sich möglichst auf den Höhen und erreichte von Donaueschingen aus durchs Bregach- und Urachtal die Wasserscheide auf der „Kaltenherberge“ (1030 ~m~), stieg auf dem wallartigen Kamm zwischen dem Wildgutach- und Joostal noch bis 1102 ~m~ zum „Schwabenstutz“ hinauf, 208 ~m~ höher als die Paßhöhe von Hinterzarten, ging dann über den oft verschanzten Hohlen Graben zum Turner (1035 ~m~), von wo ein zwar steiler aber unschwieriger Abstieg durch das Spirzental und die Wagensteige ins Dreisamtal ebensowenig ein Hindernis bot als die Fortsetzung des Höhenwegs über die Klöster St. Märgen (890 ~m~) und St. Peter (722 ~m~) und durch das Eschbacher Tal nach Freiburg, oder durch das Glottertal etwas weiter nördlich in die Rheinebene. Dieser Höhenweg war auch von Rottweil-Villingen oder von Neustadt her leicht zu gewinnen. Er bildete durch mehrere Jahrhunderte die Hauptstraße von Schwaben ins Breisgau und ist viel umstritten worden, besonders auch im Dreißigjährigen und im spanischen Erbfolgekrieg, sowie in den Tagen von Moreaus Rückzug aus Bayern und Schwaben, 1796.
IX. Freiburg im Breisgau.
[Sidenote: Lage und Alter Freiburgs.]