Part 6
Immer dem Strom entlang führt uns die rechtsuferige Land- und Schienenstraße über Albbruck, wo das Albtal ausmündet, zu der Burg Hauenstein, an deren Fuß die kleinste Stadt des Deutschen Reiches liegt. Sie trägt mit der Burg den gleichen Namen, zählt wenig über 200 Einwohner und besteht aus den Häuserreihen einer einzigen Gasse, die hart am Rheine hinzieht. Einst war sie Hauptort der weit über den südlichen Schwarzwald ausgedehnten Grafschaft Hauenstein. Das Hauensteiner Land war Jahrhunderte hindurch der Schauplatz schwerer Kämpfe zwischen der Bevölkerung und ihren Herrschaften. Das Gebiet war schon bald nach seiner ersten Besiedlung bei der Kargheit des Bodens und der Rauheit des Klimas nicht imstande, die zu dichte Bevölkerung auch nur halbwegs auskömmlich zu ernähren (Abb. 34). Zur Einführung des Hofgüterrechts ist es in der Gegend nie gekommen, und so war es die wirtschaftliche Not, welche das Volk zu blutigen Aufständen, besonders gegen die reiche und mächtige Abtei St. Blasien, trieb. Nach kurz wirkenden Erfolgen steigerten sich die Unterdrückungen nur um so mehr, kleinliche Maßregelungen verbitterten das Volk von Jahrzehnt zu Jahrzehnt in steigendem Maße; Verschlossenheit, Unnahbarkeit, heimtückisches Wesen wurden allmählich die herrschenden Charakterzüge der Hauensteiner, und immer wieder gelang es fanatisierten Führern, die Massen zu rohen Gewaltakten fortzureißen. Religiöses Sektenwesen gesellte sich dazu, und so hatten, seit den Zeiten des Bauernkrieges bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, die Behörden schweren Stand gegenüber dem kaum auszurottenden Mißtrauen der Hauensteiner gegen alles, was man Staatsraison nennt, ja gegen offenen Aufruhr. Nur das „Haus Österreich“ und der Papst wurden als Obrigkeiten anerkannt, gegen die vom Freiburger Erzbischof gesandten Geistlichen war der Widerstand ebenso groß wie gegen die badischen Beamten. Von dem Führer in einem der vielen Aufstände, dem Salpetersieder Peter Albiez, nannten sich die Sektierer Salpeterer oder Albiezler; sie sind heute noch nicht ganz ausgestorben, obwohl es in der Hauptsache endlich gelungen ist, der Bewegung Herr zu werden, und zwar auf friedlichem Wege. Scheffels „Trompeter“ gibt uns eine Schilderung der Verhältnisse im „Hauensteiner Rummel“, und aus der großen einschlägigen Literatur mag wenigstens auf eine neuere, hierher gehörige Arbeit des Schwarzwälder Volksschriftstellers Hansjakob hingewiesen werden. Die alte Hauensteiner Tracht (Abb. 35) ist fast ganz abgekommen und nur noch gelegentlich zu treffen. Zu ihr gehören bei den Männern vor allen Dingen kurze, schwarze Pumphosen, welche „Hotzen“ heißen und der Bevölkerung den Namen „Hotzen“, ihrem Wohngebiet die Bezeichnung „Hotzenwald“ eingebracht haben (Abb. 36).
[Sidenote: Die Laufenburger Enge.]
Unfern Hauenstein -- wir haben soeben einen kurzen Tunnel durchfahren -- stellt sich unsern Augen ein wirkliches Juwel prächtigster Landschaftsschönheit dar (Abb. 37), das freilich zurzeit wesentlich verändert wird und sich starke Einbußen gefallen lassen muß. Es ist das badische Städtchen Klein-Laufenburg, durch eine zur Hälfte gedeckte Brücke mit dem aargauischen Groß-Laufenburg verbunden, eine der früher österreichischen „Waldstädte“, die von dem Schloß Laufenburg-Habsburg überragt ist. Die Stromschnelle des Laufen, gerade zwischen den zwei Städtchen, in welche sich der Rhein auf etwa 20 ~m~ einengt, aber bis zu 30 ~m~ tief ist, kommt dadurch zustande, daß sich hier der Fluß durch ein nach Süden vorspringendes Stück Schwarzwaldgneis durchgenagt hat. Die grauen Felswände mit ihren vom Wasser gerundeten Formen und ihren Strudellöchern bilden groteske Gestaltungen phantastischster Art, zwischen denen der Gischt des Gewässers in wildem Aufruhr sich tosend durchzwängt. Große Anlagen zum Salmenfang, der hier sehr ergiebig ist, sind in den Strudel kunstvoll hineingebaut. Jetzt aber ist man damit beschäftigt, die gewaltigen Wasserkräfte durch elektrische Übertragung der Industrie dienstbar zu machen. Die Flußenge wird kanalisiert, kahle, gerade Uferwände werden aufgesetzt, Schleusen eingebaut, Fabrikanlagen fangen schon an, den Fluß beiderseits einzusäumen, und in kurzer Zeit wird das malerische Laufenburg dem industriellen Platz gemacht haben. Vom Standpunkt des Naturfreundes mag das herzlich bedauert werden; aber schließlich, wer kämpft gegen den Strom der Zeit?
[Sidenote: Säckingen.]
Wieder ein Stück flußabwärts liegt die dritte der Waldstädte, das trompeterberühmte Säckingen (Abb. 38), dessen Scheffelerinnerungen heute sicherlich mehr Anziehungskraft in alle Welt hinaus üben, als die geschichtliche Bedeutsamkeit des Ortes. Über der schmucken Stadt, die industriell lebhaft aufgeblüht ist und mehr als 4600 Einwohner zählt, breitet sich trotz ihrer großen Fabriken ein feuchtfröhlicher Hauch von poetischer Verklärung aus. Kein Deutscher, besonders keiner, der einst die Wonnen des Burschenlebens auf hohen Schulen gekostet hat, wird ohne einen Anflug von Rührung auf der alten holzverschalten Brücke stehen und nach dem Schönauer Schlößchen hinblicken, keiner das Grabdenkmal Werners und Margaretens am hohen Fridolinus-Münster sehen, vor welchem sich nun das wohlgelungene Denkmal des Dichters erhebt, der sich vor mehr als fünfzig Jahren in die Herzen von Hunderttausend hinein zu trompeten angefangen hat. Und wer von Heimat, Liebe, Jugendtraum schwärmen will, der findet dazu leicht Gelegenheit und Stimmung nicht nur im grünen Tannendunkel am unfernen Waldsee, sondern auch beim Schoppen -- und ohne den dürfen wir uns Josef Viktor Scheffel und seine guten Säckinger nicht denken -- in der Margaretenlaube, im Trompeter, im Schwarzen Walfisch oder im Goldenen Knopf mit seiner Rheinterrasse. Alles atmet Scheffel, und die Säckinger sind nicht umsonst dem Rechtspraktikanten, der hier 1850 bis 1852 amtierte, dichtete und trank, von Herzen dankbar. Jedenfalls sind in der weiten Welt draußen die Säckinger Badequelle und sogar der heilige Fridolin, der Apostel des Oberrheingebietes, dessen Fest am ersten Sonntag im März für das Landvolk ringsum allerdings hohe Bedeutung hat, weniger berühmt als der „Trompeter“.
[Sidenote: Von Säckingen nach Rheinfelden.]
Bei Brennet mit seinem forellenberühmten Gasthause mündet die Wehra in den Rhein, weiter abwärts spiegelt sich das Gebäude der einstigen Deutschordens-Kommende Beuggen in den Fluten des Stromes, dann wird Rheinfelden erreicht. Die alte, einst wohlbefestigte Waldstadt, die überaus malerisch auf dem hohen Schweizer Ufer liegt, spielte einst eine bedeutende Rolle in der Geschichte der Gegend, besonders während des Dreißigjährigen Krieges, der ihr 1638 eine Belagerung durch Bernhard von Weimar brachte. Das Rheinfelder Solbad erfreut sich berechtigten Ansehens und lebhaften Besuches.
[Sidenote: Badisch-Rheinfelden.]
In der Umgebung des Bahnhofes Badisch-Rheinfelden hat sich seit wenig Jahren eine Umwandlung des ganzen Landschaftsbildes vollzogen, wie sie im Rheintal mit seiner alten Besiedlung und Kultur weniger zu erwarten war als etwa im fernen Westen Amerikas. Es ist nämlich hier eine neue Stadt „Badisch-Rheinfelden“ entstanden in einer so kurzen Zeit, daß man meinen möchte, sie sei aus dem Boden herausgezaubert worden. Wohnten doch auf der Fläche der beiden anstoßenden Dorfgemeinden Nollingen und Karsau mit ihrer bisher ausschließlich Landwirtschaft treibenden Bevölkerung 1890: 1534 Einwohner, 1905 aber 3915. Dieses außerordentliche Wachstum erklärt sich dadurch, daß die Stromschnellen bei Rheinfelden in umfangreichster Weise nutzbar gemacht worden sind, um der weiteren Umgebung bis tief in die Schweiz und ins badische Markgräflerland hinein durch elektrische Übertragung Licht und Kraft zu übermitteln. Das hat nun zur Anlage großer Fabriken in unmittelbarster Nähe geführt; bedeutende elektrochemische Fabriken, Aluminiumwerke usw. sind rasch entstanden, und um sie die neue Stadt „Badisch-Rheinfelden“ mit gegen 2500 Einwohnern. Zum Zwecke ihrer einheitlichen Verwaltung ist kürzlich die Gemarkungsgrenze zwischen den zwei obengenannten Landgemeinden verlegt und eine ganz neue Organisation geschaffen worden. Ein größerer Gegensatz als der zwischen diesem neuen Rheinfelden und seiner graben- und turmumwehrten älteren Schwester drüben über dem Rhein ist kaum denkbar. Am Schweizer Ufer efeuumranktes, malerisches Altertum in ruhiger Beschaulichkeit, und auf der anderen Seite der Brücke der kräftigste Pulsschlag allermodernsten Lebens.
[Sidenote: Wyhlen.]
An Wyhlen vorbei, wo die letzten größeren Stromschnellen des Rheines ebenfalls der Technik dienstbar gemacht werden und wo ein Salzwerk betrieben wird, ist nunmehr, indem wir weiter am Fuße des steil ansteigenden Dinkelberges mit seinen großen Muschelkalkbrüchen entlang fahren, bald Basel erreicht und damit die Südwestecke des Schwarzwaldes.
VII. Das südwestliche Vorland von Basel bis Freiburg.
[Sidenote: Basel.]
Basel gehört seit 400 Jahren dem Bunde der Eidgenossen an und ist heute mit rund 135000 Einwohnern das zweitgrößte Gemeinwesen der Schweiz. Sein Dasein ist aber mit dem der nahen Schwarzwaldgebiete durch so vielerlei Fäden so innig verbunden, daß wir seiner an dieser Stelle gedenken müssen, und das um so mehr, als es im Verkehrsleben der angrenzenden deutschen Landschaften eine geradezu beherrschende Stellung einnimmt. Mündet doch hier nicht nur die Bahn vom Bodensee und die Wiesentalbahn vom Feldberg her; wir haben auch die rechtsrheinische badische Hauptbahn über Freiburg nach Heidelberg und weiter nach Mittel- und Norddeutschland, sowie die linksrheinische, elsässische Linie nach Mülhausen, wo der kürzeste Weg durch die Burgundische Pforte und über das Plateau von Langres nach Paris abzweigt, nach Straßburg, zum Niederrhein und nach England. Hunderttausende von Reisenden nach der Schweiz, nach Südfrankreich und nach Italien, denen sich in Basel nach diesen Zielen zahlreiche Linien zur Verfügung stellen, berühren alljährlich die Stadt und legen hierdurch glänzendes Zeugnis ab von ihrer hervorragend günstigen Verkehrslage.
Diese Lage hatte schon seit dem Jahre 27 v. Chr. die unferne Römerkolonie ~Augusta Rauracorum~ ausgenutzt. Nach der Zerstörung durch die Alemannen entstand seit 374 n. Chr. Basilea = Basel auf hoher geschützter Flußterrasse unmittelbar über dem Rheinknie und beherrschte von nun ab zu allen Zeiten seine Umgebung in Handel und Verkehr, Politik und geistiger Kultur, und wurde neben Straßburg, Speier, Worms, Mainz und Köln eine der wichtigsten Städte längs der rheinischen „Pfaffengasse“. Trotz der Nähe Frankreichs war es immer eine deutsche Stadt nach Bauweise, Sprache und Sitte, nach seinen Betätigungen auf künstlerischem und wissenschaftlichem Gebiet. Und auch heute noch ist Basel deutsch, woran manche französischen Geschäftsaufschriften und andere derartige Äußerlichkeiten nichts ändern.
Dem Verfasser dieser Zeilen ist Basel oft als ein unschöner, ja widerwärtiger und sogar unausstehlicher Ort bezeichnet worden. Genauere Nachfrage nach der Begründung dieses Urteils ergab in allen Fällen, daß diejenigen, die es fällten, von der Stadt nichts kannten als die zwei Bahnhöfe und ihre Schienenverbindung, daß sie von nichts zu sagen wußten, als von der Hast des Umsteigens und des Gepäckschleppens, dem Ärger der Zollplackerei, dem Gedränge am Fahrkartenschalter und der Widerwärtigkeit des Geldwechselns. Nun, diese Dinge sind gerade keine Annehmlichkeiten, sie kommen aber an jeder Grenze vor und sind nicht der Mühe wert, den Gebildeten aus seinem geistigen Gleichgewicht zu bringen. Vor allem geben sie kein Recht, eine Stadt zu beurteilen, von der man nichts anderes kennt als diese negativen Zugaben zum Reisevergnügen.
Alle, die den Rat befolgten, nicht bei jeder Schweizerreise und Italienfahrt nur durch Basel durchzustürmen, sondern der Stadt auch einmal einen eingehenden Besuch zu machen, sind bald Verehrer und Freunde derselben geworden. In der Tat gewähren die drei stattlichen Rheinbrücken den Ausblick auf eines der packendsten Städtebilder, das wir genießen können; die Aussicht von der Pfalz oben am gotischen Münster unmittelbar auf den herrlichen Strom hinab und hinüber auf die nahen Schwarzwaldhöhen ist entzückend, der Kreuzgang am Münster mit seinen lauschigen, spitzbogenumrahmten Höfen und seinen Denkmälern aus mehreren Jahrhunderten ist einer der schönsten seinesgleichen. Steigen wir dann eines der steilen Gäßchen hinab in die belebten Straßen, die nach dem Marktplatz mit seinem alten, glücklich erneuerten Rathaus und weiter kreuz und quer zu dem massigen Bau des Spalentores führen, so bekommen wir den stimmungsvollsten Eindruck einer Stadt mit alter, hoher Kultur, in der aber das moderne Leben darum doch nicht minder lebhaft pulsiert. Das historische Museum, in der ehemaligen Barfüßerkirche aufs glücklichste und unter geschickter Anpassung an die gegebenen Räume trefflich untergebracht, wird den Altertumsfreund lebhaft fesseln; die Kunstsammlungen im Museum sind bekannt in ihrer hohen Bedeutung für die ältere deutsche Malerei, in erster Reihe für Holbein. Daß von dem Basler Böcklin, der in jungen Jahren die Wände im Treppenhaus mit großen Gemälden schmückte, nicht wenige seiner Schöpfungen in einem eigenen Saale vereinigt sind, verleiht der Galerie in neuerer Zeit eine besondere Anziehungskraft.
Die naturwissenschaftlichen Sammlungen sind mit denen der Kunst unter einem Dach untergebracht, ebenso eine ethnographische Sammlung; der sehr schön angelegte und an seltenen Tierformen reiche zoologische Garten befindet sich im Südwesten vor der Stadt.
All das und vieles andere von hervorragendem Wert ist entstanden durch den hoch entwickelten Bürgersinn der Basler, die ihre Stadt schon früh zu einer sehr reichen gemacht haben, indem sie die Vorzüge ihrer glücklichen Lage für Handel und Verkehr zu allen Zeiten auszunützen verstanden. Von dem in weitem Umkreis sprichwörtlich gewordenen Basler Reichtum zeugt auch die 1460 gegründete, blühende Universität, die bis zur Stunde von der Stadt allein erhalten wird; von ihm zeugen die zahllosen Wohltätigkeitsanstalten jeder Art und die in der ganzen Welt tätige Basler Mission. Von der Basler Gediegenheit bekommt aber schließlich nur der die richtige Vorstellung, dem gelegentlich ein Blick in eines der stolzen Patrizierhäuser zu tun vergönnt wird. Da ist nichts zu sehen von modernem Firlefanz, alles atmet altüberkommene, gewichtige Pracht. Kein Wunder darum, daß die Stadt für die Umgebung der Inbegriff des Großen und Vornehmen ist, daß sie anzieht wie ein Magnet. Waren doch 1888 schon von den Bewohnern nur 28% Stadtbürger, dagegen 37% sonstige Schweizer und 35% Ausländer, von denen weit über die Hälfte aus Baden stammte, und seither hat sich diese Zuwanderung, besonders aus dem Schwarzwald, noch wesentlich verstärkt. Schon vor hundert Jahren war Basel für den weitesten Umkreis schlechtweg „die Stadt“ und es entspricht ganz dem Empfinden von Tausenden, wenn der alemannische Dichter Johann Peter Hebel, der übrigens bei einem vorübergehenden Aufenthalt seiner Eltern 1760 in Basel geboren wurde, in einem seiner Gedichte sagte:
Isch Basel nit e schöni, tolli Stadt? ’s sin Hüser drin, in mengem Dorf isch d’Chilche nit so groß, Un Chilche, ’s sin in mengem Dorf nit so viel Hüser.
[Sidenote: Leopoldshöhe. Lörrach.]
Kaum haben wir den badischen Bahnhof der Grenzstadt, der zurzeit seiner Verlegung und Vergrößerung entgegensieht, verlassen, um uns in nördlicher Richtung wieder dem eigentlichen Schwarzwalde zuzuwenden, so erreichen wir sofort wieder Reichsgebiet und damit die Station Leopoldshöhe, am Fuße einer mächtigen Terrasse diluvialer Geschiebe gelegen, die uns vor Augen führt, wie hoch einst der Rhein den Graben zwischen Schwarzwald und Wasgenwald mit von ferne hergebrachten Gesteinsmassen auffüllte, und wie tief er sich später sein Rinnsal in diese selbst gebildeten Ablagerungen einsägte. Von hier führt eine Bahnlinie westwärts über den Strom zu der ehemaligen Reichsfestung Hüningen, um dann an das Elsässer Bahnnetz anzuschließen, und eine ebensolche östlich unter dem Tüllinger Berg (409 ~m~) durch nach Lörrach im Wiesental, um weiterhin von Schopfheim aus und durch das untere Wehratal nach Säckingen zu gelangen. Sie umgeht das Schweizer Gebiet bei Basel und bildet ein Glied jener strategischen Linie, die den Zugang von Osten her auf Belfort und die Burgundische Pforte erschließt.
[Sidenote: Der Isteiner Klotz.]
Nun geht es weiter durch eine kleine weingesegnete Ebene voll stattlicher Ortschaften, alles beliebte Ausflugsziele für die Basler, bis sich im Jurakalkrücken des Isteiner Klotzes (Abb. 39) das Gebirge unmittelbar zum Rhein vorschiebt und die Bahnlinie zwingt, in drei Tunnels die weißen Felsen zu durchbrechen. Mancherlei Sagen und Legenden knüpfen sich an diesen Punkt, die stimmungsvollste verarbeitete Scheffel zu seinem „Hugido“. Seit etlichen Jahren ist die Felszinne des Isteiner Klotzes in eine starke Befestigung umgewandelt worden, die das Rheinknie und Oberelsaß beherrscht. Damit ist auch die Zugänglichkeit dieses einst so gefeierten Aussichtspunktes unmöglich gemacht worden. Früher gab es hier ein genußreiches Wandern und Klettern, und niemand, der sich Zeit lassen konnte, hat es bereut, von Istein aus den malerischen Felssteig zu benutzen und zu der in die senkrechte Kalkwand hineingehauenen Veitskapelle und weiter in die Höhe hinaufzusteigen, wo seiner die herrlichste Aussicht harrte. Unmittelbar zu Füßen strömt der majestätische Rhein in seinem kanalisierten Bett, läßt aber in zahlreichen Altwassern und Verlandungen sein früheres Überschwemmungsgebiet und zugleich den Gewinn der großen Flußkorrektion erkennen. Darüber hinaus breitet sich das Elsaß aus, überragt vom Wasgenwald und vom nahen Schweizer Jura. Über dem Klotz erhebt sich in nächster Nähe der eigentliche Schwarzwald mit seinen dunklen Waldbergen, an deren Fuß, soweit das Auge blickt, reiche Rebgelände sich anschmiegen.
[Sidenote: Müllheim.]
Noch geht’s eine kurze Zeit hoch über dem Rhein hin, dann tritt das Gebirge und mit ihm die Bahnlinie allmählich mehr nach Osten zurück und bald ist Müllheim erreicht, ein behäbiges Landstädtchen, ganz in den rebenbewachsenen Lößhügeln und etwas höher ansteigenden Vorbergen versteckt, zwischen denen sich eine Nebenbahn durchschlängelt, die uns in einem halben Stündchen durch das Klembachtal hinauf nach Badenweiler (427 ~m~) führt.
Das ist nun einer der bevorzugtesten, fast möchte man sagen gottbegnadetsten Punkte des Schwarzwaldes (Abb. 40). Er liegt 200 ~m~ über der nahen Rheinebene windgeschützt auf einer Terrasse des höher ansteigenden Gebirges derart, daß gar häufig die herbstlichen und winterlichen Nebel der Niederung nicht bis zu ihm hinauf dringen, und daß schon hier sich die Wärmeumkehr der Höhen geltend macht. Dazu kommen die Thermen von 26 bis 28° ~C~, die an der hier durchlaufenden Hauptverwerfungsspalte des Schwarzwaldes austreten und schon vor 1800 Jahren zur Anlage des Römerbades und einer nicht unbedeutenden Siedlung geführt haben. Auch der Bergbau, hauptsächlich auf silberhaltigen Bleiglanz, der längs eines weithin zu verfolgenden Quarzitganges durch lange Jahrhunderte lebhaft blühte, hat einst zur Hebung des Ortes beigetragen. Heute erinnern daran nur noch die den Sammlern von Mineralien bekannten Halden an der Sophienruhe, am Felsen des Alten Mannes über der freundlich gelegenen Kuranstalt Haus Baden und an anderen Orten.
[Sidenote: Badenweiler.]
Das Landschaftsbild von Badenweiler und Umgebung ist berückend schön. Wandert man durch den wohlgepflegten Kurpark mit seiner überraschenden Fülle von herrlichen Baumgestalten, unter denen viele Vertreter ferner Florenreiche nicht fehlen, wie z. B. prachtvolle Zedern, Wellingtonien, überhaupt Nadelhölzer allerart, so wird man die Geschicklichkeit bewundern, mit welcher hier die an sich schon so schöne Natur wahrhaft künstlerisch noch gehoben worden ist. Bald ist der Hügel erstiegen, auf dem sich weit nach Westen vorgeschoben die Schloßruine erhebt. Das altbadische Herrenhaus wurde 1678, wie so viele andere am Oberrhein in jenen schweren Zeiten, von den Franzosen zerstört und bietet von seiner obersten Warte einen entzückenden Blick auf den gesegneten Gau zu Füßen. Im Osten das Klembachtal, von hohen Waldbergen umrahmt, unter denen der nahe Blauen bis zu 1165 ~m~ aufragt, nach Süden die fruchtbare Vorbergzone, unten das Tal mit seinen in Obstgärten verhüllten Ortschaften, dann die weite Rheinebene, der silberglänzende Strom, drüben im Westen das Elsaß mit den schön gezeichneten Bergkonturen der Vogesen.
Badenweiler selbst ist ein kleiner Ort, der aber mit seinem schmucken großherzoglichen Schloß, seinen Villen und Gasthäusern, alles in schöne Parkanlagen und Gärten zerteilt, einen unendlich lieblichen Eindruck macht. Sehenswert ist -- nahe bei dem im Kurpark gelegenen offenen Schwimmbassin -- das nach dem Vorbilde altrömischer Bäder gebaute „Markgrafenbad;“ es umfaßt ein Marmorschwimmbad, dessen bezaubernde Lichteffekte, welche durch die gefärbten Glasscheiben der Decke hervorgebracht werden, jeden Besucher bestricken, und Einzelbäder. Die Ruine des Römerbades führt uns die Anlage einer der hervorragendsten unter den nordalpinen Römerbauten vor Augen und gibt eine Vorstellung von der Art, wie das große Kulturvolk seine Heil- und Luxusbäder einzurichten pflegte. Sie ist 1784 entdeckt und freigelegt worden und hat 66 ~m~ in der Länge, 19,5 ~m~ in der Breite. Neben Vorhöfen und kleineren Räumen, wie Warte- und Salbzimmer, Schwitz-, Dampf- und Einzelbäder, finden wir große Schwimmbäder (Piscinen), kalte Bäder (Frigidarien), warme Bäder (Tepidarien). Alle Einrichtungen sind doppelt vorhanden, offenbar um die Benutzung gleichzeitig für Männer und Frauen zu ermöglichen. Ein Altarstein im Vorhof trägt eine Widmung an die Diana Abnoba.
[Sidenote: Umgebung von Badenweiler.]