Der Schwarzwald

Part 5

Chapter 53,007 wordsPublic domain

Der Schwarzwälder Bergbau spielte früher eine wichtige Rolle. Mancherlei Gänge im Urgestein, gern an dessen Verwerfungsspalten geknüpft, spendeten Kupfererze, z. B. im Kinziggebiet, silberhaltigen Bleiglanz an sehr vielen Orten, so bei Badenweiler, Sulzburg, im Wiesen- und Münstertal, bei Freudenstadt; Eisenerze verschiedener Art wurden einst abgebaut bei Pforzheim und Kandern, an der Oberen Alb und im Wutachtal; Kobalt gab es im Kinzigquellgebiet, Nickel bei St. Blasien usw. Eisenschmelzen bestanden in ansehnlicher Zahl, doch gingen sie seit etwa fünfzig Jahren alle ein bis auf die von Friedrichstal und Christophstal bei Freudenstadt. Am Erzkasten (Schauinsland) bei Freiburg, der von seinen alten Gruben den Namen hat, ist seit kurzem ein in großem Stil betriebenes Erzwerk auf Zinkblende und silberhaltigen Bleiglanz wieder eröffnet worden. Steinkohle (Anthrazit) lieferte bis zur jüngsten Zeit in bescheidenem Umfang das einzige Kohlenbergwerk Badens bei Berghaupten (Offenburg). Salz spendet in reichem Maß die Saline Dürrheim im Muschelkalk bei Villingen.

Nicht hoch genug kann der Wert des Schwarzwaldes an Mineralquellen und Thermen angeschlagen werden. Seit den Römerzeiten haben sie Erholungsbedürftige von allen Seiten angezogen und durch die Geheilten ihren Ruhm und den der landschaftlichen Schönheit ihrer Umgebung nach allen Richtungen der Windrose getragen. Ihnen verdankt unser Gebirge zweifellos die ältesten Anregungen, die allmählich zur Entwicklung der jetzt so blühenden Fremdenindustrie führten und heute Hunderttausende anziehen, sei es in den Zaubergarten des Weltbades, das unserem Lande den Namen gab, sei es in irgendein anderes der kleineren, aber um so anheimelnderen Bäder im stillen Waldesfrieden ihrer lauschigen Landschaft.

Daß schon früh die Knappheit der natürlichen Lebensbedingungen den Schwarzwälder zu gewerblicher Tätigkeit zwang, ist bereits angedeutet worden. Waldarbeit, Holzflößerei, Kohlenbrennen (Abb. 13, 15, 16, 17), Harzgewinnung, Betrieb von Sägemühlen mit dem typischen oberschlächtigen Wasserrad (Abb. 18), Küblerei und Verfertigung kleiner Holzgeräte allerart, auch Strohflechterei (Abb. 19), das waren die nächstliegenden Beschäftigungen von alters her. Das Flößen, Brennen und Harzen ist fast völlig verschwunden, die vielbesungenen kleinen Sägewerke am rauschenden Wildbach sind an vielen Orten von großen fabrikmäßig betriebenen Schneidemühlen abgelöst worden, zu denen sich leider nur allzu häufig Zellstoffabriken gesellt haben. Die „Holzschneflerei“ wird immer noch viel geübt, besonders in Bernau und überhaupt in der weiteren Umgebung von St. Blasien. Mit der Zeit entstand die Industrie der Zunderbereitung und Bürstenherstellung, hauptsächlich am Südfuße des Feldberges, dazu kommen Blechlöffelschmieden, an die das „Löffeltal“ bei Hinterzarten schon durch seinen Namen gar deutlich erinnert, ferner Glasbläsereien -- der Ortsname „Glashütten“ ist stark verbreitet (Abb. 20) --, Granatschleifereien u. a. m. Am berühmtesten ist aber die Schwarzwälder Uhrenmacherei geworden.

Der Glashändler Lorenz Frey brachte 1683 eine Holzuhr von der Wanderschaft nach Hause, und seither entstand aus kleinsten, ärmlichsten Anfängen auf den Höhen von Waldau und Umgebung eine Hausindustrie, die sich durch ihren überall hin tätigen Hausierhandel (Abb. 21) seit etwa 1750 Weltruhm verschaffte. Jetzt sind an Stelle der Holzwerke (Abb. 22) längst die feinsten Präzisionsuhren getreten. Die Hausindustrie (Abb. 23) ist mehr und mehr in den Dienst großer Fabriken getreten. Das Gebiet der Uhrmacher dehnt sich von Triberg und Schramberg bis nach Neustadt und Lenzkirch aus, beschäftigt Tausende von fleißigen Händen und setzt dem Werte nach alljährlich viele Millionen Mark um. Aus den Spieluhren entwickelten sich die Orchestrions, die heute in großer Zahl von den stillen Schwarzwaldhöhen ihren Weg in die weite Welt, besonders nach Rußland und Amerika einschlagen; auch die Herstellung von physikalischen, besonders elektrischen Apparaten und anderen Erzeugnissen der Feinmechanik ist hoch entwickelt.

Seit dem achtzehnten Jahrhundert hat man die bedeutenden Wasserkräfte, die in den Schwarzwaldbächen und -flüssen mit ihrem starken Gefälle aufgespeichert sind, dem Gewerbe dienstbar zu machen angefangen; es entstanden zahlreiche Spinnereien und Webereien für Baumwolle und Seide, die in der Gegenwart sich zumeist zu sehr bedeutenden Betrieben ausgestaltet haben. Dazu kommen noch alle erdenklichen anderen Industrien, die auch nur annähernd aufzuzählen hier nicht der Ort ist. Nehmen wir endlich die hochentwickelte Gold- und Silberwarenherstellung in Pforzheim und Umgebung, so sehen wir, daß die Schwarzwaldbevölkerung es gut verstanden hat, sich Erwerbsquellen vieler Art zu erschließen, die es ermöglichen, auf an sich nicht allzu ergiebigen Heimstätten in auskömmlicher Weise zu leben. Daß diese Industriebetriebe nicht auf wenige städtische Hauptpunkte sich zusammenhäufen, sondern vielfach als Hausindustrie in denkbar größter Auflockerung über weite Gebiete des Gebirges ausgebreitet sind, daß sehr viele Kleinbauern einzelne ihrer Familienangehörigen in der Fabrik tätig sein lassen, während anderseits die eigentliche Arbeiterbevölkerung gern nach Erwerb von Grundbesitz strebt, wenn es auch nur ein kleines Stückchen Garten oder Ackerfeld ist, all das hat von unserem Schwarzwalde die sozialen Schädigungen einseitig gesteigerten Industriegebietes bis zu gewissem Grad fern gehalten. Möchte das für alle Zeit so bleiben!

[Sidenote: Tracht. Wohnung. Sitten.]

Tritt uns die Schwarzwälder Bevölkerung in körperlicher Kraft und geistiger Gesundheit gegenüber, so zeigt auch ihre Kleidung und Wohnung die Freude an Schmuck und Farbenpracht, den Sinn für Behäbigkeit. Noch werden in vielen Gegenden, von den Frauen mehr als von den Männern, besonders an Sonn- und Feiertagen, sowie bei festlichen Anlässen, malerische Trachten getragen, deren Herstellung viele Kräfte beschäftigt (Abb. 24) und deren Erhaltung sich neuerdings rührige Vereine zur Aufgabe machten (Abb. 25, 26, 27). Die Volkstrachten sind nicht überall schön, aber in ihrer von Tal zu Tal wechselnden Eigenart erregen sie das Interesse des Beschauers. Als Ausdruck eines gesunden Bauernstolzes und einer verständig konservativen Gesinnung haben sie eine nicht zu unterschätzende Bedeutung, ja man darf wohl sagen, einen gewissen moralischen Wert. Freilich erscheint die da und dort versuchte Wiedereinführung der untergegangenen Volkstracht völlig als nutzloses Bemühen. Nennenswerten Erfolg hat sie selbstverständlich auch nirgends gehabt.

Das alte, echte Schwarzwaldhaus (Abb. 14, 28 u. 48), das leider aus feuerpolizeilichen Gründen nicht mehr als Neubau entsteht, gewährt einen überraschend stattlichen Anblick. Unter dem gewaltigen, weit vorspringenden Stroh- oder Schindeldach glänzen die zahlreichen kleinen Fenster des wettergebräunten Holzbaues freundlich hervor, die in der guten Jahreszeit nie eines reichen Blumenschmuckes entbehren. Ein gedeckter Gang mit dem Brunnen führt meist einer Hausflucht entlang, das obere Stockwerk hat eine Holzgalerie. Gern wird das Haus so an die Berglehne gebaut, daß man von der Rückseite unmittelbar in die große Scheune unter dem Dach einfahren kann. Als Nebengebäude gesellen sich oft noch eine Säge- oder Mahlmühle, ein Backhaus und bei den stolzen Einzelhöfen eine kleine Kapelle bei. In der geräumigen Wohnstube fehlt niemals der gewaltige Kachelofen als wonniger Wärmespender, mit der Ofenbank, auf der es sich so gut sitzen und plaudern läßt, und mit der „Kunst“, einer Wärmeanlage, die mit dem Küchenherd in Verbindung steht; es fehlt auch nie das immer mit Blumen eingefaßte Kruzifix in der Kante zwischen den zwei Fensterwänden. Es ist das der „Herrgottswinkel“, unter welchem der von Bänken und Stühlen umstellte, große Tisch seinen Platz findet (Abb. 29). Auch in den hellen und blanken Gaststuben der Bauernwirtshäuser fehlt der Herrgottswinkel nicht leicht. Der Schwarzwälder ist eben streng religiös und trotz eines hohen Grades von Tüchtigkeit fürs praktische Leben, vielfach darf man sagen auch von Aufgeklärtheit, spielt sich das Dasein des einzelnen wie der Familie und der Landgemeinde in den altüberlieferten Sitten und Gebräuchen ab, wie sie das Kirchenjahr und seine Feste in bestimmte Regeln gebracht haben, von denen nicht abgewichen wird (Abb. 30, 31). Und zwar besteht hierin zwischen der katholischen und evangelischen Bevölkerung kaum ein Unterschied.

Zum weitaus größten Teile herrscht in unserm Gebiet der Katholizismus, evangelisch sind in der Hauptsache nur die Landschaften der früheren Markgrafschaft Baden-Durlach und die altwürttembergischen Lande, aber diese Gebiete machen zusammengenommen viel weniger aus, als die der seit 1803 mediatisierten Fürstentümer, Herrschaften allerart, Bistümer, Abteien, freien Reichsstädte und der einst vorderösterreichischen Lande, besonders im Breisgau. Wie die politischen Verhältnisse früher waren, mag aus dem Hinweis hervorgehen, daß noch zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts auf dem 60 ~km~ langen Weg von Freiburg nach Basel zehn Grenzen zu überschreiten waren zwischen mehrfach wechselnden Parzellen österreichischen und badischen Gebietes, zwischen Ortschaften unter bischöflich baslerischer, unter reichsritterschaftlicher und unter der Hoheit des Deutschordens; anderswo sah es auch nicht viel besser aus.

[Sidenote: Sitten und Volkscharakter.]

Von diesen Zuständen, die wir ja in Thüringen noch erhalten sehen, ist im Volksbewußtsein kaum noch da und dort eine Spur übriggeblieben. Höchstens, daß die Bewohner der einstigen Markgrafschaft Baden, des Markgräflerlandes, von den Nachbarn als „Altbadische“ bezeichnet werden, und daß die altbadischen, protestantischen Frauen in der Tracht von ihren katholischen Freundinnen im Breisgau sich etwas unterscheiden, besonders hinsichtlich der Form der Flügelhaube und im Tragen des Spitzenbrusttuches. Sonst aber ist der Schwarzwälder, ohne sich darüber Sorge zu machen, unter welchem Herrn seine Vorfahren vor hundert oder mehr Jahren einst standen, gut badisch beziehungsweise württembergisch, was ihn nicht hindert, von Herzen ein guter Deutscher zu sein. Wenn auch durch politisch verschieden gefärbte Brillengläser, so schaut er doch lieber arbeitsfreudig und zuversichtlich in die Zukunft als weltschmerzlich in eine Vergangenheit, die ihm in allen Stücken das Leben schwerer gemacht hat, als er es heute lebt. Sicherlich wird er, was auch die rasch umgestaltende Zeit bringen mag, stets den Kopf oben behalten und immer einer der tüchtigsten unter seinen deutschen Stammesbrüdern sein und bleiben.

Der südliche Schwarzwald.

VI. Die östlichen Zugänge und der Südrand.

Unter der Konstanzer Brücke entströmt dem Schwäbischen Meer der smaragdgrüne Rheinstrom, so schön und rein wie nur irgendeiner seinesgleichen. Wer sich ihm auf dem Schaffhauser Dampfschiff anvertraut, dem bietet sich bei der Fahrt eine ungeahnte Fülle prächtiger Landschaftsbilder. Aus der Spiegelfläche des Untersees winkt das liebliche Eiland der Reichenau mit seinen Erinnerungen an alte Kultur, und das reiche Grün der Rebgelände und Obstgärten, die satte Farbenpracht der Blumenbeete vor den Wohnstätten des Inselvölkchens zaubert uns die Erinnerung herauf an Rudimann den Kellermeister, an Heribald und seine Gäste, an die Gesandtschaft des Kämmerers Spazzo und alle die lebenswahren Gestalten, denen Scheffel in seinem Ekkehard eine so wohlverdiente Auferstehung bereitet hat. Über der Insel grüßt der trotzige Hohentwiel herüber und trägt auch seinerseits dazu bei, uns auf ein Viertelstündchen hinüberdämmern zu lassen in luftige Träume im Rundbogenstil.

Am schweizerischen Ufer haben wir den Arenenberg Napoleonischen Andenkens, darüber auf steiler Höhe das Schlößchen Salenstein, weiter unten engt sich der Fluß wieder in eine schmale Rinne ein, und zu beiden Seiten wechselt in rascher Folge ein malerisch freundliches Bild mit dem andern, bis man am Fuß des fernsichtgesegneten Burgberges von Hohenklingen, an dem der feurige „Beerliwein“ wächst, das alte Stein am Rhein, ein malerisches Nürnberg im kleinen, erreicht.

[Sidenote: Der Rhein von Stein bis Waldshut.]

Die Fahrt geht zwischen freundlichen Hügeln weiter unter einer mächtigen Eisenbahnbrücke und später unter der alten Holzbrücke von Dießenhofen durch, bis zum Landeplatz der ansehnlichen, viel Altertümliches bietenden Stadt Schaffhausen, die vom Bodensee her auch mittels zweier Eisenbahnlinien zu erreichen ist. Wenig unterhalb Schaffhausen hat sich der Rhein seinen Weg in weltberühmtem Falle über die harten Bänke des Jurakalkes hinab gegraben, dann umschlingt er in spitzig ausgezogener Schleife die Halbinsel mit dem alten Kloster Rheinau, geht bei Eglisau, wo er von der gewaltigen Hochbrücke der Eisenbahn Schaffhausen-Zürich überschient wird, von der südlichen wieder in die Westrichtung über, und strömt nun friedlich rauschend in weltabgeschiedener Einsamkeit an dem alten, steilgebauten Städtchen Kaiserstuhl und an den Wasserstelzschlössern vorbei, die mit ihrer lieblichen Umgebung durch Gottfried Kellers „Hadlaub“ unserem Empfinden so wertvoll geworden sind. Wer stille Gänge und Wasserfahrten liebt und gern mit seinen Gedanken allein ist, dem sei diese wenig bekannte Strecke des Oberrheinlaufes zu behaglichem Schlendern ganz besonders warm empfohlen. Auf der unfernen Küssaburg mag sich der Wanderer weiten Umblicks und schöner Alpenaussicht erfreuen, das Städtlein Zurzach aber weckt ihm die Erinnerung daran, daß hier dereinst die in der Peutingerschen Tafel verzeichnete Römerstraße von Vindonissa (Windisch bei Brugg) an der Aare nach Arae Flaviae (Rottweil) am Neckar den jungen Strom überbrückte. Eine kurze Strecke noch, und wir haben bei Koblenz = Confluentes den Zusammenfluß der Aare mit dem Rhein, und jenseits, auf hoher Flußterrasse, das Städtchen Waldshut (340 ~m~) erreicht. Damit sind wir ins Schwarzwaldgebiet eingetreten, und zwar auf einem der schönsten Zugänge, die sich machen lassen. Auf alle Fälle ist dieser Weg jedem, der nicht mit seiner Zeit zu geizen braucht, warm zu empfehlen.

[Sidenote: Donau und Rhein.]

War bisher der Rhein unser Begleiter, so kann bei vielen, die von Osten und Nordosten kommen, auch die Donau die Führerrolle übernehmen. Von Ulm her, wo mancherlei Straßen zusammenstreben, folgen wir dem Fluß durch Oberschwaben nach dem malerisch gelegenen Sigmaringen, der schmucken Hohenzollernresidenz, dann ziehen wir durch das obere Donautal bis Immendingen und bewundern auf dieser Strecke ebenso die Natur, die dem Fluß einen fast rätselhaft scheinenden Weg durch wilde Felsschluchten mit weißschimmernden Kalkwänden gebahnt hat, als die Kunst, welche diese Engen dem Straßen- und Bahnbau zugänglich machte. Von unersteiglich scheinenden Schrofen schauen das Bronnener Schlößchen, Werrenwag und die Feste Wildenstein herab, in einer grünen Talweitung liegt das kunstsinnige Benediktinerheim Beuron, bei der gewerbereichen Stadt Tuttlingen nimmt unsere Linie die von Stuttgart her auf, und bei Immendingen (658 ~m~), wo die Donau unterirdisch einen großen Teil ihres Wassers durch die Klüfte des Jura an die Hegauer Aach und damit an den Rhein abgibt, schneidet unser Weg den, welcher vom Bodensee nach Donaueschingen und weiter über den Schwarzwald in die Rheinebene führt. Wir aber streben Waldshut zu und benutzen darum die sogenannte strategische Bahn, die gegen Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zur Umgehung des rechtsrheinischen Schweizer Gebietes bei Schaffhausen gebaut worden ist. Im breiten und einförmigen Aitrachtal haben wir bald Zollhaus (702 ~m~) und damit eine der auffälligsten Stellen der Donau-Rhein-Wasserscheide erreicht.

Etwa 40 ~km~ westlich von hier sammeln sich im Feldsee (1113 ~m~) am Fuße des Feldbergs die Quellbäche eines Flüßchens, das erst Seebach, vom Titisee ab Gutach und weiter abwärts Wutach heißt. Bei Achdorf (540 ~m~), ein kleines Stündchen von Zollhaus entfernt, aber rund 160 ~m~ tiefer gelegen, biegt die Wutach aus ihrer bisherigen Ostrichtung nach Südwest um und erreicht den Rhein nahe der Aaremündung oberhalb Waldshut. In alter Zeit aber hat sie ihren Lauf weiter nach Osten genommen und ist durch das Tal der Aitrach der Donau zugeströmt, welch letztere also ihr Stromgebiet bis zu den höchsten Schwarzwaldbergen ausgedehnt hatte. Wir erkennen diese Tatsache an dem Vorhandensein reichlicher Schwarzwaldgeschiebe im Aitrachtal, dessen Breite und Form außerdem zu dem kleinen Wasserlauf der Gegenwart in gar keinem Verhältnis steht. Die hochgelegenen Flußterrassen über der Wutach westlich von Achdorf zeigen ebenso deutlich, daß der Fluß einst in einem Bett strömte, das höher lag als die jetzige Wasserscheide bei Zollhaus. Was hat ihn aus der alten Bahn abgelenkt? Das war die allmähliche Tieferlegung des Rheines im Schiefergebirge unterhalb Bingen, wodurch alle Zuflüsse im oberen Rheingebiet zur Steigerung des Gefälles und damit zu verstärktem Einschneiden in ihre Unterlage veranlaßt wurden. Ein Wasserlauf, der in der Richtung Stühlingen-Waldshut strömte, nagte sich darum immer tiefer nach rückwärts in den Gebirgskörper ein und zapfte schließlich in der Gegend des jetzigen Achdorf die hoch oben nach Osten fließende Wutach an. Indem sie nun in steilem Gefäll ihr Wasser nach Südwesten abgab, entstand im alten Tallauf eine Wasserscheide; die unterste Strecke der alten Wutach, die heutige Aitrach, behielt die frühere Richtung und das alte, schwache Gefälle bei, der Oberlauf aber suchte sein Gefälle auszugleichen und nagte sich deshalb tief ein zum jetzigen Schluchtlauf. Das wurde ihm durch das meist leicht zerstörbare Gestein der Juraschichten dieser Gegend erleichtert, und so haben wir bei Zollhaus in breitem Hochtal eine erst in jüngster geologischer Vergangenheit entstandene Verschiebung der europäischen Hauptwasserscheide. Wir haben aber noch mehr, nämlich eine Unterbrechung derselben durch eine Wassergabelung oder Bifurkation, die freilich nicht so großartig ist wie die des Cassiquiare in Südamerika. Der Quellbach der jetzigen Aitrach läßt sich nämlich durch eine Schleuse unfern von der Bahnstation Zollhaus nach Westen ableiten und ergießt sein Wasser dann in das „Schleifenbächlein“, das an dem alten, ruinenüberragten Blumberg vorbei eiligen Laufes zur Wutach hinunterstürzt.

[Sidenote: Die strategische Bahn.]

Um den bedeutenden Höhenunterschied zum Rhein hinab zu überwinden, muß unsere strategische Bahn, die in Rücksicht auf die Schnelligkeit und Sicherheit großer Truppentransporte in der Richtung auf die burgundische Pforte kein stärkeres Gefälle als 1 : 100 hat, eine Luftlinienentfernung von 9,6 ~km~ auf eine Streckenlänge von 23 ~km~ ausdehnen, sie macht also, bis sie die Talsohle der untern Wutach gewinnt, ungeheure Schleifen, darunter in dem 1700 ~m~ langen Stockhalden-Kehrtunnel eine solche über sich selbst weg. Die Strecke bis nach Weizen hinab ist eine Gebirgsbahn allerersten Ranges und steht an Schwierigkeit der technischen Probleme, welche der Bau in den hier weit verbreiteten weichen Tonen und Schiefern der Juraformation stellte, kaum der Albula- oder Gotthardbahn nach. Die Viadukte bei Epfenhofen und Fützen (Abb. 32), die Wutachbrücke unterhalb Blumegg, die überraschenden Ausblicke über weite Hochflächen und dann wieder in die schauerliche Gebirgswildnis, die bei den zahlreichen Richtungsänderungen der Linie ununterbrochen wechseln, machen diese im höchsten Grade interessant.

Bei Weizen zweigt die neue, bei dem Städtchen Stühlingen, das von dem Schlosse Hohenlupfen überragt ist, die alte Landstraße nach Bonndorf und damit auf den hohen Schwarzwald ab, deren Fortsetzung um den Juraklotz des Randen herum nach Schaffhausen gerichtet ist; vor der Eisenbahnzeit war diese Straße eine der wichtigsten von Freiburg und der Rheinebene her nach Südosten. In dem nun einförmiger gewordenen Wutachtal ist bald die Station Oberlauchringen an der Linie Konstanz-Schaffhausen-Basel, und bald darauf das Städtchen Thiengen erreicht, von wo es nun hoch über dem nahen Rhein nach Waldshut geht (Abb. 33), nachdem man kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof gerade gegenüber der Aaremündung einen schönen Blick in die Schweiz hatte, bei klarem Wetter auch einen solchen auf die Eishäupter der Alpen.

[Sidenote: Waldshut.]

Von Waldshut führen Bahnlinien über Winterthur in die Ostschweiz, über Baden im Aargau nach Zürich und am linken Flußufer hin nach Basel, wozu natürlich noch die rechtsrheinische, direkte Linie Konstanz-Basel kommt. Da außerdem die Wutach und ihre Zuflüsse, sowie manche kleinere Tälchen eine ansehnliche Zahl von Zugängen zum inneren Schwarzwald eröffnen, so ist Waldshut, das heute gegen 4300 Einwohner zählt, seit alters ein wichtiger Mittelpunkt für die Umwohner geworden und hat neben den drei anderen „Waldstädten“ am Oberrhein, Laufenburg, Säckingen und Rheinfelden, in der Geschichte der Landschaft stets eine bedeutsame Rolle gespielt. Die Hauptstraße macht einen sehr malerischen, altertümlichen Eindruck, der durch Türme und Tore, Stadtmauer und Graben noch stark gehoben wird. Die freien Ausblicke von den bequem zugänglichen Höhen der Umgebung, besonders auch der Niederblick auf die grünen Fluten des mächtig hinströmenden Rheins in seinem tiefgegrabenen Bette, bieten eine Fülle schönster Bilder.

[Sidenote: Hauenstein.]

[Sidenote: Das Hauensteiner Land; „Hotzenwald“.]