Part 4
Mit der zunehmenden Besiedlung ist natürlich seit Jahrhunderten vom ursprünglichen Waldareal ein gut Teil gerodet worden; die Orts- und Flurnamen Rütte und Reute und ihre Verbindungen, ebenso Schwand, Schwende, Schweine deuten an sehr vielen Stellen auf die einst bei weitem größere Waldverbreitung hin. Wo auf den Höhen der Ackerbau (Abb. 12) nicht mehr lohnt und regelmäßige Wiesenwässerung undurchführbar ist, da dehnen sich weitum grüne, im Frühsommer blumengeschmückte Weideflächen aus, die, solange es die Jahreszeit erlaubt, großen Viehherden als Tummelplatz dienen. Der regelmäßige Ackerbau ragt bis zu 1000 ~m~ Meereshöhe auf, ja an manchen Stellen finden sich in der Umgebung der am weitesten nach oben vorgeschobenen Bauernhöfe und Tagelöhnerhäuschen noch bei 1200 ~m~ spärliche Hafer- und Kartoffeläcker. Daß aber in solchen Höhen der ausschließliche Feldbau nicht mehr lohnt, ist selbstverständlich; daher spielt auf dem Schwarzwalde die Viehzucht, gestützt auf großen Weide- und Wiesenbesitz, eine viel wichtigere Rolle, und neben ihr die Waldarbeit und Industrie, ohne welche viele Existenzen durch die Kargheit der Natur schwer gefährdet wären.
Viele Bergweiden, auch Wiesen und Ackerland manches allzu rauh gelegenen Bauerngutes sind seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts vom Staate angekauft und aufgeforstet worden, so daß wir inmitten eines dicht bevölkerten Gebietes, das im allgemeinen den Boden immer intensiver auszunutzen gezwungen ist, die Waldfläche stetig sich vergrößern sehen. Um etwa 14% ist sie gegenüber dem Bestand von 1850 gewachsen, ein Umstand, der von manchem als wirtschaftlich unerfreulich hingestellt wird, der aber zweifelsohne als eine Verbesserung gelten muß, wenn man die dürftigen Zustände erwägt, unter welchen die durch die Aufforstung zu Orts- und Berufsänderung veranlaßten Bergbewohner einst gelebt haben.
Neben dem nicht sehr ausgedehnten Getreidebau -- eigentlicher Großgrundbesitz fehlt fast ganz -- ist die Anpflanzung von Kartoffeln im Schwarzwalde wichtig, Handelsgewächse (Tabak, Zichorie, Raps) haben nur in den tiefgelegenen, milden Tälern des Westens Bedeutung; dagegen ist der Obstbau von Belang. Unter dem Steinobst kommt den Kirschen ein ganz besonders hoher Wert zu; zahlreiche Gemeinden gewinnen durch großartigen Versand von frischen Kirschen, aber auch Pflaumen, Zwetschgen, Mirabellen usw., alljährlich viele tausend Mark, ganz abgesehen von der Edelbrauerei des berühmten Schwarzwälder Kirschen- und Zwetschgenwassers. Der herrliche Nußbaum ist einer der verbreitetsten Charakterbäume, und daß die Edelkastanie da und dort noch fast waldbildend auftritt, ist schon erwähnt worden.
Den Waldbewohnern geben die massenhaft verbreiteten Heidelbeeren und die auf rauhere Höhen beschränkten Preißelbeeren erfreuliche, von Jahr zu Jahr wachsende Einnahmen; aus der großen Erdbeerkultur in Staufenberg bei Gernsbach im Murgtal kommen während des Sommers viele Eisenbahnwagen voll der köstlichen Früchte zur Versendung nach allen Richtungen.
[Sidenote: Weinbau.]
Von unschätzbarer Bedeutung für das Wirtschafts- und Kulturleben des Schwarzwaldes ist der Weinbau (Abb. 11). Bis über 400 ~m~ hoch steigt von Süden und Westen her die edle Rebe aufwärts; sie wird sorgfältig gepflegt und gibt zwar schwankende, aber im Durchschnitt doch lohnende Ernten. Das Rheintal von Waldshut bis Basel, das Markgräflerland von hier bis Staufen, die Gegend von Freiburg, das Glottertal, das untere Kinzigtal, die Offenburger Gegend, die Landschaft von Bühl, sie alle geben zum Teil ganz vortreffliche Weinsorten. Markgräfler, Glottertäler, Durbacher, Klingelberger, Mauerwein, Affentaler und manche andere sind mit Recht weitum berühmt als freundliche Tröster im Ernst des Lebens und als bewährte Sorgenbrecher.
[Sidenote: Die Flora.]
Den vielen Freunden der ~scientia amabilis~ mag es erwünscht sein, einiges wenige über das Vorkommen seltener oder besonders interessanter Kinder Floras zusammengestellt zu finden. Man unterscheidet im Schwarzwalde bis zu 850 ~m~, an welcher Höhenlinie von unten her der Kirschbaum und von oben her das Bergwohlverleih (~Arnica~) ihre Grenzen finden, eine untere Bergregion, bis zu 1300 ~m~, wenig unter der Baumgrenze, eine obere und darüber die Voralpen- oder die subalpine Region, welche nur noch den Feldbergstock und die Belchenkuppe umfaßt.
[Sidenote: Florengebiete.]
Während Nadelholzwälder auf trockenem Sandboden meistens fast frei von Unterholz und Krautpflanzen sind, findet sich am Boden feuchter Wälder eine um so üppigere Vegetation. ~Adenostyles albifrons~ (Alpendost) und ~Mulgedium alpinum~ (Alpenmilchlattich) finden sich hier häufig mit dem blauen und gelben Eisenhut (~Aconitum~), mit dem Wald- und Alpenfrauenfarn (~Athyrium filix femina~ und ~alpestre~), den Schildfarnarten ~Aspidium spinulosum~, ~lobatum~ und ~Braunii~, alle häufig zu wahren Riesenexemplaren entwickelt. Dazwischen bildet der große, mit den Bächen in die Täler hinabsteigende ~Ranunculus aconitifolius~ (eisenhutblätteriger Hahnenfuß) eine willkommene Abwechslung.
Zwischen Felsblöcken beherbergen feuchte, moosige Waldstellen an schönen Orchideen gelegentlich ~Listera cordata~ (herzblätteriges Zweiblatt) und ~Coralliorrhiza innata~ (eingewachsene Korallenwurz). Ähnliche Standorte liebt ~Trientalis europæa~ (Siebenstrahl); in Gesellschaft von ~Maianthemum bifolium~ (Schattenblümchen) finden sich mehrere ~Pirola~-Arten (Wintergrün), darunter ~Pirola uniflora~. Dem Feldberg ist eigen ~Streptopus amplexifolius~ (stengelumfassender Knotenfuß), während ~Empetrum nigrum~ (Almenrausch) im südlichen Schwarzwald nur am Belchen vorkommt, im nördlichen dagegen häufiger ist.
Auf Bergwiesen und Weiden herrscht in der Blütenzeit strahlende Farbenpracht. Da duftet im Juni und Juli die leuchtend gelbe ~Arnica montana~ (Bergwohlverleih), wir finden die großblütige Glockenblume (~Campanula Scheuchzeri~), das Bärkraut (~Meum athamanticum~, seltener ~Meum mutellina~), ferner das Leinblatt (~Thesium montanum~ und ~alpinum~).
An Orchideen gehören hierher ~Gymnadenia albida~ (Nacktdrüse) und von der ~Platanthera~ (Waldhyazinthe) die Arten ~montana~ und ~bifolia~. Dazu kommt noch die Kugelorchis (~Orchis globosa~), sowie auf feuchten Bergwiesen nicht allzu selten ~Geum rivale~ (Ufernelkenwurz) und ~Trollius europæus~ (Trollblume).
[Sidenote: Florenregionen.]
Wir sind hiermit in die obere Bergregion eingetreten, in welcher Höhenstufe die Schwarzwälder Hochmoore liegen, im Süden seltener, im Norden und Nordosten auf den fast ebenen Buntsandsteinbänken ausgedehnter. Die Legföhre oder Latsche (~Pinus pumilio~) findet sich in der Feldberg-Umgebung nur am Schluchsee, während sie an der Hornisgrinde, auf dem Holoh usw. häufig auftritt. Allgemeiner kommt die Hackenkiefer (~Pinus uncinata~) vor. Als Leitgewächs der Moorlandschaften kann das Wollgras (~Eriophorum vaginatum~, seltener ~alpinum~) gelten. Auf Torfmoos- (~Sphagnum~-) Polstern haben sich verschiedene Arten des insektenfressenden Sonnentaues angesiedelt, so ~Drosera rotundifolia~, ~anglica~, ~intermedia~ und Bastarde unter ihnen. Dazwischen liegen die fadenförmigen Stengel der Moosbeere (~Vaccinium oxycoccos~), und von Bärlapparten kriecht das seltene ~Lycopodium inundatum~ am Boden hin. Sumpffettblatt (~Sedum villosum~), Sumpfheide (~Andromeda polifolia~) sind selten, während das Fettkraut (~Pinguicula vulgaris~) häufiger ist. Trockenere Stellen lieben die Sumpfheidelbeere (~Vaccinum uliginosum~) und das Heidekraut (~Calluna vulgaris~). Riedgräser (~Carices~) kommen reichlich vor, und Erwähnung verdienen hier noch ~Comarum palustre~ (Sumpffingerkraut), ~Phyteuma nigrum~ (schwarze Rapunzel), ~Parnassia palustris~ (Sumpfherzblatt), ~Menyanthes trifoliata~ (dreiblätteriger Fieberklee).
Die subalpine Schwarzwaldflora, deren seltene Vertreter zumeist an abgelegenen, schwer zugänglichen Stellen der höchsten Bergregion nur mühsam gefunden werden können, ist das Lieblingskind unserer Botaniker. Ganz vereinzelte Vorkommnisse sind meist nur wenigen Auserwählten bekannt, und ihre Standorte werden ebenso geheim gehalten wie einige künstliche Hegungen von Alpenrosen, alpinen Steinbrecharten und anderen dem Mittelgebirge an sich fremden Gästen, die von Freunden solcher Versuchspflanzungen aus den nahen Schweizerbergen gebracht worden sind.
Auf den höchsten kahlen Gebirgskämmen bildet Borstengras (~Nardus~) eine dünne Bodendecke, von Geröllschutt, Heidelbeerbüschen und Heidekraut unterbrochen. ~Gnaphalium supinum~ (Ruhrkraut), findet sich nur, und zwar selten auf dem Feldberg. Weiterhin mögen ~Saxifraga aizoon~ und ~stellaris~ (Steinbrech), ~Primula auricula~ (Aurikel), von Kryptogamen der Schildfarn (~Aspidium montanum~ und ~lonchitis~), das Zwergbärläppchen (~Selaginella selaginoides~), der Alpenbärlapp (~Lycopodium alpinum~) als besonders interessant genannt werden, ebenso das Goldfingerkraut (~Potentilla aurea~) und der bei den Viehhütten verbreitete Alpenampfer (~Rumex alpinus~). Der gelbe Enzian (~Gentiana lutea~), der Türkenbund (~Lilium martagon~), die Bergflockenblume (~Centaurea montana~), die dornenlose ~Rosa alpina~, seltene ~Hieracium~- und ~Crepis~-Arten (Habichtskraut, Pippau) erregen unser Interesse nicht minder als der Alpenlattich (~Homogyne alpina~), die Gänseblümchenaster (~Aster bellidiastrum~) und am Rande der erst im Hochsommer schmelzenden Schneefelder das Alpenglöckchen (~Soldanella alpina~). Schließlich mögen noch Erwähnung finden ~Sweertia perennis~ (ausdauernder Tarant), ~Bartschia alpina~, ~Campanula pusilla~, ~Alchemilla alpina~ (Alpenfrauenmantel), ~Allium victoriale~ (Siegwurz), ~Silene rupestris~ (Felsenleinkraut).
Diese so interessante Reliktenflora aus der Eiszeit weist auf einstige Beziehungen zu den Florengebieten der Alpen hin, und es erscheint auch wohl begreiflich, daß sie viel Gemeinschaftliches mit den Hochvogesen hat. Manche Einzelheit ist aber doch nicht aufgeklärt. Warum fehlt z. B. die ~Soldanella~ in den Vogesen, und warum sind die hier ansehnlich verbreiteten Arten ~Anemone alpina~ und ~narcissiflora~, ~Viola alpestris~, ~Androsace carnea~ dem Schwarzwalde fremd? Vielleicht ist es berechtigt, die Vogesen noch lange nach ihrer orographischen Trennung vom Schwarzwalde als im floristischen Ausstrahlungsgebiet der Pyrenäen gelegen anzunehmen, während für unser Gebirge die Annahme einer derartigen Verbindung nicht zulässig erscheint. Wie dem auch sei -- der Wanderer, der auf unsern Höhen nicht achtlos Fuß vor Fuß setzt, wird viel Befriedigung daran finden, wenn er seinen Blick nicht nur in die Ferne schweifen läßt, sondern auch dem Nächsten, was sein Auge trifft, den zarten Kindern Floras, freundliche Aufmerksamkeit schenkt, und das um so mehr, als er unter ihnen wirklich seltene und in ihrer eigenartigen Verbreitung höchst beachtenswerte Erscheinungen treffen kann, wenn er nur mit dem nötigen Eifer und einigem Geschicke sucht und gelegentlich sich das Abweichen von den gebahnten Wegen der Allgemeinheit nicht verdrießen läßt.
V. Die Bevölkerung des Schwarzwaldes.
[Sidenote: Bevölkerung bis zur Römerzeit.]
Die Ortslagen prähistorischer Fundstätten gestatten ziemlich sichere Schlüsse über die Besiedlungsgeschichte des Schwarzwaldes. Aus der älteren Steinzeit stammen die im Löß der Rheinebene bei Munzingen, im Keßlersloch bei Schaffhausen und am Schweizersbild ebendaselbst gefundenen, zum Teil unveränderten, zum Teil bearbeiteten Renknochen und -geweihe, sowie Steinwerkzeuge, Tonscherben und Holzkohlen. Neben diesen zeitlich ersten Spuren des menschlichen Daseins nahe dem Schwarzwaldrande sind die zahlreicheren Reste aus der jüngeren Steinzeit und der älteren Metallzeit bedeutungsvoll, die aus den Pfahlbauten nicht nur des Bodensees, sondern auch aus denen der Baar auf uns gekommen sind, jener Hochfläche an der jungen Donau, deren ausgedehnte Ried- und Moorbildungen für Pfahlbauniederlassungen gut geeignet erscheinen mußten. Waffen, Geräte und Schmucksachen derselben Art wie in den Pfahlbauten, aber fern von solchen gefunden, z. B. bei Unadingen im Westen von Donaueschingen, bei Istein unfern Basel, bei Ettlingen in der Karlsruher Gegend, sind beweiskräftig für die Auffassung, daß die jüngere Steinzeit den Schwarzwaldrand besiedelt sah, und zwar von einem Volke mit nicht zu verachtendem Kulturbesitz. Welcher Rasse dasselbe angehörte, wird nicht mit Bestimmtheit zu sagen sein, und auf Hypothesen einzugehen, ist hier nicht der Ort.
Die vorrömische Metallzeit, die wir aus Ringwällen, Hochäckern, Urnenfeldern, Flach- und Hügelgräbern kennen, läßt uns in der geographischen Verbreitung ihrer nicht seltenen Spuren den Fuß und die Vorhöhenzone des Gebirges fast in seiner ganzen Grenzlänge verhältnismäßig dicht besiedelt erscheinen; wir finden die Bewohner dieser Zeit, die wir als Kelten bezeichnen, vergleichsweise hoch entwickelt nach der Art, wie sie Ackerbau, Viehzucht, Gewerbe, Handel und Verkehr trieben. Beim Eindringen der Römer sehen wir die Kelten zum größten Teil durch jene Germanen vertrieben, die unter Ariovist durch Cäsar vom linken auf das rechte Rheinufer zurückgedrängt worden waren, aber bald nachher mit Marbod nach Nordosten abzogen, um der drohenden römischen Vergewaltigung zu entrinnen.
So war, als die Römer anfingen, sich häuslich im Lande einzurichten, dessen Bewohnerzahl sehr gering. Doch bestand damals schon der Gegensatz zwischen einer kleinen, brünetten, schwarzhaarigen, dunkeläugigen Rasse und einer großen, blonden hellhäutigen, blauäugigen. In der ersteren erkennen wir unschwer die verscheuchten Keltenreste, die soweit als möglich in die Täler des Gebirges eingedrungen waren und so den Grundstock zur späteren eigentlichen Schwarzwaldbevölkerung abgeben konnten, in der anderen die Germanen.
Römische Reste in großer Zahl geben Kunde von den zum Teil glanzvollen Niederlassungen der südlichen Eroberer, die bis ins vierte Jahrhundert hinein in unseren Gebieten weilten. Längs der Heerstraße von Vindonissa (Windisch) an der Aare nach Arae Flaviae (Rottweil) am Neckar, die den Rhein bei Zurzach überschritt, dann im oberen Rheintal von Waldshut bis Basel, am westlichen Gebirgsrande von hier bis Ettlingen und Pforzheim haben wir an Straßen, Brücken, Befestigungen, Militärstationen, Kultusstätten, Bädern, Ziegeleien, Villen eine so große Menge, daß wir uns von der römischen Machtentfaltung und Kultur im Oberrheingebiet ein deutliches Bild machen können. Das Gebirge hieß Silva Abnoba und war der Diana Abnoba geweiht; einer ihrer Altäre steht im wohlerhaltenen Römerbade zu Badenweiler, das an Glanz den Thermen von Aquae Aureliae (Baden-Baden) wohl nur wenig nachgestanden hat.
[Sidenote: Alemannen und Franken.]
Das innere, höhere Gebirge war von den Römern nicht besetzt, vielmehr ist erst die nachrömische, alemannische Besiedlung der Ausgangspunkt der heutigen Volksverteilung geworden. Des Frankenkönigs Chlodwig Sieg zwang 496 die Alemannen, sich auf das Gebiet im Süden der Murg und Oos zu beschränken und die fränkische Hoheit anzuerkennen. Bis zur heutigen Stunde wirkt jene Katastrophe mit ihren Folgen nach; im Norden von Baden und Rastatt, im „Unterlande“, herrscht die fränkische Mundart, im Süden, dem „Oberlande“, die alemannische, die durch den trefflichen Johann Peter Hebel, einen Sohn des Schwarzwälder Wiesentals, in die Literatur eingeführt wurde und vom nördlichen Schwarzwalde ab über den Rhein hinüber durch die ganze deutsche Schweiz bis zum Fuße des Monte Rosa gesprochen wird, freilich mit mancherlei, nur dem vertrauten Ohre merkbaren Abänderungen. Die Schwaben im Osten des Gebirges sind mit ihren westlichen Nachbarn, den Alemannen, als eine größere ethnographische Einheit aufzufassen, deren Glieder sich eigentlich nur mundartlich unterscheiden.
Aus der Zeit der Frankenherrschaft stammt die Einteilung in Gaue: Pfinzgau, Ortenau, Breisgau, Albgau, Klettgau, Baar; Siedlungen und Kultur jener Tage kennen wir aus den fränkisch-alemannischen Reihengräbern, die in der Baar, auf den Randhöhen des südöstlichen und südlichen Schwarzwaldes und in der westlichen Vorhügelzone weit verbreitet sind. Doch auch in dieser Periode war der hohe Schwarzwald noch unbewohnt. Interessant ist, daß unter 100 Schädeln der entsprechenden Gräberfunde 69 reine Langköpfe (Germanen), 9 Rundköpfe (Kelten) und 22 Misch- oder Übergangsformen gefunden werden, während das heutige Geschlecht nur noch 16% Lang-, dagegen 32% Rundköpfe und 52% Zwischenstufen aufweist. Der Schwarzwald erscheint hiernach als Ausstrahlungspunkt von keltischen Rundköpfen, deren Träger seit der Periode der Reihengräber sich stark vermehrten, aus dem Gebirge heraustraten und sich mit den langköpfigen Germanen, den jüngeren Ansiedlern, vermischten.
[Sidenote: Besiedlung im Mittelalter.]
In die Zeit gegen das Ende der fränkisch-alemannischen Reihengräberperiode fällt die Einführung und Ausbreitung des Christentums auf Schwarzwälder Boden und mit ihr die Errichtung zahlreicher Klöster, zumeist nach der Regel des heiligen Benedikt von Nursia. Zunächst spielte sich diese Kolonisation noch in den schon bis zu gewissem Grad besiedelten Randzonen ab, dann aber bald, nämlich vom zehnten Jahrhundert an, auf neugerodetem Waldlande, so in St. Trudpert im Münstertal, in St. Blasien an der oberen Alb. Nach dem Jahre 1000 folgten in bisher völlig unbewohnten Einöden St. Georgen, St. Peter, St. Märgen, Friedenweiler, St. Ulrich. Der Klostergründung folgte die Urbarmachung und Besiedlung weiter Flächen, deren Waldesdickicht sich nun rasch lichtete und im Verhältnis zur Rauheit des Klimas und zur anfänglich noch recht geringen Wegsamkeit fast nur allzuviele bäuerliche Niederlassungen auf den Grundstücken der Klöster entstehen sah. Der gelehrte Fürstabt Gerbert von St. Blasien hat nicht unrecht, wenn er in seiner ~Historia nigræ silvæ~ (1783 bis 1788) den Schwarzwald eine ~Colonia Sancti Benedicti~ nennt. In der Tat muß ein großer Teil des hohen Schwarzwaldes als junges Kolonialland angesehen werden, das erst vor neunhundert und weniger Jahren besiedelt worden ist, und zwar mit dem Überschuß von Menschenmaterial, welches sich in den leichter zugänglichen, seit alter Zeit bewohnten Tälern fand. So erklärt sich auch die starke Vermehrung der dunklen keltischen Rasse, von der vorhin die Rede war.
[Sidenote: Volksverteilung.]
In späteren Zeiten sind durch die Bedürfnisse der Waldarbeiter, Glasbläser usw. gelegentlich wohl noch da und dort kleinere Orte neu entstanden, aber im großen und ganzen hat sich die Volksverteilung seit lange nur noch der Zahl nach verschoben, aber nicht mehr hinsichtlich des Bildes ihrer geographischen Ausbreitung. In bezug auf diese geographische Verteilung der Schwarzwaldbevölkerung muß vor allen Dingen eines Verwunderung erregen, nämlich ihr weites Vorrücken nach oben. Während in den Vogesen das höchstgelegene Dorf, Altweiler, sich zwischen 800 und 900 ~m~ ausbreitet, zieht sich Hofsgrund im Schwarzwald bis gegen 1150 ~m~ hinauf, und abgesehen von dem das ganze Jahr bewohnten Touristenhaus des Feldberger Hofes mit 1278 ~m~ ist der Rinkenhof in dessen Nähe mit 1200 ~m~ Meereshöhe die höchstgelegene alte Siedlung des Gebirges. Im Gegensatz zu den Vogesen mit ihrem ausgeprägt schmalen, steilabfallenden, darum auch verkehrsfeindlichen Hauptkamm neigt der Schwarzwald weithin zur Hochflächenbildung; er setzt hiernach dem Verkehr wie der Bewohnbarkeit nach seiner orographischen Gestaltung keine allzugroßen Hindernisse in den Weg. Längst ist er darum zu einem straßenreichen Durchgangsland geworden, und wie sich die Volkszahl zur Höhenlage der Wohnsitze verhält, ist aus folgender Zusammenstellung ersichtlich:
Einwohner überhaupt in Proz. auf 1 ~qkm~ unter 200 ~m~ 17000 4,5 300 200-400 ~m~ 221000 56,4 165 400-600 ~m~ 60000 16,0 43 600-800 ~m~ 41000 11,0 37 800-1000 ~m~ 40000 10,7 37 1000-1200 ~m~ 5000 1,4 13
Summa 374200 100,0 69
Diese einer Untersuchung aus dem Jahre 1892 entnommenen Angaben beziehen sich nur auf den badischen Schwarzwald; entsprechende Zahlen für den württembergischen Gebirgsanteil würden die höheren Stufen noch schwerer ins Gewicht fallen lassen.
[Sidenote: Siedlungsverhältnisse.]
[Sidenote: Erwerbsleben.]
Leicht wird den zahlreichen Bewohnern des hohen Schwarzwaldes der Kampf ums Dasein nicht, und er ist es auch niemals gewesen. Schon früh machten sich die Folgen der zu dichten Besiedlung, wie sie von den Klöstern nach und nach durchgeführt worden war, in zu geringem Ausmaß der bäuerlichen Lehen unangenehm fühlbar, und manche schwere Katastrophe im Wirtschaftsleben führte allmählich zur Einführung des Anerbenrechtes, das sich zum Hofgüterrecht ausbildete, wonach im Interesse der Erhaltung des Besitzes und um die zu weitgehende Parzellierung zu verhindern, der bäuerliche Hof (Abb. 14) vom Vater auf den jüngsten Sohn oder die älteste Tochter übergeht, während die übrigen Geschwister mit Abfindungsgeldern sich begnügen müssen. Sie werden Knechte, Mägde, Tagelöhner, heiraten auf andere Höfe oder wenden sich der Industrie zu, und diese hat auf dem Schwarzwalde längst eine ruhmvolle Heimstätte erworben. Ohne sie wäre seine heutige dichte Bevölkerung undenkbar. Hinsichtlich des Erwerbslebens der Schwarzwälder mag daran erinnert werden, daß neben dem naturgemäß längst nicht mehr genügend ergiebigen Ackerbau -- Brotfrucht wird überall gekauft -- die Viehhaltung eine hohe Bedeutung erlangt hat. Milch, Butter und Käse geben sichere Einnahmen, deren Wertschätzung die Schwarzwälder Viehzucht durchweg auf eine mustergültige, weitum anerkannte Höhe brachte, die zu erhalten die Organe des Staates, der Kreise und Gemeinden aufs lebhafteste bemüht sind.
Die Jagd kann zumeist als eine gute bezeichnet werden. Sie erstreckt sich auf Rot- und Damwild, Rehe, Hasen, auch Füchse, Dachse, Marder, Wildschweine, Fischottern, auf Auer- und Birkhähne, Fasanen, Rebhühner, Enten usw. Die Fischerei gewinnt im Oberrhein den vielbegehrten Lachs, die vielen Gebirgsbäche mit ihrem beweglichen reinen Wasser beherbergen die muntere Bachforelle, wohl den köstlichsten aller Fische, dessen Erhaltung durch die Wirksamkeit mehrerer Fischzuchtanstalten gewährleistet wird.