Der Schwarzwald

Part 2

Chapter 23,163 wordsPublic domain

Im Westen breitet sich lang hingestreckt und tief eingesenkt die Oberrheinische Ebene aus, durchzogen von dem silberglänzenden Bande des mächtigen Stromes. Aus der Tiefebene, deren Boden von den Geschiebemassen des fließenden Wassers gebildet wird, erhebt sich inselartig das kleine vulkanische Kaiserstuhlgebirge. Und jenseits des Rheines sehen wir das Gesichtsfeld durch das Massengebirge des Wasgenwaldes begrenzt, das an Höhe dem Schwarzwald beinahe gleichkommt. Im Südwesten nähert es sich dem Schweizer Jura bis auf eine kleine Entfernung. Die Lücke zwischen beiden ist die Burgundische Pforte, ein zu allen Zeiten bedeutsamer Völkerweg, den heute die Festung Belfort beherrscht. Durch diese geschichtlich hochwichtige Niederung schweift der Blick noch weit hinüber in französisches Land.

Innerhalb dieses interessanten Rahmens, der Falten-, Tafel-, Massen- und Vulkangebirge sowie eine Schwemmlandebene umschließt, erhebt sich nun, dem Beschauer unmittelbar nahe gerückt, die den Vogesen ähnliche Masse des Schwarzwaldes selbst. Welche Fülle der Formen und welcher Reichtum in der Einzelgestaltung vom Größten bis zum Kleinsten! Die breiten, sanftgeböschten Rücken der höchsten Erhebungen in allernächster Nähe sind kahl, einförmiges Weidefeld. Wo das Gefälle steiler wird, wo die windgeschützteren Flanken des Berges sich in die Täler hinabsenken, da sehen wir den herrlichsten Wald zu unsern Füßen. Die hintersten Talböden sind meist nischenartig wie Alpenkare in den Gesteinskörper hineingearbeitet, vielfach von schroffen Felswänden umrahmt, teilweise von Seen ausgefüllt, deren Abdämmung vom geübten Auge leichthin als Moränenbildungen erkannt werden. Erscheint so die jetzige Oberfläche der alten Gebirgsmasse von eiszeitlichen Wirkungen wesentlich beeinflußt, so zeigen uns die tiefen, oft schluchtartigen und schwer zugänglichen Rinnsale der nahen Bäche und weitum die vielverzweigten Talläufe aufs deutlichste die zerstörende und durch die Zerstörung neu gestaltende Wirkung des fließenden Wassers auf seine Unterlage. So können wir von unserm Standpunkte aus wertvolle Einblicke gewinnen in die Wirkungsweise der Kräfte, welche das Relief der Gebirge modellieren und ihre Vielgestaltigkeit hervorzaubern. Nicht ohne Recht hat einst Melchior Neumayr, der zu früh verstorbene Wiener Geologe, betont, daß kaum ein anderer Aussichtspunkt so geeignet sei zur ersten Einführung ins Studium und Verständnis der physischen Geographie und Geologie als der Feldberg im Schwarzwald.

[Sidenote: Die Eigenart des Schwarzwaldes.]

Doch, wir wollen nicht Wissenschaft treiben, wir wollen die Eigenart unseres Gebirges dem Laien verständlich zu machen suchen und uns bemühen, ihm zum freudigen Genuß der landschaftlichen Schönheit des Schwarzwaldes zu verhelfen. Lassen wir darum nochmals die Augen umherschweifen. Aus den freundlichen Tälern grüßen, von saftig grünen Wiesen und goldgelben Ackerfluren umkränzt, anmutig gelegene Gehöfte und Ortschaften herauf; gut gebaute Straßen und Bergpfade, die gelegentlich im dichten Wald verschwinden und dann beim Heraustreten ins Freie sich wieder weithin verfolgen lassen, geben uns eine Vorstellung davon, wie groß das Verkehrsbedürfnis der dicht angesiedelten Bevölkerung, und wie wohl erschlossen für jeden Verkehr das an sich verkehrsfeindliche Gebirge ist. Zwischen den Tälern ragen Bergketten auf, eine hinter der anderen, auf denen wir auch noch fast überall die Spuren menschlicher Arbeit wahrnehmen, sei es im herrlich gepflegten Hochwalde mit seinen stolz ragenden Edeltannen, sei es im freien Weidefeld mit seinen Rinderherden, die sich um einen Brunnen mit mächtigem Wasserreichtum oder um eine „Viehhütte“ lagern oder ihre Bewegung durch den Klang ihrer Glocken weithin verraten. Da und dort steigt zum tiefblauen Himmel der weiße Rauch eines Hirtenfeuers auf, über dem das einfache Mahl der sommerlichen Bergbewohner bereitet wird. Über den Hochflächen erheben sich Berge mannigfachster Gestalt, doch überwiegt die sanft gerundete Kuppe. Die Siedlungen bleiben hinsichtlich ihrer oberen Verbreitungsgrenze nur unwesentlich hinter den beherrschenden Gipfeln zurück. Da schaut ein Einzelhof unter seinem mächtigen, altersgrauen Strohdach hervor, dort streckt eine Dorfkirche oder eine einsame Kapelle ihren schlanken Turm zum Himmel auf, kurz, das Bild ist trotz der Höhe unseres Standpunktes nicht etwa menschenfremd, es überwiegt nicht, wie beim Rundblick von einer Hochzinne der Alpenwelt, das Anorganische. Im Gegenteil. Dem aufmerksamen Auge ist alles ringsum belebt, belebt nicht nur von den gegenwärtigen Bewohnern der Landschaft und den überall erkennbaren Zeichen ihrer Tätigkeit, sondern durchgeistigt von dem Walten einer vielhundertjährigen Geschichte, es ist eine herrliche Kulturwelt, über die unser Blick hier oben schweift. Gleichwie die Farben des vor uns ausgebreiteten Bildes sich abtönen vom gesättigten Dunkelgrün der nächsten Wälder durch alle Abstufungen von Grün durch Blau bis zum verhauchenden Grauviolett der weitesten Fernen, so dringt unser geistiges Auge von dem klaren Lichte der Gegenwart rückwärts zu immer weiter abliegenden Zeiten, in denen auch schon Menschen hier oben lebten und arbeiteten und sich, wenn auch nicht so sicher und dauernd wie heute, des Lichtes freuten. Lange ist es her, seit der düstere Urwald, der einst fast die ganze Fläche bedeckte und dem Gebirge den Namen gab, gerodet, seit der erste Felssteig auf die Höhen angelegt wurde. Und was haben die Bewohner des um uns ausgebreiteten Landes seit langen Jahrhunderten erlebt und geduldet, wie waren sie wirtschaftlich bedrängt, was für Elend ist über sie hereingebrochen in den Zeiten des Krieges! Wie lange hat es gewährt, bis sie sich sicher fühlen konnten in ihrem Besitz, bis mit der allmählich sich festigenden äußeren Stellung auch eine höhere Auffassung des Lebens und seiner Zwecke in die bescheidenen Häuser der Wälderleute seinen Einzug halten konnte, so daß diese aus der früheren Weltabgeschiedenheit hervortraten, an allen Betätigungen menschlichen Schaffens sich beteiligen lernten, in ansehnlicher Zahl hinauszogen in alle Welt und für die Daheimgebliebenen das wurden, was man vergleichsweise Sauerteig nennen möchte, so daß im Verlauf weniger Generationen die Schwarzwaldbevölkerung sich heraufarbeiten konnte zu einem der vorgeschrittensten und in jeder Hinsicht tüchtigsten unter den deutschen Stämmen. Auf Schritt und Tritt verraten sich unserem aufmerksamen Auge tausendfältig die Spuren der geordneten, behäbigen Lebensführung des Schwarzwälders und seines bescheidenen Wohlstandes.

[Sidenote: Land und Leute.]

Nirgends mehr schreckt das Düster undurchdringlichen Waldes; alles, was uns auch auf abgelegenen Pfaden vor Augen tritt, atmet Sicherheit, Behagen, Ordnung und Kultur. Dabei nirgends etwas von Aufdringlichkeit, von Protzigkeit. Die gut gearteten Menschen, ihre Bauwerke und Wege, ihr Schmuck und die Äußerungen ihres Vergnügens, alles ist der freundlichen Natur sinnvoll angepaßt. Nichts erscheint gekünstelt oder als Ergebnis plumper Effekthascherei. In allen Dingen finden wir eine wohltuende Harmonie zwischen den Bildern der Schöpfung und ihrer Belebung durch den Menschen. Und darum ist der Schwarzwald so schön, darum bereitet das Scheiden von ihm den Einheimischen so herben Schmerz, darum zieht er so viele an, die sich in unserer in allen Stücken aufs Große gerichteten Gegenwart noch den Sinn für Schlichtheit bewahrt haben. Das letztere sei hier allerdings nicht so gemeint, als ob etwa der Schwarzwaldreisende auf das verzichten müßte, was man Komfort nennt. Im Gegenteil!

Nicht leicht wird man in anderen Gauen auf höchster Höhe oder fern vom belebenden Schienenstrang und von der großen Heerstraße, im abgelegensten Dorfe oder Weiler so gute Unterkunft finden wie im Schwarzwald, wo kein verständiger Wunsch an Quartier oder Verpflegung unerfüllt zu bleiben braucht. Vom großen Hotel ersten Ranges der Städte, Bade- und Luftkurorte bis zum bescheidensten, aber sauberen, urbehaglichen und billigen Bauerngasthaus finden sich alle Übergänge, so daß jeder Geschmack Befriedigung finden kann.

II. Orographische und geologische Übersicht.

[Sidenote: Wasgenwald und Schwarzwald.]

Um den Schwarzwald als Gebirgsindividuum verstehen zu können, muß er im Zusammenhang mit seiner Umgebung betrachtet werden. Und da ist nun vor allen Dingen die sich lebhaft aufdrängende Wahrnehmung von Belang, daß unser Gebirge im Wasgenwald jenseits des Rheines eine Art von Spiegelbild besitzt mit einer auffallend großen Anzahl von übereinstimmenden Zügen, die jedem aufmerksamen Beobachter den Gedanken an einen inneren Zusammenhang der beiden Erhebungssysteme nahelegen. Von Basel, das 243 ~m~ hoch liegt, bis gegen Mainz (82 ~m~) hinab bildet die im Mittel 30 ~km~ breite Rheinebene auf eine Länge von 300 ~km~ die Symmetrieachse für ihre beiderseitigen Randgebirge. Im Westen steigen die Vogesen aus der Burgundischen Pforte (350 ~m~) rasch zu ihren höchsten Gipfeln an und erreichen im Gebweiler Belchen eine Höhe von 1423 ~m~. Weiter nach Norden nimmt die Höhenentwicklung allmählich ab, der Paß von Zabern senkt sich bis zu 404 ~m~, und jenseits desselben steigt dann der Kalmitgipfel der pfälzischen Hart wieder bis auf 683 ~m~ an. Die genannten Gebirge fallen gegen die Rheinebene im Osten ziemlich unvermittelt ab, während sie nach der entgegengesetzten Richtung im Lothringer Stufenlande einen allmählichen Abfall aufweisen, der sich in treppenförmigen Absätzen verfolgen läßt bis zum Rande des Pariser Beckens.

Ganz entsprechend steigt vom oberen Rheintale zwischen Waldshut und Basel der Schwarzwald in kurzem Abstande zu seiner beherrschenden Kuppe, dem Feldberg (1493 ~m~) auf, vermindert nach Norden seine Gipfel- und Kammhöhe mehr und mehr, bis das Gebirge nördlich auf der Wasserscheide zwischen Pfinz und Enz an der Straße von Karlsruhe nach Pforzheim sich auf 374 ~m~ herab senkt, um jenseits dieser Eintiefung, einer der wichtigsten ihresgleichen im Kraichgauer Hügellande, wieder zum Odenwald anzusteigen und hier im Katzenbuckel eine Höhe von 626 ~m~ zu erreichen. Auch diese rechtsrheinischen Erhebungen weisen ihren Steilabfall dem großen Strome zu und zeigen auf der ihm abgewandten Seite ein wesentlich schwächeres, ebenfalls stufenförmiges Gefälle in die Terrassen- und Hügelländer Schwabens im Süden, Frankens im Norden.

Nach dieser auffälligen und klar übersehbaren Symmetrie der Oberflächenformen erscheint das ganze südwestliche Deutschland nebst dem im Westen angrenzenden Frankreich, also das Gebiet von der Maas bis zum Fichtelgebirge, von der Burgundischen Pforte bis zum Taunus als eine orographische Einheit, innerhalb welcher nunmehr der Schwarzwald nur als Glied dieses größeren Ganzen, des „Südwest-deutschen Beckens“, zu betrachten ist. Noch inniger als hinsichtlich der Höhenverhältnisse treten uns diese Zusammenhänge vor Augen, wenn wir sie geologisch zu ergründen suchen.

[Sidenote: Geologischer Bau.]

Jede geologische Karte des Gebietes läßt erkennen, daß der Schwarzwald wie der Wasgenwald im südlichen Gebirgsteile je einen großen, im allgemeinen südnördlich gerichteten Urgebirgskern aufweist, der im Norden unter immer weiter sich ausbreitenden Buntsandsteindecken verschwindet, wie auch die von der Rheinebene sich abwendenden Außenseiten der beiden Gebirge nach Schwaben und Lothringen zu eine starke Verbreitung des Buntsandsteins zeigen. Auf dessen fast ebene Hochflächen legen sich der Altersreihenfolge nach die jüngeren Sedimente des Muschelkalks und des Keupers, endlich die des Jura in der Weise auf, daß man von den Höhen des linksrheinischen Gebirges westwärts, des rechtsrheinischen ostwärts schreitend immer auf jüngeres Gestein stößt, während man abwärts steigt; nur der rechtsrheinische Jurazug ragt wieder in höheres Niveau auf. Auch die dem Rheine zugekehrten Innenseiten der Zwillingsgebirge sind auf lange Erstreckung hin von den genannten Sedimentbildungen in der Reihenfolge ihres Alters derart begleitet, daß man mit der fortschreitenden Entfernung von den Gebirgskernen stets auf jüngere Formationen stößt. Zumeist bilden aber hier diese Sedimentgesteine nur schmale, vielfach zerrissene und unterbrochene Streifen von Vorhöhen des eigentlichen Gebirges, die im nördlichen Schwarzwald sogar so gut wie gänzlich fehlen (s. Profil, Abb. 2 u. 3).

Das Grundgebirge des jetzigen südwestdeutschen Beckens und seiner weiteren Umgebung stellt sich als der heute vielfach in Einzelschollen zerrissene Rest eines alten Gebirges dar, das sich hauptsächlich aus Gneisen aufbaut, die aber gar mannigfach von Graniten und verwandten Gesteinen durchbrochen sind.

[Sidenote: Vom Paläozoikum bis zum Tertiär.]

Paläozoische Schiefer, Silur, Devon bis herauf zur Kohlenformation und dem Rotliegenden der Permformation, zeigen sich stark gestört und erscheinen als ein altes, von Südwest nach Nordost streichendes Faltensystem, dessen Erhebung in die späteren Zeiten des Paläozoikums fällt und dem der Name „Variskisches Gebirge“ beigelegt worden ist. Auf dem Rotliegenden, das noch gefaltet ist, liegen diskordant, aber unter sich wieder parallel, die Sedimente der Trias, nämlich des Buntsandsteins, Muschelkalks und Keupers, sowie die der jurassischen Bildungen Lias, Dogger, Malm, die in einer langen Zeit ruhiger Ablagerung teils festländischer, überwiegend aber mariner Natur das alte Gebirge unter sich begruben. Kreide- und ältere Tertiärschichten fehlen vollständig, das Land hat während der Zeit ihrer Bildung inselartig aus den umgebenden Meeren aufgeragt.

Das mittlere Tertiär stellt sich, wie der erwähnte Abschnitt der paläozoischen Zeit, als eine Periode großartiger Gebirgsbildung dar, der wir in unseren Gegenden nicht nur die Entstehung des Faltengebirges der Alpen, sondern vor allen Dingen die Ausgestaltung des südwestdeutschen Beckens zu seinen heutigen Formen verdanken. Hier senkten sich im Gegensatz zu den Alpen, deren Entstehung wir auf die Wirkung mächtigen Seitendruckes zurückführen müssen, längs weithin verlaufender Verwerfungslinien einzelne Schollen in die Tiefe, andere blieben stehen oder erfuhren sogar eine Hebung. Die hauptsächlichsten dieser Spalten, welche für die jetzige Konfiguration unserer Landschaft maßgebend sind, verlaufen von Südsüdwest nach Nordnordost. In der Achse des Insellandes entstand die gewaltige Grabenversenkung der jetzigen Oberrheinischen Tiefebene, deren Boden lange Zeit vom Meere überflutet war und sich erst später sehr allmählich mit ungeheueren Mengen von Flußgeschieben bedeckte, die ihm durch die Wasserläufe der umrandenden Höhen, beziehungsweise durch den Rhein zugeführt wurden. An den vom Graben abgewandten Außenseiten der früher einheitlichen Landmasse aber sanken die Schollen weniger tief als in dem Graben selbst, doch so, daß das Ausmaß des Absinkens mit der Entfernung von den Gebirgskernen Wasgenwald und Schwarzwald immer bedeutender wurde.

[Sidenote: Entstehung des Reliefs.]

Auf diese Weise entstanden die durch die spätere Arbeit des spülenden und fließenden Wassers in ihrem Relief immerhin noch reich gegliederten Stufenländer von Lothringen und Schwaben, auf dieselbe Weise die schmalen Zonen von Schichtgesteinen in der Vorhöhenreihe zwischen der Rheinebene und den höheren Gebirgen. Sehr tief gehende Querverwerfungen von im allgemeinen westöstlicher Richtung wurden die Veranlassung zu den Einsenkungen von Zabern und im Kraichgau, während weiter nördlich, in der Hart und im Odenwalde, das Absinken wieder in geringerem Maße stattfand. In dem Netz der Verwerfungsspalten dürfen wir die ersten Voraussetzungen für die Anlage der jetzigen Flußsysteme erblicken, zu deren weiterer Ausgestaltung freilich das fließende Wasser selbst das meiste beigetragen hat.

Die Abtragung, Denudation, setzt, wie wir überall wahrnehmen können, aus klimatischen Gründen stets um so wirksamer ein, je höher ihre Angriffsfläche liegt. So erklärt es sich, daß die Kämme und Gipfel unserer südwestdeutschen Schollengebirge da, wo das Absinken in der Tertiärzeit am geringsten war, also im Süden, von ihren alten Decken sedimentärer Gesteine allmählich entblößt wurden und nun das Grundgebirge zutage treten lassen, während jene Sedimente in den tieferen Lagen der umgebenden Stufenlandschaften noch erhalten sind. Vielerorts sind Grundgebirge wie ältere Sedimente in weiter Ausdehnung von diluvialen, insbesondere von eiszeitlichen Bildungen überdeckt (Abb. 4), die uns zeigen, daß unsere Landschaften in jüngerer geologischer Vergangenheit auch die Wirkungen glazialer Kräfte über sich haben ergehen lassen. Wir werden mehrfach Gelegenheit haben, die von der Eiszeit modellierten Züge im Antlitze des Schwarzwaldes wieder zu erkennen.

[Sidenote: Abgrenzung des Gebirges.]

Soll nun unser Gebirge, das nach seiner Entstehung als Massen- oder Schollengebirge zu bezeichnen ist, gegen seine mit ihm durch gemeinschaftliche Geschichte eng verwandten Nachbargebiete abgegrenzt werden, so ist das im Süden und Westen, ja auch im Norden nicht schwer. Denn hier fallen die orographischen Gesichtspunkte der Höhenentwicklung, die wir zur naturgemäßen Umgrenzung benutzen können, mit den geologischen Kriterien gut zusammen.

Im Süden bildet von der Einmündung der Wutach ab auf eine Länge von mehr als 60 ~km~ der Rhein, zu dessen rechtem Ufer das Gebirge abfällt, die Grenze des Schwarzwaldes gegen den Schweizer Jura, der jenseits des Stromes ebenso unmittelbar ansteigt. Von Basel bis in die Gegend von Durlach bei Karlsruhe (116 ~m~) ragt der Schwarzwald längs einer scharf hervortretenden, etwa 200 ~km~ langen Linie, die von Südsüdwest nach Nordnordost verläuft, aus den Flußgeschieben der Rheinebene auf; im Norden folgt unsere Grenze der schon erwähnten Eintiefung der Pfinztalfurche, welche bei 374 ~m~ verlassen wird, um sich nach Pforzheim an der Enz (247 ~m~) hinabzusenken. Dieser nur etwa 25 ~km~ lange Nordrand fällt annähernd mit der Grenze des waldreichen Buntsandsteins gegen die Ackerböden des Muschelkalks zusammen und bildet so eine auch dem Laienauge auffällige Scheide des vom Walde benannten Höhengebietes gegen das fruchtreiche, niedrige Hügelland im Kraichgau.

[Sidenote: Begrenzung und Fläche.]

Wollte man, wie das oft vorgeschlagen worden ist, den Ostrand des Gebirges zwischen Pforzheim und dem Rhein bei Waldshut nach dem gleichen Gesichtspunkt bestimmen und demnach möglichst an die Grenze von Buntsandstein gegen Muschelkalk legen, so würde die so zu gewinnende Linie orographisch an vielen Stellen gar nicht hervortreten. Sie erscheint daher in strenger Durchführung unpassend für unsere Zwecke. Besser und plastisch durchaus wirkungsvoll ist dagegen die im folgenden gezeichnete Grenze, welche durchweg Tallinien folgt, also geeignet ist, die Erhebungen, die im Westen als geschlossene Gebirgsmasse aufragen, von den niedrigern Stufenländern des Ostens zu trennen. Freilich fällt diese den Talrinnen folgende Linie nicht streng mit geologischen Formationsgrenzen zusammen, doch läßt sie in der Hauptsache die echten Schwarzwaldhöhen des Buntsandsteins westlich, und jenseits ziemlich schmaler Muschelkalk- und Keuperbänder den Jura im Osten liegen. Sie verläuft von Pforzheim dem Flüßchen Nagold entlang bis zum Städtchen gleichen Namens (452 ~m~), überschreitet die Wasserscheide zum Neckar bei Hochdorf (511 ~m~), senkt sich hinab nach Horb (391 ~m~), folgt dem Neckar bis zu seiner Quelle (700 ~m~) in der Nähe von Schwenningen und verläuft weiter über einförmige Hochflächen, auf denen sie die Rhein-Donau-Wasserscheide zum erstenmal trifft, bis nach Donaueschingen (676 ~m~), von wo sie, immer in südlicher Richtung weiter ziehend, die Wasserscheide der Donau gegen den Rhein bei etwa 780 ~m~ wieder überschreitet und bald danach das östliche Knie der Wutach bei Achdorf (540 ~m~) erreicht, um schließlich diesem Fluß zu folgen bis zum Rhein (319 ~m~) oberhalb Waldshut.

Dieser rund 190 ~km~ lange Ostrand des Schwarzwaldes liegt durchweg höher als die Süd-, West- und Nordgrenze des Gebirges; man kann ihm eine Mittelhöhe von 400 ~m~ zuschreiben, während die entsprechenden Werte im Süden 270, im Westen 150, im Norden 190 ~m~ betragen.

In diesen Grenzen bedeckt unser Gebirge eine Fläche von 7860 ~qkm~, von denen 6060 ~qkm~ oder 77% auf Baden, 1800 ~qkm~ oder 23% auf Württemberg fallen. Kleine Schweizer Gebietsteile bei Basel und hohenzollerische bei Horb sind dabei nicht besonders ausgeschieden. Zum Rheingebiet gehören 7350 ~qkm~ oder mehr als 93%, zum Donaugebiet 510 ~qkm~ oder weniger als 7% des Schwarzwaldareals. In der Luftlinie gemessen ist die größte Südnordausdehnung des Gebirges zwischen Säckingen und Durlach 166 ~km~, der größte Westostabstand von Müllheim bis Achdorf 67 ~km~, die mittlere Breite etwa 47 ~km~; die Breite nimmt von Süd nach Nord fast stetig ab. --

[Sidenote: Einteilung des Gebirges.]

Zum Zwecke der Orientierung hat der Volksmund längst einen südlichen und nördlichen Gebirgsteil unterschieden und beide durch das Kinzigtal voneinander getrennt, ohne daß man sich aber genauere Rechenschaft darüber gegeben hätte, welches für beide Hälften die ihr Wesen bedingenden charakteristischen Merkmale seien. Geeigneter erscheint die Vierteilung in einen südlichen, mittleren, nördlichen und östlichen Schwarzwald. Erscheint die erstgenannte Teilgruppe als die Landschaft der vom Feldberg nach allen Seiten strahlenförmig auslaufenden Kämme und ihrer Verzweigungen, so haben wir in der zweiten neben einem niederen westlichen Vorlande in der Umgebung des Hünersedels zwei parallele Hauptkämme von südnördlicher Richtung und daran anschließend eine zum Donaugebiet abfallende Hochfläche; der nördliche Schwarzwald kann als das weitere Gebiet des von Süd nach Nord verlaufenden Hornisgrindenkammes definiert werden, der östliche endlich ist das überwiegend aus Buntsandstein, weiter südlich auch aus Muschelkalk aufgebaute, den Höhenunterschieden nach wenig gegliederte Hochland zwischen Pforzheim und Donaueschingen: in der Hauptsache der württembergische Schwarzwald.

Der östliche Schwarzwald läßt sich gegen die westlichen Gruppen des Gebirges leicht abgrenzen durch das Tal der Untern Murg von Rastatt bis Freudenstadt, das der obern Kinzig von da bis Schiltach, des Schiltachflüßchens bis zu seiner Quelle am Ruppertsberg und der Brigach von hier bis Donaueschingen. Die das ganze Gebirge quer durchbrechende Kinzig trennt auf der Strecke Schiltach-Offenburg den nördlichen vom mittleren, das Tal der Dreisam, des Rot- und Höllenbachs und der oberen Wutach auf der Strecke Freiburg-Hinterzarten-Achdorf den mittleren vom südlichen Schwarzwald.