Der Schwarzwald

Part 12

Chapter 122,989 wordsPublic domain

Die heißen Quellen von Baden (Bahnhof 152 ~m~, Neues Schloß 220 ~m~) oder Baden-Baden, wie die Stadt zur Unterscheidung von anderen ihres Namens bei vielen heißt, kommen aus den Tiefen des Granits und spenden im Tag über 8500 ~hl~ Thermalwasser, das in der Brunnenstube 62,5° ~C~ mißt und als indifferente Therme mit geringem Gehalt an Kochsalz und anderen Mineralbestandteilen bezeichnet werden muß. Sie sind früh entdeckt und zu Heilzwecken benutzt worden; das römische ~Aquae~, der Hauptort der ~civitas Aurelia aquensis~, war, nach den Ruinen unter der Stiftskirche zu schließen, eine sehr ansehnliche Niederlassung, auf die vom nahen Waldberge, der heute noch den Namen Merkur trägt (670 ~m~), ein Tempel des Handelsgottes herabsah. Das Merkur-Relief neben dem modernen Aussichtsturm erinnert an diese fern liegende erste Blütezeit unserer Bäderstadt. Diese kam nach mancherlei Geschicken um 1110 unter zähringische Herrschaft und gab dem Staate, dem sie seither ununterbrochen zugehörte, den Namen. 1689 ward sie von den Franzosen gründlich zerstört, und es dauerte danach über hundert Jahre, bis das gänzlich zerfallene Bad wieder aufzuleben anfing. Von 550 Gästen um 1790 stieg deren Zahl bis 1820 etwa aufs Zehnfache, 1860 waren es 40000, jetzt sind es über 70000 im Jahre; die Stadt zählt heute mit dem kürzlich eingemeindeten Lichtental 22000 Einwohner und steht an Trefflichkeit der Kureinrichtungen unerreicht und an Schönheit der umgebenden Landschaften unerreichbar da (Abb. 140). Das Klima ist überaus milde, die Wärmeschwankungen sind, mit anderen Orten des Rheingebietes verglichen, auffallend gering, rauhe Winde fehlen fast ganz, da sie durch die umgebenden Höhen abgehalten werden; die mäßig feuchte Luft -- wohl eine Wirkung der ausgedehnten Wälder weit umher -- ist weich und köstlich zu atmen. Daß ein von der Natur so glänzend ausgestatteter Kurort auch alles bietet, was ein aufs höchste verfeinerter Geschmack verlangt und was dem internationalen Badepublikum nun einmal geboten werden muß, das versteht sich von selbst. Aber neben den großen Palasthotels, die auch die unsinnigsten Ansprüche zu befriedigen in der Lage sind, besteht doch die Möglichkeit, auch bei bescheidenen Mitteln sich des Aufenthaltes in Baden zu freuen; und gerade hierin mag ein Hauptvorzug des Ortes liegen, der neben den wertvollen Kurmitteln und neben der reizvollen Lage das Geheimnis des stets wachsenden Besuches erklärt.

Am Wege vom Bahnhofe in die Stadt, dem jetzt die elektrische Trambahn nach Lichtental folgt, fällt uns an einer rechts abzweigenden Nebenstraße zuerst die Trinkhalle auf (Abb. 139), unmittelbar am Walde gelegen, aus dessen Düster die goldstrahlende Kuppel der griechischen Kirche hervorschimmert. Die Gegenstände der vierzehn Fresken in der offenen Säulenhalle sind dem Sagenschatze von Badens näherer und weiterer Umgebung entnommen. Das Konversationshaus mit seinen vornehmen Gesellschaftsräumen, vor ihm die Anlagen der Promenade und die an der Oos hinziehende Lichtentaler Allee (Abb. 141) mit ihren wunderbar schönen alten Bäumen, meist Ahorn und Linden, aber auch Eichen, bilden den eigentlichen Mittelpunkt des eleganten Badelebens. Dem Heilzweck dienen das im Inneren nach dem Muster altrömischer Badeanlagen gehaltene und nur von Männern zu benutzende Friedrichsbad (Abb. 142), im Jahre 1877 vollendet, und das noch jüngere Kaiserin-Augustabad (für Frauen). Beide Bauten sind Vertreter der italienischen Renaissance, hervorragend schön und in ihrer inneren Einrichtung so trefflich ausgestattet, daß sie jedem Bedarf und Anspruch entsprechen. Auch das Landesbad und das Ludwig-Wilhelm-Pflegehaus dienen Kur- und Erholungszwecken. Dazu kommen nicht wenig Privatsanatorien mit Einrichtungen allerart für jede Form von Heilmethoden. Baden ist eben tatsächlich nicht nur der Luxusort, als der es einem flüchtigen Besucher erscheinen könnte, es ist wirklich eine Kurstätte allerersten Ranges. Daß dem Kranken die zahlreichen, prächtig gepflegten Wege zum Fahren und Gehen zwischen den ungezählten schönen Villen und ihren Gärten, in der Talebene wie an den sanften Gehängen ihrer Einrahmung, in Anlagen voll reichster künstlicher Vegetation vielfach ganz südlichen Charakters, endlich im stillen, majestätischen Wald und auf den aussichtsreichen Höhen zu allen Seiten mit ein Hauptgenesungsfaktor sind, wie sie dem nicht erholungsbedürftigen Gaste dieses Paradieses zur unerschöpflichen Fundgrube immer neuer, immer schönerer Landschaftsbilder werden -- das versteht sich von selbst. Ob wir vom Garten des Großherzoglichen Schlosses oder vom Turm der alten Burg Hohenbaden (Abb. 143) ins Tal herniederblicken, ob wir durchs Labyrinth der Felsen steigen, die Umgebung der Engels- und Teufelskanzel oder den höheren Merkur besuchen, um von hier ins nahe Murgtal abzusteigen, ob wir im Wald am Friesenberg umherschlendern oder uns über den Beutig zum Fremersberg oder zur Yburg wenden, um etwa durch die villenbesäten Tälchen von Tiergarten oder Gunzenbach zurückzukehren, ob wir Kloster Lichtental und die waldeinsame Fischkultur (Abb. 144) aufsuchen, oder irgendeinen anderen der vielen abwechslungsvollen Pfade einschlagen, überall ist dieselbe milde Schönheit über die Welt vor unseren Augen ausgebreitet, und je öfter wir all das genießen, desto lebhafter wird der Wunsch nach der Wiederkehr in diese lieblichen Gefilde. Ob Baden sich in der milden Herbstfärbung oder in strahlender Sommerpracht oder im Blütenschmuck des Frühlings am herrlichsten offenbare, wer wollte das entscheiden? Glücklich, wem es vergönnt ist, ab und zu still beglückte Tage oder auch nur Stunden in diesem Eden zu verleben und die Reize der einzelnen Jahreszeiten und ihrer Stimmungen gegeneinander abzuwägen.

XV. Murg- und Kinzigtal von Rastatt bis Hausach.

[Sidenote: Rastatt. Murgtal.]

Von Oos gelangen wir in kürzester Frist nach Rastatt, das vom Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden-Baden, dem als Türkenlouis berühmt gewordenen Waffengefährten des Prinzen Eugen, nach der Zerstörung der nahen Bäderstadt durch die Franzosen zur Residenz erhoben, um 1700 mit dem im Stil jener Zeit erbauten Schloß geschmückt, 1841 zur deutschen Bundesfestung bestimmt und seit 1893 als fester Platz aufgelassen und geschleift wurde. +Gegen+ Straßburg hatte es Wert zum Schutz der Murgtalstraße und ihrer Gebirgspässe, sowie der nördlichen Rheinebene, +mit+ Straßburg aber nicht mehr. Heute zählt die Stadt gegen 15000 Einwohner; seit der Erbauung der Bahn über den Rhein in der Richtung auf Straßburg und Metz hat sie erhöhte Verkehrsbedeutung gewonnen. Nicht weit unterhalb Rastatt mündet die Murg in den Rhein.

Wir dringen nun längs ihres Laufes ins Gebirge ein, und gelangen so, da sie auf der Ostseite entspringt und sich in nördlicher und nordwestlicher Richtung durch den Buntsandstein, Gneis und Granit des Schwarzwaldes durcharbeitet, ohne Übersteigung einer Wasserscheide von der Rheinebene an den Ostfuß des Hornisgrinden-Kammes. Die Murglinie hatte, eben weil sie ein Durchbruchstal benutzt, von jeher hohen Wert als Straße nach Schwaben, und so erklärt sich auch die Wahl von Rastatt zur Festung gegen das einst allzunahe Frankreich.

Die Talbahn, die bei Forbach endigt, erreicht das Gebirge bei Kuppenheim, in dessen Nähe das Schlößchen der Favorite mancherlei Erinnerungen an den Türkenlouis und seine asketische Gemahlin Sibylla Augusta birgt; dann fährt man unter dem Eichelberg und dem Mahlberg (613 ~m~) mit seinem Karlsruher Turm hin an den großen Orten Rotenfels, Gaggenau -- Glasfabrik, Eisenwerk -- und Ottenau vorbei, nach Hörden, wo das Tal sich so einengt, daß neben dem Fluß der Raum für Straße und Bahn dem Fels abgetrotzt werden mußte. Eine oft zitierte Denkstein-Inschrift spricht das recht hübsch aus:

~Ex rupe fracta Haec via facta.~

Diesen Felsen sprengte man Und legte einen Fahrweg an. 1786.

~Aetate peracta Haec ferrea tracta.~

Später ging man wieder dran Und baute eine Eisenbahn. 1869.

Nun kommt man bald nach Gernsbach (Bahnhof 160 ~m~), einem allerliebsten, steil am Berg hinaufgebauten Städtchen von etwa 2800 Einwohnern, dem alle Vorzüge, die z. B. von Gengenbach oder Oberkirch gerühmt wurden, in reichem Maße auch zukommen (Abb. 145). Die Lage an einem größeren Fluß, inmitten prächtig geformter Höhenzüge auf beiden Talseiten, an prachtvollen Wegen in der Richtung auf das Badener Revier und ostwärts nach Württemberg hinüber, unvergleichlich schöne Hochwaldungen in weitester Ausdehnung, all das macht Gernsbach zu einem günstigen Standquartier für bequeme wie bergfreudige Ferienwanderer. Die in ihrer Art einzig dastehende Kunststraße durch den herrlichsten Wald der Welt hinauf zum Ebersteiner Schloß und von hier über das Müllenbild zur Fischzucht bei Lichtental und nach Baden gehört zum Schönsten, was man an Wegen wandern oder fahren mag. Auch der Blick vom Eberstein aufs enge Tal hinab und seine Waldumrahmung ist ganz einzig schön. Das Schloß, Eigentum des Großherzogs von Baden, zeigt über dem Tor das Wappen, von dessen Symbolen Uhland singt:

Ich kenne wohl den Eber, er hat so grimmen Zorn, Ich kenne wohl die Rose, sie hat so scharfen Dorn.

Die Dörfer im Tal treiben alle viel Holzindustrie. Neben den zahlreichen Sägewerken finden wir leider auch Holzstoffabriken. Die Bahn befördert, ebenso wie zahlreiche Fuhrwerke auf der Straße, zumeist nur Holz. Das Flößen hat aufgehört, nachdem es durch lange Jahrhunderte für das Tal charakteristisch war. Ihm verdankt die alte Genossenschaft der „Murgschifferschaft“ ihre Entstehung; sie besteht heute noch mit ihrem enormen Waldbesitz, den vielen Sägemühlen, mit eigenem Forstpersonal und dem Stolze einer mehrhundertjährigen Tradition. Hinter Weisenbach wird das Tal auf lange Strecken zur wirklichen Felsschlucht und gehört da zu den schönsten im Schwarzwalde, die vor kurzem erst fertig gestellte Bahnlinie bis Forbach mit all ihren Kunstbauten zu den sehenswertesten Gebirgsbahnen. Oberhalb Forbach mit seiner zweitürmigen, hochgelegenen Kirche, seiner alten gedeckten Holz- und seiner elegant geschwungenen neuen Eisenbrücke über den Fluß (Abb. 146) wird das Tal einsamer. Bei Rauhmünzach kommt der gleichnamige Bach (Abb. 148) aus engem Waldtal von der Hornisgrinde, bei Schönmünzach jenseits der württembergischen Grenze (434 ~m~), einem sehr beliebten Sommerfrischort mit großer Glasfabrik, mündet die Schönmünzach ebendaher.

In der Gneisregion, in die man nun eingedrungen ist, überragen die seitlichen Höhen die Talsohle nicht mehr allzuhoch, der Charakter der Landschaft wird darum einförmiger. Man gelangt durch mehrere Ortschaften schließlich nach Kloster-Reichenbach (520 ~m~) mit einer schönen romanischen Kirche der ehemaligen Benediktinerabtei, und von hier wieder mit der Eisenbahn nach dem Hauptorte der weit zerstreuten, rund 6700 Einwohner zählenden Gemeinde Baiersbronn (583 ~m~), von wo eine schöne Straße ins Tal der Roten Murg, zum Ruhstein und nach Ottenhöfen führt.

[Sidenote: Freudenstadt.]

An den stattlichen Eisenwerken Friedrichstal und Christophstal vorbei gelangen wir -- die Bahnlinie hat hier Zahnradbetrieb -- auf die Höhe der interessanten Stadt Freudenstadt (Markt 732, Bahnhof 664 ~m~) mit über 8500 Einwohnern. Sie ist 1599 von Herzog Friedrich I. von Württemberg gegründet worden, liegt auf einem Plateau, das sich nordwärts zur Murg, östlich zum Glattbach (Neckar) und nach Süden zur Kinzig abdacht, beherrscht also weithin die Wege und damit die ganze Gegend. Da sie auch nach Westen den Kniebispaß und seine Übergänge zur Rench und Acher deckt, begreift man, daß einst geschwankt wurde, ob Freudenstadt oder Rastatt Bundesfestung werden sollte. Ganz eigentümlich ist der Bauplan der Stadt. Um einen sehr großen quadratischen Hauptplatz breiten sich nach dem Muster des „Neuntelsteinbrettes“ angelegt die Straßen- und Häuserreihen aus. Auf dem Platze steht die Kirche mit zwei rechtwinklig zusammenstoßenden Langhäusern, in deren Winkel Altar und Kanzel steht, so daß der Geistliche wohl die Männer und Frauen, diese aber, streng in die beiden Schiffe verteilt, gegenseitig sich nicht sehen können. Seit etwa zwanzig Jahren ist Freudenstadt ein besuchter Höhenkurort geworden, zahlreiche Gasthäuser und Pensionen sind entstanden, neue Anlagen wurden hergestellt, so im „Palmenwald“ und unter dem Friedrichsturm am Kienberg, von wo der Blick auf die Rauhe Alb besonders schön ist; der weit ausgedehnte Stadtwald ist von prächtigen Wegen durchzogen, Murg und Kinzigtal, sowie die Höhen des Kniebis laden zu weiteren Wanderungen ein, Stuttgart und Offenburg sind in weniger als zwei Stunden zu erreichen. Kurz, Freudenstadt hat große Vorzüge und unzweifelhaft eine noch größere Zukunft (Abb. 147).

[Sidenote: Alpirsbach.]

Nach Süden senkt sich die Bahn an den steilen Wänden des Kinzigtales hinab nach Alpirsbach (433 ~m~) mit der herrlichen Basilika seines einstigen Benediktiner-Klosters, einem Kleinod romanischen Stils von höchstem Wert (Abb. 150). Das prachtvolle Bild des wunderbaren Baues wird noch wesentlich verschönert durch die ernste Landschaftsumgebung des stillen Gebirgstales. Bei Schenkenzell mit seiner malerischen Schenkenburg (Abb. 149) mündet das Tal der Kleinen Kinzig, in dessen Gebiet das ehemalige Nonnenkloster Wittichen liegt. Diese ganze Gegend trieb einst sehr viel Bergbau, besonders auch auf Kupfer. Doch hat das längst aufgehört, und die Reinerzau, wie das Tal der kleinen Kinzig auch heißt und so durch seinen Namen die Erinnerung an den alten Bergbau festhält, gehört heute, obschon zu den schönsten, doch zu den abgelegensten und einsamsten des Gebirges.

[Sidenote: Das Kinzigtal.]

Bei Schiltach (325 ~m~) mündet das Tal des gleichnamigen Flüßchens von Schramberg her ein, dann kommen wir an den zahlreichen Einzelhöfen der Gemeinden Kinzigtal und Lehengericht vorbei (Abb. 151) nach Wolfach (262 ~m~), am Zusammenfluß der vom Kniebis herabkommenden und das Schapbacher Tal durchströmenden Wolfach mit der Kinzig hübsch gelegen (Abb. 152), und gleich danach ist Hausach an der Schwarzwaldbahn Offenburg-Donaueschingen erreicht, so daß nunmehr der ganze nördliche Schwarzwald längs seiner Umrahmung umschrieben ist.

XVI. Auf den Höhen des nördlichen Schwarzwaldes.

Die schöne Bergwelt zwischen Kinzig und Oos lernen wir am besten kennen, wenn wir wieder wie im südlichen und mittleren Schwarzwald dem mit der roten Raute bezeichneten Kammwege I folgen, der jegliches Verirren völlig unmöglich macht. Bei Hausach, wo alte Verschanzungen am Nordgehänge des Tales ebenso wie die Befestigungen am Farrenkopf und weiter südlich an die strategische Bedeutung des Kinzigtales erinnern, steigen wir nordwärts an und erreichen bald die Wasserscheide zwischen dem Schapbacher und Harmersbacher Tal, der wir nun 34 Kilometer weit folgen bis zum Kniebis. Dieser Weg wird nicht nur durch seine prächtigen Fernblicke entzücken und durch den herrlichen Hochwald, den er stundenlang durchschneidet; er wird vielmehr dem Wanderer, der gern allein geht und sich trotz der größten Weltabgeschiedenheit nicht einsam fühlt, weil er sich am allerbesten mit sich selbst unterhält, ganz besondere Befriedigung gewähren; denn dieser Hochpfad trifft in seiner ganzen Länge kein Wirtshaus, ja sogar nicht einmal ein Wohnhaus. Ringsum großartige, himmlische Ruhe, so wohlig und erquickend wie nichts sonst auf der Welt! Abstiege in die Täler rechts und links sind leicht zu machen, und so läßt die Wanderung mancherlei Variationen zu.

An der Littweger Höhe (845 ~m~) können wir westwärts abzweigen zum Löcherbergwasen (658 ~m~) auf der Straßenhöhe zwischen Kinzig- und Renchtal, mit oft ganz phantastischen Bildungen gewaltiger Sandstein-Blockmeere, und weiter auf die waldige Kuppe des Mooskopfes (873 ~m~) mit ihrem Aussichtsturm, der weithin über den wogenden Wald und seine schöne Bergwelt zu schauen gestattet. Zahlreiche Wege lassen uns von hier wieder die Niederungen der Menschen gewinnen, sei es in Oppenau, Oberkirch oder Durbach, in Gengenbach, Ortenberg, oder endlich am Fuße des Brandeckkopfes in Offenburg.

[Sidenote: Rippoldsau. Der Kniebis.]

Unser Rautenweg gewinnt am Hundskopf hin (950 ~m~) die See-Ebene (943 ~m~), von wo wir östlich den stillen Glaswaldsee 100 ~m~ unter uns in träumerischem Frieden schimmern sehen (Abb. 154). Wir schneiden hier einen beliebten, durch neue Wege verbesserten Übergang von Peterstal nach Schapbach, erreichen dann die Holzwälder Höhe (966 ~m~), wo wir auf den vielbegangenen Pfad Griesbach-Rippoldsau stoßen, und dann geht’s immer im stolzesten Hochwald hinauf zum Kniebis, den wir bei der Alexanderschanze (971 ~m~) erreichen.

Wem es auf diesem Wege der Einsamkeit zu viel werden möchte, der fahre von Wolfach durch das belebte, sonnige Schapbach- oder Wolfachtal nach dem eleganten, trefflich eingerichteten Bad Rippoldsau (566 ~m~, Abb. 155). Die Talbewohner in ihrer Tracht, die besonders am Sonntag das farbenfreudige junge Mädchenvolk recht hübsch erscheinen läßt, werden dem Besucher viel Freude machen (Abb. 153). Das wenig unterhalb des Bades gelegene „Klösterle“ war einst ein Priorat des Benediktinerstiftes St. Georgen, jetzt ist es Pfarrkirche für das obere Talgebiet. Ganz wunderbar schöne Wege zum Gehen und Fahren lassen uns durch den prachtvollen Wald nach dem unfernen Freudenstadt hinüber und hinauf auf den Kniebis gelangen.

Der Kniebis ist ein 8 ~km~ langer, rund 950 ~m~ hoher, wallförmiger Kamm; er nimmt im orographischen Aufbau des Schwarzwaldes eine ganz eigenartige Stellung ein, die nur noch ein einziges Mal ähnlich vorkommt, nämlich an der früher besprochenen, über 1000 ~m~ hohen Wasserscheide von der Kaltenherberge bis zum Turner. Während nämlich auf der über 160 ~km~ langen Strecke von Waldshut bis Durlach überall sonst im Schwarzwalde Flußläufe, die von Nord nach Süd oder von Süd nach Nord laufen, die so wichtige Ostwestverbindung von Schwaben nach der Rheinebene unmöglich machen oder doch ganz wesentlich erschweren, treten am Hohlengraben wie am Kniebis, durch welche Punkte die Längsausdehnung des Schwarzwaldes in drei nicht ganz gleiche Teile geteilt wird, östliches und westliches Gefälle unmittelbar aneinander heran; daher im ersteren Falle die oft umkämpfte Straße von der Donau nach Freiburg, im zweiten die aus dem Herzen des Neckarlandes nach Straßburg. Auf dem Kniebis (Abb. 156) treffen sich zwei Straßen aus dem Renchtal von Oppenau und Griesbach, eine aus dem Kinzigtal von Rippoldsau, und endlich die von Freudenstadt und dem schwäbischen Hügelland her. Daß man vor zwei Menschenaltern daran dachte, Freudenstadt zur deutschen Bundesfestung zu machen, erscheint hiernach ebenso verständlich wie die Tatsache, daß wir an der Stelle, wo die Griesbacher Straße die Kammhöhe gewinnt, die nach ihrem Erbauer Alexander von Württemberg genannte Alexanderschanze (1734) finden, während die Oppenauer Straße auf dem Kamm durch die im Dreißigjährigen Kriege erbaute Schwedenschanze und durch die aus dem Jahre 1796 stammende Schwabenschanze geschützt ist.

Durch ernste Hochmoor- und Legföhrenlandschaft zieht die Straße längs der badisch-württembergischen Grenze auf dem Kamm hin, erreicht bei der Zuflucht am Roßbühl das in einer Bastion der Schwabenschanze stehende neue Aussichtsgerüste, fast 200 ~m~ über dem zur Murg abfließenden Kartrichter des Buhlbachsees, während die etwas weiter östlich liegenden Kessel des Sankenbach- und Elbachsees trocken gelegt worden sind.

[Sidenote: Allerheiligen.]

Unsere Höhenwanderung setzen wir vom Kniebis durch schönen Wald nach Norden fort, bis wir unmittelbar über der Murgquelle und nahe dem Schliffkopf (1056 ~m~), auf dem ein von Pionieren errichtetes Aussichtsgerüste steht, ins Freie treten, um, nachdem wir über das weite Waldmeer Umschau gehalten, nach Allerheiligen (620 ~m~) abzusteigen.

Diese wertvolle Perle unter den Schwarzwaldlandschaften können wir, wie schon früher angedeutet worden ist, bequem auch von Ottenhöfen, von Oberkirch, Sulzbach oder von Oppenau durchs Lierbachtal erreichen. Letzterer Weg führt uns an den Fuß des prachtvollen Wasserfalles der Sieben Bütten, an dem wir mit wechselvollen Blicken in die grause Schlucht mit ihrem tosenden Wasserschwall ansteigen, um plötzlich auf waldumrahmtem Wiesenplan die grauen Trümmer der gotischen Abteikirche des einstigen Prämonstratenserstiftes Allerheiligen vor uns zu sehen. Das Bild der malerischen Ruine im stillen Bergesfrieden ist eines der stimmungsvollsten, die der Schwarzwald aufweist (Abb. 157). Kein Wunder, daß der Besuch des jetzigen Kurplatzes ein sehr starker ist, nachdem der Ort, als das Kloster 1803 aufgehoben und bald danach abgebrannt war, mit seiner Umgebung durch vierzig Jahre eine tatsächlich unzugängliche Wildnis gebildet hatte.

[Sidenote: Mummelsee. Hornisgrinde.]