Part 11
Nach einer Photographie von Ph. Bussemer in Baden. (Zu Seite 121.)]
[Sidenote: Villingen.]
Nun tritt man allmählich aus dem Waldrevier des Grundgebirges und des Buntsandsteines, das weitum den Reichtum der Stadt Villingen ausmacht und vor mehreren Jahren das prachtvoll gelegene Kurhaus Villingen hat entstehen lassen, hinaus auf die Muschelkalkebene der Baar, die wir weiter im Süden schon früher kennen lernten. Umgeben von wogenden Fruchtfeldern liegt hier die alte Stadt Villingen (704 ~m~), die neben Freiburg lange Zeiten hindurch die erste war für ein weites Gebiet. Die schon besprochene alte Hochstraße vom Breisgau durchs Dreisamtal und über den Hohlen Graben ins Bregtal fand einst ihre nordöstliche Fortsetzung hierher und weiter nach Rottweil am Neckar. Sie ist jetzt vereinsamt, weil durch andere abgelöst. Aber Villingen hat sich in seinem zweitürmigen Münster, seinen Toren und anderen Bauten die Spuren seines alten Wertes erhalten und nimmt heute mit rund 11000 Einwohnern als reiche, blühende Stadt am modernen Leben tätigen Anteil. Das Klima ist mit dem der Rheinebene verglichen wohl etwas rauh, aber die tüchtige Bevölkerung ist daran gewöhnt und findet in ihm Kräftigung und Stählung.
Noch eine kurze Bahnstrecke durch das breite, reich angebaute Brigachtal, aus dem mittels einer kurzen Nebenbahn das im Osten nahe gelegene Dürrheim mit Saline und Solbad leicht zu erreichen ist, und wir haben in Donaueschingen (676 ~m~) wieder bekannten Boden betreten.
[2] Als beste empfiehlt sich das Blatt Triberg des badischen topographischen Atlas im Maßstabe 1 : 25000.
XIII. Die Höhenwelt des mittleren Schwarzwaldes.
[Sidenote: Der Turner.]
[Sidenote: St. Peter.]
Wie im südlichen Teile des Gebirges lernen wir auch hier wieder die Höhenregion am besten kennen, wenn wir dem mit roter Raute bezeichneten Hauptkammweg folgen, den wir vom Titisee bis Basel und Waldshut schon gewandert sind, und der uns in entgegengesetzter Richtung schließlich bis nach Pforzheim gelangen läßt. Vom Titisee führt uns der Höhenweg I nordwärts auf die Weißtannenhöhe (1190 ~m~), von wo die imposante Berggestalt des Feldbergs im Süden und der scharf gezeichnete, schartenartige Einschnitt des Höllentales im Westen als besonders auffällige Einzelbilder unsere Aufmerksamkeit erregen. Dann erreichen wir die Hochfläche des Turner (1035 ~m~) mit seinem viel besuchten und aussichtsreichen Gasthaus in typischer Schwarzwaldumgebung. Von hier führen Wege nach allen Himmelsrichtungen, so durch das stille Joostal nach Neustadt, über die Höhe nach Breitnau und weiter unmittelbar zur Höllentalbahn, oder hoch über dieser hin und mit großartigen Niederblicken über den Hohwart und die Nessellache nach Himmelreich hinab, oder endlich ebendahin auf dem alten Heerweg durch das Spirzen- und Wagensteiger Tal. Überaus lohnend ist vor allen Dingen aber die schöne Hochstraße auf der Wasserscheide zwischen dem Wildgutach- und dem Dreisamgebiet nach den ehemaligen Klöstern St. Märgen (890 ~m~) und St. Peter (722 ~m~), deren zweitürmige Kirchen weither sichtbar sind. In St. Peter (Abb. 122) liegen mehrere Herzöge von Zähringen begraben, der große Klosterbau ist jetzt katholisches Priesterseminar. Zahlreiche Wege führen von da zur Dreisam hinab (Abb. 123), ein herrlicher Waldpfad hält sich auf den Höhen und senkt sich schließlich vom Roßkopf und Schloßberg direkt nach Freiburg. Er kann jedem wanderfrohen Naturfreund aufs beste empfohlen werden, ebenso der Abstieg von St. Peter durch das im oberen Teil wildfelsige, im unteren Teil liebliche und mit Obst wie herrlichem Wein reich gesegnete Glottertal, dessen Mädchen und Frauen sich ähnlich kleiden wie ihre Schwestern im Elzgebiet; der gelb lackierte Zylinderhut wird dem Fremden an der sonst nicht unkleidsamen Tracht am sonderbarsten erscheinen.
[Sidenote: Der Kandel.]
Endlich können wir von St. Märgen und St. Peter aus bequem den Kandel (1241 ~m~) besteigen, den weit nach Westen vorgeschobenen höchsten Gipfel im mittleren Schwarzwald. Er ragt von der Rheinebene und von dem unteren Elztal ähnlich schroff auf wie weiter südlich der Belchen und erscheint darum in seiner massigen Gestalt auch als ein Berggewaltiger ersten Ranges. Oben finden wir im Rasthaus gute Unterkunft, beim Signal der internationalen Erdmessung eröffnet sich uns eine unvergleichlich schöne Rundsicht, im Süden bis zu den Alpen. Zumeist wird nach Waldkirch abgestiegen, wohin zahlreiche bequeme Wege uns in kurzer Frist gelangen lassen.
[Sidenote: Simonswälder Tal.]
Der Nordostfuß des Höhenzuges Turner-Kandel liegt an der Sohle des Simonswälder Tales, das mit seinen freundlichen Gehöften, seinen malerischen Baumgruppen und seiner stolzen Bergumrahmung vielen als eines der allerbesuchenswertesten des Gebirges gilt. Der Abstiege gibt es mancherlei. Es sollen nur genannt sein der nach Glashütten und zum forellenberühmten Dreistegenwirtshaus in Wildgutach, sowie der zum mächtigen Wasserfall des Zweribaches in seiner Felsschlucht (Abb. 124). Durch das Tal zieht seiner ganzen Länge nach eine prachtvolle Kunststraße, die schließlich bei der Bahnstation Bleibach (Abb. 125) ins Elztal ausmündet.
Auf unserem Haupthöhenweg liegt in kurzem Abstand vom Turner der Hohle Graben (1033 ~m~), eine die Kämme und Täler weithin beherrschende Stelle, die darum früher, als die Hauptverbindung von der Donau nach dem Breisgau hier durchführte, auch strategisch bedeutsam war. Im Dreißigjährigen Krieg und in den Tagen des Prinzen Eugen war der Punkt stark verschanzt und viel umkämpft, gewaltige Heeresmassen sind gar oft über diese einsamen Höhen gezogen, in schlechter wie in guter Jahreszeit. Beim Lachenhäusle (1077 ~m~) überrascht der Niederblick in das tief eingeschnittene Wildgutachtal, auf der anderen Seite liegt in weltabgeschiedenster Einsamkeit das stille Pfarrdorf Waldau. Bei der „Kaltenherberg“ (1030 ~m~) -- der Name bezeichnet den Klimacharakter der Lokalität wohl deutlich genug -- senkt sich das Gebirge sanft der Donau zu, und auf abgelegenen Waldpfaden längs der Wasserscheide kann man von hier ab zum Höchst (1033 ~m~), der Paßhöhe an der schönen Straße gelangen, die von Neustadt ins Tal des Eisenbächle und nach Hammereisenbach führt; auch der Höhenkurort Friedenweiler (902 ~m~), eine frühere Klosterniederlassung, liegt in diesem Revier.
[Sidenote: Kaltenherberg. Brend.]
Wir halten uns von der Kaltenherberg ab in rein nördlicher Richtung, stets auf der Rhein-Donauwasserscheide; jenseits Neukirch, bei der Neueck (985 ~m~) schneiden wir die neue prachtvolle Kunststraße, die von Simonswald über Gütenbach herauf und dann östlich abwärts nach Furtwangen führt, bei der Alten Eck (1070 ~m~) den früheren Kilpenweg vom Rheintal über Waldkirch zum Bregegebiet, der neben der Ostweststraße über den Hohlen Graben einer der ältesten im Schwarzwalde ist. Nun geht’s auf die aussichtsreiche Höhe der Brend (1148 ~m~) und hinab zum Sattel am Forsthof der Martinskapelle (1090 ~m~), von wo zahlreiche Wege nach Ost und Nord und West abzweigen. Erwähnung verdient unter ihnen vor allen der eine über die aus alten Kriegszeiten verschanzten Höhen des Rohrhardsberges zum Tafelbühl und zur Wallfahrtskapelle auf dem Hörnleberg (987 ~m~), der weither als Landmarke gilt, und von hier steil hinab ins Elztal bei Bleibach.
[Sidenote: Schonach.]
Nahe der Martinskapelle, am Briglirain (Brücklerain) entspringen dicht beieinander die Brege, die nach Süden, und die Elz, die nach Norden fließt. Wir gehen zwischen diesen Flußursprüngen durch und folgen dem Kamm rechts von der Elz in nördlicher Richtung, lassen den Luftkurort Schönwald (994 ~m~) mit seinen großen Gasthäusern und das stillere Schonach (Abb. 126 u. 127), von wo es bequem nach Triberg hinab geht, rechts unter uns liegen, gelangen dann zu der schon wesentlich tiefer liegenden Büchereck (653 ~m~) zwischen Elzach und Gutach an der Schwarzwaldbahn, steigen nochmals empor zum Farrenkopf (789 ~m~), dem aussichtreichen Eckpfeiler zwischen Gutach- und Kinzigtal, und nun geht’s rasch abwärts zur Bahn, die wir bei Hausach erreichen in dem freudigen Bewußtsein, eine der lohnendsten Höhenwanderungen im Schwarzwald glücklich durchgeführt zu haben.
[Sidenote: Furtwangen. Stöcklewald. Galgen.]
Wer auf etwas bequemere Weise in die eigenartig reizvolle, stille Welt dieser Höhen eindringen will, der mag von Donaueschingen aus die Nebenbahn befahren, die über Hüfingen und Bräunlingen nach Hammereisenbach und dann nach Vöhrenbach (799 ~m~) führt, einem wichtigen Mittelpunkt der Uhren- und Orchestrionfabrikation, um schließlich in Furtwangen zu endigen. Diese hochgelegene Industriestadt (872 ~m~) mit mehr als 5400 Einwohnern ist der Hauptort der Schwarzwälder Uhrenindustrie (Abb. 128) und durch sie groß geworden. Besuche in den vielen verschiedenartigen Betrieben, in der Gewerbehalle, der Schnitzereischule usw. sind höchst lehrreich und lohnen ganz abgesehen von der erquickenden Luft des Hochtales den längeren Aufenthalt reichlich. Von Furtwangen führt eine aussichtsreiche Straße auf die Höhe der Escheck (1057 ~m~), von wo bald Schönwald und kurz danach der obere Anfang des Triberger Wasserfalles erreicht wird. An ihm führt ein herrlicher Schluchtweg hinab zum blühenden Kurort.
[Sidenote: Stöcklewald. Galgen.]
Die Gegend zwischen den Tälern der Brege und Brigach ist im südlichen Teile einförmig. Erst nördlich der Straße Villingen-Vöhrenbach nimmt sie gebirgigen Charakter an. Von Villingen durchs Kirnachtal oder von St. Georgen der Brigach entlang, deren Quelle hübsch gefaßt ist (Abb. 48), gelangen wir auf die Höhe des Stöcklewaldes (1069 ~m~) mit ihrem stolzen Aussichtsturm, von dem der Blick besonders weit nach Osten zu den Höhen der Schwäbischen Alb trägt. Schöne Abstiege führen nach Furtwangen, Schönwald und Triberg. Doch wird keiner diese luftigen Höhen verlassen, ohne den nahen Galgen, ein Denkmal alter Zeit und überwundener Justizformen, zu besichtigen, und am Galgenhof vorbei dem hochgelegenen Wirtshaus zur Fuchsfalle einen Besuch zu machen. Nach Norden zu ist bald die uns schon bekannte Paßhöhe der Sommerau erreicht, von wo wir über die Benzebene den Fohrenbühl (787 ~m~) erreichen und von hier in der Richtung auf Hausach oder Wolfach oder Schiltach an der Kinzig absteigen können. Auf dem Fohrenbühl, der ganz wie die Biereck am Pfingstsonntag seinen Schellenmarkt hat, schneiden wir unmittelbar an der badisch-württembergischen Grenze die Straße, die von Hornberg nach Lauterbach mit seinen gern besuchten Kuranstalten und weiter abwärts nach Schramberg gelangen läßt.
Sind wir von der „Kaltenherberg“ bis Schiltach in der Hauptsache dem Höhenweg II gefolgt, so darf doch nicht vergessen werden, daß auch die Täler dieses Gebietes zu lohnenden Wanderungen einladen. So führt nach Schramberg auch die interessante Straße von St. Georgen über den Ruppertsberg (902 ~m~) und weiter abwärts dem obersten Schiltachtal entlang nach Thennenbronn, dann durch die in ihren wilden Felsgestaltungen landschaftlich hervorragend schöne Schlucht des Bernecktales mit dem Berneckbad und der Ruine Falkenstein, an welche sich die von Uhland dichterisch verarbeitete Geschichte und Sage des Herzogs Ernst von Schwaben anknüpft. Schramberg (416 ~m~), am Fuße der Nippenburg anmutig gelegen, ist eine sehr lebhafte Industriestadt mit über 11200 Einwohnern, der nördlichste und zugleich wohl der bedeutendste Ort der Schwarzwälder Uhrenindustrie, die sich von hier südlich bis Lenzkirch ausbreitet, und auf deren hohe Bedeutung für große Teile unseres Gebirges oft hingewiesen werden mußte. Auch Porzellan-, Steingut- und Strohhutfabrikation blühen in Schramberg, von wo eine Nebenbahn nach Schiltach an der oberen Kinzig die Verbindung mit der Außenwelt herstellt.
Der nördliche Schwarzwald.
XIV. Der Westrand von Offenburg bis Baden.
[Sidenote: Schramberg. Von Offenburg bis zur Murg.]
Vom südlichen und mittleren Schwarzwald unterscheidet sich der nördliche vor allen Dingen dadurch, daß er innerhalb der von uns gewählten Grenzen -- Rheinebene, Kinzig- und Murgtal -- nur aus einem einzigen von Süd nach Nord streichenden Hauptkamm besteht, der in der Hornisgrinde mit 1164 ~m~ seine höchste Erhebung hat und nur ziemlich kurze Querrücken nach Westen und Osten aussendet. Die Täler liegen alle sehr tief, die relativen Höhenunterschiede sind daher bedeutend, trotz der mit dem südlichen und mittleren Schwarzwald verglichen geringern absoluten Höhen. Abgesehen von der Gneislandschaft zwischen der Kinzig und dem Oberlauf der Rench findet der Granit hier eine sehr große Verbreitung, die Kämme sind zu allermeist von Buntsandstein bedeckt, dessen Blockmeere vielerorts Erstaunen und Bewunderung erregen, während er anderwärts zu ausgedehnten Moor- und Sumpfbildungen Veranlassung gegeben hat. Eine nicht unbedeutende Anzahl von kleinen Hochseen verleiht dem Gebirgsteile mehrfach ein ganz eigenartiges Gepräge. Da in der Umrandung nur auf die ziemlich kurze Strecke von Forbach bis Kloster Reichenbach im Murgtal die Eisenbahnverbindung fehlt, während in die Täler der Rench, Acher, Bühlott und Oos Nebenbahnen führen, ist die Zu- und Durchgängigkeit dieses Gebirgsabschnittes eine hervorragend günstige. Das wird uns an der dichten Besiedlung der Täler, an der glänzenden Wegsamkeit der Höhen und an dem lebhaften Verkehr der Niederungen wie der eigentlichen Gebirgsregionen deutlich zur Anschauung gebracht, ein Verkehr, zu dem die nahen Großstädte Straßburg und Karlsruhe und auch das etwas ferner liegende aber leicht zu erreichende Stuttgart natürlich sehr viel beitragen.
[Sidenote: Ortenau.]
Auf der Fahrt von Offenburg nach Norden haben wir bis zur Untern Murg hinab -- die Obere Murg lernten wir im Hauensteiner Land kennen -- ununterbrochen die prächtigsten Aussichten auf das Gebirge. So oft man auch diese Strecke durcheilen mag, immer wieder fesselt die schöne Landschaft zur Rechten mit ihrem in reichster Kultur prangenden Hügellande, das von den dunklen Waldhöhen überragt wird. Jeden Augenblick entdecken wir neue, überraschende Formen; die zahlreichen Täler, in die der flüchtige Blick vom Wagenfenster aus eindringt, erschließen in schneller Folge ungeahnte landschaftliche Schönheiten. Zunächst haben wir das gesegnete Obst- und Weinland der Ortenau vor uns, vom Ortenberger Schloß steigt das Gebirge in stolz geschwungener Linie zum Brandeckkopf mit seinem Turme auf, dann öffnet sich das Tal von Durbach mit dem Staufenberg, und bald ist die Station Appenweier erreicht. Hier mündet die große Westoststraße Paris-Wien von Straßburg her ein, nachdem sie bei Kehl den Rhein überbrückt hat, um die Hauptlinie, der wir folgen, erst bei Karlsruhe wieder zu verlassen und über Pforzheim nach Schwaben, Bayern und Österreich weiter zu ziehen.
[Sidenote: Renchtal.]
In Appenweier zweigt eine Nebenbahn ins Renchtal ab, dessen Mineralbäder -- meist Stahlwasser -- seit lange eine große und berechtigte Anziehungskraft ausüben. Wir kommen zunächst nach Oberkirch (191 ~m~), einem hübschen Städtchen von 4000 Einwohnern in ganz entzückender Lage. Die Schlösser Schauenburg, Ullenburg und Fürsteneck grüßen ins Tal hinab auf all den schwellenden Reichtum an Gartenland, Ackerfeld, Obsthainen und Rebhügeln. Die Kirschen des Renchtales sind weitum berühmt und geben in halbwegs guten Jahrgängen Ernten, die selbst in den kleineren Orten der Umgebung sich auf viele Tausende von Mark bewerten, die Kirschenmärkte von Oberkirch sind daher eine sehr wichtige Sache, und von dem vielen, guten Kirschwasser, das überall im Schwarzwalde gebrannt wird, ist das Renchtaler wohl das am meisten geschätzte. Die Oberkircher Weine endlich erfreuen sich im ganzen Lande berechtigten Rufes, und es kann nur empfohlen werden, selbst Probe zu halten, sei es an Klingelberger oder Clevener, sei es im Städtchen selbst oder in den freundlichen Landorten ringsum, in Ringelbach, Waldulm oder sonstwo.
Weiter aufwärts verengt sich das Tal bald; an Lautenbach mit seiner spätgotischen, neuerdings glücklich restaurierten Kirche vorbei gelangen wir nach der einsamen Haltestelle Hubacker, wo ein schöner Weg nach dem in stillem Seitentälchen gelegenen Bade Sulzbach (Abb. 129) und weiter nach Allerheiligen abzweigt. Dann gelangen wir nach dem Städtchen Oppenau, dem Endpunkt der Bahn. Eine herrliche Straße führt von hier nach dem freundlich gelegenen Bade Antogast (484 ~m~), eine andere durch das felsenge Lierbachtal nach Allerheiligen, wieder eine andere auf die Höhe des Kniebiskammes, der bei den Schanzen an der Zuflucht erreicht wird; die Talstraße endlich läßt uns am schäumenden Flüßchen entlang Bad Freiersbach und bald darauf das stattliche Dorf Peterstal erreichen (Abb. 130), den Hauptpunkt des oberen Renchtales, mit seinen Bädern, Gasthäusern, Kuranlagen und trefflich gepflegten, weit verzweigten Spazierwegen ein behaglicher Ruheplatz (394 ~m~). Die Bevölkerung von Peterstal und seiner weiteren Umgebung hängt noch fest an der alten Tracht des Tales, und es gilt dies hier im Gegensatz zu manchen anderen Schwarzwaldgebieten nicht nur für die Frauen und Mädchen, sondern auch für die Männer (Abb. 131). Wie schmuck sieht es aus, wenn bei festlichen Anlässen die Peterstaler Miliz mit ihrer trefflichen Musik, in Tracht gekleidet, ausrückt! -- Noch weiter oben im Tal, da wo die Wilde Rench von Norden herabgesprungen kommt (Abb. 132), liegt in ernster Talenge Bad Griesbach (Abb. 133), wo 1818 Großherzog Karl die Badische Verfassung gab. Auf dem nahen Kreuzkopf steht der „Habererturm“, ein Denkmal für den einst im Tale tätigen und um seine Bäder sehr verdienten Medizinalrat ~Dr.~ Haberer. Von allen Orten im Renchtal führen gute und interessante Waldwege auf die Höhen, die später zusammenhängend geschildert werden sollen.
[Sidenote: Kapplertal.]
[Sidenote: Sasbach. Bühl. Affental.]
[Sidenote: Gertelbachschlucht.]
Nordwärts Appenweier wird an Renchen vorbei, wo der Dichter des Simplicissimus, Christoph von Grimmelshausen, als bischöflich Straßburger Schultheiß amtete und nun ein Denkmal besitzt, die Stadt Achern mit fast 4900 Einwohnern erreicht, die sich aller Vorzüge einer ebenso schönen als fruchtbaren Umgebung erfreut. Ins freundliche Kapplertal führt eine Nebenbahn nach Kappelrodeck am Fuß der Burg Rodeck und des Käferwaldkopfes mit seinem Aussichtsturm, und weiter bis Ottenhöfen (311 ~m~), einen für Ausflüge jeder Art sehr günstig gelegenen und beliebten Sommerfrischort. Die nahe Schlucht des Edelfrauengrabes im Gottschlägtal (Abb. 134) und zahlreiche andere Punkte der näheren Umgebung bieten die lohnendsten Ziele, die man sich denken mag. Die mancherlei Wege zum Mummelsee, nach Allerheiligen und auf oder über die Kammhöhe, welche die Wasserscheide gegen das Murggebiet bildet, laden zu weiteren Wanderungen ein. Diese Höhen in der Umgebung der Hornisgrinde können von Achern aus auch sonst auf verschiedenen Pfaden erreicht werden, so an Illenau, der unendlich friedlich und stimmungsvoll gelegenen Heil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke, vorbei über Sasbachwalden, durch die Schlucht der Gaishölle und über die hoch aufragende Ruine des Brigittenschlosses, oder über Sasbach und Lauf. Der Platz bei Sasbach, auf welchem 1675 Marschall Turenne fiel, ist seit lange französisches Nationaleigentum. Ein französischer Invalide hütet das Denkmal des Gefallenen (Abb. 135). Das unfern stehende alte Denkmal trägt die Inschrift: „Hier ist Turennius vertödtet worden“, sowie deren lateinische und französische Übersetzung. Ob wohl ein deutscher Invalide auf französischem Boden auch ganz unbehelligt deutsche Heldengräber hüten dürfte? -- Zwischen Achern und Bühl ist der Anblick des Gebirges geradezu großartig. Die mächtige Höhe der Hornisgrinde liegt in der Luftlinie kaum 10 ~km~ von der Bahn entfernt, ragt aber 1030 ~m~ über ihr empor und gewährt in ihrem massigen, steilen Aufbau ein imposantes Bild, besonders durch den schroffen Gegensatz gegen die unendliche Lieblichkeit des reich angebauten und dicht besiedelten Hügellandes im Vordergrunde. Bei Ottersweier mündet das freundliche Neusatzer Tal aus, durch das wir am hoch aufragenden Immenstein vorbei zum Hauptkamm gelangen können. Das hübsche Städtchen Bühl (Abb. 136) mit 3600 Einwohnern, das als Wein- und Obstmarkt ähnliche Bedeutung hat, wie Offenburg oder Oberkirch, ist besonders berühmt durch seine Frühzwetschgen. Welchen Wert dieselben im Wirtschaftsleben der Gegend haben, mag aus der Tatsache anschaulich werden, daß schon im Jahre 1900 die Bahnstation Bühl allein an Fracht für den Versand dieses Obstes den Betrag von Mk. 108328 einnahm; seither ist dieser Betrag ganz wesentlich gestiegen. Vom waldigen Berghang winkt die zweitürmige Ruine Windeck hernieder, zu der entzückende Wege durch die reichen Fluren des gesegneten Landes uns ansteigen lassen. Eine Nebenbahn führt nahe an Affental vorbei, wo der gefeiertste badische Rotwein wächst, ins schöne und reiche Bühlertal (Abb. 138), durch dessen obere Verzweigungen, besonders durch die großartig wilde, wasserfallreiche Gertelbachschlucht (Abb. 137), die prachtvollsten Wege zum Kamm hinauf führen, der hier in weitester Ausdehnung wunderbaren Hochwald trägt und seit einigen Jahren mit einer großen Anzahl von trefflichen Höhenkurhäusern geschmückt ist. Wir werden diese unvergleichliche Höhenwelt noch zu würdigen haben.
Am Bühler Rebland hin führt uns die Bahn nach dem Städtchen Steinbach. Seinem größten Sohn Erwin, dem Schöpfer des Straßburger Münsters, ist bei dem Ort, am Fuß der Yburg, die auf spitzem Porphyrkegel thront, ein Denkmal errichtet, von dessen Fuß der Blick hinüber schweift über die Ebene des Hanauerlandes zum Rhein, über den Erwins Wunderbau aufragt als Wahrzeichen deutschen Geistes und deutscher Kunst, weither sichtbar von den Höhen des Wasgaues, wie von denen des Schwarzwaldes, und so recht bestimmt dazu, das Symbol zu sein für die Einheit des ganzen gesegneten Oberrheingebietes zu beiden Seiten des Stromes von Basel bis Mainz. Wie ganz anders wirkt das Zeichen heute auf uns ein, als vor 1870, wo es nur an Schande und Schwäche gemahnte und in deutschen Herzen eine reine Freude an der herrlichen Welt zwischen Schwarzwald und Vogesen niemals recht aufkommen ließ.
Wenige Augenblicke, und wir befinden uns in Oos, von wo eine kurze Nebenbahn uns in einigen Minuten nach dem im Oostale gelegenen Weltbade gelangen läßt, das dem Lande Baden den Namen gab.
[Sidenote: Baden-Baden.]