Der schwarze Baal: Novellen

Part 6

Chapter 6491 wordsPublic domain

Ein Ellenbogenpuff irgendwoher weckte den Ingenieur Erwin Vallotti aus seinem Traumzustande, der schon eine Helle war. Dicht trat er an Jean Paquet heran und flüsterte fast: »Sie haben recht. Ich werde das Werk nicht mehr betreten. Ich reise heute ab, und unsere Wege werden sich nicht mehr kreuzen. Denn meine Arbeit ist hier beendet. Aber ein Signal werde ich zurücklassen. Das soll die neue Stunde anzeigen. Denken Sie dann an mich.«

Seine Brust arbeitete, er richtete den Blick nach oben.

Jean Paquet stand gefesselt, gelähmt auf dem Fleck, von wo aus der Ingenieur wie ein Spuk sich erhoben hatte. Nicht einmal der Geruch seines Atems war geblieben.

Jean Paquet stand und tat nichts, schrie nicht auf: Simson wach auf! Philister über dir!

Ein Signal? Sollte es das Recht sein, ehe das Rufen zum Wiederwerden aus dem Gewordenen zu tönen beginnt, diese Unterdrückten hinüberzusenden in ihren Ursprung, ins Nichts?

Da zerriß endlich heiseres Rufen die Menge, die geballt war. Bewegung schnellte in die Breite: Auf! Die Soldaten kommen!

Das rüttelte empor. Raste durch's Dorf. Riß an den Fensterläden. Stieg über die Dächer. Strich wie Brandgeruch.

Und es war ein Blitz: Auf mit dir, alter Faulpelz, der du mit deinen achtzig Jahren daliegst und dich räkelst!

Auf Gebärende, deine Geburtswehen können warten!

Und der Boden dröhnte schon unter dem Marschtritt: eins, zwei! Eins, zwei!

Die Masse stand wie eine Mauer. Und der buntgefleckte Schlangenleib wälzte sich näher heran.

Helme blitzten.

Mann an Mann.

Schritt und Tritt.

»Steine her! Steine her!«

Trommelwirbel.

»Kerle, schleppt Steine . . . Steine . . . !«

Lautlose Stille hüben und drüben.

Da fegte ein Donner über die Straße und riß alles zu Boden. Über dem Gewerkschaftskomplex entbrannte furchtbarer Qualm. Ein Steinhagel pflügte Blutfurchen.

Durch die schreckentwaffnete Menge stampfte der Soldatenzug in prachtvoller Auflösung zu retten. Kletterte über die Fabrikmauern und sammelte sich auf dem Hof.

Das Maschinenhaus war vom Boden rasiert und die Dächer von den stehengebliebenen Häusern einfach abgesägt.

Mit wahnsinnig vorgerollten Augen sprang der Direktor durch die Trümmer. Stieg auf den Steigerturm und riß die Notglocke.

Da kamen die Ausständigen mit kindlichem Willen. Verbrüdert mit der Soldateska retteten sie, was zu retten war. Stiegen auf Leitern die Notschächte hinab, die Streikbrecher zu suchen, die gänzlich abgeschnitten waren und versaufen mußten, nun, da die Pumpen nicht gingen.

Draußen aber, auf der höchsten Geröllhalde, stand der Ingenieur Erwin Vallotti mit ausgebreiteten Armen und sah beschwörend auf die Trümmer, wo die Saat des Neuen aufging.

Über seine Lippen strich es wie Osterwind: Nun werden Wandlungen sein, und sie werden nicht mehr wissen, daß sie waren. Immer aber: daß sie _sind_. Sie werden das wissen, weil sie nicht _sie_ sind, sondern irgendein Mai, der sich in jedem Baum fühlt, der grün wird. Denn das unendliche Grün ist unendlicher Weg geworden. Dieses genügt, dieses befiehlt. Ist schön und lockte.

_Ich aber nehme mich zurück. Denn in Wahrheit ist meine Welt nicht die ihre zu fühlen, daß ich ehrlich war mitten in dem Verbrechen._

Gedruckt bei Gottfr. Pätz, Naumburg a. S.