Part 4
»Du Jean, wenn wir noch eine Stunde schlagen, müssen wir durch sein. Keinen Meter mehr ist die Wand.«
»Verflucht, schlag doch wenn du kannst!«
»Hör', ehe sie uns von vorn herausgraben, sind wir da hinten schon auf dem alten Gang. Ein Notschacht ist da.«
»Schrei doch nicht so, du Hund! Mein Kopf ist ganz zerschossen. Krepieren müssen wir doch hier. Alles ist vorbei.«
Sein Gesicht fiel mit einem Knick vornüber.
Séverin bemühte sich, wieder auf die Füße zu kommen. In seinen Schläfen und in seiner Stirn beutelten sich dicke Blasen. Blut trat ihm schwarz aus Kinn und Hals.
Dann begann er zu hämmern und dachte an Maruscha. O, schönes warmes Bett mit Maruscha! Nun wird sie oben am Tor stehen und mit den anderen Weibern flennen. O Maruscha! Bald, ja, ach bald komm ich wieder zum Küssen. Schönes warmes Bett. Maruscha!
Er hatte wieder Schwung in den Muskeln und sein Riemen stand. O Maruscha!
Auch Jean hatte sich wieder aufgereckt. Stützte sich auf das Eisen und horchte. Schlenkerte mit dem verwundeten Arm und sackte ein bißchen in den Knien ein.
Plötzlich jauchzte er laut: »Schüsse . . . hör' . . . Sprengschüsse!«
Séverin ließ den Hammer fallen und drückte sich mit dem Kopf tief in das Gestein.
»Donner, ja. Jean, ganz deutlich, wirklich Schüsse!«
Nun hieben sie alle beide wie verrückt. Körper an Körper. Und Jeans Besinnung wuchs mit jedem Hieb, den er ausholte.
Ach, die Wand gab nicht nach. Und die Minuten zogen die Sekunden mehr und mehr in die Länge, zerrten sie ungeheuer auseinander, walzten sie wie Draht aus, der mit spinnendem Klang in die Ohren hineintönte. Jean schmiß das Eisen trostlos hin. Seufzte: »Alles ist wieder still. Horch . . . ganz still . . .«
Séverin klappte zusammen. Tastete blind und grausam in der Luft herum. Dachte einen Augenblick: »Hab' ich wirklich Schüsse gehört? Wie? Hab' ich Schüsse gehört?«
Jean fühlte sich wie ins Genick gestoßen. Ein Knochengerüst klapperte über seinen Rücken.
»Hu . . . Hu . . . Der Alte . . .« spie er fröstelnd, und sprang wieder an die Wand.
Helles Feuer blitzte vom Eisen. Und der Staub pfiff, von einer fremden Schwingung weggestoßen, ihm breit ins Maul.
Splitternd gab die Gesteinswand nach.
Eine handgroße Lücke klaffte und ließ eine wunderlich kalte Luft hereinziehen.
Séverin, der einen halben Meter seitwärts stand, bekam den Durchzug zu schnappen.
»O ihr Heiligen all! Jean! Jean! Nun können wir bald durchschlüpfen.«
Jean spürte, wie seine Adern heraufschwollen: Dieser Hund kann noch lachen? In diesem Unglück noch lachen?
Und stellte sich vor das Loch: so, daß der andere nicht hinzukonnte und schlug in besessener Wut in den Bruch.
Stück um Stück fiel klirrend herab. Und das Loch war schon so, daß man den Kopf durchstecken konnte.
Und noch immer ließ er Séverin nicht heran. Eine wahnsinnige Ahnung polterte durch sein Gehirn.
Mit einem Ruck hob er sich in die Ellenbogen und zwängte erst seinen Kopf und dann den Oberkörper durch das Loch.
Enttäuscht ließ er sich wieder zurückschnellen und fiel hinterrücks auf eine Steinkante. Séverin sah, wie er die Beine hoch in die Luft warf. Und dann auf einmal die Hand.
Die Hand mit den fünf Fingern, die auf- und zugingen. Sich ballten und wie ein fleischgewordener Fluch standen.
Er hielt sich an einen Felszacken gepackt. Und aus seinen Augen, die vor Qual schimmerten, schoß wagerecht die Angst.
Da flog er vor, warf den Hammer wütend in den Bruch und begann die Öffnung weiter auszubrechen.
Jean konnte sich nicht rühren. Seine Augen waren voll Blut. Und durch dieses Blut schwamm das knarrende Geripp des Alten. Und immer hörte er den andern hämmern.
»Er wird durchkriechen und mich hier liegen lassen! Der Mörder wird mich hier verrecken lassen! Ei verflucht!«
Und da kam ihm seine Kraft zurück und riß den Wahnsinn aus den Augen.
Und sieh: Heilige Mutter Maria, Joseph! Der andere steckte schon halb im Loch.
Wie eine Riesenschlange wälzte sich Jean auf den Knien vor und faßte Séverins Beine.
»'Rauß da, du Mörder!«
Séverin stürzte platt zu Boden. Drehte sich herum. Sein Gesicht gab ein wüstes Gebrüll. Er schlug mit den Armen wild um sich. Kam mit einem Ruck wieder auf die Beine und rutschte nach der Öffnung.
Da kugelte sich Jean noch einmal auf ihn, biß und kratzte.
»Was willst du Lump? Hast du einen Flapps?« krächzte Séverin.
Jean hatte Séverins Kehle zu fassen bekommen. Schraubte seine Finger fest herum.
Séverin fühlte diese Krallen wie Schüsse im Gehirn. Jeder Finger schoß hundert Kugeln. Das Herz stand ihm bebend in der Kehle. Finger rissen es heraus. Fünf Finger, die wie ein Fluch geschlossen waren.
»Maruscha . . . !«
Das war der einzige Laut, den die Finger aus dem zuckenden Herzen quetschten.
Dann schnellten diese Finger zurück, und Jean fuhr sich damit über den rauchenden Schädel.
Und da befiel ihn naßkalt schweißiges Grausen.
Mit einem Satz war er aus dem Loch heraus. Tastete sich mit blinden Händen durch den Schacht. Sein Kopf ging wie ein Pendel. Ein ganz kleines Pendel. Bis er an ein Gerüst schlug und stehenblieb.
Verdammt und verflucht stehenblieb.
Mit einem gut Teil Anstrengung war es Jean dann gelungen, sich wieder zu konzentrieren. Seine Finger griffen etwas Festes. Balken, die hochsteilten. Ein widerlicher Luftstrom brauste da von oben herab. Ein Fauchen und Zischen von Drähten.
Und dann stolperte Jean in den Korb. Riß an dem Zinkseil. Das Auffahrtsignal schnellte nach oben. Packend schnappten die schweren Traggesenke ineinander. Der Korb stieg wie eine Wolke. Die Luft pfiff heiß und giftig.
Jean hatte eine Empfindung, als sei er erst jetzt er selber geworden, ganz und gar. Und jubelte: o ihr Heiligen alle! Gelobt! Gelobt Jesus Christus!
Plötzlich stand der Korb mit einem Ruck. Schleuderte Jean herauf, daß ihm die Bordkante tief in die Brust schnitt.
Jäh grub er beide Fäuste wild in seinen Busen hinein. Krähend vor Schreck. Und suchte das Seil.
Riß mit beiden Händen an dem Tau und schrie alle Schutzpatronen hinauf. Riß das Tau herunter und riß es tief in seinen Schädel. Mit den Armen, die in weißlichen glatten Windungen von seinem Körper herabfielen.
Und da! Wie ein geborstener Meteor, sausend, polternd fegte der Korb wieder in die Tiefe hinab, von einer Satanskralle wütend herabgezogen.
Immer tiefer.
Grenzenlos durch Finsternis und Nächte sausend.
Bis auf den Grund durch Meerjahre und Sternkorallen.
Abwärts.
Endlos in das torweit aufgesperrte Maul des Alten, der einmal im Knochenrock über die Halde tanzte.
Nervil Munta
(1912)
I
Soo . . . soo . . . seufzte Nervil Munta, nach dem sich die eisenbezackte Tür des Zuchthauses zu Ottignies hinter ihm geschlossen hatte und hob die Brust. Hob sie, wie um den roten Mauerberg der Stadt, der vor ihm aufragte, empor zu drücken.
»Soo . . . das Jährchen ist um. Der Streik wird auch vorbei sein. Jarse wird einen schönen Stein auf seinem Grabe haben. Die Hauer zwei Frank die Woche mehr verdienen. Vielleicht nimmt mich der Direktor wieder an. Gewesenes, kann nicht mehr dauern. O, ich will schon arbeiten. Für zwei oder drei, wenn es sein muß. Und acht Schichten die Woche. Mutter braucht dann nicht mehr auf die Zinkschmelze gehen. Und wenn mich eine von den Koksmädchen will, wird sie geheiratet, man muß nun endlich voll werden.«
Er hob die Brust und ging durch die lichtbeglänzte schnurgerade Straße. Ging mit schaukelnden Schritten zum Bahnhof wie auf einem Schiff. Radfahrer stießen mit krummen Lichthörnern die gehetzte Menge an die Häuserkanten. Funken von den Stromzuleitungen der Tram schossen wie Silberfische durch die dichtmaschigen Netze der Luft, und die Paukenwirbel der Geräusche dröhnten langgezogen und jagten Echos auf und nieder. Dann und wann blieb Nervil Munta vor einem großen Schaufenster stehen. Hob die Hände aus den tiefen Hosentaschen, bewegte die Lippen lautlos und schob die Hände wieder hinein. Ging weiter, kopfschüttelnd, murmelnd, ließ sich anrempeln. Rauch ins Gesicht blasen. Lief einen Baum um. Kam in Gefahr, von einem Lastwagen überfahren zu werden und stand endlich vor dem Bahnhofsgebäude.
Hinter ihm schlug es zusammen wie ein geteilt gewesenes Meer. Der Ziffernkreis der Uhr stand groß und gelb wie ein aufgehender Mond. Die Fahrkarte kostete fünf Frank, die er gewissenhaft abgezählt auf das Zahlbrett warf. Er wog das graue Pappstückchen in der Hand und fühlte Heimat und eine freiere Luft. Im Warteraum erstand er sich einen Genever. Trank noch einen und kam bis zum fünften.
Da rief der Wärter den Zug aus.
Nervil Munta schlüpfte in den Wagen und fuhr drei Stunden wie im Traum. Die Augen leblos in den schwarzen, bespienen Boden gebohrt.
In Namur mußte er umsteigen und vier Stunden auf den Zug nach Charleroi warten. Seine Fahrtgenossen, Bauern, Kleinbürger und Soldaten suchten sich in dem großen Wartesaal geeignete Plätze zum Schlafen.
Ein junger Bursche, den Leinenkittel dick mit Kalk beschmiert, -- vielleicht war es ein Maurer, der, nachdem die Bauerei in der Stadt zu Ende war, in sein Heimatdorf zurückkehren wollte, -- sprach ihn an.
Ließ die weißen Zähne lächelnd blecken und forderte ihn zum Trinken auf.
Sie traten an den Schanktisch und stießen miteinander an. Der Maurer aber hatte eine geläufige Zunge und schnurrte wie ein geschmiertes Rad. Der Speichelschaum zischte und spritzte.
Da drehte sich Nervil Munta wortlos um und suchte sich einen freien Tisch. Streckte die Beine aus und stürzte die Ellenbogen auf. Nun er die vielen Menschen gesehen hatte, nach einem Jahre wieder richtig gehende Menschen, die laut und lustig schwatzen konnten, fluchen und rauchen durften, wurde ihm die Zunge, über die der Schnaps gebrannt war, wie Stiche von Insekten, seltsam trocken und der Kopf wie ein Klumpen Blei widerlich schwer.
Es überkam ihn, zurückzudenken. Sich zurückzudenken in den kahlen gefühllosen Kerker. Er hörte vernehmlich den Filzschritt der Wache und das böse Geklirr des Schließers. Der Dunst von vergossenen Getränken und verbrodelten Speisen kitzelte seine Nase, die noch wund war von dem faden Leichengeruch der Zelle. Klappern von Tellern und Gläsern schwirrte durch die heftigen Pulsschläge seines Gehirns wie das Scharren der Blechschüssel jeden Mittag über den Zement des Zellenbodens, vom Fuß des Kalfaktors durch die Eisentür geschoben. Jedes geregte Leben, das hier im Wartesaal geschah, wurde zum Fühler zurück in kaum überstandene Stunden der Einzelhaft.
Und er hüllte sich in die wiederaufgebrochenen Gefühle, glaubte, daß er sie fühlte und merkte nicht, daß er nur die Mäntel der Gefühle ausbreitete zum Spiel, das Schlaf herbeilockte.
Er schlief fest und fuhr wie gestochen auf, als die Glocke der Abfahrt schrillte.
Wie zerschlagen tappte er sich auf den Perron und erreichte mit Not den Zug. Die Abteile waren überfüllt, dunkel und dunstig.
Als die schweren Wagen die Halle verließen, hämmerte der graue, windharte Morgen an die Scheiben.
Nervil Munta, der sich einen Fensterplatz mit seinen starken Knochen erdrückt hatte, sah spähend in die rauchige Landschaft hinaus. Die hereinbrechende Frühe hatte seine Gedanken aufgepeitscht, in Zukunft zu sinnen, und lebendiges Feuer in seine Glieder geworfen. Das Wirbelnde der bewegten Erde tanzte in sein Gehirn wie ein Kirmesreigen und wälzte ein freudiges Schnalzen auf seine Zunge, das lange anhielt. Dann überschrie der Bremsstrom die Achsen, und der Train stand am Ziel wie festgerammt.
Fluchend vorgeschoben verließ Nervil Munta den Wagen und zwängte sich durch das Portal.
Auf der Straße blieb er stehen. Sah sich nach allen Seiten lauernd um wie einer, der zum ersten Mal in dieses Gesichtsfeld rückt. Klopfte an den Kleidern herum, schob die Mütze zurecht und trabte der Vorstadt zu.
Gasometer und Hochöfen winkten mit klobigen Fäusten. Rauch zog in gelben, grauen und weißen Klumpen wie ein Riesengeschwader über die zermürbten Lehmhäuser. Dunst von verbranntem Erz und ranzigen Ölen machte die Luft schwer und feucht.
Nervil Munta aber blähte die Nasenflügel weit, spreizte die Finger und schmeichelte sich ein Leuchten in die Augen. Federnd schnellten seine Beine über das schlechte Pflaster, und wie ein Verfolgter griff er die Klinke einer Tür, die in das letzte Haus diesseits der Straße führte.
Mit der Mutter, die ihren schwarzen Tuchrock angezogen hatte und ein reines Häubchen aufgestülpt, machte er nicht viel Umstände. Als sie freudeweinend auffuhr, küßte er sie sauber ab und drückte sie wieder in den Stuhl zurück.
Der weiße Kopf neigte sich seitwärts, und ganz leise sagte sie: »Wie bist du gewachsen, mein Sohn! Und wie stark siehst du aus. O, alles ist besser geworden, als ich meinte. Und wie ich mich gegrämt habe, mein Sohn! Sieben Vaterunser habe ich für dich gebetet. Und die heilige Jungfrau beschworen. Und du, du mein Sohn . . .?«
Nervil Munta hob den Kopf und tastete die Wand ab. Blieb vor dem Muttergottesbilde stehen und reckte die Arme. Ging in die Kammer, wühlte in seinen Sachen herum und ging wieder ans Fenster und sah lange auf die Straße, wo die Kinder sich jagten und schrieen.
Zum Mittag hatte ihm die Mutter eine Fleischsuppe gekocht. Er wagte erst nicht, die würzige Brühe zu berühren. Dann aber, als ihm die Kostprobe auf der prüfenden Zunge zergangen war, schlürfte er den Teller in einem Zuge leer und schnalzte wie ein an der Brust gestilltes Kind. Erzählte der Frau mit dem weißen Scheitel von den harten Erbsen und trockenen Brotrinden im Kerker und geriet dabei in einen hellen Zorn. Obwohl er sich in der Zelle vorgenommen hatte, niemandem etwas von den schweren Tagen zu erzählen, erfuhr die Mutter alles, was ihm noch im Gedächtnis geblieben war. Und er kam sich wie ein Held vor, als er die Erzählung beendet hatte.
Zum Abend ging er ins Wirtshaus und vertrank mit den Freunden, die ihn schon erwartet hatten, das ganze Geld, welches man ihm für geleistete Arbeit im Zuchthaus gezahlt hatte. Nichts sollte mehr von den Tagen in seinem Besitz bleiben.
Und alle, die er freigehalten hatte, wollten sich bemühen, für ihn zu sprechen beim Steiger, Inspektor und Direktor. Und der Wirt sagte gewichtig: »Wenn alles reißt, Nervil Munta, kannst du bei mir im Hause schaffen. Bekommst dein schönes Essen und guten Lohn.«
Aber es gab zwischen den bereiten Helfern und dem siegbewußten Nervil Munta keine voneinander abhängigen Zusammenschlüsse. Da ihm seine von der Mutter gelobte Stärke einfiel, wurde sein Bewußtsein freier und von stolzem Erhobensein.
II
Am nächsten Tage, nachdem er bis zum Mittag geschlafen hatte, ging Nervil Munta auf die Gewerkschaft hinaus.
Grauer verstörter Regen rann, und in den verkrüppelten Bäumen der Allee hing der Sturm und heulte. Von den Hochöfen her brausten die Gebläse wie Wiehern lüsterner lüstiger Hengste. Die Zinkhütten qualmten empor wie dunkle Wäldermassen, und die spitzen Schornsteine zerstachen den Horizont, der wie eine riesige Blase schwamm.
Nervil Munta stieg in sein Innerstes nieder und brachte die Tage herauf, da er in Begleitung seines Vaters diesen Weg zum ersten Male geschritten war. Zur Arbeit aufgeschrieben wurde, das erste Geld der Mutter brachte. Vertrauensmann des Arbeitskomitees wurde. Beiträge einziehen mußte. Und dann der Streik. Und die Schlägerei mit dem Jarse. Das Gericht. Der Kerker . . .
Und nun ging er wieder Arbeit suchen.
Mancher Zelle Kern, der während des stumpfen Jahres sich verhüllt hatte, ergoß sich in den fiebernden Puls der Adern und überschwemmte die Schlacken der verflackten Flüche, die in den ersten Wochen der Gefangenschaft sein Denken vergifteten. Das Schmerzen der Schläfen war nicht mehr. Zu Tat und Freude schwollen Atem und Muskeln und fühlten die Arbeit vor sich als edelste Lust. Nicht für Erbärmlichkeiten mehr würde man diese wiedergeborenen Gefühle in Fesseln zwängen.
Das Gefühl dieser gesteigerten Bedeutung von dem Erhobensein seines Ichs erfuhr der Portier, den er gebietend ansprach und die Passiermarke zum Direktor forderte.
Der dicke Kerl, der in der Kolonialarmee als Korporal gedient hatte, ließ sich so leicht nicht überzeugen und fauchte ihn an wie einen Strolch. Stellte ein Kreuzverhör an und ließ sich die Papiere geben. Dann erst langte er die Marke heraus.
Nervil Munta sagte dem Portier ein Trinkgeld zu, wenn der Direktor ihm den alten Posten an der Fördermaschine wiedergeben würde.
Dann stieg er die Treppe zum Büro pfeifend empor und klopfte stark an. Die Angeln der Tür kreischten wie die Riegel der Zelle, die er kaum verlassen hatte. Das machte ihn schon unsicher, als hätte er den frohen Umschwung des Blutes vergessen.
Der Direktor kam ihm barsch bis zur Schranke entgegen und hob die Stirn gekräuselt.
»Sie suchen Arbeit?«
»Soo . . . soo . . . ist es, Herr Direktor!«
»Arbeitsbuch! Papiere!«
Nervil Munta wickelte das gelbe Buch aus der Zeitung und reichte es dem Direktor zögernd hin. Geduckt, wie einer, der Prügel empfangen soll.
Der schlug das Buch auf. Las. Hob die Schultern. Las noch einmal und machte das Buch wieder zu, überlegen und kalt.
Sagte dann: »Die neuen Bestimmungen der Gesellschaft verbieten, Bestrafte anzunehmen. Zumal Leute, die dem Komitee angehört haben. Auf die Nichtorganisierten muß Rücksicht genommen werden. Sind die fleißigsten Arbeiter. Reibereien würden wieder entstehen. Streik und Schlägerei. Sehr bedauerlich, aber nicht zu ändern.«
Mit zwei Fingern reichte er dem zusammengesackten Menschen das Buch zurück und drehte ihm den Rücken zu.
Nervil Munta schlich sich stöhnend hinaus und kam erst wieder zu sich, als er auf dem Hof stand. Mitten in dem satten Gewirr von Arbeit, das von den Werken herübergewitterte.
Dem Portier, der die Hand geöffnet hinhielt, spie er ins Gesicht. Stellte sich draußen vor den Zaun und ballte die Fäuste. Das Gesicht zerriß ein böser Krampf, und trockener Husten quälte die Kehle. Aber dann hakte sich etwas in die Stirn hinein und zog den Willen zurück von einem Sprung ins Rächerische. Beruhigte das Gehirn und fürchtete die letzte Armut nicht.
Wie er nun dastand und das Gespannte der Fäuste löste, brach weiße Sonne schräg durch die Wolken und verwirrte seine Augen so, daß sie tränten. Er bedeckte das Gesicht mit der Hand und ging in die Stadt zurück. Auf Umwegen. Es war ein steiler und steiniger Pfad, der über den Hügel zwischen Ginster hindurch führte.
Die Mutter betrachtete ihn blinzelnd.
Seine hervorstehenden Augen aber starrten ins Dunkel der Kammer. Und die Unterlippe fiel herab. Zum Reden war er an diesem Tage nicht zu bewegen.
Am dritten Tage endlich, nachdem er auf sechs Stellen abgewiesen war, im Walzwerk, in der Bleihütte, in der Ziegelei, Pumpanlage, Gasanstalt, Teerfabrik, bekam er auf der Koksmühle Arbeit. Da zwanzig Leute die Brocken dort hingeworfen hatten, nahm man gern Ersatz. Gleichviel, wo er herkam.
Nervil Munta, der einem Streikbrecher das Messer in die Rippen gesetzt hatte, nun selber ein solcher Lump?
Er fürchtete die letzte Armut nicht. Aber die andere Angst. Vor dem Ekel des Nichtstuns fürchtete er sich maßlos und griff darum zu und belobte den Tag und das Werk.
Da er zur Nachtschicht befohlen war, war ihm eine Last genommen. Die Genossen, denen er nicht gern begegnet wäre auf dem Werkgang, waren ihm auf diese Weise entrückt. Man würde nun nicht mit Fingern auf ihn zeigen. Ihn nicht anspein, auflauern, verprügeln.
Aber in Gedanken noch wollte er ein Körper der Freiheit sein. Entflohen aus der Armut, der Fremde, der Schande. Im Schaffen war ihm Leben. Wollust hierzu peitschte sein ungeschwächtes Blut auf.
Der Aufseher, bei dem sich Nervil Munta um acht Uhr zur Nachtschicht meldete, war der Schwager des erstochenen Jarse. Er beriet schon in Gedanken dem Mörder, der ihm in die Hände gegeben war, waffenlos und gedemütigt, die Minute seines letzten Blickes.
Nervil Munta aber merkte nicht den Triumph und ließ sich wie ein blindes Kind an die gewaltige Maschine, die sonst von zwei Männern bedient wurde, führen.
Zwischen kreischenden Schwungrädern und sausenden Treibriemen wurde sein arbeitshungriger Körper hingestellt. Wie ein stürzender Felsblock warf er sich in die Fron und ließ die Muskeln springen. In rhythmischem Hin- und Herwärtswiegen zitterte sein geladener Körper. Da ihm diese Arbeit ungewohnt war, ermüdete er bald und bog den gekrümmten Rücken ächzend gerade. Wischte sich den Schweiß aus der Stirn und hustete den Staub, der seine Kehle zugeschnürt hatte, hinaus. Das Zuchthaus hat mir das Fleisch von den Knochen gefressen und das Mark ausgesogen, dachte er und strich sich mit der flachen Hand über die gedunsenen Adern.
Aber da stand der Aufseher lauernd hinter ihm und brüllte »Was zum Satan glotzt du herum? Hast dich nicht lange genug ausgeruht. Da hinten im Bau?«
Nervil Munta starrte mit verglasten Augen empor, griff nach der Schaufel und warf den Koks in die Mühle. Der Aufseher stand lauernd hinter ihm und sah zu.
»Du Faulpelz mußt schneller schippen. Noch einmal so schnell. Soll die Maschine leerlaufen, springen?«
Nervil Munta nahm sich zusammen. Irgendwo schwoll eine Wut in ihm und befeuerte die Gelenke. Nur mehr ein Werkzeug war ihm der Arm. Und durch sein Gehirn blitzte das Erkennen: Ich bin nicht mehr _ich_.
»Immer noch fixer und mehr auf die Schippe,« brummte der Aufseher und ging.
Nervil brach am Morgen wie ein Sack zusammen. Lag im Ankleideraum erst eine gute halbe Stunde lang auf der Erde, ehe er aus der Fabrik in die Stadt zurücktaumelte.
Dann trank er die Kanne Kaffee, die ihm die Mutter vorsetzte, in einem Zuge leer und warf sich auf's Bett. Schlief bis zum Abend und war nur mit Mühe wach zu kriegen.
Packte dann die Brotstücke und die Geneverflasche in den Kober und ging wieder auf die Mühle.
Und Nacht für Nacht kamen die gleichen Auftritte mit dem Aufseher, der ihn zwackte und peinigte wie eine Schindmähre. Seine Rachlust lebte ihm darum und davon. Nur die Geschicklichkeit »Jetzt« zu sagen, war ihm noch nicht geworden.
Nervil Munta lebte in einem besinnungslosen Dämmer.
War steingewordene Antwort eines lebendigen Hetzers.
Seine Hände waren aufgerissen, und das Blut klebte den Holzgriff der Schaufel unentrinnbar ans Fleisch.
Stand nicht einer hinter ihm, der mit den Fäusten an seine Schläfen hämmerte, so, daß man die Knochen klingen hörte?
Dann wieder kam die Angst: Gib acht; die Räder donnern auseinander und zerschlagen deinen Schädel. Die Riemen zischen wie Schlangen und werden dich umringeln und die Brust zerquetschen. Gib acht! Gib acht!
Durch das Gedröhn der Walzen, durch Staub, Aufseherfluch und Schweißtropfen kam ihm diese Furcht.
Würde sie nie aufhören zu sein?
In der fünften Nacht sprang ein Koksstück aus der Mühle und zerfetzte sein Ohr. Das blutete und wurde eine einzige schwarzblaue Geschwulst.
»Siehst du,« sagte der Aufseher, der ihm die Wunde verband, »siehst du, der Jarse hat dich gerufen. Nimm dich in acht, daß er dich nicht ganz holt!«
Nervil Munta dachte an die Schlägerei und versprach sich, dem Jarse von dem ersten Verdienst eine Messe lesen zu lassen.
Der Aufseher begann zu hoffen und trieb es in der siebenten Nacht noch ärger mit Nervil Munta. Der Mörder mußte zu Ende gepeinigt werden. Und sein blutgieriger Wille hetzte sich hinauf in seinen letzten Mut.
Als Nervil Munta sich unter den letzten Flüchen des Hetzers schließlich aufbäumte und nach einem Eisenstück greifen wollte, glitt er auf der glatten Bühne plötzlich aus und geriet in das Radgezähn. Und ehe der Aufseher dazu kam, den Schwung der Transmission zu stoppen, war sein Schwager Jarse gerächt.
Der Anarchist
(1912)
I
Mitte März trat der neue Ingenieur Erwin Vallotti sein Amt an. Er hatte die drei Dynamo-Maschinen zu beaufsichtigen, die in Bordael dröhnten und ratterten, die Pumpanlagen und Paternosterwerke betrieben.
Der Direktor der Grubengesellschaft stellte ihm die drei Gehilfen vor. Zuerst den Techniker Vildrac, dann den Jean Paquet und zuletzt Henri Semella.