Der schwarze Baal: Novellen

Part 1

Chapter 13,705 wordsPublic domain

Produced by Jens Sadowski

Paul Zech

Der schwarze Baal

Novellen

Verlag der Weißen Bücher / Leipzig

1917

Copyright Verlag der Weißen Bücher, Leipzig, 1917

Inhalt

Die Birke Der schwarze Baal Das Pferdejuppchen Die Gruft von Valero Das Vorgesicht Nervil Munta Der Anarchist

Die Birke

(1910)

Eine halbe Stunde weit von der großen Stadt, deren Türme, Gasometer und Riesenschornsteine aus dem gelbgrauen Nebel wie Köpfe langsam Ertrinkender sich emporquälen, liegt die Gewerkschaft »Frisch auf«.

Mitten im Grün flacher Weideflächen und bis zum Rand der pastellhaften Kurve brauner Äcker. Aufrecht und starr wie eine starkbefestigte Insel.

Sie bleckt wie alle diese klobigen Tempel Vulkans bissig unnahbar aus den Umzäunungen.

Braune, mächtige Eichenbohlen stehn riesenhaft verkettet. An den vier Enden erheben sich schmiedeeiserne Tore mit spitzen Zacken auf den Häuptern; martialische Landsknechte.

Aus der Umzäunung ragen drohend die Fördergerüste empor: Phantastische Wurfmaschinen mit großen, flinkkreisenden Rädern; darüber Seile gleiten, welche die Geschosse auf- und niederheben. Die ringförmige Straße ist wie ein Graben vertieft. Schienenstränge gleißen darin wie dünne halbversiegte Wasserrillen. Die Lastwagen schaukeln wie Boote vorüber; alte vorsintflutliche Kasten.

Jenseits der Straße ragen die Halden.

Das sind die Forts. Regelrechte Gebirge mit ausgewaschenen Höhlen, verwitterten Kanten und schroffen Kämmen. Sie sind keine dreißig Meter hoch. Aber mit finsteren Mienen bewachen sie die Gewerkschaft wie riesige Fleischerhunde, weißer Geifer quillt aus den aufgesperrten Rachen. Dann und wann verschlingen sie ein paar Kinder, die, klein wie Vögel mit spitzen Schnäbeln, auf ihren Häuptern herumstelzen und aus dem struppigen Gesträhn kleine Kohlenstückchen in Säcke sammeln.

Unten, nach der Kolonie zu, wo die Häuser wie blanke Zahnreihen blitzen, hat man einen neuen Berg aufgeschichtet.

Unbarmherzig über saftige Grasflächen und Strauchwerk rollte das schwarze Verhängnis und fraß alles stückweise weg mit qualmender, zischender Begierde.

Nur eine Birke war stehen geblieben. Obwohl ihr das schwarze Gift in Mannshöhe schon den weißen Leib umklammert hatte.

Es war kein dürrer Ast an ihr. Sie war zart und hob das kraus gekämmte Haar trotzig in den Wind empor. Mit Abscheu sah sie auf die magern Gartenklexe der Kolonie, die gar nicht anrennen wollten gegen die weit umsichgreifende Umklammerung des Gebirges. Sie schaute gelangweilt auf die schmutzigen Höfe, wo frischgesäuberte Leibwäsche sich auf den Leinen spreizte, um das Weiß ihres jungfräulichen Gewandes nachzuahmen, und sie zuckte nur auf, als ein verirrter Vogel Schutz in ihrem grünen Blätterschoß suchte. Schutz vor den gelben Ausdünstungen der Kokereien und dem Gestöber der Rauchwolken, die unaufhörlich den Feuerschlünden entquollen.

Sie sträubte das Gefieder wie eine Gluckhenne und nickte beseligt ein, als der aller Gefahr entronnene Sänger, den draußen niemand mehr anhören wollte, sein Lied zu Ende flötete. Das war ein Lied von der andern Welt, wo ein kristallner Himmel sich zur Kuppel wölbte, weiße, gleißende Sonne die Felder segnete und phantastische Schatten weglang hin- und herwärts jagten.

Die Seele der Birke weitete sich. Kindheitserinnerungen zogen vorüber; ewig blauer Himmel und immergrüne Wiesen mit zottigen Schafen und silbernen Bächen.

Und der Vogel sang stärker. Immer leidenschaftlicher rollten die Töne, überschlugen sich. Und endeten schließlich in einer weichen Wiegenmusik.

Die Birke schloß die Augen. Ihre smaragdnen Behänge kuschelten sich zusammen, und die Dämmerung breitete die schweren Schlafdecken darüber.

Ein böser Traum erschütterte das Herz der Birke.

Wie mit wachen Augen sah sie das Kommen wildfremder Dinge und konnte sich nicht wehren. Der Alp lastete mit Zentnergewichten und schlug alle Anstrengungen des Wachwerdenwollens in Fesseln. Droben auf der Halde aber rauschten die Flammenkessel. Signalposaunen bliesen. Transmissionen kreischten und wildbärtige Sturmkolonnen rüsteten sich zum Angriff auf die arme, frierende Birke. Dampfmaschinen fuhren auf wie Kanonen. Männer mit furchtbar entstellten Gesichtern hoben lodernde Blöcke auf kleine Kippwagen. Dumpf rollte der Niedersturz. Und dann dröhnten die Lavablöcke mit höllischem Gepolter den Abhang hinunter. Weiße Dunstwolken mit orangenen Helmen jauchzten hinterdrein. Donnernd schlug die ehern glühende Masse unten auf. Ein Funkenregen spritzte bis in die Kolonie. Die Birke stand in einem blutroten Nebel. Sie erbebte bis in die feinsten Faserwurzeln. Und konnte sich doch nicht rühren. Immer neue Geschosse flogen hinab. Die Splitter schwirrten wie ein Gewitterregen. Sturzbäche schwollen zu Tal.

Die Birke stand bis zu den Armen in der brodelnden Flut. Immer unermeßlicher rauschte das Funkenmeer. Der rote Nebel blähte sich wie eine Retorte. Minutenlang war die Birke darin verschwunden.

Und als sich die letzten Schwaden verzogen hatten, die straffen Gurten der Funken gelockert, wehte nur das zerzauste Haar des Baumes herauf. Stamm und Arme krümmten sich unten in dem qualmenden Schlackenmorast und starben brüchig ab.

Lange nachdem der Feind vor den Pfeilen der Morgenschauer geflüchtet war, erwachte die Birke mit fieberndem Kopf. Ihr Herz ging in langsamen Schlägen, und in den Schläfen hämmerte der Brand.

Erst gegen den Nachmittag zu, als die Sonne ihr das Haar wieder geglättet hatte, und ein frischer Wind, der vom Fluß heraufkam, kühlen Tau mitbrachte, begann das böse Fieber zu weichen.

Die Birke sah mit kranken Augen in die Kolonie hinunter. Da polterten die schwarzen Wagen über das Pflaster, als wäre nichts geschehen. Halberwachsene Mädchen spazierten langsam mit den Kindern: zottelige, ungewaschene Brüder und Schwestern in allen Altersstufen. Der Obersteiger trug seine Würde behäbig in die Fliederlaube, wo der Kaffeetisch gedeckt stand, umbrämt von einem schäbig blauen Rideaux. Die Frau Kuscinsky stritt sich mit der Frau des Maschinisten Klöwer um einen neuen Hut, den sie beide nicht besaßen. Hinter dem Kaninchenstall lag der Invalide Wladislaw und war wieder einmal selig besoffen. Die magern Schweine grunsten. Hühner warfen den Staub auf den Höfen wirr durcheinander. Spatzen hüpften umher. Dünne Glocken schnarrten die langweiligen Viertelstunden mit Bravour herunter.

Die Birke versuchte zu lächeln über so viel Lebensbunterlei, das nutzlos in den Tag hineinlebte.

Aber die Brust. O, wenn nur die Brust nicht so geschmerzt hätte! Das Wetter war bedeckt und der Wind -- es war ein anderer -- hob alle die entsetzlichen Gerüche von dem Zechenhof und versprengte sie wie durch eine Brause.

Die Birke reckte, so gut es eben ging, den Kopf.

Aber das verirrte Vögelchen von gestern war einfach nicht mehr vorhanden, vielleicht hockte es schon irgendwo in einem Käfig. Denn die jungen Burschen, die unten im Schacht die Pferde mißhandelten, fingen mit Leimruten alles weg, was auch nur einen kleinen Ton in der Kehle stecken hatte.

In langen Reihen hingen die Vogelzwinger vor den kleinen Häusern. Grammophone animierten die Drosseln, Stare und Hänflinge zum Konzert.

Nicht ein Vögelchen schwirrte mehr durch den hereinbrechenden Dämmer. Nur die ekelhaften Fledermäuse mit den stumpfen Nasen und kühlen Krallen.

Und da wurde es merkwürdig still in den Mienen der Birke. Schwer fiel ihr das Haar in die Stirn. Und sie mußte es geschehen lassen, daß die heraufspringende Abendkühle sich darin festsetzte und die grauen Sacktücher wusch.

Ein bleicher Stern, der zischend vom Himmel fiel und um Haaresbreite das herabgebeugte Haupt der Birke streifte, weckte die Halberstarrte noch einmal aus dem langsamen Hinüberschlummern.

Zwischen den halbgeöffneten Lidern sah sie noch die lang aufquellende Lichterreihe, und dicht dahinter fuhren schon wieder die mörderischen Geschütze auf.

Ein Schreckschauer rieselte schwer über ihre blasse Stirne. Gleichgültig ließ sie die beiden Verliebten vorüberstreichen, die sich nicht schämten, die Wildgier ihrer Lippen vor den Augen der vielen jungfräulichen Wasserspiegel auf dem Pfad zu schüren.

Oh, diese Jungverliebten, die in diesem geizigen, raubgierigen Lande doch nur allezeit zwei verlobte Waisenkinder sein werden! Die Birke zitterte stärker auf.

Es war nichts. Oder es war das Atmen der Stille, der tödlichen Stille vor dem letzten Herzschlag.

Auf der äußersten Flanke der Halde flatterten schon die schneeigen Gewänder der Engel auf, um die Seele der Birke hinwegzutragen. Feuerbäche brausten in der Tiefe und wehten den metallischen Schaum bis zum Gipfel empor.

Die ersten Geschosse knatterten.

Dicht vor der zusammengebrochenen Birke schlugen sie ein.

Geröllstücke lösten sich los und brachen krachend in das Häufchen Tod.

Langsam begruben sie die spärlichen Überreste.

Der ganze Höllenspektakel der Schlacht rauschte noch einmal auf. Unheilvolles Gebrüll zog Kreis zu Kreis. Der Himmel tanzte. Die Erde tat sich auf. Und aus dem klaffenden Spalt schwebte langsam, von hundert weißen Fittichen getragen, die arme Seele der Birke empor. Glockengeläut schwoll auf. Und die schauervolle schwarze Nacht wallte wie ein unabsehbares Trauergefolge.

Der schwarze Baal

(1911)

Oh, das Unglück! Oh, das Unglück!

Wie ein dichtes Schneegestöber fuhr dieses flockige Rufen über das Dorf, immer wenn der schwarze Baal die roten Fangarme durch den Schacht gestoßen hatte und von jenen Männern, die ihr Bündel heiler Knochen Tag für Tag auf die blutrostigen Böden der Förderschale legen mußten, sich irgend einen, oder ein Dutzend oder Hundert auswählte zum Fraß und den Rest wieder von sich gab wie einen ausgedörrten Kothaufen.

Oh, das Unglück! Oh, das Unglück!

Und die Witwen im schwarzverlogenen Gewand der Trauer, die diesen Ruf gleichgültig hinausmurmelten wie den Perlenfall des Rosenkranzes, zerdrückten in der Linken das Taschentuch und wogen in der Rechten den Goldklumpen der Unfallprämie. Sie wogen und prahlten, bis das Gleißende zum Glück wurde für den neuen Schuft aus der Reihe der Schlafburschen.

Und dann schickten die wiederum Mütter Gewordenen ihre Söhne in den Schacht hinunter. Und es dünkte ihnen eine große, unverdiente Gnade, wenn der Grubendirektor Brot gab für die hungrigen Mäuler. Denn der Schatten des Hungers lag wuchtender auf den paar aussätzigen Hütten am Fluß, als der hagelwolkige Vorübergang einer Katastrophe, die eigentlich nur die Fenster zum Klirren brachte und ein paar Gänge zum Kirchhof mehr.

Niemand im Dorf glaubte an die Brandopfergier des Baals. Kein Gatte, Sohn, Bräutigam, Kostgänger war ihnen ein dem Baal Geweihter. Vorbestimmt war diesen nur jenes sanfte Hinüberschlummern zwischen den Kissen des Ehebettes. Aller Tod, der anders kam, war ein Unglück. Oder ein Zufall, wie die Aufgeklärten meinten.

Und die, die auf das Kreuz des Alltags genagelt, hinunterfuhren in die verfluchten Bezirke der Fron und Station an Station durchwanderten, da einen Arm, dort ein Bein ließen, fürchteten den Hunger maßloser als die fünf Bretter des Sarges. Nicht einen Augenblick dachten sie bei dem zerfetzten Kadaver eines Kameraden an die Möglichkeit, an gleicher Stelle zu liegen. Heute oder morgen. -- Oh ein Unglück! Ein Unglück! Nichts weiter.

Und das Opfer in den hakigen Klauen des Baals, reißt es nicht das Maul auf zum Schrei: »Oh ihr Brüder: das Unglück! Das Unglück!«

Und die diesen Schrei hören, sind sie nicht ein furchtbares Echo, das das Bersten und Krachen der Planken übertönt wie ein Orkan?

Aber alle, die es auffangen dort oben im weißen Dunst des Tages, blasen es weiter in die stumpfe Melodie des Trauermarsches: Oh das Unglück! Das Unglück!

Das schnurrt der Pfaffe am Massengrab nach. Die Mütter und Witwen und Töchter verdrehen die Augen, die nicht weinen wollen und krümmen die Rücken ein paar Tage lang. Dann entklafft ihrem Schoß ein Neues und wird Unglück, das sie nicht wissen wollen.

Und doch war einer in dieses Dorf gekommen, den man alsogleich zum Opfer bestimmte. Obwohl er das Schandmal des Unglücks an der Stirn trug wie eine aufgebrochene Schwäre, bekam er seinen Tod zugewiesen. Und die, die ihn hielt, war nicht untertänig wie Abraham, da er Isaak opfern ging. Das brachte ihn nun in eine allzuschiefe Stellung zu den wichtigsten Dingen dieses Lebens, wiewohl seine Mutter dagegen ankämpfte mit den Instinkten eines Raubtiers.

Schon daß Fredrik als eine Frühgeburt just in dem Augenblick zur Welt kam, da man seinen Erzeuger ins Haus brachte: schwarz, entstellt und rotgeschunden, gab ihm eine Sonderstellung inmitten des großen Haufens.

Und dieser unabgestempelte Vater hinterließ ihm nicht einmal seinen Namen. Denn die Hochzeit, die jene zwei, die sich erkannt hatten, zusammenkoppeln sollte nach dem Gesetz, stand erst vier Wochen nach dem Unglücksfall an. Einen Toten aber mit einer Lebenden zu verbinden, war derzeit noch nicht gestattet.

Das zerstach der jungen Mutter das Herz, und sie haßte hinfort den Mann, der solches heraufbeschworen hatte. Sie haßte diesen Mann über das Grab hinaus und sie haßte seine Hantierung.

Sie gab dem Jungen die Brust und harte Pellkartoffeln, die sie dem Amtmann stahl, bei dem sie bedienstet war, und sie übertrug auf den Bastard alle Zärtlichkeiten, die sie Israel, dem Geliebten, schuldig geblieben war.

Fredrik wuchs auf wie die anderen Würmchen, trotzdem die hohe Obrigkeit allerhand Schwierigkeiten machte, ihm die Türchen ins Dasein aufzusperren.

Tags war er im Spital bei der Muhme. Und die alten Klatschmühlen, die mit auf der Stube waren, rissen ihn dutzendmal aus der Wiege und betasteten den Körper, um irgend etwas Besonderes zu entdecken. Denn daß Fredrik dem Vater nachmußte, stand sicherlich irgendwo auf der Haut geschrieben. Und sie fanden auch nach langem Suchen einen dunklen Fleck auf dem rechten Oberarm, der sah aus wie zwei gekreuzte Schlägel.

Die junge Mutter war verzweifelt, wenn sie solches gewahrte, und entriß das Kind den Triefaugen der Hexen, um sich mit ihm in eine dunkle Ecke zu verkriechen.

Und wenn dann Fredrik aufkrähte unter dem warmen Strom der Sättigung, hob sie ihn empor und ging in der Stube herum wie eine Siegerin: »Seht, was für ein gesundes Jungchen! Mein Jungchen hat gerade Arme und gerade Beinchen. O, was für ein gesundes Jungchen. Aber in die Grube soll mein Jungchen doch nicht!«

Die Spitalweiber ließen sich aber nicht bereden.

»Der Vater wird ihn schon holen kommen, Antje. Du mußt ihn doch einen Bergmann werden lassen. Ja, ja, der Vater wird ihn schon holen.«

Sie sagten das mit einem furchtbaren Ernst und verdrehten mystisch die Nasen.

In den Worten der runzligen Hexen lag ihr Schicksal. Das fühlte Antje. Die Worte schnitten wie zwei scharfe Messer gleichzeitig in ihr Herz. Aber sie kämpfte dagegen an und verstopfte die Wunde immer wieder mit einem kleberigen Trotz.

Als Fredrik vier Jahre alt wurde, kaufte Antje sich von dem Ersparten ein Häuschen und tat einen Handel auf. Das Jungchen lag in der Tür und beschnupperte jeden einzelnen Eintretenden. Manchmal ging er auch mit den Jungens auf die Gasse zum Spiel. Auf die Schlackenhalde, oder nach dem großen Kohlenlager. Da spielten sie Verstecken und balgten sich wie junge Katzentiere.

Einmal waren sie ihrer vier die Halde emporgeklettert. Es war so schön warm dort oben, und die dünnen Rauchschlangen, die aus den Ritzen züngelten, fingen sie mit den Händen auf, oder hielten den offenen Mund darüber, bis die Wangen ganz blaß wurden und eine Übelkeit die Köpfe in heftige Umdrehungen brachte. Dann rollten sie den Abhang hinunter wie Murmeltiere und lagen lange in dem dürftigen Gras der Böschung. Starr und mit dünnen Atemzügen.

Die schwarzen Männer, die oben die Wagen entleerten, warfen ihnen böse Flüche nach und drohten furchtbar mit den Armen.

Lächelnd erzählte Fredrik der Mutter von dem großen Berg, der immer so schön rauchte und ganz warm war.

Da wurde Antje sehr zornig und verbot Fredrik dort hinzugeben. Sie schärfte ihren Willen an dem ewigen Wahrsagenwollen der Spitalweiber. Und diesen Willen bläute sie dem Jungen ein.

Ein paar Tage lang ließ sie Fredrik nicht aus den Augen. Als dann aber der Öljude kam und ihre ganze Aufmerksamkeit wegfeilschte, schlich Fredrik sich flugs auf die Gasse und fand ein paar Gefährten, die mit ihm zum Schlackenberg gingen.

Sie hatten aber kaum die Hälfte der Anhöhe erstiegen, da gab es ein ohrenbetäubendes Donnern. Der Berg öffnete sich, eine Rauchwolke wirbelte hervor, und die drei Spielgefährten Fredriks polterten in den Spalt.

Fredrik schoß den Abhang hinunter und lag, mit versengten Haaren und ein paar Brandwunden im Gesicht, zappelnd in einer Pfütze.

Die Männer, die ihn der Mutter ins Haus brachten, grinsten, als diese sich wie eine Irrsinnige über den Jungen stürzte. Einer von den verrußten Männern sagte: »Antje, daß du's weißt, der Israel hat das Söhnchen holen wollen, aber der Bengel war zu langsam. Na, ein andermal wird er ihn schon sicherer fassen bei der Gurgel.«

Da stellte Antje sich wie eine angeschossene Bärin und trieb die Lästerer mit Ruten aus dem Hause.

Und die Kinder wichen dem kleinen Fredrik aus, wenn er zur Schule ging. Und die Spitalweiber murmelten: »Antje hat ihn verhext. Sie hat Stutenmilch getrunken, als sie den Bengel säugte. Das feit gegen das Unglück. Aber wenn ihm die Milchzähne ausgegangen sind, wird es doch mit ihm kommen!«

Antje nahm den Buben nun jeden Morgen bei der Hand und brachte ihn zur Schule. Um zwölf stand sie wieder vor dem gebrechlichen alten Hause mit den vielen Fenstern und holte ihn ab. Dann mußte er das Pensum erledigen und sich auf die Salzkiste setzen bis zum Abend. Sie gab ihm Maiskolben und getrocknete Pflaumen zum Spielen. Und nach dem Essen brachte sie ihn zu Bett und atmete auf.

»Er wird nie mehr auf die Straße kommen zu den anderen Jungens, und wenn er zwölf Jahre alt ist, bringe ich ihn zum Oheim nach Karna. Dort kann er auf der Mühle helfen und ein Müller werden!«

Sonntags ging Antje auch mit dem Söhnchen durch die mageren Kartoffelfelder und zeigte ihm die bunten Schmetterlinge und den Grashüpfer mit dem gelben Schopf.

Einmal sagte Fredrik: »Mutter, wo ist mein Vater? Alle Jungens haben einen Vater. Nur ich nicht und der Schorch. Aber Schorchens Vater ist doch auf dem Kirchhof. Mutter, sag, ist mein Vater auch auf dem Kirchhof?«

Antje preßte den Zipfel des Kopftuches heftig gegen die Lippen, damit der Junge nicht das leise Stöhnen hörte.

So gingen sie eine weile schweigend. Jedes ein Schicksal, und ihre Schicksale stöhnten in der herben Luft.

Schwarz fielen die Schatten von den Pappelbäumen.

Und Fredrik schaute noch immer fragend zur Mutter hinauf. Er betrachtete ihre Hände, die welk und rissig waren, und liebkoste sie.

Ganz schüchtern öffnete er dann wieder den Mund:

»Mutter, sag . . .«

Und da bemerkte sie sein schmales, entstelltes Gesichtchen. Die spitze Falte zwischen den Augenbrauen und den verquollenen Mund, den die obere Zahnreihe gewaltsam aufstieß.

»Ja, ja, Jungchen. Ich werde dir den Vater zeigen, wenn wir wieder zu Hause sind. Wenn die Sterne scheinen. Dein Vater ist ein Stern. Ein ganz heller Stern.«

Fredrik reckte den Hals, und der Atem pfiff hindurch wie das Gekreisch einer Ratte, die im Eisen sitzt. Er mahlte mit den Zähnen irgendein Wort, aber eine fröstelnde Scheu fraß es ungeboren wieder weg.

»Ja, ja, Jungchen, dein Vater ist ein Stern.«

Fredrik gab sich einen Ruck und sagte weinerlich: »Wenn du mir den Stern zeigst, werde ich auch nie mehr fortlaufen.«

Am Abend, als sie daheim am offenen Kammerfenster standen, zeigte Antje dem Buben einen runden Stern, der flimmernd über dem Kirchturm stand.

»Das ist dein Vater, Jungchen, sieh nur!«

Fredrik reckte die Hand und versuchte den Stern zu pflücken wie eine Blume. Und er träumte die ganze Nacht von dem schönen, blanken Stern.

Und jeden Abend, wenn ihn die Mutter entkleidet hatte, sprang er ans Fenster und griff mit dem hageren Ärmchen den Stern. Er verschloß ihn mit der kleinen Faust und trug ihn in den Traum hinüber. Dort schien er die ganze Nacht so hell, so hell.

Da machten die Kinder mit dem Lehrer einen Spaziergang. Fredrik ging anfangs ganz still zur Seite des Magisters und suchte den Boden ab. Bis ihn zwei größere Buben beim Arm nahmen und mit fortrissen.

Er kam bald in Feuer und war der schnellste Junge. Er sprang wie ein abgekoppeltes Fohlen querfeldein: Greift mich! Greift mich!

Doch als die Buben einen Graben übersprangen, gab die Erde plötzlich nach und klaffte breit auf.

Unten war die Hauptsohle des Schachtes.

Der Lehrer drehte sich ein paar mal im Kreise. Irr. Dann war er mit einem Satz zur Stelle und sah ganz unten den Jungen auf einem Gesteinsblock liegen.

Die Rettungsmannschaft von der Grube kam und holte den zerschundenen Körper herauf. Das Haar war mit Blut verklebt, und die Beine hingen schlaff herunter wie an Zwirnfäden.

»Diesmal wird es sein Tod sein,« sagte der alte Doktor.

Und die Spitalweiber grinsten und hoben die dürren Finger: »Ja, sein Tod wird es sein.«

Und: »Siehste Antje, der Israel hat ihn doch geholt. Haha, haha, haha.«

Vier Monate lang lag das Jungchen in Gips, und die Mutter legte derweilen ihr Haar in den Rauhfrost hinaus.

Sie hatte auch ihrem Verstorbenen endlich ein Denkmal gesetzt und ging immer in der Früh, wenn das Jungchen schlief, auf den Kirchhof hinaus. Die Weiber versuchten ein Gespräch mit ihr anzubändeln, aber ihre Augen waren weit und weiß wie zwei gleißende Schlünde. Nur ihre Hände konnte, sie noch ballen, immer, wenn sie an der Unfallstelle vorüberging, die jetzt in einem großen Umkreis abgezäunt war. Und die Männer von der Direktion waren da und fremde Herren, die maßen, klopften und bohrten.

Und dann hörte sie, daß das Dorf niedergerissen werden sollte, der Unsicherheit des Gesteins wegen.

Sie sah das alles kommen wie eine Märzahnung. Denn die Wege hier dünkten ihr jetzt öde und verworfen. Und Fredrik lag im Bett und fieberte.

Diese verfluchten Spitalweiber mit dem Blutgeruch . . . O, daß die Erde sich noch einmal auftäte, diese Henker zu verschlingen!

Als Fredrik wieder den Oberkörper heben konnte aus den rotgewürfelten Kissen, holte die Mutter allerlei Spielwerk zusammen, damit der Junge wieder lachen könnte. Und aus einem alten Legendenbuch las sie ihm vor von den frommen Einsiedlern und dem großen Propheten in der Löwengrube.

Und da Fredrik einmal mit beiden Händen nach dem Büchlein griff, um die Bilder anzuschaun, fiel eine verblichene Photographie aus dem Buch.

Fredrik faßte danach und betrachtete lange das fremde Gesicht.

»Mutter, was ist das für ein böser Mann? Sieh, er hat genau solch einen schwarzen Kittel an wie die Männer, die immer hinter den Särgen gehn!«

Antje rieb sich ein paar Mal die Augen und ihre Lippen sprangen scharf von den Zähnen. Die leeren Augen des Jungen irrten um sie wie feuchtrauchende Phosphorkugeln. Dann sagte sie ganz ernst: »Das ist dein Vater, Jungchen, dein Vater, ehe er ein Stern ward.«

Und sie stand vor dem zerwalkten Bett und wartete auf ihn mitten in dem gelben Zwielicht, das so peinvoll war.

Fredrik hob den Kopf etwas. Die Augen quollen auf, und entgeisterte Blicke schossen heraus wie ein böser Schreck. Und die Lippen raschelten Worte, die sie nicht verstand.

Dann zerschlug den armen Körper ein tonloses Wimmern. Stoßweises Meckern und Sägen und Kratzen.

Und er wehrte sich nicht, daß sie sich über ihn beugte in sanfter Sinnlichkeit, wie einst über den Israel, als er noch nicht wild gewesen war in ihres Leibes Rosenbeet.

Sie küßte den Buben, trocknete ihm das Gesicht, strich ihm das Haar glatt und die tiefen Kummerfalten. Sorgsam, mädchenhaft und ganz sinnlich. Immerzu und stetiger, heftiger.

Antje wagte auch nicht, dem Jungen das Bild wieder abzufordern. Etwas Feindliches lag schattenhaft auf seinem Gesicht. Er fragte nie mehr nach dem schönen blanken Stern. Aber sie wollte nichts wissen. Nichts wissen, nichts wissen.