Der Schulmeister und sein Sohn Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege
Part 9
Als nun die Besatzung eingeschifft wurde, um mit Ausnahme weniger, welche schwedische Dienste nahmen, den Rhein hinunter gebracht zu werden, begab ich mich langsam nach einem Dörflein, wo unser Regiment liegen sollte. Da hoffte ich, am ehesten meine vorige Gesundheit wieder zu bekommen, und dann wollte ich den Major Taupadel an sein gegebenes Versprechen erinnern. So jämmerlich es auch um mich bestellt war, weidete ich mich doch an dem Gedanken, wie meine Kameraden sich freuen würden, wenn ich, den sie sicher tot wähnten, wieder heimkehrte, und gönnte mir kein Anhalten, bis ich das Dorf erreicht. Bald gewahrte ich einen Haufen Dragoner, und darunter einige, die meine guten Freunde und Kameraden gewesen waren. Ich trat unter sie und bot ihnen die Hand zum Willkomm. Sie kannten mich nicht, -- denn ich sah aus wie ein Gerippe, auch war seit meiner Gefangenschaft, in der wir nie ein Schermesser bekommen, mir Bart und Haar unmäßig gewachsen, und statt der Kleider trug ich zerrissene Lumpen an meinem Leib. Sie fuhren aneinander, als ich unter sie trat, und fragten barsch: wer ich sei und was ich wolle? Ich nannte ihnen meinen Namen, -- da fingen sie laut an zu lachen und riefen: „Was? das ist der Schreiber, der St. Georg, der so stattlich einherstolzierte und der beim Wittenweyerer Turm Offizier geworden? Wie führt dich der Teufel wieder daher und in solchem Aufzug?“ -- Ich erwiderte, daß ich in Breisach gefangen gewesen und Unsägliches ausgestanden, und daß sie mir mit etwas Kleidern und Geld behilflich sein möchten; sie lachten aber noch ärger und schrien: „Geh ins Lazarett! denn du siehst nicht aus, als solltest du noch einmal ein Pferd besteigen. Du magst freilich mehr Läuse als Dukaten mitgebracht haben, aber wir können dir nicht helfen: die letzteren sind bei uns auch rar geworden, seit wir vor dem Rattennest liegen mußten.“
Ich merkte wohl, daß sie mich für einen Mann des Todes achteten, weil sie sonst nicht das Herz gehabt hätten, mir solche Reden zu geben. Ich würdigte sie auch weiter keines Wortes, sondern wandte mich und wanderte dem Lazarett zu, während ich sie immer noch lachen hörte. Ich weinte vor Zorn, denn ich hatte vielen von ihnen im Glücke Gutes getan, und sie hatten mich wohl tausendmal Bruder genannt, und jetzt in meinem Elend bewiesen sie mir ihre Bruderliebe durch Spott und Gelächter.
Im Lazarett, das in einem Bauernhause eingerichtet war, ward ich vorderhand nicht aufgenommen, weil ich von Ungeziefer wimmelte, sondern in einen Schweinestall gewiesen, bis man Zeit habe, mich zu säubern und einige Kleidungsstücke aufbringen könne. Da fiel ich nieder auf das Stroh und -- ich weiß nicht, ob wegen des Ganges, der mir sehr wehe getan, oder wegen der Strapazen, die ich seit meiner Gefangenschaft ausgestanden -- plötzlich quoll mir das Blut wie ein Strom aus dem Munde, ich ächzte und stöhnte und versuchte zu rufen, aber niemand hörte mich oder wollte mich hören, und so schwamm ich denn endlich in meinem Blute, die Sinne fingen an mir zu vergehen, und nun meinte ich ganz gewiß, es sei aus!
Mit einem Male hörte ich jemand laut rufen, konnte aber die Stimme nicht erkennen, denn es brauste mir vor den Ohren: „Was! da hinein habt ihr ihn gelegt, ihr Hunde?“ Die Türe des Stalles fuhr auf, und ich öffnete die Augen, zu sehen wer komme. -- Es war +Olufsohn+. Als er meiner ansichtig ward und mich in meinem Blute schwimmen sah, kniete er zu mir nieder, küßte mich, indem er weinte wie ein Kind, „Bruder, Bruder, ich hab immer gehofft, dich noch am Leben zu finden, weil wir nirgends eine Spur von dir entdecken konnten; aber wehe, daß ich dich also finden muß.“ -- Ich nahm seine Hand und sagte: „Gott segne dich, +Olufsohn+! So hab ich doch noch einen guten Freund in der Welt und will gerne sterben!“ -- Er aber erwiderte: „Das wolle Gott nicht, bei dem kein Ding unmöglich ist, der kann mir auch wohl noch meinen Freund erhalten!“ Er erzählte, wie er keinen Gedanken gehabt, ich könnte bei den Gefangenen sein; als er aber auf dem Schlosse, wo der Herzog ihn auch zu dem großen Bankett geladen, das er zu Ehren der gewonnenen Festung feiere, gewesen, sei ihm die Liste der Gefangenen in die Hände gekommen, worin er meinen Namen gelesen. Da sei er eilend aufgebrochen, habe allenthalben mich gesucht und endlich erfahren, daß ich dem Lazarett zugewandert.
Nun bat ich ihn, Sorge zu tragen, daß ich noch einmal gesäubert und ins Lazarett aufgenommen würde, wo ich gerne sterben wolle; er aber sagte: „Was redest du da, mein Bruder? Was mein ist, das ist dein, und wo ich bleibe, da sollst du auch bleiben,“ sprang auf und rief nach dem Lazarettvater, daß ich augenblicks in sein Quartier gebracht und der Feldscherer nachgeschickt würde.
Dies geschah, -- und als wir ankamen, entkleidete und wusch er mich mit seinen eigenen Händen, zog mir reines Linnenzeug an und legte mich in sein eigen Bett, drauf, als der Feldscherer gekommen und mir einen Arzneitrank zurückgelassen, ließ er sich ein Streulager neben meinem Bett machen, legte sich aber nicht nieder, sondern saß die ganze Nacht an meinem Bett, reichte mir stündlich meinen Trank, hielt meine Hand in der seinen und sprach mir mit freundlichen Worten Trost zu. Und darin ward er nicht müde, sondern ist sechs Tage und sechs Nächte lang, außer wo er des Dienstes wegen mußte, nicht von meiner Seite gekommen, bis es wieder in etwas besser mit mir zu werden schien.
Ja, herzliebe Eltern! dieser Mann, den ich das Schwert führen sah wie einen Gideon, der im Streite alles vor sich niederwarf, trotzig und erschrecklich, wie ein junger Löwe, wenn er auf seinen Raub sich stürzt, dieser selbe Mann ist an mir ein Samariter gewesen, hat mich gepflegt, als ich ein Ekel aller Welt dalag, wie eine Mutter ihr Kind pflegt, mich gehoben und gelegt mit linder Hand. Ach! ich wußte es ehedem nicht, wie ein rechter Christ +beides ist+: +tapfer wie ein Löwe und sanft wie ein Lamm+, hie aber habe ich’s erfahren. O du mein Heiland, der du einst sagen wirst zu den Gerechten: „Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mich gespeist, ich bin durstig gewesen und ihr habt mich getränkt, ich bin nackt gewesen und ihr habt mich bekleidet, ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht, ich bin ein Gast gewesen und ihr habt mich beherbergt!“ vergiß es nicht, was dein Knecht Olufsohn dir an mir armem Menschen getan, und laß ihn einst herrlich geschmückt mit der Krone der Ehren zu deiner Rechten stehen.
Wie gesagt, eine Weile schien es besser mit mir zu werden unter Olufsohns Pflege, und ich hoffte, bald wieder vollkommen gesund zu sein und meinen Dienst wieder tun zu können. Von Olufsohn hatte ich gehört, daß der Major Taupadel zwar in der Wittenweyerer Schlacht gefangen sei, daß aber viele vorhanden, die sein Versprechen gehört, mir ein Fähnlein zu geben. Er selber gelte etwas bei dem Oberst Gordon, und selbiger habe auch gesagt, er werde nicht anstehen, mir zu geben, was ich wohl verdient; aber das Fieber, das mich seit jener Nacht nach dem Wittenweyerer Treffen nicht ganz verlassen, wollte nicht weichen.
An einem schönen Tage wollte ich mein Pferd besteigen, das Olufsohn mittlerweile verpflegt hatte, und ein wenig in seiner Gesellschaft ausreiten. Das Pferd erkannte mich noch, kehrte seinen Kopf mir zu und wieherte hell auf vor Lust, als ich ihm nahte, aber es wandelte mich eine Schwäche an, daß ich es nicht besteigen konnte und wieder heimkehren mußte.
Am Abend hörte ich Olufsohn außen vor der Türe den Feldscherer fragen, wie es denn eigentlich mit mir stünde und wann ich wieder vollkommen gesund sein würde? -- „+Mit dem ist’s aus!+“ lautete die Antwort, „die unmenschlichen Strapazen haben ihn fertig gemacht. Vielleicht daß er noch ein paar Jährlein es treibt, wenn er die Armee verläßt und sich zur Ruhe setzt. Er hat ein Zehrfieber und muß jedenfalls seinen Abschied nehmen! Bringt’s ihm glimpflich bei, er dauert mich und scheint keinen Gedanken daran zu haben.“
Den hatte ich freilich nicht! Ich hatte fest gehofft, in einigen Wochen würde ich wieder vollends zu Kräften gekommen sein. „+Dies+ das Ende? -- Nun, so fahr hin,“ rief ich in bitterem Unmut, „fahr hin Roß und Schwert und Ruhm und Ehre! Ein böser Unstern hat von Jugend an über mir gewaltet, -- wider den hilft kein Streiten!“
Olufsohn kam spät zurück und brachte die Nachricht mit, daß auf morgen Mittag die ganze Armee zum Aufbruch kommandiert sei, er habe schon Sorge getragen, daß ich dem Regiment auf einem Bagagewagen nachgefahren würde. -- „Ich gehe nicht mit, Olufsohn!“ sagte ich. -- „Nicht mit?“ fragte er verwundert, „was hast du denn im Sinn?“ -- „Heimgehen will ich,“ war meine Antwort, „heimgehen zu meinen alten Eltern, will ihnen, von denen ich in Schimpf und Schande weggelaufen bin, nun mein Elend heimtragen und mit Fingern auf mich deuten lassen von den Leuten, daß ich als ein Spitzbube gegangen und als ein Bettler wieder gekommen bin.“ -- „Nicht also, mein Bruder!“ sagte Olufsohn, „hadere nicht mit deinem Gott; wer hat des Herrn Sinn erkannt und wer ist sein Ratgeber gewesen? Gib dich in seinen Willen und trau ihm! Mir sagt eine Stimme, daß du’s ihm noch danken wirst!“ Ich schüttelte den Kopf und bat ihn, er möge nur dafür Sorge tragen, daß ich morgen noch meinen Abschied von dem Obersten bekomme. -- „+Ist’s also ernst?+“ fragte er traurig. -- „+Ja, ’s ist ernst!+“ erwiderte ich, „ich habe alles gehört, was der Feldscherer mit dir geredet hat. +Morgen scheiden wir!+“
In der Frühe des folgenden Tages war Olufsohn bei dem Obersten gewesen und hatte um meinen Abschied angehalten. Ich holte ihn selber ab, und der Oberst reichte mir die Hand, sagte, daß ihm weh geschehe, mich ziehen zu lassen, zahlte mir meinen Sold aus, als ob ich gedient hätte, und wünschte mir zum Abschied Gottes Segen auf den Weg.
Als ich heimkam, sagte Olufsohn, ich solle ihm mein Pferd verkaufen, es sei gar ein treues und stattliche Tier geworden, und er wolle es gut halten und mir zum Angedenken reiten. Ich wußte wohl, daß er nur einen Vorwand begehre, mir etwas Reisegeld zu geben, -- denn das Pferd gehörte ihm ohnehin, da er mir’s geschenkt nach dem Treffen bei Nördlingen, -- ließ mir aber den Handel gefallen, um ihm seine Freude nicht zu verderben. Einen großen Beutel mit Geld, den er mir reichte, wies ich zurück und bat nur um ein weniges, worauf er mir ein Päckchen zustellte, in welchem ich nur etliche Taler in kleiner Münze vermutete. Dann ergriff ich einen Stab und wanderte mit meinem Bündlein durchs Lager, und Olufsohn gab mir das Geleite.
Die Regimenter waren fertig zum Aufbruch, und standen zum Teil schon in Reih und Glied. Als ich bei den Dragonern vorbeikam, hatten sie alle grüne Reiser auf den Hüten, grüßten mich freundlich und riefen mir ein Lebewohl nach, das ich erwiderte. Am wehesten geschah mir, als ich meines Rosses ansichtig ward, das Olufsohns Reitknecht am Zaume hielt -- ich mußte schnell mich abwenden, denn meine Augen wurden naß. Vor dem Lager machten wir unsern Abschied. Da gab mir noch Olufsohn zum Andenken eine kleine Bibel, die er oft gebraucht; ich dankte ihm für alle Lieb’ und Treue, die er mir bis jetzt bewiesen. Er meinte, wenn nicht hier, würden wir doch im Himmel einander wiedersehen, küßte mich und ging schnell davon.
Ohne mich mehr umzusehen, stieg ich langsamen Schritts den Hügel hinan, über welchen mein Weg mich führte. Als ich oben angekommen, konnt’ ich’s doch nicht übers Herz bringen, sondern stand still, noch einen Blick zurückzuwerfen, -- sie setzten sich eben in Marsch, einzelne Reiter sprengten hin und wieder, die Trommeln und Pfeifen klangen durchs Tal, die Fahnen wehten und mit lautem Hallo und klingendem Spiel schloß ein Haufen dem andern sich an und gab eine Freudensalve! -- -- „+Was geht’s dich an?+“ sagte ich, „+dein Weg ist der weiteste+!“ wandte mich und zog meine Straße.
[3] Daß unser Valentin nicht übertreibt, sehen wir aus der Schilderung eines Zeitgenossen, welcher ~Theatr. Eur. III~ also schreibt:
„Anlangend aber den erbärmlichen Zustand und erschreckliche Hungersnot, so die guten Brysacher in dieser viermonatlichen Belagerung, sonderlich aber die letzten acht Wochen, ausstehen müssen, ist nicht allein dieselbe mit der Feder kaum zu beschreiben, sondern auch schwer zu glauben. Und ist diese Belagerung ja so memorabel und denkwürdig, als wohl eine sein und aus den alten Historien vorbracht werden kann. Was soll man von dir heutzutag schreiben, du armes Brysach, die du mit keiner geringen Belagerung von deinen Feinden eingeschlossen, und noch wohl was anders und abscheulichers, denn diese und andere, vorzunehmen bist gezwungen worden?
„Mußt du nicht auch mit herzbrechenden Schmerzen erfahren, daß in einem einzigen Tag acht deiner vornehmen Kinder auf einmal verloren und ohne Zweifel mit hungrigen Zähnen zerrissen worden? Mußt du nicht mit bluttränenden Augen ansehen, daß die toten Körper, so schon etliche Tage in der Erden vergraben gelegen, wiederumb herausgescharret, aufgeschnitten und ihre inwendige Gedärme weggefressen worden?
„Kannst du es ohne Mitleiden gedenken, daß deine arme, gefangene Soldaten im Stockhaus, von dem bittern Hunger gezwungen, mit den Fingern Löcher in die Mauern gearbeitet, sich mit dem schädlichen Kalk zu erlaben? Oder empfundest du es nicht, wann derselben einer oder mehr, wer es sei, vor Hunger verschmachtet, und selbiger also tot von seinen besitzenden, gleich hungrigen Kameraden mit knürbelnden Zähnen zerrissen, und ohnegekocht (als den 4. November und 2. 12. Dezember im Stockhaus geschehen) aufgefressen wird?
„Ist dies ein geringes, wann deine eigene Knechte und Kriegsgediente einen armen Jungen (als eines Pastetenbäckers widerfahren) bereden, er sollte ihnen nachfolgen, sie wollten ihme ein Bißlein Brots geben, denselbigen aber nachmals in ihrem Quartier jämmerlich schlachten und verzehren?
„Oder sollte es dir nicht schmerzlich wehe tun, wenn du am Morgen aufstehest und mußt bisweilen zehn, bisweilen mehr oder weniger Toten Körper auf öffentlicher Gassen liegend ansehen?“
„Möchtest du nicht dein Angesicht verstellen und die Haar deines Haupts ausrufen, wann du an deinen Wohlstand zurückdenkst, nunmehr aber mit unwilligen Augen anschauen mußt, daß vor ein Malter Kleyen 132: fl., vor ein Ei 1 fl., vor ein Pfund Roßkutteln 7 Batzen, vor zwei Hinterviertel von einem Hund 7 fl., vor eine Ratte 1 fl. gegeben worden?“
„Mehr als 2000 Roß-, Ochsen-, Küh-, Kälber- und Schafshäute, eine in die andere vor 5 fl. verkauft, aufgegessen, ja alle Hund und Katzen verspeiset worden? Und was soll ich viel sagen und deine Wunden wiederumb aufreißen, da doch dein zugestandenes Unglück ohne Zweifel schon in der ganzen Welt erschollen und bei allen Völkern ausgebreitet ist, deren eins Teil sich darüber belustigen, andere aber zu trauern Ursach genommen.“
Als charakteristisch für jene Zeit möge auch das auf die Eroberung von Breisach verfertigte ~Distichon Chronologicum~ eine Stelle finden. Es lautete: ~Heroi in victo Bernhardo de Weymar Germano Achilli, de expugnato Brisaco Carmen Chronologicum~:
„~InViCto fortIs CeCIDIt BrIseIs ACHILLI IVngitVr & tanto DIgna pVeLLa VIro~.“
Einundzwanzigstes Kapitel.
Der Brief. (Schluß.)
Darum still, darum still, Füg ich mich, wie Gott es will.
Volkslied.
Als ich eine Stunde etwa durch den Wald gegangen war, befiel mich eine große Mattigkeit; auf der Brust fühlte ich ein heftiges Stechen, mein Atem ging kurz und schwer, und die Sonne, obgleich wir erst im Anfange des Lenzes waren, brannte sehr heiß, -- so legte ich mich denn nieder in den Schatten eines Buchbaumes. Ich zog das Päckchen Geld heraus, das Olufsohn mir gegeben, um zu sehen, wie weit mein Reisegeld etwa langen dürfte, da bemerkte ich, daß dieser treue Freund einen Kunstgriff ausgesonnen, um mich wider meinen Willen nicht nur mit dem Notwendigen, sondern mit Überfluß zu versehen: es blinkten mir nämlich statt der erwarteten wenigen Taler lauter Goldstücke entgegen, viel mehr als mein Pferd wert war. Beschämt und gerührt von seiner Freundestreue nahm ich auch die kleine Bibel aus der Brusttasche, die er mir eingehändigt hatte beim Abschied. Als ich sie betrachtet hatte, tat ich, wie der Aberglaube es im Brauch hat, aufs Geratewohl einen Griff hinein: der Spruch, der mir zuerst vor Augen geraten würde, sollte mir eine Vorbedeutung und ein Fingerzeig sein, davon eine Anwendung auf mich zu machen. Ich traf gerade das siebte Kapitel des Buches Josua, wo Gott dem Volk Israel, als nach der verlorenen Schlacht wider die Leute von Ai sein Herz verzagt und zu Wasser geworden war, durch Josua berichten läßt, was die Ursache seines Unglücks gewesen sei. Mein Auge fiel gerade auf den dreizehnten Vers, welcher lautet: Also sagt der Herr, der Gott Israels! +Es ist ein Bann unter dir, Israel, darum kannst du nicht stehen vor deinen Feinden, bis daß ihr den Bann von euch tut.+
Ich mußte diesem Worte nachdenken! -- +Das+ hatte ich ja selbst schon seit den letzten fünf Jahren gemeint, daß ein „+Bann+“ auf mir liegen müsse, daß ein böser Unglücksstern mich verfolge und mir allenthalben in den Weg trete. Hatte ich mich jemals verzagt und träg finden lassen, mein Glück zu machen? Hatte ich nicht gekämpft herzhaft wie ein Mann, Leib und Leben dran gewagt mit Freuden, Lob und Auszeichnung davonzutragen? Hatte ich nicht sozusagen das Glück oft schon mit Händen erfaßt, und siehe, unter den Händen war mir’s wieder zerronnen!
Ich gedachte +Olufsohns+. -- Wie ganz anders war’s dem gelungen! Was war er mehr gewesen als ich, da er in das Regiment eintrat und, ein armer Bauernjunge, mit mir im Quartier lag bei Nürnberg? Er hatte nicht tapferer gekämpft, nicht mehr daran gesetzt als ich auch, und jetzt zog er frisch und fröhlich hinaus in die Zukunft, während ich heimzog nach so viel abgestandenen Mühen und Gefahren -- ein Landläufer und Bettler, wie ich gekommen, dazu siech und krank, nur Elend und einen frühen, ruhmlosen Tod vor Augen. Warum hat ihn ein Segen begleitet, während auf mir allenthalben ein Bann gelegen?
Da begann es plötzlich in meiner Seele Tag zu werden, da fiel mir’s wie Schuppen von den Augen -- +es war ein Unterschied, ein großer Unterschied zwischen mir und ihm+: er hatte seines Vaters Segen beerbt, und seiner alten Mutter Gebet und Fürbitte hatte ihm freie Bahn gemacht. Ein Gebot hatte +ich+ unter die Füße getreten, +er+ aber hatte es treulich erfüllt, das vierte Gebot: „+Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!+“ und der Herr war Richter gewesen zwischen mir und ihm und hatte an ihm seine Verheißung erfüllt: „+auf daß dir’s wohl gehe und du lange lebest auf Erden+!“ Mich aber hatte er vom Unglück verfolgen lassen und meinem Leben ein frühes Ziel gesetzt. „Du bist ein untreuer Sohn, auf dem kein Elternsegen ruht, siehe! das ist der +Bann, der auf dir liegt+!“ So sagte mir die Stimme meines nun aufgewachten Gewissens.
Jetzt ward mir’s, wie wenn eine Kammer in meiner Erinnerung aufgetan würde, die bisher verschlossen gewesen und an der ich bis auf den heutigen Tag mit Vorbedacht vorübergegangen war. Ich sah Euch, herzliebe Eltern, wie ich vor sieben Jahren Euch gesehen, nur daß Euch, lieber Vater, das Haar weiß geworden vor Gram um den Erstgeborenen, der Eure Freude gewesen, nur daß Euch, liebe Mutter, Euer edles Angesicht vom Kummer entstellt und Eure Gestalt gebrochen war unter allzuschwerer Last. Jetzt sah ich Euch in dem Stüblein zu Sommerhausen um den Tisch sitzen, still und traurig, oder hörte ich Euch den andern Geschwistern erzählen, daß „+wenig und böse+“ die Zeit Eures Lebens gewesen um des Verlorenen willen. Wie ein Traum lag mein Kriegsleben hinter mir: es war mir, als sei ich erst jetzt, wo ich den Kriegsrock abgelegt, wieder ich selber geworden, die Betäubung war aus, in der ich sieben Jahre lang gewesen war, -- ich konnte deutlich wieder jene Herzensangst fühlen, in der ich damals vor Euch, lieber Vater, aus dem Rathaussaale wankte. Hier stand ich wieder mit meinem Bündlein, gleich wie ich damals zitternd vor dir stand, mein lieber Bruder Johannes, als ich beschlossen hatte, von Euch hinweg zu fliehen.
„+Wehe, wehe, wehe!+“ rief ich aus, „ich habe nicht gehorcht der Zucht meines Vaters und habe verlassen das Gebot meiner Mutter, darum liegt der Bann auf mir, und meine Leuchte soll verlöschen mitten in der Finsternis. Gerechter Gott, hab Erbarmen -- nur so lange noch, bis ich noch einmal Vater und Mutter gesehen von Angesicht zu Angesicht, bis ich ihnen abgebeten alles Herzeleid, bis ich unter ihre gerechten Vorwürfe mich gedemütigt und durch meine Tränen sie wieder mit mir ausgesöhnt habe. Fort, fort, bis ich meinem Vater wieder begegne und ihm sagen kann: ‚Vater, ich habe gesündiget in dem Himmel und vor dir, ich bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße!‘“
So rafft’ ich mich auf und wanderte Tag um Tag, so lange mein Atem anhielt und meine Füße mich trugen. Meine Schwachheit nahm zu mit jeder Stunde Wegs, aber es zog mich vorwärts wie mit Haaren, und ich gönnte mir nicht Ruhe noch Rast.
Nach vierzehn Tagen etwa sah ich den +Mainstrom+ wieder. Nun hoffte ich bald am Ziele zu sein, aber mein Gott hatte es anders beschlossen. Hier lieg ich nun seit jener Zeit und nehme jeder ruhigen Stunde wahr, von meinem traurigen Leben Euch zu erzählen. Ach, sehen werd ich Euch nicht mehr!
Als ich an ein Dörflein kam unterhalb +Wertheim+ -- +Bestenheida+ genannt -- konnt ich vor heftigem Stechen kaum mehr einen Atem schöpfen. Ich fiel hin neben den Weg, als es schon dunkelte, und ein heißer Blutstrom stürzte mir wiederum aus dem Halse, wie damals, als ich Breisach verlassen. Wie lange ich neben dem Weg gelegen, weiß ich nicht, endlich kam ein Bauer gefahren, und als er mich ächzen hörte, lud er mich auf seinen Wagen und fuhr mit mir davon. Ich fiel in eine schwere Ohnmacht, aus der ich erst später wieder zu mir kam. Beim Erwachen fand ich mich zu Bette liegen in einem großen, leeren Zimmer.
Ich konnte nicht aufstehen. Endlich trat ein kleines, etwa zehnjähriges Mägdlein herein, sah nach mir, und als es bemerkte, daß ich die Augen offen hatte, trat es heran und wünschte mir einen guten Morgen. Ich fragte, wo ich denn sei. -- „In Wertheim im Armenleutehaus!“ erwiderte das Kind. „Gestern nacht hat Euch ein Bauer gebracht. Es hat die Pest hier in der Stadt regiert, und es ist alles im Hause gestorben; ich allein bin übrig geblieben und gehe den kranken Leuten zur Hand.“
„Wer bist du denn, mein gutes Kind?“ fragte ich. -- „Ein Waisenkind! Mein Vater war Bauer droben auf des Grafen Hof, dann sind eines Tages die eisernen Männer gekommen, haben unser Haus abgebrannt und den Vater totgeschlagen, meine Mutter ist an der Pest gestorben und mich haben sie hierher getan.“
„Ach, da kannst du auch etwas erzählen,“ sagte ich, -- „der Krieg bringt viel Unglück in der Leute Häuser.“
„Nein,“ sagte das Kind, „erzählen kann ich nichts, aber +beten+! Meine Mutter hat mich’s gelehrt -- ich bete alle Tage! -- Soll ich einmal beten?“ -- „Ja, bete!“ sagte ich, und das Mägdlein faltete die Hände und hub an:
„Was mein Gott will, das g’scheh’ allzeit, Sein Will’, der ist der beste; Zu helfen den’n er ist bereit, Die an ihn glauben feste. Er hilft aus Not, Der fromme Gott, Und züchtiget mit Maßen! Wer Gott vertraut, Fest auf ihn baut, Den will er nicht verlassen.
Gott ist mein Trost, mein’ Zuversicht, Mein’ Hoffnung und mein Leben, Was mein Gott will, daß mir geschicht, Will ich nicht widerstreben: Sein Wort ist wahr, Denn all mein Haar Er selber hat gezählet; Er hüt’t und wacht, Stets für uns tracht’t, Auf daß uns gar nichts fehlet.