Der Schulmeister und sein Sohn Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege

Part 8

Chapter 83,821 wordsPublic domain

Aber ich war in Verzweiflung: mein Pferd war tot und mein Fuß vom Falle gequetscht, die Feinde kamen wieder heran, und ich ermahnte Olufsohn zu fliehen. Da ich nur zum Unglück auf der Welt sei, sagte ich, so wolle ich gar nicht mehr länger leben; er wollte aber davon nichts hören, sondern hob mich zu sich aufs Pferd, wickelte die Fahne um sich, nachdem er sie von der Stange gerissen, und jagte mit mir davon. Wir entkamen glücklich den Feinden, verbargen uns die Nacht hindurch bei einem Bauern, der uns mit großer Lebensgefahr vor den streifenden Kaiserlichen versteckte und uns reichlich mit Speise und Trank letzte, weil ihm Olufsohn einmal einen Haufen Merodebrüder[2] aus dem Hause gejagt hatte, die ihn plündern wollten, und holten schon am folgenden Tag unser Regiment ein, das, so gut es anging, nach seinem schweren Verlust sich wieder gesammelt hatte.

Die noch übrig Gebliebenen waren alle sehr traurig, und als wir zu ihnen stießen, sagte der Oberst: „Ach, Olufsohn, bist du auch davongekommen? Gott sei Dank, daß ich einen tapfern Schweden mehr sehe. Aber mein Sohn, die Fahne ist verloren, so Ihre Majestät die Königin selber uns eingehändigt, da wir in Calmar zu diesem unseligen Kriege uns einschifften. Wie wollen wir unserer königlichen Herrin unter Augen treten, wenn wir heimkehren? O daß ich solchen Schimpf erleben mußte!“

„Seid guten Muts, Herr Oberst,“ sagte Olufsohn, „’s ist nicht ganz so schlimm. Unsere edle Königin hat ein gut Symbolum auf unsere Fahne gestickt: ‚+Gott mit uns!+‘ und Gott war mit meiner und meines Kameraden Faust, daß wir das verlorene Kleinod wieder gewonnen haben!“ Dabei wickelte er die Fahne los und hielt sie hoch über seinem Haupte empor; der Oberst aber, als er die Fahne wieder sah, lief herzu, küßte und drückte ihn und sagte: „Erichsohn, der sie bisher getragen, ist tot, so wüßt’ ich keinen, der würdiger wäre, hinfort sie zu tragen, und der getreulicher sie bewahren würde, denn +dich+. +Glück zu dem Fähndrich!+“

Olufsohn sagte, ich, sein deutscher Kamerad, hätte wohl ebenso Leib und Leben gewagt, um sie wieder zu bekommen. Als aber der Oberst sich alles des Näheren hatte erzählen lassen, wie es zugegangen, sagte er zu mir: „Du bist ein rechtschaffener Soldat, mein Sohn, und sollst, wenn du fürder dich also beweisest, nicht lange Gemeiner bleiben: für diesmal aber war dir die Kriegsfortuna weniger gewogen als dem Olufsohn, und es muß sein Verbleiben haben bei dem, was ich gesagt!“

[2] Marodeurs.

Neunzehntes Kapitel.

Der Brief. (Fortsetzung.)

Kaum gedacht, kaum gedacht, Ward der Lust ein End gemacht.

Altes Volkslied.

Nun fing ich an, mit Gott und der Welt zu hadern und immer tiefer in das wüste Leben hineinzugeraten. Hatte ich etwas, so lag ich tags damit auf dem Spielplatz und des Nachts an den Trinktischen der Marketender, so daß stets nach großem Überfluß wieder bitterer Mangel bei mir einkehrte. Bald war mir der Krieg verleidet, weil ich doch kein Glück dabei zu haben schien, bald stachelte mich wieder die Ehrbegierde wie ein scharfer Sporn, alles dran zu setzen, um endlich doch etwas Rechtes zu werden, und dann, mit Ruhm und Ehre gekrönt, mich wieder bei Euch sehen zu lassen. Bald ging ich allen meinen Kameraden in wüster Ausgelassenheit und Mutwillen voran, bald wieder war ich so schwermütig und eines finstern Geistes voll, daß ich jedwedem Menschen aus dem Wege ging. Olufsohn hat mir manchmal eine gute Vermahnung getan, aber ich schlug es alles in den Wind, und wo ich’s konnte, vermied ich seine Gesellschaft, obwohl ich eigentlich mein Herz nicht von ihm kehren konnte: denn das sah ich wohl, wie er allein ein redliches Gemüt gegen mich hatte, während die andern mir wohl freundlich und süß ins Angesicht redeten, hinterrücks aber mich verachteten und verkleinerten, und eher mir geschadet als genützt und geholfen hätten.

Da hat nun der himmlische Freund, der den Olufsohn als einen deutlichen Bußprediger mir an die Seite gesetzt, mich gleichwohl nicht fahren lassen, sondern mich noch einmal gedemütigt, und bereits zum dritten Male mir gezeigt, daß Unglück die Gottlosen verfolgt, wenn sie meinen, das Glück schon in Händen zu haben. Nachdem ich unter dem Kriegswesen schier durch ganz Deutschland hin und her gezogen und mein Regiment auch unter des Herzogs +Bernhard von Weimar+ Oberkommando gekommen war, standen wir am 9. August 1638 bei dem Dörflein +Wittenweyer im Breisgau+ den Kaiserlichen und Bayrischen unter des Grafen +Johann von Götz+ und des Herzogs von +Savelli+ Oberbefehl gegenüber. Tags zuvor, an einem Sonntag, hatten wir bei dem Dorf Friesenheim die kaiserliche Reiterwacht angesprengt, daß der Leutnant und acht Reiter gefangen, der Rest aber bis unter die kaiserliche Armee verfolgt ward, weswegen unsere Kompagnie, die solches ausgerichtet, von dem Herzog ein treffliches Lob davongetragen hatte.

Folgenden Tags ließ der Herzog in der Frühe den Gottesdienst und die Predigt abhalten, die tags zuvor wegen des Überfalls war eingestellt worden, dann durften wir ein wenig Speise zu uns nehmen und mußten aufsitzen. Unser Feldgeschrei war abermals „+Gott mit uns+;“ oder bei den Franzosen und den andern alliierten Nationen, welche das Deutsche nicht wohl aussprechen konnten, „+Emmanuel!+“ Die Götzischen und Savellischen aber riefen: „Ferdinandus!“

Als die Schlacht begann, ward unser rechter Flügel, welchen der Generalmajor +Taupadel+ geführt, von der Kaiserlichen und Bayrischen stärkstem Volk, den Kürassieren, angefallen und zurückgetrieben. Wir wichen anfangs langsam, dann aber, je mehr des kaiserlichen Volks herandrang, immer schneller, die Regimenter begannen sich zu trennen, und endlich suchte alles so schnell wie möglich zu der Reserve zurückzukommen. Auf der Flucht kamen wir an einen breiten und tiefen Bach mit jähen und abschüssigen Ufern, der sich dort in den Rhein ergießt und tags zuvor von einem starken Gewitterregen angeschwollen war. Über denselben führte eine steinerne Brücke, über deren Eingang ein alter, fester Turm stand, in welchen von den Unsrigen etliches französisches Fußvolk war gelegt worden. Als nun die Franzosen die Fliehenden auf die Brücke zukommen sahen, hatten sie den Turm verlassen, sich als die ersten über die Brücke davongemacht, und war nichts mehr von ihnen zu sehen. Es war aber offenbar, daß der Feind, wenn er unaufgehalten über die Brücke kommen und den Turm einnehmen würde, auch auf den Fall, daß die Unsrigen bei der Reserve sich wieder sammeln sollten, uns ein nochmaliges Vorgehen unmöglich machen und einen grausamen Schaden zufügen könne. Als nun der Generalmajor Taupadel den Turm unbesetzt fand, schalt er heftig über das schlechte Franzosenvolk, hielt sein Roß an und schrie dem flüchtigen Haufen zu: der Turm müsse besetzt und gehalten werden bis auf den letzten Mann, widrigenfalls werde er keinen Schritt mehr weiter tun, sondern hie halten bleiben, und wenn’s Leib und Leben kostete. Olufsohn, welcher aus mehreren Wunden blutete und kaum sich noch auf dem Pferde halten konnte, und ich selber, der ich sein Pferd am Zaume hatte, hielten in seiner Nähe.

„Swen Olufsohn,“ rief der Major, „Ihr seid ein wackerer Mann! Werft Euch mit zwanzig Mann in den Turm und haltet ihn um Gottes willen so lange, bis das Volk vor der Reserve sich wieder gesammelt, denn sonst, so wahr mir Gott helfe, ist alles verloren!“

„Euer Befehl soll getreulich vollzogen werden. Lustig, Kameraden, wer will mithalten?“ sagte Olufsohn, und bemühte sich, von seinem Pferde zu kommen. Wie aber der Major wahrnahm, daß er so heftig blutete und am Umsinken war, rief er: „Nein, nein, Fähndrich, Ihr seid’s nicht imstande; macht, daß Ihr weiter kommt, sonst geht dem Herzog ein wackerer Soldat verloren!“

Nun ward das Getümmel und das Gedränge immer heftiger, man hörte der heranjagenden Kaiserlichen Geschrei: „Ferdinandus! Ferdinandus!“ und der Oberst rief: „Ist kein Offizier da, der den Turm auf sich nehmen will, so will ich’s selber tun!“ -- „Mit Euer Gnaden Erlaubnis,“ sagte Olufsohn, „das darf nicht sein. Ist auch kein Offizier da, so ist hie +Valentinus Gast+, mein Freund und Kamerad! Gebt ihm zwanzig der Unsrigen, und auf das Wort eines schwedischen Mannes, Ihr könnet keinen finden in der ganzen Armee, der seine Schuldigkeit besser tun wird als er, wiewohl er nur ein gemeiner Mann ist!“

„Ha! bist du da, Dragoner?“ sagte der Major, „ich hab dich gestern tapfer fechten sehen, als wir die Reiterwacht ansprengten. -- Du willst Offizier werden? Siehe da den Turm! Halt ihn nur eine halbe Stunde, bis das Volk wieder gesammelt ist, und auf Wort und Ehre, du sollst morgenden Tags ein Fähnlein bekommen! Dreißig Taler jedem gemeinen Mann, der rechtschaffen mithalten will! Gehorcht diesem da, als ob ich’s selber wäre!“ -- Nun fanden sich gleich zwanzig der Unsrigen, die dazu bereit waren, flugs sprangen wir von den Pferden und schlossen das Brückentor zu. Dann eilten wir die Treppe hinan, warfen die Hüte vom Kopf, fuhren mit den Musketen durch die Schießlöcher und machten uns fertig. Die Unsrigen aber jagten davon, während Olufsohn mir mit der Hand noch zum Abschiedsgruß winkte.

Ich fühlte die Kraft von Tausenden in meinem Arm und hätte hellauf jauchzen mögen, als ich der Kaiserlichen Trompeten heranklingen hörte, denn es frohlockte mein Herz in mir, daß ich nun endlich mein sehnlichstes Begehren erreichen sollte, und rief: „Gott mit uns, Kameraden, jetzt gilt’s! Lob und Leben oder ehrlichen Tod!“ -- „Lob und Leben oder ehrlichen Tod!“ riefen die andern, welche wohl sahen, daß an ein Entlaufen nicht zu denken.

Im Augenblick sprengten die Kaiserlichen heran. Als sie das Tor geschlossen und den Turm besetzt fanden und aus den Schießlöchern die drohenden Musketen gewahrten, rief der Rittmeister: „Heda, ihr Lumpenhunde; wir bieten euch ehrlich Quartier, wenn ihr alsbald euer Loch verlaßt und das Tor auftut. Aber eilend, sonst müßt ihr alle über die Klinge springen!“ -- „Und wir, ihr Hundsvötter,“ rief ich hinunter, „bieten euch Kraut und Lot und die Spitze des Degens! -- Feuer, Kameraden!“ Nun krachte es aus den Löchern, und der Rittmeister und etliche der Vordersten stürzten vom Pferde. Im Nu aber machten einige die Äxte los von den Sätteln, drangen auf die Brücke und mühten sich, das Tor einzuhauen. Wir mußten den Turm verlassen, um ihnen zu begegnen, aber just, da wir hinunterkamen, waren schon die Bande durchhauen und die Torflügel fielen uns krachend entgegen. Wir gaben nochmals eine Salve, dann aber hatte es mit dem Schießen ein Ende. Mann gegen Mann fielen wir nun einander an und wurden handgemein: zuerst griff jeder zu dem Degen oder schlug seinem Feind die Muskete um den Kopf, dann aber, als die Feinde heftiger herandrängten und wir nicht weichen wollten, ward mit Stiletmessern, Fäusten und Zähnen gekämpft, jeder faßte seinen Widerpart um den Leib, rang mit ihm, und wenn er ihn nicht zu töten vermochte, suchte er ihn in die Höhe zu heben und in den Strom zu werfen, wobei oft beide zusammen hineinstürzten und nicht mehr zum Vorschein kamen, sondern am Tage nach der Schlacht, einer den andern fest in die Arme drückend, aufgefunden und hervorgezogen wurden.

Während wir also kämpften, war am Himmel wiederum ein erschreckliches Gewitter losgebrochen, -- es ward schier ganz finster, stürmte und blitzte, und die Donnerschläge fuhren rollend dazwischen hinein, daß die Erde erzitterte. Aber je schauriger es ward, desto grimmiger tobte die Kampfesbegier in mir, ich hieb und stieß blind darauf los und hatte nicht acht darauf, daß wohl die Hälfte der Unsrigen gefallen war.

Eine ziemliche Weile schon hatte das Getümmel gewährt, und wir waren noch nicht einen Fuß breit gewichen, da stürzte der Gefreite neben mir, zum Tode getroffen, vor meinen Füßen nieder, und als ich ihn wieder in die Höhe reißen wollte, sagte er: „Schreiber, Ihr werdet Euer Fähnlein im Paradiese zu führen bekommen, laßt mich dann Euern Korporal sein, dafür will ich Euch einstweilen Quartier machen!“ und deutete mit dem Finger auf einen Haufen Kroaten, die allmählich sich über den angeschwollenen Bach herübergemacht hatten, um uns in den Rücken zu gelangen. -- „Meinetwegen in der Hölle,“ sagte ich frevelnd, „wenn’s so sein muß,“ und schlug einen Kaiserlichen über den Helm, daß mein Degen in tausend Stücke zersprang. Den Gefreiten hörte ich beten:

Wann es nun muß gestorben sein, So geb ich willig mich darein. Und denk in dieser letzten Not An meinen lieben Herren Gott. Und im Gebet ja immerzu Ich Jesu Namen rufen tu, Und schrei mit Herzen und Begier: Herr Jesu, nimm mein’n Geist zu dir! Amen.

Mittlerweile war ein Kaiserlicher herzugetreten, hatte ihm den Fuß auf die Brust gesetzt und wollte ihm mit gehobenem Degen den Rest geben, hielt aber inne, da er ihn beten hörte. Als aber das Amen gesprochen, ließ er den Degen herniederfahren und durchstach ihn.

Nun kamen die Kroaten heran und machten ein kurzes Spiel. Wir durften uns nicht gegen sie umkehren, und so schossen sie denn mit ihren Pistolen einen um den andern nieder, bis ich noch allein dastand. Da meine Muskete abgeschlagen und mein Degen zerbrochen war, wandte ich mich und eilte wieder die Treppe hinauf in den Turm, wo ich an der Wand eine Hellebarde wahrgenommen, um mich mit derselben, bevor ich auch erschlagen würde, wie meine Kameraden, noch ritterlich zu wehren bis auf den letzten Blutstropfen. Die Kaiserlichen drangen mir nach auf dem Fuße, und einer schrie: „Willst du nun Quartier, Kerl?“ Die Stimme deuchte mir bekannt, -- ich sah mich nach ihm um und erkannte in ihm jenen Bösewicht, der sich den Hauptmann +Paradeiser+ genannt. „Gott sei’s gedankt, daß ich diesen Tag erlebe! +Du oder ich!+“ rief ich und riß die Hellebarde von der Wand, aber eh ich noch an ihn kommen konnte, hatte mir ein anderer seine Muskete so um die Ohren geschlagen, daß ich taumelte und zu Boden fiel. Alsbald fiel selbiger Paradeiser und die andern über mich her, plünderten mich und rissen mir die Kleider vom Leibe. Zuletzt, als sie mich bis aufs Hemd entkleidet, hoben sie mich auf und warfen mich, da sie mich für tot halten mochten, über die Mauer hinunter in den Strom.

Hier kam ich wieder zu mir, traute mich aber nicht heraus, weil die Kaiserlichen noch da waren, sondern hielt mich an einem überhängenden Weidenzweige so weit in die Höhe, daß ich mitunter den Kopf über das Wasser heben und Atem holen konnte. Sie gingen aber nicht vorwärts, wie ich gehofft, sondern standen ratschlagend beieinander und schauten links die Ebene hinauf. Ich wußte nicht, warum sie stutzten, hörte aber bald links oben immer lauter das Geschrei näher kommen: „+Gott mit uns! Gott mit uns! Emanuel! Emanuel!+“ -- Während nämlich unser rechter Flügel gleich anfangs weichen mußte, hatte der Oberst +Rosa+ nebst dem Grafen von +Nassau+ der Kaiserlichen rechten Flügel zurückgeworfen, der Herzog, welcher das Zentrum kommandierte, hatte unsern rechten Flügel, der sich bei der Reserve glücklich wieder gesammelt, an sich gezogen und siegreich den Feind von der Walstatt getrieben. Das kaiserliche Volk zog sich nun auch die Ebene hinauf, wo der Streit entbrannt war, ließ aber einen ansehnlichen Haufen bei dem Turme zurück, so daß ich immer noch nicht wagen durfte, aus dem Strom zu steigen.

Endlich, als der Herzog das Feld behalten, und ich der Unsrigen Lobgesang aus der Ferne hörte, -- sie sangen aber den 124. Psalm: +Wär’ Gott nicht mit uns dieser Zeit!+ usw. -- begann der Haufe im Turm abzuziehen. Ich faßte nun frischen Mut, denn es war bereits Abend, und ich konnte mich vor übergroßer Schwachheit kaum mehr halten. Da aber entdeckten mich durch das Weidengebüsch einige der abziehenden Kroaten und rissen mich sofort aus dem Strom. Sie schlugen mich fast zu tot, setzten mir die Spieße auf die Brust und wollten mich durchstechen, einer aber sagte: „Halt, es ist ein Offizier! ich hab ihn heut in dem Turm den Haufen kommandieren sehen, gebt ihm Quartier, er mag sich wohl ranzionieren!“ So banden sie mich, wie ich war, auf ein Pferd und jagten mit mir davon.

Zwanzigstes Kapitel.

Der Brief. (Fortsetzung.)

Ach wie bald, ach wie bald Schwindet Schönheit und Gestalt! Prahlst du gleich mit deinen Wangen, Die wie Milch und Purpur prangen, Ach, die Rosen welken all!

Volkslied.

Wir mußten nun die ganze Nacht ohne Aufhören reiten. Nach dem Ungewitter war es sehr kalt geworden, und weil ich den ganzen Tag im Wasser zugebracht, auch jetzt mit nichts, denn mit dem nassen Hemd bekleidet war, fror mich bald dergestalt, daß mir die Zähne klapperten, bald wiederum überkam mich eine Hitze, daß ich meinte, alle Adern wollten mir zerspringen. Von solchem Fieber gepeinigt, glaubte ich, nun sei’s mein Letztes.

Jener Kroate, der schon vorher den andern gewehrt, als sie mich totstechen wollten, hatte doch endlich ein Erbarmen mit mir, schöpfte mir ein wenig Wasser und sagte, er wolle die, welche mich im Turme ausgeraubt und die noch hinter uns seien, ansprechen, daß sie mir etwas von meinen Kleidungsstücken verabfolgen ließen. Er kam aber bald wieder zurück und brachte mir nichts, denn eine Kugel in Papier gewickelt, die habe ihm der, welcher meine Kleidungsstücke genommen (welcher wohl der Paradeiser gewesen sein mag), gegeben und gesagt: die habe er unter meinen Habseligkeiten gefunden, und sollte ich mir sie durchs Hirn jagen, dann sei ich aller Not los und ledig. -- Es war aber das die Kugel, die ich und Olufsohn in meinem Küraß gefunden, als ich bei Nördlingen niedergeworfen war, und die ich mir zum Andenken aufgehoben hatte. So bin ich denn in großer Krankheit und andauerndem heftigem Fieber von dem Haufen nach +Breisach+ geschleppt worden mit noch andern der Unsrigen, welche man gleichfalls in der Schlacht gefangen hatte.

Herzliebe Eltern! Was ich da für ein Elend durchgemacht, kann meine Feder nicht beschreiben. Da dachte ich oft an die Geschichte von der Zerstörung Jerusalems, welche in unserer Kirche zu Sommerhausen alljährlich am zehnten Trinitatissonntag vorgelesen wurde. Alle die Greuel, welche in Jerusalem geschehen, sind auch zu Breisach vorgekommen, und das ärgste habe ich selber mit erlebt. -- Ach! zu mir hatte auch mein Heiland schon lange Jahre das Wort gesprochen: „+Oh, wenn du es wüßtest, so würdest du es auch bedenken zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient!+“ -- aber es war vor meinen Augen verborgen, auch jetzt noch, bis ich endlich mir’s nicht mehr verhehlen konnte, daß seine Gerichte anhüben über mir zu geschehen.

Bereits als wir ankamen, waren in der Festung nur sehr wenig Lebensmittel vorhanden, weil schon seit länger das schwedische Heer alle Zufuhr abgeschnitten. Es waren unserer gegen fünfzig Gefangene, und wir wurden im Stockhaus untergebracht. Ich mit noch zwölf andern wurde in einen feuchten Keller geworfen, in welchem nur ein kleines Luftloch angebracht war. Keiner konnte den andern sehen, sondern wir saßen naß und frierend Tag und Nacht in Finsternis. Zum Lager hatte ich ein wenig Stroh, und da ich sehr krank und schwach war, nahmen meine Kameraden das wenige Brot, das täglich unter uns ausgeteilt wurde, hinweg, so daß ich sechs Tage lang nicht eine Krume bekam. Ich achtete es nicht sonderlich, weil ich ohnehin zu sterben meinte, aber ich kam wieder ein wenig zu Kräften, und nun wurde ich von unsäglichem Hunger gepeinigt: unsere Not war erschrecklich, -- aber wir sollten noch Schrecklicheres erleben.

Die Festung ward jetzt von dem Herzog Bernhard selber aufs ernstlichste belagert, der von Überläufern gehört hatte, daß die Besatzung nahe am Verhungern sei, und nun bekamen wir bald nichts mehr zu essen als ein wenig Roß- oder Hundefleisch, und der Schließer meinte, das sei noch alles viel zu gut für uns, „da kaiserlicher Majestät Soldaten auch nichts anderes zu essen hätten“. Mit Anfang Dezembers, als die Belagerung andauerte, ward auch das uns nicht mehr gereicht, sondern es blieb der Schließer ganz aus, und wir meinten, wir seien bestimmt, des Hungertods zu sterben, deswegen mehrere einen großen Tumult anfingen, heulten und an die Türe schlugen. Endlich kam derselbe wieder und sagte: er sei etliche Tage krank gewesen, könne uns aber nichts geben, weil die draußen auch nichts hätten. Es lägen jeden Morgen zehn bis zwölf Mann verhungert auf den Gassen. Der Kommandant zahle für einen gedörrten Apfelschnitz einen Straßburger Pfennig, die Pferde, Hunde und Katzen seien sämtlich geschlachtet, die Soldaten äßen Kuh- und Schafshäute, ja sie scharrten die Körper aus, die schon etliche Tage in der Erde gelegen, und äßen dieselben, der Kommandant aber wolle die Festung nicht übergeben, -- so sollten wir selbst zusehen, was wir tun könnten, uns das Leben zu fristen!

Auf diesen Bescheid hin entstand anfangs ein allgemeines Weinen und Schluchzen, bald aber sah’s aus, als ob alle rasend geworden. Etliche beteten, wie jeder noch von seiner Kindheit her ein Gebet auswendig wußte, fingen aber mitten im Beten an zu fluchen und zu lästern, andere lachten hell auf, wieder andere fielen einander an wie reißende Tiere und würgten sich bis auf den Tod, darunter stöhnten wieder einige Sterbende, und was mit den Toten geschah, die alle unbegraben in dem Keller liegen blieben, will ich euch nicht sagen, -- denn ihr würdet’s doch nicht glauben.[3] Ich haderte mit meinem Gott, daß Er in solch unmenschliches Unglück mich gestoßen, und begehrte nichts weiter als auf der Stelle zu sterben. Da ich von Tag zu Tag immer schwächer geworden, hoffte ich, daß dies bald geschehen werde, aber Gott in seiner Barmherzigkeit wollte mich so nicht hinfahren lassen, sondern noch eine Frist zur Buße geben -- freilich eine letzte.

Etwa eine Woche vor Weihnachten kam der Schließer wieder, öffnete die Türe und rief -- denn heruntergehen konnte er nicht wegen des Moder- und Totengeruches -- von oben herab uns zu: wenn noch einige von den Gefangenen am Leben seien, so sollten sie hervorkommen, -- es sei ein Akkord abgeschlossen zwischen dem Kommandanten und dem Herzog, und die Festung werde jetzt übergeben. Unser sechs waren noch am Leben, und wir erhoben uns und wankten die Treppe hinauf. Als wir oben angekommen, wurden wir in den Hof geführt, wo eben Brot, das der Herzog geschickt, unter die Besatzung verteilt wurde. Da sahen wir, daß der Schließer nicht gelogen, denn die Soldaten sahen aus wie Gespenster, taumelten im Hof hin und her, und viele, welche jählings und zu viel von dem Brot gegessen, fielen um, zuckten ein wenig und waren des Todes. Als wir auch einige Bissen verschlungen, begann der Ausmarsch. Laut des Akkordes durfte die Besatzung mit fliegenden Fahnen, Trommeln und Pfeifen, brennenden Lunten und Kugeln im Munde abziehen, aber es war ein Anblick zum Erbarmen: die Mannschaft konnte sich kaum auf den Füßen halten, der Kommandant, Freiherr +von Reinach+, selber mußte von zwei Offizieren des Herzogs am Arme geführt werden. Wer von der Besatzung schwedische Dienste nehmen wollte, durfte daran nicht gehindert werden, wir Gefangene sollten wieder an unsere Regimenter übergeben werden.

Als der Herzog unser ansichtig ward und hörte, daß unser dreißig im Stockhaus vor Hunger gestorben, geriet er außer sich vor Zorn und rief dem von Reinach entgegen: er solle zwar, wie ihm versprochen, durch die Armee marschieren, dann aber wolle er ihn wegen des tyrannischen und unchristlichen Verfahrens gegen seine armen gefangenen Soldaten samt allen den Seinigen niedermachen lassen. Der Kommandant fiel vor ihm nieder und küßte seine Stiefel: er habe die Gefangenen nicht schlimmer gehalten wie seine eigenen Soldaten; auch der Breisachische Kanzler, Herr Vollmar, welcher uns bei unserer Ankunft schwedische Seehunde genannt hatte, tat, mit einem schwarzen Kleid angetan und einen Stab in der Hand, drei Fußfälle und bat mit aufgehobenen Händen um Gnade. Endlich, da auch die hohen schwedischen Offiziere ein gut Wort einlegten, ließ sich der Herzog, wiewohl mit großer Mühe, bewegen, den Akkord zu halten.