Der Schulmeister und sein Sohn Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege
Part 7
Da schlug der Hauptmann eine große Lache auf und schrie: „Nach Sommerhausen oder zu den Schwedischen? Da höre mir einer einen solchen Milchjunker! Nun, was würde denn ich dazu sagen, oder diese da? Da wollt’ ich dir ja gleich die Haut über den Kopf ziehen oder den Hirnkasten einschlagen, wie einem irdenen Topf! Merkst du denn nicht, du armseliges Schreiberlein, daß du nun mein Raub bist, wie die Taube des Stoßfalken? Sieh nur her, ich bin der leibhaftige Teufel; wer dem einen Finger gegeben, gehört ihm mit Haut und Haar! Aufgestanden und Hand angelegt!“ schrie er grimmig, „damit das Feuer besser brennt, oder ich will dir die Schreibermucken vertreiben!“ Zugleich stieß er nach mir mit dem Fuße.
Nun wußte ich nicht mehr, was ich tat, sondern fuhr ihm, vor Zorn meiner nicht mehr mächtig, nach der Kehle, schleuderte ihn auf den Boden und schlug ihm mit einem Stein auf den Kopf. Die andern aber fielen jetzt über mich her, rissen mich nieder und schlugen auf mich los, der Hauptmann raffte sich auch wieder auf und sprang mir mit gleichen Füßen auf die Brust, daß mir alle Knochen krachten, dann, als er seinen Mut an mir gekühlt und mich jämmerlich mißhandelt hatte, gebot er, mich zu binden -- denn morgen müsse ich hängen.
So ward ich nun gebunden an Händen und Füßen und dann in den Graben hinabgeworfen, daß das Wasser und der Kot über mir zusammenspritzte, und sollte drin liegen bleiben bis zum Morgen. Nachdem die Gesellen sich vergewissert, daß ich kein Glied rühren und darum nicht entspringen könne, mußte einer etwas abseits auf einen hohen Baum steigen, um die Wache zu halten, die andern aber legten sich nieder und schliefen.
Daß in meine Augen kein Schlaf gekommen, werdet Ihr Euch wohl denken. Ich fror vor Nässe und zitterte an allen Gliedern, wußte auch nicht anders, als daß dies meine letzte Nacht sein werde, doch aber, obwohl dem Tod so nah, kam kein christlicher Gedanke in meine Seele, auch kein Gedanke an Euch, sondern nur eine grimmige Rachgier tobte in mir und nahm alle meine Gedanken dahin. Ich glaube, ich wäre gern gestorben, wenn ich nur meinem Todfeind zuvor hätte das Lebenslicht ausblasen können. Gepriesen sei der barmherzige Gott, daß er damals mich nicht hingerafft in meinen Sünden!
Als ich nun in meinen Rachegedanken eine Weile liege, höre ich in dem Graben leise jemand an mich herankriechen und eine Stimme spricht: „Heda, Schreiber! Wie wär’s, wenn ich Eure Stricke durchschnitte, und wir machten uns heimlich davon und desertierten zu den +Schwedischen+? Wir sind nur eine halbe Stunde weit von +Kitzingen+, -- soll ich Euch frei machen? Antwortet, aber sprecht leise, -- ein Messer habe ich schon bei mir!“
Beim Mondschein erkannte ich sogleich, daß es des Paradeisers Roßbube war. „Ja,“ erwiderte ich, „da halt ich freilich mit, aber wenn du die Stricke zerschnitten hast, gibst du mir das Messer ein wenig.“
„Wozu?“ fragte der Roßbube. -- „Nun,“ sagte ich, „daß ich’s dem verdammten Spitzbuben im Leibe umkehre, der mich ins Unglück gebracht und noch so jämmerlich traktiert hat!“
„Da bleibt nur liegen in Eurer Pfütze,“ sagte der Roßbube, „und laßt Euch morgen hängen! Seid Ihr des Teufels, daß Ihr noch einen Lärmen machen wollt? Besinnt Euch flugs, oder ich gehe allein.“
Wirklich willigte er nicht eher ein, mich zu befreien, bis ich geschworen hatte, mich stille mit davon zu machen, dann zerschnitt er die Stricke, und wir machten uns in den Wald, ohne daß einer erwacht oder die Schildwache unser gewahr worden wäre. Weil mir die Gegend wohl bekannt war, gelangten wir schon in einer halben Stunde in die Kitzinger Weinberge, wo wir den Tag zu erwarten beschlossen, da mir alle Glieder infolge der erlittenen Behandlung geschwollen waren, und das Gehen mich allzu sauer ankam. Hier gestand mir der Roßbube, daß er einen Teil der in der Amtskellerei geraubten Geldstücke dem Hauptmann mitgenommen, und bot mir auch davon an, -- ich wollte von diesem Blutgelde nichts mein eigen nennen, freute mich aber, daß nun schon zum zweiten Male ein Bube durch den andern gestraft worden war.
Als es Tag geworden, meldeten wir uns bei dem schwedischen Wachtposten, und wurden vor den Gubernator gebracht, der ein leutseliger, freundlicher Mann war. Er fragte mich allerlei aus, und da ich mit der Muskete gut umgehen konnte und doch gern ein Reiter geworden wäre, nahm er mich unter sein eigen Regiment Dragoner auf, die nach schwedischem Brauch also ausgerüstet sind, daß sie zu Fuß und zu Roß gebraucht werden können, wie man denn dort das Sprichwort hat: „Wenn ein Dragoner vom Pferd fällt, steht ein Musketier wieder auf.“ Selbigen Tags noch mußte ich mit einem Kornet Reiter aufbrechen und gen +Nürnberg+ ziehen, wo die Armee sich sammelte. Was aus dem Roßbuben geworden, kann ich nicht sagen.
Siebzehntes Kapitel.
Der Brief. (Fortsetzung.)
Morgenrot, Morgenrot, Leuchtest mir zum frühen Tod! Bald wird die Trompete blasen, Dann muß ich mein Leben lassen, Ich und mancher Kamerad.
Volkslied.
So hatte nun mein Kriegsleben angefangen! +Stolz hat’s begonnen, trübselig geendet+, doch ’s ist so auch gut!
Herzliebe Eltern, nun bin ich ein wüster Geselle geworden, das sei Gott geklagt! Ich ward zusammengestellt mit einem Häuflein Rekruten, blutjungen Leuten, die teils aus +Schweden+, teils aus +Finnland+ gekommen und unter die Dragoner treten sollten. Sie waren ehrlicher Leute Kind, zumeist Bauern- oder Fischerssöhne, die es noch zu halten pflegten wie jene ersten Schweden, die durch Sommerhausen gekommen und an denen Ihr so großes Wohlgefallen gehabt. Sie sangen am Morgen und am Abend ihr Lied und beteten bei Tische, und wurden darum von den andern verachtet und verspottet, als „verwunderliche Soldaten, die in den Himmel zu kommen gedächten“. Wir wurden Tag für Tag im Schießen, Reiten und Fechten miteinander geübt, wozu sie sich trefflich anstellten, sonst aber mochte ich mich nicht viel mit ihnen abgeben, wiewohl wir ein gemeinsames Quartier mitsammen in einer Mühle hatten. Einer unter ihnen, +Olufsohn+ geheißen, mochte mich wohl leiden und tat mir manches zu Dienst und zulieb, ich aber lief lieber mit den andern wüsten Gesellen, die schon lange gedient hatten, nicht nach Gott und Menschen fragten, und mir allein rechte Kriegsleute zu sein schienen, fluchte, trank, spielte und raufte mit ihnen. Den Olufsohn, als er mich eines Tages davon abmahnen wollte, fragte ich, warum er denn ins Kriegslager gegangen, wenn er lieber ein Betbruder, denn ein Soldat sein wolle, und was er denn also für ein Glück zu machen gedenke. Er erwiderte: er sei nicht auf Abenteuer ausgezogen, sondern ihn habe seine alte Mutter gehen heißen, und seinem König streiten helfen, und er werde seine Schuldigkeit redlich tun und alles andere Gott überlassen. Da nun wohl viele unter uns waren, die ihren Eltern entlaufen, keine aber, die auf deren Rat und Willen gekommen, hatten die andern ihren Spott über ihn, weil er von seiner Mutter in den Krieg geschickt zu sein vorgab, fragten ihn, ob denn seine Frau Mutter doch auch das Breischüsselein nicht vergessen und ihm auch brav Milchpfennige mitgegeben habe, welche Spottreden er sich mit großer Gelassenheit gefallen ließ.
Nachdem des schwedischen Königs Sturm auf das Friedländische Lager abgeschlagen worden, zog er am 8. September 1632 nebst der ganzen Armee mit vollem Trommelschlag und Trompetenklang an dem Feinde vorüber nach Neustadt an der Aisch, ließ aber in Nürnberg fünftausend Mann zu Fuß und dreihundert zu Pferd zurück. Unter den letzten bin auch ich mit meinen oben erwähnten Kameraden geblieben. Dort ist nach dem Abzug des Königs -- weil alles auf fünf und mehr Meilen Wegs verwüstet war -- eine große Not entstanden, so daß wir manchmal an die vierzehn Tage keinen Bissen Brots genossen, daraus wiederum entstand die Ruhr und das hitzige Fieber, und das Lazarett ist dermaßen mit unsern kranken Soldaten überhäuft gewesen, daß man die Toten im Hof wie Holz aufeinander gelegt, bis man Zeit hatte, eine Grube zu machen und sie darein zu werfen. Ich bin stets bei guter Gesundheit gewesen, hab aber dem gütigen Gott schlechten Dank dafür bezahlt!
Als endlich die Friedländischen auch davongezogen, ging uns Befehl zu, dem König zu folgen, der wieder auf +Donauwörth+ zu gezogen. Dort bin ich bei +Rain+ am Lech zum erstenmal ins Feuer gekommen. Selbiges Städtlein hatte der König mit stürmender Hand schon im Frühjahr genommen, wobei der Graf von Tilly sein Leben gelassen, aber vor vier Tagen hatte der Oberst Mütschefall es wieder an die Bayrischen übergeben, weswegen der König ihn nachgehends vor das General-Kriegsrecht hat stellen und in Neuburg an der Donau öffentlich hat enthaupten lassen. Etliche Regimenter waren schon im Frühjahr mit dabei gewesen, und allgemein ging die Sprache, es werde ein hart Stück Arbeit sein, das Städtlein zu nehmen, das schon dazumal viele Leute gekostet.
Nachdem wir nun für den kommenden Tag alles bereitet, lagen wir abends um die Feuer und machten uns Mut für den kommenden Tag, wie es das gottlose Volk im Lager stets im Brauch hatte. Einer hatte ein Fäßlein Wein hereingebracht, schlug es auf, und nun ging’s ans Trinken und Bankettieren. „Sauft, Kameraden,“ schrie der Korporal, „zu guter Letzt! Denn in der Hölle ist’s heiß, und dahin wird morgen mancher seinen Marsch antreten, wenn die Bayrischen wieder ihr vermaledeites Schießen anfangen!“ Drauf stimmte einer das Lied an:
„Und wenn die Kugel geschossen ist, Die mir mein’ Seel’ ausbläst, Dann sag ich: bis zu dieser Frist Bin ich allzeit voll gewest! Pirrheisa! So geht’s aus der Zeit Hinüber in die Ewigkeit!“
Ich tat auch wie die andern, soff, bis mir Hören und Sehen verging, und stimmte mit ein in die gotteslästerlichen Lieder. -- +O Herr, erbarme dich!+ und vergilt mir nicht nach meiner Missetat!
Als wir um Mitternacht auseinander gingen und ich an mein Zelt kam, brannte noch Licht darin, und neben dem Lichte saß +Olufsohn+. Er hatte seine hellgeputzten Waffen neben sich liegen und las in einem Büchlein, so daß er schier mein Kommen überhörte. Als ich ihn fragte, was er da noch lese, erwiderte er: es seien ihm allerlei Gedanken gekommen von wegen des morgenden Tages, da hab er gebetet, auch hab er seiner Mutter gedacht, ob er wohl wieder heimkommen werde und ihr die Augen zudrücken, und da hab er zuletzt seinen Psalter vorgenommen und daraus gelesen.
„Da hättest du besser getan,“ sagte ich, „du wärest bei uns gewesen, statt daheim zu hocken! -- Da hättest du auch einen tapfern Mut bekommen und könntest morgen ins Treffen gehen, wie zum Tanze; wahrlich, jetzt ist’s nicht gelegene Zeit, sich mit Beten und allerlei Gedanken das Herz schwer zu machen!“ -- Er aber schüttelte den Kopf, sagte: er hoffe auch seine Schuldigkeit zu tun, und legte sich nieder, nachdem er mir eine gute Nacht gewünscht.
Folgenden Tags mußten wir schon um vier Uhr zu Pferde sein, und wurden in ein Gehölz postiert. Den ganzen Tag vorher und die Nacht hindurch war an einer Brücke über den Lech gearbeitet worden, und der König hatte den ganzen Tag über von Pech und andern rauchenden Materien einen großen Rauch machen lassen, daß der Feind es nicht gewahr würde. Die Pfeiler waren in den Strom gelassen, nur die Planken waren noch nicht alle, sondern etwa erst zur Hälfte gelegt worden, als es helle ward, und der Feind, welcher derweilen nähergerückt, es wahrnahm. Nun begannen die Bayrischen kreuzweise auf die Brücke zu schießen, und wir sahen die Soldaten, welche die Planken legten, haufenweise stürzen und in den Strom fallen. Auch begannen sie nun ein mörderische Schießen auf das Holz, in dem wir hielten, daß ein Krachen drin ward, als wenn tausend Holzhauer darin arbeiteten. Hie und da fiel ein Mann oder ein Pferd, oder ward von den fallenden Bäumen und Ästen getroffen; die Pferde schnaubten, stiegen und wollten ausreißen, aber der König hatte geboten, das Holz zu halten, bis die Brücke geschlagen sei.
Dort aber an der Brücke ging es je länger, je schrecklicher. Kaum hatte einer den Fuß auf die Brücke gesetzt, so ward er auch niedergeschossen. Es waren nur noch die drei letzten Planken zu legen, um die Brücke gangbar zu machen, aber nachdem schon an die sechzig Mann geblieben, traute sich keiner mehr hinzu, sondern wie sie die Brücke betraten und das Schießen wieder anging, wichen sie zurück und ließen die Planken in den Strom fallen. Da kam der Korporal geritten und rief, Seine Majestät lasse anfragen, ob nicht unter den Dragonern im Holz, die noch nichts getan hätten, einige wären, die freiwillig es ausrichten wollten? Es sollte jeder zwanzig Reichstaler bekommen, wenn ihnen das Werk gelänge, von dem nicht abgelassen werden dürfe! Es schrien alle, das sei ein schönes Geld, aber da müsse einer des Teufels sein, wenn er so dem Tod in den Rachen laufen wollte. -- „+Nun, wer hat Lust?+“ fragte der Korporal wieder und lachte, „+keiner+?“
„+Ich+,“ sagte +Olufsohn+, „+und ich auch+!“ wiederholte einer von den +Finnländern+. Olufsohn, der neben mir gehalten, stieg ab und wollte mir sein Pferd zu halten geben; ich aber dachte: „Was du vermagst, vermag ich auch!“ sprang vom Pferde und sagte: „+Ich bin der Dritte!+“ So gingen wir an dem König vorüber, der uns freundlich zunickte, liefen mit den Planken unter mörderischem Schießen über die Brücke und machten sie fest. Als es geschehen, wollten wir uns so schnell als möglich davon machen, -- da krachten wiederum die Stücke der Bayrischen, und der Finnländer stürzte, zum Tode getroffen, Olufsohn ward der Hut vom Kopf geschossen, ich aber blieb unversehrt. Nun mußte unser ganzes Regiment im vollen Jagen über die Brücke setzen, wobei viele das Leben verloren, zuerst der +Korporal+, dessen Pferd, von einem Schusse getroffen, sich aufbäumte und rücklings mit ihm in den Strom stürzte. „Nun kommt er ja naß und kalt genug in die Hölle, wie er gestern gemeint hat,“ sagte einer, der einen alten Groll auf ihn hatte, weil er sich gegen ihn zurückgesetzt meinte; Olufsohn aber sagte: „Gott sei der Seele gnädig!“ Von den übrigen ward hierauf die bayrische Schanze genommen. Hiemit entfiel dem Feinde der Mut und die Übergabe des Städtleins ist nun alsbald geschehen.
Folgenden Tags hat der König eine Musterung abgehalten, und als er an die Dragoner gekommen, befragte er sich nach denen, die geblieben, dann gebot er, daß die beiden, die gestern freiwillig die Brücke fertig zu machen unternommen, hervortreten sollten. Wir taten also, und er sprach sehr freundlich mit uns, fragte mich, was ich für ein Landsmann sei, und gebot, mir die versprochenen zwanzig Reichstaler auszuzahlen. Dann redete er mit Olufsohn und gebot desgleichen. Der aber sagte, er begehre des Geldes nicht, er habe bloß getan, wie es einem rechtschaffenen Soldaten in seines Königs Dienst zustehe; wenn aber Seine Majestät ihm einige Gnade erweisen wollte, so habe sein Kamerad, der gebliebene Finnländer, der mit ihm aus einem Dorfe gebürtig, noch einen Vater, der ein alter Mann sei und sich und seine sieben Kinder kümmerlich vom Fischen ernähre, -- dem möge das Geld durch Seiner Majestät Gnade sicher übermacht werden. -- „Es sei so, mein Sohn!“ sagte der König und schaute ihn mit gütigen Augen an, „und die zwanzig Reichstaler, die dein wackerer Kamerad verdient, sollen auch dazu gelegt werden. Du scheinst mir ein rechter Soldat. Mein Herr Oberst, laßt ihn an des gebliebenen Korporals Stelle rücken, damit er doch nicht gar leer ausgeht.“
So ward nun Olufsohn unser Korporal, ich aber ließ mir von den zwanzig Reichstalern ein stattliches Koller machen, den Rest davon halfen die Kameraden im Wein vertrinken, welche schwuren, daß der König mich hätte zum Korporal machen sollen, statt des Olufsohn; ich hätte es wohl ebenso gut verdient als der Mistjunker, der noch nicht hinter den Ohren trocken; der schwedische Fuchs habe es aber wohl verstanden, wie man dem Könige nach dem Maul reden müsse. Ich ließ mir solches ihr Lob gar süß eingehen, dachte aber heimlich bei mir: „Kommt Zeit, kommt Rat!“ und hoffte es wohl noch höher zu bringen als zum Korporal.
Olufsohn aber blieb auch nachher gegen mich der Alte, bat, ich sollte ihm nicht gram werden, weil ihm das Glück diesmal gewogener gewesen, denn mir: er habe auch nicht mehr getan denn ich, hatte auch allewege ein solch brüderliches und freundliche Aufsehen auf mich, daß ich ihm nicht feind sein konnte.
Achtzehntes Kapitel.
Der Brief. (Fortsetzung.)
I bi bi’m Paschal Paoli In Corsika Draguner gsi, Und gfochte hani, wie ne Ma’ Und Bluet an Gurt und Säbel gha.
Hebel.
Als ich nun in der ersten Schlacht, der ich beiwohnte, großes Lob davongetragen hatte, verblendete mich die Hoffnung ganz und gar. Daß ich bald ein Fähnlein bekommen und in kurzem es viel weiter bringen würde als Olufsohn, daran hatte ich gar keinen Zweifel. Wenn solches geschehen, dann wollte ich Euch, herzliebe Eltern, einen Brief schreiben, mich rechtfertigen vor Euch und dem Amtskeller und Euch dartun, daß Ihr Eures Valentins Euch nicht zu schämen, sondern wohl zu rühmen und zu freuen Ursache hättet.
Tag und Nacht sann ich darauf, wie ich es klüglich anfangen müßte, damit meine Hoffnung erfüllt würde: Leib und Leben dran zu wagen, war ich ohnehin schon mit mir einig, da ich’s auch für einen feinen Ruhm achtete, wenn anstatt eines Helden +Glück+ eines Helden Tod mein Teil sein sollte. Gebetet zu dem Herrn, daß Er mir helfe, wieder zu Ehren zu kommen und bei Ehren zu bleiben -- das hab ich nicht, wiewohl ich mich manchmal unruhig fühlte, wenn ich aus Olufsohns Reden und Bezeigen merken konnte, er übe seinen Beruf aus christlichem Gemüte, und seine große Tapferkeit, die er allezeit bewies, komme aus dem Glauben, daß er +Gott zu Ehren+ das Schwert trage und +Gott+ diene in seinem Stand und Beruf. Manchmal ist er mir auch wohl viel glücklicher vorgekommen denn +ich+, wenn er etwa seiner alten Mutter so mit gutem Gewissen gedachte, oder eines Briefes, den sie ihm geschrieben, aber gedemütigt hab ich mich darum nicht, nicht in Reue und Traurigkeit daran gedacht, daß ich ein ungeratener, verlorener Sohn sei und wenig Glück und Segen haben werde; vielmehr ließ ich mir ein prächtiges Wams machen und rote scharlachene Hosen, wie die höchsten Offiziere, putzte mein Pferd, Sattel, Zeug und Gewehr stattlich heraus, tat im Reiten, Schießen und Fechten es allen zuvor, und ließ mir es gar sanft tun, wenn meine Kameraden mich als einen andern Ritter St. Georg priesen und schwuren, das Fähnlein könne nicht lange mehr ausbleiben.
Bei +Lützen, wo Gustavus Adolphus+, der große christliche Held, sein Leben ausgehaucht, bin ich nicht mit dabei gewesen, kam auch zu jener Zeit, wiewohl mich solches bitter verdroß, nur zu geringen Scharmützeln, bis wir endlich zu der großen, blutigen Schlacht bei +Nördlingen+ uns zusammengezogen.
Am Morgen, ehe das Treffen begann, ward auf des Generals +Horn+ Befehl gebetet und das Lied gesungen: „Verzage nicht, du Häuflein klein!“ usw., das weiland der König selber gedichtet und bei Leipzig hatte singen lassen, aber, wiewohl ich selber ein gottloser Mensch gewesen, ist mir doch der Spruch eingefallen: „Dies Volk naht sich mir mit Lippen, aber seine Herzen sind ferne von mir!“ Bei seinen Lebzeiten hatte der König oft geklagt, ja einmal bei Nürnberg vor allem Volk bittere Tränen vergossen, daß die Gottesfurcht, Zucht und Ehrbarkeit von dem Heere wiche, seit er so viel fremdes Volk hätte werben müssen, aber nach des Königs Tod war’s je länger je ärger geworden, und mußte, wie auch wohlbekannt, alles zu einem üblen Ausgang sich anschicken.
Als die Schlacht schon entbrannt war und die Unsrigen bereits allgemach überall zu weichen begannen, und eine Hiobspost die andere schlug, ward auch unser Regiment, das im Hintertreffen stand, von den Feinden angegriffen. Obwohl einen schlimmen Ausgang vor Augen, setzten wir uns doch mannhaft zur Wehr. Ich hielt mich mit noch acht andern Dragonern etwas abseits auf einem Hügel hinter einem Gebüsch, wo man die ganze Schlacht übersehen konnte, und Olufsohn führte das Kommando. Das greuliche Schießen, das Geklapper der Harnische, das Krachen der Piken und das Geschrei der Verwundeten und Angreifenden machten neben den Trompeten, Trommeln und Pfeifen eine erschreckliche Musik. Wir hielten still auf unserem Posten, und war uns schier die Brust zu eng, Atem zu holen. Bald brachte man Verwundete zu uns, und Pferde, die den Unsrigen gehörten, rannten daher mit leeren Sätteln, und Bagagewagen fuhren an uns vorüber, und allmählich fing das Regiment an sich aufzulösen und kam immer mehr auf unsern Hügel zu. Als es ganz nahe gekommen, von dem Feinde immer heftiger gedrängt, sahen wir den Fähnrich stürzen, und einer der Kaiserlichen, die schon mitten in den Reihen waren, riß ihm die Fahne aus der Hand und hielt sie hoch empor. Als einige der Unsrigen sich sammelten und mit großem Geschrei auf ihn eindrangen, die Fahne wieder zu gewinnen, kehrte er sich rasch um, ihnen zu entgehen und die Fahne bei dem großen Haufen der Seinigen in Sicherheit zu bringen. Die Kaiserlichen aber, welche die Fahne genommen, kamen ganz nahe an uns herzu, wie es schien, ohne uns gewahr zu werden. Mich befiel ein Zittern, als ich dies wahrnahm: +nun+ hoffte ich eine Tat zu tun, um vor dem ganzen Regiment zu Ehren zu kommen. Olufsohn aber hielt ruhig neben mir, wie wenn er eine Bildsäule von Stein wäre, und ließ sein Pferd Hafer fressen aus einem vorgebundenen Tuche. Die Kaiserlichen nahten blindlings in vollem Laufe, wie ich gehofft hatte. Nun ließ ich mein Pferd los, -- aber im selben Augenblicke hatte auch Olufsohn dem seinen die Sporen eingeschlagen, und während die andern noch nicht wußten, was wir vorhatten, waren wir im Nu unter den Feinden. Olufsohn schlug den, welcher die Fahne hatte, über den Kopf, daß er wankte, und ich griff nach der Fahne, aber eben, als ich die Hand danach ausstreckte, hub einer das Schwert auf über Olufsohn und wollte ihm von hinten den Schädel spalten. Einen Augenblick war ich gewillt, ihn seinem Schicksal zu überlassen und nur die Fahne zu gewinnen, aber doch konnte ich’s nicht übers Herz bringen, weil er so große Liebe und Treue stets mir bewiesen, wandte mich, und rannte seinen Feind nieder. Zwei griffen nun mich an: einer schoß nach mir und ich fühlte einen heftigen Schmerz an meiner Brust, der andere stach mein Pferd, daß es überschlug und sich mit mir auf dem Boden wälzte.
Ehe ich mich losmachen und wieder auf die Füße kommen konnte, war alles vorüber, -- unsere Kameraden hatten sich auf die Feinde geworfen, und die Kaiserlichen waren alle davon. Olufsohn stand allein neben mir und bemühte sich eifrig, mir unter dem Pferd hervorzuhelfen. Er blutete im Gesicht und hatte die Fahne neben sich liegen, welche er glücklich dem Feinde abgenommen.
Als ich dies sah, mußte ich Tränen vergießen, Olufsohn aber meinte, daß ich meines Pferdes wegen so betrübt sei, und sagte: „Gib dich zufrieden, Bruder! Ich hab ein Pferd für dich, das sollst du von mir nehmen, wenn wir zum Regiment kommen, -- übrigens haben wir die Fahne wieder! -- und obwohl sonst Gott seine Hand von uns gezogen hat, -- denn die Unsrigen liegen erschlagen oder fliehen -- so sei doch dafür der gnädige Gott gepriesen!“ Er lüftete auch meinen Küraß, -- da sahen wir, daß die Kugel just über dem Herzen bis an mein ledernes Koller gedrungen und mich zwar arg geprellt, doch nicht verwundet hatte.