Der Schulmeister und sein Sohn Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege

Part 6

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Unter strömendem Regen gab ich ihm das Geleit den Steinbach hinauf. Oben angekommen machten wir unsern Abschied mit kurzen Worten, wandten uns aber beide um und schauten hinunter auf den Kirchhof, der im Tale zu unsern Füßen lag, und weinten. Der Regen hatte jetzt wieder aufgehört, und aus dem trüben Gewölke drangen ein paar Sonnenstrahlen heraus, und siehe! -- mit einem Male stand über dem Tal ein schöner, glänzender Regenbogen, der mit dem einen Ende die Wolken berührte, mit dem andern aber in dem Kirchhof und, wie wir deutlich sahen, just auf der Stelle aufstand, wo wir vorhin das Grab gemacht hatten. Mein Söhnlein bemerkte dies zuerst und sprach: „Schaut hin, Vater, dort hat unser Herrgott eine feine Brücke aufgebaut, drauf meine herzliebe Mutter und meine trauten Geschwister hinauf ins lichte Paradies wandeln. O wie wollt’ ich, daß ich gleichfalls diesen Weg schon ginge, wenn nur Ihr auch dabei wäret, Vater!“ -- „Wie Gott will, mein Kind, du meiner Augen Trost und Freude!“ erwiderte ich, dann segnete ich ihn und empfahl ihn dem gnädigen Gott und barmherzigen Menschen.

Der Mensch denkt’s und Gott lenkt’s! Der Amtskeller hatte meinen Sohn willig in sein Haus aufgenommen, aber schon nach wenigen Tagen brach die Seuche in Kitzingen auch aus. Ich bekam ein Brieflein von ihm, daß er es bei so bewandten Umständen für besser halte, mein Söhnlein zurückzuschicken, und da der Weg über den Berg mit dem Kriegsvolk belegt sei, wolle er ihn einem Schiffmann mitgeben, der in acht Tagen nach Würzburg fahre und an Sommerhausen vorbeikomme.

Den Brief erhielt ich zu spät, gerade am Morgen desselben Tages, an welchem der Schiffmann vorbeikommen sollte, ging also hinaus an den Main, um das Schiff zu erwarten. Endlich kam es. Ich dachte, mein Kind werde auf dem Verdeck stehen und nach mir ausschauen, -- aber ich sah nichts, und da ich nach ihm fragte, führte mich der Schiffmann zu einem Schelch, der an dem Schiff angehängt und mit einem Tuch bedeckt war. Drin sah ich meinen Johannes liegen.

Ich fragte den Schiffmann, ob er schlafe. Aber er schüttelte mit dem Kopf; dann fragte ich, ob er krank sei, worauf er wieder mit dem Kopf schüttelte, bis ich endlich mir nicht länger es verbergen konnte, daß er +tot+ sei. Der Schiffmann erzählte, es sei der Amtskeller seitdem an der Pest gestorben, hätte ihm aber noch vor seinem Tod aufs Herz gebunden, das Kind mit nach Sommerhausen zu seinem Vater zu nehmen. Da nun das Kind gleich nach ihm auch gestorben, hab er sich anfänglich geweigert, es mitzunehmen, der Mann aber, bei dem der Amtskeller gewohnt, habe nicht nachgelassen, bis er es mitgenommen, weil das Kind gar zu beweglich vor seinem Tod gebeten, man möge es doch nach Sommerhausen schaffen, wo es auf dem Kirchhof neben seiner Mutter und Geschwistern begraben sein wolle.

Da nahm ich den Taler, welchen ich aufgespart auf die Zeit, da ich meinen Johannes wieder bei mir haben würde, gab ihn dem Schiffmann und wünschte ihm einen Gotteslohn dafür, daß er meines Söhnleins letzten Wunsch erfüllt, dann nahm ich mein totes Kind auf die Arme und trug es heim in mein Haus. Ich weiß nicht, ob die Leute schon etwas davon erfahren hatten, -- die mir begegneten, blieben stehen, redeten mich aber nicht an, sondern zogen ihre Hüte ab und schauten mir nach. Daheim schmückte ich mein Söhnlein, so gut ich konnte, legte ihm sein Psalmbüchlein, das er ganz auswendig konnte, unter die Hände, setzte mich zu seinen Füßen und konnte nicht weinen. Am Abend kam Hans Ebeling mit drei Nachbarn, die huben die Leiche auf, um sie auf den Gottesacker zu tragen. Ich ging hinter dem Sarg drein, auch folgten noch einige Knaben und Mägdlein, die meinen Johannes lieb gehabt, und noch übrig geblieben waren unter dem großen Sterben.

Als er nun an seiner Mutter Seite gelegt, und das Kreuz auf sein Grab gesteckt, und alles vorbei war, da ward mir’s, als ob die Bande zersprängen, die mir bisher die Brust zusammengeschnürt hatten. Aus meinem Herzen brach es siedheiß und lief durch alle meine Adern, aus meinen Augen quoll ein Tränenstrom, und ich fiel auf die Knie und sprach, wie es dort im Buch Baruch geschrieben steht: „Ziehet hin, ihr lieben Kinder, ziehet hin, ich aber bin verlassen und einsam, ich habe mein Freudenkleid ausgezogen und das Trauerkleid angezogen, und will schreien zu dem Ewigen für und für!“

Da trat Hans Ebeling zu mir und sprach: „Fahret fort, Ulrich, fahret fort, denn so heißt’s weiter im Wort des Herrn: ‚Ich hab euch ziehen lassen mit Trauern und Weinen, +Gott aber wird euch mir wiedergeben mit Wonne und Freude ewiglich+.‘“ Dann deutete er mit der Hand gen Himmel und rief: „Schauet da +hinauf+, lieber Bruder, und nicht bloß da +hinunter+! ‚+Deine Toten werden leben+, spricht der Herr.‘“ -- Er redete noch viel mit mir auf dem Heimweg, und sein Wort hat mich wunderbar getröstet, wiewohl er nur ein geringer und einfältiger Mann war. Ich habe es wohl auch gewußt, was er mir vorhielt, aber wenn der Nächste das Trostwort uns darreicht, geht’s uns besser ein. Es ist der Mensch wie ein Kind, dem das Brot aus dem Nachbarhaus besser schmeckt als das eigene, ob’s wohl aus demselben Korne gemahlen und von demselben Meister bereitet ist.

Ich habe nun mich wohl auch gesehnt, abzuscheiden und bei Christo zu sein, aber dann dachte ich wieder, daß der Herr vielleicht mich aus großer Güte am Leben lasse um Valentins, des verlorenen Sohnes willen, und so wollt ich in Geduld und Warten meine Sache ihm anheimstellen. Von je an habe ich einen besonderen Trost darin gefunden, Gott zuweilen mit einem geistlichen Liede zu ehren und hierin -- freilich mit großer Schwachheit -- dem König David nachzuahmen, der auch in Psalm und Saitenspiel seine Freude und sein Trauern Gott darzubringen pflegte. So hab ich auch in jenen Tagen die Trauer- und Trostgedanken meines Vaterherzens in einigen einfältigen Zeilen ausgedrückt, die ich dem geneigten Leser hiehersetzen will.

+Es ist zu viel!+ Mein Gott, wie kann ich es ertragen! Mit Weib und Töchtern und dem Sohn Eilst du in Einem Jahr davon. Das heißet vierfach hart geschlagen. So blieb ich deiner Pfeile Ziel? +Es ist zu viel!+

+Herr, wie du willst!+ Soll ich noch mehr zum Kreuz mich schmiegen Und andrer Fäll’ gewärtig sein, Wohlan, ich gebe mich darein. Ich will in Staub und Asche liegen, Bis deiner Plagen Maß erfüllt. +Herr, wie du willst!+

+Gib nur Geduld!+ Und zünd in dem betrübten Herzen Des Trostes helle Kerzen an, Denn was mich noch erfreuen kann Bei so viel überhäuften Schmerzen, Ist einzig deine Vaterhuld. +Gib nur Geduld!+

+Du meinst es gut+, Auch wenn du mich mit Wermut speisest Und aus dem Taumelkelche tränkst, Denn dein Gebrauch ist, wenn du kränkst, Daß du den Weg zum Himmel weisest. Dies stärket wieder meinen Mut: +Du meinst es gut!+

+Mein liebstes Kind+ War auch ein Gut, von dir erborget, Drum geb ich es jetzt willig ab, Weil ich nicht Macht dawider hab, Und denk: wie wohl ist es versorget, Befreit von Kreuz, Tod, Höll’ und Sünd’, +Mein liebstes Kind.+

+Nun gute Nacht+, Ihr heiß von mir geliebten Seelen! Lebt wohl in jenem Vaterland, Darin euch lauter Lust bekannt, Und glaubt, mich soll’s nun nicht mehr quälen, Daß ihr so schnell den Lauf vollbracht, +Nun gute Nacht!+

+Ich folge nach+, Wenn es dem höchsten Gott gefället, Da werdet nach der Traurigkeit In unzerstörter Herrlichkeit Ihr wiederum mir zugestellet, Und hiemit end’t sich meine Klag’, +Ich folge nach!+

+Amen, Amen! Ja, ja, es soll also geschehen!+

Vierzehntes Kapitel.

Die Heimkehr.

Scheiden bringet Herzeleid, Wiederkommen -- Trost und Freud.

Altes Lied.

Unter Krieg und Kriegsgeschrei waren fünf Jahre hingegangen, seit ich meinen Johannes begraben, und schier sieben Jahre, seit mein Sohn Valentin uns verlassen. Es war im Jahr 1639, im Juli.

Der Frühling war wiederum gekommen ins Land, aber allenthalben war nur Elend und Zerstörung. Nur fünfzig Bürger, meist verwitwet und kinderlos, hatte die Pest übrig gelassen, und Hunger und Krieg und Brand hatten seitdem nicht aufgehört zu wüten. Viele Häuser standen ganz leer, von den anderen waren nur die schwarzen Mauern übrig, daß der Regen durch die Dächer und der Wind durch die Fensterstöcke fuhr, und in den Nebengäßlein wuchs das Gras. Die Obstbäume, welche sonst den Flecken umgaben, waren umgehauen und verbrannt worden, die Äcker lagen brach, und in den Weinbergen wuchs das Unkraut, denn die Arme fehlten, das Land zu bebauen. Die Landstraßen waren verlassen, außer von dem Kriegsvolk, das auf und ab zog, und von den Schnapphähnen, die überall auf der Lauer lagen, und wenn man ja einmal einen andern Menschen sah, so schlich er scheu und ängstlich umher und fuhr zusammen, wenn etwa ein Hase oder ein Fuchs in einer Hecke aufsprang, als wär’s ein Feind, der ihn anfallen wollte.

Es war ein schöner warmer Tag gewesen, und am Abend stand der Mond am Himmel in seiner stillen Herrlichkeit und schaute in mein einsames Kämmerlein. Gegenüber aus der Haselhecke, jenseits der Mauer, sang eine Nachtigall, deren süßer Schall seit mehreren Abenden mein Herz erfreut hatte, auf der Straße aber war’s wie immer still und ausgestorben. Da hörte ich die Haustüre gehen, und ein Mensch mit schwerem Schritt ging durch die Hausflur an den Fässern vorbei und begann die Treppe heraufzusteigen. In der Meinung, es komme ein Quartiersuchender, weil ich Sporen klirren hörte, wollte ich den Fidelis anlocken, der in der Hausflur lag, und seit dem Tod seines alten Herrn jeden Soldaten anzufallen pflegte, und öffnete schnell die Stubentüre und trat hinaus mit einem Licht. Der Hund aber kam mit dem Fremden die Stiege herauf, bellte nicht, sondern schnoberte und sprang umher, ohne einen Laut zu geben. Der Ankommende war ein großer Mann und als ein Reiter gekleidet, hatte aber keine Waffen, sondern trug ein kleines Bündelein in seiner Hand.

Als er die Treppe erstiegen und nun vor mir stand, holte er tief Atem und sprach: „Grüß Euch Gott, herzlieber Vater, der +Valentin+ ist da!“

Mein Gott, wie ist mir da geworden! Vor mir, dem alten, verwitweten und kinderlosen Manne stand ein Wesen, das mir angehörte, der Sohn und das Ebenbild meiner heimgegangenen Margarete, der von mir als verloren Beweinte, nach dem seine Mutter im Sterben gerufen, und die Vergangenheit ward wieder lebendig: die Tage des Jammers, da er uns verlassen, seine Mutter, wie sie noch einen letzten Blick aufwärts getan, während Ottilie und Regina bereits tot in ihrem Bette lagen, Johannes, sein Brüderlein, das ich zuletzt begraben, die Jahre meiner Einsamkeit, in denen ich für ihn gebetet und auf ihn gewartet vergeblich, -- alles das stand vor meiner Seele! Dazu fühlte ich bald Angst, bald Freude, wenn ich an dem Angekommenen hinaufsah, er war mir so fremd und doch auch so bekannt. Hatte ich Trost oder Herzeleid davon zu erwarten, daß ich noch einmal, bevor ich hinabführe in die Gruft, den Sohn meiner Jugend gesehen? Freud und Schmerz, Furcht und Hoffnung übermannten mich dergestalt, als ich die tiefe und doch so liebliche Stimme meines Sohnes vernahm, welche ich wohl aus Tausenden herausgekannt hätte, daß mein Mund keines Wortes mächtig war, sondern ich wandte mich und setzte den Leuchter hin, weil ich sonst wäre zu Boden gesunken.

Mein Sohn aber ging langsam an mir vorüber, nahm die Bibel vom Tisch, in welcher ich vorher gelesen, kehrte einige Seiten um und hielt mir die Stelle Lucä am fünfzehnten vor Augen, indem er mit dem Finger darauf deutete. Es waren die Worte: +Vater, ich habe gesündiget in den Himmel und vor dir, ich bin hinfort nicht wert, daß ich dein Sohn heiße!+ Da wichen die Trauergeister, und ich konnte nur der Worte gedenken: Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist gefunden worden! -- „+In Gottes Namen+,“ sprach ich, „mein Sohn!“ nahm ihn in die Arme, herzte und küßte ihn.

Hierauf setzte sich der Valentin nieder und fragte: „Wo ist meine Mutter?“ -- „Sie ist tot!“ antwortete ich.

„Und Regina und Ottilie?“ fragte er weiter. -- „Tot!“

„Und mein Brüderlein Johannes?“ -- „Tot, mein Sohn!“

„Und der Amtskeller?“ fragte er wieder nach einer Weile. -- „Tot, auch tot!“

„Tot, alles tot!“ wiederholte er leise. „Ach, ich bin lange ausgewesen und bin müde, sehr müde, mein Vater!“ Er sprach das in einem seltsamen, traurigen Ton, der mir durchs Herz ging, und ich sah ihm nun zum erstenmal genau in das Gesicht. Seine schönen, schwarzen Haare hingen ihm bis auf die Schultern, und seine Züge waren gar lieblich anzusehen: aber seine Augen brannten, und sein Odem ging wie im Fieber, und seine Wangen waren gerötet, aber nicht vom Rote der Gesundheit, sondern hatten nur einen runden, roten Flecken, und das übrige Antlitz war schneeweiß.

„Valentin, mein Kind,“ hub ich an, „wie ist dir’s gegangen, seit du von Hause weg bist?“

„Gut, mein Vater! -- Ich bin ausgezogen mit gesundem Leib, und komme heim mit heiler Seele. -- Ich bin noch nicht daheim, aber ich +komme+ heim -- bald -- sehr bald. -- Das Haus bricht, darin meine Seele geherbergt, denn der Wurm hat’s zerfressen ganz und gar. Dem Herrn sei’s gedankt, daß es so lange gehalten, bis ich habe sagen können: Der verlorene Sohn ist umgekehrt und will heimgehen in sein Vaterhaus!“

Mein Sohn sprach dies mit so feierlicher Stimme, daß ich mir lange Zeit nicht das Herz fassen konnte, ein Wort zu sprechen. Endlich sagte ich: „Bist du krank, Valentin?“

„Sehr krank und sehr müde -- ach, ich habe meinen letzten Weg auf dieser Welt getan und möchte ruhen. Zeigt mir mein Bett und sagt mir, daß Ihr mir verziehen habt, gleichwie der Vater im Himmel es schon getan, dann nehmt das Papier, das zuunterst in meinem Bündlein liegt, -- es ist ein Brief, den ich an Euch geschrieben, als ich krank in Wertheim lag und Euch nicht mehr zu sehen meinte. Drin steht es alles geschrieben, was Ihr noch wissen sollt, bevor Eure Vaterhand mir die Augen zudrückt. Ich kann nicht mehr reden, oh, ich bin sehr schwach!“

Ich sprach ihm liebreich zu, daß, so er seinen Frieden mit Gott gemacht, er meiner Vergebung gewiß sein könne, führte ihn in das Kämmerlein, das er einst als Bäckerjunge inne gehabt, befahl seinen Leib und seine Seele in Gottes Hand und öffnete dann das kleine Bündlein, das er in der Stube zurückgelassen. Drin lag etwas Linnenzeug, ein Abschied von dem hochlöblichen Gordonschen Regiment, darin von dem Obersten ein gut Zeugnis ihm gegeben war, und eine Musketenkugel in ein Papier gewickelt, darauf geschrieben stand: „Wider diese Kugel, so in meinem Küraß stecken blieben, hat der gnädige Gott mein armes Leben beschirmt auf dem Felde bei Nördlingen, auf daß noch eine Frist der Gnaden mir gegeben werde, der dafür hochgepriesen sei.“

Zuunterst fand ich den Brief, derselbe war mit schwarzem Wachse verschlossen und trug solche Aufschrift: „An meinen herzlieben Vater, Udalricum Gast, den Schuldiener in Sommerhausen. So jemanden dieser Brief zuhanden kommt, wird solcher gebeten, um Christi willen denselben nach Sommerhausen in Franken gelangen zu lassen, allwo er ein tiefbetrübtes Vater- und Mutterherz trösten soll ob eines verlorenen Sohnes.“ Ich machte nun den Brief auf und las darin folgendes.

Fünfzehntes Kapitel.

Der Brief.

+Wertheim+, den 20. Mai 1639.

=An meinen Vater Udalricum Gast und meine Mutter +Margareta+, eine geborene +Späthin+, in Sommerhausen.=

Von dieser Welt scheidend, aber gottlob! zum Himmel eingehend, will ich zuvor noch meinen Abschied machen von Euch, herzlieber Vater und herzliebe Mutter. Ich hätte wohl gehofft, daß mein siecher Leib noch so lange werde dauern können, bis ich Euch noch einmal wieder gesehen von Angesicht zu Angesicht, und Euch abgebeten alles Herzeleid, so ich über Eure alten Tage gebracht, aber ich verspüre es wohl und deutlich: meine Tage sind gezählt, und Gott eilt mit mir aus diesem Leben. Kann ich’s darum nicht selber, so sollen doch diese Zeilen Euch melden, daß Ihr auf den Valentin nicht mehr zu warten braucht, sondern daß er schon voraus ist und im himmlischen Vaterhaus Eurer wartet. Darum weinet nicht, wenn Ihr diesen Brief empfanget, sondern danket vielmehr dem Herrn und lobet seinen hochheiligen Namen. Sein Erbarmen war groß mit mir sündigem Menschen!

Zwar ein Dieb und Verräter war ich nicht! -- Daß ich’s geworden bin in Euren Augen, ist also gekommen:

Als ich eines Sonnabends mit dem Jäger beim Spiel und Trunk saß, hab ich mir’s leichtsinnigerweise von ihm herauslocken lassen, daß ich folgenden Tags mit dem Amtskeller nach Würzburg müsse, um die für gelieferten Proviant von dem Gubernator einzunehmenden tausend Taler ihm herausschaffen zu helfen. Demselben hatte ich schon länger vertraut, wie all mein Sinnen darauf stehe, Sommerhausen zu verlassen und im Krieg mein Glück zu suchen, und er hatte immer meinen Vorsatz gelobt und geschworen, daß es schade um mich sei, wenn ich ihn nicht hinausführen würde.

An jenem Abend nun kam in die Schenkstatt ein mir unbekannter Mann, den aber der Jäger schon vor langer Zeit unter dem Kriegswesen kennen gelernt, und nachdem er eine Weile heimlich mit dem Fremden gesprochen, sagte er mir, dieser sei der Hauptmann Paradeiser: er sei auf einem heimlichen Streifzug begriffen, und wenn ich unter seiner Kompagnie Dienst nehmen wollte, so könne er mir denselben empfehlen, und sei jetzt eine schöne Gelegenheit gekommen, meinen lange gefaßten Vorsatz auszuführen. Wie ich denn ein leichtfertiger, hoffärtiger Geselle war und auch dem Wein unmäßig zugesprochen, wollte ich’s nicht gerade verreden, unter seiner Kompagnie mich anwerben zu lassen, wenn sie diese Gegend verlassen würde, was nach beider Rede jeden Augenblick geschehen konnte. Der Hauptmann wollte sogleich alles ins reine bringen, und als wir noch eine Weile getrunken, rückte er heimlich damit heraus, im Fall ich ihm zu wissen tun könne, wann das Geld auf den Speckfeld gebracht würde, wolle er sich mit etlichen seiner Leute in den Hinterhalt legen und dem Amtskeller das Geld abnehmen; dann wollten wir zwei den Fang miteinander teilen, und einige Tage nachher sollte ich ihm nachkommen und in seine Kompagnie treten. Ich entsetzte mich über diesen Vorschlag, nannte den Jäger einen falschen Verräter, daß er schändlich ausgeplaudert, was ich ihm im guten Vertrauen gesagt, und den Hauptmann einen Schelm und Spitzbuben. Dieser wurde darüber ganz weiß vor Zorn und wollte auf mich losfahren, der Jäger aber stieß ihn an, lachte laut auf und sagte: „Es ist nur ein Spaß, Bruder!“ -- Ich glaubte es endlich. Da ich wohl wußte, daß das Geld erst kommenden Dienstag auf den Speckfeld geschafft würde, versprach ich dem Hauptmann, wenn er schon am Montag seinen Zug ins Bambergische antreten wolle, würde ich mich anwerben lassen und in den Tannen mit ihm zusammentreffen.

Nun aber hatte der Jäger, wie mir nachher des Paradeisers Roßbube erzählte, den Hauptmann aufgefordert, am Montag in aller Frühe, sowie das Tor aufgetan würde, den Flecken selber zu überfallen und aus der Kellerei das Geld zu holen, was, da man keines feindlichen Überfalls gewärtig sei, sich leicht ins Werk setzen lasse und sicherlich gelingen müsse. Dem Jäger solle er dann hundert Taler abgeben, mich aber solle er mit fortnehmen, damit ich auf ihn, den Jäger, keinen Verdacht bringen könne. Falls ich in den Tannen nicht zu ihm käme, solle er nur irgendwie dafür sorgen, daß ich der Bürgerschaft als Verräter und Angeber kundgetan würde. Er selber wolle mich dann schon so schrecken, daß ich dem Hauptmann durch Wasser und Feuer nachlaufen solle.

So haben diese zwei Bösewichter auch getan, und als an jenem Morgen der alte Veit und mein Gespiele Klaus Mündlein erschlagen und die Kellerei geplündert war, und ich vor der Stimme meines Gewissens und vor unsäglicher Herzensangst bereits nicht mehr wußte, wo aus und wo ein, kam jener Bauer von Erlach und richtete mir des Paradeisers Botschaft aus, und wie ich mich umwandte, um Euch, lieber Vater, aufzusuchen und alles zu bekennen, stand plötzlich der Jäger vor mir und mahnte mich, eilend zu fliehen, weil ich sonst mich und Euch in Jammer und Schande bringen würde: ich solle nur in Gottes Namen dem Hauptmann folgen, zumal derselbe ja doch nur Kriegsgebrauch geübt habe, ich aber keinen Menschen von meiner Unschuld würde überreden können, am wenigsten den Amtskeller.

Er schien mir die Wahrheit zu sagen, und ich folgte dem bösen Rat. Im Wald holte mich der Jäger ein und brachte mich zu dem Hauptmann, der mich mit Lachen empfing; der Jäger aber sagte: ich solle nur guten Mutes sein -- er wolle den Leuten schon wacker Sand in die Augen streuen, und wenn ich in etlichen Jahren als ein Leutnant oder Rittmeister heimkäme, wie er nicht zweifle, solle kein Hahn mehr nach den alten Geschichten krähen.

Es hat des Hauptmanns Roßbube mir nachgehends noch erzählt, wie er glaube, daß der Jäger noch an selbem Tage seinen Lohn erhalten. Denn als er mit dem empfangenen Gelde sich hinwegbegeben, sei der Hauptmann mit einem bösen Buben aus der Kompagnie, der sich zu allen bösen Stücken habe brauchen lassen, ihm nachgeschlichen, und als sie wieder zum Haufen gekommen, habe er wohl bemerkt, wie der Hauptmann einen ledernen Beutel, der dem Jäger zugehört, und in den dieser das Geld getan, aus der Tasche gezogen und über den Weg hinüber in die Hecken geworfen, woraus er gleich vermutet, daß sie den Jäger kalt gemacht und das Geld ihm wieder abgenommen hätten. Wie dem sei, er wird dem gerechten Richter nicht entgangen sein!

Sechzehntes Kapitel.

Der Brief. (Fortsetzung.)

Vorgetan und nachgedacht Hat manchen in groß Leid gebracht.

Ich zog nun sehr traurig mit dem Haufen in den Wald. Da allenthalben das schwedische Volk in der Gegend lag, geschah der Marsch in großer Stille und Vorsicht; die Nacht aber sollte im Walde verbracht werden. Als wir nun an einen tiefen Graben gekommen, wo man ein Feuer machen konnte, ohne daß man es in der Nachbarschaft gewahr wurde, ließ der Hauptmann haltmachen und sich lagern; ich setzte mich auch zum Feuer und mochte sehr niedergeschlagen aussehen.

„Nun, Bürschlein,“ begann der Hauptmann, „wie gefällt dir das Kriegsleben? Nicht wahr, es ist doch schöner, hinter der Kanne sitzen und Würfel spielen, als auf der Erde liegen und in die Tannenäste und in die Sterne sehen? Aber nur lustig! So geht’s nicht alle Tage. Bei den Soldaten heißt’s: Heute naß und morgen trocken, heute null und morgen vull!“

Ich erwiderte: das liege mir wenig an, aber ich sei bekümmert, daß ich in Sommerhausen nun für einen Verräter gelten müsse, und mein ehrlicher Vater für einen Diebsvater, da doch der Spitzbube ein ganz anderer gewesen als ich, wie ihm gar wohl bekannt sei.

„Hol dich der Teufel!“ war die Antwort, „und laß das Maul nicht hängen! -- solch weinerlichen Gesellen kann ich unter meiner Kompagnie nicht brauchen.“

„Nicht brauchen?“ sagte ich. „Wahrlich, weiß ich’s doch selbst nicht, ob ich unter Euch und Eurer Kompagnie nur dienen mag, ob ich nicht heute noch nach Sommerhausen heimkehre und die volle Wahrheit sage, oder aber bei den Schwedischen mich anwerben lasse, bei denen mir’s eine größere Ehre sein wird zu dienen, als mit Euch und Eurem Diebsgesind Geld zu stehlen!“