Der Schulmeister und sein Sohn Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege

Part 5

Chapter 53,817 wordsPublic domain

Ich weiß nicht, ob du, lieber Leser, es schon erfahren hast, aber Trübsal von dem Herrn gesendet, hat für den Menschen außer vielem andern auch den Segen, daß er seine Nebenmenschen mit ganz andern Augen ansieht, wie sonst. Es wird das Herz warm gegen sie und mild gegen ihre Fehler, und je tiefer wir gedemütigt werden, desto höher steigen +sie+ in unsern Augen. Ich werd’s nimmer vergessen, mit welch herzlicher Liebe, ja mit welch heiliger Ehrfurcht ich die armen, teils verhungerten, teils in Lumpen gehüllten Kindlein ansah, die in dieser Zeit des Jammers zu mir in die Schule gingen, als Geschöpfe und Kinder desselben großen Gottes, der auch mein Schicksal in seinen Händen hielt. Beweglicher denn jemals konnte ich heute mit ihnen reden von dem Gott, dessen Wahrzeichen lautet: +Holdselig den Freunden, erschrecklich den Feinden!+

Während der Schule aber wurde ich von meinem Weibe hinausgerufen, die mir voll Schrecken erzählte, am obern Tor sei ein großer Zusammenlauf von Menschen. Ein fremder Mann halte dort mit seinem Karren und habe den Jäger darauf liegen, dem der Hals umgedreht sei: sein Gesicht sehe ganz blau aus, und die Augen ständen ihm vor dem Kopf, und die Bürgerschaft wolle ihn nicht in den Flecken lassen, weil sie in dem Glauben stünden, der erschreckliche Mensch habe einen Bund mit dem Bösen gehabt, und der habe ihn jetzt erwürgt, weil seine Zeit um gewesen. Auf diese Nachricht eilte ich flugs hinauf an das Tor, -- dort fand ich’s, wie mein Weib gesagt, der fremde Mann aber mit dem Karren war, wie ich hörte, der +Meister+ von +Sulzdorf+. Er erzählte: es seien heute morgen einige Holzhauer zu ihm nach Sulzdorf gekommen, hätten ihn geheißen seinen Karren anzuspannen, und hätten ihn dann in die Tannen hinausgeführt, wo er den Jäger, rücklings über einen Baumstamm liegend, mit herabhängendem Kopf und erwürgt gefunden. Weil der Baumstamm auf der Sommerhauser Markung lag, habe ihm der Schultheiß von Erlach, der auch schon dort gewesen, Befehl gegeben, den Leichnam nach Sommerhausen zu fahren, weil sie ihm keinen Platz auf ihrem Gottesacker geben würden, und weil auch keiner der Bauersleute sich dazu verstanden, ihn nur mit einem Finger anzurühren! -- Das habe er nun getan, und die Sommerhäuser könnten nun jetzt mit dem Jäger anfangen, was ihnen gut dünke. Da nun die Bürgerschaft schrie: sie wollten ihn auch nicht, er solle ihn in den Main werfen oder auf den Schindanger tragen, sagte Meister Hämmerling: „Tut ihr’s selber, oder siedet oder bratet ihn meinetwegen!“, stieg auf seinen Karren, nahm den Jäger bei den Füßen und warf ihn wie einen toten Hund auf die Straße, -- dann setzte er sich neben seinen Karren, zog ein Stück Brot aus der Tasche und fing an zu essen, als ob er sich nun weiter um nichts mehr kümmern wollte.

Da nun kam ein altes Bettelweib des Weges, von +Goßmannsdorf+ gebürtig, die in der ganzen Gegend vor der Leute Häusern mit Beten und Singen ihr Brot suchte. Wie die den Jäger erblickte, bekreuzigte sie sich, schlug ein lautes Geschrei auf und gebärdete sich wie unsinnig vor Schrecken: den habe gewiß der leibhaftige Teufel geholt. Gestern sei sie im Wald, etwas abseits vom Wege, unter einem Baume gesessen, um ein wenig zu verschnaufen, da sei alsbald der Jäger gekommen, habe sich auf einen Baumstamm neben dem Weg gesetzt, einen schweren Beutel voll Geld herausgezogen und angefangen zu zählen. Er habe schon oft gedroht, wenn er sie wieder im Walde treffe, wolle er sie mit seinen Hunden zu Tod hetzen. Wie sie darum seiner ansichtig geworden, habe sie sich niedergekauert und sei auf Händen und Füßen weiter hinein in den Wald gekrochen, damit er sie nicht finde, und habe noch lange das Geld klingen hören, so still sei’s im Walde gewesen. Drauf habe sie einen Schrei gehört von dem Wege her, wo der Jäger gesessen: sie habe aufgehorcht und des Jägers Stimme zu hören vermeint, habe aber nichts weiter vernommen, als ein starkes Schnaufen und ein Geräusch, wie wenn Leute mit schweren Stiefeln den Boden stampften. Dann aber sei noch ein Schrei gekommen, daß sich ihr das Haar auf dem Kopf gesträubt, und sie alle Heiligen im Himmel um Hilfe angerufen habe, habe sich auch nun nicht lange mehr gesäumt, sondern sei eilend den Berg hinuntergelaufen und nicht eher stille gestanden, als bis sie nach +Kleinochsenfurt+ ins Wirtshaus gekommen, wo sie ihrer Base alles erzählt und gebeten hätte, sie in ihrer Kammer auf dem Stroh schlafen zu lassen, weil sie sich allein nicht mehr über die Schwelle getraut und immer noch den Schrei in ihren Ohren habe klingen hören.

Mittlerweile hat +Georg Ebert+, der Schmied, mit einem Stecken des Jägers Halskrause aneinander gemacht und schrie, den habe der leidige Satan erwürgt, denn solche Spuren hinterlasse keines Menschen Finger! Es waren auch so große, schwarz unterlaufene Flecken an seinem Hals sichtbar, daß man billig des Schmieds Meinung hätte sein können. Der Amtskeller sagte zwar, dieselben könnten auch von dem eisernen Handschuh eines Soldaten herrühren, aber soweit bekannt, war kein Kriegsvolk in die Tannen gekommen als des Paradeisers Leute, und mit dem war der Jäger nach Hans Ebelings Aussage gut Freund gewesen.

Wie dem auch sein mochte, -- hier hatte Gott gerichtet und sein Wort erfüllt: Die Gottlosen nehmen ein Ende mit Schrecken! Ich hätt’s ihm gerne gegönnt, wiewohl er mir armem, geschlagenem Mann viel Leids getan, wenn ihm noch wäre eine Frist gegeben worden, zu bereuen und durch des Mittlers Blut sich zu reinigen von seiner Missetat und eines bessern Todes zu sterben, aber „wer hat des Herrn Sinn erkannt und wer ist sein Ratgeber gewesen? Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!“

Nachdem noch viel Streitens und Hin- und Herredens gewesen zwischen der Bürgerschaft und dem Amtskeller, ward der Leichnam wieder dem Meister übergeben, damit er in einer Ecke des Gottesackers, wo sonst kein ehrlicher Christenmensch hin begraben ward, eingescharrt würde, was nun auch am folgenden Tage geschah. Nachdem er in die Grube gelegt worden, wurde die Erde über ihn von den Schindersknechten wieder eingestampft, -- es steht kein Kreuz darauf, ja es will nicht einmal das grüne Gras da wachsen, das sonst der Christen Grab überzieht, sondern nur ein häßlicher Dornstrauch hat sich darüber gebreitet und deckt die Stätte zu mit seinen stachelichten Zweigen, wo des Jägers Gebeine liegen bis zum großen Tage des Gerichts.

+Ich habe gesehen einen Gottlosen, der war trotzig und breitete sich aus wie ein Lorbeerbaum. Da man vorüberging, siehe, da war er dahin, ich fragte nach ihm, da ward er nirgend gefunden.+ Ps. 37.

Zwölftes Kapitel.

Die Flucht.

Was bringt Frieden? Lauter Freud. Was bringt Kriegen? Lauter Leid. Was bringt Frieden? Wein und Brot. Was bringt Kriegen? Hungersnot. Was bringt Frieden? Mut und Gut. Was bringt Kriegen? Feu’r und Blut. Was bringt Frieden? Fröhlichkeit. Was bringt Kriegen? Herzeleid. Friede kommet aus dem Himmel, Aus der Höll das Kriegsgetümmel.

Alter Spruch.

Bis hieher, lieber Leser, bin ich weitläufig zu Werk gegangen und hab dir meine und meines Sohnes Geschichte mit vielen Worten erzählt, über die nächsten sieben Jahre aber will ich dich um so schneller hinüberführen.

Wenn du nun das lesen wirst, was ich dir zu erzählen habe, könntest du vielleicht meinen, gerade in diesen nun folgenden Jahren habe die Geißel des Herrn mich am härtesten geschlagen, -- aber dem ist nicht so. Jetzt ist nicht mehr durch des Satans List und Bosheit mir die Trübsal bereitet worden, sondern allein von meines Gottes Weisheit und Güte, jetzt hab ich den bittern Kelch, der mir voll geschenkt ward, mit gutem Vertrauen trinken und wiewohl betrübt bis zum Tod, dennoch beten können: Was mein Gott will, das g’scheh’ allzeit, sein Will’, der ist der beste!

Unsere Nachkommen werden’s einst nicht glauben wollen, was wir, die Väter, um des teuren evangelischen Glaubens willen für Unruhe, Angst und Not haben ausstehen müssen. Nicht bloß unser zeitlich Hab und Gut, sondern auch, -- das weiß Gott! -- unser Blut und unsere Tränen hängen an diesem Kleinod, und wenn einst die Zeit käme, in der evangelische Christen dasselbe nicht mehr in Ehren halten würden als ihr Bestes, so müßte unser Fleisch und Blut ausgestorben sein, und ein fremdes Volk in den Hütten seiner Väter wohnen.

Wie der geneigte Leser aus dem Vorhergehenden sich wird abgenommen haben, war durch den Religionskrieg des Elends und des Jammers seit schier fünfzehn Jahren genug und übergenug über den hiesigen Flecken und die hiesige Gegend gekommen. Man war darum sozusagen mit dem Elend, dem Hunger und der Gefahr gut Freund geworden, und hatte es beinahe vergessen, daß einst Zeiten gewesen, wo man seiner Hände Arbeit froh ward, wo man am Abend sein Haupt ruhig niederlegen konnte, ohne an Brand und Plünderung zu denken. Doch war das alles fast für nichts zu achten gegen die Drangsale, die als Gottes Gerichte Anno 1634 hereinbrachen.

Am 6. September dieses Jahres verlor die schwedische Armee die blutige Schlacht bei +Nördlingen+, und nun zog das von dem edlen Schwedenkönig verjagte kaiserliche Heer wieder allenthalben her gegen die hiesige Gegend heran. Es haben auch die Schweden hier viel Unfug verübt, haben das Dörflein +Lindelbach+ geplündert, den Kelch aus der Kirche geraubt und die Hostien mit Füßen getreten. Solches geschah aber meist nur von einzelnen bösen Buben, wie sie bei jedem Heere gefunden werden, und wurde mitunter streng bestraft. Vornehmlich solange der König +Gustavus Adolphus+ noch lebte, hatte die schwedische Armee den Ruhm, daß bei ihr auf Gottesfurcht und Manneszucht gehalten wurde: der geborene Schwede oder Finnländer, als sie zuerst zu uns kamen, betete stets, ehe er an den Tisch sich setzte, und wenn er gegessen hatte, reichte er dem Hauswirt und der Hauswirtin die Hand und dankte freundlich für die empfangene Bewirtung. Das +kaiserliche+ Volk aber trieb den Krieg als ein Handwerk, war im Kriegslager aufgewachsen, verachtete den Bürger und fürchtete weder Gott noch Menschen.

Am 8. September nun brachen hundertundfünfzig Mann dieses Volkes, zu dem Reiterregiment des Grafen +Piccolomini+ gehörend, im hiesigen Städtlein ein. Mit Schreien und Schießen jagten sie durch die Straße, dann legten sie sich in die Häuser und fingen an also zu wirtschaften, daß man an allen Ecken und Enden um Hilfe rufen hörte. Nicht allein, daß sie die Leute zwangen, alles, was an Lebensmitteln und Geld vorhanden war, herbeizuschaffen, sondern sie plagten auch diejenigen, welche selber kaum mehr wußten, wie ein Stücklein Brot schmeckte, aufs ärgste, mißhandelten schändlich die Weiber, schlugen die Männer, die sich in der Verzweiflung zur Wehre setzten, stachen und schossen ihrer mehrere tot, ja, sie vergriffen sich sogar an den unschuldigen Kindlein. Nach zwei Tagen war kein Huhn, geschweige denn eine Kuh oder Geiß mehr übrig, in den meisten Häusern waren, als sie abzogen, die Fenster zerschlagen, die Türen ausgehoben, die wenigen Betten, die noch vorhanden waren, aufgeschnitten und die Federn auf die Straßen geschüttelt. Die Kellerei plünderten sie zuerst, hierauf den ganzen Flecken, und als sie endlich abzogen, und die Leute aus ihren Schlupfwinkeln hervorkrochen, hatte keiner mehr etwas übrig als das nackte Leben.

Zu unser aller Schrecken kam nun auch die Nachricht, daß in kurzem Kaiser +Ferdinandus+ an der Spitze seiner Armee hier durchkomme und sein Quartier im Schloß auf einige Tage nehmen wolle, und jedermann wußte, daß man davon sich nichts Besseres, sondern nur noch Schlimmeres zu versehen habe, als man bisher schon erduldet. Da waren denn die meisten der Meinung, weil man doch nichts mehr als sein Leben zu retten habe, solle man sich in Gottes Namen auf die Flucht begeben und dem Feind die leeren Häuser übrig lassen, und machten denn wirklich sämtliche Einwohner sich zum Abzug fertig bis auf einige alte oder todkranke Leute, welche meinten, daß sie, wenn’s Gottes Wille wäre, daheim ebensowohl sterben könnten, als draußen. Da unser Pfarrherr Theodoricus wegen hohen Alters und großer Schwachheit sich schon länger hinwegbegeben hatte, beschloß ich auch mitzugehen, und gesellte mich mit meinem Weibe und den drei Kindern dem Zuge bei. Einige beschlossen, sich über den Main in den +Gau+ zu flüchten, andere aber, darunter auch wir, hofften in +Kitzingen+ und in den benachbarten Orten ein Unterkommen zu finden.

Vor dem untern Tore trennten wir uns darum in zwei Haufen. Als wir uns nun rechts wandten und den Steinbach hinangingen, und ich das Wehklagen der Leute hörte, von denen einige ihre Kinder, andere ihre Kranken trugen, so fiel mir David ein, wie er auf der Flucht vor seinem Sohne Absalom mit seinem Volk den Ölberg hinanzog und weinte, und als plötzlich ein kleines Getümmel entstand, und die Hintersten auf die Vordersten drängten, weil einer auf den Altenberg gestiegen war und das kaiserliche Kriegsvolk bereits von Ochsenfurt heranziehen sah, zog ich meinen Psalter aus der Tasche und betete laut dem Volk aus dem 27. Psalm vor: +Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten, der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir denn grauen? Wenn sich schon ein Heer wider mich lagerte, so fürchtet sich dennoch mein Herz nicht, wenn sich Krieg wider mich erhebet, so verlaß ich mich auf ihn. Eins bitte ich von dem Herrn, das hätte ich gern, daß ich im Hause des Herrn bleiben möge mein Leben lang, zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn und seinen Tempel zu besuchen.+

Es ward eine große Stille unter dem Haufen bei solchem Gebet, und alle hörten andächtig zu, manche auch kehrten sich um bei dem letzten Verse und schauten nach dem Gotteshaus, in dem sie getauft und zum heiligen Nachtmahl gegangen waren, und befahlen es in den Schutz des Allmächtigen, als aber +Hans Ebeling+, der Türmer, anhub zu singen:

Das Wort sie sollen lassen stahn Und kein’n Dank dazu haben, Er ist bei uns wohl auf dem Plan Mit seinem Geist und Gaben. Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr’, Kind und Weib. Laß fahren dahin, Sie haben’s kein Gewinn, Das Reich muß uns doch bleiben, --

da stimmte alles Volk vom Gipfel bis zum Fuß des Berges mit lauter Stimme ein, so daß selbst die Kranken, welche im Flecken zurückgeblieben waren, das Singen hörten, und mancher, dem der Abschied sauer geworden, sich wunderbar und wie von Gott selbst gestärkt und getröstet fühlte.

Auch unter uns ward eine große Freudigkeit bei diesem Lied; der +Amtskeller+ trat zu mir und sagte, während ihm die hellen Tränen aus den Augen rannen, er habe nicht gemeint, daß Singen und Beten also einen Menschen trösten könne im Unglück, worauf ich erwiderte: darum sende es eben der Herr, damit man singen und beten lerne. Es war dies das letzte Wort, das ich mit diesem Manne gesprochen, -- denn er ist nicht mehr heimgekommen, sondern in Kitzingen krank geworden und gestorben, wovon ich später, ach! nur zu viel, werde zu erzählen haben.

Auf der Höhe angekommen, gingen wir auseinander, ein jeder dahin, wo er einen Freund oder Blutsverwandten zu finden hoffte, ich aber ging mit den Meinen nach +Kitzingen+, wo Gott einem alten Mann, den ich nie zuvor gesehen, das Herz rührte, daß er uns in sein Haus nahm und vier Wochen lang mit Speise und Trank erquickte. Er hat +Sebastian Popp+ geheißen und in der Vorstadt Etwashausen in der Krone gewohnt. Der Herr wolle es ihm vergelten tausendfältig!

Dreizehntes Kapitel.

Die Pest.

Es ist ein Schnitter, der heißt Tod, Hat Gewalt vom höchsten Gott, Heut wetzt er das Messer, Es schneidet schon besser, Bald wird er drein schneiden, Wir müssen’s erleiden, Hüte dich, schön’s Blümelein.

Altes Lied.

Nach vier Wochen hörten wir, daß das kaiserliche Volk zum größten Teil wieder abgezogen, und daß ein großer Teil der Bürgerschaft wieder nach Sommerhausen zurückgekehrt sei; so wollten wir denn auch unserem Gastfreunde nicht länger zur Last liegen und machten uns auf den Heimweg.

Als wir den Steinbach heruntergewandert waren und an den Gottesacker kamen, fanden wir darin etliche Bürger beschäftigt, ein großes Loch zu graben. Die sahen ganz abgemagert und hinfällig aus, und keiner konnte lange arbeiten, sondern wie er den Spaten ein wenig geführt hatte, gab er ihn einem andern in die Hände und fiel wieder um auf den Boden. Da sie unserer ansichtig wurden, hatten sie anfangs eine große Freude, dann aber meinten sie: wir seien zur bösen Stunde gekommen, das abziehende kaiserliche Volk habe eine Seuche hinterlassen: es lägen noch viele kranke Soldaten im Städtlein, auch etliche von der Bürgerschaft habe die Seuche bereits ergriffen, dazu seien keine Lebensmittel mehr im Ort vorhanden, und sie selber könnten sich vor großer Schwachheit kaum mehr auf den Füßen halten. Sie hätten sich zusammengetan, diese Grube zu graben, weil mehrere Tote von dem fremden Volk in den Häusern lägen, der alte +Merten Geuder+, der Totengräber, sei selber auch gestorben. Wir teilten ein Laiblein Brot mit ihnen, -- das verschlangen sie gierig und setzten dann wieder ihre Arbeit fort. Wir aber gingen unserem Hause zu und erfuhren bald, daß die Männer die Wahrheit gesprochen.

Das Kriegsvolk hatte einen noch viel grimmigeren Feind zurückgelassen, die Pest, und als nun fast die ganze Bürgerschaft nach und nach sich wieder eingestellt hatte, schritt sie durch die Gassen des Fleckens, wie weiland der Würgengel durch Ägyptenland. Bald war kein Haus mehr da, in welchem nicht ein Toter lag.

Da hab ich den Tod kennen gelernt in seiner schrecklichsten Gestalt. In meinem Beruf als Kirchendiener hatte ich schon manchen hinbegleitet auf den Gottesacker zu seinem Ruhebett. Da folgten die Hinterbliebenen, oft schwer betrübt, und standen um das Grab mit vielen Tränen. Aber obwohl es oft mein Herz erbarmte, wenn ich die Eltern ansah, die jetzt von ihrem Kinde, oder ein Kindlein, das von seinem Vater oder seiner Mutter Abschied nehmen mußte, kam es mir doch allezeit vor, so oft der Segen Gottes über die Toten abgesprochen wurde, als ob ihr Los ihnen aufs lieblichste gefallen, weil ja aus den Händen der irdischen Liebe in die Hände der himmlischen Liebe hinüberzugehen, kein hartes Geschick ist. Auch fiel mir beim Begräbnis der armen Häckersleute, die ich so manchen Sommertag auf den kahlen Weinbergen im Schweiße ihres Angesichts ihr mühevolles Tagwerk hatte tun sehen, immer der Spruch ein: Sie wird nun nicht mehr hungern und dürsten, +es wird auch nicht mehr auf sie fallen die Sonne oder irgend eine Hitze+, denn das Lamm mitten im Stuhle wird sie weiden und leiten zu dem lebendigen Wasserbrunnen! Und das Leichenglöcklein kam mir vor wie die Feierabendglocke, nur daß es nicht, wie diese, der Gemeine, sondern einer einzelnen, ihrer Mühe entbundenen Seele galt.

Bei diesem Sterben aber, das die Pest unter uns brachte, mußte man der Worte gedenken: +Das macht dein Zorn, daß wir so vergehen, und dein Grimm, daß wir so plötzlich dahin müssen.+ Wenn man es mit ansah, wie in einem einzigen Tag der Mensch gesund, krank und tot war, wie Vater, Sohn und Enkel, oder Herr und Knecht oft in einem Hause nebeneinander auf dem Stroh lagen, da konnte man in dem Tod nicht mehr den Boten des Herrn sehen, der, obwohl finstern Angesichts, doch gute Botschaft bringt und dem Taglöhner sagt, daß seine Arbeit aus sei, sondern den Schnitter, der die Sense ansetzt und die Menschen umhaut, wie das Gras auf dem Felde. Auch wurde jetzt nicht mehr über der Stätte der Verwesung Gottes Wort und Verheißung den Hinterbliebenen als ein Trost zuteil, sondern ohne Sang und Klang wurden die Leichen hinausgetragen, und die alle an einem Tag gestorben waren, in +eine+ große Grube ohne Sarg und Totenkleid zusammengeworfen, so daß kein Hinterbliebener die Stätte wußte oder bemerken konnte, wo man einen der Seinigen zur Ruhe gebracht.

Was aber das Allerschrecklichste war, auch die Menschen waren wie umgewandelt. Anfangs gab man den Kranken Bibernell zu essen, weil einer in der Luft eine Stimme gehört haben wollte:

„Eßt Bibernell, Sterbt ihr nicht so schnell!“

Als aber dies auch nicht oder nur wenig helfen wollte, stellten die Angehörigen, so oft einer an der Seuche erkrankte, ihm ein Krüglein Wasser an sein Bett und eilten aus seiner Nähe, und sobald er die Augen geschlossen hatte, ward er hinausgeschafft und eingescharrt, und selten war einer der Seinigen zugegen, der auch nur eine Träne um ihn vergossen hätte, ja es kam vor, daß der Vater dem Sohn und der Sohn dem Vater, wenn einer erkrankt war, die letzten Brotkrumen hinwegnahm, weil dem Erkrankten ja doch nicht mehr zu helfen sei.

Viele christliche Tugenden können zutage kommen in Zeiten der Trübsal, aber in welchem Menschen kein Christentum ist, bei dem wird die Selbstsucht offenbar, welche kein göttliches und kein menschliches Gebot mehr achtet. Die da meinen, das Menschenherz sei +gut+ von Natur, die mögen lernen in solchen Zeiten, daß ein wildes Tier nicht grausamer und fühlloser sein kann als der Mensch, der seinen angeborenen Trieben nachgibt, weil ihn die Zucht des heiligen Geistes nicht gezähmt und die Kraft von oben ihn nicht umgewandelt hat.

Der Herr hatte beschlossen, daß +mein+ Haus auch leer werden sollte: an einem und demselben Morgen wurden mein Weib und meine Töchter, Ottilia und Regina, von der Seuche befallen. Noch bevor es Abend ward, hatte der Heiland die beiden Kindlein zu sich kommen lassen, mein Weib aber litt noch etliche Stunden länger, jedoch ohne mich mehr zu kennen und ohne ein Wort zu reden, außer daß sie etlichemal mit starker Stimme: „+Valentin+! +Valentin+! +Mein Sohn, mein Sohn!+“ rief. Als es aber Mitternacht ward, richtete sie sich plötzlich auf in ihrem Bett, schaute mit gerötetem Antlitz über sich, als ob sie dort jemand gewahre, und rief laut, ihre Arme ausbreitend:

„Nun kommt mein Freund vom Himmel prächtig, Von Gnaden stark, an Wahrheit mächtig, Mein Licht wird hell, mein Stern geht auf!“

Dann sank sie in das Kissen zurück und war heimgegangen. --

„Dein Leid, mein Leid, Meine Freud’, deine Freud’, Deine Not, meine Not, Mein Brot, dein Brot,“

so hatt’ ich an unserem Hochzeitstage in ihr Gesangbuch geschrieben: das war unser Ehevertrag gewesen, und treulich haben wir denselben alle beide gehalten, bis nach vierundzwanzig Jahren Gott selber ihn gelöst hat.

Wie mir’s war in jener Nacht, als ich mit meinem Johannes bald an das Bett seiner Mutter, bald an das seiner Geschwister trat, -- ich weiß es nicht mehr. Der Herr hatte meine Seele betäubt, daß ich war wie ein im Schlaf Wandelnder. Folgenden Tags grub ich, Hans Ebeling und mein Söhnlein ein Grab aus, hart neben dem Grab des alten Veit, wickelten die Leichname in weißes Linnen und senkten sie ein unter Gebet und Tränen. Als wir damit zu Ende gekommen, brachte unser Nachbar, der Schreiner, ein Kreuz und sprach: „Schulmeister, das ist für Eures Weibes Grab. Mit ihrem gottseligen Wandel hat sie im Leben Christi Lehre geziert in allen Stücken, so soll auch sein Kreuz sie zieren in ihrem Tod!“ Ihm wolle auch der Herr seinen christlichen Liebesdienst lohnen am großen Tage der Vergeltung.

Da ich nun also mein Weib und meine beiden Kinder an der grausamen Seuche verloren hatte, wollte ich wenigstens mein Söhnlein +Johannes+ zu retten suchen, wenn es Gottes Wille wäre, und beschloß, noch am selbigen Tag ihn nach Kitzingen zurückzuschicken, wo ich ihn bei dem Amtskeller, der sich immer noch dort aufhielt, um das Aufhören der Pest abzuwarten, wohl aufgehoben wußte. Ich ließ also den Knaben sogleich aufbrechen mit einem Boten, damit er noch vor einbrechender Nacht die Stadt erreiche.