Der Schulmeister und sein Sohn Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege
Part 4
Mein Johannes drängte sich zitternd an mich und rief: „Lauft, lauft, Vater, sie werden uns alle umbringen!“ Aber sie ritten an uns vorbei, ohne acht auf uns zu haben. Ich lief nun sogleich unter das Tor, um nach dem Veit zu sehen. Er röchelte schwer und schien uns nicht zu kennen, als ich ihn aber bei seinem Namen rief und mein Johannes auch, schlug er die Augen ein wenig auf und sagte: „Nun, da seid Ihr ja, Schulmeister, und Euer Johanneslein auch, den der Wolf hat würgen wollen; ja, ja, so hat’s kommen müssen; wehe, meine Schmerzen sind groß!“ Ich ermahnte ihn, an sein Ende zu gedenken, nun sei’s rechter Ernst zu beten: „Herr Jesu, dir leb’ ich, Herr Jesu, dir sterb’ ich!“ worauf er noch nickte, als wollte er „Amen“ sagen, und dann einen langen Seufzer tat, mit dem seine Seele vom Leibe sich schied. Unter der Zeit waren mehrere Nachbarn herzugetreten, und wir hoben den Leichnam nun auf unsere Schultern und trugen ihn hinauf auf das Torhaus.
Mein Söhnlein erzählte: er habe aus dem Weinberghäuslein beim Hinzugehen ein leises Wimmern gehört, und wie er an die Tür gekommen und hineingeschaut, habe Hans Mündlein und sein Sohn Klaus auf dem Boden gelegen. Der Klaus habe einen Stich in der Brust gehabt, sei voll Blut gewesen und habe kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben, sein Vater aber sei mit einem Pferdegurt gebunden gewesen, habe auch geblutet und geächzt. Neben dem Feuer hätten zwei Kroaten gekauert und die Suppe ausgegessen, die die Weinbergshüter sich gemacht. Wie sie ihn erblickt, seien sie aufgesprungen, hätten ihn verfolgt und geschossen. Auf den Schuß wäre aus der Schlucht, welche unter dem Weg nach +Lindelbach+ liegt, ein Reitertrupp hervorgekommen, sei den Kirchhofweg heraufgesprengt und ihm auch nachgeeilt. Da er aber einen guten Vorsprung gehabt, sei er noch vor ihnen ins Tor gekommen, wo der Veit schon auf ihn gewartet. -- Ich führte ihn schnell nach Hause, fand aber niemand daheim als meine zwei Töchter und mein Weib, die von allem noch nichts wußte, aber in großen Ängsten war, weil sie mich in solcher Eile hatte die Treppe herunterstürzen und nachher hatte die Soldaten vorbeijagen sehen, -- der Valentin war nicht daheim, sondern eben ausgegangen; er wolle sehen, hatte er gesagt, was das fremde Volk im Ort zu tun habe. Ich schärfte ihnen ein, das Haus zu schließen und nicht zu verlassen, meldete im Vorbeigehen dem Weibe meines Nachbars Mündlein das geschehene Unglück und eilte dann spornstreichs dem Haufen nach zum gräflichen Schlosse.
Neuntes Kapitel.
Die Plünderung.
Mit leichter Müh’ gewonnen -- lustig nun zu Pferd.
Shakespeares Heinrich IV.
Auf der Straße vor dem Schloß, in dem sich auch die Amtskellerei befindet, hatte sich derweilen wohl die ganze Bürgerschaft versammelt und schaute erschreckt dem Unfug zu, den sich das Kriegsvolk zu treiben unterfing. Aufgebrochene Kisten und zerschlagene Fässer lagen im Hof umher, welche die Soldaten hatten herausschaffen lassen. Während die einen in der Amtskellerei waren, die Schlösser zersprengten und jeden Winkel durchstöberten, standen die andern mit bloßem Degen im Hof, tranken den Wein aus ihren Sturmhauben und ließen dann die Fässer in den Hof auslaufen, oder banden die geraubten Sachen in Bündel, und dabei fluchten und zankten sie so gotteslästerlich durcheinander, daß der schöne Schloßhof, in dem man sonst nur die Knaben und Mädchen singen und jauchzen hörte, wenn sie unter den großen Linden in den Sommerabenden ihr Spiel trieben, in einen wahren Höllenpfuhl verwandelt zu sein schien. Ich fragte eben meinen Nachbar Gebhart, was das bedeute und wo das alles hinaus wolle, als der Hauptmann Paradeiser und einige seiner Spießgesellen den Amtskeller aus dem Hause in den Hof zerrten und dabei jämmerlich mit Fußtritten und Kolbenstößen traktierten. „Wo ist das Geld?“ schrien sie durcheinander; „wo sind die tausend Taler, die Ihr gestern von Würzburg mit heimgebracht? Her damit, Ihr alter Leuteschinder, oder wenn Ihr noch länger Ausflüchte macht, wollen wir Riemen aus Eurer Haut schneiden!“ -- Der Amtskeller bat um Barmherzigkeit; sie möchten’s ihm zu gut halten, daß er seine Pflicht tue, das Geld sei nicht sein, sondern der Herrschaft, das er nimmer und nimmer hergeben dürfe. Der Hauptmann aber warf ihn zu Boden, kniete ihm auf die Brust, zerrte ihm die Halskrause aneinander, und indem er ihm den Degen auf die Kehle setzte, schrie er mit erschrecklicher Stimme: „Noch ein Vaterunser lang geb ich Euch Zeit, wollt Ihr dann noch nicht bekennen, fährt Euch mein Degen in den Hals, so wahr ich Nikol Paradeiser heiße!“ Jedermann sah, daß es Ernst war, denn an Erbarmen war bei dem Menschen nicht zu denken. Unter dem steifen Schnauzbart quoll ihm der Geifer hervor und tropfte auf den Amtskeller, der totenbleich sich unter seinen Knien wand, und seine Augen fuhren umher wie die Augen eines Tigers, ob ihm jemand seinen Raub zu entreißen wage. „Helft, ach helft ihm, Herr Schulmeister!“ rief des Amtskellers Weib, die mit ihrem Söhnlein eben in den Hof gerannt kam, „helft, er hätt’ es Euch auch getan!“ -- „Herr Amtskeller,“ rief ich über das Gitter hinüber, „gebt in Gottes Namen das Geld her, die Herrschaft will lieber das Geld, als einen so treuen Diener verlieren. Wir alle sind Zeugen, daß Ihr Eure Schuldigkeit redlich getan habt!“
Wirklich sagte der Amtskeller, man solle ihn loslassen, dann wolle er der Gewalt weichen, ging mit dem Hauptmann ins Haus und gab ihm die Geldkiste, die er in der Eile, als er das Gesindel kommen sah, unter einer aufgehobenen Diele verborgen hatte. Als der Hauptmann das Geld brachte, erhob die Bande ein lautes Freudengeschrei, sprang auf die Pferde und war im Nu wieder davon.
Es war das alles so schnell gekommen, daß wir gar nicht wußten, wie uns geschehen war. Einige, die das Lärmzeichen nicht gehört hatten, schalten über den Torwart, der geschlafen haben müsse, weil er die Soldaten nicht die Straße heraufkommen gesehen und das Tor geschlossen habe, und schrien, jetzt müsse er vom Brot gejagt werden; ich aber sagte ihnen: den Torwart habe ein Größerer wie sie bereits vom Posten abgerufen und zur Rechenschaft gezogen, worin er meines Erachtens wohl mit Ehren bestehen solle. Sie sollen nur hinauf aufs Torhaus gehen, da würden sie ihn finden! Als sie das hörten, tat’s ihnen sehr leid, den alten Mann beschuldigt zu haben. -- Es war aber offenbar, daß sich die Bande, um nicht von dem Veit erblickt zu werden, wenn sie die Straße heraufziehe, die Nacht hindurch in der Schlucht hinter dem Kirchhof verborgen gehalten und daselbst gelauert hatte, bis das Tor aufgetan würde. Die beiden Weinbergshüter hatten sie niedergeschlagen und mein Söhnlein fangen wollen, damit kein Lärmen entstünde, bevor sie das Tor überfallen hätten, der Schuß aber war ein Zeichen gewesen für den Haufen, aus dem Hinterhalt hervorzubrechen, ehe noch der Torwart, von meinem Söhnlein gewarnt, das Tor wieder schließen könnte. Alles dieses war ihnen nur zu gut gelungen.
Da allenthalben in der Gegend noch das schwedische Volk war, so war, wiewohl Raub und Gewalttat in dieser bösen Zeit -- Gott sei’s geklagt! -- etwas Alltägliches war, doch das unerhört, daß diese Kaiserlichen am hellen Tage mit Blutvergießen in einen friedlichen Ort eingebrochen waren, ohne einen andern Grund, als Geld zu rauben, und die Bürgerschaft machte sich in lauten Klagen und Verwünschungen Luft über ein solches Unterfangen, der Amtskeller aber rief: hier sei der Verrat schlimmer als die Tat. Einer aus hiesigem Orte müsse der Judas an seiner Herrschaft und Heimat geworden sein, denn der Spitzbube, der ihn so mißhandelt, habe alles gewußt. Wer der falsche Verräter gewesen, könne er sich zurzeit noch nicht denken, da niemand um das Geld gewußt, als Valentinus Gast, sein Schreiber, mit dem er es von Würzburg geholt. Aber ans Licht müsse der Verräter kommen, eher wolle er sein Haupt nicht ruhig niederlegen, und seinen Lohn müsse er auch empfangen, sonst müsse kein Gott im Himmel sein!
Ich weiß nicht warum, aber bei dem Worte „+Verrat+“ lief es mir eiskalt über den Rücken. Jetzt, wo über unser evangelisches Häuflein in Limburgischen Landen ohnehin alle Wetter gingen, wo ich unser armes Volk einer Herde vergleichen mußte, die wider das Unwetter ängstlich nach einem Dach, oder auch nur nach einem Baume sucht und darunter sich fest zusammenstellen muß, um eines des andern Stütze zu sein, jetzt fiel es mir unmöglich zu glauben, daß einer von uns ausgegangen sein könnte, um an seinen geängsteten Brüdern ein Blutgeld zu verdienen, und gleichwohl zitterte mein Herz in mir bei solchem Gedanken. Ich schaute rings um mich her, wie wenn dem Schuldigen die Tat mit schwarzem Brandmal auf der Stirne müßte geschrieben stehen, aber ich sah kein Kainszeichen, und gleichwohl konnte ich mich einer unsäglichen Angst nicht erwehren. Ich sah mich auch um nach meinem Sohn Valentin, weil er daheim gesagt, er wolle dem Kriegsvolk nachgehen, -- aber ich sah ihn nirgends.
Zehntes Kapitel.
Die Entdeckung.
Da lauscht in Furcht und bangem Staunen alles, Wenn dem bestürzten Aug ein jäher Blitz Aus Mittag durch die Wolk’ entgegenbricht.
Thompsons Jahreszeiten.
Während alles dieses sich zutrug, war des Hans Mündleins Weib mit ihren Kindern und den Nachbarsleuten hinaus in das Weinberghäuslein gegangen, und sie brachten nun ihren Mann und ihren Sohn auf zwei Bahren getragen. Der Sohn war wirklich verschieden. Sie hatten den Klaus mit seinem Mantel zugedeckt und trugen ihn auf das Rathaus, wohin auf des Amtskellers Geheiß auch die Leiche des Torwarts getragen wurde. Den Anblick, welchen ich da gehabt, werd’ ich zeitlebens nicht vergessen.
Der Klaus lag in der Mitte des Saales auf der langen Tafel, und der Chirurgus hatte ihm die Brust entblößt, um die Wunde zu untersuchen, an welcher er hatte sterben müssen. Er war im Leben ein frommer und getreuer Mensch gewesen, und ein guter, wohlgeratener Sohn, und hatte im vergangenen Winter, als der Vater an der Gicht darniederlag, die Mutter und seine jungen Geschwister durch seiner Hände Arbeit erhalten, weshalb auch sein Vater, der alte Hans, während sie ihn mit dem toten Sohn hereintrugen, beständig gerufen: „Mein Sohn, mein Sohn, wollte Gott, ich wäre für dich gestorben!“ Seine Mutter kniete neben dem Leichnam, hatte ihr Angesicht verhüllt und schluchzte heftig, indem sie ihres Sohnes Hand ergriffen hatte. Zu seinen Häupten stand des Jakob Friesen Margarete, ein ehrbares, sittsames Mägdlein, welches seit Jahr und Tag des Klaus Verlobte gewesen: in ihren Augen war keine Träne zu sehen, aber auch kein Blutstropfen in ihrem ganzen Gesicht, sondern sie stand starr und unbewegt auf einem Fleck, als ob ihr Geist auch nicht mehr in seiner Hülle weilte, sondern mit dem ihres Verlobten bereits hinübergegangen wäre. Die Geschwister alle weinten laut, daß es zum Erbarmen war, nur sein jüngstes, noch nicht dreijährige Brüderlein stand still der Mutter gegenüber, und hatte ein Fähnlein in der Hand, das der Klaus erst gestern abend ihm verfertigt, und schaute verwundert bald auf den toten Bruder, bald auf den Chirurgus, bald wieder auf seine schluchzende Mutter.
Ich weiß kaum, was am meisten mich erbarmte, die weinende Mutter, oder die bleiche, stille Margarete, oder der kleine Kaspar, der neben dem erschlagenen Bruder mit seinem Fähnlein spielte. Man hätte einen Stein in der Brust haben müssen, wenn man bei diesem Anblick nicht geweint hätte. Es standen auch Frauen und Männer aus dem Flecken um die Trauernden herum und stimmten teilnehmend mit ein in ihre Klagen, oder in das Lob, das sie dem Verstorbenen gaben, auch sah ich nun den Valentin unter ihnen, der sich an einem Stuhle festhielt und am ganzen Körper zitterte. Ich wunderte mich nicht darüber, weil der Klaus immer ein guter Kamerad von ihm gewesen und sie miteinander zur Schule sowie auch nachher zum ersten Nachtmahl gegangen waren.
Den Veit hatten sie ein wenig abseits auf eine andere Tafel gelegt. Ich habe gar oft schon beobachtet, wie bei denen, die in dem Herrn sterben, wenn sie auch des Todes Bitterkeit stark schmecken und einen harten Kampf kämpfen müssen, alsbald, nachdem sie den letzten Atemzug getan, das Angesicht sich ausheitert und der Friede des Herrn sich über dasselbe bereitet. Doch habe ich das noch nie so deutlich wahrgenommen, als bei dem Torwart. Seine langen, weißen Haare, die vom Blute zusammengeklebt waren, gemahnten allein noch daran, daß er eines gewaltsamen Todes gestorben, -- sonst schien er zu schlafen. Seine Augen hatten sich geschlossen und sein Mund lächelte, wie wenn er sagen wollte: „Ich liege und schlafe nun ganz im Frieden!“ Da er ein alter Mann war und keine Verwandten hinterließ, hatte man über dem Klaus ihn ganz vergessen; nur sein alter Wolfshund, Fidelis genannt, den er aufgezogen und mit dem er Jahre lang sein spärliches Brot geteilt, stand neben ihm und hatte seine schwarze Schnauze in die rechte Hand seines Herrn gelegt, die ihn täglich gefüttert hatte.
Ich wußte mich nicht zu fassen vor großer Traurigkeit, denn ich gedachte an das getreue Herz, welches der Alte mir und den Meinen stets bewiesen, an seinen merkwürdigen Traum und an sein grausames Ende und wie er sterbend noch mit mir und meinem Söhnlein so freundlich gesprochen. Wie ich weinte, hob auch der Fidelis seinen Kopf auf und fing an, leise, aber kläglich zu heulen, wie wenn das treue Tier Menschenverstand hätte und um seinen erschlagenen Herrn mir wollte klagen helfen.
Ich winkte dem Valentin herüber und sprach zu ihm: „Du darfst nicht bloß trauern um den Gespielen, siehe, dieser alte, getreue Freund ist auch deiner Tränen wert!“ Ich erzählte ihm, wie dem Alten sein Ende vorgegangen, wie ihm vor kurzem geträumt, daß er dem +Johannes+ durch seinen Tod das Leben retten werde, und wie das alles nun eingetroffen durch das schändlichste Bubenstück, das jemals erhört worden; -- da sah aber mein Sohn erschrecklich aus, wollte nichts weiter hören, sondern ging durch die Leute hin zur Türe hinaus, wobei er hin und her wankte, als wenn er vor plötzlicher Schwäche umfallen und zu Boden sinken wollte.
Es kam nun der Chirurgus und untersuchte auch den Veit und sagte, daß ihm die Hirnschale zerschlagen sei, da ich aber sein Hantieren an meinem guten Freund nicht mitansehen mochte, wollte ich mich eben nach Hause begeben, um nach Weib und Kind zu sehen, da trat ein Mann von Erlach in den Saal und wollte mit dem Amtskeller sprechen. Auf dessen Befragen: was er bringe? sagte der Mann: er habe nach Sommerhausen gehen wollen, Brot zu kaufen, da sei inmitten des Tannenwaldes ein Trupp Reiter ihm begegnet, die ihn angehalten und gefragt hätten, wo er hingehe. Als er gesagt: „gen Sommerhausen“, habe einer, der einen langen Schnauzbart und eine Feder auf dem Hut getragen und der Hauptmann geschienen, ihn weiter gefragt, ob er Valentinum Gast, den Schreiber bei dem Amtskeller, kenne. Er habe gesagt: ja, er kenne ihn wohl, er habe ihn schon oft mit dem Seinsheimischen Jäger von Erlach gehen sehen, worauf der Fragende ihm aufgetragen, dem Valentin zu sagen, sie hätten bereits eine halbe Stunde vergeblich auf ihn gewartet, könnten aber hier nicht mehr länger halten, er solle kommen und seinen Teil in Empfang nehmen. Weiter habe er ihm aufgetragen, dem Amtskeller zu sagen, er solle den Schreiber ihm überlassen, weil er besser zu einem Freibeuter passe als zu einem Federfuchser. Er sei der Hauptmann Nikol Paradeiser, und wenn der Amtskeller Verlangen danach trage, wolle er bald ihn wieder besuchen und selber die Sache mit ihm ins reine bringen. Drauf seien sie lachend weitergeritten, wobei er den Hauptmann noch habe sagen hören: „So! nun ist das Vögelein an der Leimrute hangen geblieben! Geht’s nicht im Guten, muß es im Bösen gehen!“ Auf der Straße sei er dem Schreiber begegnet und habe den Auftrag ihm ausgerichtet; dieser habe ihm nichts geantwortet, sondern sei eilends nach Hause gegangen.
Hans Ebeling, der Türmer und Nachtwächter hiesigen Ortes, war während des Mannes Rede zu mir getreten, hatte mich bei der Hand genommen und gesagt, er wolle mir’s nicht länger verhalten, es sei ihm der Hauptmann gleich bekannt vorgekommen, -- er habe nur nicht recht gewußt, wo er ihn hintun solle; jetzt aber besinne er sich ganz genau, er habe verwichenen Samstag durchs Fenster der Schenkstatt geschaut, worin noch spät in der Nacht Licht gebrannt, und da habe er den Paradeiser nebst dem Valentin und dem Jäger über den Karten sitzen sehen. Es sei aber der Hauptmann nicht wie ein Soldat angezogen gewesen, sondern er habe ihn etwa für einen reisenden Studiosum angesehen.
Wie es dem Priester Eli zumute gewesen, als die Botschaft ihm gebracht wurde: „Israel ist geflohen vor den Philistern und deine zwei Söhne sind gestorben, dazu die Lade Gottes ist genommen!“ oder dem Erzvater Jakob, als er seines Sohnes Joseph bunten Rock sah und die Brüder sagen hörte: „Diesen haben wir gefunden, siehe, ob es deines Sohnes Rock sei oder nicht!“ so war’s mir zumute, als ich das alles mit anhörte. Der Amtskeller und sämtliche Anwesende brachen in ein großes Geschrei der Verwunderung und des Zornes aus, des Klaus Mutter stand auf und streckte die Hand gen Himmel, wie um den Mörder vor Gottes Gericht zu verklagen, ich aber hörte in meinen Ohren ein Brausen, wie eines gewaltigen Stromes, das Haus schien mir zu wanken und die Decke einzustürzen, und vor meinen Augen ward’s dunkel und immer dunkler, so daß ich zuletzt nichts mehr in der Stube sah, denn allein den Veit auf dem Tisch liegen mit seinen weißen, blutigen Haaren und seinem lächelnden Mund, und wenn ich ihn so ansah, war mir’s, als ob er spräche: „Ich weiß jetzt auch alles, solchen Lohn hab ich nicht verdient um dich und deine Kinder!“
Als der Amtskeller und die übrigen Leute sahen, wie mir’s ward, hatten sie doch ein Erbarmen mit mir und wollten mich trösten, ich aber ermannte mich wieder und rief: „Ich kann’s nicht glauben, ich kann’s nicht glauben! Zu einem Dieb und Verräter hab ich kein Kind groß gezogen!“ bat sie, mit nach Hause zu gehen, wo mein Sohn sich rechtfertigen solle.
Es nahm mich nun der Amtskeller und der nun selige Theodoricus bei den Armen und führten mich nach Hause. Da aber sah ich, daß der Herr nicht bloß zum Schein die Geißel über mir geschwungen, sondern daß er in seinem Rate beschlossen, mich und die Meinen damit bis auf die Knochen zu schlagen. Unter der Türe begegnete mir mein Johannes, den seine Mutter ausgeschickt, daß er eilends mich heimrufen solle, denn der Valentin war soeben mit einem kleinen Bündlein aus seiner Kammer gekommen, hatte ausgesehen wie ein Geist und meinem Johannes, der ihm auf der Treppe begegnet und in den Weg getreten war, gesagt, er solle Vater und Mutter grüßen, er selbst müsse fort in die weite Welt und werde niemals sie wiedersehen! Auf diese Nachricht hin hatte nun mein Weib nach mir ausgeschickt und verging fast vor Angst.
Ich war nur so lange meines Schmerzes Meister, bis ich meinem Weib und meinen Kindern mitgeteilt, was ich wußte und vermuten mußte, und bis die andern sich entfernt hatten. Dann aber brach meine Kraft, und die Stärke meiner Seele schmolz unter der Anfechtung wie ein fließend Wachs, und ich konnte nur händeringend auf und ab gehen und einmal um das anderemal ausrufen: „Ikabod, Ikabod! Die Ehre ist von meinem Hause gewichen!“ (1. Sam. 4, 21.)
Elftes Kapitel.
Ein Gottesgericht.
Wo der Herr sein Häuflein richt’t, Da bleibt kein Gottloser nicht, Summa: Gott liebt alle Frommen, Doch wer bös’ ist, muß umkommen.
P. Gerhardt.
Was an diesem Tage in meinem und meines Weibes Herzen vorgegangen, ist nur Gott bekannt. Oft mit Sorgen, aber doch allezeit mit Ehren waren wir bisher auf unsern Wegen gewandelt, jetzt waren wir ein Spott der Leute geworden. Umsonst hatte ich gebetet:
Soll ich nach deinem Rat mein Leben höher bringen, Durch manchen sauren Schritt hindurch ins Alter dringen, So gib Geduld, vor Sünd’ und Schanden mich bewahr’, Auf daß ich tragen mag mit Ehren graues Haar!
Ach, das war kein Kleines! -- Dazu kamen die inneren Anfechtungen. Gibt es Eltern, die, wenn ihnen ein Kind auf böse Wege gerät, sich dessen getrösten können, daß sie ihre elterliche Pflicht durchaus und allewege getan haben, so weiß ich’s nicht, -- ich wenigstens konnte dieses Trostes nicht froh werden. Manches Versehen, das ich begangen hatte in der Zucht meines Sohnes, und dessen ich sonst wenig geachtet, stand jetzt vor mir wie ein Gespenst und ängstigte mich dermaßen, daß ich den Valentin entschuldigte und nur mich verdammte. Einmal dachte ich, du hättest den Knaben von Anfang an nicht zum Handwerk bestimmen sollen, wozu er doch einmal nicht taugte, und ein andermal wieder dachte ich, du hättest ihn beim Handwerk lassen sollen, so wär’ er nicht hoffärtig geworden und nicht in die schlechte Gesellschaft geraten! Einmal klagte ich mich an, daß ich nicht +streng+ genug, und dann wieder, daß ich nicht +lind+ und +gütig+ genug gegen ihn gewesen, und warf mich bald auf diesen, bald auf jenen Gedanken, und immer war ein Stachel darin, der sich grausam in mein Herz bohrte.
Meine Kinder saßen betrübt hinter dem Tisch, ließen Essen und Trinken unangerührt stehen und wagten nur leise und verstohlen ein Wörtlein miteinander zu reden. Wollte ich aber meinen Jammer ganz ermessen, mußte ich mein Weib ansehen. Drei Stunden lang saß sie da mit in den Schoß gelegten Händen, starr vor sich hinsehend, ohne ein Wort zu sprechen, wie ein marmornes Bild, und was ich auch sagen mochte, sie konnte nicht einmal weinen. Endlich, als es auf Mitternacht zuging, sagte sie: „Nun wird’s mir besser werden: sie schlafen jetzt alle, und denken nicht mehr an uns und den Valentin. Ach, daß ich nun meinen Gott finden und weinen und beten könnte, daß er uns nicht verlasse!“ Gegen Morgen, als sie vor großer Mattigkeit ein wenig entschlummert war, fuhr sie plötzlich aus dem Schlafe auf und rief, nach Hilfe schreiend, meinen Namen, dann, als sie wieder ein wenig zu sich gekommen war, sagte sie schluchzend: sie habe den Valentin gesehen, -- er sei mit einem Trupp Reiter an ihr vorübergeritten, und da er sie habe stehen sehen auf der Tuchbleiche, habe er sich zu ihr gewendet und gerufen: „Lieb Mütterlein, hier bin ich wieder!“ Der Hauptmann aber und die andern hätten ihn festgehalten und im schnellen Jagen mit fortgerissen, während er noch immer sich rückwärts gewendet und die Hände nach ihr ausgestreckt habe.
In meine Augen war in dieser Nacht kein Schlaf gekommen, sondern ich hatte mit dem Herrn gerungen, wie der Erzvater Jakob an der Furt Jabok, und wie oft auch Zweifel und Kleinglaube zwischen ihn und mich sich stellen wollte, wie eine Wand, rief ich immer wieder: „+Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!+“ Als nun die Morgenröte anbrach, war’s in meiner Seele heller geworden, und in allem herzzerreißenden Jammer spürte ich doch einen großen Frieden, daß ich mein Anliegen in guter Zuversicht dem Herrn empfehlen konnte.
Auch mein Weib konnte ich jetzt trösten; vorher hatte mein Trost nichts bei ihr ausgerichtet, weil mein eigen Herz schwach geworden war und zweifelte: denn Gottes Wort, wenn ein Kleingläubiger es braucht, ist wie ein schweres, gewichtiges Schwert in der Hand eines Knaben, -- es kann nicht treffen und durchdringen; jetzt aber hatte der Herr meinen Glauben gestärkt und einen Segen gelegt auf mein einfältiges Wort. Ich hielt ihr auch St. Augustini Beispiel vor, der zum Jammer seiner gottesfürchtigen Mutter heimlich in das verderbte Rom sich begeben hatte, wo ihrer Meinung nach er an Leib und Seele verderben mußte, den aber Gott gerade dort so zu führen beschlossen hatte, daß der verlorene Sohn in sich schlug und zu dem Herrn, seinem Gott, sich bekehrte. So beschlossen wir denn für den unsrigen zu beten ohne Unterlaß und fest zu vertrauen, daß Gott die Tränen und die Bitten betrübter Eltern nicht verachten werde. Drauf rief mein Weib die Kinder, jedem sein Geschäft anzuweisen, -- ich aber ging in die Schule.