Der Schulmeister und sein Sohn Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege
Part 3
Als das Volk sich zur Gewalt rüstete, war ich nach Hause gegangen. Wiewohl ich nicht dazu geraten, hielt ich’s doch nicht für unrecht, wie Moses während der Schlacht wider die Amalekiter, für das streitende Volk zu beten, und lud auch mein Weib und meine Kinder dazu ein. Wir hörten dann das Schießen, und bald darauf ein großes Geschrei, daß mein Weib in der Meinung, der Feind breche herein, zitternd wie Espenlaub, die Hände vor die Ohren hielt. Wie der Lärmen aber näher kam, merkte ich, daß es ein Freudengeschrei sei. Wir gingen nun eilig auf die Straße und sahen den ganzen Haufen vom oberen Tore herunterkommen. Voran ging der Jäger, meinen Valentin am Arm, dann führten die Burschen den Klaus, der noch am ganzen Leib zitterte, und hintendrein zog ein großer Haufen Volks, Männer, Weiber und Kinder. Der Amtskeller kam auch herbei, und da er mich sah, schüttelte er mir die Hand und sagte: „Schulmeister, Ihr habt einen herzhaften Sohn! Bei Gott, das will ich ihm nie vergessen, was er heute für ein gut und mannhaftig Gemüt an den Tag gelegt!“ Er erzählte mir, was der Valentin getan, und alle, die dabei standen, konnten nicht müde werden, ihn zu loben und sein edles Herz bis in den Himmel zu erheben. Auf mein Befragen, wo denn der Zug jetzt hingehe, erwiderte der Amtskeller: „Ins Wirtshaus; dort wolle er das Fäßlein Wein, das er den Dragonern angeboten, den jungen Leuten zum besten geben, die ihnen so tapfer den Weg gewiesen!“
Ich hatte nur eine halbe Freude über das Lob, welches meinem Sohne gegeben ward, weil ich ihn mit dem gottlosen Jäger hatte kommen und Arm in Arm gehen sehen, meinte auch, es wäre wohl besser getan, wenn man statt ins Wirtshaus ins Gotteshaus zöge, um dem Herrn, dem Retter Israels, zu danken: denn der, nicht der Valentin und nicht der Jäger, hatte großes Unheil vom hiesigen Städtlein abgewehrt; der Amtskeller aber hieß mich nicht also sauer zusehen, „man müsse dem jungen Volk auch eine Freude gönnen,“ und ging dem Zuge nach.
In der Schenkstatt aber ging’s nun an ein Zechen und Bankettieren und ein Schreien und Jauchzen, das gar kein Ende nehmen wollte. -- Das war es, wodurch sie die Errettung aus der Not feierten, und wenn auch hie und da einer in seinem Herzen Gott gedankt haben mag, ein ehrliches Zeugnis davon hat keiner abgelegt, als +Hans Ebeling+, der Türmer, der am Abend vom Turme herab das Lied blies: „+Nun lob, mein’ Seel’, den Herren+,“ so wie er zu tun pflegte, wenn ein Gewitter vorübergezogen war.
Spät, als Mitternacht lange vorüber, kam mein Sohn nach Hause. Der Jäger begleitete ihn, und als sie unter der Haustür sich trennten, hörte ich den letzteren sagen: „So ist’s, Bruder, seit ich den Krieg verlassen, hab ich danach getrachtet, einen wackeren Burschen zu finden, mit dem unsereiner umgehen könnte ohne Schande; ist dir’s nun recht, so sind wir von heut an gute Kameraden.“ Ich hätte schreien mögen: „Mein Kind, wenn dich die bösen Buben locken, so folge ihnen nicht!“ mein Valentin aber sprach: „Hier meine Hand, es sei so, wie du gesagt hast!“
Sechstes Kapitel.
Die Warnung.
Der Mann gefällt mir nicht und ist ein Heide Und redet frech die Sprache Kanaans.
Der Alchymist.
Folgenden Tages rief ich den Valentin auf meine Stube und sprach zu ihm mit schwerem Herzen und unter fließenden Tränen: „Mein Sohn, glaubst du, daß Vater und Mutter dich lieb haben?“ Als er „ja wohl, lieber Vater!“ geantwortet, fuhr ich fort: „Nun, mein Kind, so gehorche der Zucht deines Vaters und verlaß nicht das Gebot deiner Mutter! Als du in der Blatternkrankheit blind dalagst auf deinem Bett und kein Mittel helfen wollte, so daß wir jeden Augenblick deinen letzten Seufzer zu hören glaubten, da war’s mir und deiner Mutter zumute wie Menschen, denen das Liebste, was sie haben auf dieser Welt, abgefordert und gekündigt ist, die’s nur noch eine kleine Weile ansehen dürfen, um es dann herzugeben ohne Widerspruch und ohne Einrede. Unser Herz zitterte und unsere Augen sahen wie in eine große Dunkelheit, und vor Tränen und Schwachheit konnten wir kaum das Licht des Trostes in acht nehmen, das der Herr durch sein Evangelium auch in der Dunkelheit erglimmen läßt. Doch aber, Valentin, wär’s gekommen, wie wir befürchten mußten, wir wären auf unsere Knie gefallen und hätten gerufen: Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobet! Obgleich wir dich nicht mehr bei uns gehabt, wir hätten gewußt, wo wir dich zu suchen hätten, und gewußt, wo wir dich wieder finden würden seinerzeit, -- wohl aufgehoben in deines Gottes Händen. Sprich, welchen Trost aber haben wir jetzt?“
Er verfärbte sich, sah mich an und stotterte: Was ich denn eigentlich wolle? er könne mich nicht verstehen.
Da faßte ich seine Hand und sprach: „Siehe, mein Sohn, du bist wiederum +krank, todkrank+, und wir, deine Eltern, zittern und zagen wiederum, daß du uns verloren gehen möchtest. Nicht aber ist’s der Vater im Himmel, der dich von unserer Seite nehmen will, sondern es ist der Feind, der Mörder von Anfang, der dir lange nachgegangen und bald -- bald dich als seinen Raub dahinführen wird. Habe ich nicht gestern abend mit eigenen Ohren es gehört, wie du einem Menschen gut Freund sein zu wollen versprachst, der dem Teufel seine Seele übergeben, der ein Schlemmer und Spieler und Flucher ist, ein Belialskind, der Gottes Wort und das Gebet verachtet, ein Mensch, dessen Antlitz schon ein laut redendes Zeugnis gibt von seiner verdüsterten Seele? Mit dem willst du, unser Fleisch und Blut, fortan eine Straße ziehen? Siehe, darum sind wir wiederum bekümmert, und +diesmal+ haben wir +keinen Trost+!“ Ich sprach noch viel, wie mir’s die väterliche Liebe, mein bekümmerte Herz und der Geist Gottes eingab, beschwor ihn, er solle guten Rat annehmen und von dem Jäger lassen, und unsere grauen Haare nicht mit Herzeleid in die Grube bringen, weil er uns doch so sauer geworden.
Er antwortete: dafür solle ihn Gott behüten, daß er ein schlechter Sohn und ein gottloser Mensch würde; er wisse wohl, was er zu tun habe, und wolle es auch tun, und solle kein Mensch ihn jemals anders zu tun verführen! Von dem Jäger könne er nicht lassen, denn der habe ihm gestern Leib und Leben gerettet. Was des Jägers Religionsmeinungen beträfe, so seien das nicht die seinigen; aber er wolle auch denselben nicht zum Beichtvater oder Seelsorger wählen, sondern lediglich mit ihm als einem guten Kameraden umgehen. Es sei wahr, daß derselbe gern ein Spiel mache und wohl auch ein Glas über den Durst trinke, und nicht allezeit die feinsten Redensarten im Brauch habe, aber das müsse man einem, der sonst ein ehrlicher Kerl und treuer Kamerad sei, schon zugute halten. Dafür habe ihm der Kriegswind um die Nase geweht, und es habe der Mann viel erlebt, wovon die Leute, die niemals gesehen, wie’s in der Welt zugehe, sich im Schlafe nichts träumen ließen. Wir sollten also seinetwegen immerhin ohne Sorge sein, nicht von ihm verlangen, daß er nur an der Bibel und an dem Gesangbuch seine Freude habe, wie dermalen der alte Veit Geißendörfer, der aber in seinen jungen Jahren auch gar ein anderer gewesen, sondern sollten ihm vergönnen, auch seines Lebens froh zu werden. Da sei ja der Amtskeller sein Vorgesetzter, -- den sollten wir nur fleißig nach ihm fragen, und wir würden gewiß niemals hören, daß er uns Schande mache.
Ich entgegnete: das sei mir ein leidiger Trost; denn wiewohl der Amtskeller sonst ein guter und rechtschaffener Mann wäre, sei’s ihm doch mit sich selber kein rechter christlicher Ernst, geschweige denn mit andern. Ich hielt ihm vor, wie alles, was er geredet, nur in Leichtfertigkeit und Hoffart gesprochen sei, wies ihm seine Verkehrtheit aus Gottes Wort, und wie es einem Menschen gar unmöglich sei, dem Argen zu widerstehen, wenn er nicht gerade die Waffen brauche, die er verachte, nämlich Bibel und Gebet, und wie er ganz gewiß, wenn er nicht alsbald in sich gehe, ein traurig Exempel werden müsse des Wortes: „Hochmut kommt vor dem Fall.“ Es war aber alles in den Wind geredet.
Sein Herz hatte sich abgewandt von dem lebendigen Gott, drum auch von Vater und Mutter, und obwohl er den Gram sah, der uns verzehrte, waren wir ihm doch nicht so viel wert, daran sich zu kehren. Mit seinen bisherigen Freunden ging er wenig mehr um, sogar dem alten +Veit+, der ihn geliebt wie einen Sohn, der ihn manches Liedlein gelehrt in den Winterabenden, und im Frühjahr ihm Weidenpfeifen am Main geschnitten, ging er aus dem Weg, seitdem der alte Mann ihn einmal vor dem Jäger gewarnt. Sowie er die Amtsstube verlassen, kam er dem Jäger nicht mehr von der Seite. Er trank und spielte mit ihm bis in die späte Nacht, antwortete auf jedes Warnungswort ehrlicher Leute mit einem Scherz- oder Scheltwort, und galt in kurzem bei allen ehrbaren Bürgern für einen wüsten Gesellen, -- nur nicht bei dem Amtskeller, der ihm das Zeugnis gab, daß er im Dienst allezeit fleißig und zuverlässig sei, und darum sein unordentliches Wesen ihm zugute hielt. So mußte denn, dem Amtskeller zum Schaden und mir zum Jammer, die faule Frucht zutage kommen, und er mußte endlich auch glauben an das Sprichwort: „Wo Rauch ist, da ist auch Feuer!“
Ehe ich aber davon berichte, muß ich zuvor eines teuerwerten Freundes, dessen Namen ich nun schon einigemal niedergeschrieben, gedenken, der seinesgleichen wenig gehabt in dieser Welt, des alten +Veit Geißendörfer+, des Wächters auf dem untern Tor.
Siebtes Kapitel.
Der Torwart.
Soll ich nach deinem Rat mein Leben höher bringen, Durch manchen sauren Tritt hindurch ins Alter dringen, So gib Geduld! Vor Sünd und Schanden mich bewahr’, Auf daß ich tragen mag mit Ehren graues Haar.
Am 10. Sonntag ~post trinitatis anno~ 1632 hatte der Amtskeller nach Würzburg sich begeben, um gegen tausend Taler in Empfang zu nehmen für eine Lieferung von Korn, Haber und Wein, die er den dort liegenden Soldaten geliefert hatte. Am Dienstag darauf sollte das Geld sicher auf dem +Speckfeld+ an die Herrschaft übermacht werden. Niemand sollte der gefährlichen Zeiten wegen davon Kenntnis haben, darum wurde die Sache im größten Geheimnis betrieben; nur mein Sohn, dem der Amtskeller alles Zutrauen fort und fort schenkte, wußte darum und war mit ihm geritten. Tags zuvor hatte er mir, dem’s nicht gefallen wollte, daß ein weltliches Geschäft am Tag des Herrn vorgenommen werde, zur Antwort gegeben, der Amtskeller sage: Herrendienst gehe vor Gottesdienst. Ich aber saß am Abend des Sonntags allein in meinem Stüblein, da Margareta mit den Kindern hinausgegangen war, unsern Weinberg zu besehen.
Unser hochbetagter Pfarrherr, ~M.~ +Hieronymus Theodoricus+, hatte am Morgen über das sonntägliche Evangelium gepredigt, das, wie bekannt, von der Zerstörung Jerusalems handelt. Er hatte gar schön mit Jerusalem unsere evangelische Christenheit verglichen, um die jetzt auch die Feinde eine Wagenburg geschlagen, sie zu ängstigen aller Orte, und hatte es beweglich dem Volk ans Herz gelegt, zu wachen und zu beten, damit es besser wie Jerusalem die Zeit der Heimsuchung erkenne und bedenken wolle zu dieser seiner Zeit, was zu seinem Frieden diene. Gesungen hatten wir: „+Es ist gewißlich an der Zeit+,“ und als ich die Weise des Lieds auf der Orgel spielte, hatte ich eine große Angst und Bewegung in meinem Herzen, so daß mir die Tränen über die Wangen liefen. Wahrlich, die Orgel kann oft gerade so deutlich sprechen, wie das Gesangbuch, -- ja die Weise eines Liedes kann oft Dinge sagen, die man in Worten gar nicht auszusprechen vermag. Ist mir’s doch immer, so oft ich die Weise zu diesem Lied höre, wie wenn die Erde sich bewegte und die Toten sich rührten in den Grüften und die Stimme des Erzengels allem Fleische riefe: „Siehe, der Bräutigam kommt, gehet aus, ihm entgegen!“ Das ist ein lutherisch ~Dies irae~, das kein Menschenkind sollte hören können, ohne daran zu denken, wie wir alle müssen offenbar werden vor dem Richterstuhl Jesu Christi.
Als ich nun so an die Predigt gedachte und an das Lied und an die betrübte Zeit, kam +Veit Geißendörfer+, der Wächter auf dem untern Tore, auf meine Stube, lehnte seinen Spieß in die Ecke und setzte sich zu mir. Es war ein alter Mann von siebenzig Jahren, aber für sein Alter noch stark und rüstig. In seinen jungen Jahren war er mit dem seligen Schenk +Konrad+ von +Limburg+ gegen den Erbfeind der Christenheit ausgezogen, hatte lange Jahre gedient und seinem Herrn einmal durch große Tapferkeit das Leben gerettet, auch sonst als ein wackerer Kriegsmann stets sich gehalten, wiewohl er nicht zu den ruhmredigen Leuten gehörte, die von ihren Kriegstaten so lange der Welt Lügen erzählen, bis sie zuletzt selber dran glauben; vielmehr war er eine redliche, aufrichtige Seele, ein gottseliger Mensch, müde der Narreteidinge und sich christlich in seinem Alter zu einem seligen Ende bereitend. Seit dreißig Jahren hatte die Herrschaft ihn auf dem untern Tore zur Ruhe gesetzt, und wie er immer ein großer Kinderfreund war, so hatte er auch meinen Valentin und meinen Johannes ins Herz geschlossen. -- Niemand wird der Meinung sein, daß ich für den Stand der Kriegsleute eine besondere Neigung habe, aber es kann auch in diesem Stande ein Mensch, wenn er die darauf gelegte Gnade Gottes recht gebraucht, ein gutes Gewissen sich bewahren, und Aufrichtigkeit des Herzens und ein Gemüt ohne Falsch, ja auch eine kindliche Einfalt hab ich schier öfter bei alten Kriegsleuten als anderswo gefunden. Jeden Sonn- und Festtag, wenn er nach geschlossenem Gottesdienst die Sperrketten wieder abgenommen, kam der alte Torwart zu mir, und manch Stündlein haben wir dann fröhlich miteinander verplaudert.
Heut aber lag ihm etwas Besonderes auf dem Herzen -- und das war ein Traum, den er in der verwichenen Woche gehabt hatte. Mit diesem Traume verhielt es sich also:
Am vorigen Mittwoch, wo er noch spät in der Nacht auf den Botenwagen von Würzburg gewartet, sei er endlich auf seinem Stuhl eingeschlafen. Da sei es ihm vorgekommen, als stünde er in einem wilden Wald auf der Wacht, wie er weiland in Ungarn oft habe tun müssen. Unter einem Baume sei mein Söhnlein Johannes gesessen und habe sich Blümlein gepflückt; alsbald sei ein grimmiger Wolf auf das Kind zugerannt mit offenem Rachen, und es habe gerufen: Veit, hilf, ach hilf! Er sei ihm zu Hilfe geeilt und habe den Wolf angerannt, habe aber sein nicht Herr werden können, sondern sei von dem Untier zerrissen worden, nachdem ihm sein Spieß daran wie ein Strohhalm zerbrochen. Über eine Weile sei er dann plötzlich unter seinem Tore gelegen, hart an dem Pförtlein, das hinauf in sein Häuslein führe, dann sei ich hinzugetreten und hätte gesagt: „Legt den Veit in sein Grab, nehmet aber Spielleute mit und laßt ihm seine Kompagnie ins Grab schießen, denn er ist ein alter Soldat und wie ein Soldat gestorben.“ Die Gewehre hätten aber einen seltsamen Knall gegeben, und als er sich darüber verwundert, sei er aufgewacht. Da habe er das Knallen des Fuhrmanns gehört, der schon eine Weile mit dem Wagen vor dem Tore gehalten und auf Einlaß gewartet habe. Er glaube nun, das sei ein Zeichen von Gott, daß er bald den Weg aus dieser Zeitlichkeit werde einschlagen müssen.
Ich wollte mich nun zwar nicht vermessen, den Traum auszulegen, doch wußte ich auch, daß Träume, die uns gemahnen, unserer Seele wahrzunehmen, nicht schlechtweg zu verachten sind, sondern vielmehr oft eine Botschaft von Gott sein können und ein Fingerzeig von ihm, und daß wohl öfter schon Gott durch einen Traum ein leichtsinniges Weltkind heilsam erschreckt und ein betrübtes Gotteskind lieblich getröstet hat. So erwiderte ich denn: „Träume sind Schäume! Doch sage ich auch mit Joseph: ‚+Träume kommen von Gott!+‘ Will’s Gott, sollt Ihr noch lange leben, aber Euer Scheitel ist weiß und Euer Rücken wird krumm, und Ihr seid in die Zeit gekommen, wo, wie der Prediger sagt, alle Lust vergeht. Euer Lämplein brennt nur noch auf dem letzten Tropfen Öl, vielleicht hat Gott Euch wissen lassen durch den Traum, daß Er bald es gar ausblasen will. Was tut’s, alter Freund? ‚Ich bin die Auferstehung und das Leben,‘ sagt der Heiland, ‚wer an mich glaubt, wird leben, ob er gleich stürbe, und wer da lebet und glaubet an mich, wird nimmermehr sterben.‘ +Glaubest du das?+“ -- „Das glaube ich,“ sagte der Torwart, „und sag’ mir’s immer, wenn sie einen durchs Tor tragen und drüben singen auf dem Gottesacker:
Sein Trübsal, Jammer und Elend, Ist kommen zu einem seligen End’. Er hat getragen Christi Joch, Ist gestorben und lebet doch.“
Er wollte aber gerne wissen, was wohl das bedeute, daß er mich im Traume habe sagen hören unter dem Tore, „er sei gestorben wie ein Soldat,“ da er doch dem Soldatenleben Valet gesagt, und bereits vor dreißig Jahren seinen letzten Feldzug getan habe. -- „Laßt Euch das nicht anfechten,“ sagte ich, „heißt’s nicht in der Schrift: ‚Niemand wird gekrönt, er kämpfe denn recht?‘ Drum stirbt jeder Christ eigentlich den Soldatentod, gleichviel ob sein Stündlein ihn ereilt auf grüner Heide oder aber auf einem einsamen Torhäuslein. Verleihe Gott Euch und mir für den Streit auf Erden -- +ehrlichen Kampf und seligen Tod+!“ -- „Ihr habt recht,“ sagte der Alte, nahm seinen Spieß und ging von dannen.
Achtes Kapitel.
Der Überfall.
Sein Jammer, Trübsal und Elend Ist kommen zu einem seligen End’. Er hat getragen Christi Joch, Ist gestorben und lebet doch!
Am folgenden Tage feierte mein Kollege +Johannes Fentsch+ drüben in +Winterhausen+ seine silberne Hochzeit. Mein +Johannes+, den er aus der Taufe gehoben, wollte darum schon in aller Frühe hinaus in unsern Weinberg gehen, wo er tags zuvor ein paar reife Frühtrauben gefunden, um sie abzuschneiden und dann nebst dem Glückwunsch seinem Taufpaten zu bringen. Der Torwart hatte ihm versprochen, um diese Zeit das Tor aufzutun, das die Nacht hindurch sorgsam verschlossen gehalten wurde. Als der Knabe hinweggegangen, stieg ich hinauf auf den Kirchturm und zog die Frühglocke. Sogleich kam auch das Geläute von Winterhausen herüber, und es freute mich heute ganz vornehmlich, daß mein Kollege so pünktlich antwortete: schon vor Jahren hatten wir’s untereinander ausgemacht, daß das unsern Morgengruß bedeuten solle.
Heute hatte ich ihm recht von Herzen meinen Gruß zugeläutet: wer fünfundzwanzig Jahre im heiligen Ehestand verbracht hat, hat viel erfahren, viel Gnade Gottes in Freud und Leid. Wie still und bleich ging er damals mir zur Seite, als wir seinen +Udalricus+, sein einziges Kind, meinen herzlieben Paten, den Kirchhofberg hinantrugen und er auf alle meine Trostgründe nur die Antwort hatte: „Udalrice, Udalrice, ich habe das Freudenkleid abgelegt und das Trauerkleid angezogen!“ Und doch, wie konnte er mir jetzt so sicher und sorglos seinen Gruß herüberläuten, während es mich, wenn ich den Greuel der Verwüstung betrachtete, den die eiserne Zeit unter unserer Jugend angerichtet, oft bedünken wollte, als wären die Zeiten wiederum da, wo man sagen müsse: +Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gesäuget haben!+
Als ich ausgeläutet hatte und wieder die Treppe hinabsteigen wollte, blieb ich oben am Fenster des Turmes ein wenig stehen und schaute hinaus in die frische Morgenluft. Die Sonne war aufgegangen, und ein goldiger Schein lag auf dem Gipfel der Weinberge, -- über dem Tal aber und dem Fluß und über dem Städtlein mit seinen schlafenden Bewohnern lag ein dicker Nebel. Eben trat gegenüber auf dem Berge mein Johannes aus dem Nebel heraus und schritt auf das alte, steinerne Häuslein zu, das beinahe auf der Spitze des Berges und vor meinem Weingarten liegt.
In der uralten Zeit, lange bevor noch ein Schiff auf dem Main fuhr und die Rebe an seinen Ufern gebaut ward, soll da ein Vater mit seinen sieben Söhnen gehaust haben; die Söhne aber, als sie herangewachsen, sollen sich unten am Fluß angebaut und den Grund zu dem nachmaligen Flecken Sommerhausen gelegt haben. Ich sah nun, wie mein Johannes dem Häuslein zuschritt, und wußte, daß er dem +Hans Mündlein+ und seinem Sohn +Klaus+ einen guten Morgen bieten wollte, die heute die Wacht gehabt und darum die Nacht in dem Häuslein zugebracht hatten. -- Ach! es war ein frommes und feines Kind, mein Johannes, gehorsam, fröhlich, friedlich und freundlich, und ich dachte, Gott habe darum seinen Segen auf meine Zucht gelegt, um meinem väterlichen Herzen die bittern Sorgen zu versüßen, die mich wegen des Valentins oft quälten.
Kaum aber, daß der Knabe das Häuslein betreten, sah ich ihn auch wieder herausstürzen und in großen Sprüngen den Weinberg heruntereilen. Er sprang durch die Weinstöcke und das Steingeröll hin wie ein gejagtes Reh, fiel und raffte sich wieder auf und setzte über eine Mauer hinüber, wie wenn ihm der Bluträcher auf der Ferse wäre. Verwundert, was das zu bedeuten habe, sah ich voll Angst hinüber, -- siehe, da kommen im Augenblick auch zwei Kerle in roten Mänteln, wie die Kroaten sie zu tragen pflegen, aus dem Häuslein und sind in vollem Laufe hinter ihm her. Einer zog eine Pistole unter seinem Mantel hervor, zielte nach dem Kind und schoß los, im selben Augenblick hörte ich vom untern Tor her den Veit das Lärmzeichen blasen.
Nun verging mir Hören und Sehen; ich bemerkte nur noch, daß der Schuß mußte gefehlt haben, weil mein Knabe immer mit derselben Eile seinen Lauf fortsetzte, dann aber rannte ich eilend die Treppe hinunter auf das untere Tor zu, und kam gerade recht, ihn noch mit meinem Arm aufzufangen, ehe er, von dem Laufe ganz außer Atem, zusammenstürzte.
„Nachbarhilf’, Nachbarhilf’! Feuerjo, Feuerjo!“ hörte ich den alten Veit schreien, der bereits auf die Straße geeilt war und sich mühte, das Tor zuzumachen, -- aber die beiden Kroaten waren auch schon da und mit ihnen ein ganzer Trupp Gesindel von zwanzig bis dreißig Mann. Sie warfen die Torflügel zurück und bedrohten den Torwart mit greulichem Fluchen, wenn er nur einen Muckser hören ließe. Der Alte aber behauptete mannhaft seinen Posten, hielt, nachdem er sein Horn über den Rücken geworfen, ihnen den Spieß entgegen und fragte: was sie hier ins Teufelsnamen zu suchen hätten? Das seien keine Kriegsleute, die ein unschuldige Kind verfolgten, sondern ein schlechte Spitzbubengesindel.
Da schrie ein Kerl zu Pferd, der eine Feder auf dem Hut trug und mir der Anführer zu sein schien: „Platz da, Kameraden! Ich will ihn lehren, den kaiserlichen Werbeoffizier +Nikol Paradeiser+ und seine tapfere Kompagnie ein Spitzbubengesindel zu nennen,“ gab seinem Gaul die Sporen, daß er einen Satz machte, und bedrohte den Veit mit dem geschwungenen Schwerte. Nun fing ich auch an, aus Leibeskräften um Hilfe zu schreien. Es kamen auch Marx Stumpf, der Beck, und andere aus ihren Häusern, da sie aber das Volk schon unter dem Tore sahen und keine Waffen in Händen hatten, hielten sie es für geratener, sich nicht in den Handel zu mischen. -- Der Alte ließ sich nicht erschrecken, sondern spreizte die Beine auseinander nach der Landsknechte Weise und führte mit dem Spieß einen Stoß nach dem Pferde des Hauptmanns, als dieser auf ihn einritt. Der aber hob sich in den Bügeln auf und schlug ihm mit dem Schwerte so über den Kopf, daß er sogleich zu Boden stürzte. Dann schrie er: „Laßt ihn liegen, den alten Narren, weil er’s nicht anders gewollt hat, nur mir nach, vorwärts!“ jagte dem gräflichen Schlosse zu, das in der Mitte des Städtleins steht, und der ganze Haufe hinter ihm drein.