Der Schulmeister und sein Sohn Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege
Part 2
In diesem Sinn ist das Märlein wahr zu allen Zeiten. Da war zum Beispiel vor etlichen Jahren eine ganze +Zechgesellschaft+ in der unteren Schenke, -- die hörten des Spielmanns Lied beim Klingen der Weingläser. So oft die Gläser klangen, fluchten, lästerten und jubelten sie durcheinander, und ließen derweilen Weib und Kind daheim im Elend sitzen, bis sie endlich alle nacheinander gestorben und verdorben sind. Da war im zweiundzwanziger Jahr +Michel Hamsterloch+, der Kornwucherer, -- der hörte das Locken der Satanspfeife, wenn die harten Taler auf dem Tisch klangen, und überhörte drüber das Gebot: ‚Du sollst nicht Wucher nehmen, noch Übersatz‘, und das Seufzen der Armen, bis ihn drei kaiserliche Reiter zwischen Fuchsstadt und Winterhausen ausplünderten und an einen Birnbaum aufhenkten. Da war der +Jäger von Erlach+, der hörte im Rollen der Würfel die Teufelsmusik, daß vor Lust ihm die Augen im Kopfe funkelten und die Hände zitterten, bis er auch seinen elenden Tod fand, wovon ich unten des weiteren berichten werde. Da war des Schenkwirts +Rosamund+, das liebliche Mägdlein, -- das hörte das süße Klingen, wenn es als die schönste Jungfrau weit und breit gerühmt wurde, bis es mit dem Werber durchging und von ihm verlassen ward, und sich und seine Schande bei der Würzburger Brücke in den Fluten begrub und unter den Eisschollen. (Bin ihm lang ein treuer Eckart gewesen, doch es hat zuletzt nicht mehr hören wollen!)
Aber auch +das+ vornehmlich scheint mir nicht ohne guten Grund, daß in dem Märlein ausdrücklich gesagt ist, wie der Spielmann je von +Zeit zu Zeit+ den Berg verläßt und mit der Pfeife der Welt seine höllischen Weisen aufspielt. Wenn nämlich in der Welt eine Reihe von Jahren alles so leidlich und erträglich seinen gewiesenen Weg gegangen ist, kommen plötzlich wieder einmal Zeiten, in denen ein wüster Taumel die Menschheit trunken macht. Der Bauer will nicht mehr beim Pflug bleiben, sondern will ein Herr werden; der Handwerker verachtet’s, daß das Handwerk einen goldenen Boden hat und jagt allerlei Träumereien nach, reich zu werden ohne Mühe; den Jungen wird’s zu eng im väterlichen Hause; der Untertan meistert die Obrigkeit und die Gemeinde den Seelsorger, -- der Tunichtgut achtet sich berufen, die Welt zu bessern, und der Strolch wird zum Apostel; das Heilige wird verachtet und den Gesetzen des himmlischen Königs selber Pflicht und Gehorsam gekündigt. Alle Welt redet dann irre, will oben hinaus und hat Traumgesichte. Jeder schreit, daß das Haus morsch sei, das der Vater ihm gebaut, und der Rock zu eng, in dem er so lange warm gesteckt, will niederreißen und auseinander sprengen, wegwerfen und in den Kot treten, was die Vorfahren für heilsam geachtet, will davonrennen, Glück und Zukunft auf Abenteuer stellen und ernten, wo er nicht gesäet hat. Das sind die Zeiten, in denen die Hölle los ist und die Menschheit die Satanspfeife wieder blasen hört, und toll und trunken und blind und taub geworden ist, bis sie unter scharfen Ruten des Höchsten wieder nüchtern wird und zur Vernunft kommt.
Solche Zeit war bei uns zu Anfang des Religionskrieges, und obwohl unter der Kriegsrute wieder der Taumel ein wenig nachgelassen, hatte doch die auf den Übermut folgende Verzweiflung uns noch nicht wieder nüchtern werden lassen. Vom Sprüchlein: ‚+Bet und arbeit, so hilft Gott allezeit+‘, wollte jetzt niemand sein Heil erwarten. Der Bauer ließ den Pflug in Ruhe und die Disteln auf seinem Acker wachsen, und grub nach Schätzen und ging lieber unter die Schnapphähne; der Handwerker schob Hobel und Nadel auf die Seite und verlegte sich aufs Goldmachen oder begehrte die schwarze Kunst zu lernen; die seßhaften Bürger verkauften Haus und Hof und zogen auf gut Glück in die Fremde; die jungen Leute wollten lieber mit dem Kriegsvolk in die weite Welt laufen, als im Hause und im Handwerk des Vaters ihr Glück suchen. Mit Gottes Wort durfte man diesem Geschlecht nicht kommen, auch nicht mit der Sitte der gottseligen Vorfahren. Jenes nannten sie altvettelische Fabeln und diese einen Narrenbrauch, gut genug, um den ‚+dummen Jakob+‘ zu hänseln, worunter sie den bisherigen Bauern und gemeinen Mann verstanden. -- Nicht wenig trug zu dieser Verwilderung das freche Soldatenvolk bei, das jahraus jahrein in den Häusern lag, und nichts glaubend und nichts fürchtend den Herrn spielte. Glaube und Gottesfurcht, Fleiß und Sparsamkeit, Zucht und Gehorsam war durch diesen wüsten Haufen dem jungen Volk allmählich verleidet, und die törichte Jugend meinte, nur der sei ein rechter Mann, der das Bandelier umgetan, eine Feder auf dem Hut und einen Degen an der Seite trage.
* * * * *
Etwa zwei Jahre mochten vergangen sein, als der Meister nicht mehr so zufrieden war mit meinem Sohne, wie im Anfange. Zwar hatte er nicht eigentlich über ihn zu klagen, aber so oft ich ein Näheres über seine Unzufriedenheit wissen wollte, lautete immer die Antwort: „Gevatter, er gefällt mir nicht mehr, -- er ist unlustig geworden und Ihr werdet sehen, es tut nicht mehr lange gut!“ So oft ich in den Knaben drang, mir sein Herz auszuschütten, tat er’s doch nicht, sondern suchte Ausflüchte, bis ich endlich durch einen Zufall hinter die Wahrheit kam.
Viertes Kapitel.
Valentin der Schreiber.
Vom Himmel fällt ihm sein glücklich Los, Braucht’s nicht mit Müh’ zu erstreben, Der Fröner, der sucht in der Erde Schoß, Da meint er sein Glück zu heben. Er gräbt und schaufelt so lang er lebt, Und gräbt, bis er endlich sein Grab sich gräbt.
Schiller.
Eines Morgens stand ich auf, die Vieruhrglocke zu ziehen und meinen Valentin aufzuwecken, -- da hörte ich Stimmen auf der Gasse und Pferdegetrappel. Das Schönebergische Regiment, das fast den ganzen Winter im Städtchen gelegen, rüstete sich zum Aufbruch. Die Reiter kamen überall aus den Häusern, zogen die Pferde aus dem Stall und trugen Kienfackeln in den Händen, und während die Sturmhauben und Kürasse wie feurig anzusehen waren wegen des Flammenscheins, stellten sie sich in Ordnung unter meinem Fenster auf dem freien Platz um die Kirche. Drauf, als der Oberst Schöneberg „Marsch“ kommandierte, fingen die Trompeter an zu blasen und ritten voran, und das Reitervolk folgte und sang dazu. Sie sangen aber mit Trompetenschall ein Lied, das in den Kriegszeiten aufgekommen und heute noch ein gemeines Lied ist, worin der Soldaten Stand und Tod als der schönste und herrlichste gepriesen wird, und das also anhebt:
1. Kein Tod ist löblicher, kein Tod wird mehr geehret[1], Als der, durch den das Heil des Vaterlands sich mehret, Den ein’r willkommen heißt, dem er entgegenlacht, Ihn in die Arme nimmt und doch zugleich veracht’t.
Ich bin ein Mann des Friedens, und wenn die heilige Musika mir das Herz treffen soll, muß es durch den Orgelton geschehen: aber als zum Gesang der Reiter die Trompeten so hell durch die frische Morgenluft schmetterten, spürte ich doch eine besondere Bewegung in meinem Herzen. Es hat die Trompete einen eisernen Klang, der wie ein Streitruf durch das Herz des Menschen fährt, und nicht bloß des Menschen, sondern die Schrift sagt, daß auch das Roß den Boden stampft und den Streit wittert, wenn es die Trompete hört von ferne. Ich würde den für keinen Mann halten, in dem nicht der Trompetenton jedes Fünklein von Mannheit und Herzhaftigkeit zur Flamme erwecken könnte.
Als ich mit diesem Gedanken in das Kämmerlein meines Sohnes trat, fand ich ihn am Fenster stehen und mit Tränen und Schluchzen dem abziehenden Volke nachsehen, und als ich in ihn drang, mir zu gestehen, was ihn betrübe, sagte er endlich: Ja, das wolle er. Es sei doch ein elend und jämmerlich Leben, was er Tag für Tag zu führen habe. Wenn er die abziehenden Soldaten betrachte, die mit fröhlichem Gesang hinaus in die weite Welt zögen, wie die Schnitter in die Ernte, komm er sich vor, wie ein elender Gefangener in seinem Turm, mit Ketten angeschmiedet, ohne Freiheit, Freud und Ehre. Da wolle er doch gleich lieber sterben, als ein solches Leben fortführen; er wolle und wolle nicht mehr länger am Backtrog und am Backofen stehen und Semmeln backen -- schlechter könne es ihm doch nirgends werden, wohl aber besser.
Zornig fragte ich ihn, ob er denn vielleicht dem Kalbfell folgen wolle, wie so mancher ungeratene Sohn, der ein Bube geworden und Vater und Mutter in Jammer und Tränen gestürzt? Er erwiderte: Das nicht! aber der +Amtskeller+ habe neulich seine Handschrift gesehen und gesagt, es sei doch Jammer und Schade, daß er zum Handwerk verdammt sei. Wenn er Lust habe, wolle er ihn in die Schreibstube nehmen! Das sei ein Wink von Gott gewesen: ich solle doch seinem Glück nicht im Wege stehen, sondern mein Jawort geben, gutwillig und gerne, damit er mit fröhlichem Gewissen einen andern Beruf ergreife -- wir sollen dann gewiß unsere Freude an ihm erleben.
Das sah ich wohl, daß meines Sohnes Herz kein wiedergeborenes war, und daß das Blümlein der Demut noch darin keine Wurzel geschlagen, wußte auch recht wohl, daß der Amtskeller nicht der Mann sei, ihn von seinem Hochmut zu heilen und einen rechten Christensinn in ihm zu pflanzen. Er verstand sich nur wenig auf Schrift und Christentum, obwohl er sonst ein gutmütiger, freundlicher Mann war, -- doch aber bei so bewandten Umständen war sein Anerbieten nicht zu verachten. So gab ich denn, wiewohl mit schwerem Herzen, meine Einwilligung, ging zu dem Amtskeller und bat ihn, zuerst mit meinem Sohn es zu probieren, ob er zu seinem neuen Geschäft, wozu ein feiner Kopf und eine schnelle und getreue Hand gehöre, sich auch schicke, und verschwieg ihm nichts, was wegen meines Sohnes Gemütsart mir auf dem Herzen lag. „Ulrich,“ sagte er, „Ihr seid ein frommer und verständiger Mann in Eurer Weise, aber Ihr meint, jeder Mensch, wenn er etwas sein solle, müsse denken und glauben wie ein Pfarrherr oder Schulmeister. Laßt jedem seine Weise, auch Eurem Sohn, denn er soll keines von beiden werden, sondern ein weltläufiger Mensch, der überall zu brauchen ist. Der Junge ist kein neuer Mensch, wie Ihr’s zu nennen pflegt, aber verständig, dienstwillig und eines guten Gemüts und hat Ehre im Leib. Begnügt Euch damit und es wird alles gut werden. Schickt ihn her, und wenn er nur bleibt, wie er ist, werdet Ihr und ich Ehre von ihm haben.“
Es geschah! und mein Weib lächelte durch Tränen, als der Junge den Bäckenkittel abgelegt und in einem schönen, schwarzen Kleid, das ihm der Amtskeller hatte machen lassen, und mit einem Degen angetan vor uns stand. Der Amtskeller lobte ihn über die Maßen, aber ich selbst hatte seit jener Zeit wenig Freude mehr an ihm. Je länger er mit dem Amtskeller umging, desto mehr ward sein Herz dem Vaterhause entfremdet: Gottesfurcht war ihm zwar kein Spott, aber er tat wie einer, der das alles nicht braucht, was sie pflanzt und nährt. Die +Ehre+ und der +Amtskeller+ galten ihm mehr als Gott und sein Wort, Vater und Mutter achtete er als gute Leute, aber für einfältig vom alten Schlage, wie sich’s heutzutage für die Welt nicht schicke. Wenn er am Abend heimkehrte, war’s ihm keine Lust mehr, wie sonst, mit seinen Geschwistern beisammen zu sein, sondern er tat mürrisch und stolz gegen sie, wußte immer ein Geschäft sich zu machen, um am Abend wieder auszugehen, und wenn er spät nach dem Abendgebet wieder kam und morgens vor dem Frühgebet wieder ging, meinte er, man könne sein Vaterunser auch für sich sprechen, und das heiße auch Gott geehrt, wenn man treu und eifrig seinen irdischen Beruf ausrichte. -- Um auf schlimme Wege ihn zu bringen, brauchte es nur noch schlimmer Gesellschaft, und die sollte er auch bald genug finden.
[1] Das Lied ist von +J. W. Zinkgref+ im Jahre 1624 gedichtet und seine übrigen Verse heißen:
2. Drum gehet tapfer an, ihr meine Kriegsgenossen! Schlagt ritterlich darein! -- Eu’r Leben unverdrossen Fürs Vaterland aufsetzt, von dem ihr solches auch Zuvor empfangen habt: das ist der Tugend Brauch!
3. Eu’r Herz und Augen laßt mit Eiferflammen brennen, Keiner vom andern sich menschlich Gewalt laß trennen, Keiner den andern durch Kleinmut je erschreck, Noch durch sein Flucht im Heer ein’ Unordnung erweck.
4. Kann er nicht fechten mehr, er doch mit seiner Stimme, Kann er nicht rufen mehr, mit seiner Augen Grimme Den Feinden Abbruch tu, in seinem Heldenmut Nur wünschend, daß er teu’r verkaufen mög sein Blut.
5. Ein jeder sei bedacht, wie er das Lob erwerbe, Daß er in mannlicher Postur und Stellung sterbe, An seinem Ort besteh fest mit den Füßen sein, Und beiß die Zähn zusamm’ und beide Lefzen ein.
6. Daß seine Wunden sich lobwürdig all befinden Davornen auf der Brust, und keine nicht dahinten, Daß ihn im Tod zuletzt der Tod auch selber zier, Und man in sein’m Gesicht, den Ernst noch leben spür.
7. So muß, wer Tyrannei geübriget will leben, Er seines Lebens sich freiwillig vor begeben: Wer nur des Tods begehrt, wer nur frisch geht dahin, Der hat den Sieg und dann das Leben zu Gewinn.
Der feurigen, obwohl volkstümlich tragischen Melodie dieses Liedes ist später ein freilich weniger schwunghaftes Soldatenlied aus dem Siebenjährigen Krieg unterlegt worden: „+Kein besser Leben ist auf dieser Welt zu denken+“ usw.
Fünftes Kapitel.
Der Jäger von Erlach.
Der Herr hat nicht Lust an der Stärke des Rosses, noch Gefallen an jemandes Beinen. Der Herr hat Gefallen an denen, die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen.
Ps. 147, 10. 11.
In +Erlach+ hatte die +Seinsheimische+ Herrschaft seit einem halben Jahr einen neuen Jäger angenommen. Er war aus Böhmen gebürtig, hatte lange im Krieg gedient und kam täglich die Woche hindurch in die untere Schenkstatt. Dort trieb er sich mit dem Kriegsvolk um, soff und spielte mit ihm. Dieser Mensch sah aus wie das böse Gewissen. Er grüßte niemand und dankte niemand, gönnte auch im Wirtshaus keinem eine Ansprache oder eine Antwort, sondern saß stillschweigend vor seiner Kanne, wie jedermann hassend oder verachtend, bis die Würfel zum Spiele hervorgeholt wurden. Da wurde er lebendig. Aber man wußte nicht, was einen am meisten erschrecken konnte, die lästerlichen Flüche, die ihm wie ein Strom aus dem Halse quollen, wenn er verlor, oder das greuliche Lachen, wenn ihm das Glück wieder hold ward.
Am Sonntag, wenn die Bürgerschaft zur Kirche ging, stand er unter der Wirtshaustüre und schaute ihnen nach, ohne ein Wort zu reden, jedoch mit herabgezogenem Maul und verächtlich seinen Schnauzbart streichend, und als +Veit Geißendörfer+, der Torwart, ihm solches verwies, weil nach herrschaftlichem Gebot die Schenke während des Gottesdienstes leer und geschlossen sein sollte, spuckte er vor ihm aus und sagte, der Amtskeller solle ihn strafen, wenn er Lust dazu trüge. Er frage den Teufel nach gnädiger Herrschaft und ihrem Sonntag! -- Der Torwart meldete dies, höchlich erzürnt, dem Amtskeller und erbot sich, ihn zu greifen, aber dem Jäger ging jedermann aus dem Weg, und so wollte auch der Amtskeller nichts mit ihm zu schaffen haben, vornehmlich weil er unter dem Kriegsvolk einen großen Anhang hatte.
Wo wäre mir der Gedanke gekommen, daß dieser Geselle und jemand, der meinen ehrlichen Namen trägt, jemals Gefallen aneinander finden könnten, und dennoch war es gerade dieser Mensch, mit dem mein Valentin eine besondere Freundschaft schloß, und zwar aus folgender Veranlassung: Als Anno 1631 im Oktober der edle König +Gustav Adolf von Schweden+ mit seinem Heere durch hiesigen Flecken zog und ihm das Elend vorgestellt wurde, das durch die kaiserliche Einquartierung über die hiesige Bürgerschaft gekommen, die mit ihm eines Glaubens sei, erbarmte er sein königliches Herz, und er gab dem Flecken einen Freibrief, daß von seinen Kriegsvölkern keine, weder zu Roß noch zu Fuß, sich binnen Jahresfrist hier ins Quartier legen sollten. Ich seh ihn heute noch, den starken, ritterlichen Kriegshelden, wie er so huldvoll und leutselig den stotternden Bürgermeister anhörte und dann zürnend zu seinen Kriegsobersten sich wandte, die ihm zur Seite ritten, und sagte: „Es würde wahrlich nicht fein uns anstehen, wenn der Schwede unter diesen Brüdern ein Gedächtnis hinterließe wie der Kaiserliche, -- da wolle Gott vor sein! Diesen Leuten muß geholfen werden!“
Viele Bürger nun, die sich geflüchtet hatten, waren auf dies königliche Wort hin wieder heimgekehrt, auch hatte man die wenigen Lebensmittel, die man besaß, und was man hie und da an Geld und Geldeswert hatte, wieder hervorgeholt und gemeint, das Schlimmste sei jetzt überstanden. Aber siehe, da kamen eines Tages zwei schwedische Quartiermacher geritten und meldeten, daß vierzig Dragoner ihnen auf dem Fuße folgten, und daß sogleich für Wein, Fleisch und Pferdefutter gute Fürsorge getroffen werden müßte. Auf den Freibrief, den der Amtskeller vorzeigte, wollten sie nicht achten, denn ‚Not kenne kein Gebot‘, und ihr König Gustavus Adolphus selbst, wenn er noch zugegen sei, würde nichts dawider haben, -- er war aber mittlerweile weit weg an den Rhein gezogen. Als die Quartiermacher ihren Auftrag ausgerichtet, gehen sie ins Wirtshaus, wo sie den Jäger treffen. Der macht sich an sie, wie es seine Art war, -- mit einem Male aber schaut ihm der eine von den Quartiermachern, ein Trompeter, ins Gesicht und sagt: „Heißt Ihr nicht +Franz Sorawitz+, und habt unter dem +Friedländer+ gedient?“ Der Herr Jäger sagt: „Ja!“ Der Trompeter aber erwidert: „So seid Ihr der Spitzbube, der bei Helmstädt meuchlings meinen Hauptmann vom Pferde geschossen, als wir Anno sechsundzwanzig vom Dänenkönig Parlamentierens halber zu Eurem Haufen geschickt wurden? -- Das sollt Ihr mir jetzt entgelten!“ zog vom Leder und sprang auf den Jäger ein. Dieser wehrte sich mit dem Saufänger, und es entstand ein großes Getümmel im Wirtshaus und auf der Straße, weil die Bürger aus Verdruß über die angedrohte Einquartierung sich des Jägers annahmen, bis der andere Schwede, einen Aufstand der Bürger fürchtend, die Streitenden auseinander brachte. Der Trompeter fluchte, das solle dem Jäger nicht geschenkt sein und auch dem vermaledeiten Bürgervolk nicht, das einen solchen Buben noch hegen wolle, und der Jäger hinwiederum schwur hoch und teuer: wo er ihm wieder begegne, wolle er ihn kalt legen, wie seinen Hauptmann. Dann sprangen die Schweden auf ihre Pferde und jagten unter Scheltworten und Drohreden zornig von dannen.
Unterdessen hatten die Bürger sich versammelt und ratschlagten auf offener Straße, was unter diesen Umständen zu tun sei. Der Schrecken war um so größer, als Hans Rüdiger, von Uffenheim kommend, erzählte, welch einen Unfug dort das Volk getrieben. Der eine riet dies und der andere das: die älteren Bürger machten denen, die sich des Jägers angenommen hatten, Vorwürfe, daß sie die Schweden mutwillig und ohne Not gereizt hätten. Da begann endlich der Jäger, welcher auch unter dem Haufen stand und die ganze Zeit über still geschwiegen hatte: „Was seid doch ihr für hasenherzige Gesellen, daß ihr so ein Wesen machen mögt um dies schwedische Lumpengesindel, dessen Bleiben ohnehin hier am längsten gewesen ist? Hab ich doch nicht einen noch gehört, der gesprochen hätte wie ein Mann! -- Für was habt ihr denn Mauern und Türme und für was denn eure Fäuste, wenn ihr sie nicht brauchen wollt? -- Gebt mir sechs von euren Burschen, die nur so viel Mut haben, um ein Gewehr abzubrennen, und ich will euch von allen euren Ängsten helfen. +Her zu mir, wer ein Herz im Leibe hat!+“
Dies Wort des Jägers war wie ein Feuerfunken ins Pulverfaß. Flugs stand mein Valentin an seiner Seite und vermaß sich hoch und teuer, er und seine Kameraden seien bereit zu tun, was man von einem Mann fordern könne, und wollten sich wehren, so lange noch ein Odem in ihnen wäre. In hellem Lauf rannten die jungen Bursche und auch die Männer davon, um Flinten, Hellebarden und Spieße zu holen, verrammelten die Tore und stellten sich mit großem Geschrei hinter die Schießscharten auf die Mauer. Der Jäger aber begab sich mit meinem Sohne und sechs jungen Burschen, welche Schießgewehre hatten, auf das Torhaus, um dort die schlimmen Gäste zu erwarten.
Gegen Abend kamen die Schweden die Ochsenfurter Straße herab und ritten bis ans Tor heran, ohne eines Widerstandes gewärtig zu sein. Der Amtskeller hatte aufs schärfste geboten, daß ohne äußerste Not keine Gewalt gebraucht werden sollte. Da sie das Tor verschlossen fanden, begehrten sie mit großem Fluchen und Toben auf der Stelle Einlaß. Der Amtskeller las ihnen mit lauter Stimme den Brief des Königs von Schweden vor und bot ihnen Brot und Fleisch nebst einem Fäßlein Wein an, wenn sie friedlich an dem Flecken vorüberziehen wollten. Sie schalten aber die Bürger Verräter, schossen ihre Gewehre in die Luft ab, und die vordersten stiegen von den Pferden, um das Tor einzuhauen.
Da kam von ungefähr +Klaus Mündlein+ mit einem Karren Holz rechts den Berg herab, welcher bereits am Morgen in den Wald gegangen war, und darum von dem ganzen Handel nichts wußte. Augenblicklich liefen die, welche von den Pferden gestiegen waren, auf ihn zu, warfen ihn nieder, banden ihn und schleiften ihn zu dem Haufen, der vor dem Tore hielt. Nachdem sie eine Weile unter einander Rats gepflogen, ritt der Trompeter wieder heran und schrie zum Tore hinauf: wenn man nicht auftun würde, wollten sie den Gefangenen zuerst singen lassen und dann wie einen Hund an den Lindenbaum aufhängen. Mein Sohn fragt den Jäger, was das heiße, daß sie den Klaus singen lassen wollten, und der Jäger bedeutete ihm, sie wollten ihm ein Loch durch die Zunge stechen und ein Pferdehaar durchziehen und es dann hin- und herrücken, worüber der Geplagte in ein erbärmliches Geschrei und Winseln ausbrechen müsse.
Wie dies mein Sohn hört, ruft er laut: „Brüder, so helf uns Gott, wie wir jetzt unserem Bruder helfen! Hinaus, hinaus, daß wir ihn erretten aus der Hand dieser Buben!“ rennt mit den sechs andern die Stiege hinunter, und bevor man sie aufhalten konnte, reißen sie den Hemmbalken vom Tor und werfen sich mit lautem Geschrei auf die Dragoner. Dies würde ihnen übel bekommen sein, da ihrer so wenige waren; wie sie aber mit den Soldaten zusammenstießen, gebot der Jäger den Bürgern hinter den Schießscharten Feuer zu geben. Die Soldaten, als sie das Knallen hörten, wurden stutzig, obwohl keiner getroffen war, als aber der Jäger, welcher derweilen beständig auf den Trompeter gehalten, auch sein Gewehr abbrannte und ihn durch den Kopf schoß, daß er hell aufschreiend tot vom Pferde stürzte, ergriffen sie diesen und sprengten, links abbiegend, am Städtlein vorbei, ohne sich weiter nach dem Klaus umzusehen. Der Valentin aber und seine Kameraden hoben den letzteren auf, schnitten die Stricke entzwei, mit denen die Dragoner ihn gebunden, und brachten ihn durchs Tor.