Der Schulmeister und sein Sohn Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege

Part 11

Chapter 111,591 wordsPublic domain

Hier wartete unser ein erschreckliches Schauspiel. Der Soldat saß aufrecht in seinem Bett und wollte mit Gewalt herausspringen, zwei Soldaten aber hielten ihn fest, während er schäumte und die Augen umherrollen ließ. „Platz da, Platz da!“ schrie er mit einer heiseren Stimme, „du Graukopf, -- hab ich dir nicht schon einmal den Schädel gespalten? -- Sieh nur, wie deine grauen Haare so blutig sind, und jetzt bist du wieder lebendig geworden und stellst dich wieder daher in einem weißen Hemd und reckst den dürren Arm aus nach mir, wie eine Vogelscheuche, und willst mir mein Pferd scheu machen? +Vorwärts, vorwärts+, meine tapfere Kompagnie! Setzt die Sporen ein! Heute gibt’s Dukaten -- wird +alles+ geteilt, brüderlich! -- aber dem Grünrock seine gehören mir, -- pack ihn von hinten, Kamerad! Ich drück ihm die Kehle zu, -- ja wehr dich nur, Franz! Jetzt ist’s dein Letztes! ’s sind zwei über einen! -- Ha, ha, ha! schau, wie ihm die Augen starren! So -- jetzt laß ihn liegen, er steht nicht mehr auf! Aber der +Graukopf+ lebt wieder und muß noch einmal dran! Laß mich vorbei, du kennst mich schon!“

„Um Gottes willen,“ rief ich, „das ist +Nikol Paradeiser+, der den alten Veit erschlug!“

„+Nikol Paradeiser?+“ rief der Verwundete wieder, „welcher Teufel hat Euch den Namen verraten? Ihr lügt, ich bin Gordonischer Dragoner! Liebe gute Kameraden, hebt mir den Stein weg, daß mein Gaul nicht stolpert; ach, hebt ihn weg, sag ich, ach, hebt ihn weg! -- So ist’s recht, -- Teufel, da liegt er ja wieder! -- Hopp, hopp, Schimmel! -- +Mein Kopf, mein Kopf! Weh, weh, weh!+ Laß mich doch, alter Tropf, du wirst mich doch nicht zwingen?“

„+Das ist Gottes Gericht+, mein Herr Rittmeister!“ sagte ich, „dieser Mensch hat unter dem Tor von Sommerhausen vor meinen Augen einen Mord begangen!“

„Ja, ’s ist Gottes Gericht,“ sagte zitternd einer der Soldaten, die ihn hielten, während ihm der Schweiß auf der Stirne stand, -- „ich bin damals sein Roßbube gewesen! Ich will auch einen körperlichen Eid darauf tun, daß der alte Mann, den er erschlagen, heute morgen unter dem Tore stand, als wir hindurchritten, und daß er den Arm aufgehoben und ihn bedroht hat. Ich und der Kranke hatten gerade von der Geschichte gesprochen, -- mit einem Male schrie er: „Sieh, dort steht er!“ und es ist mir ein Schrecken durch alle Glieder gefahren, denn ich sah ihn auch leibhaftig.“

„Das sind eitle Reden!“ erwiderte ich, „ihr habt das weiße Pförtlein für einen Geist angesehen. Schämt euch, ihr Buben! das Gewissen hat euch geschlagen. +Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben, von nun an!+ -- Das aber bezeugt die Schrift, daß der Herr den Gottlosen geben wird ein ‚bebendes Herz‘ und eine ‚verdorrte Seele‘, daß er seinen Feinden ein feig Herz machen will, daß sie soll ein rauschendes Blatt jagen, und sollen fliehen davor, als jagte sie ein Schwert, und fallen, da sie niemand jagt!“

„+Niemand jagt?+“ schrie der Verwundete, „da steht er ja! Ist er’s nicht? Aber ich will mich nicht jagen lassen. Wart, ich will dir den Rest geben, -- ich will -- ich will“ -- damit schleuderte er wie mit eines Riesen Kraft die beiden ihn haltenden Soldaten von sich und sprang aus dem Bett, -- der Rittmeister lief herzu, wollte ihn aufhalten, aber bevor er ihn noch fassen konnte, fiel der Kranke jählings nieder, schlug mit dem Kopf auf den Boden, daß es dröhnte, und war tot.

Solch Gottesgericht vor Augen, waren wir alle lange Zeit keines Wortes mächtig, sondern standen wie vom Donner gerührt. Endlich gebot der Rittmeister, die Leiche aufzuheben und aufs Stroh zu legen. Ich aber und der Pfarrherr begaben uns nach Hause, nachdem ich dem Rittmeister Lebewohl gesagt, falls ich ihn nicht mehr sehen sollte.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Schluß.

Dem Leib ein Räumlein gönn’ Bei frommer Christen Grab, Auf daß er seine Ruh’ An ihrer Seite hab’!

Als der Morgen des folgenden Tages gekommen, sollte meines Valentin Leichnam zu seiner Ruhestätte gebracht werden. Der Rittmeister war nicht mehr gekommen, weshalb ich vermutete, daß er unversehens habe weiterziehen müssen.

Es hatte +Hans Ebeling+ meines Weibes und meiner Kinder, dazu des alten Veit Grab vom Unkraute frisch gesäubert und mit blühenden Rosenstöcken bepflanzen lassen. Zwischen der Mutter und dem Johannes hatten sie meines Sohnes Grab gegraben, wie er es gewünscht hatte. Alle Einwohner des Fleckens, so viele deren seit dem großen Sterben noch übrig waren, versammelten sich, als es auf neun Uhr zuging, um ihm das letzte Geleite zu geben, kamen haufenweise in meine Stube, ihn noch einmal zu sehen, und weinten an seiner Leiche. Es wußte schier jeder etwas zu erzählen, wie der Verschiedene ihm da oder dort einmal eine Liebe erzeigt, -- selbst des +Hans Mündleins+ Witwe kam, und als ich sie fragte, ob sie dem hart Gezüchtigten noch einen Groll nachtrage, da er die Veranlassung zum Tod ihres Sohnes gewesen, erwiderte sie: davor solle Gott sie bewahren, vielmehr gedenke sie jetzt nur daran, wie er damals bei dem Überfall der Schweden diesen ihren seligen Sohn mit des eigenen Lebens Gefahr gerettet habe. Das war mir alles ein großer Trost in meiner Trübsal. Als es neun Uhr schlug, hörten wir einen starken Schritt auf der Straße und laut Halt kommandieren. Es waren die schwedischen Dragoner, des Valentin ehemalige Kameraden, welche stattlich geschmückt, aber den Degengriff mit Flor umwunden, von Eibelstadt her in den Flecken rückten. Bald kam der Rittmeister mit zehn Mann herauf, von denen einer einen Helm, Degen und Sporen in den Händen trug. Sie sahen sich den Gestorbenen noch einmal an und stellten sich dann schweigend zu beiden Seiten des Sarges. Der Rittmeister aber trat hinzu, drückte meines Sohnes gefaltete Hände und sprach unter fließenden Tränen: „Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan, ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt, und deine Liebe ist mir sonderlicher gewesen denn Frauenliebe!“ Drauf, als der Sarg zugeschlagen war, heftete er selber Helm, Degen und Sporen darauf, vier Dragoner huben die Bahre und trugen sie hinunter auf die Straße, wo das andere Soldatenvolk sich aufgestellt hatte, -- dann ging’s in Gottes Namen dem Kirchhof zu.

Voran gingen die Schulkinder, dann die Bürgerschaft, so nicht zur Trauer gehörte, dann meine sämtlichen Choradstanten, welche alsbald das Lied anstimmten: „+Jerusalem, du hochgebaute Stadt!+“ Als die drei Verse gesungen, bliesen die Trompeter und Pfeifer der Schweden, welche vor dem Sarg und vor dem Pfarrherrn gingen, ein Trauerstücklein, wie’s Brauch ist bei dem Soldatenvolk. Hinter dem Sarg ging ich selbst, geführt von Hans Ebeling, dann kam der Rittmeister mit den andern Dragonern, welche den Zug schlossen.

Am Grabe hielt der Pfarrherr eine Rede über Hiob 9, 25: „Meine Tage sind schneller gewesen, denn ein Läufer, sie sind geflohen und haben nichts Gutes erlebt,“ und als das Begräbnislied gesungen worden: „Nun laßt uns den Leib begraben!“ kommandierte der Rittmeister, und die Dragoner schossen ihm dreimal ins Grab, -- dann war alles vorüber, und wir zogen wieder, wie es im Liede heißt, heimwärts unsrer Straßen. -- Er hat einen stattlichen Leichenzug und ein ehrlich Begräbnis bekommen, wie keines mehr im Städtlein gehalten worden ist. Er liegt begraben dort, wo das große steinerne Kreuz steht; ein Raum ist noch übrig an seiner Seite, darein sie mich einst legen werden, damit wir alle beisammen sind, wenn es dem großen Gott gefällt, zur herrlichen Auferstehung zu rufen. Mit Dank und Tränen nahm ich Abschied von dem Rittmeister -- nicht für immer! sondern nur auf so lange, als die Wallfahrt auf Erden dauert.

* * * * *

Du fragst: „wie mir bei dem allem zumute gewesen?“ lieber Leser? -- Es war mich ehedem oft in meinem Jammer die Sehnsucht angekommen, abzuscheiden und bei Christo zu sein, aber doch hielt’s mich dann in diesem Jammertal fest, weil ich ja auf den Valentin zu warten hatte, jetzt aber hörte ich meiner Margareta Stimme: „+Komm!+“ und meiner Kinder Stimme: „+Komm, komm!+ du hast auf Erden nichts mehr zu suchen, bei uns aber ist dein Platz noch leer!“ und so oft ich ihre Stimme hörte, seufzte ich: Hüter, ist die Nacht schier hin? So ist mir’s seitdem allezeit zumute, wie sie sangen bei meines Valentins Begräbnis:

Jerusalem, du hochgebaute Stadt, Wollt Gott, ich war in dir! Mein sehnlich Herz so groß Verlangen hat, Und ist nicht mehr bei mir! Weit über Berg und Tale, Weit über blaches Feld Schwingt es sich über alle, Und eilt aus dieser Welt.

Ach, mein Herr und Gott, wann wird die Stunde da sein, da du das „Komm!“ zu mir sprichst, da ich, der Zurückgelassene und Einsame, meine Nachfahrt halte?

Die Kriegsnot hat jetzt, indem ich dies schreibe, aufgehört, der Friede beginnt langsam die grausamen Wunden zu heilen, die das Schwert während dreißig langer Jahre geschlagen, doch meine Seele begehrt einen +besseren+ Frieden zu schauen. Mein Abschied ist gemacht, mein Schifflein liegt fertig am Gestade und harrt nur des Befehls zur Abfahrt, mit dem der große Gott nicht allzu lang mehr warten wird. +Bald, bald läßt er seinen Diener im Frieden fahren+, und ob mein Schifflein auch keine gute Fahrt gehabt, sondern in manchen Sturm gekommen und in manche Tiefe ist geschleudert worden, -- doch aber hast du, mein Gott, Gnade gegeben, daß in Wind und Wetter, in Sturm und Nacht, in Angst und Not allezeit meine +Augen deinen Heiland gesehen+, und der hat mir gnädiglich die Hand gereicht, so oft ich, ein kleingläubiger Petrus, zu sinken anhub und schrie und sprach: „Herr, hilf mir!“

+Haben deine Augen Ihn auch schon gesehen, lieber Leser, und seine holdselige Gestalt festgehalten bis heute?+ Dann tritt her zu mir und stimme mit ein und hilf mir rühmen und danksagen:

~Soli Deo Gloria!~ =Dem Herrn allein die Ehre!= Amen!

Also geschrieben zu Sommerhausen im Juli ~anno Domini~ 1650.

=Udalricus Gast=, zur Zeit vierzig Jahre Schuldiener allhier.