Der Schulmeister und sein Sohn Eine Erzählung aus dem dreißigjährigen Kriege
Part 10
Drum will ich gern von dieser Welt Scheiden nach Gottes Willen Zu meinem Gott; wenn’s ihm gefällt, Will ich ihm halten stille. Mein’ arme Seel’ Ich Gott befehl’ In meinen letzten Stunden: O frommer Gott, Sünd’, Höll’ und Tod Hast du mir überwunden!“
Ja, Herr! Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir ein Lob zugerichtet! -- Ich hatte das Lied auch in meiner Jugend gelernt, und wie eines alten, längst gekannten Freundes Zuspruch drangen des Liedes Worte in mein Herz. Als das Kind den zweiten Vers anhub, mußte ich auch einstimmen und fing an laut mitzubeten, und als wir den letzten Vers geendet, sagte ich: „Ach, du mein liebes Kind, Gott sei Dank, du hast mich auf die rechte Straße geleitet! Ja, der Herr, mein Gott, ist meine Zuversicht und mein Leben, denn Menschenhilfe ist mir kein nütze!“
„Weißt du mir nicht einen frommen Seelsorger, der’s nicht verschmäht, einen armen, kranken Menschen mit seinem Zuspruch aufzurichten?“
„O ja wohl!“ erwiderte das Mägdlein, „der alte Pfarrherr ist schon dagewesen, -- aber Ihr schliefet gerade, und er wollte Euch nicht aufwecken. Heute abend kommt er wieder.“
Wirklich kam derselbe am Abend, und ist nun seit zehn Wochen jeden Tag bei mir gewesen; er ist mir ein Bote geworden, der den Frieden verkündigt. Als ich ihm meine Geschichte erzählt hatte, wie ich ein so ungeratener Sohn gewesen und meinen Eltern entlaufen sei, wie aber nun all mein Sinnen darauf ginge, heimzukehren und mich zu demütigen und ihre Vergebung zu erbetteln, und wie ich mich nun, da es den Anschein habe, als sollte ich wegen meiner Krankheit nicht mehr von hier fortkommen, an Gott wenden und auf ihn bauen wolle, daß er noch mir zu meinem letzten Wunsche verhelfen werde, und wie mich des Kindes Lied zu solchem Glauben erweckt, sah er mich mit einem freundlichen, aber doch ernsten Blicke an und sagte: „Das ist wohl alles recht und löblich, mein Sohn, aber ich will Euch nicht verhehlen, daß Euer Schaden tiefer sitzt: Ihr müßt +tiefer, viel tiefer graben+! Womit Ihr Eure Eltern betrübt, dessen ist viel weniger, als womit Ihr Euren +himmlischen+ Vater betrübt habt. Es ist recht, daß Ihr erkennt, wie Ihr an ihnen Euch versündigt habt, das rechte Bußgebet aber steht Psalm 51 und lautet: =An dir allein= +hab ich gesündigt und Übel vor dir getan+, auf daß du recht behaltest in deinen Worten! +Das+ Bußgebet scheint Ihr mir noch nicht getan zu haben. Möge Gott Euch Eure Eltern noch einmal sehen lassen, -- ich gönn Euch herzlich diese Freude, -- aber eine andere Hoffnung muß Euch viel mehr am Herzen liegen, nämlich die, daß er Euch in Jesu Christo Eure Sünde vergibt, daß er um der Fürbitte Eures Heilandes willen, deren Kraft Ihr bis heute noch an Eurem Herzen erfahrt, Euch nicht hinreißt, als wäre kein Retter mehr da, sondern daß er in der elften Stunde noch Euch zu Gnaden annimmt. Eh’ Ihr Euren Frieden mit Euren Eltern macht, macht ihn zuvor mit Eurem Gott. Greift in Eure Brust und erkennet vor allem, was für Jammer und Herzeleid es bringet, den Herrn, seinen Gott, verlassen und ihn nicht fürchten: denn einzig aus der Verachtung göttlichen Worts ist’s gekommen, daß Ihr auch Eure Eltern verachtet. Wenn Ihr aber dies erkannt habt durch den heiligen Geist, der sichtbarlich sein Werk an Eurer Seele hat, dann begehrt des himmlischen Vaters Vergebung, der nicht den Tod des Sünders will, sondern daß er sich bekehre und lebe, und der Euch seinen Sohn Jesum Christum zum Heiland gesetzt hat. Versäumt die Zeit der Heimsuchung nicht ferner, entflieht nicht länger dem Heiland, der Euch nachgehet und sucht, und denket nach dem teuer werten Wort, daß +Jesus Christus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen+.“
So sprach dieser Mann Gottes zu mir, und Gott tat mir das Herz auf, daß sein gutes Wort eine gute Statt fand. Die züchtigende Gnade des Herrn hatte mit einer scharfen Pflugschar durch alle Trübsale, die über mich gekommen, mein Herzensfeld aufgerissen und der Same des göttlichen Wortes ist in die Furchen gefallen und aufgegangen. Ich bin lange blind gewesen mit sehenden Augen, in Leichtsinn und Verkehrtheit den Weg des Verderbens gewandelt, in der letzten Stunde aber, gerade da, wo ich’s sehen mußte, daß nur noch ein einziger Schritt sei zwischen mir und dem Abgrund ewigen Jammers, -- gerade da hat der Herr die Decke von meinen Augen genommen, und nun hab ich’s erkannt und auf den Weg des Lebens mich gewendet. Ich bin der Übeltäter gewesen, den seine eigenen Missetaten ans Kreuz gebracht, aber er, der einmal für uns gelitten, der Gerechte für den Ungerechten, hat auch für mich noch sein Wort gehabt: Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein!
Ach, ich habe seitdem viel geseufzt, viel geklagt, bin auch von viel schweren Zweifeln und Anfechtungen geplagt worden. Meine Seele ist, wie’s im Psalm heißt, voll Jammer, und mein Leben ist oft nahe bei der Hölle gewesen, ich bin so müde geworden von Seufzen, ich habe wie David mein Bette geschwemmt und mein Lager genetzt mit Tränen manche Nacht, aber ich habe doch auch immer wieder vernommen das Wort Gottes, meines Heilandes: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein! und darum hab ich großen Frieden. O, ich hab es lebendig und kräftig erfunden, das Wort des Herrn, und scharf wie ein zweischneidig Schwert, und hab es durchdringen gespürt, bis daß es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, aber ich hab’s auch erfunden als die Salbe in Gilead, die alle Wunden heil macht. Gott segne dich, Olufsohn, daß du noch einmal ein Samariter an mir geworden bist und hast Öl und Wein mir gegeben auch für meine arme Seele. O mein Gott, ich hatte viel Bekümmernis in meinem Herzen, aber deine Tröstungen ergötzten meine Seele.
Gott ist mein Zeuge, wie sehnlich ich immer noch wünsche, Euch noch einmal zu sehen und ein Wort der Vergebung aus Eurem Munde zu hören, doch aber -- es wird täglich weniger mit mir, und Gott hat’s anders beschlossen. Ich gebe mich darein! Hat er mir die größere Gnade gewährt, daß er mich errettet hat aus den Stricken des Verderbens, in denen ich gefangen lag, will ich nicht murren, wenn er nun die geringere Gnade versagen will. Hab ich Gutes von Gott empfangen, sollt ich das Böse nicht auch hinnehmen?
Warum sollt ich mich denn grämen, Hab ich doch Christum noch, Wer will mir den nehmen? Wer will mir den Himmel rauben, Den mir schon Gottes Sohn Beigelegt im Glauben.
So lebt denn wohl, +herzliebe Eltern+! Gottes Lohn für jedes Samenkörnlein göttlichen Wortes, das Ihr von früh an in meine Seele gelegt! -- endlich ist’s doch aufgegangen, als das Unwetter der Trübsale es befeuchtete. Vergebt, vergebt! es wird Euch doch eine Freude sein, wenn Ihr am großen Tag des Herrn die kleine Herde beisammen findet, über die Ihr das Hirtenamt geführt, -- +dort+, wo der Erzhirte auch den Verlorenen Euch hinzubringen wird. -- Ihr, meine lieben +Geschwister+, gedenket mein wiederum im Guten und betet, daß Gott Euch nicht auf meinen Weg kommen lasse, -- denn auf dem heißt’s: +Mit Lust gesündigt, mit Pein gebüßt!+
Zehn Tage habe ich bereits an diesem Brief geschrieben, der naß geworden ist von vielen Tränen. Heute muß ich ihn schließen: meine Augen werden dunkel, meine Hand zittert und kann nicht mehr die Feder führen, und die Gedanken vergehen mir wie ein Licht, dem die Flamme gebricht. Sagt auch dem +Amtskeller+, daß ich ihn tausendmal um Verzeihung bitte wegen alles dessen, was ich ihm zugefügt. Er ist mir stets ein gütiger Herr gewesen und wird einem sterbenden Menschen keinen Groll nachtragen. Laßt auch, wenn Ihr diesen Brief erhaltet, in Sommerhausen, wie es bräuchlich ist, am Sonntag darnach den Pfarrherrn von der Kanzel der Gemeinde kundtun, daß Valentinus Gast in dem Herrn gestorben sei, und weil ich als reumütiger Sünder, aber mit guter Zuversicht auf meinen Heiland aus dieser Welt gegangen, soll er nicht anstehen, wie bei andern Christenleuten auch zu sprechen, daß der Seele Gott genade, dem Leib aber am jüngsten Tage eine fröhliche Auferstehung verleihen wolle mit den andern allen!
Nun erst kann ich sprechen: Was mein Gott will, das gescheh’ allzeit!
Christus, der ist mein Leben, Und sterben mein Gewinn, Dem tu ich mich ergeben, Mit Freud fahr ich dahin.
Aus sechs Trübsalen hat der Herr mich errettet, so wird auch in der +siebten+ kein Unglück mich rühren. Der Gott, der mich nun durchs finstere Tal führen wird mit seinem Stecken und Stab, der geleite auch Euch, Vater, Mutter und Geschwister, bis wir im himmlischen Jerusalem, der hochgebauten Stadt, uns wiedersehen werden. Bis dahin +lebet wohl und gedenket mein in Frieden+! Darum bittet Gott und Euch
Euer getreuer Sohn
=Valentinus Gast=,
der Verlorene, aber +Wiedergefundene+.
Am 3. Juni 1639.
~P. S.~ Sollte des Herrn Hand dem Lämplein, das schon dem Verlöschen nahe, noch einmal Öl zugießen, werde ich mich zu Euch auf den Weg machen. Daß er mir sauer werden wird, werde ich nicht achten. Kann ich’s nicht mehr hinausführen, und sollte mich unterwegs mein Stündlein ereilen, wird sich wohl ein Christenmensch finden, der meinen Brief Euch zustellt, -- ich will das Wenige, was ich noch habe, vor meinem Ende ihm dafür anbieten. Sollt ich +allhier+ sterben, wird der Wertheimer Pfarrherr Euch den Brief sicher übermachen, wie die Straße von dem kaiserlichen Volk wieder frei ist. -- Werde ich Euch noch einmal sehen? Ach, wer mir’s sagen könnte! Von außen scheint’s manchmal besser zu werden, aber innen nagt der Wurm! -- +Nun wie Gott will!+ Amen, Amen.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Valentins Tod.
Da neigt er sich nun eben, Verwelkt und sinket hin, Den ich sah aufwärts streben Mit also stolzem Sinn, Der Knabe, jung von Tagen, Sein Haupt herniedersenkt, Ach, ach, nun muß ich klagen, So sehr ist es erkränkt; Die Seel’ schon auf der Zungen Wird er’s jetzt hauchen aus, Nun muß es sein gerungen Mit Tod und letztem Strauß.
Spee’s Trutz-Nachtigall.
Als ich diesen Brief meines Sohnes noch während der Nacht gelesen, verstand ich einmal wieder das Wort der Schrift, daß der grundgütige Gott mehr tut, als wir bitten und verstehen. Aus den bösesten Stunden meines Lebens, aus den schwarzen Nächten des Verzagens und des Weinens war ein lieblicher Glanz des Herrn angebrochen. Meines Sohnes Fall war durch seine Gnade zu einem Auferstehen gemacht worden, und meine Seele freute sich Gottes, meines Heilandes.
Da gedachte ich auch, wie die droben -- mein Weib und meine Töchter und mein Johannes -- auf den Himmelsbergen schon früher den Glanz des Herrn hatten anbrechen sehen, wie sie, während ich noch in Sorgen und Trauern stand, schon voll Freude ob ihres Valentins Errettung den Herrn gepriesen, denn im Himmel ist Freude über einen Sünder, der Buße tut, vor neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen. Bis hieher waren sie mir wohl immer vorgekommen als solche, die geschieden aus großer Trübsal, nun aber sah ich sie auch als die +Seligen+, angetan mit den weißen Kleidern, und die Palmen in ihren Händen, und verlangte sehnlichst, daß, wenn der Valentin hinüber zu ihnen wandelte, ich auch mitgehen dürfte. Aber Gottes Gedanken waren nicht meine Gedanken! -- der alte, unnütze Stamm sollte noch stehen bleiben in Wind und Wetter, nachdem seine Krone und seine Zweige alle dahin waren.
Drei Tage lang pflegte ich noch meinen Sohn, kam Tag und Nacht nicht von seinem Bett, erzählte ihm von der Mutter und seinen Geschwistern und von seinen Gespielen, von denen durch die grausame Pestilenz und durch den Hunger und allerlei Unfälle schier keiner mehr am Leben, betete mit ihm und sprach ihm die Seufzer vor, an denen Kranke und Sterbende sich erquicken. Am Abend aber des dritten Tages vermerkte ich, daß das letzte Stündlein gekommen, und empfahl ihn darum dem getreuen Gott, -- derselbe wolle, nachdem er seinen Gang wieder auf den Weg des Lebens geleitet, auch seinen Ausgang in seine gnädige Obhut nehmen. Mein Sohn war zwar bei gutem Verstande, aber seine Gedanken hatten, wie man’s bei derlei Kranken und Sterbenden findet, schon seit seiner Heimkehr einen höheren Flug wie sonst, und seine Reden kamen aus einem höheren Tone und lauteten fast wie weissagend, und es ist das ein Zeichen, daß es der Menschenseele ergeht wie der Harfe, deren Saiten bald zerreißen, wenn sie zu scharf gespannt und zu hoch gestimmt sind.
Mein Sohn lag in seinem Bett, schlief aber nicht, sondern war nur sehr matt, nachdem er den Tag über viel gesprochen, auch noch gesagt hatte, daß er neben seiner Mutter und Geschwistern und neben dem alten Veit begraben sein wolle, ich aber betete bald laut, bald leise, je nachdem ich für ihn oder für mich zu beten hatte.
Als es elf Uhr schlug, kam Hans Ebeling, der auch noch meinen Sohn fleißig besucht hatte, die Straße entlang gegangen, rief die Uhr unter unserem Fenster, wie gewöhnlich und sang dann seinen Spruch:
„Nur elf Jünger blieben treu, Gib daß gar kein Abfall sei.“
Da schlug mein Sohn die Augen auf, und der Predigt des seligen Theodoricus an seinem Konfirmationstage gedenkend, sprach er: „Die Elfe, die mit mir zu Gottes Tisch gegangen und dem Herrn Jesu sich angelobet, sind treu geblieben und bereits eingegangen zu ihres Herrn Freude, ich aber wäre schier ein Judas geworden, -- doch hat der gnädige Gott noch einen Petrus aus mir gemacht, meine bitterlichen Tränen angesehen und wiederum mich aufgenommen, daß ich nun bald mit meinen elf vorangegangenen Brüdern auch das große Abendmahl feiern und das Brot essen werde im Reich Gottes! -- -- Gott segne dich, Olufsohn!“
Ich gedachte auch meines Gebetes, das ich damals für die Zwölfe getan, und dankte dem Herrn, daß er es erhört.
Hierauf fiel Valentin wieder in sein Schweigen, bewegte jedoch für sich die Lippen, als ob er leise betete, und hatte die Hände gefaltet. Gegen Mitternacht fing er sehr schwer zu atmen an, konnte nicht mehr sprechen, sondern drückte mir nur bisweilen die Hand und deutete dann wieder gen Himmel, wobei seine Augen glänzten und sein Mund lächelte, so daß ich, obwohl sehr traurig, doch mehr an einem +Siegesbette+ denn an einem +Siechbette+ zu stehen meinte.
Endlich schlug es +ein Uhr+! Da hielt er den Atem an, wie wenn er auf den Schritt horchte, der eben die Straße herauf kam, -- es war wiederum Hans Ebeling, der Wächter, der unter unserem Fenster mit bewegter Stimme, vermutlich weil er meines Valentin gedachte, „Ein Uhr“ rief und seinen Spruch anhub:
„+Eins ist not!+ du treuer Gott, +Schenk uns einen sel’gen Tod+!“
„Du treuer Gott!“ rief mein Sohn, warf mir noch einen Blick zu und sank auf sein Kissen zurück. -- „Amen!“ sagte ich und beugte mich über ihn, -- da hatte sein Herz den letzten Schlag getan.
Ich stand eine Zeitlang schweigend da vor seinem Lager und betrachtete die auch im Tode schönen Züge seines Antlitzes, welche nun die seiner seligen Mutter geworden waren, und betete, -- unten auf der Straße aber wurden Männerstimmen laut und Pferdegetrappel. Es sammelte sich das Kriegsvolk seit etlichen Tagen schon um Würzburg, weil die Schwedischen einen Schlag vorhatten, und ein Reitertrupp von Ochsenfurt kommend, zog eben durchs Städtlein. Mit einem Male klangen wieder die Trompeten und Zinken und schmetterten hell über den Kirchplatz, und siehe da! sie bliesen wieder dasselbe Reiterstücklein, das meinem Sohn damals, da er noch fast ein Kind war, die Tränen aus den Augen getrieben, und darin der Tod auf dem Schlachtfeld als der löblichste gepriesen wird. Da wallte mein Herz über vor großer Bewegung, und ich rief unter lautem Weinen: „+Armer, armer Valentin!+ was ist aus den hochgehenden Planen deiner Jugend geworden? Der Tod ist an dir vorübergegangen, wo du so gerne ihn in die Arme meintest nehmen zu wollen, -- auf der grünen Heid, und hat dich weggetrieben und hat dich heimgeleitet ins arme Kämmerlein, und dort erst hat er gesagt: ‚Nun komm!‘ auf daß du seine volle Bitterkeit schmecken solltest. Und doch -- wie muß ich dir, mein Gott, danksagen, daß du sein hoffärtiges Wesen zerbrochen und mit dem Stab Wehe ihn endlich auf die grüne Aue deiner Gnade geleitet, daß du mir armem, gebeugtem Mann den Trost verliehen, ihn fahren zu sehen in Frieden und zu wissen, daß ich ihn einst wiederfinden werde. +Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobet!+“
Während ich also betete, trat Hans Ebeling ins Zimmer, und da er sah, daß es aus war mit dem Valentin, setzte er sich mir zur Seite und weinte mit mir, brachte auch die übrige Nacht bei mir zu und tröstete mich mit viel lieblichen Worten.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Noch ein Gottesgericht.
Berg und Tal kommen nicht zusammen, aber die Menschen.
Sprichwort.
Fort aus den Augen mir! Birg dich in der Erde! Marklos ist dein Gebein, dein Blut ist kalt. Du hast nicht Sehkraft mehr in diesen Augen, Womit du funkelst! Weg, du grauser Schatten.
Shakespeares Macbeth.
Gegen Morgen schickt der +Pfarrherr+ zu mir und läßt mir ausrichten, ich solle eilends den Krankenkelch und die Hostienbüchse nehmen und mit hinter nach +Eibelstadt+ gehen, ein Soldat sei vom Pferde gestürzt, so daß er nicht mehr aufkomme, und solle das heilige Nachtmahl empfangen. Ich tat also, und wir machten uns eilend auf den Weg.
Der Reiter, welcher den Pfarrherrn gerufen, begleitete uns und erzählte: Als sie heute früh nach ein Uhr durch hiesiges Städtlein gezogen, sei am untern Tor des Torwarts Pförtlein (das erst vor wenigen Tagen mit weißer Farbe war übertüncht worden), offen gestanden und eines Reiters Pferd sei davor scheu geworden, habe sich aufgebäumt und den Reiter abgeworfen, der an dem Torpfosten sich den Kopf zerschellt. Sie hätten ihn mitnehmen müssen, er werde es aber nicht lange mehr treiben, drum habe der Rittmeister nach dem Pfarrherrn geschickt.
In Eibelstadt wurden wir in des Freiherrn +von Greifenklau+ Haus gewiesen: der Reiter lag im Bett, hatte den Kopf umwickelt und ächzte. Als ich die Lichter angezündet und die ~vasa sacra~ hergerichtet, wollte ich den Pfarrherrn mit dem Kranken allein lassen und ging mit meinen traurigen Gedanken hinaus auf den freien Platz, der um das Rathaus ist.
In der Mitte des Platzes stand die Fahne aufgesteckt, und viel Kriegsvolk lag und stand umher; ich hatte aber auf nichts acht, sondern gedachte des Hingeschiedenen.
Da trat der Rittmeister zu mir heran, ein großer, stattlicher Mann mit hellgelbem Bart und Haar, wie’s die Schweden haben, grüßte mich freundlich und fragte, ob der Pfarrherr bereits bei dem Kranken sei. Ich erwiderte: „Ja, seit einer Viertelstunde!“ worauf der Rittmeister fortfuhr, da werde er wohl einen hartgesottenen Sünder unter die Hände bekommen haben. Doch habe er seine Schuldigkeit tun wollen und nach dem Pfarrherrn geschickt, da der Feldprediger noch zurück sei, und er unversehens gehört, daß das Städtlein, durch das sie mit anbrechendem Morgen gekommen, evangelischen Glaubens sei, während er mitten in römisch-katholischen Landen zu sein gemeint habe. Wie denn das Städtlein heiße?
„+Sommerhausen!+“ erwiderte ich. -- „Sommerhausen?“ sagte der Rittmeister, als ob er sich auf etwas besänne, „sollte es noch einen Ort dieses Namens geben? Von Sommerhausen hat bis vor fünf Monaten einer unter unserem Regiment gedient.“
„Ist leicht möglich! Denn es sind in diesen Jahren etliche von da unter das Kriegswesen geraten,“ erwiderte ich und warf einen Blick auf die herumliegenden Soldaten, -- es waren schwedische Dragoner, was ich jetzt zum erstenmal bemerkte. „Hat er sich rechtschaffen gehalten?“ fragte ich, indem mir das Herz klopfte.
„Ach, er wird schwerlich mehr am Leben sein!“ erwiderte der Rittmeister. „Es war ein tapferer Mann und sieben Jahre lang mein guter Kamerad, aber er hat wenig Glück gehabt. Seht Ihr die Fahne, die dort steckt? Die haben er und ich einst mitten aus den Feinden geholt, da sie schon verloren war, und wie Ihr mich hier anseht, ich läge längst schon drei Schuh tief unter der Erde auf dem Felde bei Nördlingen, wenn mit Gottes Hilfe seine Hand mich nicht errettet hätte. Ich bin nun Rittmeister, er aber hat’s nicht weit gebracht, sondern hat seinen Abschied nehmen müssen und wird nicht mehr heimkommen.“
„Ach, Herr! Verzeiht eines alten Mannes Vorwitz, der sich unterfängt, nach Eurem Namen zu fragen,“ erwiderte ich, indem ich vor großer Bewegung kaum Atem holen konnte und die Augen mir in Tränen schwammen.
„Ich heiße +Olufsohn, Swen Olufsohn+!“ gab er mir zur Antwort, „und bin seit drei Monaten Rittmeister in meinem Regiment, dem Gordonschen, und dieser mein armer Kamerad, von dem ich gesprochen, hat geheißen +Gast+, -- +Valentinus+ war sein Vorname! Kennt Ihr den Namen?“
Mein Gott! Als ob mir einer sagen müßte, wie meines Sohnes Vorname geheißen!
„Ob ich ihn kenne?“ erwiderte ich. „Ja, ich kenn ihn wohl, ’s ist ja mein leiblicher Sohn gewesen! Und Euch, lieber, gütiger Mann, kenn’ ich auch. Ihr habt ihm mehr getan als der arme Valentin Euch tun gekonnt: Ihr habt ihn nächst Gott vom ewigen Tod errettet!“
„Wie?“ rief der Rittmeister, trat herzu und faßte mich an beiden Händen, „er lebt noch und ist heimgekommen?“
„Ja!“ erwiderte ich, „+er ist heim+ gekommen -- seit drei Tagen zu mir, seinem +leiblichen+ Vater und zu seiner +irdischen+ Heimat, und heute nacht, just als Ihr mit Trompetenschall durch unser Städtchen zogt, zu seinem +himmlischen+ Vater und zu seiner +himmlischen+ Heimat. Euch aber, Euch hat er zuvor noch gesegnet!“
Ich mußte ihm nun alles erzählen, was ich von der Heimreise meines Sohnes wußte, und zuletzt, wie er gestorben, und als ich ihm nun wiederum aus Grund meines väterlichen Herzens dankte, daß er durch Gottes Fügung meines Sohnes Seele vom Tod errettet, meinte er, er habe nicht viel an ihm tun können und verdiene meinen Dank nicht, er sei nur ein ungelehrter Mensch, der genug haben müsse, wenn er selber des rechten Weges nicht verfehle, den Valentin aber habe Gott so sichtlich geleitet, daß, als sie von einander Abschied genommen, er gewiß gewesen, die Decke müsse von seinen Augen fallen. Er sei gar ein aufrichtiger Mensch gewesen all sein Lebtage, und den Aufrichtigen lasse es Gott gelingen. Darauf erzählte er mir noch allerlei, was meinem väterlichen Herzen wohl tat, von seiner Freundlichkeit und Treue und von der Schwermut, die zuletzt über ihn gekommen, und endlich sagte er mir, er werde mich und den Valentin noch einmal sehen, wenn sie, woran er nicht zweifle, morgen noch hier im Quartier liegen würden.
Während wir noch also miteinander redeten, kam der +Pfarrherr+ ganz erblaßten Angesichts aus dem Hause, trat zu dem Rittmeister und sagte, er könne dem Soldaten unmöglich das heilige Nachtmahl geben! Derselbe sei ganz unsinnig, schäume die greulichsten Gotteslästerungen aus, rede von einem Geist, den er gesehen, und scheine ihm ein verruchter Bösewicht zu sein. Er solle doch selber kommen und sehen! Der Rittmeister erwiderte, derselbe habe bei den Kaiserlichen eine Freikompanie geführt und habe mit ihnen in Breisach gelegen, sei aber, als die Festung übergeben ward, zu den Schwedischen übergetreten, da solches nach dem Vertrag jedem der abmarschierenden Soldaten freigestanden, habe allbereits etliche Bubenstücke verübt, und sei jedes gute Wort an ihm vergebens gewesen, so daß ihn der Oberst zum Gemeinen habe degradieren müssen; er wolle aber hinaufgehen und selbst zusehen. Hierauf gingen wir alle drei hinweg und begaben uns in die Stube.