Der schmale Weg zum Glück

Part 8

Chapter 83,966 wordsPublic domain

Karl erzählte aber von Johanna und seiner Liebe zu ihr, und wie er sich bisher nicht frei machen konnte, trotzdem er sich selbst verachten müsse, und er sehe klar, daß er immer niedriger und schlechter werde durch seine Zuneigung; heute aber habe er einen festen Entschluß gefaßt, daß er sich befreien wolle aus seiner Untertanschaft. Nicht so sprach er, wie hier mit abstrakten Worten geschrieben ist, sondern er redete als ein Halbwüchsling; und ein Mensch, der nicht weiß, welche Bedeutung die Handlungen des Menschen haben, hätte seine Erzählung für kindisch gehalten und sein ganzes Erlebnis. Aber das ist eine oberflächliche Meinung, die durch die äußere Gestaltung, welche einer Handlung Alter und Bildung und sonstige formgebende Dinge anziehen, sich bewegen läßt in ihrem Urteil, und einen sittlichen Kampf belächelt, weil er in dem siegfriedhaften Wesen eines unerfahrenen Gemütes vor sich geht und um Dinge, die einem Erwachsenen unbedeutend erscheinen; da doch solche Vorgänge wichtiger sind, weil sie auf die weitere Bildung des Charakters einwirken, wie scheinbar bedeutsame Ereignisse in späteren Jahren.

Es kann ja kein Mensch trösten, denn es gibt keinen Trost, außer den einen, den jeder schon weiß, daß wir Vergangenes nicht ändern können; aber in der bloßen Erzählung war ein Trost für Karl; denn indem er alles genau seinem Freunde schilderte, wußte er, daß er ein Zeichen von sich gab dessen, daß er nicht wieder zurückkehren würde zu dem, was zu verlassen er sich vorgenommen. So gelangte er ans Ende seiner Geschichte frohen Mutes, und auch Hans war fröhlich, und beide freuten sich einer neuen Freundschaft, die ihnen leuchtete wie ein Ährenfeld nach einem erquickenden Sommerregen, wenn die Sonne sich in tausend frischen Tropfen spiegelt und die Erde einen nahrhaften Geruch ausströmt, denn die Gedanken junger Leute laufen noch mit eiligen Kinderfüßen, und besonders laufen sie eilig vom Trüben zum Trostreichen. Aber wer zu urteilen wüßte über Menschen und Schicksale ahnen könnte aus ihrem Wesen, der hätte gesehen, daß Karl wohl guten Willen hatte und einer guten Leitung folgte; aber in seinem Innern war doch Zuchtlosigkeit und Schwäche, und auf irgendeine Weise mußte Schwäche einmal sein Schicksal entscheiden. Jetzt war es so, daß einmal und für einen flüchtigen Augenblick und unverstanden aus den grauenhaften Tiefen, die wir ja alle haben, in ihm der Gedanke auftauchte: er möchte Hansen töten; das war ein nichtiger Gedanke, wie uns Tausende durch den Kopf gehen, ohne Folgen und selbst ohne Möglichkeiten von Folgen; es war nur ein leises Lebenszeichen des Bösen in ihm, das sich des Vertrauens schämte und Haß empfand gegen den Mitwisser der Schwäche.

Die beiden waren im Walde gegangen durch raschelndes Buchenlaub; wie sie zurückkehrten und zwischen den Bäumen hervortraten, standen sie oberhalb des Dörfchens, das sich lang das Tal in die Höhe dehnte; die Kirchenglocke läutete zur Beerdigung, und auf dem Kirchhofe predigte der Pastor vor einem offenen Grabe, an dem die Leidtragenden standen.

Der Verstorbene war ein recht unglücklicher Mensch gewesen; denn schon seine Eltern hatten im Armenhause gelebt und als leichtfertiges und träges Volk, und wie er noch ein ganz kleines Kind war, hatte ihn die Mutter einmal im Zorn auf die Erde geworfen, davon er sich die Hüfte verrenkt, und war ihm das Bein verdorrt, so daß er sich nur mit mühseligem Humpeln weiterschleppen konnte; hierdurch erhielt er den Namen Hinkeding. Wie er etwa sieben Jahre alt sein mochte, starben seine beiden Eltern, und die Gemeinde gab ihn dem Abdecker in Kost, der außerhalb des Dorfes lebte; bei dem hatte er es noch übler wie bei den rohen Eltern, denn er erhielt nur schlechte Nahrung und geringe Pflege und mußte trotz seines Gebrechens und seiner Jugend doch viel arbeiten, das er zwar willig tat. Die böse Dorfjugend beschimpfte ihn um diese Arbeit noch weiter und nannte ihn Wasenmeister, und mochte sich darum kein andres Kind mit ihm abgeben, auch hätten die Eltern es denen verboten, wenn sie es getan hätten. So wuchs Hinkeding roh und tückisch heran, nur mit dem alten Wasenmeister und seiner bösen Frau hatte er zu sprechen, die in schlechtem Rufe standen, außer ihrem ordentlichen Geschäft, daß sie allerhand Zauberei und Aberglauben treiben sollten. Beim Konfirmandenunterricht mußte er allein auf einer Bank sitzen, denn der damalige Pfarrer war zu schwach und unverständig, um dem Unwesen zu steuern, und nach den Stunden fielen oft die andern über ihn her und schlugen ihn, wiewohl er sich wehrte mit allen Mitteln, indem er trat und kratzte, und einmal zog er selbst ein Messer. Niemals durfte er auf den Tanzboden kommen, und auch die geringsten Mädchen wendeten sich von ihm mit Verachtung, denn selbst einer Gutsmagd uneheliche Tochter, die bei einem Bauern diente und ein Auge verloren durch einen Stich mit der Heugabel, mochte nicht mit ihm sprechen. In solchen Lebensverhältnissen hatte sich in ihm eine besondere Bosheit ausgebildet, daß er die Kinder erschreckte, indem er plötzlich eins faßte und ihm unheimliche Dinge sagte, die er vielleicht auch ausgeführt hätte, wenn er es gewagt, oder daß er den Mädchen bösartigen Schabernack antat, um den er dann wieder von den andern mit Grund gehaßt und verfolgt wurde. Später warf er sich darauf, allerhand Bücher zu lesen, die er bekommen konnte, denn wiewohl er in der Schule nichts gelernt hatte, weil in den Zeiten, wo er jung war, sich um solche Kinder niemand bekümmerte, wußte er sich allerhand Künste doch aus seinem eignen Geiste zu lehren und hatte auch ohne Anleitung das Lesen gelernt. Aus diesen Büchern kam ihm nun viel verwirrtes Zeug in seinen Verstand, denn er verschmähte einfache und schlichte Schriften, die er hätte verstehen können, sondern wollte Bescheid wissen, wie die Welt geschaffen, und weshalb das Böse in die Welt gekommen, und wie weit der Himmel von der Erde entfernt sei und solche Dinge, denn es hatte wohl seine arme, umdüsterte Seele ein Sehnen nach Gott und nach Gerechtigkeit; denn wenn auch die Liebe dem natürlichen Menschen nicht eigen ist, so hat er doch ein Streben nach Gerechtigkeit. Dergestalt kam er auf eigne Gedanken, daß es keinen Gott geben könne, weil da ein Stern war, dessen Licht erst nach viertausend Jahren zu uns kam, weil er so weit entfernt von der Erde war. Und bei dieser Meinung blieb er; wie er aber nichts weiter hatte, an das er sich halten konnte, so wurde er hochmütig auf seinen Verstand und verachtete alle andern Menschen und verhöhnte sie, und diese hinwiederum beharrten in ihrem alten Spott und Haß und vermehrten nur ihr Lachen, wie sie von seinen Ansichten merkten; und wenn er auch allen andern Spott fühlte, so spürte er hier doch nichts davon, daß sich die jungen Burschen über ihn lustig machten, wo sie ihn fragten, wie lang und breit der Himmel sei und ähnliches, sondern erklärte ihnen seine Meinungen, achtete gar nicht ihres Lachens, sondern hielt dieses wohl gar für Anerkennung und verhöhnte sie wegen ihrer Dummheit und Unbildung. Und so groß war sein Eifer, wenn er dergestalt lehren und sich rühmen konnte, daß er gar nicht merkte, wie er Hinkeding Wasenmeister genannt wurde, welche Namen ihn sonst zu heftigem Zorne bringen konnten.

Wie der jetzige Pfarrer seines Vaters Stelle erhalten, war es schon zu spät gewesen, noch auf den armen Menschen einzuwirken, denn die Bosheit war schon ganz unausrottbar in ihm gewurzelt, und seine Meinungen hatten sich so in ihm befestigt, daß sie nicht mehr vernichtet werden konnten. So war es mit ihm denn immer schlimmer geworden, daß er am Ende ein gefährlicher Mensch war, der nur durch ein Wunder noch kein schweres Unheil angerichtet, vielleicht weil ihn seine Unbehilflichkeit an vielem hinderte. Denn weil sein eignes Gemüt schlecht war, und weil gegen ihn alle Menschen sich schlecht gezeigt hatten, so bildete er sich die Gedanken, es gebe gar keine Güte im Menschen, und sei auch allen alles erlaubt, nur daß sich immer einer vor dem andern fürchte.

Dieser unglückliche Mann war nun im Hochalter gestorben; und wiewohl die Leute im Dorf gewollt hatten, daß er beigescharrt werde wie ein Tier, wegen seiner Lästerungen und Bosheiten, hatte der Pastor doch verlangt, daß er ehrbar geleitet wurde, und nun hielt er ihm selbst eine Predigt.

Jetzt stand der Mann vor Gottes Thron und wartete auf sein Urteil. Und sein Ankläger brachte ein großes Buch vor, in dem standen geschrieben die vielen Schmähungen und Lästerungen, Bosheiten und schamlose und niederträchtige Handlungen. Denn als eine im tiefsten Innern böse Person hatte er sich selbst an den unschuldigen Tieren und an jungen Bäumchen vergriffen. Aus bloßer Lust hatte er viele hundert junger Bäume abgeschnitten, die in Fröhlichkeit sich in der Frühlingsluft zu strecken gedachten, und Tiere hatte er nicht nur geworfen und geschlagen, sondern einmal hatte er einem jungen Hunde, der ihm treuherzig gefolgt war, ein Auge ausgestochen, und einem Pferd hatte er brennenden Schwamm unter den Schwanz gebunden. Nichts konnte sein Verteidiger erwidern, wie daß er erzählte von seiner elenden Kindheit und jämmerlichen Jugend, und daß er nur Schlechtes gesehen hatte in seinem Leben und nie Gutes ihm erwiesen war. Aber vor Gott gibt es keine Entschuldigung aus diesen Dingen, denn er sagt, daß er den Menschen eine reine Sonne an den Himmel gestellt hat, zu der sollen sie aufschauen. Da erzählte der Verteidiger zuletzt eine Geschichte, die einzige, die er hatte aufzeichnen können in seinem Buch.

Vor langen Jahren, der Mann war noch ein Jüngling gewesen, hatte er einmal an einem Raine unter einem Quitschenbaum gesessen und an einem hölzernen Löffel geschnitzt, denn er erhielt sich durch Anfertigung und Verkauf von allerhand Holzwaren. Da kam ein kleiner dreijähriger Junge zu ihm, dessen Eltern im Feld arbeiteten und durch einen geringen Hügel verdeckt waren, nannte ihn und bat, er solle ihm eine Pfeife machen; er konnte aber noch nicht alle Buchstaben sprechen, deshalb sagte er zu ihm Inkeding. Da sah Hinkeding das Kind an, stieg auf den Baum, der hoch war und glatt, schnitt ein passendes Reis ab und machte dem Kind eine Pfeife, indem er beim Klopfen das Liedchen sang, welches er selbst als Junge oft gehört, aber nie über seine Lippen gebracht hatte, weil er allein war und keine Pfeife haben mochte.

Er war noch ein Jüngling gewesen damals, und als er älter wurde, schnitt er die Bäumchen ab und stach dem kleinen Hund ein Auge aus; aber Gott sieht nicht in der Zeit wie wir, sondern ohne die Zeit; was wir Menschen auch tun sollten, wenn wir uns herausnehmen, in sittlichen Dingen zu urteilen; und weil er keine Seele von sich läßt, die auch nur eine Ahnung des Guten hat, denn er meint, daß durch Güte sich Güte vermehrt, was freilich nur für den Himmel paßt, und nicht für dieses irdische Gefängnis unsrer Seele hienieden, so nickte er dem Manne freundlich zu und nahm ihn auf in sein ewiges Leben.

In dem Augenblicke hatte der Pfarrer seine Rede am Grabe beendet, und der eine oder andre der Umstehenden nahm sich vor, er wolle künftig seinen Kindern verbieten, solche Menschen zu verspotten, und wolle ihnen selbst ein Beispiel geben. Und die beiden Jünglinge oben am Waldesrande, die auf den Gottesacker niedersahen, dachten, daß sie eben froh gewesen waren, und daß ein Mensch begraben wurde, der unglücklich gewesen in seinem ganzen Leben.

* * * * *

Nun hatte Hans die Schule durchgemacht und das Examen bestanden; so sollte er jetzt die Universität beziehen. Bis dahin war er nie ganz von Hause weg gewesen, denn wenn er auch in den Wochentagen im Löwenhof in einem Dachkämmerchen war und in der Schule auf den Bänken saß zwischen den andern, so pilgerte er doch jeden Sonnabend nach Hause, durch den hohen Tannenwald, an stillen Holzhauerdörfchen vorbei zu seinem Vaterhaus, das auf einer umschlossenen Waldwiese stand, in schwarzen Schiefern, und krausen Rauch schickte es in die helle Luft. Aber nun sollte er weit fort reisen mit der Eisenbahn, aus den Bergen in das ebene Land, und erst nach Monaten kam er wieder in die Heimat; und wenn er dann seine Studien beendet, wer weiß, in welche Ferne er dann gehen mußte.

Da rief ihn die Mutter zu sich und ging mit ihm in die Schlafkammer oben, um ihm ungestört ihre Abschiedsworte zu sagen.

Sie machte ein Gleichnis und sprach: Wenn du einen Tropfen Essig schüttest in ein Faß edlen Weines, so wird der Essig zu Wein; und umgekehrt, wenn du einen Tropfen Wein gießest in ein Faß mit Essig, so verliert er seine Natur und wird zu Essig. Also ist auch der Menschen Natur, denn wenn ein guter Mensch kommt in böse Gesellschaft, so verliert er alsbald seine Art und nimmt schlechte Art an, gleichwie ein Böser, der in gute Gesellschaft kommt, sich zu guter Art schlägt. Dieses bedenke und hüte dich vor lockeren Buben, die du viele treffen wirst auf der hohen Schule und in der großen Stadt. Denn wir, ich, dein Vater, deine Großmutter und unsre Magd Dorrel haben uns getreulich bemüht, daß du ein guter Mensch werdest; jetzt aber müssen wir dich ziehen lassen, mit Furcht und Sorgen, daß du uns nicht verdorben werdest und zurückkehrest als ein nichtsnutziger und verkommener Mensch. Und laß dich auch nicht verführen durch Neugierde und Eitelkeit, daß du zu tun bekommst mit solchen Buben, und du meinst, es soll nur auf kurze Zeit sein, nachher aber gedenkst du sie zu meiden; sondern denke, daß das Böse sich an den Menschen hängt wie Kletten, auch durch leise Berührung, und schwer ist es, daß sich einer wieder befreit von dem Unkrautsamen an seinem Gewande. Besonders aber warne ich dich vor der Eitelkeit; denn du weißt wohl, daß die Bösen spotten über die Guten und ihnen vorwerfen, sie seien unfrei, weil sie nicht tun wie sie und hören auf erfahrene Leute, dahingegen doch die Bösen selbst unfrei sind, denn wohl tun sie die ersten Schritte ohne Zwang, alle weiteren aber als Knechte ihrer früheren Taten; ein Trinker kann nicht mehr lassen vom Trinken und ein Hurer vom Huren, sondern ihr Teufel zieht sie hinter sich her an ihren Haaren. Du mußt aber wissen, daß dieses die besondere Verblendung des Satans ist, daß er macht, daß seine Knechte sich für frei halten; denn sie lügen nicht, wenn sie der andern spotten, sondern reden aus ihrer wahren Meinung.

Und wirst du nicht bloß böse Buben finden, sondern auch schlechte Mädchen, die dich verführen wollen zu Unkeuschheit und Werken der Wollust. Dazu wird deine eigne Begierde wach werden, denn du bist jetzt in die Jahre gekommen, da der Mann sich nach dem Weibe sehnt, und geschieht diese Verführung aus dem natürlichen Menschen und ist deshalb stärker wie die andre zum Trinken, Spielen und Balgen. Deshalb denke, daß du keusche und reine Eltern gehabt hast, denn dein Vater ist in das Ehebett gestiegen als ein unbefleckter Jüngling, gleichwie ich als eine reine Jungfrau. Und denke ferner, daß du einst ehelichen wirst und Kinder haben; aber was für Kinder wirst du bekommen, wenn du deine Kräfte ausgibst in jungen und unfertigen Jahren! Wenn du dich vergleichst mit deinem Vater, so wirst du finden, daß du einmal größer und stattlicher sein wirst, wenn du in dein Alter kommst, obwohl du viel in der Stube und über Büchern hast sitzen müssen; dessen Ursache ist das ehrbare und ordentliche Leben deines Vaters, der sich zusammengehalten hat in seiner Jugend, damit sein Sohn einst tüchtig sein solle.

Aber wenn du diese beiden Gefahren vermeidest, so wird dir eine dritte begegnen. Denn du wirst in der Stadt Mädchen finden, die sind zwar ehrbaren Wandels und ordentlichen Herkommens, und man kann ihnen nichts nachsagen; aber sie mögen nicht an sich selbst schaffen, sondern sind leichten Herzens und denken nicht an die Zukunft, und meinen, alles sei gut, wenn sie nur einen Mann haben, den sie lieb haben können. Hüte dich, daß du dich mit solchen Mädchen einläßt und etwa denkst: ich will mich verloben jetzt, und wenn ich fertig bin mit meinen Arbeiten, so will ich sie heiraten, und denkst: ich habe sie lieb, und sie hat mich lieb, und wir werden ein gutes, christliches Ehepaar sein, ehrlich leben und unsre Kinder gut aufziehen. Dieser Liebe sollst du mißtrauen, obwohl sie mit großer Schmeichelei deiner Natur und Seele daherkommt. Denn ein junger Mensch hat keine Erfahrung und weiß nicht, wie schwer es ein Hausvater hat, und was ein Haus kostet, und wie tüchtig ein Mädchen sein wird als Hausmutter. Deshalb öffne deine Augen und betrachte die Menschen, die sich frühzeitig verloben und verheiraten; da wirst du finden, daß das alles ein leichtes Volk ist, das sich freut ein Jahr lang, und das andre Leben bringt es hin mit Sorgen und Borgen. Auch ich, deine Mutter, habe eine Liebe gehabt, wie ich achtzehn Jahre alt war, zu einem jungen Kaufmann, und wie mein Vater nichts wissen wollte von dieser Liebe und der Bewerber traurig von ihm ging, da meinte ich, daß ich sterben müßte vor Kummer, und wäre ins Wasser gegangen, wenn ich nicht Gottes Wort gehabt hätte. Heute segne ich meinen Vater im Grabe, daß er hart gegen mich war aus Liebe, denn der Mann ist leichtsinnig gewesen und hat sein Vermögen vertan durch törichtes Bauen und übermäßige Erweiterung seines Geschäftes, weil er etwas Besonderes vorstellen wollte. Dann harrte ich sieben Jahre, und da kam dein Vater; das war eine andere Liebe, die ich zu dem hatte, denn ich ward ruhig durch ihn und stark. Er hat mir keine süßen Worte gegeben und mich nicht gerühmt; aber seit ich seine Ehefrau bin, habe ich keine andre Sorge gehabt als die, welche Gott jedem Menschen auferlegt, nämlich um ihn in seinem Beruf, daß ihm nicht ein Unglück geschieht, und um dich, mein geliebter Sohn, daß du gesund und gut aufwachsest; und ein bös Wort habe ich nie von ihm gehört.

Darum habe ich dir das erzählt, wiewohl es mir eine schwere Aufgabe war, weil diese dritte Versuchung die schwerste ist. Denke an meine Worte, wenn du vermeinst, daß du ein Mädchen getroffen habest, von der du nicht wieder lassen kannst. Vergiß nicht, daß erst das Weib den Mann zum Manne macht, deshalb darf der Mann kein Jüngling mehr sein, und deshalb soll er sein Weib auswählen, nicht bloß nach dem Gefühl der Liebe, wie es von den heutigen Dichtern beschrieben wird, sondern mit Ernst und Furcht.

So sprach die Mutter zu Hans. An manchen Stellen ihrer Rede färbte die Scham ihre Wangen; aber sie sprach ruhig und sicher, als eine Mutter zu ihrem Sohn. Und der Sohn ward bewegt in seinem Herzen und fühlte, wie er seine Mutter liebte, die stattlich und stolz vor ihm stand mit dem glatten und blonden Scheitel.

Hans antwortete, daß er ihre Worte behalten wolle. Und er glaube, daß er keine großen Anfechtungen erleiden werde. Denn es ist wohl ein unchristliches Gefühl, das ich habe, aber ich glaube doch, daß meine Meinung richtig ist: ich denke nämlich, daß ich besser bin wie alle andern jungen Leute, die ich bis jetzt gesehen, und deshalb muß ich mich zusammennehmen, damit ich später auch etwas leisten kann, wenn ich ausgelernt habe. Und ich will mich auch hüten, daß ich nicht hochmütig werde, denn ich kann ja nicht so viel für mich, sondern das meiste habe ich von Natur, nämlich von euch.

Nach diesem Gespräch war ein neues und andres Leben zwischen Hans und die Mutter gekommen; er war freier gegen sie und offen, wiewohl er ihr auch früher nichts Besonderes verheimlicht hatte; aber er hatte das Gefühl, daß er jetzt zu ihresgleichen herangewachsen sei, gleichwie er vor Jahren zu Dorrel herangewachsen und ihr gleich, bald dann auch ihr überlegen geworden war. So blieb jetzt nur noch der Vater über ihm. Gegen den Vater hatte er noch die alte kindliche Scheu; gegen die Mutter aber hatte er eine neue Scheu bekommen, wie er sie etwa gegen seine Braut gehabt hätte, und eine neue Liebe seit jener Bewegung im Herzen, die mehr zärtlich war wie früher. Solches sind die Ringe unsrer wachsenden Seele; und wenn unsre Seele in Gesundheit und Kraft zunimmt, so setzt sie solche Ringe einen nach dem andern an, und unser innerer Kern wird immer heimlicher und verborgener vor dem Ahnen der andern Menschen.

Aber wie die Mutter mit Hans gesprochen hatte, da nahm ihn auch Dorrel mit sich auf ihr sauberes Dachkämmerchen, wo ihr hochaufgetürmtes Bett stand mit rot und weiß gewürfeltem Bezug, und ein blankgescheuerter hölzerner Stuhl, und ein großer Koffer, mit bunten Blumen bemalt.

Den Koffer öffnete sie, zeigte ihm, was darinnen war, und sprach, daß er einst erben solle, was sie besitze, denn sie habe nur einen Bruder gehabt, der sei nach Amerika gegangen und habe dort eine Bauernstelle erworben, seit langen Jahren aber habe sie nichts mehr von ihm gehört und wisse gar nicht, ob er noch lebe und Kinder habe; in fremde Hände aber solle ihr Gespartes nicht fallen. »Aber wenn du einmal heiratest, so schenke ich dir dieses Tischtuch und zwölf Servietten; dazu habe ich den Flachs selbst gesät, gezogen, gebrochen, gehechelt und gesponnen, und vom Weber habe ich ihn mir weben lassen mit künstlichen Figuren von Bäumen und Tieren und einem Jäger. Jetzt ist das Leinen zwar noch hart und sieht grau aus, aber wenn es erst ein Jahr lang im Gebrauch gewesen ist, so wird es weich, weiß und glänzend. Nur hüte dich vor den faulen Wäscherinnen, die in der Apotheke fressende Gifte kaufen, die verderben dir deine gute Leinwand, und du hast am Ende nur Lumpen.« Danach zeigte sie ihm ihr Sterbehemd, das hatte sie auch selbst gesponnen und mit schönen Spitzen besetzt und wollte sie mit ins Grab nehmen; ihre übrige Wäsche aber, die gebraucht ist, welche er nicht behalten wollte, sollte er verschenken, einem armen und ordentlichen jungen Dienstmädchen, das sich noch nichts hat anschaffen können, und dem damit geholfen ist; »aber es muß ein ordentliches und fleißiges Mädchen sein, die meine Sachen trägt mir zu Ehre und sie sauber hält, nicht so ein faules Bettlergesindel, das in Lumpen umhergeht.«

Am Ende zog Dorrel noch ihre besonderen Kostbarkeiten hervor, an denen ihr Herz am meisten hing. Da war erstlich ein gestickter Tabaksbeutel, den hatte ihre Mutter ihrem Vater einst als Braut geschenkt und hatte derzeit zwei Taler gekostet, war auch nie gebraucht von ihrem Vater, aus Ehrfurcht, weil er so teuer gewesen. Den hatte ihr Bruder damals mitnehmen wollen nach Amerika, aber sie hatte ihn nicht hergegeben, weil sie dachte, in Amerika könne er in schlechte Hände kommen und zu Leuten, die nicht verstünden, wie kostbar er ist. Er war aber aus grüner Seide gehäkelt und waren Rosen, Vergißmeinnicht und Veilchen aus Perlen darauf, und in der Mitte war ein Wort »Souvenir«, das war auch aus Perlen, aber aus goldenen; gefüttert war er mit guter Schweinsblase. Dorrel sagte, wenn Hans erst Pastor sei, dann werde er sich das Rauchen aus einer langen Pfeife angewöhnen, und natürlich hätte er dann seinen Tabak in einem Kasten, aber wenn er einmal auf Besuch gehe, dann müsse er einen Tabaksbeutel haben, da solle er dann diesen nehmen; denn für einen Pastor schicke sich wohl so ein teures Stück, aber nicht für einen Tagelöhner, und eigentlich sei es ein rechter Unsinn gewesen von ihrer Mutter, ein solches Geschenk zu machen. Dann zeigte sie ihm einen geschnitzten Stockknopf aus Knochen. Der stammte desgleichen von ihrer Mutter her, welche als Mädchen in einem großen Hause gedient. Der Knopf hatte auf einem Rohr gesessen, das der Herr zu tragen pflegte, und wie das Rohr einmal zerbrochen war, wurde der Knopf mit fortgeworfen, Dorrels Mutter aber hatte sich ihn ausgebeten, abgeschraubt und sorgfältig aufgehoben. Jetzt sollte ihn nun Hans kriegen, wenn er erst eine Pfarre hatte, und da sollte er sich ein gutes Meerrohr mit ordentlicher Zwinge beim Drechsler kaufen und an den Knopf andrehen lassen; denn der Knopf war zwar altmodisch, aber von guter Arbeit, und weil die Mode sich immer ändert, so kommt es gewiß auch einmal wieder auf, daß die Männer von Ansehen solche Art Stöcke tragen.

Zuletzt hatte sie noch einen Hund aus Gußeisen, der für einen Briefbeschwerer dienen sollte, und hatte noch eine ganz andre Geschichte.