Der schmale Weg zum Glück

Part 7

Chapter 73,784 wordsPublic domain

Johanna war ein blasses Mädchen mit schwermütigen, dunkeln Augen und langlockigem Haar; ihr Mund war schweigsam, aber ihre Augen vermochten ein tiefes und heftiges Gefühl zu erregen. Als sie Hans zum ersten Male ansah, war es ihm, als überfalle ihn eine ganz schreckliche Angst; über die dachte er lange nach, und zuletzt wurde es ihm sicher, daß er das Mädchen liebe. Wie er darüber klar war, beschloß er, mit Karl zu sprechen; aber kaum hatte er dem den Namen genannt, da machte er ein glückliches Gesicht und begann zu erzählen, wie sie die Tochter seiner Wirtsleute besucht habe, mit der sie zusammen zur Schule ging, denn er wohnte bei einem Oberlehrer, und es sei eines Sonntagnachmittags gewesen, und sie hätten Pfänderspiele gespielt; da hätte sie ihn mehrmals angesehen; und er wisse genau ihren Schulweg und habe eine Rose abgepflückt und sei vor ihr gegangen, daß sie ihn habe sehen müssen, und dann habe er die Rose für sie in einen stillen Winkel hingelegt, und sie habe die Rose genommen, und seitdem lege er ihr jeden Morgen eine Rose hin, und sie nehme und trage die.

Wie Karl das erzählte, schämte sich Hans für ihn, sowohl um die Frechheit, daß er die Rose hingelegt, wie auch, daß er ihm das erzählte, und wurde ihm auch sehr traurig im Herzen, in weiter und unbestimmter Weise. So sprach er nichts mehr und suchte, daß er bald nach Hause kam, ging auf sein Dachkämmerchen und begann heftig zu weinen; der Wirtsleute gutherziges Töchterlein aber, das ein, zwei Jahre älter sein mochte wie er, als sie nebenan das Schluchzen hörte, kam sie zu ihm und wollte ihn trösten, riet auch gleich, daß er wohl verliebt sei. Da sprach sie recht verständig und wie eine ganz erwachsene Person, daß er doch noch ganz jung sei, und verloben könne er sich noch lange nicht, und überhaupt sei das alles nur Unsinn. Wie aber Hans, obwohl er sich schämte wie ein Dieb, doch immer heftiger zu schluchzen anfing, da konnte sie in ihrer Gutmütigkeit sich nicht mehr halten, denn sie hatte nahe ans Wasser gebaut, und fingen auch ihr an die Tränen über ihre runden Bäckchen zu rollen in dicken Tropfen. So saßen die beiden auf Hansens Bettkante; und kam ihr am Ende eine Erinnerung aus einem Buche, das sie gelesen, und sagte sie Hans, sie wolle seine Schwester sein, küßte ihn auf den nassen Mund und ging fort.

Nach wenigen Tagen hatte sie sich schon an Johanna heranzumachen gewußt und wurde mit ihr recht befreundet. Da dachte sie dann, Hansen guten Trost zu bringen, denn Johanna hatte ihr gesagt, sie möge Karl gar nicht leiden und habe Hans viel lieber; aber Hans glaubte ihr nicht, sondern meinte, sie wolle ihn nur trösten durch solche Botschaften. Einmal jedoch besuchte Johanna seiner Wirtsleute Tochter, und da sprach sie auch mit ihm einige Worte und sagte ihm zuletzt, weil es schon so dunkel sei und das Haus so abgelegen, so möge er sie doch eine Strecke begleiten, und wie er das tat, sagte sie ihm auf dem Wege dasselbe über Karl.

Da bekam er einen so wilden Haß auf den, daß er darüber erschrak, denn er hatte ein solches Gefühl noch nicht verspürt, und war es ihm besonders heftig, wenn er Karl lachen sah, denn da hätte er ihn mögen umbringen. Und weil er in diesen Tagen keinen Halt mehr fand in seinem Gebet, so geriet er in Trübsinn und tiefes Unglück, und ihm war, als sei er in einem Tal, aus dem es keinen Ausweg gibt, weil er vorher gemeint, es gebe einen Weg nach oben, der in Wahrheit nicht da war. So geschah es das erstemal, daß er dieses Gefühl hatte, das ja die meisten Menschen durch ihr ganzes Leben begleitet; sie wissen es sich nur zu verbergen, daß sie es haben, denn wenn sie das nicht täten, so vermöchten sie ja nicht zu leben.

Während diese Dinge nun solchergestalt liefen neben den Dingen der Erwachsenen, die meinten, daß ihre Dinge wichtiger seien, spitzte sich in der Heimlichkeit eine andre Sache in Beziehung auf Johanna zu.

In Hansens Klasse war ein Schüler, dessen Jahre weit über den Durchschnitt seiner Mitschüler hinausgingen, und der von diesen nicht sonderlich geachtet wurde wegen seines törichten Wesens, denn er ahmte in geckenhafter Weise die Erwachsenen nach in seiner Tracht, Haltung und Benehmen; so hatte er dem Religionslehrer abgesehen, daß er eine große Silbermünze an der Uhrkette trug, was damals neu und elegant war, und hatte sich einen steifen Hut gekauft, wie die jungen Kaufleute haben, und trug Stege an den Hosen. Sein Vater war ein reicher Gutsbesitzer, der wenige Stunden von der Stadt entfernt wohnte, und von dem erzählt wurde, daß er habsüchtig sei und Geld auf hohe Zinsen ausleihe.

Als Hans an einem Morgen in die Klasse kam, sah er, wie dieser Mensch allein auf seinem Platze saß und scheinbar eifrig in einem Buche studierte; alle seine Nachbarn waren von ihm gewichen, und in einer Ecke des Schulzimmers wurde von einigen heftig gestritten und erzählt; von denen erfuhr Hans, daß Ecker, denn so hieß jener, bei einem Freunde einen Ring gestohlen habe, der dessen Mutter gehörte; und diese, in der Meinung, daß ein Dienstbote die Tat begangen, habe der Polizei Nachricht gegeben, und als Ecker den Ring beim Goldschmied zum Verkauf bringen wollte, sei er festgehalten und erkannt worden. Wie der Lehrer in die Klasse trat, gingen alle schnell auf ihre Plätze; der Lehrer aber rief Ecker an und sagte, es sei bereits Meldung über ihn eingelaufen, und er solle bis auf weiteres aus der Schule bleiben. Da richtete sich Ecker auf mit einem blassen und verzerrten Gesicht, daß alle erschraken, denn sie hatten ihre Blicke auf ihn gewendet, und machte sonderbare Bewegungen mit den Händen und stieg unbeholfen auf die Bank und den Tisch; und indem noch alle erstaunt waren, was dieses bedeuten solle, da zog er ein Terzerol aus der Tasche, wie es wohl Jungen heimlich für ihr Taschengeld kaufen, setzte sich das auf die Brust, schoß ab und stürzte vornüber auf die Bänke und Tische hin, wo die andern entsetzt wegstoben, ehe sie noch wußten, weshalb sie erschrocken waren.

Hans war es, als höre er einen Fall eines schweren Geschirrstückes auf die Erde, denn er hatte die Handbewegung nicht verstanden, und wie Ecker fiel, wußte er noch gar nicht, was das bedeute. Als ihm das aber klar wurde, stieß er einen lauten Schrei aus vor Entsetzen, und nach einer kurzen Weile schrie er nochmals und anhaltend. Viele versammelten sich um ihn, und er wurde nach Hause gebracht.

In den nächsten Tagen wurde erzählt, wie alles zusammenhing. Der Tote hatte allabendliche Zusammenkünfte mit Johanna gehabt in der schlechtesten Straße des Städtchens, und hatten sie Leute da zusammen stehen und sprechen sehen. Um diese Liebe hatte der junge Mensch allerhand Ausgaben gemacht, die an sich wohl gering waren, aber doch sein Vermögen überstiegen, und so war er zu dem letzten verzweifelten Streich gekommen.

Für Hans war es, als ob er das alles in einem schweren Traum erlebe, bei dem man das Bewußtsein hat, daß doch nichts Wirkliches geschieht, sondern nur Erträumtes, und daß alles wieder in Ordnung ist, wenn man aufwacht. Und kam ihm zwar nicht zu rechter Klarheit, was innerlich bei ihm vorging, aber es ward ihm bewußt, daß alle Neigung zu Johanna plötzlich erloschen war, und ihm geschah, wie wenn ein verschönender Schleier plötzlich von ihrem Gesicht weggenommen war; so fiel ihm als häßlich auf, daß sie über dem Nasensattel kleine Sommersprossen hatte, die sie vorher ihm besonders liebreizend gemacht, und klang ihm auch ihre Stimme mit einem Male scharf und widerwärtig. Sie besuchte seine Wirtstochter und sprach wieder mit ihm, daß über sie viel gelogen werde, und sie sei jetzt nach jenem Todesfall so allein, deshalb dürfe er sie nicht auch verstoßen. Aber ihm war das alles abscheulich und ganz kalt.

Wie oft die Letzten untergehender Geschlechter zeigte Johanna das unheimliche Auftauchen längst vergessener Triebe der Urzeiten, denn nicht gestorben ist ja in uns das Blut unserer Vorväter, die im Steinalter und in der Bronzezeit düstere Höhlen bewohnten und mit bodengesenkten Blicken auf Raub und Vernichtung zogen, und es wird immer wieder regsam in uns selbst zu gewissen Zeiten, wenn die klare Vernünftigkeit schwach ist, die unsre Vorfahren errungen im jahrtausendlangen Kampf um das Freie, Hohe und Gute, und manche Menschen erfüllt es gänzlich; die wissen dann nichts von sittlichen Geboten und folgen einer Sehnsucht, die wir nicht glauben, geben plötzlich sinnlos und ohne Gedanken einer auftauchenden Begier nach und machen uns vielleicht verwundern durch die Schärfe ihrer Sinne und die merkwürdige Kenntnis der Regungen in andern Menschen, wie durch die Fähigkeit, diese Kenntnis zu ihrem Nutzen zu verwenden.

Hans war dem geheimnisvollen Zwange der Natur unterlegen, welche die ehrbaren und braven Menschen treibt, daß sie sich an solche unehrlichen und schlechten hängen müssen, und scheint in der frühen Jugend, wo die Liebe noch ganz geistiger Art und dunkle Sehnsucht der Seele ist, dieser Zwang noch ärger zu sein wie im späteren Alter der zwanziger Jahre. Deshalb muß man wohl sagen, daß Liebe etwas Furchtbares und Grausiges ist, und der Mensch ist glücklich zu preisen, den das Geschick davor behütet, in ihre Tiefen zu sehen. Aber bei Hansen war das nicht ein Sehen oder ein Verstehen, sondern ein ganz tiefes, heftiges Gefühl, das stärker war wie alle klare Äußerung des Geistes; und so tief in ihm war der Kampf vor sich gegangen, daß ihm nichts davon in sein Bewußtsein kam und er vielmehr erstaunte, daß seine Meinungen, Gedanken, Träume und Liebe so plötzlich umgeschlagen hatten. Aber mit einem Male überfiel ihn nun das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit in der Welt. Das war den Sonntag vor seiner Einsegnung.

Da wurde ihm zum ersten Male klar, daß wir zwischen den Menschen wandeln wie zwischen den wesenlosen Larven, welche die Wüste erfüllen; sie weichen zurück, wenn wir auf sie zugehen, und wenn wir ihre Hände drücken wollen, so fühlen wir bloße Luft; und ist nichts in der großen Wüste lebendig, denn wir allein.

Es geschah aber in einem Wäldchen, weil er sich sammeln wollte und ohne Reden der Menschen sein, daß ihm diese Klarheit kam, und geschah, wie er eine Ameise betrachtete auf dem Wege, die sich abmühte um etwas, das für ihn selbst ein Nichts war. Da dachte er an sein Losungsbüchlein, welche Losung ihm das geben müsse für diesen Tag; und siehe, da stand geschrieben: »Ich wache und bin wie ein einsamer Vogel auf dem Dache.« Über diese Worte kamen ihm die Tränen und stürzten in großen Mengen aus seinen Augen, und faltete die Hände, und wiewohl er keine Worte zu sagen wußte oder denken konnte, so betete er doch, und im Bitten schon hatte er noch Tröstung, Sicherheit und Ruhe.

Zwar bereits auf dem Heimwege kamen ihm wieder die alten Gedanken, daß es doch keinen Gott gebe, und daß deshalb solche Erfahrungen, wie er eben gemacht, ein Selbstbetrug seien; aber da half ihm wieder ein Buch, nämlich er hatte Doktor Martin Luthers Tischreden zu Hause liegen, die ihm der gute Pastor geliehen, in einer schönen, alten Folioausgabe, unbekümmert um die Derbheiten und starken Ausdrücke des Buches; denn er meinte, was aus einem reinen Munde kommt und in ein reines Herz geht, das kann keinen Schaden tun, und die heutigen Menschen sind übermäßig verzärtelt in ihren Worten, da sie doch in Gedanken und Taten unreiner sind wie früher. In diesem teuern und herrlichen Buche schlug Hans auf den Zufall hin auf, da stieß er auf die Stelle: »M. Antonius Musa, damals Pfarrherr zu Rochlitz, hat auf eine Zeit ^D.^ Martino herzlich geklagt, er könne selbst nicht glauben, was er andern predige. Gott sei Lob und Dank (hat ^D.^ Martinus geantwortet), daß andern Leuten auch so gehet, ich meinte, mir wäre allein so. Dieses Trostes hat Musa sein Lebenlang nicht vergessen können.«

Hierüber wurde Hans fröhlich und zufrieden, und schien ihm alles, was er Gelehrtes gelesen gegen Gott, dummes Zeug zu sein. Und beim frohen Blättern kam ihm noch eine andere Stelle unter die Augen:

»Als über ^D.^ Martini Lutheri Tische disputieret ward, wie ein lieblich Ding der Tau wäre, sprach ^D.^ Martinus: >Ich hätte es nimmermehr gegläubet, daß der Tau so ein herrlich lieblich Ding wäre, wenn nicht die Heilige Schrift den Tau selbst hoch gelobt hätte, da Gott saget: ^Dabo tibi de rore coeli^, ich will dir vom Tau des Himmels geben. Ach, ^Creatura^ ist ein schön Ding, wenn wir sollen ^Creationem^ glauben, ^tum balbutimus et blaesi sumus^, und sagen ^Cledo^ für ^Credo^, wie ein Kindlein spricht Lemmel für Semmel. Die Worte sind wohl stark, aber das Herz spricht ^Cledo; sed per hoc salvamur, quia cupimus credere^. Ach, unser Herrgott weiß wohl, daß wir arme Kindlein sind, wenn wirs auch nur erkennen wollten. Sagen doch die Apostel selbst: ^Dominus adauge nobis fidem^. Aber wir sind alle klüger denn unser Herrgott, wir könnens nicht verstehen, ^nisi per filium, id est, Christum^. Das ist alle seine Predigt, daß er spricht: ^per me, per me, per me^, ihr könntet's nicht tun, wenn ihr euch gleich zerreißet, durch den Sohn werden wir zum Vater bracht. Darum, wenn wir nur glaubten, daß unser Herrgott klüger wäre, so wäre uns schon geholfen.<«

* * * * *

Hans wurde mit Karl zusammen eingesegnet, nicht in der Stadt, sondern zu Hause in dem kleinen Dörfchen bei dem guten und frommen Pastor, der ihn in den ersten Jahren unterrichtet.

Es saßen zusammen zehn Kinder auf den Bänken der Konfirmanden, sechs Knaben auf der einen Seite und vier Mädchen auf der andern; und hatten die Mädchen das alte Dorfkirchlein mit seinen hellen Fenstern und weißgetünchten Wänden durch Kränze und Blumengewinde verziert, mit den vollen und farbigen Herbstblumen, vornehmlich Georginen und Astern, und der Boden war mit Tannengrün bestreut, das die Knaben den Tag vorher aus dem Walde geholt hatten unter fröhlichen Gesängen und wichtigen Reden darüber, wie sie sich morgen würden mit der kurzen Pfeife sehen lassen auf der Dorfstraße, und daß sie zum Erntefeste tanzen durften. Sie dachten wohl mehr an die Freuden der natürlichen Menschen bei der Feier; aber der natürliche Mensch und der geistige waren bei ihnen ja nicht so getrennt, wie wir meinen; und wenn ein Junge, der jetzt zur Seite ausspuckt, wie er es bei den erwachsenen Burschen gesehen, und vom Tanzboden spricht mit überlegener Miene, wenn der erst durch sein Leben gepilgert ist, durch Jugendtorheiten, Verliebtheit, Heiraten, Kindererziehen, Sorgen, Arbeiten und Kummer und als ein Greis im Hochalter vor seiner Hütte in der Sonne sitzt, dann denkt er auch wohl einmal an seine Einsegnung, und da verspürt er, daß er in Wahrheit doch noch andre Gedanken gehabt wie an die kurze Pfeife und das Tanzen. Es ist wohl recht lächerlich, daß auch Hans nicht die rechten Gedanken hatte; ihm fiel immer die Uhr ein, die ihm der Vater geschenkt, nebst der stählernen Kette, und der schwarze Anzug beengte ihn, und dann fürchtete er sich, daß er weinen werde. Karl saß neben ihm und war in sich versunken und hatte schwere Gedanken.

Die Kirche war ganz voll. Da saßen unten die Frauen, voran die Bäuerinnen mit ihren Töchtern, dann die Frauen der Holzarbeiter, und hinten die Tagelöhner. Vorn sah man feste, ruhige und glatte Gesichter, denen man Sicherheit, Ordnung und Fleiß anmerkte und gute Gesundheit. Dann kamen Gesichter, in denen man viele Mühe und Not las und Sorge um das tägliche Leben, aber dabei doch Würde und Ehrbarkeit, und zuletzt sah man Übermut und niedergedrücktes Wesen, fahrigen Sinn, Unterwürfigkeit und gedankenloses Dahinleben. Auf dem Rang saßen die Männer, glattrasiert die alten und mit Bärten die andern, und sie hatten nicht so ihre geordneten Plätze wie die Frauen unten. Hansens Eltern waren auch zugegen und saßen im Pfarrstuhl, und der Vater trug die grüne Gala-Uniform mit dem Hirschfänger an der Seite und sah groß und stattlich aus, und neben ihm die Mutter, die mit der Frau Pfarrerin die einzigen Frauen in städtischer Tracht waren.

Wie die Gemeinde das Eingangslied gesungen, kam der gute Pastor und las das Evangelium, und seine Stimme tönte schön und tiefklingend wie eine wohllautende Glocke; und nach dem zweiten Lied folgte dann die Predigt.

Die wendete sich fast nur an die Kinder und ihre Eltern; der alte Mann sagte, daß sich nun das Tor auftat zum Leben, und rühmte Gottes Güte, daß der uns die Gabe verliehen, durch dieses Tor zu gehen nur mit Hoffnung und Freude; und siehe da, als er diese Worte sprach, wurden einer harten und strengen Frau die Augen naß, der reichsten Bäuerin, und zog ihr Taschentuch hervor und weinte still vor sich hin, und die Tagelöhnerfrauen hinten stießen sich an und sahen nach ihr mit Erstaunen. Der Prediger fuhr fort und sprach von der Schuld, wie die sich jetzt anspinnt, in diesen Jahren, wenn sie nicht schon älter ist, und wie sie größer wird und größer und unversehens so groß, daß sie uns überragt und uns beherrscht wie einen Sklaven. An dieser Stelle wurde Karl bleich und schaute verzweifelt vor sich hin, daß Hans erschrak, wie er durch Zufall zur Seite blickte und in sein verfallenes Gesicht sah. Vieles verstanden die Leute nicht in der Predigt, so die Worte, daß das Gute leichter sei wie das Böse, und daß man das Gute tue als ein froher Herr und das Böse als ein ingrimmiger Knecht; aber es war auch wohl nicht nötig, daß die Leute alles verstanden, denn für sie konnten die Worte ja doch nicht Mahnung sein, sondern nur Trost, und den faßten sie auch so, selbst wenn zu dem andern ihre Gemüter nicht genug licht waren. Und nahm jeder den Trost in seiner Weise, denn die stolzen und lebensklugen Bauern hatten doch einen Winkel in ihrer Seele, wo die Sicherheit nicht war, der wurde nun erhellt, und die bekümmerten Holzarbeiter, die sich sorgten, wie sie die Ihrigen rechtschaffen durch das Leben brachten, fanden eine Hoffnung auf ein Leben, da es keine Sorgen und Kümmernisse gab, aber die oberflächlichen und prahlerischen Tagelöhner wurden wohl aus ihrer Selbstzufriedenheit erweckt, doch schwieg gleichzeitig der Stachel des Neides, der sie sonst quälte, und auch sie wurden fröhlicher.

Wie der Glauben bekannt wurde, sprachen die andern zaghaft und leise, Hans aber rief sein Ja laut und jubelnd, daß ihn der gute Pastor freundlich ansah; und unter bangem Herzklopfen folgte dann die Abendmahlfeier, bei der ein unbegreifliches Geheimnis unsern Glauben mit den urältesten Hoffnungen, Furchten und Gedanken der Menschen verbindet und so auch in Leichtfertigen und Gedankenlosen einen Schauer erzeugt, der ernst macht.

Danach sang die Gemeinde das Ausgangslied, und währenddem gingen die Eingesegneten einer nach dem andern zu dem Pastor in die Sakristei, brachten ihm, eingewickelt in Papier, ihren Beichtgroschen, wie es Sitte war seit undenklichen Zeiten, und niemand nahm daran einen Anstoß, und erhielten einen Spruch auf ihren Lebensweg; Hansen aber sah der Pastor mit einem frohen Lächeln an, dann nahm er seine Hand, legte ihm die Rechte aufs Haupt und sprach: »Halte, was du hast.« Das war in einer kleinen Sakristei, die getünchte Wände hatte, und stand da ein Tisch aus gestrichenem Holz, und darauf lag Bibel und Gesangbuch, davor das Kruzifix und ein Strauß Herbstblumen in einer blauen Glasvase; das Fenster war geöffnet, und von draußen kam das Murmeln der gehenden Menschen und herbstlicher Sonnenschein, der in Tropfen durch das Laub eines Baumes fiel. Wie Hans in die Kirche zurückkam, wartete da eine Taufgesellschaft, und war die Mutter früher Dienstmädchen bei der Herrschaft gewesen, die einen Waldwärter geheiratet und hatten das erste Kind. Die Frau saß in einem Kirchenstuhl, mit verlegenem und glücklichem Gesicht, und rosig und lächelnd und hielt das Kindchen auf einem Kissen im Arm und schaukelte es, damit es nicht schreien solle, das Kind aber wollte gar nicht schreien, sondern sah erstaunt nach dem großen Hängeleuchter, der mitten in der Kirche von der blauen, goldgesternten Wölbung herabhing. Der Vater stand aufrecht daneben in straffer Haltung, als ein früherer Soldat, und trug einen Bart rund ums Gesicht, in dem Oberlippe und Kinn ausrasiert waren, so daß nur der Kranz blieb; und auch er blickte glücklich und stolz auf das Kind, doch suchte er unbeteiligt auszusehen und wollte seine Gefühle verbergen, als unpassend für einen gräflichen Beamten. Die beiden Großeltern sollten Pate stehen, denn die Eltern mochten keine Patengeschenke von Fremden betteln. Die saßen gleichfalls, und ließ der Großvater seine Uhr an der härenen Kette baumeln, und wunderte sich, daß das Kind gar nicht auf die Merkwürdigkeit achten wollte, indessen die Großmutter zur Seite geschäftig in allerhand Linnenzeug kramte.

Wie der Pastor in die Kirche zurücktrat, erhoben sich die Sitzenden und traten alle zum Taufbecken. Die Mutter sah den alten Pastor an, der auch sie einst getauft, dann eingesegnet und endlich getraut hatte, und wurde noch röter, und ihr frisches Gesicht strahlte und wollte gewiß sagen, daß er das Kind bewundern solle, wie groß es war und verständig, aber sie besann sich noch zu rechter Zeit, daß das unpassend gewesen wäre, und in ihrer Verlegenheit schoß ihr eine ganz feurige Welle über das Gesicht, und machte einen Knicks vor dem geistlichen Herrn, wie es ihr früher beigebracht war, wenn sie auf dem Schlosse etwas der Herrschaft zu übergeben hatte, und reichte ihm das Kind. Der alte Mann lächelte freundlich, nahm es ihr ab, faßte ihm die Bäckchen und gab es der Großmutter, indem er der ganz verwirrt gewordenen Mutter zunickte.

Indem goß der Kantor das Wasser in das Taufbecken und prüfte mit dem Finger die Wärme; dann fand die Taufhandlung statt, bei der das Kind sich artig und ruhig hielt, dank der unermüdlichen Bewegungen der Großmutter, denn nur wie es die dreimalige Benetzung verspürte, schien es erstaunt und schlug die Augen über sich, und der Großvater, welcher der Stolzeste schien, rühmte es durch ein leises Wort dem Vater; am Ende kniete die Mutter nieder, und der Pfarrer erteilte ihr den Segen. Karl erwartete Hansen, denn er hatte ihm Wichtiges zu sagen und wollte seine Seele erleichtern durch Erzählen. Schon seit etlicher Zeit hatten sich die beiden entfernt, unmerklich und ohne sichtbaren Grund, wie sich zwei Baumstämme trennen, die, im Meer treibend, einander gefunden hatten und zusammen dahinschwammen, eine lange Weile. Wenn sie sich trafen, hatten sie sich nichts zu sagen, trotzdem doch sonst der Jugend das Herz leicht überfließt von dem vielen Neuen, das durch Auge und Ohr hereinkommt und gebildet wird durch den schöpferischen Verstand, und deshalb sprachen sie Gespräche wieder, die sie vorzeiten geführt, wiederholten Worte, die damals lebten und nun tot waren, und wunderte sich im stillen ein jeder, wie wenig er zu sagen wußte. Aber heute war in Karl eine alte Liebe erwacht, und sein Herz sehnte sich nach einem teilnehmenden Gesellen. So feinfühlig sind wir, ohne daß wir es ahnen, daß das Fremde, das in uns gekommen, auf beiden Seiten wirkend, uns trennt; erst als seine Reue die Schuld hinauswarf, waren sie wieder zusammen wie vorher.