Part 6
Karl fügte sich sehr schnell in die Verhältnisse, sah in seines Nachbars Hefte und hatte beim Abfragen ein Buch unter der Bank liegen; und wie der Lehrer einmal eine Aussage von ihm wollte, log er mit offener und heiterer Miene. Hansen war es nicht möglich, sich so zu geben, gleichwohl aber sah er wohl ein, daß er nicht gegen die andern auftreten konnte, und so stritten das alte Pflichtbewußtsein und das neue, das er hier bekam, eine lange Zeit in ihm miteinander, bis er endlich einen Ausweg fand, indem er selbst zwar keine Betrügereien mitmachte, aber willig seine Hefte und Bücher hergab, wenn die andern sie benutzen wollten. Als einmal sein Nachbar beinahe ertappt wurde und der Lehrer ihn befragte, wurde er sehr rot und verlegen und sagte ängstlich, er wisse von nichts.
Die Lehrer hatten allerhand Spitznamen, mit denen die Schüler sie unter sich nannten; allmählich gewöhnte er sich auch daran, sie so zu nennen, immer aber behielt er dabei noch eine gewisse Scheu und Unbehaglichkeit.
Zwar nahmen die Schüler im ganzen und großen seine Art ruhig hin ohne besonderes Nachdenken, einmal aber kamen sie doch auf den Gedanken, sie möchten ihn hänseln, weil er anders war wie sie, und fiel ihnen ein, sie wollten ihn auf den Klassenschrank setzen. Da wich er erst zurück und zog seine Arme fort, an denen sie ihn anfassen wollten, aber wie sie ihn endlich umringt hatten, und weil er sich aus Verlegenheit nur ungeschickt und schwach wehrte, da hoben sie ihn bald unter lautem Geschrei auf den bestimmten Thron. Wie er da saß, standen ihm vor Kummer die Tränen in den Augen, aber wie er auch Karl unter der Schar seiner Peiniger erblickte, da faßte ihn ein heftiger Gram, und es überkam ihn eine besinnungslose Wut, und er ergriff eine zusammengerollte Landkarte mit Stäben, die da oben lag, und hieb unbarmherzig mit aller Kraft auf die Köpfe unter ihm ein. Die Jungen schrien auf, und der Schwarm wickelte sich schnell auseinander, er aber sprang mit seiner Waffe vom Schrank herunter und verfolgte die andern, die vor ihm flohen, bis sie zuletzt alle zur Tür hinausliefen und diese von außen zuhielten, damit er ihnen nicht nachkommen solle, denn sie waren in heftige Furcht gekommen. Nach diesem Vorkommnis ließen sie ihn in Ruhe, ohne sich übrigens besondere Gedanken über den Grund zu machen; er aber überlegte sich das Ganze reiflich und kam zu dem Schluß, daß einer, wenn er sich nicht fürchtet, gar keine Gefahr läuft und wohl dreißig in die Flucht schlagen kann.
Fünf Jahre mußte er auf dem Gymnasium verbringen, das waren die fünf schlimmsten Jahre seines Lebens. Damals fühlte er wohl den Druck und hatte das unbestimmte Gefühl, als sei er Gefangener in einem Zuchthaus, aber weil alle um ihn herum in derselben Weise lebten und dieses Leben ganz natürlich und angenehm fanden, so kam ihm sein Unglück nicht zum Bewußtsein, und er litt nur dumpf. So hatte er es später leichter, wie er schwere Zeiten durchmachte, in Gewissenskämpfen und Sorge um das tägliche Brot, denn da fühlte er sich innerlich doch immer froh, wenn er dachte, daß das alles, was man als das Schlimmste hinstellt, doch nicht so schlimm war wie dieses Leben in der Schule, das damals allen natürlich und angenehm erschien, wenn auch alle litten gleich ihm.
Vieles wurde gelehrt, was ein jugendliches Herz wohl hätte begeistern können; aber was die Lehrer sagten, und was gelernt werden mußte, war gleichgültig und eine gemeine Arbeit ohne Sinn, wie sie ein Holzarbeiter verrichten mag, der denkt: am Sonnabend habe ich meinen Lohn verdient; und einen andern Sinn hat seine Arbeit nicht für ihn. So war auch in der Schule alles Arbeiten nur aus dem Zwecke zu verstehen, daß man solche Dinge wissen mußte, wenn man das Examen bestehen wollte; das mußte man aber bestehen, sonst durfte man nicht studieren; deshalb freuten sich auch alle auf die Universität, denn sie hofften, daß sie da das Zweckvolle und Sinnreiche sehen würden. Aber weil die Arbeit allen zuwider war, und weil alle das gleiche wissen mußten, Kluge und Dumme, so kam zu dem noch hinzu, daß die Dinge, die man wissen sollte, so lange wiederholt wurden und breitgetreten, bis sie auch bei dem Dümmsten und Gleichgültigsten festsaßen. Traurig und matt saßen die Jungen auf ihren Bänken, sahen sehnsüchtig aus dem Fenster, wo die Schneeflocken wirbelten und eine frische Kälte war, oder starrten auf die tintenfleckigen und zerschnitzten Tische und die beschmierten Bücher, indessen die gelangweilte Stimme des Lehrers schläfrig an ihr Ohr klang, der nun schon seit Stunden eine einfache Konstruktion erklärte, die jeder sofort verstanden hätte, wenn er nur Lust hätte bekommen können, sie zu verstehen; den einen oder andern ermahnte der Lehrer, er solle aufpassen und nicht träumen, und wenn er dann einen fragte, ob er jetzt die Sache wiederholen könne, so zeigte sich der gänzlich verständnislos, und die Erklärung mußte von neuem angefangen werden. So wurde an einem einzigen Satz von Cicero eine ganze Stunde übersetzt.
Es ist zu sagen, daß diese Bildung der Schule weder unsern Hans noch irgend einen andern Jungen gebildet hat, sondern nur die Bedeutung eines Wissens von allerhand Dingen bekam, das zum Teil sehr schnell wieder vergessen ward, und so erhielten alle diese Schüler ihre wahre Bildung neben und außer der Schule, weshalb über diese sowohl wie über die Lehrer hier weiter nichts zu sagen ist.
Kinder sehen die Dinge nahe, scharf und gewissermaßen in einer einzigen Fläche; aber wenn ein Junge in die Zeit kommt, die man die Flegeljahre nennt, so ändert sich unmerklich dieses Sehen, und damit werden auch die Gefühle verändert, die er in sich hat; denn es legt sich ihm ein Schleier über alles, daß die Umrisse verschwinden und die Dinge, die früher allein standen, sich zu einem einheitlichen und untrennbaren Bild zusammentun, und dieses Bild bekommt dann Tiefe, Vordergrund und Hintergrund, seine Seele aber erfüllt sich nun mit einer unbestimmten und undeutlichen Sehnsucht, welche die Bilder immer weiter in den Hintergrund treibt, damit sie dort goldigere Farben annehmen und duftigere Umrisse; er kriegt Erinnerung und Hoffnung, und der Gegenwart vergißt er, und weil so vieles eine neue Bedeutsamkeit erlangt hat, die er früher nicht geahnt, so geht ihm nun oft bei einer Kleinigkeit das Herz auf als bei einem tiefsinnigen Symbol, dessen Bedeutung ihm nicht in Begriffen beifällt, sondern nur in einem dunkeln Gefühl; und kommt alles das rein und ungestört durch Äußeres aus dem Innern heraus, bei dem einen so, bei dem andern so. Außerdem, während das Kind noch das Gefühl hatte, daß alle andern Kinder, ja selbst die Tiere, ihm gleich seien und deshalb noch keine Scham kannte, überfällt jetzt den Jungen eine heftige Schamhaftigkeit, weil alles Neue nur ihm allein gehört, und kann sich diese Schamhaftigkeit aber nicht äußern, wie es ihr entsprechen würde, weil der Junge sie selbst nicht versteht, deshalb kommt sie zutage als Trotz, Ungezogenheit und auch als Lüge; so nennt unsre liebe keusche Muttersprache dieses Alter recht schön die Flegeljahre.
Welche von den vielen Zügen, in denen sich diese Wandlung äußerte, soll der Erzähler nun wohl herausheben? Es ist etwa zu erzählen, wie Hans an einem Mittwochnachmittag in der Stube seiner Wirtsleute sitzt, wo hinterm Ofen der Bauer im Halbschlaf träumt, und hat eine alte Zigarettenschachtel, die er geschenkt bekommen, die klebt er an allen Seiten sorgsam mit Kleister zu, daß kein Licht hinein kann, und träumt in der Art wie einst, da er zu Hause unterm Tisch saß, wie heimlich es wäre, ganz klein zu sein und in solcher verklebten Schachtel zu sitzen. Wäre ein andrer in der Stube gewesen und nicht bloß der verschlafene Wirt, so hätte er sich geschämt, solches Spiel zu treiben.
Durch Schule und Umgang werden derartige Neigungen auf bestimmte Wege gelenkt, und so kam Hans darauf, sich eine Pflanzensammlung anzulegen. Dazu hatte er den stärksten Trieb im Frühling, denn wenn der Rasen noch überall vergilbt und schmutzig war, so erschienen die gelben Blumen des Huflattich, die dann im Sommer die großen Blätter nachtreiben, darauf kamen die Schneeglöckchen, und endlich begrünten sich die Wiesen, erst an den feuchten Stellen, wo die Dotterblume ihre dicken Knospen aufbrach und glänzende Blätter entrollte; und wie es überall grün war, da beblümte sich die Wiese mit Marienblümchen, Veilchen, Männertreu, Vergißmeinnicht, Hahnenfuß, Frauenmantel, Löwenzahn, Schaumkraut und Storchenschnabel, in den Wäldern aber wuchsen die Zankblümchen, Maiglöckchen und blauen Leberblumen. Das alles war so, daß das Herz weit wurde, und schien, als könne diese Zeit nie aufhören und müsse die Wiese immer weiter blühen, und der Fuchsschwanz sich heben und Sauerampfer stehen und Kälberkropf sich breiten, und es werde niemals gemäht. Alle diese Blumen kannte Hans schon früher, aber jetzt sagten sie ihm eine Sehnsucht und eine Freude, die ihm bis dahin unbekannt gewesen, und einmal, wie er ganz allein war, und niemand ringsum zu sehen inmitten der blühenden Wiesen, da wagte er es, daß er aufjauchzte; aber der Ton war ihm so sonderbar, daß er gleich wieder verstummte, aus Schrecken.
Aus dieser Zeit blieb ihm ein Erlebnis für sein ganzes Leben in der Erinnerung, das äußerlich zwar nichtig schien: er war ausgegangen, Pflanzen zu suchen und trat aus dem Wald und sah vor sich ein Bauernhaus, bei dem ein großes, abgezäuntes Weidestück war; weil aber der Frühling eben seine ersten Tage schickte, so lag noch in einem schattigen Winkel etwas schmutziger Schnee, jedoch mitten durch das Stück floß ein Wässerlein, eilfertig und geschäftig, wie diese Wässerlein im frühen Frühling dahinplaudern, und an dessen Rändern war das Gras schon grün und einige Büschel Narzissen standen da, in deren einem eine Narzisse aufgeblüht war, diese Blume, die für den Oberflächlichen kalt und leer scheint und in Wahrheit doch eine fast unheimliche Leidenschaft in sich schließt. Wie Hans diese einsame Blume sah, war es ihm, als bliebe vor einer sonderbaren Wonne sein Herz stehen, und erst viel später, wie er schon erwachsen war, wußte er, daß da damals ein heftiges Glücksgefühl gewesen, und verspürte einen goldenen und sanften Abglanz davon auch nachher immer noch, wenn er in seiner Sammlung die gepreßte Blume betrachtete. Mit geringerer Stärke hatte er solche Gefühle auf andern Gängen, die er einsam machte und für sich; so, wenn er am Waldrand dahinschritt, wo knorrige Wurzeln vorragten und die Zweige sich weit überbogen, indessen das Korn ruhig stand mit Mohn und Kornblumen, oder er wandelte einen schmalen Pfad zwischen den Kornfeldern, und rechts und links streiften ihn die schweren Ähren, die überhingen, und eine Lerche stieg schmetternd in die Höhe aus der Mitte der unbewegten goldenen Frucht und wurde zu einem kleinen Punkte oben im Blau, von dem es herabjubelte; ja selbst der Strohduft in seines Vaters dämmernder Scheune vermochte eine Sehnsucht und glückliche Freude zu erwecken. Der Grund bei allem diesem aber war wohl, daß es ihm schien, weil seine Brust sich weitete, so fließe er zusammen mit dem andern und gehöre zu ihm, so daß alles eins sei.
Nur ein dunkles und drohendes Gefühl stand auch in solchen Stunden immer im Hintergrund, das sich an die Schule knüpfte; da waren unbekannte Gedanken, daß er eigentlich arbeiten müsse, und daß er nicht seine Pflicht erfülle, und daß er niemals das schwere Abiturientenexamen werde bestehen können, denn trotzdem er unter den Ersten saß, war er sich doch bewußt, daß er lange nicht wußte, was man wissen mußte; und allerhand Vorwürfe machte er sich dann, wenn er an seinen Vater dachte, wie fleißig der war und sich keine Freude gönnte, nur damit er selbst lernen sollte. So schwer war diese Last, welche die Schule auf seine Seele legte, daß er auch nach vielen, vielen Jahren sie noch spürte, wie er schon längst erwachsen war und verheiratet und Kinder hatte.
In der Schule hörte er von Lehrern wie von Schülern etwas ganz anderes über den lieben Gott, wie er bisher gehört. Die Religionsstunde hatten die Jungen bei einem Lehrer, dem ein langer, blonder Bart gewachsen war, und der oft einen kleinen, runden Taschenspiegel vorzog, den er auf den Katheder legte und darin seinen Bart betrachtete; auch putzte er sich die Nägel so sorgfältig, daß sie glänzten wie poliert, und wenn er sich setzte, so zog er vorher mit zwei Fingern die Hosenbeine in die Höhe, um sie zu schonen, weil sich die Knie sonst aus den Hosen herausarbeiten. Die andern Lehrer sprachen gar nicht vom lieben Gott, sondern sie redeten so von den Göttern der alten Griechen und Römer, daß es war, als glaubten sie an die, was natürlich bloß so schien. Und die Jungen dachten eigentlich gar nicht an Gott; das war so, daß er sich geschämt hätte, vor ihnen den Namen Gottes zu gebrauchen, denn er hatte das Gefühl, daß das nicht hierher paßte.
Mit Karl hatte er einmal ein Gespräch über diesen Punkt. Da sagte dieser, heute glaubten überhaupt die meisten Menschen nicht mehr an Gott, und die es doch täten, wären entweder Heuchler wie die Pfaffen, oder sie seien Dumme. Wie Hans ihn fragte, was dann sein Onkel sein sollte, verstummte er zuerst, und dann erklärte er, der sei »hinter seiner Zeit zurückgeblieben«. Solche Meinungen schienen Hans ganz schrecklich, und er hatte großes Mitleid mit Karl; der aber lachte und sagte, er wolle ihm ein Buch borgen, in dem sei das alles ganz klar bewiesen. Zuerst wollte Hans das Buch nicht lesen, dann aber meinte er, daß er Karl vielleicht auf bessere Wege bringen könne, wenn er ihm solchen Widersinn klar mache, wie in dem Buche geschrieben sein werde, und deshalb studierte er es durch.
Da war nun aber plötzlich alles anders geworden. Karl hatte recht, in dem Buch war ganz klar nachgewiesen, daß es keinen Gott gab und daß nur die Schlechtigkeit der Menschen, insbesondere der Pfaffen, die von der Dummheit der Menschen ihren Vorteil zögen, noch die falschen Ansichten aufrecht erhielte. Gar nichts konnte man gegen die Beweise des Buches vorbringen. Das fiel ihm nun schwer aufs Herz, denn erstlich sollte er jetzt in einigen Wochen konfirmiert werden und mußte bekennen, daß er an die christliche Lehre glaubte, und das konnte er nun nicht. Wie er Karl fragte, was der tun werde, da konnte ihm der auch keinen Trost geben, sondern meinte, das sei nur eine Formsache mit dem Glaubensbekenntnis und man könne es nicht Lüge nennen, wenn einer dazu sein »ja« sage, denn jeder wisse ja doch, was von diesen Dingen zu halten sei. Diese Meinung schien Hans nicht richtig und er beschloß deshalb, einen Erwachsenen zu fragen, wiewohl er eine große Scheu hatte, wie wenn er etwas Verbotenes getan habe; aber weil es sein mußte, so überlegte er sich lange, wen er angehen solle, seinen Vater oder den guten Pastor, und er entschloß sich endlich, zu seinem Vater zu gehen. Der aber erwiderte ihm nichts auf das, was ihn bekümmerte, sondern wurde nur ärgerlich und sprach, er solle keine törichten Bücher lesen, sondern sich an seine Schulsachen halten und die ordentlich betreiben, so werde sich alles Weitere später schon von selber finden. Das war das erstemal, daß ihm auf eine Bitte keine Gabe wurde von seinem Vater, wiewohl nur deshalb, weil der ihn nicht verstanden, und von da an verschloß sich das Herz des Kindes vor dem Erzeuger und kam viel Kummer und schwerer Kampf aus solcher Entfremdung. So sehr aber hatte die Antwort ihn zurückgetrieben, daß er nun noch weniger wagte, zu seinem alten guten Pastor zu gehen.
Wohl wußte er, daß der Satan derlei Anfechtungen schickt, daß wir nicht glauben können, und daß wir dann siegen, wenn wir recht heftig zu Gott beten und Gott die Hilfe abringen; aber er sah auch ein, wenn es nun keinen Gott gab, so war ja auch diese Lehre eitel Torheit; und das schien ihm so klar, daß es keinen Gott gab, daß kein Mensch mehr zweifeln konnte, nachdem er das Buch gelesen; es hieß aber »Kraft und Stoff«.
Und die Sorge um die Konfirmation war nur das Nächste. Weiterhin tat sich ihm dann die Furcht auf, wenn er nun die Schule zu Ende besucht hatte, so sollte er Theologie studieren nach dem Willen seiner Eltern; das konnte er aber doch alsdann nicht, denn er wäre doch dann auch einer von denen geworden, die das Volk betrügen und die Wahrheit verhehlen. Auch über diesen Punkt urteilte Karl ganz leichtfertig, indem er meinte, diese Sorge habe noch lange Weile, und vorerst brauche man sich um sie nicht zu bekümmern.
Für einen jungen Menschen bedeutet der Glaube an Gott noch wenig; er hat noch so viel andern Glauben an sich und an die Menschen und an die Zukunft und an die ganze Welt, daß er jenen entbehren kann, ohne daß etwas in ihm zusammenbricht. So empfand Hans seine Wandlung im Grunde gar nicht tief, sondern nur als eine Beunruhigung für seine Ehrlichkeit; erst in seinem späteren Ringen ging ihm wenigstens ein Teil der großen Fragen auf, um die es sich hier handelt. Diese erste Anfechtung fand ihn in der Gedankenlosigkeit, die der glücklichen Jugend eigen ist und geziemt.
Gerade in den Wochen, wo diese Gedanken einander am heftigsten anklagten und entschuldigten, kam noch eine zweite Angelegenheit zu ihrem Höhepunkt. Hans hatte nämlich eine Liebe gefaßt, wie das bei Knaben seines Alters geschieht, und in dieser ereignete sich etwas über alle Maßen Grausiges.
Das Städtchen war bis zum Deputationshauptschluß reichsunmittelbar gewesen; dazu führte bis zu dem großen Umschwung im sechzehnten Jahrhundert hier der Handelsweg vorbei, und die Bürger trieben wichtige und weite Geschäfte bis tief nach Asien hinein. So waren sie reich und stolz geworden und hatten ein Rathaus gebaut noch in den romanischen Zeiten aus den gewaltigen Blöcken des dort vorkommenden Syenitgesteins, das Funken sprühte, wenn man ihm einen Stahl anschlug, und waren in der wuchtigen Wand die kleinen Fenster verteilt, die das Licht von hoch herab in große Säle warfen, und vorn führte eine steile und schwere Freitreppe zum Stock; am Eingang stand ein uralter und ungefüger Steinblock, an dem des Kaisers Schwert und Handschuh hingen. Jetzt spielten Kinder in luftigen Sommerkleidern auf der alten Treppe. Noch andre alte Häuser erhoben sich am Marktplatz, stolz und trotzig wie Burgen wehrhafter Ritter, aber mit hohen Dachräumen, in denen einst reiches Kaufmannsgut gelagert.
Als der Handel damals andere Wege einschlug, hatten die klugen und vorsichtigen Kaufherren einen verständigen Ersatz gesucht im Geldgeschäft und Beteiligung am Bergbau, und war eine zweite Blüte der Stadt gekommen aus diesen Gewinnen, die noch stolzer war wie die erste; aber die großen Staatsbankerotte, die Wandlungen des Metallwertes und die Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges hatten diesen Wohlstand von Grund aus vernichtet. Seitdem kamen kleine Bürger auf in den stolzen Häusern, die in Läden Handwerksgeräte, Kleiderstoffe und allerhand geringe Kaufmannswaren verkauften an die Leute aus dem Gebirge oder die Bauern vom Lande, die an den Sonnabenden zur Stadt kamen, hier einzuhandeln, wessen sie bedurften bei ihrem kleinen Wesen. Und außer den alten Häusern zeugten nur noch in der Kirche zu Sankt Blasien alte Wappen in den Fenstern, finstere Familienstühle mit sonderbaren Schnitzereien und prunkvolle Grabtafeln an den Wänden von den stolzen Geschlechtern, die einst hier gelebt, ehe die freisinnig gesinnten Kleinbürger in der Stadt hausten.
Nur eine der alten Familien hatte sich erhalten in sicherem Reichtum an Grund und Boden in den Dörfern; deren Letzte bewohnten noch das alte Haus aus schweren Quadern mit kleinen Fenstern und gewaltigem Giebel, den oben die große eiserne Rolle zierte, mit welcher einst die fremden Warenballen heraufgewunden wurden. In den reichsstädtischen Zeiten war aus diesem Hause immer der regierende Bürgermeister gewählt und der Iktus, aber wie die Freiheit verloren ging, hatten sich die Herrschaften von allem zurückgezogen, und nun führten sie ein hochmütiges und abgeschlossenes Leben, die Männer in Verwaltung ihrer Güter und allerhand verschollener Gelehrsamkeit, die Frauen in Sorge für das Haus, Wohltun und Frömmigkeit; seit dem dreizehnten Jahrhundert wies die Hauptkirche Stiftungen von ihnen auf, angefangen mit einem Stück guten schwarzen Tuches von acht Ellen, für die Armut bei den Beerdigungen als Sargdecke zu nehmen. Damals nun lebte Herr Jobst Riemenschneider mit seiner Frau und einem einzigen Töchterchen Johanna in dem alten Hause. Herr Jobst war ein durchsichtig blasser und feiner Mann mit einem verzehrten Gesicht, der Scheu hatte vor Menschen und alles Geräusch fürchtete, und ganz im verborgensten Winkel des Hauses hatte er seine Studierstube, deren Türen waren gepolstert, damit kein Laut sie durchdringen sollte. Hier forschte er in allen Akten und Archivstücken über die frühere Geschichte seiner Stadt; denn seit langen Jahren schon arbeitete er an einem Werke, das doch nie fertig zu werden schien, weil ihm immer neue Zweifel kamen, wenn er glaubte, er habe etwas festgelegt, und dann mußte er immer von neuem untersuchen. Unterdessen wurde in der allgemeinen Wissenschaft draußen ein heftiger Kampf geführt über die Anfänge des Städtewesens und die ersten Zeiten der Gilden und Zünfte und über die frommen Genossenschaften; das alles betraf seine Arbeiten, aber er verspürte von diesen Kämpfen nichts, denn seit seinen Universitätsjahren hörte er nichts mehr von heutiger Wissenschaft, sondern lebte nur seiner beschränkten Aufgabe, die doch von Jahr zu Jahr luftiger wurde und weniger zu fassen. Die Frau war bei der Heirat ein fröhliches junges Ding, von der niemand wußte, woher sie stammte, und es wurde heimlich erzählt, sie sei eine Schauspielerin gewesen. Damals lebte noch des Herrn Jobst alte Mutter, eine kalte und fromme Frau mit scharfen, grauen Augen. Die mag das junge Ding wohl sehr in die Zucht genommen haben, denn man merkte ihr an, wie sie sich veränderte und traurig aussah und oft verweint. Das einzige Töchterchen, das sie Johanna nannten, wurde ihnen erst nach Jahren geboren. Damals, als Hans seine Berührung mit diesen Menschen hatte, war die Frau schon lange leidend, und es hieß, sie müsse in den Süden gehen. Johanna wuchs auf in dem alten Hause, in dem es noch ein Zimmer gab, das ganz mit blauweißen Kacheln ausgelegt war, auf diesen Kacheln sah sie Schiffe und Windmühlen, Schlösser, Ruinen, Fischer, Kirchtürme, Chinesen und allerhand sonstige Dinge abgebildet, die man sich denken mochte. Dann waren da große, geschweifte Schränke, die vier Türen hatten, und Kommoden mit wunderlichen Griffen, seltsam geschwungene Stühle, uralte Bilder, die ganz dunkel geworden waren und etwa einmal ein gespenstisch blasses Antlitz mit blitzenden Augen sehen ließen; Treppenstufen gingen zu Zimmern in die Höhe; Kronleuchter hingen seit Jahrzehnten eingehüllt, und vergoldete Stühle hatten festgebundene Bezüge. Und auf den Böden stand unter Staub vielhundertjähriges Altertum, eingelegte Truhen, Spinnräder aus Mahagoniholz mit Elfenbein, alte Bücher in Schweinsleder mit messingenen Beschlägen, Rechnungen der Urahnen in Bündeln, Medizinflaschen von längst vergessenen Toten und sonstiges Krankengerät, Wiegen und Kinderspielzeug, darunter ein Puppentheater aus der Rokokozeit und ein großer Ballen sorgfältig gesammelter alter Leinwand, von der an arme Wöchnerinnen geschenkt wurde, wie seit Jahrhunderten schon geschehen in diesem Hause.