Part 5
Karl Gleichen wird den Hans Werther eine lange Weile begleiten, deshalb ist so ausführlich über seine Eltern geredet; denn aus deren Schuld und Art entstand sein Wesen, das in allem anders war wie Hansens Wesen. Karl war ein anmutiges und liebenswürdiges Kind, jeder Güte zugänglich und leicht nachgebend bei scharfem Zureden, offenherzig und gutmütig, und gern hätte er Allen geschenkt; sein Verstand faßte leicht auf und behielt schnell, und ohne Mühe zog er Schlüsse: jeder hatte ihn lieb und war gütig gegen ihn, weil er ein so begabtes, gut geartetes und sonniges Kind schien; aber er war erzeugt durch Schwäche und Selbstsucht, und ein ernster Mann hätte in seinen Vorzügen vielmehr Fehler gesehen. Seine Güte entsprang nicht aus einer Stärke, sondern aus einer Kraftlosigkeit, weil er sich nicht wehren konnte gegen den Einfluß fremden Willens und schnell gerührt wurde und mitlitt; seine leichte Auffassung entstand dadurch, daß in ihm selbst nichts Eigenes und Starkes war, das sich gegen die fremden Gedanken wehrte, sondern leicht hielten diese fremden Gedanken bei ihm ihren Einzug, nahmen Besitz von den Kammern seines Verstandes und zeugten hier Kinder; zwar blieben sie immer nur Fremde, und wenn eine neue Einwanderung kam, so mußten sie bald weichen. So geschah es, daß er selbst Auswendiggelerntes nach längerer Zeit, wenn er es nicht gebraucht, plötzlich spurlos verloren hatte, als habe er es nie gehabt. Seine Offenheit hatte denselben Grund, denn weil nichts Eigenes und Unbewegliches in ihm war, so entwickelte sich nicht die Scham des Gedankens, die oft scheinbar törichte Äußerungen von sich gibt, aber auch bei der größten Torheit immer Eignes und Starkes anzeigt. Solche Menschen sind dann leicht anmutig, weil sie so ohne Zwang und Not im Innern leben, und liebenswürdig sind sie, weil sie sich einem freundlichen Entgegenkommen sogleich öffnen. Auf solcher Schwäche ruhen aber zuletzt die Selbstsucht wie die Eitelkeit, denn weil die nötige Kraft nicht genügend vorhanden ist, muß ein solcher Mensch mit seinem Wollen haushalten, um nur bestehen zu können; während dagegen ein starker Mensch überflüssige Kraft hat und daher selbstlos ist, indem er in Stolz und Freude von seiner Kraft andern mitteilt, mag er in äußeren Dingen dem Oberflächlichen auch karg scheinen, weil er keine leichte Hand hat. Aber Liebe bei den Menschen haben mehr die Kinder vom Schlage Karls; Hans war verschlossen, unliebenswürdig, ängstlich im Verkehr, hart, hielt seine Sachen fest und spendete nicht, lernte schwer und zog schwer Schlüsse aus dem Gelernten, und außer seiner Eltern befolgte er niemandes Ermahnungen.
In des Pastors Studierstube saßen die beiden Jungen. Hans übersetzte, mit oft stockender Stimme und in großer Anstrengung, die Stirn finster faltend; Karl dachte träumend an Hansens Kaninchen und bedachte bei sich, ob der Oheim ihm wohl erlauben werde, daß er sich auch ein Pärchen halte; denn wenn er nur die erste kleine Erlaubnis hatte, so wollte er wohl mit der Zeit noch mehr bekommen und einen Stall haben, der viel schöner wäre wie Hansens.
An den Wänden herum standen auf den Gestellen viele alte Bücher, denn der Pastor war ein Freund ehrwürdiger Folianten in Schweinsleder und Pergament; da waren des teuren Gottesmannes Luther sämtliche deutsche Bücher in acht Foliobänden, des Tabernämontani Kräuterbuch und Gesneri Tierbuch; daneben Spangenbergs Adelsspiegel und Mansfeldische Chronika, und noch manche andre alte Chronik. Das war ihm eine Freude, wenn er dem kleinen Hans diese Bücher zeigte; langsam holte er den Band aus dem Börd, strich liebkosend über den gepreßten Pergamentdeckel, auf dem etwa ein sächsischer Kurfürst oder eine menschliche Tugend abkonterfeit war; dann öffnete er die Schließen und schlug den Band auf vor Hans, dem das Herz klopfte. Oft wunderte er sich, woher der Junge diese Freude an Büchern geerbt habe, denn der stammte von Förstern und Bergleuten ab und nicht wie er, der Pastor, von einer langen Reihe von Gelehrten und Dienern des Wortes; war doch in den Lutherschriften vorn eine Eintragung eines Vorfahren, der auch Pfarrer gewesen, und hatte diese Schriften gekauft und binden lassen, und kam ihn der Band auf einen Karolin zu stehen nach damaliger Münze, was für einen armen Pfarrherrn mag eine stattliche Ausgabe gewesen sein. Dafür aber hatten so viel Jahrhunderte diese Bücher in den Studierstübchen der Nachkommen gestanden und hatten viele geistliche Moden erlebt, Bärte und Perücken und rasiertes Gesicht und eignes Haar; und die letzten Pfarrherren waren alle starke Raucher gewesen, davon die Bücher endlich ganz mit Tabakrauch durchdrungen waren, also daß er einem in die Augen biß, wenn man sie aufschlug.
Noch andre Freuden hatte der Pastor, die er mit Hansen teilte, weil der so nachdenklich war. In einem Glasschrank stand ihm ein Straußenei und eine Kokosnuß und viele fremde Muscheln; dazu Pfeile von wilden Völkern, ein großer Bergkristall und die Fingernägel eines vornehmen Herrn in Siam; denn die adeligen Siamesen beschneiden ihre Nägel nicht, aus Stolz, sondern lassen sie lang wachsen, daß sie wohl fünf Zoll erreichen und mehr und sich wunderlich krümmen. Zu Winterzeiten hielt der Pastor allwöchentlich eine Missionsstunde ab, in welcher er vieles erzählte von dem Leben der Wilden, daß die nackt herumlaufen, wie sie Gott geschaffen hat, und sich gegenseitig verzehren und Götzen anbeten, die sie selbst gemacht aus Stein oder Holz; so elend ist der natürliche Mensch. Da zeigte er dann auch seine Seltenheiten herum, das Straußenei und die Kokosnuß, die Pfeile und die grausamen Fingernägel aus Siam; und war um diese Missionsstunden eine große Liebe für die armen Heiden in der Gemeinde, und viel wurde geopfert. An Hans hatte der Pastor eine große Freude, daß er so offenen Herzens war für alle solche Kenntnis, und deshalb erzählte er ihm vieles, was ihm auf dem Herzen lag. Er erinnerte ihn aber ganz an seinen Vater, den Förster. Der war zu ihm gekommen, wie er selbst Student war, als ein armer Junge, der eine Waise war und schon in den Wald gehen mußte auf Arbeit, um das Brot für sich und seine Mutter zu verdienen; denn das Gnadengeld, das die Mutter bekam für ihren toten Mann, betrug nur zehn Silbergroschen die Woche, und das reichte nicht aus für die beiden; hatte also den Studenten gebeten, er möge ihm Stunden geben in der Mathematik, des Abends, wenn er aus dem Wald nach Hause käme, weil er nicht Arbeiter bleiben wollte, sondern wollte einmal Förster werden, und gestand, daß er nur einen halben Groschen zahlen könne für die Stunde. So war er denn ins Pfarrhaus gekommen um acht Uhr in der Dunkelheit und hatte sich in des Studenten Dachstübchen an den Tisch gesetzt und gelernt. Aber weil es warm war in dem Studierstübchen, und er hatte den Tag über fleißig gearbeitet in der Kälte, so wurde er müde, und die Augen fielen ihm zu wider Willen, mitten während eines Beweises. Da hatte der Student Mitleiden gehabt mit dem armen Jungen, hatte ihn schlafen lassen und derweilen, eine lange Pfeife rauchend, in Bengels Gnomon studiert, bis der wieder aufwachte, sich besann und weiterhin aufmerksam folgte, wie sein Meister lehrte. So lange war das nun her, und jetzt wollte der Sohn dieses armen Jungen selbst einmal Student werden und später ein Prediger, und das geschah darum, weil der Junge von damals so fleißig und treu gewesen war. Auch für des Pastors Blumen hatte Hans viel Liebe und Staunen. Vornehmlich an Topfpflanzen hatte sich der Pastor gefreut, wenig am Garten, als ein rechter Stubenhocker, der den lieben Sonnenschein so recht genoß durch die kleinen Scheiben seiner blumenbestandenen Fenster und zu Winterszeiten im warmen Schlafrock sein geheiztes Stübchen liebhatte.
Da standen merkwürdige Pflanzen, besonders viele Kaktuspflanzen; dabei war auch eine Königin der Nacht, die nur einmal im Jahr blühte, und dann nur eine Nacht. Wenn diese Nacht war, so lud der Pastor den Förster, den Lehrer und den Amtmann zu sich ein, die Frau Pastorin setzte Wein und Torte vor, und dann wurde abgewartet, wie sich die Blume öffnete. Eine ganz sonderbare Geschichte erzählte der Pastor von einer andern Pflanze, die er »japanische Rose« nannte. In früheren Jahren hatte er einen solchen Topf von einem Amtsbruder geschenkt bekommen, der zwei Stücke besaß, die er selbst aus Stecklingen großgezogen. Lange Jahre wuchs, grünte und blühte das Gewächs; aber mit einem Male fing es an zu kränkeln, nahm ab und ging endlich ein; und zu der gleichen Zeit starb der Amtsbruder, von dem der Pastor den Topf erhalten. Diese Geschichte durfte Hans nicht weitererzählen wegen der menschlichen Schwachheit, weil Manche in der Gemeinde sich noch mit abergläubischen Gedanken trugen.
Der Pastor war ein Letzter einer langen Reihe, und weil er mit seiner Frau keine Kinder hatte, so schien es, als wolle die Natur nicht, daß er seine Art fortführte. Was so viele Generationen seit Jahrhunderten in innerlicher Arbeit erstrebt hatten, das war in ihm ein wirkliches Bild geworden; er wußte nichts von Schlechtigkeit oder bösem Wesen, und kam ihm etwas Schlimmes nahe in seiner Gemeinde, so machte er ein erschrecktes und betrübtes Gesicht, und dann lächelte er ungläubig, und seine Mienen zeigten an, daß er vor einem Fremden und Unverständlichen stand und keinen Rat wußte; bald aber fand er sich wieder und meinte, ein Irrtum sei das und eine falsche Auslegung der Wirklichkeit. Zwar, er predigte von der Erbsünde und von der natürlichen Bosheit des Menschengeschlechtes; aber in seinem Herzen wußte er nichts von diesen Lehren, er sprach da nur Worte, die er nicht verstanden. Mitten unter einer harten Bevölkerung lebte er, unter kleinen Bauern und Holzarbeitern, die wohl tüchtige und ordentliche Leute waren, unter denen keine Liederlichkeit oder Faulheit vorkam; aber ihr Leben floh hin bei dürrer Berechnung von Besitz und Erwerb, bei zähem Halten am kleinen Vorteil, der nicht ohne geringe Betrügereien war, wie sie bei solchen Leuten als ordnungsmäßig betrachtet werden. Die fanden bald heraus, daß der Pastor vom wirklichen Leben nichts wußte und keine Ahnung hatte von dem, was in ihnen vorging; deshalb hielten sie ihn für dumm, oder wie sie sich das vorstellten, für »überstudiert«; und in dem sie nun mit allem, was sie unmittelbar anging, sich fern von ihm hielten, vermehrten sie noch seine Täuschung über die Wirklichkeit, die ihn umgab.
Aber auch in der Seele solcher Menschen, die ganz beschränkt auf Irdisches und Bürgerliches sind, gibt es doch ein höheres Leben. Zwar gewinnt es scheinbar keinen Einfluß, denn es wird rasch bedeckt durch das Überwuchern des Wirtschaftlichen; aber vielleicht ist das ganz gut so, und wenn es anders wäre, würden solche Menschen Schwätzer und scheinheilige Salbader. Deshalb hatte der Pastor doch eine große und segensreiche Bedeutung für seine Gemeinde; sie wußten alle, daß er nicht an sich dachte und das Evangelium vom Rock erfüllt hatte; ja es gab sogar eine Geschichte über ihn von einem Paar neuer Stiefel und einem wandernden Handwerksgesellen; sie wußten, daß hier keine Lüge, keine Gier, kein Betrug war, keine Habsucht und kein unlauteres Wesen, sondern ein reines und frommes Herz und ein klarer und guter Sinn; und in dem bedrängten und beladenen Leben, das sie führen mußten, bei harter Arbeit und schweren Sorgen um das tägliche Brot und Kämpfen um die Ehrbarkeit des Wandels hatten sie an dem Pastor ein Bild wie das eines glücklichen und frohen Engels, der auf Erden wohnt, nichts weiß von Sünde und Schuld und Sorge und mit dem Finger zum Himmel weist, als zu einem freien und leichten Leben, das als Ziel uns allen vorschweben sollte. Und was bedeutet das für einen beladenen Menschen, der mühselig dahin geht, den Blick auf die Erde gerichtet! Aber es ist gut für uns, daß solche Menschen selten sind.
In ihrer Art ebenso merkwürdig wie der Mann war die Frau Pfarrerin.
Sie war frühzeitig Waise geworden und hatte von ihren Eltern ein ziemliches Vermögen geerbt; ihres jetzigen Mannes Vater, der alte Pastor, der ein entfernter Verwandter war, wurde ihr als Vormund bestellt und nahm sie zu sich ins Haus, sie mit seinen Kindern zusammen zu erziehen.
Schon als kleines Mädchen faßte sie eine Neigung zu dem ernsten Ältesten, weil er ein liebes und gutes Wesen hatte und in vielen kleinen Dingen besorgt werden mußte wegen seiner Zerstreutheit. Das hatte ihm eine Schwester einmal gesagt, da war er rot geworden und schämte sich, denn er dachte, sie wolle ihn hänseln. So behielt sie ihre stille Neigung, wie er von Hause fortkam auf die Schule, und wie er erwachsener wurde und auf die Universität ging; aber weil sie eine herbe und verschlossene Natur war und ohne Zutunlichkeit, so verspürte niemand etwas von dem, was sie heimlich bei sich dachte. Und auch der Student seinerseits, der durch seine Jahre selbstbewußter geworden war, wie er als Junge gewesen, dachte viel an sie mit Liebe und Hoffnung, nur hatte er noch so viel Schüchternheit, daß er ihre Begegnung mied, und spann sich noch mehr in seiner tabaksqualmigen Dachstube ein, wie er es sonst getan hätte ohne seine liebende Gesinnung.
Wie er seine Examina bestanden und hoffen durfte, daß er in wenigen Jahren eine Pfarre bekommen werde, da dachte er wohl, daß er nun wagen dürfe, mit ihr zu sprechen über das, was er im Herzen hatte. So geschah es, daß er einst an einem Sonntagnachmittag nach der Predigt mit ihr durch die Felder ging, und auf beiden Seiten stand der hohe Roggen, untermischt mit Kornblumen und roten Kornrosen. Und wiewohl er ihr nur ganz alltägliche Dinge erzählte aus Scheu, so spürte sie doch durch ein geheimes Überfließen seines Herzens, was er sagen wolle; aber da überfiel sie mit einem Male eine namenlose Angst und eine heftige Scham, und das spürte er sofort, und zwar hatte er in seinem Herzen eine Bewegung, die das richtig deutete, und er hatte Lust, sie in seinen Arm zu nehmen und an die Brust zu drücken, aber da überkam ihn aus einem andern Winkel seiner Seele plötzlich ein lähmendes Mißtrauen und eine Furcht, so daß sich alle Gefühle in ihm zurückzogen als erschreckt und ihm ganz starr wurde im Herzen.
So redete er mit stockender Aussprache weiter, was er Gleichgültiges angefangen, und ging neben ihr her; und ihre bebende Hand streifte einmal über das hohe Korn; da sah er, daß ihre Hand bebte, und es begann wieder lebendig zu werden in ihm; aber die Erstarrung war bei dem feinen Menschen zu groß, er wurde ihrer doch nicht wieder Herr, und so blieben die Worte ungesprochen zwischen den beiden, nach denen ihrer Beider Herzen sich sehnten, und sie gingen stumm nach Hause.
Da war aber eine Schicksalsstunde versäumt, die in langen Jahren nicht wiederkam. Sie dachte, daß sie sich wohl geirrt habe in ihrem Gefühl, daß er zu ihr neige, und er habe überhaupt keine wärmere Liebe für sie, nur für die andern; und er meinte traurig, für sie, die große, feste und herbe Jungfrau mit den geschlossenen Lippen sei er zu gering, und sie könne ihn nicht lieb haben, sondern müsse ihre Liebe auf einen andern richten. Ohne Eifer dachte er das und mit tiefer Trauer.
So vergingen Jahre ihnen beiden in stillem Sehnen, bis jenes Unglück über ihn kam mit seiner Schwester. Wie er von Hamburg zurückkehrte, da trieb es ihn, daß er zu ihr gehen mußte, die schon längst für sich gezogen war und allein hauste; sie waren aber nun beide Menschen weit über die vierzig; da erzählte er ihr alles, davon er doch manches gar nicht recht verstand, weder die blinde Leidenschaft der Schwäche seiner kleinen Schwester, noch die rohe Habgier der Schlechtigkeit bei dem Manne. Und wie er geendet und sie anblickte, ohne Rat und Trost, da sah er, daß in ihren Augen Tränen standen, die sie vergeblich zurückhalten wollte. »Weinst du über sie?« fragte er. »Nein, über dich!« rief sie in Selbstvergessenheit. Da vergaß auch er alles und fragte, als ob er träume, und lächelte dabei wie ein Kind: »Hast du mich denn lieb?« Aber eine Erwiderung in Worten wurde nicht gegeben, sondern sie kamen zusammen mit ihren Herzen, und ihr Gesicht, das sonst unbeweglich und fest war, lag an seiner Brust und wurde von vielen Tränen überströmt.
So hatten sich die beiden gefunden, nachdem sie des Lebens Höhe schon überschritten und sich seit frühen Jahren nacheinander gesehnt; und als sie sich dann heirateten, da war es, als ob alles Glück, das für sie bestimmt gewesen und nicht verbraucht war in den langen Jahren, als ob das sich angesammelt habe und nun um sie sei, und verging kaum ein Tag, daß sie nicht darüber staunten, wie glücklich sie waren, und machten sich selbst aufmerksam auf dieses oder das in ihrem Leben, und freuten sich über sich selbst.
Und das war sonderbar, daß, wer die beiden allein sah, hätte gemeint, diese ernste Frau mit dem festgeschlossenen Mund müsse dem kindlichen Mann überlegen sein, auf dessen reiner Stirn nur die einfachen Gedanken zu lesen waren, die ihn bewegten; und sie konnte auch nicht gut mit Kindern umgehen, während dem Mann alle Kinder anhingen und ganz mit ihm sprachen wie mit ihresgleichen, welches der stärkste Ausdruck kindlicher Zuneigung ist. Wenn aber die beiden zusammenstanden, dann kam niemand mehr auf den Gedanken, der Mann könne schwächer sein wie die Frau, sondern das natürliche Verhältnis von Mann und Weib war offenkundig vorhanden, obwohl sie in vielen Dingen für ihn sorgte, daß er hätte ganz unselbständig scheinen müssen; so schnitt sie ihm bei Tisch das Fleisch vor.
Das Pfarrhaus hat für die Leute auf dem Lande etwas Festtägliches, durch die Ruhe, die wenigen Menschen in den vielen Räumen, die blitzenden Fensterscheiben mit den weißen Gardinen dahinter, die sandbestreute Diele und die frommen Sprüche, die im Flur angebracht sind. Und die beiden Leute waren festtägliche Leute dazu, das empfanden die Arbeiter und Bauern; und noch mehr empfand es der kleine Hans. Wenn sich die Haustür in der Pfarre hinter ihm geschlossen hatte und die Klingel lange nachschellte und er auf den Zehenspitzen über die Diele ging mit dem knirschenden Sand, der ein so lautes Geräusch zu machen schien, so schlug ihm jedesmal das Herz; und in Freude verwandelte sich die Ehrfurcht erst dann, wenn er dem freundlichen Pastor die Hand gab. Was sollen wir viel erfahren von dem, was äußerlich vorging in diesen Jahren? Auf Hans wirkte das Wesen der Alten, und das Wesen Karls hatte Einfluß auf ihn, zu den Wirkungen und Einflüssen, die er zu Hause hatte und im Wald; ganz wenig wirkten auf ihn die Jungen in der Schule und die Schule überhaupt, obwohl die einen großen Raum in seinen Erlebnissen einnahm; aber was er hier hatte, war nur ein Kennenlernen der Dinge, die ein Mensch gebraucht zu seinem äußeren Leben; diese aber sind für unsere Absichten gleichgültig.
* * * * *
Wie Hans in sein zwölftes Jahr kam, mußte er des Pastors Unterricht verlassen und in die Stadt gehen, das Gymnasium zu besuchen; mit ihm ging Karl Gleichen.
Hans wurde auf den Löwenhof gebracht, zu einem Ackerbürger, namens Löwe. Hier bekam er ein Dachkämmerchen mit einem Bett zum Schlafen, den Tag über mußte er sich in der Wohnstube der Leute aufhalten, an deren Tisch aß er auch; nur die Woche über war er hier. Sonnabends, wenn die Schule beendet war, pilgerte er durch das alte Stadttor hinaus, durch die Felder hinauf in den Wald nach Hause, und Montag früh ging er wieder zurück in die Stadt. Seine Mutter hatte abgemacht, daß sie für die Woche einen Taler bezahlen wollte an die Wirtsleute, den trug er Montags in der Tasche bei sich.
Diese Löwes waren alteingesessene Leute, deren Voreltern fleißig und sparsam gewirtschaftet hatten, bei ihnen aber ging alles auf, und es war wohl zu sehen, daß sie ihrer einzigen Tochter einst nichts hinterlassen würden. Das geschah aber so, daß sie nicht eigentlich liederlich waren, auch nicht wirklich verpraßten; nur war der Mann von langsamer Art und ein Schläfer, und die Frau, wiewohl flink und gewandt, liebte sehr das Essen, mehr aus Liebe zur Kochkunst wie aus Leckerei, denn es freute sie am meisten, wenn es andern schmeckte. Sonst aber waren sie ordentliche und gute Leute.
Um vier Uhr des Morgens weckte die Frau den Mann; der öffnete dann die Kammerfenster und rief die Knechte und die Magd wach; darauf sagte er, daß er erst wieder warm werden wolle und ging ins Bett zurück, aus dem er dann nicht vor sieben Uhr aufstand. Da pflügten die beiden Knechte schon lange auf dem Acker, und die Magd hatte längst gemolken; wenn aber des Herrn Auge nicht wacht, so geht der Pflug nicht tief und wird das Euter nicht leer, und vieles wird vertan und verworfen in der Wirtschaft. Die Frau ging in die Küche und sagte, sie fühle sich so schlecht im Magen, ihr sei, als müsse sie etwas Besonderes genießen; und so briet sie schon am frühen Morgen sich allerhand Leckerbißlein, davon sie auch, als eine kleine Person, dick und rund wurde, indessen der Mann mit dem verschlafenen Gesicht mager und lang war.
Wohl sahen sie selbst ein, daß sie auf diese Weise immer mehr zurückkamen, und namentlich an den Quartalsterminen wurde ihnen das klar. Aber sie vermochten nichts an ihrem Leben zu ändern; wenigstens muß man rühmen, daß sie sich nicht gegenseitig Vorwürfe machten. Nur heimlich klagten sie wohl einem andern ihr Leid, und zu solchem Vertrauen erwählten sie sich ihren Kostgänger Hans. So rief ihn etwa die Frau in die Küche, briet eine schmackhafte Gänseleber, schob ihm die zu und sprach: »Iß, sie ist mit ungesalzener Butter gebraten«, und erzählte dann von ihrem Leben, daß sie viele Anbeter gehabt habe, die sie zur Frau gewollt hätten, aber sie habe nun zu ihrem Unglück diesen Mann genommen; der sei zwar gut zu ihr und trinke auch nicht, aber er sei träge und schlafe zu viel, und sie könne allein das Wesen nicht halten, so viel Mühe sie sich auch gebe; dazwischen erzählte sie, daß sie in die Nudeln, mit denen die Gans gestopft wird, buchene Asche nehme, rühmte auch wohl die gebratenen Kartoffeln und erzählte, von welchem Landstück man die Kartoffeln zum Braten nehmen müsse, und von welchem sie als Salzkartoffeln oder in der Schale am besten schmeckten; und am Ende weinte sie in die blaue Schürze und sagte, wenn sie noch einmal heiraten sollte, was ja Gott verhüten möge, denn ihr Mann sei ja gesund und wohl, aber unmöglich sei doch nichts, so werde sie sich besser in acht nehmen. Und der Mann rief den Hans zu sich, nahm die kurze Pfeife aus dem Mund, tippte ihm damit auf die Brust und erzählte, was er für ein Kerl gewesen sei in seinen jungen Jahren, und was er für Mädchen hätte heiraten können, lobte dann seine Frau, daß sie ja gut sei und auch flink, aber sie sei zu sehr auf das Essen und Trinken, und darüber gehe das Haus zugrunde. Aber, meinte er, man könne ja nicht wissen, wenn seine Frau einmal sterben sollte, so werde er sich in seiner zweiten Ehe ganz besonders vorsehen; und so waren beide schon recht in die Jahre gekommen und meinten doch, nach unbedachter Leute Art, daß sie ihr Leben immer noch vor sich hätten und es nach ihrem Gefallen lenken könnten.
Die Tochter der beiden war wenige Jahre älter wie Hans, gutmütig und still, und hatte der beiden Eltern Eigenschaften in sich vereinigt, schlief viel und aß gern und war in ihren jungen Jahren auch schon artig aufgegangen zu einem kugelrunden und zufriedenen Fräulein.
Hans aber hatte es gut in der Familie und wurde rechtschaffen gefüttert für seinen Taler.
In der Schule war ihm das Einleben recht schwer. Da bestand eine allgemeine Verschwörung gegen die Lehrer: alle Schüler hielten zusammen, logen sich gegenüber dem Lehrer heraus, betrogen diese auch, untereinander aber logen und betrogen sie nicht. Hätte einer sich dieser Ordnung nicht gefügt, so hätten sie ihn alle verachtet.