Der schmale Weg zum Glück

Part 4

Chapter 43,666 wordsPublic domain

In Hans war eine wunderliche Ernsthaftigkeit, und in sein Wesen kam eine größere Reife durch diese Gespräche, wie seinem Alter gewöhnlich ist; in aller sonstigen Erfahrung aber blieb er kindlich und unwissend, und wurde seine Erziehung gerade entgegengesetzt, wie die Erziehung heute gewöhnlich ist, da die Kinder viel Fremdes sehen und manches Neue erfahren, früh Furcht und Achtung verlieren und gewitzt werden; dabei aber in ihr Wesen keinen Ernst bekommen und oft noch im wesentlichen kindisch bleiben, wenn sie schon Männer sein sollten.

In der Küche saß Dorrel, Kartoffeln schälend, mit einem bekümmerten Antlitz. Hans setzte sich ihr gegenüber. Wie sie ihn ansah, stand sie auf, stellte ihre Schüssel ab und rumorte mit den Herdringen. Sie wollte aber verbergen, daß sie weinte. Hans fragte: »Weshalb weinst du?« Da antwortete Dorrel nach langem Zögern und vielem Drängen, sie weine um die Großmutter, daß die nun im Sterben liege.

Hans wiegte den Kopf, dann sagte er: »Darüber muß man nicht weinen. Wir müssen alle sterben, und das wissen wir. Die Großmutter aber ist eine alte Frau, die in ihre Jahre gekommen ist; sie hat keine Sorge hinter sich, sondern weiß, daß sie meine Eltern in guter Ordnung verläßt; dazu leidet sie keinerlei Schmerzen, sondern ihr Leben lischt aus wie ein Licht. Deshalb hat sie selbst auch nicht Kummer über ihren Tod, vielmehr freut sie sich, weil sie jetzt wieder mit dem Großvater zusammenkommt.« Dorrel hörte diesen Worten mit großer Verwunderung zu und bekam eine sonderliche neue Achtung vor Hans, die sie bis dahin noch nicht gespürt. Deshalb sagte sie nach einer Weile: »Wenn du es so nimmst, so hast du recht, aber ich weine um meinetwillen, denn sie ist mir immer eine gute Frau gewesen, und ich habe sie lieb.«

Hiernach war Hans wieder eine Weile nachdenklich, dann sprach er: »Ich habe sie auch lieb, aber ich bin nicht traurig und will auch nicht weinen.«

Dorrel mußte auf den Boden gehen, um Räucherware zum Abendbrot aus der Rauchkammer zu holen. Sie bedachte sich, wie sie es machen sollte, daß sie nicht allein war. Endlich befahl sie dem kleinen Hans, daß der die Laterne tragen mußte; sie ging hinter ihm her mit Furcht. Als sie oben waren, merkte Hans, daß sie Angst hatte; und weil er nicht wußte, welches der Grund sein konnte, fragte er sie. Sie sagte ihm, sie fürchte sich, weil ein Sterbendes im Hause sei. Da wurde er wieder nachdenklich und schüttelte endlich den Kopf über sie, aber er sagte nichts mehr. Indessen hatte er von nun an das Gefühl verloren, daß Dorrel als eine Erwachsene über ihm stehe, und empfand sie nur noch als eine Gleichgestellte, ja als eine solche, die er unter Umständen beschützen dürfe; und Dorrel ging ohne Klarheit auf dieses veränderte Verhältnis ein. Ihm selbst war auch nicht bewußt, worin der letzte Grund lag, nämlich daß Dorrel in Dumpfheit und unwissender Furcht befangen war und nur nach Trieben lebte, die sie nicht verstand: er selbst aber lebte schon zu einem Teil in Helligkeit und klarem Denken und Prüfen.

Eine Zeit der Dumpfheit und unwissenden Furcht kam für ihn später, als in der Großstadt das Fremde und Neue auf ihn einstürmte, das er nicht fassen und verarbeiten konnte; und wie es gerade schien, daß er in diesem Meer der Finsternis versinken müsse, da sollte ihm von der armen Magd ein helles Licht kommen, das ihm das Ufer wies und den Berg, darauf er zu neuer Helligkeit emporsteigen konnte.

Der Großmutter Zustand wurde immer schlechter; sie schlief des Nachts sehr unruhig und hatte Atembeschwerden. Daß jemand bei ihr wachte, wollte sie nicht; aber die Mutter schlich des Nachts mehrmals leise die Treppe hinunter und horchte an der Stubentür. Der kleine Hans brachte ihr die ersten Schneeglöckchen an ihr Bett; die sah sie lange mit glänzenden Augen an, dann stellte sie die Blümchen in ihr Wasserglas, das neben ihr stand. »Nun geht es bald zu Ende,« sagte sie zur Mutter, »und für euch ist das auch eine Erlösung.«

In den letzten Tagen sagte der Förster, er wolle nachts auf dem Sofa schlafen, damit jemand bei ihr sei. Aber sie erwiderte, er müsse früh aufstehen und in seinen Dienst gehen, da müsse er ordentlich ruhen, und die Mutter solle bei ihr bleiben, wenn sie es nötig finde; freilich sei sie eine alte Frau, deren Zeit abgelaufen sei, und halte es nicht für richtig, daß so großer Umstand um sie gemacht werde.

So brachte die Mutter abends ihre Betten herunter. Und in einer Nacht richtete sich die Ahne plötzlich strack auf und rief: »Anna, wie ist mir denn?« Dann begriff sie, daß das der Tod war, der zu ihr kam. Da sagte sie: »Herr, in deine Hände befehle ich meinen Geist.« Die Mutter war zu ihr geeilt und hielt sie aufrecht; wie die Ahne diese Worte gesprochen, fühlte sie plötzlich, daß der Körper ihr schwer wurde in den Armen. Leise legte sie die Gestorbene zurück auf das Kissen, drückte ihr die Augen zu und faltete ihr die Hände über der Brust.

Dann war viel Laufen und Besorgen, wie das bei Sterbefällen so ist. Der Tischler kam wegen des Sarges, und allerhand Umstände mußten gemacht werden.

Die Gestorbene lag still und ernst da. Sie war sehr schön geworden im Tode; ein freies, offenes und stolzes Gesicht hatte sie wie eine Fürstin, und nichts Kleinliches oder Furchtsames war da zu sehen. Denn der Tod gibt jedem Menschen die Würde, die ihm gebührt; wenn die Muskeln erschlaffen, die unserm Gesicht den zufälligen Ausdruck verursachen, den es zwischen den Menschen hat, so treten die Knochen und Sehnen hervor, die seine Grundlage bilden; wer ein Bettler war, sieht dann aus wie ein Bettler, und habe er im Leben auch eine königliche Figur gehabt, und ein tüchtiger und freier Mensch bekommt ein stolzes und vornehmes Aussehen. Da zeigt es sich, daß alles äußere Geschick nur Zufall ist, unsre Figur und unser Wandeln unter den Menschen ein täuschender Schein; und unser wahres Leben, das wir in der unbekannten wahren Welt geführt, gibt hier ein sonderliches Zeichen von sich.

Wie der Tischler mit seinem Gesellen den Sarg gebracht hatte, legte der Vater mit dem Meister die Tote hinein und setzte ihr den vertrockneten Myrtenkranz auf und tat ihr den Brautschleier um, den sie vor fünfzig Jahren getragen und sorgsam aufbewahrt hatte; denn so wollte sie vor ihrem lieben Mann erscheinen, an den sie ein halbes Jahrhundert gedacht hatte, jeden Tag; und für dieses Andenken hatte sie ihren Sohn erzogen, bis er ein stattlicher Mann geworden, und dann den Enkel, der zwar nach seinem äußeren Wesen in ihre eigne Art schlug, nach seinem Innern aber ein Werther war. Wie das geschehen war, bekamen der Tischler und sein Geselle ein Frühstück, nach alter Sitte, aßen und tranken mit Bescheidenheit und lobten das Essen. Hierüber empfand Hans einen heftigen Haß gegen sie, in der Art wie damals gegen den jungen Grafen, und hätte sich auf sie stürzen mögen.

Ein Junge von den Holzarbeitern, die unweit des Forsthauses wohnten, war in Hansens Alter, und deshalb hatte der manches mit ihm gemein, wiewohl keine eigentliche Freundschaft zwischen den beiden bestand. Den fragte er, ob er solche Gefühle auch habe; denn seinen Vater zu befragen, wagte er nicht, aus einer gewissen Scheu vor dem Erwachsenen. Der grinste und schüttelte den Kopf, und wußte nicht, was Hans meinte. Nach längerem Überlegen kam er auf die Vorstellung, daß er auf diese Geständnisse und Fragen hin ihn hänseln könne. Aber wie er mit solcher Absicht anfing, trat ihm Hans gleich mit geballter Faust entgegen, und wiewohl der Junge viel stärker war wie Hans, wurde er da doch in Angst versetzt und entschuldigte sich, er habe nichts sagen wollen. Hans ärgerte sich und drehte ihm den Rücken.

Der Junge lief ihm nach und liebedienerte. Er sprach von einem Vogelnest, das er gefunden und für Hans aufgehoben habe; Hans erwiderte, daß er das Nest in Ruhe lassen solle. Dann wies er ihm eine Hand voll Murmeln, die er ihm schenken wollte; aber Hans schlug alles aus und ging weg.

Er hatte aber eine Sehnsucht danach, recht fröhlich zu sein, obwohl doch seine Großmutter gestorben war, die er sehr lieb gehabt; und weil er niemand fand, mit dem er hätte fröhlich sein können, so ging er traurig, niedergeschlagen und gereizt umher.

Wenn wir das Leben eines Menschen betrachten, soweit es betrachtenswert ist, also seine Bildung, so kann es uns einmal so scheinen, als stelle es eine zusammenhanglose Reihe von Zufällen dar; in andrer Geistesverfassung erblicken wir in demselben Leben ganz deutlich eine planmäßige Führung durch Gott; und wiederum mögen wir einen unbeirrbaren Trieb sehen, der diesen Einzelnen durch die wirre Umwelt mit untrüglicher Sicherheit vorwärtsstieß, daß er durch diese Kraft sich das aneignete, das andre zur Seite ließ; endlich ist sogar eine bewußte Gestaltung des Lebens durch diesen Willen des betreffenden Menschen zu finden. Wer hätte nicht, wenn er über die Schicksale von Menschen nachdachte, schon diese merkwürdige Entdeckung gemacht, daß man von derselben Sache als derselbe Mensch vier so ganz verschiedene Meinungen haben kann!

Ein solches inneres Erlebnis, wie der Haß gegen manche Menschen und das unbestimmte Gefühl gegen den andern Jungen, ist gewiß sehr wichtig für die Bildung. Aber wie soll man es deuten? Es ist wohl am besten, die Deutung ganz zu lassen.

Zur Schule ging Hans ins Dorf, etwa eine Viertelstunde den Berg hinunter. Ein Wässerlein rann aus dem Walde hinab auf dem Grunde eines langen und schmalen Tales; an diesem entlang waren die Häuser gebaut, und die Felder zogen sich in schmalen Streifen zu beiden Seiten den Berg in die Höhe. Sehr beschwerlich war das Pflügen auf diesen abhängigen Feldern, und am schwersten war es, den Dung hinaufzuschaffen; deshalb sahen die Leute alle verarbeitet aus und waren auch arm, aber sie hatten einen unverdrossenen Mut. In der Jugend lebte damals ein unruhiger Geist, denn die, welche gedient hatten und das leichte Leben draußen gesehen, litt es nicht mehr zu Hause; dadurch kam viel Unfriede in die Familien, weil die Alten nichts von der Fremde hielten und wollten, daß die Jungen zu Hause blieben.

Kirche, Pfarrhaus und Schulhaus waren eben solche hölzernen und unscheinbaren Gebäudlein wie die Bauernhäuser; nur daß in der Pfarre alle Fenster mit Blumenstöcken besetzt standen und vor der Schule sich ein schmales Gärtchen mit blühenden Stauden und Sträuchern hinzog. Der Lehrer war ein alter hagerer Mann mit rasiertem Gesicht und mit straffem weißem Haar und leuchtenden Augen, und hatte eine aufrechte Haltung. Wenn er auf dem Katheder saß in seinem schwarzen Rock vor der weißgetünchten Wand, so sah Hans einen Heiligenschein um seinen Kopf glänzen, von welchem Gesicht er jedoch zu niemand sprach. Am schönsten war die Schule in den dämmerigen Winterstunden, wenn biblische Geschichte erzählt wurde, solche, wie der Engel des Herrn zu Abraham kam und zu seinem Weibe Sara. Und sprach Abraham: »Herr, habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so gehe nicht vor deinem Knechte über. Man soll Euch ein wenig Wasser bringen und Eure Füße waschen; und lehnet Euch unter den Baum.« Und eilte in die Hütte zu Sara und sprach: »Eile und menge drei Maß Semmelmehl, knete und backe Kuchen«, und lief zu den Rindern und holete ein zart gut Kalb und gab es dem Knaben; der eilete und bereitete es zu. Und er trug auf Butter und Milch, und von dem Kalbe, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen vor, und traten sie unter den Baum, und sie aßen. Da sprachen sie zu ihm: »Wo ist dein Weib Sara?« Er antwortete: »Drinnen in der Hütte.« Da sprach er: »Ich will wieder zu dir kommen, so ich lebe, siehe, so soll Sara, dein Weib, einen Sohn haben.« Das hörete Sara hinter ihm, hinter der Tür der Hütte. Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und wohlbetagt, also, daß es Sara nicht mehr ging nach der Weiber Weise. Darum lachte sie bei sich selbst. Da sprach der Herr zu Abraham: »Warum lacht die Sara, und spricht: >Meinst du, daß es wahr sei, daß ich noch gebären werde, so ich doch alt bin?< Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen, so ich lebe, so soll Sara einen Sohn haben.« Da leugnete Sara und sprach: »Ich habe nicht gelacht«, denn sie fürchtete sich. Er aber sprach: »Es ist nicht also, denn du hast gelacht.«

Bei solchen Geschichten hörten alle still zu, wie der Lehrer erzählte, und keines rührte sich, und die Dämmerung nahm zu in der Schulstube. Hans wußte alle diese Geschichten auswendig, Wort für Wort, weil er so viel in der Bibel las, und darüber lobte ihn der Lehrer oft. Auch im Lesen und Schreiben war er der Erste, nur im Rechnen ging es bei ihm immer schlecht, und in der Erdkunde.

In des Lehrers Garten stand ein Bienenhaus mit vielen Kasten voll Bienen, zu denen hatte Hans eine besondere Liebe. Wenn er die Erlaubnis bekam, so setzte er die Mütze auf, damit nicht ein Bienchen, sich in seinem Haar verwirrend, böse würde, und hockte auf die Erde nieder neben den Fluglöchern und sah zu, wie die Bienen eilig herauskamen aus dem Dunkeln und an den Rand des Flugbrettes liefen und sich in die Lüfte ließen, und wie die beladenen Arbeiterinnen zurückkehrten und schwer auf dem Brettchen niederflogen und langsam in den Stock zurückgingen, Honig und Blütenstaub dort abzulegen. Wenn ein rechter Arbeitstag war und die Sonne schien warm, und vom Grasgarten her duftete der Klee, so war ein wunderbares Gesumm in der Luft, dann hätte er stundenlang zuhören mögen; voll mit fleißigen Bienen waren die Flugbrettchen besetzt, und die Wachtposten untersuchten eine jede, ehe sie in den Stock durfte, und ein Lichtstrahl fiel in das Dunkel des Kastens, in dem war gleichfalls ein Summen und Tosen von fleißiger Arbeit. So saß Hans neben den Fluglöchern, und mit unbestimmten Träumereien dachte er an das Fliegen in der funkelnden und blitzenden Luft und stellte sich vor, wie es sein müßte, wenn er selbst so klein wäre und so flöge, wie unendlich groß und weit ihm dann alles erschiene, und wie die ganze Welt anders wäre; und ein sonderliches Behagen überkam ihn durch Sonnenschein, Bienensummen und Kleeduft.

Der Lehrer hatte ein Buch, darin waren alle Tiere abgebildet. Da war der Löwe, der Tiger, der Affe, und dann die Meerungeheuer, der Hammerfisch, der Sägefisch, der Walfisch; da war gezeichnet, wie die Menschen in einem kleinen Boot zu dem Walfisch heranrudern und die Harpune auf ihn schleudern; das war grausig anzusehen, wenn man dieses kleine Boot verglich mit dem ungeheuren Walfisch. Ach, so weit war die Welt, so weit! Unter den Bergen dehnte sich das flache Land hin mit großen Städten, Flüsse zogen, und das weite Meer war da und Inseln und andre Erdteile; hier aber war ein enges Tal, auf dessen Grund ein Wässerlein plätscherte, in dem wohnten Menschen; und er selbst, Hans Werther, wohnte oben, im Wald; aber noch höhere Berge gab es, über seines Vaters Hause, von denen man weit sehen konnte; das Forsthaus aber stand inmitten der Tannen und hatte keinen Ausblick.

Die Stunden beim Pastor hatte Hans gemeinsam mit Karl Gleichen, des Pastors Schwestersohn, den der alte Mann zu sich genommen.

Karl Gleichens Eltern waren schon lange tot, nach einem traurigen und schmerzenreichen Leben.

Der Pastor hatte mit einer Schwester zusammengewohnt, die war dreißig Jahre jünger wie er, welcher der älteste von den Geschwistern gewesen, und ein wahres Nesthäkchen, das geboren wurde, als zwei der Geschwister schon verlobt waren. Von allen der ganzen Familie wurde sie verhätschelt und verzogen, und sie hatte auch eine schwache Gesundheit; am meisten aber liebte sie der Älteste, der sie auch zu sich nahm, wie die Eltern starben, da sie eben aus den Kinderjahren gewachsen; er erzog sie völlig, wie er es verstand, als ein guter, wunderlicher und unbeweibter Mann, und sie befahl ihm und führte seine Wirtschaft. Ein reizendes Mädchen war sie gewesen, immer fröhlich und zwitschernd, wie Milch und Blut war ihr Gesicht, und die schwere Last ihres Haares leuchtete gelb wie reifer Roggen. Und am besten stand ihr, daß sie so ein verzogenes Kind war, dem alles immer nach Wunsch gegangen, und sie wußte das auch, daß ihr das stand, und daß die Leute sich über sie freuten. Dazu hatte sie seltene Gaben in ihrem zierlichen Körperchen, das so recht war wie eine wehende Flocke; zu Weihnachten und zu den Geburtstagen dichtete sie niedliche und zarte Verschen, welche sie die kleinen Kinder im Dorf lehrte, daß sie bei einer gemeinsamen Aufführung sie im Pfarrhause aufzusagen wußten; einmal hatte sie zwei ganz Kleine als Lämmer verkleidet, die nur mit ihren Schwänzchen wackelten, weil sie noch nichts sagen konnten. Nun wohnte im Nachbarstädtchen eine Predigerswitwe, ein beständig klagendes und sich sorgendes armes Mütterchen. Die hatte einen einzigen Sohn, der ungeraten war und schon auf der Schule nicht hatte guttun wollen, sondern entlaufen war, und hatte sich als Schiffsjunge annehmen lassen. Wie es ihm aber auf der See nicht schmecken wollte, so war er bald in abgerissenem Zustand zu seiner Mutter zurückgekommen, und da gab sie ihn nach vielen Ratschlägen in ein Bankgeschäft zur Lehre, aber nach einem halben Jahre mußte sie einen großen Schaden vergüten, den der Junge angerichtet hatte, und erhielt den dazu wieder zurück. Nach diesem trieb sich der eine Weile in dem Städtchen herum, dann war er plötzlich verschwunden; und am Ende, nach Jahren, kriegte die Mutter einen Brief von ihm aus Amerika, daß er in einer großen Stadt als Kaufmann lebe und zu guten Verhältnissen gekommen sei; dann kam er selbst auch zum Besuch seiner Mutter, als ein hochgewachsener Mann mit blondem Kinnbart, der einen grauen Zylinder trug. Er sah nicht gerade wohlhabend aus, aber auch nicht armselig, und wenn er zwar wohl viel log und aufschnitt, so glaubten die Leute doch, daß er sich gebessert habe und zu derjenigen Ehrbarkeit gekommen sei, die einem Solchen erreichbar werde. Es stellte sich auch heraus, daß er drüben Soldat gewesen war und in einem Indianergefecht einen Schuß durch die Hand bekommen hatte, wofür er jeden Monat eine Pension bezog. Wie es sich mit seinen eigentlichen Geschäften verhielt, wurde nicht recht klar, indem er erklärte, die Verhältnisse seien drüben anders, und sein Geschäftszweig, der eine Art Vertretung auswärtiger Häuser sei, könne nur Jemandem erklärt werden, der wie er in der Welt herumgekommen sei und nicht immer zu Hause gesessen habe.

Dieser Mann lernte des Pfarrers Schwester, die Friederike hieß, bei einem winterlichen Tanzvergnügen in der kleinen Stadt kennen und faßte gleich eine heftige Zuneigung zu dem Mädchen; und da er selbst auch etwas ganz Absonderliches war, und vornehmlich weil er einen bösen Ruf hatte, so erwiderte diese die Zuneigung in kurzer Zeit und ohne daß er viele Mühe aufwenden mußte. Dem guten Pastor wurde wohl hinterbracht, daß die Zwei Heimlichkeiten miteinander hatten; aber der lachte bloß und sagte, die Friederike sei ein Kind, und er kenne sie besser wie alle andern. Indessen ließ den Amerikaner sein böses Blut nichts auf ordentlichem Wege betreiben, und deshalb ging er nicht zum Bruder, wie es sich gehörte, ihm seine Pläne und Verhältnisse mitzuteilen, sondern er beredete die kleine Friederike, daß sie mit ihm heimlich entfloh, bis sie beide nach Hamburg kamen; und wie sie inzwischen Besinnung erlangte, so schrieb sie von da einen traurigen Brief an den Pastor, bat ihn um Verzeihung für das Leid, das sie ihm zugefügt, und gab als einzige Entschuldigung an, wie er ihr die Flucht vorgeschlagen habe, da sei es ihr gewesen, als ob sie ihm folgen müsse, und über nichts habe sie mehr nachdenken können, was solche Flucht denn bedeute und nach sich ziehe. Der gute Bruder reiste gleich und traf die beiden auch in der großen Stadt, wie sie auf ihr Schiff warteten. Da hatte er mit dem Amerikaner eine Unterredung, wie es nun mit ihm und Friederike werden solle; und zeigte sich, daß der Mensch gar nichts hatte, wovon er selbst und seine künftige Frau leben konnten, denn er war als ein Habenichts auf dem Zwischendeck nach Deutschland zurückgekommen, und jetzt lebte er von dem, was er von seiner Mutter mitgenommen, die ihm hatte sein geringes Erbteil auszahlen müssen. Er entschuldigte sich aber, indem er sagte, nachdem ihn das Schicksal als einen armen Menschen in die Welt geworfen, dürfte ihm doch niemand Vorwürfe machen, wenn er wenigstens Liebe begehre, auf die doch jeder Mensch Anspruch habe. Dem frommen und treuherzigen Pastor war es recht schwer, sich in die Geistesverfassung des andern hineinzudenken, indessen er fand, daß er selbstsüchtig sei; wie er aber das Friederike sagte und sie mit Tränen in den Augen bat, sie solle mit ihm zurückkehren, wurde die gekränkt über den geringen Vorwurf, den er dem Amerikaner machte, und sagte, wenn ihr Liebster arm und unglücklich sei, so sei ihr Platz erst recht an seiner Seite, und sie wolle ihm schon helfen und ihn fördern. Dergestalt erreichte der treue Bruder nichts, außer daß er sie wenigstens noch vor ihrer Abreise nach Amerika trauen durfte, nachdem sie sich vor dem Standesamt zusammengetan hatten.

Es verging nur eine ganz geringe Zeit, da kam aus Amerika ein schmerzensreicher Brief von der armen Friederike, und machte sich der Pastor wieder auf, fuhr selbst über das Wasser und holte sein Schwesterchen nach Hause, denn jetzt folgte sie ihm willig. Sie sah krank aus, wie sie kam, mit hohlen Backen und ungesund glänzenden Augen; die Haare trug sie kurz, denn ihre schönen Zöpfe hatte ihr der schlechte Mensch abgeschnitten und verkauft. Bald gab sie einem Kinde das Leben, einem gesunden und starken Jungen, der gleich recht unbändig schrie; aber von dem Kinde erholte sie sich nicht wieder, und nach einigen Monaten starb sie in gänzlicher Erschöpfung aller Lebenskräfte; wie sie im Letzten lag, rief sie in Liebe und Sehnsucht immer nach ihrem bösen Mann und bat, er solle ihr verzeihen, sie habe ihn lieb gehabt. Den Jungen behielt der Pastor und zog ihn auf, in Liebe nach Spuren von seiner Mutter Wesen in ihm suchend, und in Furcht, daß seines Vaters Art auf ihn vererbt sein könne. Dieser Junge war Karl Gleichen, der mit Hans zusammen in des Pastors Studierstube saß und die Anfänge des Lateins lernte.