Part 3
Sie sagten nicht »Vater« und »Mutter«, sondern »der Alte« und »die Alte«, und rühmten, welche Taten sie mit ihrer Schnappschleuder begingen, wie sie da den Bauern die Fensterscheiben entzweischossen, ohne daß jemand merkte, von wem der Schuß kam. Noch nahmen sie scheinbar keine Notiz von Hans, weil sie keine rechte Anknüpfung hatten, aber sie knufften sich heimlich, um sich auf ihn aufmerksam zu machen, wie er dasaß mit seinen hellen Augen in dem blankgescheuerten Gesicht. Wie ihre Schwester von den Manschetten erzählte, prusteten sie los mit Lachen und sagten, das seien Sparröllchen, wie sie Herr Müller trägt, der Hofmeister; gestern hatten sie gehört, wie ihre Mutter zum Vater gesagt hatte, Herr Müller mit seinen Sparröllchen sei doch zu unterirdisch.
Hans wurde feuerrot und schämte sich sehr und hätte fast angefangen zu weinen; aber er bezwang sich noch. Der älteste von den Brüdern fragte ihn: »Kannst du auch schon reiten? Wir haben jeder einen Pony, auf dem lernen wir reiten, ich darf schon allein.« Hans schüttelte den Kopf; dann erzählte er, daß ihre Elsbeth einmal wochenlang jeden Tag zweiundzwanzig Liter Milch gegeben habe. Da prusteten die Brüder wieder los, das kleine Mädchen aber sagte zu ihm: »Du mußt dich nicht ärgern über sie, das sind dumme Jungen.« Ihm aber war, als ob sie im Einverständnis sei mit den beiden, die ihn auslachten, und das kränkte ihn am meisten; aber er wußte nicht, was er antworten sollte.
Indessen erzählten die andern weiter, wie sie schon geraucht hatten und sich Geld borgten von den Leuten; und wie den einen der Vater einmal zur Rede gestellt, hätte er einfach alles abgestritten, und der Vater hätte gelacht und gesagt, er könne sich gut herauslügen, aber er, der Vater, merke doch die Wahrheit; aber getan hätte er ihm nichts. Dann fragten sie Hans, ob sein Vater seiner Mutter auch zuweilen etwas vorlog. Er schüttelte mit dem Kopf. Sie antworteten, er sei noch zu dumm, da merke er das nicht. Da kam ihm plötzlich ein neues Gefühl in die Bewunderung der Ruhmredigkeit der andern, die Stimmung von Zuhause und der Stolz, den er gegenüber den Tagelöhnerkindern hatte, und er sagte: »So einen Vater wie ich hat auch keiner.« Der älteste von den beiden antwortete überlegen: »Das denkt man immer, solange man noch klein ist.« Dann fragten sie, ob sein Vater ihn schlug, und Hans erzählte, daß er eine Peitsche hatte mit neun Riemen, das war die neunschwänzige Katze, mit der kriegte er, wenn er ungezogen gewesen war. Da kam ihm wieder vor, als sei bei ihm zu Hause alles dumm, und er selbst sei ganz dumm, und die beiden erschienen ihm wieder hoffnungslos überlegen. Die Wagen fuhren zu einer Waldblöße, die war von allen Seiten eingeschlossen durch die hohen Tannen, und war der Boden etwas abhängig und mit braunem Gras bedeckt von vorigem Jahr; schon kamen die ersten grünen Grasspitzen aber hervor, und die Primeln blühten. Auf dem untern Teil hatten sich einige Birken angesiedelt, die etwa mannshoch waren; über denen schwebte eben ein hellgrüner Hauch. Aber an der trockensten und sonnigsten Stelle lag ein großer flacher Stein. Auf diesem deckten die Leute, denn die Herrschaften wollten im Freien vespern. Die Kinder durften im Walde spielen. Hans war aus Schüchternheit ungeschickt; weil er bei dem kleinen Mädchen die einzige Zuneigung verspürte, so hielt er sich immer zu dieser, wiewohl er dadurch das Spiel oft störte. So versteckten sie sich hinter den Bäumen, und es war in seiner Nähe kein starker Baum, und er blieb hinter einem ganz dünnen stehen, obwohl er selbst wußte, daß ihn die andern gleich sehen mußten. Wie er selbst suchen sollte, war er zu schüchtern, die Jungen zu fangen, die er fand, und ließ sie entkommen, wiewohl er sich heftig ärgerte über diese Schüchternheit; hinter dem kleinen Mädchen dagegen lief er sehr eifrig her. Über alles dieses wurden die Jungen ärgerlich und zankten mit ihm; er aber lächelte bloß entschuldigend und konnte sich nicht verteidigen, und die beiden kamen zu dem Schluß, er sei dumm. Daß er sich immer an ihre Schwester heftete, merkten sie bald, und da verspotteten sie diese, sie habe einen Verehrer bekommen, der Dumme sei in sie verliebt. Darüber wurde die ärgerlich und war kurz gegen Hans; und wie der, obgleich er das merkte, doch nicht abließ von seiner Art, sagte sie ihm endlich ganz grob, er solle sie in Ruhe lassen, er sei dumm. Da stand er traurig für sich allein da und sah zu, wie die andern spielten, und mußte mit aller Gewalt die Tränen zurückhalten. Mit einem Male aber kam es über ihn, nämlich plötzlich, bei einer ganz geringen Gelegenheit, als es ihm schien, der ältere Bruder sehe spöttisch nach ihm hin, da lief er wütend auf den zu, packte ihn bei den Haaren und schlug kräftig auf ihn ein; der jüngere Bruder eilte herbei und griff Hans an, aber der ließ sich nicht irre machen: fühlte wohl gar nichts von seinem Angreifer. Endlich kamen die Kutscher und trennten die drei.
Wie sie vor die Herrschaften gebracht waren, klagten die Brüder mit geläufigen Worten über Hans, der habe das Spiel schon von Anfang an gestört, dann sei er brummig zur Seite geblieben, und endlich habe er ohne Grund sie überfallen. Hans stand niedergeschlagen da, denn das war alles richtig, was die sagten, und er wußte selbst nicht, weshalb er plötzlich so wütend geworden war. Der Herr Graf sagte zu seinen Söhnen, sie würden gewiß schuld haben, aber wenn sie denn nun einmal keinen Frieden untereinander halten könnten, so solle der Försterjunge nach Hause gehen. Nun dachte Hans, daß er sich wohl erst bedanken müsse; aber das konnte er nicht; deshalb drehte er sich um und ging langsam einige Schritte; und wie er dachte, daß er weit genug sei, lief er aus Leibeskräften, bis er atemlos nach Hause kam.
Hier fand er nur die Großmutter vor; er ging zu ihr in die Stube und weinte in ihren Schoß.
Wie der Vater nach Hause zurückkehrte, wußte er schon von dem Geschehenen, rief den kleinen Hans zu sich und fragte ihn. Der antwortete, daß alle sehr artig gewesen seien und besonders die kleine Komtesse, aber ihn habe plötzlich eine Wut gepackt, er wußte nicht woher, daß er habe den einen schlagen müssen. Mehr konnte er nicht sagen, und keine weitere Vorhaltung nutzte etwas. Endlich fragte ihn der Vater, ob er wisse, daß er sehr ungezogen gewesen sei und Hiebe verdient habe. Da sagte er ja, holte auch die neunschwänzige Katze herbei. Wie ihn der Vater schlug, bezwang er sich zuerst und muckste nicht, nachher aber weinte er doch, denn die Katze tat sehr weh.
Am Abend setzte er sich in der Dunkelheit ans Fenster; der Vater saß still in der Sofaecke. Da stand er leise auf, ging zu seinem Vater, stieg dem auf den Schoß und weinte an seiner Brust. Der Vater dachte, er müsse ihn trösten der Schläge wegen und sagte, er sei doch ungezogen gewesen, und einem Vater tue das selbst weh, wenn er seinen Jungen schlagen müsse, und das wisse er doch selbst, daß er die Schläge verdient habe. Da nickte Hans und sagte: »Das ist es nicht, das hat manchmal schon weher getan.« Wie ihn der Vater nun weiter fragte, faßte er sich zuletzt ein Herz und sprach: »Nicht wahr, du lügst doch nicht?« Hierüber wurde der Vater ganz erstaunt, antwortete, daß er allerdings nicht lüge und fragte dann, wie Hans auf solche Gedanken komme. Hans schluchzte von neuem und erzählte endlich, was die beiden Jungen auf der Fahrt und nachher gesprochen hatten. Der Vater wurde recht nachdenklich und begütigte ihn, indem er ihm sagte, daß die jungen Grafen vorlaute Jungen seien, die überall zuhörten, auch wo es ihnen verboten sei, und nun in ihrer Dummheit allerhand falsche Meinungen ausheckten. Damit gab sich Hans am Ende zufrieden, hörte allmählich auf zu weinen und schlief zuletzt auf seines Vaters Schoße ein. --
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Der Großmutter war es den Winter hindurch schlecht gegangen; sie klagte über ihre Beine, daß die sie nicht mehr recht tragen wollten und fürchtete sich vor Zug; abends ging sie früher zu Bett wie sonst, und am andern Morgen erzählte sie, daß sie nicht habe schlafen können. Dafür geschah es, daß sie am Tage unversehens einschlief, wenn sie in ihrem Lehnstuhl am Ofen saß und strickte; das Strickzeug sank ihr in den Schoß, und sie wachte auch durch lautes Geräusch nicht auf. Man mußte aber tun, als ob keiner etwas merkte hiervon, sonst wurde sie böse; wenn sie die Augen wieder aufschlug, so sah sie sich um, ob jemand sie beobachtete, und dann nahm sie ihr Strickzeug vor das Gesicht.
Gegen den Frühling kam der Tischler, der die Fenster in Ordnung bringen sollte, denn deren unterer Riegel war faul geworden, und das Wasser lief auf die Fensterbank. Mit dem sprach die Großmutter über Särge, fragte, was die verschiedenen Arten kosteten, und wunderte sich, daß alles so teuer geworden war, und erkundigte sich genau nach der Haltbarkeit. Es zeigte sich, daß bei Särgen sehr viel Betrug unterlief, denn die Handwerker hatten keine Furcht vor Gott und keine Scham und glaubten, bei einem Begräbnis müßten sie mehr verdienen wie bei andern Arbeiten.
Als die Kraft der Sonne zunahm, stand sie oft am Fenster und sah, wie der Schnee in sich zusammensank, und dann kam Tauwind und Regenwetter, und in den Schlittenspuren auf der Landstraße schoß das Wasser bergab. Jetzt sagte die Großmutter oft: »Nun schlagen die Bäume bald aus«; sie dachte aber bei sich, wenn die Bäume ausschlügen, so würde sie sterben; auch sagte sie: »Die Schneeglöckchen erlebe ich noch.« Das sprach sie alles für sich hin, wenn sie allein in der Stube war oder nur der kleine Hans auf seinem Fußbänkchen still saß. Einmal faltete sie die Hände und sagte: »Des Menschen Leben währet siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, achtzig Jahre, und wenn es köstlich gewesen, so ist es Mühe und Arbeit gewesen.«
Wie sie noch Kind war, hatten ihre Eltern sie in eine Sterbekasse eingekauft, und achtzig Jahre lang hatte sie ihre Pfennige gesteuert. Jetzt las sie viel in dem alten, abgegriffenen Quittungsbuch, in dem vorn die Satzungen der Kasse abgedruckt standen und hinten auf leeren Blättern so viele Jahre hindurch der Empfang des Beitrags bescheinigt wurde; sie las und rechnete für sich alle Kosten und Ausgaben zusammen.
Ein schöner Frühlingstag kam. Das Stubenfenster stand lange auf, und eine Frühlingsluft drang herein, eine frische und sonnenscheindurchtränkte. Draußen war es schon ganz trocken, und die kleinen Vögel machten allerhand Zwitschern, Pfeifen und Tirilieren; die Großmutter saß lange am Fenster und hatte diesmal gar keine Furcht vor der Erkältung. Dann sprach sie mit der Mutter wegen des Grabes ihres toten Mannes, das um diese Jahreszeit besorgt werden mußte, und endlich sagte sie, daß sie sich jetzt zu schwach fühle, um noch aufzubleiben; sie wolle sich legen; aber auf ihrer Kammer sei es ihr zu einsam; ihr Bett solle hier in der Stube aufgeschlagen werden, in der Ecke, wo ihr Lehnstuhl gestanden.
Die Mutter verspürte wohl, was sie meinte, und daß sie wußte, sie werde von diesem Lager nicht wieder aufstehen; so antwortete sie, daß heute abend, wenn der Mann zu Hause sei, alles so gemacht werden solle, wie die Großmutter es wünsche.
Das geschah auch, und nun war die Großmutter unten in der Stube im Bett; sie hatte viele Kopfkissen im Rücken, so daß sie halb saß; deshalb vermochte sie auch noch zu stricken wie früher. Wenn der Vater abends nach Hause kam, ging er erst zu ihr, gab ihr die Hand und sprach ein paar Worte. Es war, als sei sie jetzt viel wichtiger geworden wie vorher; die Mutter fragte sie um manches, davon sie ihr sonst nichts mitgeteilt, und recht oft erhielt sie ein besonderes Leckerbißlein, das die andern nicht bekamen.
Einmal rief die Großmutter die Mutter zu sich ans Bett. Die kam und fragte, was sei. Da sagte die Großmutter nach einer Pause: »Ich wollte dir nur sagen, daß du immer gut zu mir gewesen bist, so sind nicht alle jungen Frauen. Ich bin gewiß manchmal wunderlich gewesen, aber ich habe es immer gut gemeint.« Da sah Hans, wie seiner Mutter die Tränen kamen, daß sie die Schürze vor die Augen nahm und schnell fortging.
Dem kleinen Hans erzählte die Großmutter jetzt viel; und wiewohl er gern draußen war und mit dem schmelzenden Schnee spielte, Flüsse leiten und Dämme bauen, daß sich große Teiche bilden, und dann wieder Kanäle graben und Wasserfälle machen, so blieb er doch viel lieber in der Stube bei der Großmutter und hörte ihre Erzählungen aus der alten Zeit.
Sie sprach aber von ihrem Vaterhaus, das schilderte sie ganz genau von außen und innen und zählte die Stuben und Fenster und Türen, und die Öfen beschrieb sie, und die Treppe und die Haustür; und alles wurde prächtig und märchenhaft in ihrer Erinnerung. Dann sprach sie von der Wiese, und wie sie alle ins Heu gingen mit großen Hauben aus Kattun, und vom Garten erzählte sie und von den Obstbäumen; da war ein Apfelbaum, der trug Borsdorfer, solche Äpfel gab es nicht mehr; und von Kirschen hatten ihre Eltern alle Sorten, und im Herbst, wenn die Abende länger wurden, dann holten sie immer eine große Schüssel Pflaumen vom Boden, die wurde auf den Tisch gesetzt. Der Urgroßvater war Silberbote gewesen, das war ein Bergmann, auf den man besondere Stücke hielt, der mußte zweimal in der Woche das ausgebrachte Barrensilber zur Münze bringen. Da ging er denn abends zum Herrn Bergrat, der packte die Barren in einen Tornister, den versiegelte er; dann kam er wieder nach Hause und verschloß den Tornister in seinem Koffer und nahm den Schlüssel in die Tasche; denn früh am andren Morgen um drei Uhr mußte er sich auf den Weg machen und acht Stunden weit gehen durch den dicken Wald: zur Winterzeit war oftmals der Weg verschneit und keine Trappe Bahn; dazu war damals der Wald noch gefährlich wegen der Wölfe, und in der Franzosenzeit gab es auch Räuber. Deshalb holte der Vater die Bibel und das Gesangbuch aus dem Schapp und las vor, ein Stück aus den Evangelien, von dem Mann, der unter die Räuber fiel, oder ein andres, dann knieten alle nieder und beteten zum lieben Gott, daß er ihn beschützen möge, und am Ende sangen sie ein frommes Lied. Wenn die Kinder dann am andern Morgen aufwachten, so war der Vater schon lange auf dem Wege; und erst am Abend um neun kam er wieder mit dem leeren Felleisen und der Quittung, das mußte ein Kind beides gleich zum Herrn Bergrat bringen. Wenn es aber um die Zeit war, daß der Vater heimkehren mußte, so harrten alle in Angst, und oftmals gingen sie ihm entgegen, weil sie Furcht hatten, es möchte ihm etwas geschehen sein. Aber Gott hat ihn immer behütet, und er hat ein hohes Alter erreicht.
In diese Erzählungen mischte die Großmutter Mahnworte und fromme Reden, indem sie begann: »Und wenn ich tot bin, so vergiß nicht, was ich dir jetzt sage.« Sie erzählte aber, sie habe gefunden, daß in heutiger Zeit die Menschen mehr Angst hätten um ihr tägliches Brot wie früher und sich viele Sorge machten um Irdisches. Als sie ein Kind gewesen, haben die Menschen andre Gedanken gehabt; indessen sei es möglich, daß die Ursache der Sorgen in dem beschlossen sei, daß die Menschen heute nicht mehr so ordentlich und gut seien wie früher. Es sagt aber der Psalmist: »Ich bin jung gewesen und alt geworden und habe noch nie gesehen den Gerechten verlassen oder seinen Samen nach Brot gehen.« Diesen Satz gab sie dem kleinen Hans ganz besonders und schärfte ihn dem Kinde vielmals ein und fügte hinzu: »Strebet zuerst nach dem Reiche Gottes, so wird euch dieses alles zufallen«, und sagte nochmals: »Hieran denke, wenn ich tot bin, und vergiß nicht meine Worte.«
Weiter erzählte sie von ihrem Großvater, den sie noch gekannt als einen eisgrauen kleinen Mann, der schon ganz in die Erde gewachsen war. Der war weit in der Fremde herumgekommen als ein Bergmann, in Ungarn und Böhmen, aber dann wieder in die Heimat gekehrt mit seinem Ersparten und hatte das Haus gekauft und die Wiesen. Der las viel in einem alten Buche, das hieß die »Insel Felsenburg«, darin waren Lebensbeschreibungen von allerhand Menschen und merkwürdige Schicksale, Reisen und Schiffbrüche, bis alle endlich zusammenwohnten auf einer einsamen Insel im Meer, wo sie in Ehrbarkeit und Sitte lebten, sich freiten und Kinder kriegten und die Insel bevölkerten. Sie, die Großmutter, hatte er am liebsten, die damals noch ein kleines Mädchen war und zu seinen Füßen saß auf dem Fußbänklein, »gerade wie du, mein lieber Hans. So vergehen die Jahre, und die Menschen werden groß, und die Alten sterben, und junge kommen auf, und ist mir, als sei es gestern gewesen, daß ich aufhorchte, wie er mir erzählte von den Silbergruben in Ungarn und von den großen Meerschiffen. Und ist zu denken, daß auch mein Großvater dereinst als kleines Kind aufgeschaut hat zu seinem Ahn, und geht die Reihe der Geschlechter fort durch die Jahrhunderte, und auch du, mein liebes Kind, wirst einst Kinder haben, und Enkel werden zu deinen Füßen sitzen und du wirst denken: >War es nicht gestern, daß ich hörte, wie die Großmutter mir erzählte?< Aber dann werde ich schon lange in der Erde liegen neben deinem Großvater, der so jung hat sterben müssen, daß er deinen Vater nicht mehr gesehen hat, und habe ich an fünfzig Jahre die Stelle betrachtet, wo ich einstens neben ihm liegen werde.«
Der kleine Hans saß still und horchte auf der Großmutter Worte. Noch verstand er nicht, was sie meinte, denn ein Kind kennt nur den Tag und ist wie ein Schmetterling in der Sonne, der nichts weiß von gestern und morgen; aber er verschloß ihre Reden treu in seiner Seele, und später haben die ihn getröstet und beschützt, als er keinen Trost von Menschen hatte und keinen Schutz. Auch sagte die Großmutter: »Du bist zwar noch ein Kind, aber du sollst doch schon jetzt wissen, was du sonst später erfahren hättest, denn du bist ja mein Blut und meines lieben Mannes. Deshalb will ich dir erzählen, wie ich und dein Großvater uns lieb gewonnen haben; denn auch du wirst einmal ein Mädchen lieb gewinnen und heiraten.«
Die alte Großmutter, die jetzt mit ihren achtzig Jahren strack in ihrem Bette saß, mit schneeweißem und glattem Scheitel, die Augen nach vorwärts gerichtet in ein neues Land, war einst ein junges Mädchen gewesen, hochgewachsen und schlank wie ein Tannenbaum, mit gelbem Ringelhaar und lustigen blauen Augen. Da sie so schön war und ihre Eltern eingesessene Leute, die ein Stück vor sich gebracht hatten, so fehlte es ihr nicht an Bewerbern. Nach der Art der jungen und unerfahrenen Dinger, die nicht wissen, wie das Leben ein gar schweres Wesen ist, erschien ihr das als ein Scherz und Spiel und vermeinte, sie dürfe stolz sein auf solche Menge der Freier, und äußerte den Stolz in allerhand Mutwillen, den sie mit ihnen trieb aus Gedankenlosigkeit; denn sie hatte noch nicht erfahren, was Liebe ist. Ganz besonders war ihr aber zugetan der junge Jägerbursche, der später ihr Mann werden sollte, der war ihr indessen zu ernsthaft, wiewohl ihre Eltern es gern sahen, daß er sich um sie bewarb. An einem Abend ging er mit ihr zusammen einen Weg nach dem Dorfe zu, und wie sie auf der Anhöhe standen und unter sich die Lichter blinken sahen, sprach er zu ihr, daß er sie lieb habe, und wenn sie wolle, so werde er sie heimführen als seine Frau und sie lieben und ehren, wenn sie ihn lieben und ihm gehorsamen wolle; aber er sei noch nicht angestellt, und es sei recht möglich, daß sie ein paar Jahre warten müßte, bis sie heiraten könnten.
Auf dieses erwiderte sie schnippig, denn sein ernster Ton hatte sie verdrossen, und daß er sprach von Gehorsamen. Sie sagte aber, daß sie einen Mann nicht nehmen möge, der schwarzhaarig sei, sondern sie wolle einen Blonden; und zudem begehrten sie so viele zur Frau, daß sie nicht nötig habe, zehn Jahre zu warten als Braut, sondern wenn sie wolle, so könne sie schon übers Jahr heiraten. Da sagte er, sie spreche wie ein unverständiges Kind, und vielleicht sei sie auch noch zu jung, um schon eine rechte Meinung in solcher ernsten Sache zu haben. Aber ihre leichte Art habe ihn sehr gekränkt, und deshalb bitte er, sie wolle denken, seine Worte seien ungesprochen. Aber wenn er sie nicht zur Frau bekommen könne, weil sie ja nicht wolle und auch er ein so gedankenloses Wesen nicht in sein Haus führen möge, so solle sie doch immer auf ihn rechnen, weil er sie trotz allem lieb habe, denn die Liebe kehrt sich nicht an die Vernunft, ja sie streitet mit ihr. Es sei aber sehr möglich, daß sie später einmal seine Hilfe irgendwie gebrauchen könne; und auch einen Groll wollten sie nicht auf einander behalten. Dieses stieß ihr wieder an die Krone, so daß sie noch törichter antwortete und ihn gänzlich von sich abwies.
»Aber merke dir, mein liebes Kind,« sprach sie von ihrem Bett zu dem kleinen Hans, der vor ihr saß, »wir Frauen sind andern Wesens wie die Männer; und wenn du nicht vergißt, was ich dir jetzt erzähle, so sparst du dir später viel Herzeleid und Kummer. Vorher habe ich deinen Großvater nicht lieb gehabt, aber wie ich ihm so leichtfertig antwortete, und er war ernst und streng, aber zugleich doch gut zu mir, da kam plötzlich die Liebe zu ihm in mein Herz. Nur daß mich die Schamhaftigkeit hinderte, ihm davon zu sagen; ja es war, als triebe es mich, ihn jetzt gerade zu kränken. Das merke dir, denn wir Frauen sind ein schwaches Geschlecht, und die Männer sind stärker als wir, und gerader.«
So geschah es, daß sie einen andern Bewerber offenkundig bevorzugte, einen Bergmann, der lustig die Zither zu schlagen verstand und Lieder dazu sang und fröhliche Streiche anzustellen wußte. Mit dem lachte sie viel, und es war ihr lieb, wie sie sah, daß der andre finster wurde, wenn er sie mit ihm erblickte. Und einmal ging sie denselben Weg mit diesem, den sie vorher mit dem andern gegangen, und sprachen ähnliche Gespräche zusammen, und kamen an dieselbe Stelle auf der Höhe, wo das Dorf unter ihnen lag mit seinen hellen Fenstern. Da fragte er sie, ob sie ihn lieb haben wollte, und zugleich umfaßte er sie und wollte sie küssen. Wie sie aber seinen Arm verspürte, tat sie einen Schrei und lief fort, hinab ins Dorf und kam unten an in großer Angst, wiewohl sie nicht kindisch war und schon einmal sich mit einem andern herzhaft abgeküßt hatte, welches jedoch gewesen war, ehe der Jägerbursche mit ihr gesprochen.
Von der Zeit an war sie verändert und wurde ernster, tanzte nicht und lachte nicht mehr mit den jungen Leuten, und kamen wohl mehrere Freier, aber sie wies alle ab. So ging es drei oder vier Jahre. Da begann sich Hansens Großvater wieder langsam an sie zu machen; er besuchte ihre Eltern am Sonntagnachmittag, spielte mit ihren jüngeren Geschwistern und sprach mit ihr selbst viel. Von seinen damaligen Worten redeten sie nicht wieder, aber sie wußten beide, auch ohne daß sie es sich sagten, daß sie jetzt verlobt seien, und daß sie warten wollten mit dem Heiraten, bis er eine Anstellung habe. »Und siehst du,« sprach die Großmutter zu dem Enkel, »das danke ich deinem Großvater noch heute, daß er nie wieder von dem Früheren gesprochen hat, obwohl er hätte über mich triumphieren können, denn ich hätte schweigen müssen, wenn er gespottet. Aber dein Großvater war ein Mann, wie er sein muß, er war hart und ernst, aber er war auch mild und gut. Dein Vater ist auch so geworden, und du mußt dir Mühe geben, daß du ihnen nachschlägst.« Da sagte Hans: »Ja, Großmutter, das will ich.«
Und die Großmutter mit ihren Augen, die schon über das Grab hinaus suchten, schwieg eine lange Weile; sie dachte an ihren Mann, den sie nur wenige Wochen gehabt und über ein halb Jahrhundert betrauert hatte, und daß sie ihn bald wiedersehen werde; das machte ihr eine sonderbare Freude und heftiges Heimweh.