Der schmale Weg zum Glück

Part 26

Chapter 263,763 wordsPublic domain

Außer diesen zwei Männern waren in dem Kloster nur Brüder, die keinerlei Geschichte gehabt hatten. Ein ruhiges und fröhliches Leben führten sie unter allerhand sonderbaren Sachen; da hatten sie ein Schränkchen, das war ganz mit Ruinenmarmor ausgelegt und eine Sammlung von Stücken aller Holzarten besaßen sie, die geschnitten und behobelt waren wie Bücher, auch ein Stück Zedernholz vom Libanon war darunter; eine besondere Kostbarkeit schien aber ein Bildnis der Muttergottes, das aus bunten Vogelfedern hergestellt war, und ein Kirschkern, auf dem ein Bruder die ganze Leidensgeschichte geschrieben hatte, daß man sie mit der Lupe lesen mußte, und fehlte kein Buchstabe.

Sehr selten geschah es, daß Fremde das Kloster besuchten, die alte Wandbilder aus Giottos Schule betrachten wollten; dann sprachen die Brüder bei Tische viel darüber, aus welchem Lande die Reisenden wohl stammen mochten und ob sie Protestanten waren oder Katholiken, wunderten sich auch, daß sie so wenig Freude an dem Kirschkern und dem Muttergottesbild zu haben schienen. Zuweilen wurde dann wohl darüber gestritten, ob die Protestanten bald zur Kirche zurückkehren würden oder noch lange in ihrer Verstocktheit beharren.

So lebte Karl, und von seiner früheren Welt erfuhr er fast nie mehr etwas, nur einmal kam zu ihm eine Nachricht über seine geschiedene Frau. Johanna hatte nach der Trennung ihren Kreis von alten Freunden beibehalten und auch durch neue vermehrt, und hatte ein Ansehen in ihrer Gesellschaft, daß viele auf ihre Meinung hörten und sie selbst hochhielten als eine Vorkämpferin und Befreierin. Alle in diesem Kreise lobten unsre heutigen Zustände und sagten, daß in unsern Tagen zum ersten Male das Individuum die Möglichkeit gänzlicher Freiheit erhalten habe, denn indem die Gesellschaft nicht mehr die volle Person in Anspruch nehme, sondern nur Betätigungen der Person verlange, so könne sich jeder zu dem entwickeln, was er werden wolle und unterliege keinem äußeren Zwange; und so dachten sie, daß aus jedem von ihnen ein Eigner und Besondrer werden müsse. Indem Johanna in diesen Anschauungen beharrte, schloß sie einen Liebesbund mit einem jungen Mann aus ihrer Gesellschaft und lebte mit ihm, und nach einiger Zeit sagten die beiden einander, daß ihre Liebe erloschen sei, und daß sie unsittlich handeln würden, wenn sie nun noch länger zusammenlebten, und so gingen sie in Freundschaft voneinander. Dann folgte eine neue Liebe, und in solcher Weise führte sie ihr Leben.

Es geschah aber, daß sie sich in diesen Umständen in Hoffnung fühlte, und hatte ein Kind. Da sagte der Vater zu ihr, daß sie nun sich gesetzlich heiraten müßten, weil die heutige Welt, obschon sie im Grunde wohl ganz neu sei, doch noch die alten Formen bewahrt habe, und deshalb sei in ihr kein Ort für eine solche Gruppe wie er, sie und das Kind, wenn sie keine Ehe nach der gebräuchlichen Form bildeten. Sie antwortete ihm jedoch, daß sie ihre Freiheit bewahren wolle und keinem Zwange unterliegen, und wolle ihr Kind auch allein aufziehen; und so tat sie auch, lebte für sich und besorgte das Kind, indem sie allen erzählte, daß sie eine geschiedene Frau sei, und das Kind habe sie von einem Freund; sie wurde aber sehr stolz und froh, wie sie verspürte, daß sie von vielen deswegen übel angesehen wurde, und meinte, daß alle Erlöser der Menschen beständigen Undank geerntet hätten, bis man später erst ihre Tat richtig erkannt. Dann begann sie und beschrieb ihr Leben von Kindheit an, und sagte, daß sie genau alles erzählen wolle, wie es in Wahrheit gewesen sei, und nichts wolle sie verschleiern, und dieses Buch dachte sie dann herauszugeben, damit jeder es lesen könne.

* * * * *

Die Komtesse Maria bewohnte ein kleines Stübchen, das auf einen stillen Hof hinausging, mit Möbeln, welche der Vermieterin gehörten, und hatten wohl deren gute Stube geschmückt, als der Mann noch lebte. Das Mahagoni, das die über ein Menschenalter gepflegt, war von einer gewissen Traulichkeit, und die Komtesse hatte durch allerhand kleines Wesen das Behagliche noch erhöht; so empfing eine gewisse Wärme des Frauenhaften Hansen beim Eintritt und erzeugte in ihm eine freundliche und friedliche Stimmung.

Es war einen Augenblick lang, wie sie aus der Kanne in seine Tasse goß; sie hatte eine nicht allzugroße Figur, und in ihrer Bewegung war etwas Hausmütterliches; er stand aufrecht da und schien groß und energisch; einen Augenblick lang hatten sie beide ein Gefühl: wie es wäre, wenn sie einander angehörten als Mann und Weib, und dieses wäre ihr Heim, das die Frau freundlich und friedlich machte, damit der Mann Ruhe fände, und der Mann erhielte es, und die Frau hätte bei ihm Sicherheit. Aber schnell verschwand das Gefühl durch Demut und Stolz, denn sie meinten jeder, der andere sei höheren Glückes wert, und er wolle nicht unbescheiden sein.

Dann erzählten sie sich. Zuerst war das Gespräch recht zaghaft, denn als Menschen, die viel für sich gelebt, verstanden sie nicht die Kunst der leeren Worte und scheuten sich, formelhafte Reden zu gebrauchen, bei denen sie nichts empfanden; aber bald wurden sie recht eifrig, denn sie waren auf etwas gestoßen, dafür sie beide Wärme hatten, nämlich auf gelesene Bücher.

Da ereignete sich etwas Wunderbares. Sie sprachen von diesem Buch und jenem, und beide hatten dieselben Bücher gelesen und waren auf die gleichen Fragen gekommen und hatten die gleichen Gedanken gehabt. Sie vertieften sich ganz im Zeigen und Wiedererkennen, und vergaßen sich, und im Eifer geschah es Hans, daß er zu der Gräfin sagte »Du«, worüber sie rot wurde, er aber merkte nichts. Und dann wieder kam ihnen das Märchenhafte zum Bewußtsein, daß sie sich gesehen hatten als kleine Kinder vor vielen Jahren, und jetzt waren sie beide erwachsene Menschen, und in der Zwischenzeit hatten sie ihre Köpfe über dieselben Schriften gebeugt, hatten dieselben Lehren ihren Geist erschüttert, dieselben Fragen sie umhergetrieben, und hatte doch keiner vom andern gewußt, als daß sie einmal zusammen gespielt im Heu und im alten kleinen Forsthause im Walde. Und jedem war gewesen lange Jahre hindurch, als sei er allein in der Welt, und die Menschen waren ihm nur Schatten und Geräusche und lebten nicht, und nun zeigte es sich, daß es noch einen Menschen gab, der alle diese Gedanken und Gefühle gehabt hatte; und plötzlich war es jedem, als sei die Welt nun lebendig geworden aus einem Zauber, und alle Menschen hätten Seelen bekommen. Hans hatte wohl viele Menschen getroffen, die ähnlich sprachen und dachten und ähnliches studiert hatten wie er, aber die waren ihm doch tot gewesen, das wußte er jetzt. Denn was das Lebendige zwischen ihnen schuf, das merkten sie beide nicht in Harmlosigkeit, nämlich, es kam zu den gleichen Meinungen und den gleichen Büchern, daß er ein Jüngling war und sie eine Jungfrau, und daß sie an seiner Brust liegen konnte und er sie umschlungen halten konnte. Das war ein Glück in ihnen, das sie noch nie gespürt. Sie überhasteten sich in ihren Reden, fragten und erwarteten keine Antwort, machten Pläne, nahmen sich Vorsätze vor, und lachten, ohne daß sie einen rechten Grund hatten.

Noch vor einer Stunde waren sie einander fast fremd gewesen, und nun schien es ihnen, als ob sie zueinander gehörten, so hatten sie ohne Scheu ihre natürlichen Bewegungen, und Maria legte ihre Füße auf einen kleinen Schemel, wie sie gewohnt war, ohne daran zu denken, daß sie einen fremden Herrn zum Besuch hatte, nicht einen Bruder oder Gatten; plötzlich fiel ihr die Unschicklichkeit auf, und sie errötete. Wie ein kleines Mädchen errötete sie, und so glücklich sah sie aus, wie ein kleines Mädchen in ihrer Schwesterntracht und glattgestrichenem Haare. Durch ihre Bewegung wurde er aufgeschreckt, sah nach seiner Uhr und fand mit großer Bestürzung, daß er ganz unschicklich lange geblieben war, so stand er hastig auf, und mit einer gewissen Befangenheit trennten sich die beiden.

Als Hans sie das zweite Mal besuchte, waren sie verlegen und kalt, und in ihre Worte wollte keine Wärme kommen, und was sie sagten, sagten sie nicht aus Liebe und Überfluß, sondern um ein schleppendes Gespräch zu erhalten; und weil alles, was vorher so rosig erschien, jetzt grau war, so prüften sie nach bei sich und fanden, daß sie eine eigentliche Belehrung doch das vorige Mal nicht voneinander empfangen hatten, und daß sie ein jeder das schon gewußt, was besprochen war; aber weder er noch sie warfen die Schuld davon auf den andern, sondern meinten jeder, der Grund liege bei ihnen selbst; so trennten sie sich sehr früh.

Nachher machten sie sich schwere Gedanken, wußten sich nicht zu erklären, woher die Kälte und Verlegenheit gekommen, und meinten jeder, er selbst sei schuld daran, indem er das erste Mal aufdringlich gewesen sei. Denn schon hatte in der Zwischenzeit die Liebe ihre seltsame Arbeit in ihren Seelen ausgeübt, nämlich den Geliebten verschönt und erhöht und so geschmückt, daß er ein ganz andres Wesen wurde, aus einem kleinen Menschenkinde mit seiner Angst und Verlegenheit ein zürnender Engel, der unnahbar ist durch seinen Glanz und Größe. Und so sagte Hans bei sich, daß er von niederem Herkommen war und später selten vornehme Leute getroffen, denn die meisten Bekannten und Gleichstrebenden waren ähnlicher Abkunft wie er, deshalb wußte er manches nicht, was schicklich war, etwa ob man die Beine übereinanderschlagen durfte, denn in einem Buche über den feinen Anstand, das er durchstudiert, war das verboten, und vielleicht habe er die Komtesse durch solche Nachlässigkeit beleidigt, und sie denke etwa nicht, wie man sie erklären müsse bei ihm, sondern meine, weil sie Krankenpflegerin geworden sei und ihren Stand verlassen habe, so glaube er, daß man in solchen Dingen ihr gegenüber nicht so sorgfältig zu sein brauche, und solche Ansicht müsse sie natürlich kränken. Und Maria dachte, daß Hans schnell alles spürte, was unsittlich oder unschicklich sein mochte, denn sie kannte auch seinen Vater gut und sah ihn in ihrem Geiste neben ihrem Vater hergehen; da schien ihr, daß sie nicht weiblich gewesen sei, und er könne meinen, sie sei nicht zurückhaltend, und sie fürchtete, er halte sie für schamlos.

Zu diesen Sorgen kamen noch kleine Mißverständnisse und allerhand solche Vorfälle, die bei Liebenden eintreffen; so lebten beide recht unglücklich, wie es ja gewöhnlich ist, auch bei klugen und guten Menschen, in den ersten Liebeszeiten; denn alles ist da noch trübe, unbekannt und unausgesprochen, und erst wenn das klar und geordnet ist und eine ebene Straße sich unter den Füßen hinzieht, kann ruhiges Glück hereinfließen. Aber je selbständiger zwei Menschen sind, desto schwerer ist offenbar ein solches Ziel zu erreichen.

Unter solchen allgemeinen Umständen hatten sie an einem Frühlingstage einen Ausflug gemacht an einen abseits von der begangenen Straße gelegenen Ort, wo ein See lag inmitten des eintönigen Kiefernwaldes, der aus dem dürftigen Boden mit Anstrengung hervorwächst, und in dem ruhigen Wasser spiegeln sich die Kiefern wider und der blasse Frühlingshimmel mit weißen Wölkchen. Unter einer Birke saßen sie, die am Waldrande allein stand und sich an den hängenden Zweigen mit ihren jungen Blättchen schmückte, und wie sich Maria neigte, da wuchsen Leberblümchen, wie zu Hause in dem hohen Buchenwalde, da pflückte sie drei Blümchen ab, und Heimweh ergriff ihr Herz, und um ihr Gefühl zu verbergen, tat sie behutsam die Blumen an ihre Brust. Dabei hatten sie ein Gespräch über etwas andres, aber auch ihm war das Heimweh gekommen, und hinter ihren gleichgültigen Worten teilte sich die Herzensbewegung des einen dem andern mit. Hierüber entstand eine Pause voll Befangenheit, die süß und sehnsuchtsvoll war, und wie sie so schwiegen, kam ein ganz kleiner Schmetterling, der den Winter überlebt hatte, denn er hatte recht abgenützte Flügel, und jetzt hatte ihn die liebe Sonne gelockt aus seinem Versteck, der suchte nach Blumen, und es fror ihn; und in ungeschicktem Fluge kam er zu Marias Brust, setzte sich auf ein Blümchen und schlug freudig und zufrieden seine Flügel zusammen, wie er früher getan hatte in dem warmen Sommer des vorigen Jahres. Sie sah mit glücklichem Gesicht auf das Tierlein nieder und hielt sich ganz still, und durch einen Blick, wie ihn ein Kind haben mag, rief sie ihm, daß er auch sehen solle. Er neigte sich zu ihr, über die Blümchen mit dem Schmetterling, und sein Gesicht kam vor das ihre, und beide verspürten eine Scheu und ein Klopfen des Herzens, da faßte Hans sich Mut und sah zur Seite, und sah, daß ihre Wangen rot waren und in ihren Augen Tränen standen, und hierüber geschah ihm, daß er handelte, ohne sich zu besinnen oder zu überlegen, er legte seinen Arm um sie und küßte sie, und zwar verfehlte er ihren Mund, aber er verspürte doch, wie sie den Kuß erwiderte, und sah, wie ihre Augen sich schlossen. Da tat sich ihm weit, weit das Herz auf und ihm schossen die Tränen in die Augen, und er warf das Gesicht in ihren Schoß und weinte, weinte; der Schmetterling war davongeflogen, und Maria strich ihm sein Haar, leise, mit ihren weichen Händen, und einmal sagte sie »Du Lieber«, mit Anstrengung sagte sie das.

Und wie sein Haupt in ihrem Schoße lag und seine Augen weinten, und sie streichelte ihm das Haar, das hell war und starr, und eine kleine Meise hüpfte über ihnen in dem durchsichtigen Geäst der frühlingsgeschmückten Birke, da kehrte ein in ihnen Zuversicht und Sicherheit und sie wußten, daß sie neu geboren waren wie in einem Stübchen bei ihren Eltern, und daß es nicht mehr Not, Sorgen und quälende Gedanken gab, und alles war einfach und selbstverständlich, und ihre Gedanken waren, als gehörten sie schon lange zusammen, seit vielen, vielen Jahren, und vor undenklichen Zeiten sei etwas Unruhiges und Einsames gewesen, und alles war eins bei ihnen, wie es natürlich ist bei einem alten Ehepaar. Lange verharrten sie so; und es war, als ob alles Glück, nach dem sie sich vergeblich gesehnt, so lange Jahre, jedes allein für sich, als ob das aufgesammelt gewesen sei und nun auf sie herniederregnete in diesen Minuten unter dem durchsichtigen Birkengeäst; und alles war ihnen gleichgültig, ja sie dachten an nichts, und hatten nicht gewußt, ob es Minuten waren oder Stunden, als ihm die Tränen des Glückes aus den Augen flossen, unaufhaltsam, aus der Tiefe seines Herzens, in dem das Glück saß, und sie streichelte sein Haar, das sie lieb hatte, und vielleicht waren es sogar nur Sekunden gewesen, daß sie so gesessen.

Sie besannen sich auch, sahen sich ins Gesicht und lachten, ganz ohne Grund lachten sie, Hansens Backen waren noch naß von Tränen. Plötzlich errötete sie, ein ganz neuer, lieblicher Ausdruck zog sich über ihr Gesicht und sie errötete bis an die Haarwurzel und an den Seiten bis zum Ohransatz, und legte die Hand vor das Gesicht und sagte: »Ach, ich schäme mich.« Da war er ganz ratlos, und es war ihm, als habe er unrecht gehandelt, daß er sie geküßt, aber sie legte plötzlich ihre Hände um seinen Hals und drückte ihm einen Kuß auf die Lippen, einen frohen und innigen. Dann strich sie ihm das Haar aus dem Gesicht und sagte: »Ich habe noch keinen Menschen lieb gehabt wie dich.« Hierüber wurde er wieder verlegen und lachte.

Bald erhoben sie sich und gingen; zuerst schritten sie ganz ohne Gedanken, dann besannen sie sich, daß sie zur Bahnstation gehen mußten, suchten den Weg auf und gingen dann wieder in der vorigen Weise. Plötzlich fiel es Hans ein, daß er Maria den Arm geben wollte, das tat er aber ganz ungeschickt, und darüber lachte Maria, als wäre das etwas sehr Komisches, und Hans lachte auch. Darauf trieben sie ganz kindische Scherze, liefen eine ganze Weile mit untergefaßtem Arm und lachten wieder, bis Maria die Tränen kamen, das waren zwei runde Perlen, die nicht zerliefen, sondern rund blieben. Über diese freute er sich so, daß er sie küßte.

Eine Weile gingen sie dann wieder in Gedanken und still. Da fing Hans plötzlich an, daß er sich besonders darauf freue, wenn sie viele Kinder bekämen. Hierüber wurde sie wieder rot, er aber merkte nichts und fuhr fort in der Ausmalung seines Traumes, wie er dem ältesten Jungen ein Steckenpferd kaufen wollte und dem kleinen Mädchen ein Korallenhalsband, und abends wollten sie mit den Kindern in der dämmrigen Stube sitzen und schöne Lieder singen, und Maria mußte auf dem Klavier begleiten. Auch von der Erziehung sprach er, daß man hauptsächlich fest sein müsse und die Kinder nicht verwöhnen dürfe, denn selbst Härte sei besser wie übermäßige Weichheit. Und allmählich fiel auch Maria ein, und so begannen die beiden fröhlich ihre Luftschlösser zu bauen. Es zeigte sich aber, daß Hans ganz bestimmte Ansichten und Pläne hatte in allen diesen Dingen, über welche sich Maria sehr verwunderte, und wiewohl vieles von diesen Ansichten und Plänen ihren Wünschen nicht entsprach, so empfand sie doch keinen Ärger, wie er so bestimmt war und ganz einfach annahm, daß sie dasselbe wollen müsse wie er, aber sonst war sie immer gleich erbittert gewesen, wenn sie gespürt hatte, jemand wolle, daß sie etwas tue, was ihr nicht einleuchtete. So dachte sie jetzt, er sei wohl etwas tyrannisch, aber sie freute sich heimlich darüber und war gar nicht traurig, hatte auch gar keine Lust, daß sie sich ihre andre Meinung klar machte, sondern dachte nur bei sich: >ach, es wird schon schön und recht sein, wie er es meint<, und er meinte doch viel Törichtes. Plötzlich aber bemerkte sie, daß sie selbst sich vorstelle, wie sie ihre Kinder kleiden wollte, und indem sie gar nicht daran dachte, daß die zuerst ganz klein waren, malte sie sich einen recht schönen Matrosenanzug aus für den Jungen und stellte sich einen Florentiner Strohhut vor für das Mädchen.

So gingen sie auf dem schmalen Weg durch den Wald. Und durch den Wald zog der Atem des Frühlings, herb und streng, die Kiefern reckten sich und hielten sich in Bereitschaft, ihre Kerzen aufzustecken, ein Kreuzschnabel saß auf einem Zweige und sah ruhig das Paar an; das ist ein Vogel, der auf Gott vertraut, denn er baut sein Nest mitten im Schnee, wenn die andern Tiere allen Glauben verloren haben, und im Frühjahr sind seine Jungen schon fast erzogen.

Das Stationsgebäude war ein Haus wie alle diese Häuser, und Menschen warteten da, die sahen gleichgültig und mürrisch aus, wie sie immer aussehen. Aber der beiden Glück machte das dürftige Haus schimmernd und den glänzenden Schienenstrang glückverheißend, der sich gerade hinauszog, weit fort, wer weiß wohin, und alle Menschen, die da warteten und an den Zug dachten und an ihre kleinen Sorgen und Geschäfte, wurden froh und glücklich. Die beiden aber dachten, daß das Leben leicht ist, und wunderten sich, daß sie nicht schon längst das gewußt hatten. Und am merkwürdigsten war, daß alle Menschen ihnen mit Liebe, Freundlichkeit und Schonung zu nahen schienen, und es zeigte sich, daß alle Menschen gut sind. Für den nächsten Tag hatten sie verabredet, daß sie sich im Tiergarten treffen wollten; denn sie mußten einander viel sagen, und vorher wollten sie manches bedenken, weil es doch überraschend gekommen war, wie sie sich gefunden hatten. Hans war zuerst an der Stelle, dann kam Maria, die hatte ein ernstes und ermüdetes Gesicht und begrüßte ihn liebevoll, aber mit sonderbarer Zurückhaltung, und gab ihm einen Brief in die Hand und sprach, während er lese, wolle sie sich auf eine Bank setzen. In dem sehr langen Briefe stand geschrieben, daß sie viel mit sich gekämpft, aber sie sei nun zu dem Entschluß gekommen, daß sie einander nicht angehören dürften; denn gestern habe sie sich durch ihre Gefühle, die sie nicht leugnen wolle, zu einer Übereilung hinreißen lassen; ihr Grund aber sei, daß sie sich zu selbständig fühle, um glauben zu können, daß sie eine gute Gattin sein werde. Dann erzählte sie, wie sie ihre Jugendzeit zu Hause verbracht habe in den großen Sälen, und habe keinen Menschen gekannt, denn mit den Offizieren und Gutsbesitzern, die in ihrem Elternhause verkehrt, habe sie nichts zu sprechen gefunden, außer ganz gleichgültige Dinge; und wie durch die Luft sei es angeflogen, daß sie ganz andere Meinungen bekommen wie alle Leute, die sie kannte, denn sie könne sich nicht entsinnen, daß jemand ihr etwas erzählt über solche Gedanken. Deshalb habe sie auch immer gedacht, ihre Gedanken und Pläne seien unrecht, weil sie niemand gekannt, der sie geteilt, denn erst in ihrem neuen Kreise später habe sie die Menschen getroffen, die ebenso dachten wie sie. Das erzählte sie ihm, damit er sehe, wie ihre Gesinnungen nicht zufälliger Art seien und sich ändern könnten, sondern sie seien aus ihrem Wesen mit Notwendigkeit entstanden, und deshalb könne sie nicht anders werden, wie sie jetzt sei. Dann fuhr sie fort, ihm zu schildern, welche große Anstrengung es sie gekostet, bis sie alle Hindernisse und Vorurteile der Familie überwunden und habe sich in Freiheit bilden dürfen; wenn sie jetzt an diese Zeiten zurückdenke, so begreife sie oftmals nicht mehr, wie das alles möglich gewesen sei. Und nun könne sie das alles nicht mehr opfern und sich einem andern fügen, eine Hausfrau werden und an ganz neue Dinge denken; und wenn sie es doch versuchen wollte, so würde sie selbst unglücklich werden und ihn unglücklich machen, denn der Versuch werde gegen ihre Natur gehen. Darum sei es das beste, er lasse sie, und sie trennten sich jetzt, was zwar ihnen beiden schwer fallen werde; aber da sie nun einmal in solchen unglücklichen Zwiespalt hineingeraten, daß sie einander lieb gewonnen hätten und doch nicht als Gatten zusammenleben könnten, so sei es besser, jetzt Kummer zu leiden und, wenn es möglich, ihre Neigung zu überwinden und dann später in der früheren Art weiter zu leben, wie eine Ehe zu führen, die sicher unglücklich werden müsse und vielleicht ihre gegenwärtige Liebe in Haß verwandeln werde.

Mit großer Trauer las Hans diesen Brief; und wie er ihn zu Ende gelesen, sah er in Mariens Gesicht, das mit einem Ausdruck von unendlicher Liebe zu ihm gewendet war; da lachte er, und sie hängte sich an seinen Arm und fragte schüchtern, was er nun denke, und wie er sagte, es werde alles gut werden, und sie wollten sich trotzdem ehelichen, da drückte sie seine Hand und war glücklich. In diesem Augenblicke wurde ihm in seiner ganzen Weise offenkundig, was sie zum Opfer brachte, nämlich die Freiheit und das Glück eines Blickes von hohen Bergen, und daß sie in Enge ging und kleine Sorgen auf sich nahm, und das tat sie, weil sie ihn lieb hatte, nicht für sich, sondern für ihn. Und er wußte wohl, daß er dieser Liebe unwert war und ihr nicht ein gleiches Opfer bringen konnte, und in Demut sagte er sich, daß alles Herrliche, das wir erhalten, ein unverdientes Geschenk ist, und in Dankbarkeit nahm er sich vor, immer an diese Stunde zu denken. Er freute sich aber, daß er nehmen durfte und dankbar sein, und schämte sich nicht, daß seine Hände leer waren. Solches sind die Werke der Liebe in uns, daß sie unsre schlechteste Eigenschaft überwindet, nämlich den Dünkel, der nichts umsonst empfangen will.