Der schmale Weg zum Glück

Part 2

Chapter 23,980 wordsPublic domain

Und was erzog ihn alles. Da erwachte er des Morgens, und sein Hauch war sichtbar in der kalten Luft unter dem kalkverputzten Ziegeldach, und die kleinen Fensterscheiben waren dick gefroren. Und unten in der Stube saß er dann am Fenster, sah, wie die Schneeflocken niedertanzten und sich sanft auf Zweige legten und auf Bretter und auf den Erdboden, der mit kleinen Steinchen bedeckt gewesen; aber wenn die großen Flocken ans Fenster wehten, so vergingen sie schnell, indem sie niederglitten. An manchen Tagen, wenn es nicht schneite und sehr kalt war, taute auch in der Stube das Fenster nicht ab; dann hauchte er an die Scheibe und schmolz sich ein rundes Loch zum Ausschauen; im Augenblick war es wieder mit einer dünnen Eishaut bedeckt, die war aber nicht weiß. Im Walde war ein Krachen, Tönen und Donnern; und der Wald stand doch ruhig und unbewegt mit seinen schneebedeckten Zweigen in der hellen Sonne. Wenn die Kälte so groß war, so wurde das Herz leicht und lustig und verlangte nach Gefahren; dann dachte er an den letzten Luchs, den sein Großvater hier geschossen, und seine Fäuste ballten sich; und an die Franzosenzeit dachte er, wie da das ganze Dorf in den Wald gezogen war, und er schämte sich, daß alle solche Furcht gehabt hatten. Denn wer recht hat und Gott fürchtet, der muß ausharren, wie im Buch der Makkabäer erzählt ist von den sieben Brüdern und ihrer Mutter; wie die Mörder sechs zu Tode gemartert hatten, da sprach der letzte, der noch ein Kind war: »Worauf harrt ihr? Gedenket nur nicht, daß ich dem Tyrannen hierin gehorsam sein will«, und ließ sich auch martern, trotzdem er noch klein war.

Abends las die Großmutter oft lange vor aus der alten Bibel, deren Blätter braun geworden waren durch die Finger so vieler Vorfahren, die jetzt lange vergessen lagen in ihren rasenbedeckten Gräbern; aus den Geschichtsbüchern im Alten Testament las sie und aus den Evangelien und der Offenbarung Johannis, von dem himmlischen Jerusalem und von der Schale des Zorns, von den vier Reitern und von dem Tier, das über den Gewässern sitzt. Wenn Hans dann mit ihr sprach über das Gelesene, so wunderten sich beide über die Verstocktheit der Juden und freuten sich, daß wir die Offenbarung haben, und daß unser Herr Jesus für uns gestorben ist, an den wir glauben müssen, und können nicht irren. Und wir sehen alle Tage, daß der Gerechte siegt und der Ungerechte vergeht; denn wenn auch ein schlechter Mensch scheinbares Glück hat, so verrinnt das doch bald, wie es Klaus Hörgen geschah, der aus der Fremde heimkam mit einem großen Vermögen, sich ein Haus kaufte und nichts mehr tat; was geschieht? Nach ein paar Jahren wurde ihm sein Haus wieder verkauft, und kam in Schimpf und Schande. Daß es aber einem guten Menschen schlecht ginge, das ist noch nie geschehen; es müßte denn sein wie bei der frommen Genoveva, weil der Herr sie prüfen wollte und ein Beispiel geben für andre.

Im Sommer streifte der kleine Hans viele Stunden lang allein im Wald. Da lagen die Tannennadeln glatt und ungestört auf dem Boden, und die hohen Stämme standen regungslos; nur wenn er zuweilen auf dem Rücken lag und in die Wipfel schaute in der tiefen Stille, spürte er ein leises Wiegen der Stämme und wie die spitzenbehangenen Äste sich kreuzten, hoch oben. Das war eine andre Welt, hoch oben; wenn man ein andres Wesen wäre, ein Vogel oder ein Eichhörnchen, so lebte man da, hüpfte von Ast zu Ast, und alles, was unten ist, sähe ganz klein aus und ginge einen nichts an. In die Stille kam plötzlich das Klopfen oder das Hämmern eines Spechtes, ganz von weitem, oder ein unmerklich leises Geräusch von einer kleinen Meise mit blitzenden Augen. Und Moos war da, das drängte sich dicht, und eine Art sah aus wie ein Tannenwald im kleinen, der Berg und Tal überzieht und alles rund macht. Ameisen auf einem solchen Moosberge kamen sich wohl vor wie wir im Hochwald; vor Gott aber waren wir gleich den Ameisen und ein Wald von vielen Meilen wie ein Häufchen Moos. Das war wunderbar, wenn man auf der anderen Seite die Würdigkeit der Menschen bedachte, denn alle unsre Gedanken kannte ja Gott; dieses war auch der Grund, weshalb wir um ein reines Herz beten, weil wir uns nicht gern schämen, wenn Gott in uns hineinsieht. Einmal hatte Hans gemerkt, wie Gott in ihn hineinsah, aber da hatte er gerade ein reines Herz, und das machte ihn sehr froh, und es war ihm, als müßte es sich innerlich ganz ausbreiten vor Gott, wie ein Buch mit der ersten Seite aufgeschlagen hingelegt wird; er war im Walde und in einer sehr großen Stille.

Wir haben seltene Augenblicke im Leben, wo uns unser inneres Wesen symbolisch gezeigt wird, wie wir ja auch im Traum, statt Begriffe zu denken, Symbole sehen. In einem solchen Augenblick, da er zudem auf der äußersten Spitze seines Lebens stand und sich in solcher Schicksalsstunde für immer nach links wenden mußte oder nach rechts, hatte er in seinem späteren Leben einmal ein schnell vorüberhuschendes Schattenbild eines hohen und ernsten Tannenwaldes, und sein Gefühl war wie Glockenklang. Da entschied er sich nach der rechten Seite; und dann wurde ihm klar, daß der Wald ein treuer Lehrer seiner Jugend gewesen war; und er wußte genau, daß er ein andrer Mensch geworden wäre, wenn er unter Buchen oder Eichen aufgewachsen, statt unter Tannen.

Ein treuer Lehrer war ihm auch Dorrel, das Dienstmädchen. Er war bei ihr im Stall, wo das trübe Licht in der großen alten Laterne brannte, und Dorrel melkte, gleichmäßig und in langen Zügen, indes die Kuh behaglich ihr Kleeheu aus der Krippe zupfte; ein ganz besonderer Ton war in dem Melken, der nach Ordnung, Ehrbarkeit und Fleiß klang; auch die Kuh steht bei einer faulen und hochmütigen Melkerin nicht so ruhig und behaglich, denn das liebe Vieh merkt wohl den Unterschied im Wesen der Menschen und benimmt sich danach.

Dorrel hatte eine besondere Kunst; sie konnte Schutzkrausen aus buntem Papier für Talglichter machen; die schnitt sie zuerst mit der Schere zurecht, und dann drehte sie mit der Schürze sie so, daß sie schöne Falten bekamen. Wenn sie dem kleinen Hans etwas ganz besonders Gutes antun wollte, so versprach sie ihm, daß sie ihm eine solche Krause machen wolle, und dann freute er sich sehr. Sehr oft nahm sie ihn mit, wenn sie aufs Feld ging, und besonders wenn sie im Herbst aus der Elsgrube Kartoffeln holte. Da zog sie den Schubkarren aus der Scheune, legte den Sack auf und ließ dann den kleinen Hans sich setzen; der saß da mit geknickten Beinen und sah glücklich in Dorrels rotes, strahlendes Gesicht, die den Sielen über die Schulter geworfen hatte und rüstig den Karren vor sich hinschob. Denn auch für sie war es eine große Freude, wenn sie Kartoffeln herausholte. Während sie schob, gab sie ihm Rätsel auf, alte Rätsel, die sie selbst als Kind von ihrer Großmutter gelernt:

Es ging ein Männchen über die Brücke, Es hatt' ein Körbchen auf dem Rücken; Hatte drinne Sich sich, Hatte drinne Stich stich, Hatte drinne Weißgewaschen, Ohne Seif' und ohne Wasser.

Das wußte Hans natürlich nicht, was das war, nämlich: Spiegel, Nadeln und Eier. Sehr merkwürdig war das. Auch das war ein schweres Rätsel:

Der König von Ägypten, Der hatt' ein Ding, das wippte, Er konnt' es nicht verkaufen, Er mußt' es selber brauchen.

Das war nämlich seine Zunge.

Und in der Elsgrube war in der Mitte ein rundes Wasser, das war ohne Grund. Vor vielen Jahren hatten die Leute einmal drei Heuseile aneinandergeknüpft und unten einen schweren Stein angebunden und den hinabgelassen, aber sie konnten keinen Boden finden. Hier hatte früher das Schloß des Grafen gestanden, das untergegangen war, als der treue Diener von der weißen Schlange gegessen; jetzt aber lagen hier die Äcker, die zum Forsthaus gehörten.

Dorrel machte dem kleinen Hans eine Schleuder, indem sie eine schwibbe Rute von einer Weide abschnitt und die vorn zuspitzte. Auf die Spitze steckte Hans die Kartoffeläpfel und schleuderte sie in die Luft; so hoch flogen sie, daß er sie beinahe nicht mehr sehen konnte. Ein anderer hätte gedacht, sie flögen in den Himmel, aber Hans wußte aus seinem Lesebuch, daß der Himmel unendlich hoch über uns ist, denn es gab Sterne, deren Licht brauchte viele tausend Jahre, ehe es zu uns kam, so hoch standen die; und der Himmel mußte doch natürlich noch höher sein; aber das glaubte Dorrel ihm nicht, denn die meinte, es würde viel Unsinn gedruckt, und man müßte nicht alles glauben, was in den Büchern steht.

Während er spielte, machte Dorrel Kartoffeln aus; und fast über jeden Busch freute sie sich, daß er so viele Knollen hatte, und meinte immer, das sei doch ein sichtbares Zeichen von Gottes Güte, daß man eine einzige Kartoffel steckt, und nachher sind so viele da; wenn sie einen besonders großen Busch fand, so rief sie den kleinen Hans, und dann suchten sie zusammen die Knollen aus der Erde und zählten sie. Bei jedem Busch war sie immer von neuem gespannt, und Hans stand dann wohl neben ihr, und sie rieten vorher, wieviel Knollen der wohl hätte; dabei behauptete Hans dann etwa, er müsse hundert haben oder zweihundert, und wollte nicht glauben, daß das gar nicht möglich war; wenn er dann ärgerlich wurde, so gab sie ihm ein neues Rätsel auf:

Ule, Ule, Er saß bei mir auf dem Stuhle, Er winkte mir, ich wehrte mich, Er winkte mir so süße, Daß ich vergaß die Augen und die Füße.

Da mußte Hans wieder betteln, denn er wußte nicht, was das war und war doch recht neugierig. Dorrel aber ließ ihn lange zappeln, bis sie ihm zuletzt sagte: das ist der Schlaf.

Die fromme und treue Magd sprach nur aus ihrem braven und rechten Gemüt. Sie wußte, daß es nicht gut ist für ein Kind, wenn man ihm Zeit läßt, ärgerlich und ungezogen zu werden, auch wenn man es alsdann straft, sondern es ist besser, wenn man seine Gedanken ablenkt durch etwas Neues, daß es seinen Ärger vergißt; denn leicht hinterläßt ein häßliches Benehmen Spuren in der Seele eines jungen Kindes.

* * * * *

Der kleine Hans wachte an einem Morgen auf, weil die Vögel auf den Ziegeln gerade über seinem Bett ein großes Klabastern und Schreien anstellten. Ein Stückchen Kalk vom Verputz war ihm auf die Bettdecke gefallen. Die Morgensonne schien durch das Fenster, und die Blüten des Spalierapfels waren aufgebrochen. Ein vollbesetzter Zweig zog sich schräg vor den Scheiben hin. Hans dachte, wenn die alle ansetzten, dann würde es eine Menge Äpfel geben, und sehr bequem waren sie vom Fenster aus zu pflücken. Indessen aber lag er in seinem warmen Bett und hielt die Augen behaglich geschlossen. Auf dem Dach waren jetzt auch Tauben, das hörte man am Gurren und an dem Trippeln. Die warteten, daß Hans in die Haustür trat und ihnen das Futter streute; sie kannten ihn ganz genau und ließen sich nicht irre machen, wenn ein andrer kam und sie anführen wollte. Von den Äpfeln konnte er übrigens im Herbst, wenn sie reif waren, immer jeden Abend einen mit ins Bett nehmen; dann zog er die Decke über die Ohren und aß ihn heimlich für sich. Die Sorte war auch gut.

Jetzt hörte er Schritte auf der Treppe: ganz geschwind kniff er die Augen zu, aber sein Gesicht lachte. Die Mutter trat ein, warf ihm ein Kissen aufs Gesicht, faßte ihn darunter und hielt ihn fest; dazu sang sie:

Hab' ein Vögelchen gefangen Im Federbett, Hab's in'n Arm 'nein genommen, Hab's lieb gehätt!

Hans strampelte und lachte, die Mutter aber hob ihn aus dem Bett, schwenkte ihn und sang:

^Quibus, quabus,^ Die Enten gehen barfuß, Die Gäns' haben keine Schuh, Was sagen denn die lieben Hühner dazu?

Dann küßte sie ihn recht herzlich, und er wischte sich den Mund ab und rutschte aus ihrem Arme auf die Erde. Ob er heute den Tauben wohl Erbsen streuen durfte? Aber es war ein ganz besonderer Tag. Die Mutter kriegte ihn vor und wusch ihn außergewöhnlich gründlich, daß er mit den Zähnen klapperte über das nasse Wasser und ganz blankgescheuerte Backen bekam. Dann kämmte sie ihm das Haar glatt, das ihm sonst borstig und hell in die Höhe stand; erst bearbeitete sie es mit Wasser, nachher mit Pomade.

Hans fragte mit großer Neugierde, was denn heute geschehen werde; aber die Mutter lachte nur und antwortete ihm nicht. Sie holte den guten Anzug aus dem Schrank, und auch seinen Kragen und die Manschetten kriegte er; die waren zwar recht ausgewaschen, und einem verwöhnten Stadtkind wären sie nicht mehr ganz anständig erschienen, für Hans aber waren sie eitel Prunk und Herrlichkeit. Und wie er nun so fein angezogen war, ermahnte ihn die Mutter, daß er sich fromm in die Stube setzen sollte und ein Buch vornehmen, damit er den guten Anzug schonte und sich nicht unordentlich machte. Da holte er seine Lesebücher zusammen: den Preußischen Kinderfreund, drei Bände Spinnstube und die Bibel, und begann für sich zu lesen; denn eigentlich war ihm das Lesen doch das Liebste, und vollends, wenn der Vater nicht da war, der immer wollte, daß er etwas Nützliches studierte; die Mutter aber meinte, es sei alles nützlich und gut, was in seinen Büchern stand. So las er im Kinderfreund seine Lieblingsgeschichten von der gnädigen Frau von Paretz, und das Gedicht: Als Kaiser Friedrich lobesam ins heil'ge Land gezogen kam (bei dem er immer meinte, lobesam müsse mit großem Anfangsbuchstaben geschrieben werden, weil es doch der Nachname Kaiser Friedrichs sei); und in der Spinnstube las er die Geschichte von Wittington und seiner Katze, der dreimal Bürgermeister von London wurde, welche Stadt anderthalb Meilen lang und fast eine Meile breit ist, achttausendeinhundertundeinundneunzig Straßen hat, hundert freie Plätze von großer Ausdehnung, zweimalhundertundfünfzigtausend Häuser, und zwei Millionen Einwohner. Das war einmal eine Stadt!

Zuletzt sagte die Mutter dem Hans, was bevorstand, denn der Herr Graf mit seiner Gemahlin und den Kindern wollten eine Lustfahrt durch den Wald machen und dabei im Forsthause einsprechen. Denn es waren noch nicht die Zeiten, die im vorigen Kapitel geschildert sind, und die bösen Zustände im gräflichen Hause wurden noch nicht äußerlich bemerkt.

Da kam der erste Wagen, der von stolzen Pferden gezogen wurde, welche die Beine tänzelnd hoben und den Kopf hochhielten; nachher, wie sie standen, spielten sie mutwillig mit dem Gebiß; man sah es ihnen wohl an, daß sie in Herrendienst waren und in Wohlleben. Der Kutscher trug eine sehr stolze Livree und saß hochmütig auf dem Bock, als gehe ihn die ganze Welt nichts an; und die Frau Gräfin mit der kleinen Komtesse lehnten im Wagen und sahen gar nicht so stolz aus wie der Kutscher und lächelten beide freundlich, indem die Mutter den Schlag aufmachte. Hans hörte, wie die Frau Gräfin immer lobte und sagte: »Schön, sehr schön, ausgezeichnet, liebe Frau Werther.« Er mußte eine Verbeugung machen, die ihm die Mutter vorher eingeübt hatte, und war sehr verlegen; am liebsten wäre er ganz weit weg gewesen.

Da die Frau Gräfin ihm auftrug, daß er der kleinen Komtesse alles zeigen sollte, was zu sehen wäre, so faßte er die bei der Hand und ging mit ihr aus der Stube; sie war wohl ein Jahr jünger wie er, aber er war fest entschlossen, sie mit »Sie« anzureden; solange es ging, wollte er sich indessen um die Anrede drücken, weil er doch nicht wußte, ob es nicht komisch war, wenn er »Sie« sagte. Sie sprach zuerst und erzählte, daß sie ihr weißes Kleid nicht schmutzig machen dürfe. Sie hatte ein weißes Kleid, das war ganz aus Spitzen, wie aus Luft, und in der Mitte war ein blauseidenes Band. Er wußte nicht recht, was er antworten sollte, da fielen ihm seine Manschetten ein, die zog er von den Händen und zeigte sie ihr; das war ihr sehr merkwürdig, und sie sagte, daß bei ihren Brüdern die Manschetten aus einem Stück seien mit den Hemden, aber so, wie er es habe, sei es gewiß viel vernünftiger, weil man sich dann nicht so schrecklich viel umzuziehen brauche.

Nun führte er sie in den Stall, die Treppe hinauf, zum Heuboden. Hier hatte er im Heu sich einen langen Gang gegraben, und am Ende hatte er eine Höhle, deren Decke war mit Brettern gestützt, daß sie nicht einstürzte. Eigentlich war das eine Höhle der alten Deutschen, aber man konnte hier auch Mann und Frau spielen, dann war die Höhle der Raum, wo die Frau blieb und Mittagessen kochte, oder flickte, und der Mann kam nach Hause aus dem Wald. Die Komtesse war einverstanden, daß sie so spielen wollten. Deshalb kroch er erst in den Gang hinein, und wie er hinten in der Höhle saß, rief er ihr, daß sie nachkommen sollte, damit er ihr das Innere zeigte, das war freilich ganz dunkel. Sie kroch auch ganz tapfer nach, wie sie aber in der Mitte des Ganges steckte, hielt sie plötzlich still und fing ganz jämmerlich an zu weinen, weil sie mit einem Male Angst kriegte. Er tröstete sie und sagte, die Mädchen hätten immer Angst, und sie solle nur weiter kriechen, dann käme sie zu ihm; aber sie weinte immer lauter und rief nach ihrer Mama. Da kroch er zurück, und sie schob sich auch rückwärts aus dem Gange, und wie sie draußen standen, sahen sie recht unordentlich aus und waren voller Heu. Dann wurde beschlossen, sie sollte den Mann vor dem Hause erwarten, denn es müßte Sommer sein, und in der Stube müßte es heiß sein. Deshalb ging er fort, die Treppe hinunter, aber mit dem Kopf durfte er nicht verschwinden, sonst wollte sie wieder weinen, dann kam er wieder, trampelte laut mit den Füßen, rief: »Kusch, Pollux!« und sagte: »Guten Tag Frau, was macht der Junge?« Sie antwortete: »Er ist artig gewesen, darum muß er auch einen Kuß kriegen.« Diese Antwort brachte ihn aus dem Konzept, weil sie ihm ungewohnt war, deshalb fragte er weiter: »Hast du auch was Gutes gekocht?« -- »Nein,« sagte sie, »ich habe in der >^Semaine des Enfants^< gelesen.« Nun wußte er wieder nicht weiter, deshalb sagte er: »Ach, das ist ein dummes Spiel, wenn du nicht so eine Heulliese wärst, so könnten wir jetzt durch die Heuluke durchklettern in die Kuhkrippe.« Da versprach sie ihm, daß sie auch ganz gewiß nicht wieder weinen wollte, und dann machte er die Heuluke auf, sie legten sich auf den Boden und sahen, wie unten die Kuh in die Höhe guckte, mit den Lippen bettelte und durch die Nasenlöcher pustete. Das war so komisch, daß sie lachen mußte. Hans zeigte ihr, wie man sich durch die Luke in die Krippe niederlassen konnte; die Kuh pustete neugierig und leckte mit der Zunge ihn an, weil sie dachte, er sei ein Heubündel; das war noch komischer wie das andre; aber mit in die Krippe steigen mochte die Komtesse doch nicht.

Unten bei der Kuh waren Hansens Kaninchen. Die wollte die kleine Komtesse gern sehen. Sie gingen hinunter, und die Komtesse bewunderte den langen, kleinen Gang an der Wand, der aus Brettern gezimmert war, und das Schlupfloch, das ein Arbeiter schön blau und rot bemalt hatte. Hans fing ein ganz weißes Kaninchen und reichte es ihr an den Ohren hin; es hielt ganz still, wie sie streichelte, und plötzlich fing es stark an zu zappeln, daß sie zuerst erschrak; nachher mußte sie aber selber lachen über ihre Furcht, wie sie die niedlichen roten Augen sah. Dann nahm Hans das Brett am Ende des Laufganges weg, wo das Nest war; da lagen sechs kleine Kaninchen bei ihrer Mutter, die waren ganz zahm und ließen sich auf die Hand nehmen, und ihre Mutter machte ein Männchen und schnupperte nach oben. Über das alles war sie so entzückt, daß Hans zuletzt strahlte vor Stolz und Freude; und nachdem er sich lange überlegt, ob er wohl nicht Zanke bekäme von der Mutter, wenn er ihr ein Geschenk anböte, fragte er, ob sie ein Pärchen haben wolle. Da war sie ganz glücklich, und mit immer neuem Vergnügen suchte sie sich zwei von den kleinen Tieren aus, nahm sie in ihr Kleid und sprang zu ihrer Mutter in der Stube. Die sagte mehrmals, die Tiere seien sehr schön, aber als das Kind sie bat, ob es sie mitnehmen dürfe, antwortete sie, daß es doch zu Hause keinen Raum hätte, wo es sie lassen könne; und die Kleine, die schon wußte, daß auch noch eine leichtere Ablehnung endgültig war, gab dem Hans mit Tränen in den Augen und ohne Worte die Tierchen wieder zurück und setzte sich dann still ans Fenster. Die Frau Gräfin sagte dann, sie sei wohl recht wild gewesen, und sie müsse jetzt artig sein, ihre Brüder würden bald kommen. Hans stand da mit den beiden kleinen Kaninchen, eins in jeder Hand, und wußte nicht, wo er hingehen sollte; in seiner Verlegenheit bot er sie der Komtesse noch einmal stumm an; die schüttelte das Köpfchen und sah durchs Fenster. Seine Mutter stand auf, öffnete die Tür, schob ihn hinaus und sagte ihm, er solle die Kaninchen wieder in den Stall bringen; das tat er auch; und weil er nicht recht wußte, wie er wieder in die Stube gehen solle, so blieb er draußen unter der Toreinfahrt, steckte die Hand in die Hosentaschen und pfiff mit erkünsteltem Gleichmut ein Lied. Ganz wohl war ihm nicht, denn er hatte wohl gesehen, wie die Frau Gräfin böse geworden war, nur daß sie es nicht so zeigte, wie seine Mutter es pflegte.

Nach einer Weile aber kam die kleine Komtesse wieder heraus, trat neben ihn hin und sagte: »Ich danke dir auch schön, und du mußt nicht böse sein; wenn wir einen Raum hätten für die Kaninchen, so hätte ich sie nehmen dürfen.« Dann zog sie ein Albumbildchen hervor, das stellte Dornröschen dar, wie der Prinz es gerade wachküßt, das schenkte sie ihm. Er steckte das Bild gleichmütig in die Tasche. Sie sagte dazu: »Ich hätte es gerne selber behalten, unser Küchenmädchen hat es mir geschenkt, aber dir will ich es geben.«

Indem sie noch so sprachen, fuhr ein andrer Wagen vor, in dem saß der Graf und die beiden Jungen, die ungefähr in dem Alter waren wie Hans; und auch der Förster saß im Wagen. Der Vater sprang schnell heraus und war der Herrschaft behilflich beim Aussteigen. Der Herr Graf faßte die kleine Komtesse beim Zöpfchen, sie warf sich ihm in die Arme und hätte wohl gern noch einmal gebeten wegen der Kaninchen, wenn sie gewagt hätte.

Nun trat die Frau Gräfin aus dem Haus und gab der Försterin freundlich die Hand. Die kleine Komtesse umfaßte ihren Rock und bat: der kleine Hans soll mitfahren. Sie bat so herzlich, daß die Frau Gräfin fragte, ob die Eltern das erlaubten; die sagten natürlich ja, die Mutter zupfte Hans noch einmal zurechte, und dann stiegen alle ein. Die Kinder durften in dem einen Wagen für sich bleiben, nachdem sie dem Kutscher auf die Seele gebunden waren, der Graf war mit seiner Gemahlin in dem andern, und nun ging die Fahrt fort in den Wald.

Dem Hans war sehr befangen zumute, denn er hatte das Gefühl, daß er ganz anders saß und sich bewegte und sprach wie die jungen Grafen; die sahen so aus, als dachten sie gar nicht an ihre Bewegungen, und er meinte, daß sie wohl heimlich über ihn lachen möchten. Das Mädchen erzählte von den Kaninchen, und wie reizend die gewesen seien; da sprachen die beiden Brüder geringschätzig und meinten, Kaninchen seien gar nichts Besonderes, und wenn sie nur wollten, so könnten sie Hunderte haben; und wie die Kleine erzählte, daß sie die beiden geschenkten Jungen nicht hatte mitnehmen dürfen, da lachten sie und sagten, sie verstehe das nicht, wie man seinen Willen erreiche; da müsse man so lange heulen, bis einem erlaubt werde, was man wolle. Hans kriegte runde Augen über diese Ansichten und sagte zwar nichts; die Brüder aber merkten wohl, daß ihm ihre Reden unrecht vorkamen, deshalb machten sie sich gefaßt, ihren Spaß mit ihm zu treiben, denn sie hielten ihn für einen Duckmäuser.