Part 19
Sie kam zu ihm und legte ihm die Arme um den Hals; und er mußte sie küssen; das war eine Heuchelei, daß er sie küßte, und eine Qual war es für ihn. Sie wich seinem Kuß aus, scheu und befangen; aber auch sie heuchelte ja, indem sie auswich, nur wußte er, daß ihr das keine Qual war. Sie hatte jetzt einen Menschen, der ihre Leiden tragen mußte, einen Feigling, der am Abgrund gestanden hatte und hinuntergesprungen war in die Tiefe, trotzdem er wußte, daß er unten zerschmettern würde, aber er sprang hinunter, weil etwas in ihm war, das ihn zwang, sich in dieses Verderben zu stürzen. Und siehe, jetzt lachte sie schon, mit jenem melodischen Lachen, das ihm so furchtbar war. Er hätte sie fassen mögen und weit von sich schleudern, aber er zog sie an sich und flüsterte Liebesworte. Und an Luise dachte er und ihren ruhigen Blick, und wußte jetzt mit Klarheit, daß es nur seine Schwäche war, die sie fern von ihm gehalten. Denn ihre Seele hatte sich zu ihm geneigt und wollte ihm ihre sanfte Blüte erschließen.
Es folgten die äußerlichen Dinge, Verlobung und Hochzeit, und die Aufmerksamkeit der Menschen, und inzwischen ging der seelische Kampf der beiden weiter, denn auf der einen Seite drang sie in ihn hinein als etwas Fremdes, suchte ihn auszufüllen und sich an Stelle seines Eigenen zu setzen, so daß er hätte mit ihren Augen sehen müssen und mit ihren Gedanken urteilen, und auf der andern Seite nahm sie räuberisch von ihm, paßte das Geraubte sich an, daß es ihr altes Eigentum schien und zeigte ihm das gelegentlich ganz unbefangen. Dann erkannte er mit Wut Stücke von sich in fremder Gefangenschaft, die er nicht befreien konnte.
Doch er kam am Ende dazu, daß er sich gegen das erste mit einem Erfolg verteidigte, und zuletzt wieder allein in sich war; aber gegen das zweite gab es für ihn keine Waffen. Indessen stellte sich da unerwartet eine Hilfe für ihn ein, denn je mehr er sich abschloß und sie aus sich entfernte, desto geringer schien ihre Kraft zum Rauben zu werden, wiewohl sie den Trieb dazu behielt. Dadurch kam sie in eine Enttäuschung, die sie jedoch nicht verstand, denn die Lage erschien ihr jetzt so, daß sie glaubte, sie habe die ganze Welt aufgefaßt, aber die sei ganz einfach und immer gleichmäßig und verursache ihr eine quälende Langeweile. Deshalb glaubte sie sich betrogen, weil man doch die Erwartung habe, daß das Leben mehr sei, und in Haß und Erbitterung über diesen vermeintlichen Betrug schloß auch sie sich nun immer mehr ab und wendete die wenigen und geringen Vorstellungen, die sie erobert hatte, mit Wut immer hin und her, ob sie nicht doch Neues an ihnen entdecke. Darauf gewöhnte sie sich an, zu klagen, und erzählte in allgemeinen Ausdrücken, daß sie vom Unglück verfolgt sei und alles fehlschlage, was sie beginne, und alle andern Menschen mehr Glück haben, und so fort; so wurde sie endlich auch in ihrer Ausdrucksweise pöbelhaft, denn nichts zieht Menschen so sehr ins Gemeine wie solches Klagen. Mehr und mehr wendete sie sich in diesen Reden mit einer Spitze gegen Karl; und am Ende, nachdem alles, was geschehen war, sich ihr ganz verkehrt hatte, sagte sie sogar, daß sie gegen ihre eigentliche Neigung und Absicht und nur aus Mitleid Karls Weib geworden sei, welches Mitleid ihr nunmehr übel vergolten werde.
Johanna hatte den Plan aufgegeben, eine bei ihr vorhandene geringe malerische Begabung auszubilden, weil ihr die Beharrlichkeit fehlte, sich das handwerksmäßige Können anzueignen, das für den Maler nötig ist, und wie so viele dachte sie, daß der Schriftsteller dieses Könnens entraten kann; und wie denn damals, als durch eine mißverstandene Rückkehr zur Natur die Meinung aufkam, durch die Wiedergabe einer zufälligen Beobachtung könnte man ein Dichterwerk schaffen, viele Frauen solche Fähigkeiten zeigten, so wendete sie sich nun der Schriftstellerei zu. Hierdurch entstanden auch äußere Gegensätze zu Karl, denn wenn auch bei ihm selbst die Begabung nicht zum Kunstwerk ausreichte, so wußte er doch um diesen Mangel schon bei sich genau, denn er beschränkte als Mann sein Wollen nicht auf sein Können, und noch deutlicher sah er den Mangel aber bei seiner Frau, deren Begabung zudem noch geringer war wie die seinige, da sie noch mehr lediglich Ausdruck einer problematischen Natur war und von jener Art, wie sittlich geringwertige Menschen sie oft haben durch ihre Minderkraft.
Aber auch diese Kämpfe der Ehegatten fanden keine rechte äußere und anschauliche Form, die eine eigentliche Erzählung möglich machen würde, und so muß es auch hier am bloßen Bericht genügen.
Inzwischen hatten auch Karls frühere Geliebte und ihr Verlobter Jordan geheiratet, nachdem sie ihren gebührlichen Brautstand gehabt, und hatte sie wohl große Sehnsucht, daß sie ihr Kind wollte zu sich nehmen, das sie von Karl bekommen, aber sie scheute sich; wie sie aber am Hochzeitstage von ihrem Mann in die Wohnung geführt wurde, die sie zusammen eingerichtet für sich, da fand sie in einem Kinderwagen liegen und ruhig schlafen das kleine Söhnchen, denn ihr Mann wollte ihr eine Freude machen. Da weinte sie vor großem Glück, küßte und herzte den guten Jordan, und weil das Kindchen eben aufwachte und nach einer Nahrung schrie, ging sie schnell in die Küche, woselbst schon alles bereit stand, und richtete ihm seine Flasche, und inzwischen spielte der Mann mit dem Kleinen, indem er ihm seine Uhr vorhielt und mit Schlüsseln klingelte. Sie aber bei ihrer Hantierung überlegte sich, was sie ihm sagen wolle, und wie sie wieder in die Stube kam und das Kind besorgt hatte, sprach sie zu ihm: »Ich bin sonst stolz gewesen und hätte von einem andern keine Gabe angenommen, auch wenn ich ihn lieb hatte, wie ich ja in Wahrheit Karl lieb gehabt habe. Von dir aber nehme ich alles an; und das nicht deshalb, weil ich weniger stolz geworden bin, sondern weil du ein solcher Mensch bist, daß sich einer nicht schämt, wenn du ihm gibst. Und nicht eine gewöhnliche Dankbarkeit habe ich gegen dich, sondern weil ich weiß, daß das Glück, das du andern schenkst, durch deine Güte wieder reicher zu dir zurückgeht, so liebe ich dich nur mehr in größerer Fröhlichkeit.«
Nun lebten die beiden in ruhigem Glück, das sie dadurch noch mehr wärmte, weil sie beide vorher durch schweres Unglück gegangen waren, und genossen das Glück mit klarem Bewußtsein, daß dieses Unglück notwendig für sie gewesen war.
Recht bald begann der Kleine aufrecht zu sitzen, und dann wurde er aus dem Wagen genommen und erhielt ein kurzes Kleidchen und versuchte zu gehen; und wiewohl er seinen Pflegevater nur eine kurze Zeit zu sehen bekam des Abends, wenn der von der Fabrik heimkehrte, hatte er ihn doch besonders in sein Herz geschlossen, sah ihn viel an und hielt sich zu ihm, denn auch ganz kleine Kinder wissen schon den Gesichtsausdruck der Erwachsenen zu deuten und haben nach dem ihre Gefühle. Schon in den ersten Tagen, wo er sich frei auf dem Fußboden bewegen durfte, hatte er gemerkt, daß der Vater, wenn er gekommen war, seine Schuhe wechselte, und so brachte er ihm, ohne daß es die Mutter ihm aufgetragen, seine Pantoffeln. Hierüber erhob sich bei den Eltern eine große Freude und ein besonderes Rühmen seiner Klugheit, das bewirkte, daß er auch fernerhin bei dieser Erfindung verharrte. Es bewunderten auch die andern Frauen im Hause den Kleinen sehr und erzählten ihren Männern von dem Kind, und der Kaufmann an der Ecke fragte jedesmal die Mutter nach ihm, wenn sie einholte. Über alles dieses wurde sie noch glücklicher, und ihr Gesicht war so, daß jeder froh werden mußte, der sie ansah.
Weil sie doch nun einen Mann hatte und sich nach ihrer Vorstellung nicht mehr des Kindes vor andern zu schämen brauchte, so bekam sie eine besondere Lust, einmal mit den beiden zu ihren Eltern zu reisen, die auf einem Dorfe und mit der Bahn nicht allzu entfernt wohnten. So beredete sie denn eine lange Zeit mit ihrem Mann diesen Plan, und wie die Witterung passend war und sie beide mit Kleidung wohl versehen, daß sie den Eltern gefallen mochten, da erbat er sich für einen Montag Urlaub, und sie fuhren auf zwei Tage nach dem Ort mit großer Freude; der Kleine war sehr artig unterwegs, und viele, die mitreisten, fragten die Eltern über ihn, ließen sich erzählen und freuten sich seiner.
Die Eltern der Frau waren Instleute, die zu einem großen Gute gehörten und ein Häuschen für sich hatten, eine Kuh und zwei Schweine, und ein Stück Acker bekamen sie von der Herrschaft. Sie verwunderten sich sehr über ihre Tochter, daß sie so schön gekleidet war, und über den Schwiegersohn, und über den Enkel, und waren über die Maßen stolz und fröhlich, und mußten die Kinder von allem erzählen, von der Arbeit des Mannes, und von seinem Lohn, und von ihrer Wohnung in einem so großen Hause, daß in dem einen Hause so viele Menschen wohnten, wie hier in dem ganzen Dorfe, und daß sie polierte Rohrstühle in ihrer Stube hätten. Über das alles schlug die Mutter die Hände überm Kopf zusammen, und der Vater sagte nur: »Ei, ei!« Und bei dieser freudigen Verwunderung der Alten wurde es den beiden erst so recht klar, wie gut sie es hatten, und wie glücklich sie lebten.
Dann nahm die alte Mutter den Enkel auf den Arm, der ganz fein und vornehm aussah in seinem großen, weißen Hut neben ihrem verbrannten und verarbeiteten Gesicht, und ging mit ihm hinaus in den Hof, ließ ihn die Schweine im Stall sehen und erzählte ihm, daß die zu Martini geschlachtet würden, und daß dann Wurst gemacht würde, und er solle dann auch eine kleine Wurst haben, und dann zeigte sie ihm die Kuh, die vor der Krippe stehend zurücktrat und sich umsah nach den beiden mit ihren großen, sanften Augen. Und wie die Alte so allein mit dem Jungen war und keiner sie sehen konnte, herzte sie und küßte den Enkel fortwährend, denn vorhin hatte sie das nicht gewagt, und das Kind streichelte ihr die Backe und faßte lachend an ihre Nase. Der Alte aber führte den Schwiegersohn im Häuschen herum und zeigte ihm alle Einrichtungen, wie er die Wurst räucherte, und wo er sein Korn aufhob, denn er bekam Dreschanteil, auch das Dach zeigte er ihm und erzählte, daß es früher mit Stroh gedeckt gewesen sei, aber er habe jetzt ein Ziegeldach hergestellt, und zwar habe er Falzziegel genommen, was das Neueste sei und sehr viel besser als die Hohlziegel, die man früher gehabt, und so redete er noch vieles Wirtschaftliche und Verständige mit dem Schwiegersohn. Und weil ihm der so gut gefallen hatte, und er selbst hatte doch auch seinen kleinen Stolz, so nahm er ihn am Ende beim Ärmel und sprach zu ihm, er müsse nicht denken, daß die Eltern seiner Frau Habenichtse wären; und wenn sie einmal starben, so kamen doch auf jedes Kind etwa hundertundfünfzig Taler, die sie dann erbten.
Wie es gegen den Abend ging und die alte Frau daran dachte, das Essen zu bereiten, da taten sich die beiden Alten zu einer heimlichen Unterredung zusammen, und dann brachten sie eine Flasche Wein zum Vorschein, die hatte die Herrschaft vor Jahren einmal geschickt als eine Stärkung für die alte Frau, die damals recht krank gewesen war, aber sie hatte aus eigener Ehrfurcht nicht gewagt, das Geschenk anzurühren, sondern es aufgehoben, wenn einmal ein besonderer und festlicher Tag sein sollte. Sie lachten beide viel in Behaglichkeit und in Unruhe über das Ereignis, daß die Flasche nun entkorkt werden sollte, dann bereiteten die beiden Frauen am Herde das Essen, und die Mutter freute sich, wie flink ihre Tochter war, dachte auch seufzend früherer Zeiten, wo ihre Glieder noch nicht so steif geworden; ganz leichtfertig ging sie an den Speck und schnitt ein großes Stück ab, auch viele Eier nahm sie und ein großes Stück Butter stellte sie auf, und wenn sie auch eine heimliche Furcht hatte, ob nicht zu viel aufgehe, wenn sie den Tisch so üppig bereite, so freute sie sich doch wieder, daß es ihren Kindern gut schmecken sollte. Das gute Essen und der Wein machte alle Lebensgeister noch froher und munterer, und der alte Vater erzählte aus seiner Jugend und rühmte die heutige Zeit, daß es da jeder besser habe, und wer ordentlich und brav sei, der erreiche auch etwas, sei es nun in der Heimat oder in Amerika; und seine Bäcklein röteten sich unter den grauen Stoppeln, und er begann sogar die alte Mutter an die Zeit ihrer Verlobung zu erinnern, daß die erst sich schämte und ihm verbot und nachher gerührt wurde und sich mit dem Schürzenzipfel ein Tränlein aus dem Auge wischte; am meisten lag ihm jedoch das neue Dach aus Falzziegeln am Herzen, und er wurde nicht müde, dessen Vortrefflichkeit zu preisen. Die beiden Alten hätten in ihrem Stolz das Enkelkind gar zu gern ihrer Herrschaft gezeigt, nur wußten sie nicht recht, wie sie das beginnen sollten, denn sie hatten Furcht, daß sie aufdringlich erscheinen möchten, und die Herrschaft denke vielleicht, sie wollten etwas geschenkt haben für das Kind; da kamen sie am Ende überein, daß die Tochter mit dem Kleinen den alten Vater morgen auf dem Felde besuchen sollte zu einer Zeit, wo der Herr gewöhnlich geritten kam, dann würde der fragen, und er wollte ihm alles erzählen und ihm seine Tochter zeigen und das Enkelkind, und das sähe doch dann aus, als sei es bloßer Zufall gewesen. Und wie sie so sprachen, begannen sie allerhand Vergleiche mit diesem Nachbarskind und mit jenem; und keines, fanden sie, war so prächtig wie das ihre, denn an dem war alles zu bewundern.
So gingen am Ende alle schlafen, und wie sie in den rundlich gestopften und weichen Betten lagen, denn die Alten hatten zwei leere Betten stehen und die Federn waren von ihren Gänsen, die sie selbst gezogen, da waren alle so froh, daß es gar kein größeres Glück geben konnte, und schliefen fest und ohne Träume. Und am andern Tage wurde die geplante Begegnung mit dem Herrn auch durchgeführt, und der Herr fragte auch, und wie er alles gehört hatte, sprach er freundlich mit der Mutter und dem Kind, und wiewohl er nur einige gleichgültige Worte gesagt hatte, so wiederholten die beiden Alten die doch immer wieder und waren froh.
Dann aber ging es an das Abschiednehmen, und die Eltern mit dem Kind fuhren wieder nach Berlin zurück, unter vielen Versprechungen und Plänen, daß sie selbst bald wieder kommen wollten, und daß die Eltern sie in Berlin besuchen sollten, und dem Jungen hatte die Großmutter noch zwei schöne, große Äpfel heimlich in die Hand gegeben, die vom vorigen Herbst waren und aussahen wie eben gepflückt, die hielt er mit großer Sorgfältigkeit fest, bis die Mutter sie ihm abnahm, weil er müde wurde und schlafen wollte.
Nun geschah es aber, daß das Kind krank wurde, und fiel der Mutter zuerst eine seltsame Aufgeregtheit auf und besondere Röte des kleinen Gesichtes, dann wurde der Arzt gerufen und erkannte einen heftigen Anfall von Scharlach. Wie die Eltern seine Worte hörten, bekamen sie zwar erst einen Schreck, aber darauf bedachten sie, daß doch die meisten Kinder von dieser Krankheit befallen werden und wieder genesen, und das machte sie wieder guten Mutes. Dann folgte ein seltsamer Vorgang, nämlich das Kind wurde immer kränker, die Eltern aber, als ob sie eine heimliche Furcht hätten, die sie durch gewollte Hoffnung beschwichtigen könnten, wurden gleichzeitig immer zuversichtlicher. Aber am Ende geschah es in einer Nacht, wo die Mutter am Kopfende des kleinen Bettchens saß, daß das Kind plötzlich schneller atmete, und weil die Mutter vom Arzt gehört hatte, daß die Entscheidung bevorstand, so dachte sie bei sich, jetzt überwindet es die Krankheit, das macht ihm Mühe; plötzlich aber verzog sich der kleine Mund wie zu einer kläglichen Bitte, und das Gesichtchen sah mit einem Male viel älter aus, und da blieb der Atem stehen. Das war der Mutter zuerst recht sonderbar; aber mit einem Male verstand sie, was das bedeutete, und schrie: »Er stirbt, er stirbt!« Da sprang der Mann vom Lager auf und kam mit einem ungläubigen Lächeln und wollte beruhigende Worte sagen, indem er die kleinen Händchen erfaßte; die waren aber ganz anders geworden, und das Wort stockte ihm.
So standen nun die beiden vor dem Leichnam und verstanden nichts, nur daß dem Mann einfiel, daß er die Augen zudrücken mußte. Und wie die Augen geschlossen waren und der Schatten der langen Wimpern sich abzeichnete, war der klägliche Ausdruck um den Mund des Kindes verschwunden, und in dem wachsfarbenen Kindergesicht zeigte sich ein tiefer Ernst und eine wunderbare Entschlossenheit, wie eines Helden, der einen schweren Gang zu tun hat. Da sank die Mutter auf die Kniee und begann zu schluchzen. Dem Mann aber zerstreuten sich noch immer die Gedanken durch den Gram, weil er keine Handlung zu tun hatte, denn noch eine lange Zeit war ihm, als müsse er verlegen sein und lächeln, und wunderte sich über sich selbst, denn er hatte das liebe Kind sehr gern gehabt, und am Morgen geschah ihm wunderlich, wie er seine Hausschuhe erblickte, die ihm der Kleine abends immer angeschleppt hatte, jeden einzeln, und drückte ihn ungeschickt an sich; da strömte es ihm plötzlich aus den Augen, ohne daß ein Aufhalten möglich gewesen wäre, unaufhörlich, wie eine Quelle, und ohne Schluchzen. Da schonten die beiden einander und sprachen nicht miteinander und taten ein jedes, was nötig war.
Am Abend des zweiten Tages sagte die Frau: »Ich habe bis nun nicht an Gott geglaubt und war stolz auf diesen Unglauben. Jetzt aber weiß ich, daß es einen Gott gibt, und zu einer Strafe für mich habe ich diese Einsicht gewonnen, denn ich habe dahingelebt in Leichtfertigkeit und ohne Gedanken, und wie dieses Kind kam, habe ich es nicht aufgenommen als eine Bestrafung dafür, daß ich nicht an mich dachte und an die Aufgabe, die ich erfüllen soll, und auch nicht als ein Geschenk, das mich zur Besinnung, Liebe und Nachdenken bringen konnte, sondern als eine zufällige und ungerechte Last, die ich verabscheute, und auch die Freude, die ich später an ihm gehabt, ging nicht aus einer Belehrung und Besserung hervor, sondern nur aus derselben alten Leichtfertigkeit und Gedankenlosigkeit, nach der ich dahin gelebt habe wie ein Tier im Walde. So ist mir dieses Kind nun wieder genommen, und ich habe meine Strafe dahin und weiß nun, daß alles das nicht möglich wäre, wenn es nicht einen Gott im Himmel gäbe. Durch dessen Nachsicht habe ich bis jetzt gelebt, nun aber kann ich nicht mehr leben. Wenn ich aber das tote Kindchen ansehe, so ist mir, als habe es alles das gewußt, und wiewohl es nur eben anfing, die ersten Laute zu sprechen und ganz kindisch war in seinem Wesen, so hat es mich doch ganz durchschaut, und in seinem Innern hat es mich gerichtet; das sehe ich an dem Ausdruck seines Gesichtes.«
An Karl war eine Nachricht von dem Geschehnis gesendet; er kam zu den beiden, und wie die Beerdigung war, wohnte er der mit seiner Frau bei. Für das Kind hatte er keine rechten Gefühle gehabt, da er es kaum gesehen, denn die väterliche Liebe wächst erst, wenn ein Vater in einem größer werdenden Kinde sein eignes Bild wiedererkennt, und jene besondere Liebe, die wir zu den ganz Kleinen haben, auch wenn sie uns fremd sind, in deren großen und unbestimmten Augen noch ihre himmlische Heimat träumt, die entsteht doch nur im ganz nahen Zusammenleben. Auch hatte er nicht mehr genug Zuneigung zu seiner früheren Geliebten, um mit ihr zu empfinden und zu verspüren, was für sie das alles bedeutete. So überwog bei ihm das Gefühl der Peinlichkeit seiner wunderlichen Lage, und er hatte eine Empfindung von Leerheit; die aber machte ihn betroffen, wie er neben den beiden tiefgebeugten Menschen stand; und seine Frau war von äußerlicher Höflichkeit und zeigte eine gewisse Neugierde. So kam es, daß sie auf die hochgespannten und empfindlichen Seelen der andern verletzend wirkten und denen ein häßliches Gefühl verursachten. Nur einen Augenblick tauchte bei Karl etwas Besonderes auf, als er sah, wie Jordan mit Zartheit seiner Frau den Arm streichelte, als könne er sie dadurch trösten; da wurde ihm klar, wie die beiden zusammengehörten und eins waren, und was in Wahrheit die Ehe bedeutet, und empfand ein tiefes Mitleiden mit sich selbst.
Auf dem Heimweg sprach Johanna gleichgültige Dinge in kalter und selbstsüchtiger Weise und erregte in Karl eine tiefe Erbitterung. Jordan und seine Frau waren schweigend nach Hause gegangen; denn der Mann wußte nicht, was er zu dem sagen sollte, was in ihr sich jetzt bewegte und Gestalt annahm, und hatte Scheu und Ehrfurcht vor ihr; ihr aber hatte dieses Zusammenkommen mit dem früheren Geliebten einen neuen Eindruck gemacht, dessen Folgen sich erst nach Wochen zeigten. Da sprach sie zu ihrem Manne: »Ich habe ein herzliches Erbarmen mit Karl, denn er ist ein ganz unglücklicher Mensch; und das nicht nur durch sein ganz schlechtes Weib, sondern auch durch sich selbst. Es ist mir aber sein Anblick eine Tröstung gewesen in meinem gegenwärtigen Leiden, denn durch ihn habe ich gesehen, daß ich doch nicht verworfen bin. Wir haben die christlichen Lehren ja alle gehört, aber weil sie uns nur äußerlich gelehrt wurden und nicht eine Antwort auf das Fragen unseres Herzens waren, so haben wir sie nicht verstanden und dadurch sind sie uns fast in Vergessenheit geraten. Jetzt weiß ich, was Gottes Liebe bedeutet, und weiß, daß Gott mich liebt. Deshalb habe ich keine Unruhe mehr, mache mir auch keine Vorwürfe und Sorgen, denn ich weiß, daß mir nur Gutes geschehen ist, und daß mir nie Übles geschehen wird, durch die Liebe Gottes. Diese Erkenntnis ging mir auf, wie ich Karl beobachtete, denn der gehört nicht zu den Auserwählten; weshalb das aber so ist, weiß ich nicht, und das wird wohl ein Geheimnis sein, das Gott sich vorbehalten hat.« So sprach die Frau; und wiewohl der Mann den eigentlichen Sinn ihrer Worte auch später nicht verstanden hat, denn er war ein Mensch, der auf anderm Wege zu seinem Ziele kam, nämlich durch seine eigne Milde und Güte, so wußte er doch, daß auch solches gut ist, und ließ sie nach ihrer Art denken.
Und so lebten die beiden sich immermehr ineinander, und am Ende erreichten sie dasjenige Maß von Vollendung, das bestimmt ist für solche Leute, wie sie sind, mögen das nun gelehrte und hochmächtige oder schöne und berühmte Menschen sein, oder ein armes und unbeachtetes Arbeiterpaar, das nicht unterschieden von den andern in einer menschenerfüllten Stadt wohnt.
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