Der schmale Weg zum Glück

Part 18

Chapter 183,746 wordsPublic domain

Weiland war aus Berlin ausgewiesen und hatte zunächst seine Familie zurückgelassen und sich auf die Suche nach einer neuen Stelle in einem andern Orte begeben; aber mehrmals war es schon geschehen, wenn er bei seiner Arbeit war, daß Polizeibeamte in die Fabrik kamen und ihn durchsuchten. Anfänglich schrieb er mit Lustigkeit, wenn er alsdann von seinem erschreckten Herrn verabschiedet wurde und wieder weiterreisen mußte; aber zuletzt lauteten seine Briefe ganz verzweifelt; denn er schämte sich, daß er kein Geld nach Hause schicken konnte. Die junge Frau hatte das Glück gehabt, daß sie die beiden Zimmer vermietete, und so schlug sie sich denn ärmlich mit dem Kinde durch, indem sie in der Küche wohnte; aber sie verbrachte ihre Tage mit manchen heimlichen Tränen, wenn der eine Mieter ihre geliebten Möbelstücke rücksichtslos behandelte, etwa mit den Stiefeln auf dem Sofa lag oder mit der Zigarre ein Loch in die Tischdecke brannte. Sie klagte auch zuweilen dem andern Mieter, dem, welcher in der früheren Schlafstube wohnte; derselbe war Aufseher in einer Fabrik, ein ruhiger und ordentlicher Mann von etwa dreißig Jahren, der verheiratet gewesen und von seiner liederlichen Frau verlassen war. Dieses Unglück Weilands drückte Hans noch besonders nieder, und wie er auch für sich so nirgends einen rechten Weg sah, den er gehen konnte, so erschien ihm sein ganzes Leben in trüber Zwecklosigkeit. Da bekam er unerwartet einen Brief von seinem Lehrer, daß er ihn aufsuchen möge; denn wiewohl er dem durch sein Arbeiten nähergetreten war, hatte er doch nicht gewagt, jetzt zu ihm zu gehen, weil er sich schämte, wie denn Unglück argwöhnisch macht und die Menschen zu einem unsinnigen Stolz verhärten kann. Hansens Lehrer war ein alter Mann mit schneeweißen Haaren und blitzenden blauen Augen, den die Jahre nicht versteinert hatten wie die einen, daß er bei seinen vormaligen Meinungen stehen geblieben wäre, noch hatten sie ihn schwach gemacht wie die andern, daß er sich zu Gesinnungslosigkeit entwickelt hätte, sondern als eine nicht auf das Handeln angelegte Natur hatte er sich zu einer milden Skepsis entwickelt, die in verständigem Zuschauen ihr Genüge fand, und die Wärme seines Herzens hob er für die einzelnen Menschen auf, die ihm irgendwie nahetraten, wie unser Hans. So begrüßte er den mit dem Troste, er wolle dafür sorgen, daß er an einer schweizerischen Universität promoviere, und alsdann werde er auch eine Stelle für ihn finden, wo er zuerst in untergeordneter gelehrter Arbeit tätig sein könne und aber doch Zeit habe, eigenes zu leisten, wenn er es vermöge. Dann fuhr er fort: »Ich meine, daß für jeden jungen Menschen, wenn er anders Kraft in sich hat, eine Zeit kommen muß, wo ihm alle bestehenden Einrichtungen unsinnig erscheinen; denn die haben ihren Grund ja nicht in den sittlichen Idealen, sondern in der menschlichen Gebrechlichkeit. Ein junger Mann aber kennt nur die sittlichen Ideale, weil er die in sich trägt; von der menschlichen Gebrechlichkeit aber weiß er nichts, die lernt er erst durch das Leben kennen, an sich wie an andern. So erneuert sich, um nur ein Beispiel zu nehmen, für jede Generation immer wieder der Zweifel an der bestehenden Eheform, und wie der junge Mensch an die Stelle der Ehe die Liebe setzen möchte, so soll auch in allen andern Verhältnissen an den Platz des Rechtes die Sittlichkeit treten. Bei tüchtigen Personen kommt mit der Zeit die Erfahrung, die ihnen die relative Vernünftigkeit alles Bestehenden zeigt und sie bewegt, daß sie von ihrer Schwärmerei ablassen und vielmehr das Bestehende durch Liebe und Geistigkeit verklären, weil sie anders keinen Ausweg für ihren guten Willen haben; untüchtige Personen aber lernen nicht durch die Erfahrung; und indem sie bei der Schwärmerei verharren, werden sie am Ende aus ursprünglich guten und edeln Menschen zu Narren und Verbrechern, denn weil sie darin beharren, das Gesetz für unrechtmäßig zu halten und allein ihrer Sittlichkeit folgen wollen, verwechseln sie mit der Zeit die Sittlichkeit mit ihren Trieben, weil ja die Menschen bei zunehmenden Jahren immer selbstsüchtiger werden; außerdem aber gibt es schon von Anfang an unter euch Verbesserern der Welt schlechte Menschen, nämlich solche, bei denen nicht das sittliche Ideal und der Mangel an Erfahrung der Grund ihres Abscheus gegen das Bestehende ist, sondern ein Mangel an Zucht und leerer Hochmut. In deinem Falle, mein lieber Hans, kommt noch dazu, daß wir heute in einer Zeit leben, wo ein jugendlicher Stand, nämlich die Klasse der industriellen Arbeiter, die erst vor kurzem durch die gesellschaftliche Entwicklung geschaffen ist, die ihm historisch gebührende Stelle erstrebt, welche um einiges wenige höher ist wie die, welche er gegenwärtig inne hat. So vereinigt er mit diesem Streben alle die jugendlichen Anschauungen von Gleichheit der Menschen, von erhöhter Sittlichkeit in allen Beziehungen und noch viele andere, die du ja kennst. Und wende mir nicht eure merkwürdige geschichtliche Auffassung und eure Entwicklungsvorstellungen ein: denn auch die sind nur eine jugendliche Illusion neben andern, besonders bezeichnend für unser braves, nachdenkendes und vielstudierendes deutsches Volk. Wenn erst die Verfolgung aufhört, so wird mit der Zeit auch die Illusion schwinden, wenn auch die Terminologie noch beibehalten werden mag.«

Inzwischen bereiteten sich für Karl neue Liebesbande vor. Unvergessen war noch in seiner Seele die Leidenschaft für Johanna, die ihm die Jahre seiner angehenden Jünglingszeit verzehrt hatte, und es war nicht selten, daß ihm ihr eindringliches Gesicht des Nachts in verwirrten Träumen erschien, die wohl keine Erinnerung zurückließen, aber eine dunkle Sehnsucht und ein unbestimmtes Fühlen in der Helle des Tages erzeugten. Nun kam Johanna in diesen Zeiten nach Berlin und hatte bald, wie denn die Welt ja so klein ist, Beziehungen zu dem Kreise Karls gefunden, so daß sie ihm unerwartet entgegentrat. Das geschah aber so.

In ihre kleine Stadt war ein Fremder gezogen, ein etwa fünfzigjähriger Herr, der ein berühmter Geigenkünstler gewesen; der hatte sich ein altertümliches Haus am Bergabhang gekauft, dessen großer Garten mit weitschattenden hohen Bäumen sich den Berg hinaufzog. Die alte Mauer um den Garten wurde durch ein eisernes Staket erhöht, an dem sich im zweiten Jahre Ranken des wilden Weins zeigten, die in Bälde so dicht und hoch wuchsen, daß niemand von irgend einem Punkte draußen in den weiten und schattigen Garten blicken konnte, und das Haus wurde fest verschlossen und nur auf langes Pochen mit dem alten Türklopfer den Boten und Geschäftsleuten geöffnet; denn ein Besuch kam niemals an diese hohe und finstere Tür; und als einzige Bedienung hatte der Herr ein altes Weib nebst deren gleichfalls nicht mehr jungen Tochter, die beide abenteuerliche Gerüchte über ihn in dem neugierigen Städtchen verbreiteten.

Der Künstler hatte ein langjähriges Virtuosenleben geführt, war an Höfen und in Großstädten herumgereist, zuerst mit Übermut und Stolz, nachher in Langeweile und Ekel, und wie er alle Künstlereitelkeit bis auf das letzte befriedigt hatte und der Geschmack auf der Zunge ihm immer bitterer wurde, war ihm der Gedanke gekommen, sich an diesen stillen Ort zurückzuziehen und ganz nur sich selbst zu leben, denn in seinen zerstreuten und verwirrten Umständen zwischen vielen Menschen, die alle leer waren und ihm schmeichelten, war er auf den Gedanken gekommen, er sei ein Selbst, und es sei wichtig und sogar nötig, daß er dieses Selbst in Sammlung und Ruhe rein und groß aus sich herausstelle.

Indessen vergingen ihm in dem alten Hause und stillen Garten die Tage und Wochen; und zuerst hatte er gedacht, dieses müßige Dahingleiten der Zeit sei für das Nächste nötig, damit sich sein Geist erhole von dem zerreißenden Leben, das er geführt. Aber auch späterhin wartete er vergeblich auf eine Sammlung und Zunehmen der Kraft, vielmehr glitten die Tage und Wochen wie vorher dahin, wie in einem tiefen Flusse, schnell und ohne Halt, und auch seine Unruhe vermochte dieses Unheimliche nicht zu hemmen. Und während er vorher gedacht hatte, er könne keine Liebe zur Kunst in sich bilden, weil er nach der Willkür des Zufalls fremden Leuten an verschiedenen und gleichgültigen Orten äußerliche Musik vorspielen müsse, so zeigte es sich nun, daß er in der Einsamkeit gar nicht den Bogen anrühren mochte und es ihm ein heftiges Unbehagen bereitete, wenn er seinen kostbar eingelegten Geigenkasten ansah.

Unterdessen hatten sich aus den Erzählungen der beiden Weiber in dem Städtchen viele Legenden um ihn gebildet, von denen er nichts ahnte; denn er war als ein hochgewachsener und schlanker Mann von künstlermäßigem Aussehen ganz zu einem Helden phantastischer Bilder geschaffen. Auf Johanna, die damals gegen ihr neunzehntes Jahr ging, hatten diese Geschichten und der Anblick seiner Gestalt einen sehr tiefen Eindruck gemacht, so daß sie eine heftige Liebe zu ihm faßte und auf Mittel sann, wie sie sich mit ihm bekannt machen könne. Und am Ende fand sie eines, das freilich sehr gefährlicher Art war, aber dadurch gerade ihrem erregten Gemüt besonders zusagte. Der Fremde hielt sich nämlich zwar von aller Gesellschaft des Städtchens zurück, aber im Winter, wo auf dem großen See eine prächtige Schlittschuhbahn war, verschmähte er es nicht, sich auf dem Eise zu zeigen, denn er war von Jugend an ein eifriger Läufer gewesen; und zwar ging er immer des Morgens auf die Eisbahn, wenn die andern Bewohner der Stadt durch ihre Tätigkeit verhindert waren, so daß er seine kunstvollen Zirkel fast allein und ohne lästige Gesellschaft zeichnen konnte. Hierauf baute Johanna ihren Plan; denn an einer Stelle war das Eis dünn durch einen Quell, der vom Boden aus das Wasser bewegte, und wiewohl der gefährliche Punkt durch Tannhecke immer genügend gekennzeichnet war, so hatten sich an ihm doch schon zwei Unglücksfälle ereignet; die Vorfahren erzählten, daß durch diesen Quell der See mit dem großen Netz der unterirdischen Wasseradern in Verbindung stehe, welche den Wassergeistern als Wege dienen zwischen ihren Städten und Schlössern. Johanna beschloß nun, an einem Morgen, wenn sie den Fremden auf dem See wußte, gleichfalls zum Schlittschuhlaufen zu kommen, und wenn er in der Nähe war, mit scheinbarer Ungeschicklichkeit an die dünne Stelle zu geraten, damit sie einbreche und von ihm gerettet werde, denn daß er vielleicht nicht so mutig sein könne, wie sie annahm, das kam ihr gar nicht in den Sinn.

Nach diesem Plane ging sie nun vor, und es geschah alles, wie sie gewollt hatte, wenn schon ihr zuletzt schien, als handle sie gar nicht absichtlich, und das Eis gab an der Stelle nach, und sie sank ein, mit einem wunderlichen Gefühl darüber, daß das Wasser doch nicht so kalt war, wie sie sich gedacht, und obwohl sie hatte standhaft sein wollen, schrie sie doch laut nach Hilfe, aber es schien ihr, als habe sie dabei gar keine Angst. Der Musiker kam eilfertig auf sie zu, und wie sie seine Figur so von unten sah, erschien er ihr komisch; ohne daß ihr der Grund recht klar wurde, rief sie dem ratlos Ängstlichen zu, er solle sich flach auf das Eis legen und ihr von weitem die Hand reichen; unterdessen hielt sie sich aufrecht im Wasser, indem sie sich an das Eis festklammerte und die Beine nicht in die Höhe ziehen ließ. Er tat nach ihrer Vorschrift, und sie sah vor sich eine vornehme und schmale Hand in feinem Handschuh, die ergriff sie, und so kam sie aus dem Wasser. Wie sie beide aufrecht auf dem Eis standen und sie sein entsetztes Gesicht sah, in dem unter grauem Haar sich schon tiefe Runzeln zogen, da wurde sie so aufgeregt, daß sie ihm um den Hals fiel und ihn mehrmals auf den Mund küßte. Er brachte sie schnell nach Hause, und indem ihre erschreckten Leute sie empfingen, ging er mit dem Versprechen, daß er sich morgen nach ihrem Befinden erkundigen wolle.

Wie er am nächsten Tage kam, war sie gesund und fröhlich, denn der Unfall hatte ihr nicht im geringsten geschadet, und empfing ihn mit heiterm Lachen, er aber stand mit einer fremden Verlegenheit vor ihr, die indessen ihr den schlanken und nicht jugendlichen Mann noch liebenswerter erscheinen ließ. Und indem an die ersten Fäden sich bald weitere anspannen, schien es ihm, daß er eine unwiderstehliche Liebe zu dem jungen Mädchen gefaßt habe, denn in seinem unsteten Leben hatte er zwar manches verliebte Abenteuer bestanden, aber es hatte noch nicht ein Weib wirklichen Einfluß auf ihn gewinnen können. So geschah es am Ende, daß die beiden sich heirateten, wider den Willen des Vaters und zur großen Verwunderung der kleinen Stadt.

Schon am Hochzeitstage wurde sie ungeduldig über ihn und sprach verletzende Worte; er schwieg, aber seine Lippen zitterten und sein Gesicht sah alt aus; da hängte sie sich um seinen Hals und sagte ihm, daß sie ihn lieb habe. Nun geschahen geheimnisvolle Dinge in dem stillen, alten Hause. Einmal wurde bekannt, daß der Mann ein junges Dienstmädchen, das sie angenommen hatten, in ihrer Gegenwart mit einer Feuerzange geschlagen hatte, und war nachher zu dem Mädchen auf ihre Kammer gegangen, hatte ihr Geld gegeben und gesagt, seine Frau sei schuld, er habe nicht anders gedurft, und sie solle heimlich aus dem Hause gehen. Noch viele andre sonderbare Geschichten wurden verbreitet, und am Ende, nachdem die beiden noch nicht ein Jahr verheiratet waren, wurde eines Morgens in der Stadt erzählt, daß der Mann sie heimlich verlassen habe. Es folgte dann nach einiger Zeit eine Ehescheidungsklage, in welcher die Frau einen Eid schwor, der mit der Aussage des Mannes nicht übereinstimmte, aber da dieser seine Aussage nicht auf seinen Eid nehmen wollte, so wurde ihr von den Richtern geglaubt, wenn schon die ganze Stadt der Meinung war, daß sie im Unrecht sei. Nach dieser Scheidung mochte sie nicht mehr zu Hause bleiben, weil niemand mit ihr verkehren wollte, und deshalb kam sie nach Berlin, wo sie bei einem Meister Malunterricht zu nehmen gedachte. Hier gewann sie bald eine gewisse Stellung; denn wenn früher und auch noch jetzt in der ruhigeren Gesellschaft eine instinktive Abneigung gegen die geschiedene Frau herrschte, weil in ihr sich eine Verneinung dessen verkörperte, was der allgemeine Wille der Gesellschaft war, so wird jetzt in den unruhigeren Kreisen umgekehrt eine Geschiedene mit besonderer Freude empfangen als eine Verkörperung der neuen Bestrebungen, und auch ohne daß Johanna selbst Erfindungen zu machen brauchte, wurde von ihren Mitkämpferinnen gleich angenommen, daß sie eines der Opfer der bekannten männlichen Untugenden sei und beklagt werden müsse, und auch Männer schlossen sich der Meinung an.

Inzwischen war jene Luise, welche die kindliche Entführungsreise mit dem Dichter Peter gemacht hatte, zu weiteren Jahren gekommen, und durch jenes unklare Streben und den Drang, eine Kraft zu betätigen, welche damals die Flucht veranlaßt hatten, war sie zu einer Beschäftigung mit dem getrieben, was man die Frauenfrage nannte, und hatte für sich selbst einen Ausgang gefunden, denn sie lernte fleißig bei Lehrern, weil sie das Abiturientenexamen machen wollte und dann in der Schweiz Medizin studieren; und indem auch hier noch keine Scheidung eingetreten ist zwischen den tüchtigen Menschen, auf denen die Zukunft ruht, die ja irgendwie anders sein wird als die Gegenwart, und den zerfaserten und untüchtigen, die nur aus Schlechtigkeit und Ohnmacht mit allem Neuen gehen, so kam sie in ihren Kreisen mit Johanna zusammen und gewann eine Zuneigung zu ihr, wie ja solche innerlich gänzlich zerstörten Personen von Johannas Art oft die Liebe gerade der Besten gewinnen.

Karl hatte durch seine Natur die Gewohnheit, daß er gern mit Frauen sprach, und nachdem seine wunderliche und unpassende Liebschaft ein Ende genommen, besuchte er wieder häufiger eine solche Gesellschaft, wo er Frauen und Mädchen antraf, die zu seiner Klasse gehörten. So kam er jetzt auch oft wieder zu Luisen, die ihn in ihrem jungfräulichen Stübchen empfing, mit ihrem Bruder zusammen, der sich immer mehr zu einem wortkargen und scheuen jungen Gelehrten entwickelt hatte, und saßen die drei dann behaglich um den runden Tisch, wo Luise mit Freundlichkeit als Wirtin waltete, und eine besondere Wärme, die von den friedlichen Wänden, der reinen Luft des Zimmers und der Stille ihrer Bewegungen ausging, bewirkte in seinem Herzen ein besonderes Wohlgefühl; dann wurde nicht gestritten und disputiert, nur Kleinigkeiten wurden erzählt, oft in Andeutungen, die bloß den drei verständlich waren, und zuweilen brachte Karl eine Blume mit, und wenn Luise die in einem zarten Glase auf den Tisch setzte, so freute er sich.

Schon länger hatte er von der neuen Freundschaft gehört, aber wegen des veränderten Namens war ihm keine Ahnung gekommen. So fand er unvorbereitet an einem Tage Johanna beim Eintritt in das Zimmer vor, wie sie an dem Platz gegen das einzige Fenster saß, den er selbst sonst innehatte, und so kam es, daß er sie bei der Vorstellung nicht erkannte, sich gleichmütig verbeugte und unbekümmert setzte. Da sprach Johanna zu ihm: »Ich denke, wir müssen uns kennen.« Dieser Worte Klang trieb ihm plötzlich das Blut zum Herzen, er sprang auf und zitterte, und war ihm, als müsse er ohnmächtig werden; sie aber brach in ein silberhelles Gelächter aus, das von einer wunderbaren Lieblichkeit anzuhören war. Da schien es ihm, als geschehe das alles meilenweit entfernt von ihm.

* * * * *

Es geschah Karl, daß unter seinem gewöhnlichen Menschen, den er kannte, sich plötzlich ein andrer und neuer Mensch erhob, den er nicht kannte, denn der hatte bis dahin unbewegt geschlummert. Ganz plötzlich erhob sich der und zeigte sich als blind und ganz erfüllt von einer unsinnigen und leidenschaftlichen Liebe zu Johanna, und während er sonst alle andern Regungen durch genaue und kranke Selbstbeobachtung in klares Licht stellen konnte, war an diesem Treiben gar keine Beobachtung möglich, denn es schien, als sei es ebenso einfach und nicht zu untersuchen wie der Hunger oder Durst. Gleichzeitig mit diesem verspürte er einen neuen Wunsch, nämlich, daß er an Gott glauben könnte, und indem er meinte, daß es keinen lebendigen Gott gibt, betete er zu dem, daß er ihm Glauben geben möge an ihn. Aber es war ein tiefes Dunkel und Schweigen, und kein Trost kam herab in sein furchtsames Herz.

Ehe er Johanna wiedersah, hatte er oft an Luise gedacht und sie sich vorgestellt, und solches Bild hatte ihn dann getröstet. Etwa sie saß unter einem blühenden Kirschbaum, in welchem die Bienen summten, und ein Blütenblatt fiel langsam sich drehend in ihren Schoß, oder ihre großen und dunklen Augen hatten jenen wunderbaren, tiefinnerlichen Ausdruck, den viele durchweinte Nächte erzeugen, wenn es die Dinge unsrer Seele gewesen sind, um die wir geweint haben; und ihre kühle Hand lag auf seiner Hand, Ruhe in ihm verbreitend und den Frieden, den sie sich erkämpft hatte. Denn auch sie hatte schwere Zeiten in ihrem Innern gehabt, aber wenn es im Gespräch an diese kam, so glitten die Worte an ihr ab ohne Wirkung, und nur im Gefühl teilte sie mit von dem, was sie besaß. Und er wußte, das Leben entflieht, wie der Schatten einer Wolke dahinzieht über schweigende Wälder und Berge.

Nun waren zu dem noch die Gefühle und Triebe des andern und untenliegenden Menschen gekommen, die sich um Johanna bewegten.

Sehr merkwürdig war es, welche Übereinstimmung er mit ihr in scheinbar unbedeutenden Dingen hatte, die doch auf Tieferes in uns weisen; so liebten sie beide, wenn im Bücherbrett die Bände eng zusammenstanden, und wo eine Anzahl Werke von geringerer Höhe neben größeren aufgestellt waren, legten sie andre oben quer über, damit die Lücke ausgefüllt wurde. Eine eigne Rührung überfiel ihn, als er das bemerkte. Auch schien es, als seien sie in allem der gleichen Meinung, und eine Uneinigkeit entstehe nur scheinbar und durch Mißverständnisse. So gelangte er auch neben Johanna oft zu dem Gefühl der Beruhigung. Zuweilen, wenn seine Gedanken einander widerstritten, sagte sie ihm, welches seine richtige Meinung war, ehe er selbst Klarheit gewonnen hatte; bei solchen Gelegenheiten konnte sie ihm scherzend vorwerfen, er rede oft doppelsinnig.

Aber plötzlich wurde ihm dann klar, daß sein Kreis enger geworden, und daß er das frühere Gefühl verloren hatte, hinter seinem Bewußtsein breite sich noch ein großer und dunkler Raum aus, der ihm gehörte, wenn er nur seine Schritte in diese Pfadlosigkeit lenken wollte; dann überkam ihn eine heftige Angst vor ihr, die ihn körperlich peinigte.

Einmal spielte er Schach mit ihr; sie hatte einen Zug getan, der das Spiel gegen sie entschied, und als es schon zu spät war, wollte sie ihn zurücknehmen. Er antwortete, daß das gegen die Regel sei, da stand sie auf und sagte, nun wolle sie nicht zu Ende spielen. Wie er ihren Gesichtsausdruck sah, wurde ihm plötzlich bewußt: sie brauchte ihn nur; und wie sie in diese Klarheit hinein noch sprach, daß er ihrem früheren Mann sehr ähnlich sei, da spitzte sich in ihm plötzlich ein starker Haß zu, und er empfand fast körperlich, wie sie einen selbstsüchtigen Willen auf ihn wirken ließ und durch den vieles aus ihm herausholte, was ihm gehörte, um es sich anzueignen und sich in roher Weise damit zu schmücken. Unter solchen Umständen gelangten sie zum Einverständnis. Und zwar geschah das scheinbar unvorbereitet, aber er hatte es vorhergefühlt. Sie stand von ihrem Stuhl auf, legte die Hände auf den Rücken und ging im Zimmer auf und ab wie ein Mann. Vorher hatte sie geraucht, und von dem Ende ihrer Zigarette im Aschenbecher stieg noch eine dünne Rauchsäule in die Höhe, die jedesmal in Verwirrung geriet, wenn sie in die Nähe kam. Sie begann damit, daß es doch nötig sei für sie beide, zu Klarheit zu kommen, und weil für sie selbst die Peinlichkeit des Anfangens geringer sei, so wolle sie beginnen; denn in seiner Natur liege es, daß er endgültige Entschlüsse scheue. Und wie sie so sprach, arbeiteten in ihm Furcht und Scheu, und er sah unglückliche Zeiten voraus, und doch konnte er nicht aufspringen und ihr entgegentreten, denn sein Herz bebte in tiefer Sehnsucht zu ihr.

Dämmerung sammelte sich in den Winkeln des Zimmers. Sie ging auf und ab, sprach stockend und langsam. Es fiel ihm ein, daß er einen Vorwand haben mußte, um das Gespräch abzubrechen, aber seine Angst fand keinen Vorwand, und sein Herz schlug ihr entgegen.

Ihr Tonfall war fremdartig; und es wurde ihm plötzlich klar, daß sich hier für einen Augenblick in ihr der Vorhang lüftete, durch den ihr eignes Innere sich vor ihr verbarg, und daß sie erschrak vor sich selbst; hätte er ihr jetzt alles sagen können, was er wollte, seinen Haß, seine Liebe, seine Furcht und seine Verachtung, so hätte sie alles begriffen und hätte ihn ziehen lassen. Aber er brachte kein Wort über seine vertrockneten Lippen, und schämte sich für sie. Und weil sie im Staube lag und sich selbst verachtete in dieser Minute, so sagte er, wider seinen Willen und tonlos: »Du hast recht, ich liebe dich über alles.« Wie diese Worte verhallt waren, sonderbar waren sie verhallt in dem dunkelnden Raume, und sein Herz krampfte sich zusammen, da war auch in ihr der Vorhang wieder zugezogen, und sie wußte nicht mehr, daß sie im Staube gelegen hatte. Karl aber fühlte sich vernichtet, daß er hätte mögen ohnmächtig werden.