Der schmale Weg zum Glück

Part 17

Chapter 173,295 wordsPublic domain

Auch Jordan war oft zu Besuch bei den jungen Leuten, jener ruhige Mann, der damals in der Versammlung ihnen die Spuren der Ketten an seinen Knöcheln gezeigt hatte. Einmal, als er mit den beiden Studenten zusammen von dem Ehepaar wegging, war er in sehr trüber Stimmung und in jener Verfassung, die zu Klagen und Erzählungen treibt. So sprach er von seiner Heimat, wo er bei einem alten Meister gelernt, der ihn lieb gewonnen hatte, weil er Sonntags nicht zum Tanzen ging und zu Biere, sondern zu Hause blieb und Bücher las; der hatte ihm gesagt, wenn er seine Wanderschaft beendet habe, so solle er wiederkommen, dann sei er selbst so weit, daß er nicht mehr arbeiten könne, dann solle er seine Werkstätte übernehmen und seine Kundschaft bekommen. Nun hatte er aber gesehen, wie überall das Handwerk durch die Fabriken verdrängt wurde, und auch die Schuhmacher konnten sich nicht lange mehr halten, und wenn jetzt ein junger Mensch sich in einem kleinen Ort als Meister niederließ, so mochte er ja wohl noch ein paar Jahre lang sein Auskommen haben, aber dann ging das Handwerk doch zugrunde, und da war es besser, gleich in jungen Jahren in die fabrikmäßige Produktion zu gehen, solange man sich noch gewöhnen konnte, und vielleicht bekam er eine bessere Stellung. Weshalb Jordan das erzählte, wurde nicht klar; aber der Grund war, daß er Heimweh hatte und sich aus dem großen Fabriksaal mit den schnurrenden Maschinen und der hastigen Arbeit wegsehnte in die kleine Schusterwerkstätte mit dem Schemel, dem Knieriemen und der Glaskugel vor dem Licht. Weiterhin erzählte er, daß er versprochen gewesen sei, kurz vor seiner Verhaftung, und das Mädchen habe er auch von Jugend auf gekannt, denn was man so in Berlin sehe von Mädchen, da wisse man bei keiner, was der schon alles passiert sei, und das sei ja wohl nicht richtig, wenn man als junger Kerl sein Herz an ein Mädchen hängt, denn man könne ja tausend haben für eine, aber weil er sie so lange gekannt und auch ihre Eltern, so sei er doch der Meinung gewesen, er habe etwas Gutes. Wie er aber wieder aus dem Gefängnis herausgekommen sei, da habe er sie mit einem andern verlobt gefunden, und sie habe ihm nur gesagt, die Jugend gehe schnell vorbei, und nachher kommen die Sorgen, darum sei man dumm, wenn man seine Jugend mit Warten hinbringen wolle. Damals sei er an allem verzweifelt, und wenn er nicht aus der Schrift von Engels gegen Dühring gelernt hätte, daß die Handlungen der Menschen durch die Verhältnisse bestimmt werden, so hätte er vielleicht dem Mädchen etwas angetan; nun aber sei das lange her, und er sehne sich nach Weib und Kind, und besonders wenn er bei Weiland gewesen sei, der zwar sehr leichtfertig gehandelt habe, daß er sich außer der Küche noch Stube und Schlafzimmer gemietet; wenn er sich jedoch die Mädchen ansehe, so habe er zu keiner Lust, daß er sie heiraten möchte, denn mit den Jahren werde man immer bedenklicher, wiewohl ja alles Überlegen doch nicht vor einem falschen Schritte bewahren könne, denn Heiraten sei immer ein Glücksspiel.

Aus diesen Reden ging hervor, daß der treuherzige Mann wohl schon seine Augen auf ein bestimmtes Mädchen gerichtet hatte, aber er scheute sich vor dem letzten Schritt aus Furcht, wie denn ja auch Personen seines Schlages, wenn sie nicht ein ganz besonderes Glück haben, übel anzulaufen pflegen in der Ehe.

Als die Weihnachtszeit heranrückte, beschlossen Hans und Karl, nicht nach Hause zu reisen, sondern sie wollten das Fest bei ihren Freunden verleben, die ihrer Meinung nach ihrem Herzen jetzt am nächsten standen. So besorgten sie in Fröhlichkeit die kleinen Geschenke, die sie für einander und für die andern Freunde ausgesucht hatten, pilgerten hinaus zu der entfernten Straße und erstiegen die vielen Treppen der hohen Wohnung.

Hier zeigte es sich, daß die Frau den Baum herrichtete, und daß der Mann mit den Gästen in der Küche warten mußte, und war außer den beiden Studenten noch Jordan anwesend und jenes Mädchen, mit dem Karl sein Liebeserlebnis gehabt; über dieses unerwartete Wiedersehen schien Karl verlegener wie sie, denn sie reichte ihm unbefangen die Hand und schüttelte sie kräftig; Jordan lachte, wie er Karls linkische Gebärde sah, und die andern merkten wohl, daß zwischen ihr und Jordan Einvernehmen war. Da wurde die Tür geöffnet und alle traten ins Zimmer, wo auf dem deckengeschützten Salontisch ein niedlicher Weihnachtsbaum brannte, und die Frau stand zur Seite und hatte das Kind auf den Armen, das zwar noch ziemlich teilnahmslos war, und hielt in einem Händchen seine Kinderklapper und sah mit etwas hängendem Kopf auf den Boden, ungeachtet aller Aufmunterung der Mutter, es sollte den Weihnachtsbaum betrachten. Die andern legten verstohlen die mitgebrachten Geschenke an die passenden Plätze und zeigten dann ihre Bewunderung der Anordnung durch Ausrufe und Lobpreisungen, welche die Frau mit bescheidenem Stolze annahm. Der kleine Weihnachtsbaum mit seinen Kerzen zeigte sich noch einmal im Spiegel, neben dem die Bilder von Marx und Lassalle friedlich herabsahen. Aus vielen Wohnungen des viereckigen Hofes glänzten durch das Fenster andre Bäume, und das Bewußtsein, daß hier überall sich Menschen freuten, machte noch froher und glücklicher. Da stimmte Weiland mit heller Stimme die Arbeitermarseillaise an:

Wohlan wer Recht und Wahrheit achtet, Zu unsrer Fahne steht zuhauf. Wenn auch die Lüg' uns noch umnachtet, Bald steigt der Morgen hell herauf! Ein schwerer Kampf ist's, den wir wagen, Zahllos ist unsrer Feinde Schar, Doch ob wie Flammen die Gefahr Mög' über uns zusammenschlagen, Nicht zählen wir den Feind, nicht die Gefahren all! Der kühnen Bahn nur folgen wir, Die uns geführt Lassall'.

Den Feind, den wir am tiefsten hassen, Der uns umlagert schwarz und dicht, Das ist der Unverstand der Massen, Den nur des Geistes Schwert durchbricht. Ist erst dies Bollwerk überstiegen, Wer will uns dann noch widerstehn? Dann werden bald auf allen Höhn Der wahren Freiheit Banner fliegen!

Das freie Wahlrecht ist das Zeichen, In dem wir siegen; nun wohlan! Nicht predigen wir Haß den Reichen, Nur gleiches Recht für jedermann. Die Lieb' soll uns zusammenkitten, Wir strecken aus die Bruderhand, Aus geist'ger Schmach das Vaterland, Das Volk vom Elend zu erretten.

Alle fielen ein, und die mächtigen und jubelnden Töne des Liedes erfüllten den engen Raum und klangen hinaus über den viereckigen Hof mit den gleichförmigen Lichterreihen der Fenster; und bald öffneten sich hier und da Fenster, und neue Stimmen aus den andern Wohnungen fielen ein, und am Ende sangen alle die armen Leute, die rings um diesen Hof in dürftigen und engen Stuben wohnten, und ihr Lied stieg in die Höhe aus der Stätte ihrer täglichen Hoffnungslosigkeit und Sorge zu dem klaren und sternenfunkelnden Himmel; und unser lieber Vater im Himmel hat es gewiß gern gehört, wenn es auch nicht fromm war und die großen Kinder nicht an ihn glauben wollten, und hat sich seines lieben deutschen Volkes gefreut, daß auch solche Leute, denen so wenig Gutes geschieht, doch so rechtlich und brav denken. Wie der Gesang beendet, waren alle tief ergriffen; das waren einfache Arbeiter, die täglich in ihre Fabrik gehen und Schuhe machen für den gemeinen Bedarf, die ganzen langen Stunden des Tages hindurch; und Studenten, die eben den ersten Schritt hinaus taten in die Freiheit des Geistes; die armen Leute, die an die knechtische Arbeit für die Notdurft gefesselt sind, stehen gewiß auf der tiefsten Staffel der Leiter, und diejenigen, die zu geistiger Freiheit zu dringen vermögen, auch wenn sie äußerlich nur bescheidene Stellen erringen, stehen doch gewiß auf der höchsten Staffel; aber wiewohl die größte Entfernung zwischen ihnen war, die unter Menschen möglich ist, so fühlten sie sich doch als wahre Brüder, die sich lieb hatten und sich nicht einer über den andern erhoben dachten; und wurde so wieder einmal lebendige Tat, was unsre Vorfahren meinten, wenn sie sagten, daß vor Gott alle gleich sind, welches Wort heute für die meisten eine sinnlose Rede ist. In dieser neuen und wunderlichen Stimmung erhielten die armen Geschenke, die sie einander machten, und ihre Gefühle, die sie hatten, einen ganz andern und ernsteren Sinn wie vorher, denn es war ihnen wie frommen Leuten in der Kirche, und nachdem erst ein Schweigen auf den Gesang erfolgt war, wagten sie eine kurze Weile nicht laut zu sprechen. Hier begann nun Jordan, ergriff die Hand des Mädchens und sagte, daß er sich diesen Abend ausgesucht, um ihnen als seinen Freunden mitzuteilen, daß sie beide sich verlobt hätten. »Zwar weiß ich,« fuhr er fort, und das Mädchen erglühte rot, »was vorher mit ihr geschehen ist; aber ich habe bedacht, daß ich selbst sogar mehrere Liebschaften früher gehabt habe, und deshalb wäre es ungerecht von mir, sie zu tadeln, vielmehr wollen wir doch alle, daß auch die Liebe frei und ohne Zwang sein soll; denn freilich wäre jede solche Verbindung unsittlich, die nicht frei wäre, und wahrscheinlich werden in der künftigen Gesellschaft, wo die Not und die Gewalt fehlen, die heute alles Böse erzeugen, die Menschen in Bälde so veredelt sein, daß sie gleich zuerst und ohne einen Irrtum erkennen, für welchen Gatten ein jeder bestimmt ist, dem sie dann angehören ohne Wanken, in Freiheit, aber in Treue.« Nach diesen Worten schwieg er; die andern aber freuten sich und wünschten ihnen beiden Glück, und als erster gab Karl der Braut die Hand mit frohem Gesicht.

Hierauf mußte zuerst die Kleine zu Bette gebracht werden, und die Braut, die aus Verschämtheit nicht in der Gesellschaft der Männer ausharren mochte, ging in die Küche, den Tisch für alle zu decken und das Mitgebrachte auszupacken, das jeder für das gemeinsame Abendbrot hier niedergelegt hatte. Und während sie das glänzende Tischtuch ausbreitete und in die Mitte die Lampe stellte, und das wenige Geschirr verteilte, das nicht ausreichte für so viel Gäste, besprachen die vier Männer unter dem brennenden Baum ernste Dinge des Parteilebens, denn bei einer Haussuchung war eine Abrechnung gefunden, aus der auf die Einzelheiten der Organisation geschlossen werden konnte, und gleichzeitig mutmaßte man, daß die Polizei einen Angeber gefunden hatte, der vieles wußte, weil sie in der letzten Zeit ganz sonderbares Glück gehabt bei ihren Verhaftungen. Das erfüllte alle mit banger Sorge, und es wurde viel geraten und gedacht, wo wohl der Verräter zu suchen sei, und Weiland sagte, er habe jetzt immer ein schlechtes Gewissen, daß er in solchen Zeiten der Gefahr sich vom Leben der Partei so fern halte, aber die andern hielten ihm vor, daß es doch besser sei, wenn die Unverheirateten sich den Gefahren aussetzen, weil diese durch Gefängnis und Ausweisung ja nicht in ihrer Lebenshaltung bedroht würden wie ein Familienvater, denn ein solcher könne vielleicht ganz zugrunde gehen durch eine Verfolgung.

Inzwischen hatte die Frau das Kind besorgt und war dann in die Küche gegangen, der andern zu helfen, und nun rief sie mit heiterem Gesicht die Männer in den engen und reinlichen Raum, wo durch die Küchenbank und den Holzstuhl und umgekehrte Kisten allerhand Sitzgelegenheiten geschaffen waren um den sauberen Tisch. Aber als sie eben sich unter allerhand Scherzen setzen wollten, ertönte plötzlich die Klingel im Flur; die Frau rief noch fröhlich aus, das seien ihre Eltern, die sie überraschen wollten, trotzdem sie erst für den Feiertag einen Besuch verabredet hätten, und sprang glücklich zur Tür; doch wie sie ungestüm öffnete und eben die Draußenstehenden umarmen wollte, prallte sie erstaunt zurück, denn ein feiner Herr im Zylinder, ein andrer Herr im gewöhnlichen Anzug, ein Polizeioffizier und zwei Schutzleute traten ein und gingen in die Stube, wo noch der Weihnachtsbaum brannte; die andern kamen ihnen aus der Küche entgegen, und so war der enge Raum plötzlich ganz mit Menschen angefüllt. Da gab sich der Herr mit dem Zylinder als der Staatsanwalt zu erkennen, der andre Herr war sein Sekretär. Er teilte Weiland mit, daß er genötigt sei, bei ihm eine Haussuchung vorzunehmen, und drückte sein Bedauern aus, daß er gerade am heutigen Abend kommen müsse; Weiland lachte über diese letzte Rede und deutete ihm an, er solle tun, was sein Amt verlange. Nun wurden zuerst die Anwesenden nach Namen, Wohnung und Grund ihres Hierseins befragt und ihre Antworten von dem Sekretär aufgeschrieben, dann begann das Nachsuchen, währenddessen die Schutzleute die Freunde genau beobachten mußten, wiewohl sie eine Art freundlichere Stimmung gegen die Überfallenen zu haben schienen, die freilich durch den Ernst der Amtspflicht verborgen wurde.

Mit umständlicher Gründlichkeit wurde erst das Schränkchen untersucht nach etwaigen Schriftstücken; zornbebend mußte die arme Frau zusehen, wie ihre geringe Wäsche von den Männern hin und her gewendet wurde, und mit Mühe hielt Jordan sie zurück, daß sie nicht schalt. Endlich fand der Polizeioffizier ein dünnes Paket Briefe auf, das er dem Staatsanwalt reichte, aber plötzlich stürzte sich die Frau auf ihn zu, entriß ihm das Paket und hielt es unter ihrer Schürze. Ein Lärmen und eine heftige Bewegung entstand, sie rief, das seien ihre Briefe, die sie ihrem Manne in der Verlobungszeit geschrieben; der Staatsanwalt suchte die Peinlichkeit durch Beschwichtigungen zu heben, die Freunde redeten ihr zu, daß sie nicht durch unnützen Widerstand noch etwas Schlimmes anrichten möge; da gab sie die Briefe zurück, das feurige Rot der Scham im Gesicht, warf die Schürze vor die Augen und setzte sich weinend in die Sofaecke, wo die Freundin sie mit unterdrückter Stimme zu trösten suchte. Unterdessen fuhren die andern mit ihren Nachforschungen fort in der wunderlichsten Weise, indem sie selbst die Bilder von der Wand nahmen und hinter ihnen versteckte Schriftstücke suchten, den Teppich aufhoben und sich an den Dielen bemühten. Mit einem Eifer und einer Ernsthaftigkeit verfuhren sie, als seien die wichtigsten Dinge hier aufzufinden, durch welche das Bestehen des Staates in Frage gestellt werde, und das glaubten sie auch wohl wirklich. Weiland hatte der Gesellschaft den Rücken gekehrt und sah schweigend durch die Fensterscheiben, weil er vermutete, daß er einen Ausweisungsbefehl bekommen werde, wenn auch die Haussuchung fruchtlos verlaufen mußte, und er wußte nicht, was dann mit seiner jungen Frau und dem Kinde werden sollte, bis er an anderm Ort wieder Arbeit gefunden hatte; denn durch die Natur seiner Arbeit war er auf die wenigen großen Städte angewiesen, wo es Fabriken gab, in denen er arbeiten konnte; die standen aber meistens unter dem Belagerungszustand. Und wenn er wirklich anderswo eine Stelle für sich ausfindig machte, wo er vor neuer Ausweisung sicher war, so dauerte es doch erst eine Weile, bis er wieder zu seinem gegenwärtigen Lohn kam, denn als ein tüchtiger und erprobter Arbeiter wurde er besonders gut bezahlt; und dann machte der Umzug noch große Kosten, die er gar nicht aufzubringen vermochte, weil sie beide ihre Ersparnisse für die Einrichtung ausgegeben hatten. In Gedanken sagte er halblaut zu sich: »Das ist doch unrecht, das ist doch unrecht.« Hans, der neben ihm stand, drückte ihm still in einem überquellenden Gefühl die Hand. Auf dem Tisch unter dem Weihnachtsbaum lag der erste Band des »Kapital« von Marx, als ein Geschenk von Hans. Der Sekretär schlug das Buch auf, wies dem Staatsanwalt eine Seite mit vielen Formeln, die sehr gelehrt und schwer verständlich schien, und zuckte dabei als ein hochmütiger Subalterner die Schulter, indem er dabei doch die schuldige Demut gegen den Vorgesetzten zur Schau trug. Hierauf wurde sehr genau das kleine Bücherbrett durchsucht und die Bände einzeln herausgenommen und nach Schriftlichem durchblättert, und weil sich in der kleinen Sammlung mehrere Bücher und Hefte fanden, die verboten waren, so wurden die dem einen Schutzmann zum Mitnehmen übergeben. So gedrückt und unfrei allen zu Mute war, so mußte sich doch Hans fast des Lachens erwehren bei dem verängstigten Gesicht, das dieser machte, wie er die gefährlichen Drucksachen in seine braven, dicken Hände nahm. Wie die Nachforschungen im Schlafzimmer fortgesetzt wurden, erwachte die Kleine und begann jämmerlich zu schreien; die Mutter trocknete sich das Gesicht ab, ging zu dem Wagen und nahm das Kind heraus; aber die vielen Menschen und die ungewohnte Stunde mochten es wohl so erschreckt haben, daß es sich gar nicht beruhigen wollte. Der Schutzmann, dem die Bücher anvertraut waren, holte eine Uhr aus der Tasche und suchte die Kleine zufrieden zu stellen, indem er die vor ihr bewegte, und zuletzt wurde sie auch auf dieses Spielzeug abgelenkt, versuchte nach ihr zu greifen, fing endlich an zu lachen, und am Ende packte sie den Mann mit beiden Händen in seinen dichten, blonden Vollbart, und erst wie er mit ganz tiefer Stimme zu lachen begann, zog sie erstaunt die Händchen wieder zu sich. Dadurch aber war die Mutter so aufgeräumt geworden, daß sie gleichfalls lachte, zu erzählen begann und zu dem Kinde sprach. Plötzlich zwar hielt sie erschreckt inne, denn es kam ihr alles wieder zum Bewußtsein; aber es war doch, als sei eine leichtere Stimmung über alle gekommen. Wie als eine Entschuldigung sagte der Mann: »Wir müssen doch unsre Pflicht tun.«

Drittes Buch

Einige Tage nach der Haussuchung bekamen Hans und Karl eine Vorladung vor den Universitätsrichter, denn die Polizei hatte der Universitätsbehörde Mitteilung davon gemacht, daß sie die beiden in Weilands Wohnung angetroffen, auch weitere Angaben über ihren sonstigen Umgang zugefügt, den sie bereits seit einiger Zeit mit Sorgfältigkeit beobachtet hatte.

Ein alter Herr empfing sie in seinem Amtszimmer mit ernsten und bekümmerten Mienen, legte ihnen erst die Anzeige vor und fragte, ob sie die Nachrichten für richtig anerkannten; da waren allerhand wunderliche Dinge berichtet, daß die beiden einmal in einer Wirtschaft an einem Tische mit bekannten Sozialdemokraten gesessen, und daß sie ein andermal auf der Straße beim Abschiednehmen gerufen: »Auf Wiedersehen am Wahltage!« Die beiden waren durch die Feierlichkeit der Umstände befangen und gestanden mit stockender Stimme zu, daß die Nachrichten alle richtig seien; da begann der alte Herr ihnen herzlich ins Gewissen zu reden, daß sie doch noch so jung seien und sich mit solchen Menschen zusammentun wollten, welche die Fürsten ermorden und alles umstürzen möchten, was uns heilig sei. Über diese Rede kam Hans in einen heftigen Ärger, daß er die jugendliche Schüchternheit gegen den weißhaarigen und würdigen Mann überwand und entgegnete, solche Meinungen über ihre Absichten seien unrichtig und wollte eine lange Auseinandersetzung beginnen. Diese schnitt der Richter aber kurz ab, indem er mit verächtlicher Gebärde fragte, ob er sich denn zu der Partei zähle; und wie Hans mit einem Ja antwortete und in seiner Erklärung fortfahren wollte, unterbrach er ihn wieder und sagte, es sei gut so. Hierdurch stieg noch die Empörung Hansens, und er sagte schnell, alle ehrlichen Leute müßten zu der Partei halten. Wie der Richter diese kecken Worte hörte, verfinsterte sich sein Gesicht sehr, und er neigte bedenklich den Kopf.

Auf dem Flur draußen, nachdem sie entlassen waren, machte Karl Hansen Vorwürfe über seine Heftigkeit und unbedachtsame Rede; aber er antwortete, er habe nicht anders gekonnt, und ihm sei gewesen, als sitze plötzlich ein andrer Mensch in ihm, der sich auf den Richter losstürzen wolle, und er habe den noch zurückgehalten, und nur einmal als Kind habe er ein ähnliches Gefühl gehabt, wie er mit den Kindern des Grafen habe spielen sollen; und selbst noch jetzt, wo er vor der Tür stehe und alles abgetan sei, geschehe ihm innerlich, als treibe ihn der andre, zurückzukehren und den Richter totzuschlagen. Das erschrecke ihn selber, denn er sei doch sonst ein sehr ruhiger Mensch.

Nun nahm die Angelegenheit der beiden ihren weiteren behördlichen Gang mit Vernehmungen, Verhandlungen und Beschlüssen, und am Ende wurde ihnen »wegen unzulässiger Begünstigung der sozialdemokratischen Bestrebungen« das ^Consilium abeundi^ erteilt. Für Karl hatte der Schlag eine geringe Bedeutung, denn der hatte sich in der letzten Zeit gänzlich in die Literatur begeben und war ohnehin nicht willens, seine Universitätsstudien fortzusetzen; Hans aber arbeitete an einer Doktorarbeit und hatte den Gedanken, später durch die Empfehlung seines Lehrers eine Beschäftigung bei einem großen gelehrten Unternehmen zu finden; und so war für ihn dem Anschein nach eine große Gefahr vorhanden, daß sein Leben scheiterte; denn es war wohl schwer, eine Universität zu finden, wo er nunmehr zur Promotion zugelassen wurde, und wenn ihm das wirklich gelang, so hatte es gewiß große Schwierigkeiten, nachher die gewünschte Beschäftigung zu bekommen.