Part 13
Es hatten aber die Eltern der jungen Mädchen am Ende gespürt, daß in den Literaturstunden mancher Unfug getrieben wurde, und daß die Kinder seltsame Ansichten und schlechte Kenntnisse erwarben. Hierdurch kam zuletzt Zwistigkeit und Ärger mit dem Lehrer, und so wurden am Ende die Stunden aufgekündigt, und Luise erhielt von ihrer Mutter noch außerdem viele Vorwürfe über ihre besondere Vertraulichkeit mit dem Dichter, und wurde häßlich über ihn gesprochen. Gegen solche Reden wehrte sie sich zuerst und verteidigte ihn, aber endlich, wie sie spürte, daß sie durch ihre Widerworte das Übel nur ärger machte, schwieg sie und ersann einen Plan. So erwartete sie ihn auf der Straße, sprach ihn an und sagte ihm, daß er wohl gemerkt haben werde, welche Wünsche sie habe, nämlich später einmal seine Frau zu werden; aber jetzt sei ihr das Leben bei den Ihren so unerträglich geworden, daß sie nicht mehr so lange zu Hause bleiben wolle, bis sie sich ihnen, weil sie dann ganz erwachsen sei, offenbaren könne, sondern sie wolle mit ihm von Hause fliehen. Sie würden aber sicher schon einen Ort finden, wo gute Menschen sie aufnähmen, und sie seien doch beide auch nicht hochmütig, sondern würden gern jede Arbeit übernehmen, um sich ihr Brot zu verdienen. Peter erwiderte ihr, daß das zwar sehr schwer sei, was sie vorhabe, aber wenn sie nicht mehr bei ihren Eltern bleiben könne, welches er glaube, wenn er ihrer beider Art betrachte, so wolle er ihr helfen und mit ihr entweichen, und denke er aber, sie zu seiner alten Mutter zu bringen, die weit weg in Westfalen lebe in einer kleinen Stadt und zwar recht arm sei, aber sie habe ihn sehr lieb und mache ihm nie Vorwürfe, daß er in den Augen der Welt kein großes Wesen geworden sei, wenn er ihr freilich auch immer erzählt habe, daß er viel Geld verdiene, welches man als Schriftsteller ja könne, indem mancher für einen kurzen Artikel, den er in einer Stunde schreibe, hundert Mark oder noch mehr bekomme. Dieser Mutter solle sie dann behilflich sein, weil sie nämlich außerdem, daß sie für Leute wasche, einen kleinen Laden halte mit Schreibwaren für die Schulkinder, und so könne sie ohne Sorge und in Liebe leben.
Wie das Mädchen einverstanden war, machten sie sich gleich auf den Weg nach dem Bahnhof und kauften Fahrscheine, und da sie nicht genug Geld hatten, konnten sie freilich nicht bis zum Ende fahren, aber Peter tröstete sie und sprach, daß sie nur eine ganz kurze Strecke gehen müßten, acht oder zehn Stunden, durch einen schönen Wald. Und so fuhren sie nun, und am Ende stiegen sie aus, machten sich auf die Füße und gingen; und wie sie zu dem Walde kamen und hochwipflige Bäume sie empfingen, da faßten sie sich freundlich an die Hand und schritten weiter fröhlichen Mutes wie zwei Kinder. Laub raschelte unter ihren Füßen, und hoch über ihren Köpfen bogen die Zweige sich wölbend zur Höhe, und durch grünes Laub leuchtete Sonnenschein, und Tropfen des Lichtes fielen auf den Boden voll goldbraunen Laubes. Und allerhand geheimnisvolle Märchenlaute waren da hinter den Bäumen, ein Klopfen und Zirpen, und ein leises Huschen, und ein Knistern; eine blitzende Fliege summte in einem schrägen Sonnenstrahl, und ein ganz großer Käfer flog mit tiefem Gebrumm rund um einen Baumstamm. Der Dichter erzählte von den Waldvögelchen, von den kleinen Meisen, die so klug schauen, und von den Finken, vom Zeisig und Hänfling, und von den wunderlichen Spechten, und das kleine Mädchen schmiegte sich an ihn, ängstlich und voll Liebe, und das Herz tat sich ihr auf, denn sie hatte bis dahin den Wald noch nicht gekannt, weil ihre Eltern immer mit der Eisenbahn an vornehme Orte gefahren waren, bei denen es Bäume auf Rasenplätzen gab und sorgfältig geharkte Wege.
Viele Stunden gingen die beiden, und sie wurde recht müde, denn sie war solcher Wege nicht gewohnt, er aber schritt immer freudig und zuversichtlich weiter, und deshalb mochte sie ihm nichts klagen, denn von selbst merkte er nicht ihre Ermüdung; und so kamen sie am Ende vor das kleine Städtchen, wo Peters Heimat war, und gingen durch das alte Tor die große Straße hinunter, wo neugierige Gesichter hinter blitzenden Fensterscheiben ihnen nachsahen, und in Nebengäßchen, und in einem ganz versteckten Winkel da stand ein uraltes Häuschen, ganz schmal und niedrig, unter einem blühenden Lindenbaum, und war die obere Hälfte der Haustür geöffnet, und man konnte durch den dämmerigen Hausflur in ein Gärtchen sehen, wo rote Rosen an hohen Stöcken blühten. Da traten sie ein, und da kam Peters alte Mutter aus ihrem Stübchen, und trug ihre alten mageren Arme nackt, und legte die Hand über die Augen, um die Fremden zu betrachten, da umarmte sie schon ihr Sohn und küßte sie, und in ihrem ehrlichen Gesicht ging die Freude auf.
Wie sie nun alle drei in dem heimlichen und sauberen Stübchen saßen, auf dem schwarzledernen Kanapee unter den bunten Öldruckbildern, und Peter erzählte seine Geschichte und Vorhaben, da schlug die alte Frau wohl immer nur die Hände zusammen vor Verwunderung und wiegte den Kopf und sah liebevoll das zarte Mädchen an; aber nicht einmal kam ihrem braven Herzen der Gedanke, daß ihr großer Junge doch noch ein rechtes Kind sei, denn sie hatte eine besondere Hochachtung vor ihm. Deshalb war sie mit allem einverstanden, und jetzt lief sie nun eilfertig hinaus in die Küche, einen kräftigen Kaffee zu bereiten auf die Anstrengungen der Reise. Aber als die beiden jungen Leute allein waren, begann Luise plötzlich heftig zu weinen, und wie er sie trösten wollte und streichelte ihr die schwarzen Haare, da machte sie eine unwillige Bewegung mit der Schulter, daß er ganz ratlos dastand. Bald blickte sie wieder auf und sah in sein Gesicht, und da mußte sie plötzlich hell auflachen, aber das Weinen war noch nicht ganz vorüber, und das Böckchen stieß sie mitten im Lachen, und ihre Augen füllten sich wieder mit Tränen. Indem kam die gute alte Mutter wieder in die Stube und trug auf einem Präsentierbrett den Kaffee in einer sehr großen Kanne, und zwei Tassen, denn sie selbst wollte nicht mittrinken, weil sie sich für zu gering hielt, und eine rotlackierte Zuckerdose aus Blech stand bei der Kanne; und wie sie die Weinende erblickte, fing auch sie an zu trösten und empfahl den Kaffee, indem sie eine lange Geschichte begann, wie er eine wunderbare Heilung einer Lahmen bewirkt hatte; da lugten durch die Türspalte die beiden Mieterinnen, die sie in ihrem Häuschen hatte, das waren zwei uralte Weiberchen, sauber und ordentlich und über die Maßen neugierig. Wie die Mutter die beiden bemerkte, nötigte sie, daß sie hereinkommen mußten; die entschuldigten sich vielmals, und standen hintereinander, dann aber kamen sie in die Stube, indem sie sich die blanken Hände an den reinlichen blauen Schürzen abwischten und neugierig das Pärchen betrachteten. Aber bald wurden sie recht vertraut, prüften mit den Händen den Stoff von Luisens Kleid und fragten nach dem Preis, tranken vergnügt von dem schwachen Kaffee aus der großen Kanne, nachdem sie zuerst vielmals abgelehnt, erzählten von ihren Krankheiten und fragten, ob Luise auch die Kaiserin recht oft sehe. Peter war fröhlich und unbefangen zwischen den drei gutherzigen alten Frauen, lachte viel und erzählte so, daß die drei nicht aus dem Verwundern kamen; Luise aber hatte inzwischen einen Entschluß gefaßt, zog Peter auf die Seite und bat ihn, daß er ein Telegramm an ihre Eltern schicke, das denen ihren Ort anzeige, welches der sehr richtig fand, und tat sofort, was sie begehrte.
So geschah es denn, daß am nächsten Tage die Eltern des Kindes kamen, in großer Aufregung und Sorge; aber wie sie den frohmütigen und harmlosen Dichter, die geschäftige und saubere alte Mutter und die braven andern Weiberchen um ihre Tochter versammelt fanden, die lachend ihrem Vater an den Hals flog, da vermochten sie nicht die empörten Reden an Peter zu führen, die sie sich vorgenommen, sondern die Mutter machte nur ein gekränktes und kaltes Gesicht, und der Vater brummte etwas, das nicht deutlich wurde durch die Liebkosungen der lachenden Tochter, und zuletzt, weil sie ganz ratlos waren, was das Ganze bedeutet habe, nahmen sie das Mädchen mit sich in ihr Gasthaus und luden den Dichter zum Mittagessen ein, das er ohne Schuldbewußtsein auch freundlich annahm. Nach diesem Anfang fanden die Eltern bald, wie sie das ganze Begebnis als einen Kinderstreich auffassen konnten, was die ihrem Wesen angemessene Art einer Erklärung war, und so überwanden sie leicht ihren Groll, und am Ende lachten sie mit ihrer Tochter zusammen, indem die Fröhlichkeit des unbefangenen Kindergemütes auf sie überstrahlte.
Wie sie alle in dem Gasthause versammelt waren, sprach Luise, daß sie gedacht habe, sie wolle später, wenn sie in ihre Jahre gekommen wäre, den Dichter heiraten; aber nun sei ihr doch klar geworden, daß sie ihn zwar immer noch so lieb habe wie früher, und vielleicht noch lieber, aber seine Frau könne sie nicht werden. Das wolle sie ihm gesagt haben, und weil sie sich noch nicht geküßt hätten bis jetzt, so wolle sie ihm nun, zum Abschied von ihrem gemeinsamen Plane, einen Kuß geben; als sie das gesprochen hatte, faßte sie sein Ohrläppchen, beugte seinen Kopf zu sich nieder und küßte ihn auf die Lippen; dann lächelte sie, indes ihr eine Träne in die Augen trat; und auch der Dichter lächelte. So endete der beiden Liebesverhältnis.
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Indem Hans immer weiter in die Gedanken hineinkam, die in dem Kreise der Menschen um ihn herrschten, gelangte er bald zu dem Entschluß, daß er sein Studium ändern müsse. Aber Scheu vor den Eltern und Furcht vor dem Ungewissen hielten ihn eine Zeit in einem peinigenden Zustande, bis er sich am Anfang des zweiten Semesters zu einer schnellen Tat entschloß; denn durch Zufall war die Tür der Amtsstube in der Universität einmal offen, wie er gerade vorbeiging: da trat er ein und erklärte, daß er sich in eine andere Fakultät umschreiben lassen wolle, und wie ihn der Beamte fragte, was er denn zu studieren gedenke, da sagte er ohne Besinnen und ohne daß er vorher eine Absicht gehabt hatte, er wolle Historiker werden. Dann belegte er seine neuen Vorlesungen, faßte sich auch ein Herz und besuchte einen der Lehrer; der empfing ihn freundlich und hatte bald Hansens Meinungen erkundet, denn er hatte selbst in jungen Jahren freiheitlich gesinnte Ansichten gehabt, und wie damals gerade die Revolutionszeiten gewesen waren, hatte er als junger Gymnasiallehrer seinen Schülern lateinische Aufsätze aufgegeben über die Vorzüge der Republik vor der Monarchie und darüber, daß die Verbrennung der Leichen richtiger sei wie das Begraben. Wegen solcher Betätigung seiner Gesinnungen hatte die Behörde ihn damals abgesetzt, aber später wurde er an die Universität berufen. Dieser alte Mann bekam eine Freude an Hans, und der gewann so einige geringe Aussichten für seine Zukunft.
Inzwischen war sein Jugendgenosse Karl gleichfalls nach Berlin gekommen und zeigte sich als von gleichen Ansichten. So beschlossen die beiden, eine nähere Bekanntschaft mit wirklichen Arbeitern zu machen, und da sie keinen andern Weg wußten, so dachten sie eine Volksversammlung zu besuchen, und gerieten in die Versammlung eines großen Fachvereins, in der ein Vortrag über die materialistische Geschichtsauffassung gehalten wurde; denn damals, wo das Sozialistengesetz noch bestand, hatten diese Fachvereine in Wahrheit eine Art politischer Bedeutung, die zwar nicht ausgedrückt war, aber sich doch mit Notwendigkeit von selbst aus den Umständen ergab. Mit einer großen Furcht wie vor etwas Außerordentlichem hielten sich die beiden bescheiden im Hintergrund, wo neben ihnen am Tisch einige Arbeiter saßen, ein alter Mann und zwei junge Leute, die sie zuerst mißtrauisch betrachteten, und endlich sagte der eine junge Mann gerade heraus, sie seien doch keine Schuhmacher, es war nämlich der Fachverein eine Verbindung der Schuhmacher, und sie sollten ihm ihre Absichten sagen. Darauf erwiderte Hans, daß sie Studenten wären und gern die Verhältnisse der Arbeiter kennen lernen wollten. Hierüber wurden die Gesichter der andern freundlich und bewillkommten die beiden und zogen sich noch weitere Arbeiter an ihren Tisch, die alle fröhlich und liebenswürdig waren. Dabei stellte sich heraus, daß sie Hans und Karl für zwei Spitzel gehalten, weil man an ihren Daumen gesehen, daß sie keine Schuhe machten, und Hans trug Stiefel, die zu Hause von einem schlichten Schuster genau in der Form gearbeitet waren wie die Kommißstiefel, an denen die Geheimpolizisten erkannt wurden.
Hans war recht erstaunt über die braven und ordentlichen Gesichter der Leute und über ihre sonntägliche Kleidung und fröhliche und ruhige Art. Einen gewissen Ernst hatten sie wohl alle, aber der war mehr ehrbarer und bürgerlicher Art, und sie zeigten nichts Düsteres oder Trauriges, sondern schienen, als wenn sie alle zufriedener und glücklicher Hoffnung lebten. Die meisten der Anwesenden waren jung, und man sagte Hansen, daß die Älteren, weil sie verheiratet seien, gewöhnlich das Geld nicht aufwenden könnten, welches das Gehen in die Versammlung koste, weil man doch sein Glas Bier trinke, oder auch zwei, und seine Zigarre rauche.
Ganz vorn, auf einer Erhöhung, saßen an einem langen Tisch die Vorstandsmitglieder und an einem Tischchen daneben ein Polizeioffizier mit einem Schutzmann. Nach einiger Zeit eröffnete der Vorsitzende die Versammlung, und es wurden einige Angelegenheiten des Vereins erledigt in merkwürdig förmlicher und formelhafter Weise, indem der Vorsitzende häufig erklärte, so oder so sei die parlamentarische Sitte: denn das schien als besondere Hauptsache betrachtet zu werden, daß alles bis ins kleinste parlamentarisch zuging. Bei einem Punkte fragte Hansen sein Nachbar leise, indem er annahm, ein Student wisse diese wichtigen Dinge, ob das so richtig sei. Man verspürte bei allen, daß sie einen freudigen Wunsch nach Form und Regel hatten und nach Kräften eine Ordnung suchten, um sich ihr zu unterwerfen. Dann stand der Vortragende auf, der über die materialistische Geschichtsauffassung reden wollte. Der war ein älterer Arbeiter, in dessen Gesicht sich eine merkwürdige geistige Anstrengung zeigte, wie er redete, denn er holte mit schwerer Arbeit die Gedanken herauf und drückte sie mit Mühe in Worten aus, und deshalb sprach er sehr langsam und eindringlich; alle aber folgten ihm mit eigner großer Anstrengung. Was er sagte, hatte eigentlich mit der Marxschen Theorie wenig zu tun; es kam aber seine Herzenssehnsucht heraus und die Herzenssehnsucht der Hunderte von Arbeitern, die ihm lauschten, denn er meinte, die Arbeiter seien heute von der Bildung abgeschnitten und müßten sich die Bildung erwerben, dann seien sie die Herren der Welt, und jeder von diesen Männern dachte bei seinen Worten, daß er die Bildung haben wolle, und malte sich ein Gedankenbild zukünftigen Lebens der Menschheit, wo alles Leid verstummte, Haß, Neid und Unterdrückung verschwand und die Menschen in gegenseitiger herzlicher Freundschaft lebten und sich bildeten.
Wie der Vortrag beendet war und einige aus der Versammlung nacheinander auf die Stufe traten und ihre beistimmende oder abweichende Meinung sagten, sprachen Hans und Karl weiter mit den Männern, die an ihrem Tische saßen. Der eine war erst vor kurzem aus dem Osten nach Berlin gekommen, nachdem er zu Hause eine mehrjährige Gefängnisstrafe abgebüßt hatte wegen Geheimbündelei. Der erzählte seinen Prozeß und stellte seine Sache so dar, daß er mit seinen Freunden, die das Gesetz wohl kannten, keinerlei Geheimbund gehabt, indem sie sich immer nur freundschaftlich zu Ausflügen oder Zusammenkünften getroffen hatten. Dann fuhr er fort, daß er zuerst der Meinung gewesen, er sei ungerecht verurteilt, nicht, daß die Richter gegen ihn besonders etwas gehabt hätten, aber sie seien durch ihre Klassenvorurteile verblendet; dann aber habe er sich die Sache weiter bedacht und sich im Geiste auf den Standpunkt des Richters gestellt, denn wenn einmal ein Gesetz sei, und wenn es auch ungerecht ist, so müsse doch der Richter danach entscheiden, und da habe er sich denn gesagt, daß er und seine Freunde eigentlich nur eine Umgehung des Gesetzes begangen hätten, denn alles, was das Verbot des Geheimbundes bezwecke, hätten sie doch getan und sich nur gehütet, die äußeren Formen eines Vereins anzunehmen, und das habe der Richter wohl eingesehen, und darum müsse er sich jetzt selber sagen, daß er gerecht verurteilt sei, und wenn er selbst Richter gewesen wäre, so hätte er auch nicht anders gekonnt.
Über diese Worte entstand eine Meinungsverschiedenheit, indem einige sagten, wenn kein wirklicher Verein mit Satzungen und Vorsitzenden und festen Versammlungen gewesen sei, so wären sie in unrechtmäßiger Weise bestraft, und es könnten ja dann alle andern Menschen auch verurteilt werden, weil doch jeder einen Kreis von Bekannten habe, die mit ihm einer Gesinnung seien; die andern aber schlossen sich der Meinung des Erzählers an, den sie Jordan nannten, und sagten, Recht müsse sein, und wenn sie selbst erst die politische Macht errungen hätten, was wohl schon in zehn oder zwanzig Jahren sein könne, so müßten die Gegner auch den Gesetzen gehorchen, die sie selbst dann geben würden; zwar würden diese freilich auf keine Unterdrückung ausgehen, und deshalb würden auch die Gegner wohl willig sich ihnen fügen.
Sie fragten auch Jordan nach dem Aufenthalt in seinem Gefängnis, denn es war eine Nachricht durch die Zeitungen gegangen, daß er und seine Freunde sehr viel hatten erdulden müssen. Da streifte Jordan seine Ärmel hoch, zog die Manschette ab und wies an seinem mageren Arm einen geröteten Streifen um den Knöchel, denn man hatte ihnen Ketten angelegt; aber wie die Zuhörer Ausrufe machten, erzählte er, daß das Tragen der Ketten nicht so schlimm sei, wie man sich vorstelle, denn man habe ja ohnehin nicht viel Bewegung; nur müsse man immer Vorkehrungen treffen, daß die Haut nicht durch das Eisen gescheuert werde, denn solche Wunden heilten sehr langsam und seien schmerzhafter wie manche gefährliche Verletzung. Und wie einige darauf wieder über den Leiter der Gefängnisse schalten, daß er sie unnützerweise mit diesen Ketten gequält habe, entschuldigte er von neuem, indem er sagte, man habe sie erst nach einem Fluchtversuch von zweien unter ihnen geschlossen, und wenn er selbst auch die Ketten für ein sehr wenig wirksames Mittel gegen die Flucht halte, so sei doch der Leiter der Anstalt andrer Meinung gewesen und habe gedacht, daß er auf diese Art weitere Fluchtversuche unmöglich mache. Der Erzähler schloß dann, indem er auseinandersetzte, ein jeder Mensch stehe auf seinem Posten, den er ausfüllen müsse, und anders könne er nicht, und er selbst glaube, daß unter den niederen Gefängnisbeamten mancher sei, der ihre Meinungen teile, aber er müsse doch seine Pflicht tun. Und deshalb kämpfen ja auch sie, er und die andern, nicht gegen die Menschen, sondern gegen die Verhältnisse, und man müsse auch nicht glauben, daß es in den höheren Ständen nur lauter rohe und gefühllose Menschen gäbe, vielmehr lebe da mancher, der selbst in großer Bedrängnis sei.
Dieser Jordan war ein langer und hagerer Mann, dem man in seinem kummervollen Gesicht deutlich seine früheren Leiden ansah, und sprach langsam und gemessen und mit einer kindlichen Wichtigkeit. Die Zuhörer schienen alle recht ernst geworden; als aber ein neuer sich zwischen sie setzte, wurden plötzlich alle heiter und begrüßten den lachend, denn auch der hatte zwar erst vor kurzem das Gefängnis verlassen, wohin er wegen einer Majestätsbeleidigung gekommen, aber sie fingen an, ihn zu necken, und erzählten, er sei bis über beide Ohren verliebt in ein Mädchen, die ganz außerordentlich zielbewußt war, denn so nannten sie es, wenn jemand ihre Anschauungen teilte, und die habe ihm einmal gesagt, sie könne ihn nicht lieben, weil er noch keine Opfer gebracht habe und sei nicht ein einziges Mal verurteilt; das habe er sich so zu Herzen genommen, daß er noch denselben Abend in einer Versammlung eine Rede mit den heftigsten Majestätsbeleidigungen gehalten, für die man ihn sofort arretiert habe. Über diese Geschichte lachten alle, und wie er selbst den Erzähler zum Scherz mit dem Ellbogen stieß, entstand unter Gelächter und Späßen ein allgemeines scherzhaftes Schieben und Stoßen um den Tisch wie bei fröhlichen Jungen, daß der ernste Polizeileutnant seinen gesträubten Bart von dem Papier, auf dem er fleißig die Reden niederschrieb, nach der Richtung wendete und der Vorsitzende eine Glocke erklingen ließ und zu parlamentarischer Ordnung mahnte.
Auf der Bühne stand gerade ein Redner, der seine abweichende Meinung von den Gedanken des Vortragenden mühsam in recht unklaren Sätzen erklärte, die doch von den Versammelten mit musterhafter Geduld und Ruhe angehört wurden; seine Meinung aber war, daß die Arbeiter die Bildung schon errungen hätten, weil sie »aufgeklärt« seien, aber es gäbe noch eine zu große Menge von »unaufgeklärten« Arbeitern, und die seien der wahre Feind, gegen den man kämpfen müsse. Zum Schluß trug er einen Vers vor, der gegen den »Unverstand der Massen« gerichtet war und großen Beifall erhielt.
Inzwischen erzählten die jungen Leute mit leiser Stimme wieder andere Scherze. Auf einen gewissen Polizeibeamten, den sie den Spitzohrigen nannten, hatten sie einen besonderen Ärger, und deshalb wurde ihm zum Verdruß regelmäßig die neue Nummer des »Sozialdemokrat« in den Briefkasten gesteckt, ohne daß er je den Täter ausfindig machen konnte; der »Sozialdemokrat« war damals das anerkannte Blatt der Partei und wurde in England gedruckt und heimlich nach Deutschland gebracht und hier im stillen verbreitet, und besonders stolz waren die Leute darauf, daß das Blatt immer mit der pünktlichsten Regelmäßigkeit in die Hände der Leser kam. Über den Spitzohrigen erzählten sie noch andere Geschichten; der hatte bei einer Haussuchung in einer gipsernen Kaiserbüste wichtige Schriftstücke der Partei entdeckt, die der Besitzer an ihrem Ort ganz sicher geglaubt; aber nach einigen Tagen, wie des Kaisers Geburtstag war, hing bei ihm eines Morgens eine blutrote Fahne aus dem Fenster statt der schwarz-weißen, und hier vermochte er den Mann, der ihm diesen Streich gespielt, nicht aufzufinden. Mit besonderer Freude erzählte diese und andre Geschichten der junge Mann, der mit seiner zielbewußten Geliebten geneckt war und Weiland genannt wurde, und seiner Lustigkeit merkte man wohl an, daß er nicht unbeteiligt war an derartigen Späßen.
Während diesem hatte der Redner auf der Bühne eine unvorsichtige Äußerung getan; über die erhob sich der Polizeileutnant, setzte seinen Helm auf und erklärte die Versammlung für aufgelöst. Da standen sofort alle auf, und indem sie sich mit Ruhe zum Gehen bereiteten, stimmten sie die Marseillaise an, der ein besonderer, für ihre Verhältnisse passender Text untergelegt war.
Das machte auf Hans und Karl einen gewaltigen Eindruck, wie die mutigen, leidenschaftlichen und jubelnden Töne dieses Liedes, von Hunderten begeisterter Männer gesungen, in dem vorher so nüchternen Saale ertönten, und es war, als wollten diese Leute jetzt alle gleich zum Kampf eilen, und als müßten sie siegen, und die beiden Studenten waren so hingerissen von der Wucht, daß sie sich gleich dem Haufen angeschlossen hätten, wenn die zu einer Barrikade gezogen wären, denn es war, als sei ihnen die eigene Überlegung geraubt und als folgten sie nur dem gemeinsamen Impuls der Menge, so schritten sie im Takt mit den andern, und ihre Herzen schlugen hoch, und nur ein Trieb war ihnen, nach vorwärts zu gehen.