Der schmale Weg zum Glück

Part 10

Chapter 103,887 wordsPublic domain

Nach dem Plane, den er sich von seiner Tagesarbeit gemacht, mußte er nun die gehörten Vorlesungen durcharbeiten. So nahm er das erste Heft vor, das enthielt lauter Literaturangaben über den Gegenstand, und er wußte nicht, was er mit diesen beginnen sollte, dachte, er müsse sie wohl auswendig lernen und schreckte dann zurück vor den vielen fremden Namen, an die sich ihm keine Vorstellung knüpfte; und bei dem zweiten Heft ging es nicht besser, denn hier hatte der Professor ganz weit hergeholte Dinge als Einleitung behandelt, die mit dem Gegenstand nichts zu tun hatten, und weil Hans nicht genau nachschreiben konnte, sondern hatte Lücken lassen müssen, so wurde er aus dem Ganzen gar nicht klug. Derart stieg seine Betrübnis auf einen solchen Gipfel, daß er gar nichts mehr mit sich anzufangen wußte, und weil er gegen seine Unruhe doch irgend etwas tun wollte, so verließ er seine Stube und ging durch die Straßen. Er wurde bald müde, denn das Gehen auf dem harten Pflaster war ihm ungewohnt, und das Geräusch und die Menge der Menschen strengten ihn an, und wenn er die lange Straße hinuntersah, so erblickte er nur himmelhohe Häuser, Drähte und Steinpflaster, und nirgends ein Fleckchen Erde, wäre es auch nur so groß gewesen wie eine Hand. Nirgends war ein Fleckchen Erde, alles war mit Steinen bedeckt. Über eine Brücke ging er, aber auch die Ufer des Flusses waren mit Steinen vermauert. Da fiel ihm ein, daß in dieser Stadt ein Kind geboren werden konnte und aufwachsen, das gar nicht wußte, wie Erde aussieht, und wie ein Wald und ein Kornfeld und eine Wiese aussieht; und als er das dachte, hatte er ein großes Mitleid mit sich selbst.

So ging er, und die Füße taten ihm weh und die Schultern, und ein Ring lag ihm um die Stirn, und war ihm, als habe er sich ausgeweint und könne nicht mehr weinen. In solcher Verfassung blieb er, indem es begann zu dunkeln, und die Laternen wurden angesteckt und die Läden mit stechendem Licht erleuchtet, und die Menschen rasten immer gleichgültig vorbei. Am Ende trat er aus Müdigkeit in eine Wirtschaft, und weil er sich graute vor seinem Zuhause und es zudem doch noch am Anfang des Semesters war, so beschloß er, hier in der Wirtschaft zu Abend zu essen und nicht zu Hause, und wollte hier so lange bleiben, bis es spät genug war, daß er zu Bette gehen konnte.

Eine Kellnerin brachte, was er bestellte und setzte sich dann zu ihm an seinen Tisch, indem sie sagte, er sei gewiß erst seit kurzem in Berlin, und dann erzählte sie, ihr gefalle es sehr gut hier. Hans antwortete in der Weise, wie er gewohnt war, mit allen Menschen zu sprechen; da stand sie plötzlich auf, mitten in seinem Satze, in einer Art, als sei er ihr ganz verächtlich, und nachher war sie ganz fremd zu ihm, als habe sie nie freundlich an seinem Tische gesessen.

Inzwischen füllte sich die Wirtschaft mit Gästen und die meisten taten sonderbar vertraulich zu den Kellnerinnen, und es war als ob alle, die hier in dem rauchigen und niederen Raum saßen, miteinander nahe bekannt seien. Nach einer Weile setzte sich an Hansens Tisch ein junger Mann, der aussah wie ein Künstler; dem brachte die Kellnerin ein Glas Bier und zwei Butterbrote, die aß er gierig, als sei er sehr hungrig. Wie er mit dem Essen zu Ende war, knüpfte er ein Gespräch an und erzählte, er wolle eine Operette komponieren und spiele hier in der Wirtschaft abends Klavier, wofür er fünfzig Pfennige und das beschriebene Abendbrot erhalte; aber von diesem Erwerb könne er nicht leben, und wenn nicht die gutherzigen Kellnerinnen wären, so müßte er verhungern, und seine Operette würde viel besser werden wie der »Zigeunerbaron«. Wie Hans antwortete, daß er dieses Werk nicht kenne, vertiefte sich der andre in musikalischen Erörterungen, und zwischenhindurch klagte er bitter über das Los der Künstler in der heutigen Gesellschaftsordnung. Am Ende verbeugte er sich mit großer Eleganz vor Hans, daß dieser sehr verlegen wurde, und ging zum Klavier, setzte sich, fuhr mit den Fingern durch sein langes und dichtes Haar und begann mit großer Geläufigkeit Tänze zu spielen; sein Spiel schien Hansen aber ganz seelenlos, obschon das Pianino viel besser war wie des Lehrers im Dorfe altes Klavier.

Bald darnach fragte die Kellnerin Hansen, ob sie dem Klavierspieler ein Glas Grog bringen solle, weil er sich doch mit ihm unterhalten habe, und indem Hans dachte, das müsse wohl so sein, bejahte er die Frage, aber er schämte sich doch sehr für den Musiker. Dieser nahm das Glas, wendete sich zu Hans, nickte ihm dankend zu, führte es an den Mund und fing dann gewandt einen neuen Tanz an.

Den ganzen Abend quälte sich Hans mit dem Gedanken, daß er nachher der Kellnerin ein Trinkgeld geben sollte, denn das kam ihm unzart und beleidigend vor, weil es nicht mit Herzlichkeit geschehen konnte und deshalb keine Freundlichkeit war, die den Empfänger zu ihm in solche menschliche Beziehung brachte, daß dessen menschliche Würde die gleiche blieb, sondern er hatte das Gefühl, daß er das Mädchen dadurch unter sich drückte, ebenso wie am Mittag den Kellner und vorhin den Musiker. Viel Schmutz muß ein Mensch erst an seinen weißen Kleidern haben, bis er gleichmütig das Geldstück in die vorgestreckte Hand eines dienernden Menschen gleiten läßt und unbewußt jede Liebenswürdigkeit, die ihm ein Niedrigerstehender erwiesen, durch eine kleine Münze vergilt, statt durch einen einfachen Dank; und nicht nur seinen Bruder zieht er herab, sondern auch sich selbst.

Wie Hans den peinlichen Augenblick überstanden hatte und sich zum Gehen wendete, verspürte er mit den geschärften Sinnen, die ein Mensch innerhalb einer feindlichen Umgebung hat, daß die Kellnerin sich hinter seinem Rücken gegen eine andre über ihn lustig machte, wie schon einmal an dem Tage die Wirtstochter gegen ihre Mutter getan. So wurde immer stärker das Bewußtsein in ihm, daß er lächerlich und dumm sei, und alle andern Leute waren viel gewandter, klüger und erfahrener wie er; denn solange wir die Welt noch nicht kennen, wissen wir die sittlichen Gegensätze nicht zu verstehen und beurteilen und halten sie für Gegensätze des Verstandes und der Erfahrung, und ist das einer der Gründe, weshalb mancher junge Mensch schlecht wird, der von Natur nur oberflächlich war.

Langsam und müde ging Hans heimwärts, und war es eben nach zehn Uhr, wie er an sein Haus kam, und deshalb war es schon dunkel auf den Treppen, aber er tastete sich schnell am Geländer nach oben. Als er fast oben angekommen, trat er auf einen Menschen, der dalag. Wie er schon ohnehin in erregter Verfassung war durch alles vorige, so stieß er einen Schrei aus und prallte zurück, daß er fast die steile Treppe hinabgefallen wäre. Auf das Geräusch wurde die Korridortür geöffnet und Hansens Wirtsleute, später auch die Nachbarn erschienen mit Lichtern, und da zeigte sich, daß eine betrunkene Weibsperson von etwa fünfzig Jahren auf den Stufen lag, die sich hatte auf den Hausboden schleichen wollen, um dort zu nächtigen, und nun hier von Trunkenheit und Schlaf übermannt war.

Der finstere und schwarzbärtige Wirt Hansens stieß das Weib mit dem Fuße an, bis sie sich halb erhob in ihren stinkenden Lumpen, und starrte mit dem aufgedunsenen Gesicht sinnlos in die Lampe, die der Mann in der Hand hielt; er brüllte, er wolle die Polizei holen, und gab ihr allerhand gemeine Schimpfworte, das Weib aber schien nichts zu merken, sondern hockte da und sah zwinkernd mit rotgeränderten und tränenden Augen in die Lampe. Deshalb versetzte der Mann ihr wieder Fußtritte, um sie zum Aufstehen zu bewegen; aber da empfand Hans einen wilden Schmerz im Innern und rief, er solle das lassen und die Frau menschlich behandeln. Hierüber war der Mann erstaunt und erwiderte, wenn er selber betrunken sei, so werde er auch so behandelt, und das noch dazu von den Schutzleuten, die doch von den Steuern lebten, die er zahle, diese Person jedoch zahle keine Steuern. Über diese Worte aber schien seine Frau sich zu ärgern, denn die rief ihm verächtlich zu, er verdiene doch nichts und bezahle auch keine Steuern, und da lachten die andern Leute. Das brachte den Mann in Wut, so daß er sich nun mit seinen Schimpfworten an seine Frau wendete, und die Tochter griff mit in den Streit ein, indem sie in derselben verächtlichen Weise zu ihm sprach wie die Mutter. Da wollte der Mann die beiden schlagen, aber indem nun die Tochter kreischend fortlief und die fette Frau, die Arme in die Seite stemmend, ihn mit wackelndem Busen erwartete, hielten ihn die Nachbarn fest und suchten ihn zu beruhigen. Inzwischen hatte sich die Betrunkene unsicher erhoben, und weil sie noch ihren alten Plan in dem umnebelten Gehirn festhielt, so wollte sie höher steigen, sie trat aber auf ihre Lumpen, fiel halb, hielt sich mit den Händen an den schmierigen Stufen und starrte wieder in die Lampe. Nun erschien ein Schutzmann, den ein andrer geholt hatte. Der packte die Betrunkene und stieß sie vor sich her die Treppe hinunter, daß sie hätte kopfüber stürzen müssen; aber sie klammerte sich am Geländer fest und wimmerte. Hans konnte den Anblick nicht mehr ertragen, denn ihm wurde, als sei er krank, deshalb ging er in seine Stube, schloß hinter sich zu und schob den Riegel vor. So verlief der erste Tag von Hansens Studentenleben, und noch nie war er so unglücklich gewesen wie an dem Abend. Weshalb er ein so heftiges Gefühl von Jammer hatte, konnte er sich nicht klarmachen, und es war auch gut, daß er es sich nicht klarmachen konnte, denn sonst wäre er gänzlich verzweifelt. Denn dieser Tag führte den ersten und heftigsten Streich gegen seinen Glauben, und von heute an wurde ihm, Stück für Stück, Gott geraubt, denn alle diese Menschen, die er getroffen hatte, waren ohne Würde gewesen: der Lehrer, der mechanisch sein Pensum ablas, und der Kellner, der gleichmütig seine Speisen brachte, und die Wirtin, und der Musikant, und die Betrunkene endlich. Und wenn es Menschen gibt, die keine Würde haben, so müssen wir an unsrer eignen Würde zweifeln: nicht mit dem Verstande, denn das ist alles über den Verstand, aber wir können nicht mehr den reinen Glauben und die klare, unschuldige Zuversicht haben.

Und wenn wir an unsrer Würde zweifeln, so können wir an keinen Gott mehr glauben, der über uns ist, und durch den unser kleines Leben einer Eintagsfliege am Sommertage eine Bedeutung bekommt, die höher ist wie die Bedeutung von Millionen Welten; und auch dieser Zweifel kommt nicht aus dem Verstande, denn dieser ist noch weit mehr über allem Verstande; aber er kommt aus unserm ganzen Menschen.

Dergestalt bereitete sich bei Hans der Glaube vor, daß er ein Rad sei neben andern Rädern in einem großen Räderwerk, das für sich keinen Sinn hatte, welches die allgemeine Ansicht der Menschen war, mit denen er nun zusammenkam.

* * * * *

In einer philosophischen Vorlesung fand Hans seinen Platz neben einem älteren Studenten, der ihm durch seine eigne Art sehr auffiel, denn er hatte seine Stelle genau ausgemessen und durch Bleistiftlinien bezeichnet und erklärte Hansen, wie er das unumschränkte Recht innerhalb dieser Linien habe, außer daß er seine Nachbarn zur andern Seite müsse bei sich vorüber zu ihren Plätzen gehen lassen, und wenn jemand Bücher oder Hefte über die Linien hinaus neben ihn lege, so dürfe er die zurückschieben. Mit diesem jungen Mann wurde Hans schon beim zweiten Wiedersehen näher bekannt, indem sich die beiden nach jugendlicher Art über die philosophischen Fragen unterhielten, welche die ihre Generation beschäftigenden waren; und indem sie nicht wußten, daß das, was jeder für sich gedacht, von vielen Altersgenossen geteilt wurde, waren sie recht verwundert über häufige Übereinstimmungen ihrer Ansichten und empfanden die als Veranlassung zu engerem Verkehr; und es bewirkte der Jahresunterschied gleich, daß Hans als der Nehmende erschien und Heller, denn so nannte sich der andere, als der Gebende, der ihm lehrte mit Freude und Genugtuung. Dieses war das erste Mal, daß Hans das Gefühl der Freundschaft empfand, welches der Liebe verschwistert ist, und so folgte er mit Bewunderung, Glauben und Zuversicht allem, was ihm Heller sagte; der aber stand völlig, wie er sich ausdrückte, auf dem modernen Standpunkt und hatte auch einen Kreis von gleichgesinnten Freunden, die zu bestimmten Zeiten zusammenkamen, das waren Studenten, junge Kaufleute, junge Schriftsteller, Maler, Musiker und ähnliche. Bei diesen führte er Hansen ein, wiewohl der eine große Besorgnis hatte, daß er werde vor solchen Leuten nicht bestehen können mit seinem kleinen Wissen und Vermögen, und saßen sie in einem engen Hinterzimmer einer geringen Wirtschaft, das an den übrigen Tagen von Gesellschaften und Vereinen kleiner Bürger eingenommen war, die sich in sonntäglicher Gewandung und mit Bierfässern hatten photographieren lassen, um die Wände des Zimmers zu schmücken.

Hans fand seinen Platz zwischen zwei jungen Mädchen, die sich mit großem Eifer an den Reden beteiligten. Die eine war eine Russin und hatte einen russischen Studenten als Begleiter, mit dem sie in freier Liebe lebte; das war ein schweigsamer Mensch, von einer leuchtenden Blässe des Gesichtes, mit hoher Stirn und ganz dunklem Haar und langem schwarzen Bart, den er unablässig strich. Der lange Bart, den bei uns einer als Vierzigjähriger haben würde, sah sehr merkwürdig aus in dem ganz jugendlichen Gesicht. Eine Zeitungsnotiz wurde in der Ecke gelesen und besprochen, die mitteilte, daß des Russen Bruder, der als ein hervorragender Revolutionär galt, in Petersburg gefangen genommen war und in Schlüsselburg untergebracht; und wie über den Tisch herüber der Russe nach der Art des Gefängnisses gefragt wurde, machte er mit unverändertem Gesicht eine Handbewegung, die bedeutete, daß sein Bruder dort sterben werde, dann bat er mit fremdartiger Aussprache seinen Nachbar um eine Zigarette. Er war ärmlich gekleidet, und es wurde erzählt, er sei sehr wohlhabend und gebe fast alles für die Unterstützung der Arbeiterbewegung aus; auch die Frau trug sich sehr einfach und schien dazu unordentlich und sollte von sehr vornehmer Abkunft sein und aus Überzeugung ihre Familie verlassen haben.

Hans kam in eine weihevolle Stimmung, und ihm war, als sitze er neben Aposteln; denn diesen Leuten erschien ihre Pflicht einfach, und sie taten sie ohne Ruhmredigkeit. So erzählte der Russe, er wolle mit seiner Frau bald in sein Vaterland zurückkehren und hoffe, daß er etwa ein Jahr lang wirken könne, bis man ihn nach Sibirien schicke. Am allgemeinen Gespräch beteiligte er sich sehr wenig und hatte eine sonderbare Art, verächtlich über Menschen und Gedanken zu reden.

Die andere Dame, welche Helene genannt wurde, hatte die Begleitung ihres Bruders, und waren die beiden das erstemal in der Gesellschaft und wurde von ihnen erzählt, daß sie soeben sich von ihren Eltern getrennt hätten und allein lebten; der Vater der beiden war ein kleiner Kaufmann, dessen älterer Sohn war befreundet mit einem Mitglied des Kreises, der offiziell zur sozialdemokratischen Partei gehörte; der hatte ein Paket verbotener Schriften bei seinem Freunde hinterlegt, weil bei dem niemand einen Verdacht haben werde, der Vater aber hatte die Schriften gefunden, wie er in argwöhnischer Besorgnis seines Sohnes Sachen durchsuchte, und war mit ihnen gleich auf die Polizei gegangen aus Angst und aus unbedachtem Ärger über seines Sohnes Verkehr. Weil nun einige der Schriften in mehreren Stücken vorhanden waren, so nahm die Polizei an, das Paket sei zur Verbreitung bestimmt, und verhaftete den Sohn des Angebers zu dessen großer Bestürzung, und weil sich bei weiterem Nachsuchen der eigentliche Besitzer leicht ermitteln ließ, nachher auch den sozialdemokratischen Freund. Der andre Sohn und die Tochter waren über die Handlung ihres Vaters so entrüstet, daß sie erklärten, sie wollten nunmehr nicht mehr in ihrer Familie bleiben, gingen von Hause fort und mieteten sich zwei Zimmer, um für sich zu leben, was ihnen dadurch möglich war, daß sie beide Geld verdienten, nämlich der junge Mann als Reisender und das Mädchen als Buchhalterin in einem Geschäft.

Der junge Mann, der sich in der fremden Gesellschaft einsam fühlte, begann ein Gespräch mit Hans, weil der gleichfalls hier unbekannt war, und als ein redegewohnter Herr fing er bald an zu erzählen, und Hans hörte zu. Er erzählte aber mit Stolz, welche Kunstgriffe er auf seinen Geschäftsreisen anwende, um den Bürstenbindern, denn sein Artikel war Schweineborsten, Ware zu verkaufen; so habe er auf einer Tour dem jungen Mann eines Konkurrenten alle Aufträge vorweggenommen, indem er sich mit ihm angefreundet habe und ihn abends eingeladen und so betrunken gemacht, daß er sein Notizbuch durchsehen konnte. Über diese Erzählung erstaunte Hans sehr und sagte, eine solche Handlungsweise sei doch nicht redlich, der andre aber erwiderte, im Geschäft sei das nun einmal nicht anders, und wer ein guter Geschäftsmann sein wolle, der er selbst auch wirklich sei, der müsse so handeln. Die Schwester aber nickte Hansen zu und gab ihm recht; und indem sie sagte, daß sie zu ihrem Bruder schon immer ähnlich gesprochen habe wie er, setzte sie ihre Worte so, daß gleich eine freundliche und vertrauliche Beziehung zwischen ihr und Hansen entstand. Dann sagte sie zu ihm, er dürfe es nicht unpassend finden, daß sie zwischen so vielen jungen Herren sei, denn die seien doch alle Männer, die das Höchste wollten, und zudem werde sie ja auch von ihrem Bruder beschützt.

Inzwischen hielt jemand einen Vortrag darüber, ob man wohl auf der Bühne das wirkliche Leben ganz genau darstellen könne, und kam zu dem Ende, daß das nicht möglich sei, weil man ja auf der Bühne immer eine Wand fehlen lassen müsse, nämlich nach dem Zuschauerraum hin; über diesen Vortrag bezwangen die meisten ein Lachen, Heller aber lobte den Redner laut, das Hansen sehr von seinem Freunde verdroß, denn es schien ihm unehrlich. So folgten noch allerhand Reden und Gespräche.

Hans brach mit den Russen zugleich auf, und wiewohl es schon recht spät war, nahmen ihn die beiden doch noch mit sich in ihre Wohnung. Dieselbe bestand aus drei recht elenden Räumen, die hatten aber eine besondere Bedeutung, denn ein großer Teil der Freiheit, welche das Paar genoß, wurde durch diese Wohnungseinrichtung erzeugt. Sie wollten nämlich wie zwei gute Kameraden zusammen leben, nicht so, wie es in der heutigen Ehe sei, daß das Weib vom Manne unterdrückt und ausgebeutet wird; deshalb hatte der Mann eine Stube für sich, und die Frau hatte eine Stube; und nur in wichtigen Fällen und nach besonderer Anfrage und Einwilligung durfte einer des andern Raum betreten; in der Mitte aber lag ein Zimmer, das ihnen beiden gemeinschaftlich gehörte und vornehmlich für die Einnahme der Mahlzeiten bestimmt war. Hatte einer Lust, mit dem andern zu plaudern, so ging er in dieses Zimmer und klopfte an der Tür des andern, und wenn der wollte, so kam er heraus, wenn er aber nicht wollte, so beachtete er das Klopfen nicht, und jener ging wieder in seine Stube zurück.

Auf dem Tisch in diesem Mittelzimmer stand eine russische Teemaschine, deren Schlot der Mann mit Kohlen füllte, die er schnell zum Glühen brachte, und unterdessen legte die Frau einen Hering, in Zeitungspapier gewickelt, auf die Tafel, ein Brot und ein Messer. Das geschah beim Schein einer alten Petroleumlampe, der die Glocke fehlte. Der Mann ging mit weiten Schritten in dem Stübchen auf und ab, und indem er seinen weichen und schwarzen Bart langsam strich, blickte er gradeaus ins Leere, wie wenn er in weiter Ferne ein Ziel sehe, das für andre unsichtbar war durch die Wände mit den schmutzigen Tapeten; dazu erzählte er in abgebrochenen Sätzen mit fremdartigen Tönen von Schlüsselburg, daß dort die Zellen der Gefangenen unter dem Wasserspiegel lägen, und die Gefangenen würden nach zwei oder drei Jahren wahnsinnig. Die Lampe flackerte durch den Luftzug, wenn er vorbeiging. Seine Frau saß auf dem verdrückten und lumpigen Sofa und hatte die Beine auf den Sitz gezogen und die Arme um die Knie geschlagen; sie starrte unbeweglich vor sich hin.

Der Bruder war ein Künstler gewesen, ein Musiker. Ganz zarte, weiche Hände hatte er gehabt, die schonte er ängstlich seiner Kunst wegen, daß er sogar im Bette des Nachts Handschuhe trug. Ein merkwürdiges Leben hatte er in seinen Fingerspitzen; einmal durchblätterte er ein Buch, da sagte er plötzlich, das Blättern mache ihn krank, und war ganz blaß geworden und hatte fieberige Augen. Wie nun sein erstes Werk gedruckt wird und er der Korrekturen wegen in der Druckerei zu tun hat, da sieht er, wie die Bogen von der Maschine gebracht werden, in hohen Stößen, an einen Tisch, wo Kinder sitzen, welche die Bogen falzen müssen; ganz kleine Kinder waren das, von neun Jahren höchstens, Knaben und Mädchen, die sahen blaß aus und hatten fieberige Augen, und griffen eilfertig ein jedes zu, nahmen den Bogen vor sich und falzten. Als er sie befragte, antworteten sie, daß sie oft Kopfschmerzen haben, weil sie vierzehn Stunden lang jeden Tag gedruckte Bogen von einem Stoß nehmen müssen, knicken und falzen; aber es war nicht wegen der Fingerspitzen, die waren hart geworden. Zum Spielen hatten sie keine Lust, sondern sie wollten Geld verdienen und hofften, wenn sie erst erwachsen waren, so wollten sie sich Branntwein kaufen, jetzt nahmen ihnen die Eltern immer ihr Geld weg. Wie er das gehört hatte, da warf er seinen kostbaren Pelz ab und schenkte den einem Kinde, es solle ihn seinem Vater geben, und dann setzte er sich zu den Kindern, nahm einen Stoß Notenbogen und falzte Bogen, und wie seine Fingerspitzen bald rot wurden und feurig, da begann er plötzlich irr zu reden und wurde nach Hause gebracht in einem Wagen und verfiel in eine schwere Krankheit, in der er nichts von sich wußte, sondern schrie beständig, daß er Kinder gemordet habe, und einmal schrie er auch, er habe Kinderfleisch gegessen. Wie er wieder aufstand, mochte er nichts mehr von seiner Kunst hören, sondern kleidete sich in Lumpen und ging ins Volk, pilgerte auf der Landstraße, arbeitete, was seine schwachen Kräfte konnten, und sagte den Leuten, der Kaiser und die Beamten und die Reichen müßten ermordet werden. Einmal banden ihn die Arbeiter, die ihm zuhörten, und führten ihn vor den Richter, aber er entsprang wieder aus dem Gefängnis. Ein verlorenes Mädchen lachte ihm zu, eine ganz niedrige Dirne, die von den Soldaten geliebt wurde. Zu der sagte er, daß er sich vor ihr schäme, weil sie ein größeres Leiden trage, wie einem Menschen möglich sei, da weinte sie, ging mit ihm und diente ihm. Zuletzt wollte er sich als Arbeiter verdingen bei einem Bau, wo er Gelegenheit hatte, etwas gegen den Kaiser zu unternehmen, da wurde er verhaftet, und nun wird er bald sterben, denn er ist ganz krank.

Eine Zeitlang ging der Mann stumm auf und ab. Dann sagte seine Frau: »Ich weiß, woran er sterben wird, an der Lüge. Denn wir sind alle krank an der Lüge.« Darauf sprach sie ein heftiges Schimpfwort gegen die Deutschen. »Ich habe uns durchforscht«, erwiderte der andre, »und ich glaube, wir lügen nicht. Aber wir sind feige. Das ist das Verzehrende.« Nun begannen die beiden einen Streit und erniedrigten jeder sich selbst und einer den andern, und ein sonderbarer Haß war in ihnen, und ihre Augen leuchteten voll Feindseligkeit. Auf Hansen nahmen sie gar keine Rücksicht, als sei er nicht vorhanden, und begannen russische Sätze zu sprechen, und plötzlich, inmitten einer großen Erbitterung, sprang die Frau vom Sofa und warf ihre Arme um den Hals des Mannes und redete ihn mit heftigen Liebkosungen an; da strömten aus seinen Augen die Tränen, und sie beklagte ihn, wollte ihn begütigen und war glücklich und froh. Indessen kam unter dem Sofa ein Kätzchen hervor, das dehnte sich, sprang auf das Polster und machte einen krummen Rücken, da eilte Natascha zu ihm und liebkoste es stürmisch.