Der Schleier der Pierrette: Pantomime in drei Bildern

Chapter 2

Chapter 21,354 wordsPublic domain

Laß mich doch.

=Arlechino.=

Du mußt dir deinen Schleier zurückholen.

=Pierrette.=

Ich weiß nicht wo er ist.

In diesem Augenblick erscheint der tote Pierrot mit dem Schleier in der Hand im Hintergrunde und kommt nur wenig nach vorn. Bleibt am Ende des Saales stehen.

=Pierrette= eilt dem toten Pierrot entgegen.

=Arlechino= ihr nach, faßt sie bei der Hand.

=Der tote Pierrot= mit dem Schleier entfernt sich wieder.

=Pierrette= sucht den Schleier zu erhaschen.

=Arlechino= hält sie ununterbrochen bei der Hand.

=Pierrot= mit dem Schleier entschwindet.

=Pierrette= dem Scheinbilde nach.

=Arlechino= immer mit ihr.

=Einige junge Herren= wollen nach.

=Arlechino= wendet sich um und verbietet, daß man ihnen folge.

=Vorhang.=

Die Musik leitet ohne Pause über zum dritten Bild.

*III. Bild.*

=Dekoration des ersten.=

=Erste Szene.=

=Pierrot= liegt tot hingestreckt auf dem Boden, hinter der Staffelei.

Der Schleier liegt in der Mitte des dunkeln Zimmers, weiß schimmernd da. Die Kerzen größtenteils herabgebrannt, einige ganz erloschen.

Die Szene bleibt einige Augenblicke vollkommen leer.

Die Türe öffnet sich.

=Arlechino und Pierrette= treten ein.

=Arlechino= hält Pierrette bei der Hand.

=Pierrette= eilt zu dem Schleier hin, beugt sich herab, hält ihn hoch.

Da ist er. Nun laß uns gehen.

=Arlechino.=

Nein. Wo bin ich hier?

Er geht im Zimmer hin und her.

Bald steht er vor der Leiche Pierrots, fährt zurück, hält aber Pierrot nicht für tot, sondern für betrunken. Wendet sich zu Pierrette.

Also das war es? Mit diesem Menschen warst du zusammen?

Er gewahrt die Reste des Mahls.

Hier habt Ihr miteinander getafelt und getrunken. Hier hat er dich in den Armen gehalten. Wartet nur.

Wieder zu Pierrot hin.

=Pierrette= auf ihn zu, will ihn zurückhalten.

=Arlechino= schleudert sie von sich.

=Pierrette= schleicht sich zum Fenster.

=Arlechino= kniet vor Pierrot nieder.

Du Schurke, du Hund. Wer bist du denn? Antworte! Antworte! Steh auf!

Er faßt Pierrot bei den Schultern und schüttelt ihn.

=Der tote Pierrot= fällt schwer auf den Boden hin.

=Arlechino= fährt entsetzt zurück.

Er geht zu Pierrette, die regungslos am Fenster steht.

Hast du's gewußt?

=Pierrette.=

Ja.

=Arlechino= geht überlegend auf und ab. Kehrt wieder zu Pierrette zurück, sieht sie lange an.

Was soll ich mit dir tun?

Kommt auf einen Einfall, lacht höhnisch auf. Tritt wieder zu dem toten Pierrot hin, will ihn emporheben.

=Pierrette= eilt entsetzt nach vorne.

=Arlechino= weist sie von sich, ergreift den Leichnam des Pierrot, trägt ihn zu dem Divan, lehnt ihn dort in die vordere Ecke.

=Pierrette= ist entsetzt bis ans Ende des Zimmers geschlichen und schaut dem Beginnen des Arlechino zu.

=Arlechino= setzt sich auf den Tisch dem Pierrot gegenüber. Schenkt in zwei Gläser ein, erhebt das eine, trinkt dem Pierrot zu. Dann winkt er Pierrette mit einem teuflischen Lächeln herbei.

=Pierrette= bleibt regungslos stehen.

=Arlechino= erhebt sich, winkt Pierrette gebieterisch.

=Pierrette= kommt langsam.

=Arlechino= geht ihr entgegen, reicht ihr in der Mitte des Zimmers den Arm, geleitet sie zu einem Sessel neben dem Tische, gibt ihr eins der gefüllten Gläser in die Hand, stößt mit ihr an.

=Pierrette= kann nicht trinken.

=Arlechino.=

So trink doch.

=Pierrette= trinkt.

=Arlechino= setzt sich neben Pierrette, drängt sich näher an sie, umfaßt sie, sucht sie an sich zu ziehen.

=Pierrette= schaudert zusammen.

=Arlechino= wird zärtlicher.

=Pierrette= springt auf, ihr Sessel fällt um, sie flüchtet nach rückwärts in die Fensterecke.

=Arlechino= ihr nach, spielt den Verliebten.

Ich bete dich an, meine Teure.

Kniet nieder, versucht sie an sich und mit sich zu ziehen.

=Pierrette= entflieht, bis sie links hinter den toten Pierrot zu stehen kommt.

=Arlechino= hat sich erhoben, geht auf Pierrot zu, verbeugt sich vor ihm, dann verbeugt er sich vor Pierrette.

Du bist ja in guter Gesellschaft.

Dann geht er zur Tür.

=Pierrette= folgt seinen Bewegungen mit wachsendem Entsetzen.

=Arlechino= wendet sich in der Türe nochmals um und verbeugt sich höhnisch.

=Pierrette= stürzt ihm nach, wirft sich vor ihm auf die Knie.

=Arlechino= schüttelt sie von sich ab, geht und versperrt die Türe hinter sich.

=Zweite Szene.=

=Pierrette= poltert an die Tür. Eilt zum Fenster, reißt es auf. Sieht Arlechino fortgehen, ruft ihn zurück. Er entschwindet ihren Blicken. Wieder zur Tür, rüttelt, reißt, vergeblich. Rennt im Zimmer umher, sucht nach irgend einem Ausgang. Findet keinen. Endlich bleibt sie wieder gegenüber dem toten Pierrot stehen. Sieht ihn lange an, läuft davon. Kommt wieder zurück. Nickt ihm zu. Gerät von neuem in Angst, schleicht längs der Wände im ganzen Zimmer hin und her. Ihre Bewegungen verändern sich ins Tanzartige. In ihren Augen spricht sich der beginnende Wahnsinn aus. Wieder ist sie hinter Pierrot, schleicht sich langsam hinter dem Divan zu ihm hervor. Sie ist in einer halb knienden Stellung vor ihm und blickt ihm ins Gesicht. Verbeugt sich vor ihm. Beginnt zu tanzen. Zuerst vor ihm, dann in immer weiterem Bogen, endlich im ganzen Zimmer herum. Sie hält inne, um dann mit erneuerter Kraft wieder weiter zu tanzen.

Poltern an der Türe.

=Pierrette= ist beinahe atemlos, ihre Kräfte beginnen zu schwinden, ihre Augen glänzen trübe, sie ist dem Verlöschen nahe.

Neues, verstärktes Poltern.

=Pierrette= sinkt zu Boden, tot. Zu Füßen des toten Pierrot.

Die Türe wird erbrochen.

=Dritte Szene.=

=Fred, Florestan, Annette, Alumette= treten ein.

Der Morgen ist herangedämmert. Beginnender Sonnenaufgang.

=Fred und Florestan= wenden sich lachend zu den Mädchen. Beide Paare tänzeln Arm in Arm bis ganz nahe zu Pierrot und Pierrette hin, fassen was geschehen ist und weichen entsetzt zurück.

=Vorhang.=

=Ende.=

[Anmerkungen zur Transkription:

Gesperrt gesetzter Text wurde mit =gesperrter Text=, fett gesetzter Text mit *fetter Text* ausgezeichnet.

Dieses elektronische Buch basiert auf gescannten Bilddateien, die freundlicherweise von Austrian Literature Online (http://www.literature.at) zur Verfügung gestellt wurden.

Gegenüber der gedruckten Version wurden folgende Satzfehler korrigiert:

original: Zweites Bild: Festsaal im Hause von Pierrettens Eltern etext: Zweites Bild: Festsaal im Hause von Pierrettens Eltern.

original: wird selbst verständlich nur pantomimisch ausgedrückt etext: wird selbstverständlich nur pantomimisch ausgedrückt

original: =Florestan, Alumette= und =Fred, Annette= etext: =Florestan, Alumette und Fred, Annette=

original: =Florestan= und =Alumette= etext: =Florestan und Alumette=

original: =Fred= und =Annette= etext: =Fred und Annette=

original: Geh wohin du willst etext: Geh wohin du willst.

original: Pierrettekostums etext: Pierrettekostüms

original: Sie beginnt zu schwanken. (Kein neuer Absatz) etext: Sie beginnt zu schwanken. (Absatz vor dem Text eingefügt)

original: reicht ihm das eine etext: reicht ihm das eine.

original: gibt den Musikern ein Zeichen, etext: gibt den Musikern ein Zeichen.

original: =Arlechino= ... Zuerst antworte! etext: =Arlechino.= ... Zuerst antworte!

original: mit verzweifelt bachantischer Geste etext: mit verzweifelt bacchantischer Geste

original: Während du fort warst, ist dir dieser Schliere etext: Während du fort warst, ist dir dieser Schleier

original: eilt zu dem Schleier hin, beugt sich herab hält ihn hoch etext: eilt zu dem Schleier hin, beugt sich herab, hält ihn hoch

original: verändern sich ins tanzartige. etext: verändern sich ins Tanzartige.]

[Transcriber's Note:

Spaced-out text has been replaced by =spaced-out text=, bold text by *bold text*.

This ebook is based on scanned images which have been generously made available by Austrian Literature Online (http://www.literature.at).

The following corrections were applied to the original text:

original: Zweites Bild: Festsaal im Hause von Pierrettens Eltern etext: Zweites Bild: Festsaal im Hause von Pierrettens Eltern.

original: wird selbst verständlich nur pantomimisch ausgedrückt etext: wird selbstverständlich nur pantomimisch ausgedrückt

original: =Florestan, Alumette= und =Fred, Annette= etext: =Florestan, Alumette und Fred, Annette=

original: =Florestan= und =Alumette= etext: =Florestan und Alumette=

original: =Fred= und =Annette= etext: =Fred und Annette=

original: Geh wohin du willst etext: Geh wohin du willst.

original: Pierrettekostums etext: Pierrettekostüms

original: Sie beginnt zu schwanken. (no new paragraph) etext: Sie beginnt zu schwanken. (new paragraph added before)

original: reicht ihm das eine etext: reicht ihm das eine.

original: gibt den Musikern ein Zeichen, etext: gibt den Musikern ein Zeichen.

original: =Arlechino= ... Zuerst antworte! etext: =Arlechino.= ... Zuerst antworte!

original: mit verzweifelt bachantischer Geste etext: mit verzweifelt bacchantischer Geste

original: Während du fort warst, ist dir dieser Schliere etext: Während du fort warst, ist dir dieser Schleier

original: eilt zu dem Schleier hin, beugt sich herab hält ihn hoch etext: eilt zu dem Schleier hin, beugt sich herab, hält ihn hoch

original: verändern sich ins tanzartige. etext: verändern sich ins Tanzartige.]

End of Project Gutenberg's Der Schleier der Pierrette, by Arthur Schnitzler