Der Schatz der Sierra Madre

Part 8

Chapter 83,959 wordsPublic domain

„Das wäre eine rechte Eselei“, meinte Howard. „Dann geht er runter, redet unten dummes Zeug, trifft vielleicht gar irgendwo Landpolizei, und wir haben hier den schönsten Bockmist. Dann kannst du ihm auch ebensogut erzählen, daß wir entsprungene Sträflinge von der Heiligen Maria sind.“

„Well, bleibt eben nur der grade Weg.“ Dobbs sah entschlossen aus. „Sobald er kommt, wird er geknipst und fertig. Oder wir hängen ihn an den Baum da drüben und schälen die Rinde ab. Dann haben wir Ruhe.“

Eine Weile sagte niemand etwas zu diesem Vorschlag.

Howard stand auf, sah nach den Kartoffeln, einem unerhörten Luxus, stach darin herum, setzte sich wieder und sagte: „Das mit dem Abknipsen wäre eine Dummheit. Er ist vielleicht ein ganz unschuldiger Tramp, der lieber durch Gottes weite Welt zieht und zu seinem lieben Schöpfer betet dadurch, daß er sich an all dem so recht von Herzen erfreut, was da um ihn herum Schönes zu sehen ist, als daß er sich in den Ölfeldern oder in den Minen abrackert für einen Drecklohn. Und so einen unschuldigen Vagabunden abzuknipsen wäre ein Verbrechen.“

„Wir wissen doch aber nicht, ob er unschuldig oder ein Gauner ist“, protestierte Dobbs.

„Es kann auch herauskommen“, sagte Howard.

„Ich möchte wissen, wie?“ Dobbs wurde nur noch mehr überzeugt, daß sein Plan der beste sei. „Wir graben ihn ein, niemand findet ihn. Wenn die unten erzählen, sie hätten ihn hinaufgehen sehen, wir haben ihn nicht ankommen sehen, damit fertig. Wir können ihn ja auch dort die Schlucht hinunterpfeffern. Kann auch von selber runtergefallen sein.“

„Willst du das machen?“ fragte Howard.

„Warum ich? Wir können ja ein Hölzchen ziehen, wer es zu machen hat.“

Der Alte grinste. „Ja, und der, der es gemacht hat, kann dann sein ganzes Leben vor den beiden andern, die es gesehen haben, auf dem Bauche rutschen. Das ist alles so schön und gut, wenn man ganz allein ist. Aber hier, wie die Dinge liegen, ich jedenfalls sage: Nein.“

„Ich sage auch: Nein.“ Endlich hatte sich auch Curtin wieder in das Gespräch gemischt. „Das ist alles zu teuer, alles zu dumm. Wir müssen etwas andres finden.“

„Bist du denn überhaupt so ganz sicher, ob er dir folgt und ob er hier heraufkommen wird?“ fragte Howard.

Curtin sah vor sich nieder und sagte resigniert: „Ich bin durchaus überzeugt, daß er kommt, und daß er uns auch findet. Er erweckte ganz den Anschein, als ob er –.“ Hier hob Curtin die Augen, sah nach der schmalen Lichtung im Gehölz und sagte mit müder Stimme: „Da steht er schon.“

Weder der Alte noch Dobbs fragte „Wo?“ Sie waren so überrascht, daß sie sogar vergaßen, einen Fluch locker zu machen. Sie folgten den Augen Curtins, und in dem Schatten der hereinbrechenden Nacht, von dem Schein des Lagerfeuers ungewiß beleuchtet, stand der Fremde. Neben sich, am Zügel haltend, hatte er sein Maultier.

Er stand ganz still, rief nicht das übliche „Hallo!“ herüber, rief auch nicht „H’ye“ (How do you do?) und bot auch keinen Abendgruß. Er stand nur da und wartete. Stand da wie ein hungernder Mann, der zu stolz ist, um für irgend etwas zu betteln.

Als Curtin von dem Manne, den er unten im Dorfe getroffen hatte, erzählte, machte sich jeder der beiden Zuhörenden eine bestimmte Vorstellung von dem Aussehen des Mannes. Sowohl Howard als auch Dobbs hatten sich den Mann völlig anders vorgestellt. Dobbs hatte sich einen Mann gedacht mit den rohen, halbvertierten Gesichtszügen eines Vagabunden in den Tropen, der sein Leben fristet von Straßenraub, und der vor keinem Mord zurückschreckt, wenn er ihn um seiner eignen Sicherheit willen oder einer besseren Beute wegen für notwendig hält.

Howard dagegen dachte sich den Fremden als den üblichen Goldsucher, robust, wetterfest, Gesicht wie Leder, Hände wie ausgetrocknete Baumwurzeln, keine Gefahr fürchtend und keine Hindernisse kennend, um kein Mittel verlegen, den Sinn und alle Gedanken stier und hartnäckig auf das einzige Ziel gerichtet, Gold zu finden und es rücksichtslos auszubeuten. Er hatte die Vorstellung eines grundehrlichen Goldsuchers von gutem Schlage, der niemals ein Verbrechen begehen wird und einen Mord nur dann verübt, wenn es der Verteidigung seiner Mine oder seiner Beute gilt.

Und nun waren beide überrascht. Der Fremde fügte sich weder in die Vorstellung des Dobbs noch in die des Howard ein. Er sah so ganz anders aus. Diese Tatsache, daß er so anders aussah, als sie ihn sich vorgestellt hatten, und die andre Tatsache, daß er so plötzlich, viel rascher, als sie erwartet hatten, da vor ihren Augen stand, waren der Grund, daß niemand etwas sagte, keiner einen Ausruf des Überraschtseins fand.

Der Fremde stand noch immer still in der schmalen Öffnung, die durch das Gebüsch zum Lager führte. Er schien genau so überrascht zu sein wie die drei Männer, die am Feuer saßen. Er hatte nur den einen Mann, Curtin, hier zu treffen erwartet, und zu seinem Erstaunen fand er drei Männer. Das Maultier schnüffelte an dem Gebüsch herum. Dann roch es wahrscheinlich die Esel der Männer, und es begann zu brüllen. Es stieß aber nur einen Schrei aus. Noch mitten in dem Schrei, ohne ihn zu vollenden, verstummte es, als ob es Angst bekäme vor der Schweigsamkeit, die hier zwischen den Männern herrschte.

Die drei fanden noch immer keine Worte, sie achteten weder auf das Feuer noch auf die Mahlzeit, die auf dem Feuer brodelte. Sie starrten nur immer auf den Fremden, und sie schienen zu erwarten, daß er irgend etwas sage oder irgend etwas täte. Aber er rührte sich nicht.

Nun stand Dobbs auf und ging mit langsamen Schritten auf den Eindringling zu. Er hatte die Absicht, ihn barsch anzufahren, was er hier wolle, wie er hierherkomme, wer er sei. Aber als er nun dicht vor ihm stand, sagte er nur: „Hallo!“ Der Fremde sagte ebenfalls: „Hallo!“

Dobbs hatte die Hände in den Hosentaschen. Er wußte nicht, was er sagen sollte. Dann endlich: „Kommen Sie rüber zum Feuer.“

„Danke“, sagte der Fremde kurz.

Er kam näher, hob den alten Sattel mit den beiden Sackpacken vom Maultier, koppelte die Vorderbeine des Tiers, gab ihm einen Schlag mit der Hand auf den Schinken, und dann trottete es langsam in jene Richtung, wo die Esel weideten.

„Guten Abend“, grüßte er und setzte sich an das Feuer.

Nur Howard antwortete: „Wie geht es?“

„Hm!“ erwiderte der Fremde.

Curtin rührte in den Bohnen herum und schüttelte die Kartoffeln durch. Howard wendete das Fleisch, und Dobbs, der sich noch nicht wieder gesetzt hatte, hackte das Holz kurz und warf es auf.

„Ich weiß wohl, daß ich nicht willkommen bin hier“, sagte der Fremde.

„Das habe ich Ihnen ja unten schon deutlich genug klargemacht.“ Curtin sah nicht auf, während er das sagte.

„Ich kann nicht immer nur mit den Indianern zusammenhocken. Ich würde gern wissen, wie richtige Menschen aussehen.“

„Dann gehen Sie doch raus und sehen Sie sich sie an.“ Howard war recht unhöflich. „Wir wissen auch nicht, was draußen geschieht.“

„Wir sind auch gar nicht interessiert“, warf Dobbs brummig ein. „Wir haben andre Sorgen. Damit Sie es auch gleich wissen, diese andre Sorge sind Sie. Wir können Sie hier durchaus nicht gebrauchen, nicht einmal zum Feueranzünden. Besser, Sie machen sich morgen früh auf und davon. Sonst können wir sehr unangenehm werden.“

Der Fremde sagte nichts darauf. Er saß still und sah zu, wie die andern sich mit dem Abendessen beschäftigten. Als es fertig war, sagte Curtin: „Langen Sie zu und essen Sie. Heute wird es für Sie ja mitreichen. Ob morgen noch, das werden wir erst sehen.“

Die Mahlzeit ging sehr schweigsam vorüber. Wenn einer etwas sagte, so bezog es sich nur auf das Essen, daß das Fleisch nicht gut sei, oder die Bohnen zu hart und die Kartoffeln zu wässerig. Der Fremde mischte sich nicht in das Gespräch. Er aß nur wenig.

Als das Mahl vorüber war, zündeten sich die drei ihre Pfeifen an.

„Haben Sie Tabak?“ fragte Dobbs.

„Ja“, sagte der Mann ruhig, und er begann, sich eine Zigarette zu drehen. Die drei, um nicht ganz stumm dazusitzen und gleichzeitig den Fremden von der Fährte abzulenken, redeten von Jagd. Aber weil sie sich mit Jagd nicht befaßten, so klang ihre Rede nicht sehr überzeugend. Sie hatten auch das Gefühl, daß der Fremde mehr von Jagd verstand und von Fellen und allem, was mit diesem Geschäft zusammenhing, als sie. Dadurch wurden sie unsicher und begannen davon zu sprechen, das Camp hier aufzugeben und nach einer andern Gegend zu ziehen, wo es mehr Großwild gäbe.

„Das ist hier überhaupt keine Jagdgegend“, mischte sich der Fremde plötzlich ein, als die andern gerade eine auffallend lange Gesprächspause machten. „Aber das ist hier eine gute Goldgegend. Hier ist Gold. Ich sah es schon vor einigen Tagen an den alten ausgetrockneten Flußläufen, die hier vom Gebirge herunterkommen.“

„Hier ist kein Gold“, erwiderte Dobbs. „Wir sind lange genug hier, um das zu wissen. Wir würden auch lieber Zahldreck buddeln als jagen. So ein Unsinn!“ fügte er höhnisch lachend hinzu. „Kleinkindergewäsch. Wir sind auch nicht von gestern, und wir können auch Goldklumpen von Kieselsteinen unterscheiden. Brauchen Ihre Ratschläge nicht.“

Er stand auf und ging zum Zelt, um sich schlafen zu legen.

Niemand hatte etwas dazu gesagt, und der Fremde schien die unhöfliche Redeweise des Dobbs nicht übelzunehmen. Vielleicht war er eine solche Art und Weise der Unterhaltung auch gewohnt.

Howard reckte sich und gähnte. Curtin klopfte seine Pfeife aus. Dann standen beide nacheinander auf und gingen langsam ebenfalls zum Zelt. Sie sagten weder „Gute Nacht!“ zu dem Fremden, noch luden sie ihn ein, mit in das Zelt zu kommen.

Der Fremde stand nun auch auf. Er pfiff, und nach einer Weile kam sein Maultier humpelnd heran. Er ging ihm entgegen, klopfte es freundlich auf den Nacken, sprach einige Worte zu ihm, und durch einen Schlag mit der flachen Hand trieb er es wieder seiner Wege.

Dann legte er Holz aufs Feuer, setzte sich und summte vor sich hin. Endlich stand er wieder auf und ging zu seinem Sattelzeug. Er brachte einen der beiden Packsäcke zum Feuer, zerrte eine Decke daraus hervor, rollte sich lang in die Decke ein, legte sich mit dem Kopf auf den Pack, streckte die Füße dem Feuer entgegen und begann zu schlafen.

Drinnen im Zelt wurde geredet. Es war weit genug vom Feuer entfernt, daß der Fremde nichts verstehen konnte. Sie sprachen auch nur halblaut, aber doch sehr eifrig.

„Ich bin aber doch dafür,“ sagte Dobbs, „daß wir ihn uns vom Halse schaffen. Auf irgendeine Weise.“

„Bis jetzt wissen wir doch noch gar nicht, was mit ihm ist.“ Der Alte sagte es in einem beruhigenden Tone. „Er sieht durchaus unschuldig aus. Ich denke auch nicht, daß er ein Spion ist. Sieht nicht danach aus. Würde auch nicht allein kommen und wäre auch nicht so verhungert. Ich denke, er hat etwas auf dem Gewissen. Die sind hinter ihm her, irgendeiner Sache wegen.“

„Man könnte einen Streit mit ihm anfangen,“ sagte Curtin, „und dann wischt man ihm eins für gut.“

„Das hört sich recht drollig an,“ sagte Howard, „aber es ist nicht sehr empfehlenswert. Es ist dreckig.“

„Dreckig hin, dreckig her.“ Dobbs fuhr ihn wütend an. „Wir müssen ihn loswerden, das ist alles. Er ist doch rechtzeitig gewarnt worden.“

Sie redeten noch eine Weile, kamen jedoch immer wieder auf dasselbe heraus, daß er hinweg müsse, aber daß sein Umbringen manche Nachteile habe. Darüber schliefen sie endlich ein.

11

Am nächsten Morgen trafen sie sich sehr übelgelaunt am Feuer. Der Fremde hatte bereits Holz herangeschafft und das Feuer wieder hochgebracht. Er hatte seinen Kessel mit Wasser gefüllt und an das Feuer gesetzt. Dobbs begrüßte ihn gleich: „Lieber Freund, wo hast du denn das Wasser her?“

„Das habe ich aus dem Eimer geschöpft.“

„So. Aus dem Eimer geschöpft. Das ist sehr nett von dir. Aber du mußt nicht denken, daß wir dich bedienen und das Wasser für dich heraufschleppen.“

„Das verlange ich nicht. Ich werde den Eimer wieder füllen gehen.“

Als er das sagte, kam gerade Curtin zum Feuer, vielleicht noch schlechter gelaunt als Dobbs. Auch er redete ihn gleich mit du an: „Wasser stehlen? Unser Holz räubern? Was denkst du dir denn? Faß nur noch einmal hier was an, das uns gehört, dann kriegst du Blei gebrannt. Buschrecht.“

„Ich habe geglaubt, daß ich unter anständigen Leuten bin, die mir einen Trunk Wasser gönnen werden.“

Sofort sprang Dobbs auf ihn zu: „Was sagst du, du Pest? Wir seien unanständige Menschen? Vielleicht Banditen?“ Und er hieb ihm einen gutgezielten Faustschlag ins Gesicht.

Der Fremde fiel der Länge nach hin. Langsam stand er wieder auf.

„Ich könnte dir ja jetzt ebenfalls einen Guten versetzen. Aber was kann ich gegen euch drei anfangen? Ihr wartet ja nur darauf, daß ich ziehe, um mich mit einem Recht abzuknipsen. Aber das mache ich nicht. Ich bin kein Narr. Es kommt vielleicht die Zeit, wo wir abrechnen können.“

Howard, der inzwischen gleichfalls zum Feuer gekommen war, fragte nun ruhig: „Hast du etwas zu essen, Fremder?“

„Ich habe ein Beutelchen mit Tee, habe auch Bohnen und Reis und zwei Büchsen Milch.“

„Kaffee kannst du mit uns trinken. Auch essen. Heute. Morgen mußt du für dich selbst sorgen.“

„Danke!“ erwiderte der Mann.

„Morgen?“ fragte Dobbs. Seine Wut hatte sich durch den Faustschlag, den er mit soviel Erfolg dem Eindringling verabreicht hatte, merkwürdig abgekühlt. „Morgen? Ja, höre einmal, willst du dich denn hier dauernd einrichten?“

„Ich denke, ja“, gab der Mann ruhig zur Antwort.

Da schrie Curtin: „Einrichten, hier? Doch nur mit unsrer Erlaubnis.“

„Der Busch und die Berge sind frei für jeden, der kommt.“

„Na, so ist das nun nicht, alter Junge“, sagte darauf Howard. „Frei ist das Gebirge und der Busch und der Dschungel unten und die Wüste da hinten. Das ist alles frei. Aber wir sind hier die ersten, und der erste hat das Siedlungsrecht.“

„Das ist schon richtig. Aber es fragt sich, ob ihr die ersten hier seid. Vielleicht war ich schon vorher hier, ehe ihr überhaupt daran dachtet, euch hier niederzulassen.“

„Hast du dein Recht eintragen lassen?“

„Ihr habt doch auch keinen Brief.“

„Ich frage dich, denn augenblicklich sind wir hier. Du hast, wenn es überhaupt wahr ist, daß du jemals hier warst, hier nichts abgesteckt und hast den Platz verlassen, damit hast du alle Rechte verloren.“

Der Fremde schwieg eine Weile. Die drei machten sich mit dem Bereiten des Frühstücks zu schaffen. Sie eilten sich nicht sehr damit, denn sie wußten nicht, was sie nach dem Frühstück anfangen sollten. Arbeiten konnten sie nicht gehen, weil der Fremde ja dann die Mine gefunden hätte. Auf die Jagd gehen, um dem Fremden eine Beschäftigung vorzutäuschen, mochten sie auch nicht. Einer hätte im Lager zurückbleiben müssen, um den Fremden zu verhindern, daß er hier herumstöbere und die Mine vielleicht fände. Aber diesen einen, der hier zurückblieb, hätte der Fremde auch überwältigen können. Es blieb noch ein Ausweg übrig. Zwei konnten auf dem geheimen Umweg die Mine erreichen und dort arbeiten, während einer hier zurückblieb, um den Fremden zu überwachen. Aber der Fremde würde nicht stille sitzen bleiben, sondern herumstreifen. Wenn es ihm der, der mit ihm zurückblieb, verböte, so würde das nur erst recht seinen Verdacht erwecken, daß hier irgend etwas Geheimnisvolles vor sich ginge.

Endlich kam Curtin auf einen Ausweg. „Wir gehen nach dem Frühstück zusammen auf die Jagd“, sagte er zu dem Fremden. „Wir könnten etwas Fleisch gebrauchen.“

Der Fremde sah die andern an, als ob er in ihren Mienen nach dem Zweck dieses Vorschlages suche. Allein mit dem auf die Jagd gehen? Das gab dem eine Gelegenheit, ihn verunglücken zu lassen, und so war er aus dem Wege geräumt. Schließlich aber sagte er sich, daß, wenn sie ihn beseitigen wollten, sie das doch tun würden. Ein Grund findet sich immer.

„Heute kann ich ja mit dir auf die Jagd gehen,“ sagte er, „damit wir Vorrat haben. Aber morgen habe ich wenig Zeit.“

„Warum?“ fragten alle drei zu gleicher Zeit und sahen ihn erstaunt an.

„Morgen fange ich an, hier nach Gold zu suchen. Hier ist Gold. Und wenn ihr hier noch keins gefunden habt, so wäre das nur ein Beweis, daß ihr ziemlich blöde sein müßt.“

Das wurmte den Alten, und er platzte heraus: „Wenn wir aber nicht so blöde sein sollten, wie du denkst. Wenn wir hier Gold gefunden hätten?“

„So wäre das nur ganz natürlich“, sagte der Fremde. „Aber ihr habt keins gefunden. Oder wenn ihr welches habt, dann nur ein paar Hände voll, nur so etwas oben herumgekratzt. Hier liegt es aber dicke, hier irgendwo. Hier liegt eine gute Million.“

„Eine Million?“ fragte Howard mit aufgerissenen Augen.

Dobbs und Curtin vermochten überhaupt nichts zu sagen vor Aufregung.

„Ihr habt die dicke Grube nicht erwischt, das weiß ich“, redete der Fremde ruhig weiter. „Ich weiß, daß ihr hier schon bald ein Jahr seid. Die Indianer haben es mir unten gesagt, daß hier einer schon so lange oben sei. Hättet ihr die dicke Ader angeklopft, dann hättet ihr so viel Mist, daß ihr längst abgezogen wäret, denn ihr könntet es gar nicht abtransportieren, ohne aufzufallen. Oder ihr hättet hier eine geregelte Mine laufen, mit Lizenz und Maschinen und zwei oder drei Dutzend Leuten.“

„Wir haben hier überhaupt nichts, gar nichts“, sagte Dobbs.

„Ihr könnt mich ja nun halten, für was ihr wollt. Aber ein Kind bin ich nicht. Und wenn ihr drei Mann hier soundso viele Monate lebt, so tut ihr das nicht zum Vergnügen. Ich denke, wir gehen ganz klar aufeinander los und legen die Karten offen auf den Tisch. Was hat das Versteckspielen für einen Wert? Ich bin kein Luder, bin zumindest ebenso anständig wie ihr. Besser als ihr will ich gar nicht sein. Wir sind alle auf Gewinn aus, ob hier im Busch oder irgendwo in der Stadt. Ihr könnt mich natürlich aus dem Wege schaffen, das weiß ich ganz gut. Aber das kann mir woanders und durch andre auch passieren. Das Risiko muß ich schon übernehmen. Also wollen wir nicht ganz klar zueinander sein?“

„Laß uns einmal eine Weile miteinander sprechen“, sagte Howard.

„Das ist schon gut, Howard“, erwiderte Dobbs. „Ich bin der Meinung, wir geben ihm eine Gelegenheit, zu beweisen, daß er weder ein Spion ist, noch sonst etwas im Hinterhalt hat, das uns nicht gefällt.“

Nun wandte er sich unmittelbar an den Fremden: „Wir können dir ja nicht inwendig hineinsehen, ob du ein Schuft bist, oder ob du klar bist. Es ist richtig, wir haben hier einige Monate Quälerei hinter uns, ehrliche Quälerei, das kannst du uns glauben. Freilich, wenn wir uns mit dir einigen, kannst du uns vielleicht Scherereien machen. Was kann es kosten? Verlust unsrer Mühen und Entbehrungen. Aber ich kann dir versichern, wir kriegen dich, und wenn du bis zur Hudson-Bai hinauf dich verkriechst. Wir kriegen dich, und dann gibt es kein Erbarmen. Also komm heraus, was willst du, und was hast du vor?“

Der Fremde trank seinen Kaffee aus, und dann sagte er: „Ich bin ganz ehrlich zu euch gewesen, von Anfang an. Ich habe euch gesagt, daß hier Gold sei, und daß ich komme, es aufzupicken.“

„Was weiter?“ fragte Curtin.

„Nichts weiter“, gab der Fremde zur Antwort.

„Gut. Schön und gut“, warf Howard ein. „Was aber dann, wenn wir hier Zahlmist gefunden haben? Du denkst doch nicht, daß wir das mit dir verrechnen. Wir haben selber genug geschuftet. Na, well, da ist es heraus. Ja, wir haben was gefunden und sind bald fertig.“

Ohne zu zögern sagte nun der Fremde: „Das ist ein Anfang. Kommt ihr grade, so komme ich euch grade, und wir wollen sehen, wie wir uns einigen. Gleich, um zu beginnen: Auf diesen Platz habe ich ein Recht. Wartet, nur nicht gleich hitzig. Ich habe natürlich kein Recht, das verbrieft ist, keine Lizenz und nichts dergleichen. Mein Recht beruht darauf, daß ich etwas weiß, was ihr nicht wißt. Das ist besser als die schönste gestempelte und versteuerte Lizenz. Ihr habt nichts gefunden, gar nichts. Ein paar Körner vielleicht. Die dürft ihr ruhig behalten.“

„Das tun wir, da kannst du Schlämmkreide drauf fressen, daß wir das, was wir haben, auch behalten“, sagte Curtin.

„Die Sache ist so.“ Der Fremde sprach sehr langsam. „Allein kann ich das nicht machen, was ich im Sinne habe. Ich brauche Leute, und ich habe mir gedacht, daß ihr am besten geeignet seid. Ihr habt ebensoviel Interesse daran, die Geschichte solange wie notwendig geheimzuhalten, wie ich es habe. Ihr habt die Werkzeuge, ich habe keine. Ich könnte das, was ich weiß, an eine Gesellschaft verkaufen. Aber es wird mir schwerlich jemand auch nur hundert Dollar darauf bezahlen. Die Leute wollen Tatsachen sehen. Die Tatsachen kann ich nur hier zeigen. Ich habe zudem gute Gründe, nicht allzuviel Lärm zu machen, weil sonst jemand mit sogenannten Rechten angerückt kommen könnte. Ich mache euch einen Vorschlag. Was ihr habt, behaltet ihr. Von dem, was von heute an einkommt, dadurch einkommt, daß ihr mit mir an meinem Plane arbeitet, erhalte ich zwei Fünftel.“

Die drei sahen sich eine Weile gegenseitig an und lachten.

Dann sagte Howard: „Späne können wir uns selber vormachen, lieber Junge, und Geschichten können wir uns selber erzählen. Was meint ihr?“ Er wandte sich an seine Kameraden.

Dobbs sagte: „So oder so. Wir sind ja so gut wie durch und fertig. Wir verlieren nichts, wenn wir ein paar Tage zugeben.“

„Das denke ich auch, wir verlieren nichts. Wenn da wirklich etwas dran ist, warum soll man es nicht versuchen, da wir doch schon hier sind“, meinte Curtin.

„Ich mache nicht mit“, sagte der Alte. „Das sind Räubergeschichten, und ich hab genug von der Wilderei. Ich möchte wieder einmal ein richtiges Bett unterm Hintern haben. Mir langt es. Aber natürlich, wenn ihr hier mitmacht, muß ich auch mitmachen. Allein kann ich nicht gut die zwei Wochen durch den Busch und durch die Wüste zappeln.“

„Höre, alter Bursche“, sagte Curtin, „viel Lust, lange Überstunden zu machen, habe ich nicht. Ich habe da jemand auf mich warten. Wir wollen eine Woche draufgeben. Kommen wir in dieser Woche auf die Geschichte, die uns das Vögelchen da erzählt hat, dann ist es gut, und dann können wir ja sehen, ob es sich lohnt. Kommen wir innerhalb einer Woche nicht zu einem Ergebnis, dann gehe ich mit dir los, Alter. Alle damit einverstanden?“

Sie sagten „Ja“, und der Fremde hatte das Wort, um seine Pläne klarzulegen.

„Wie heißt du denn überhaupt, Mensch?“ fragte Howard.

„Lacaud,“ sagte der, „Robert Lacaud, aus Arizona.“

„Verwandt mit den Lacauds in Los Angeles, Möbeln?“ fragte Howard.

„Ja, von Großvaters Seite her. Aber ich habe nichts mit denen zu schaffen. Wir sind geschieden auf Tod und Verdammnis, und wenn wir überzeugt sein sollten, daß die in den Himmel gehen, dann äschern wir ein halbes Dutzend Kirchen ein, um in die Hölle zu kommen und nur nicht mit denen zusammenzusitzen. Aber nur keine Sorge, die kommen nicht in den Himmel, diese Erbschleicher.“

„Dann mußt du dich aber verflucht dranhalten, daß man dich in den Himmel aufnimmt,“ lachte Dobbs, „so wie du jetzt beschaffen bist, wirst du wohl deinem Familienzweig nicht aus dem Wege gehen können.“

„Vielleicht doch“, sagte Curtin. „Wenn ich richtig informiert bin, hat man da verschiedene Siedeabteilungen, und er kann ja rechtzeitig den Antrag stellen, daß er nicht gerade in denselben Kessel eingetaucht wird, in dem die andern ehrenwerten Mitglieder seiner erlauchten Familie schmoren. So etwas läßt sich doch immer einrichten, denn Beelzebub hat doch ein Herz, wie könnte er denn sonst soviel Spaß haben und immer so lustig und guter Dinge sein.“

Howard war aufgestanden, um nach den Eseln zu sehen, damit sie nicht zu weit abstreiften. Dabei war er auf einen höher gelegenen Vorsprung des Berges geklettert, um einen besseren Überblick zu haben.

„Hallo!“ rief er laut aus.

„Was ist?“ riefen Dobbs und Curtin gleichzeitig. „Sind die Esel fort?“

„Kommt rasch her. Aber verteufelt rasch.“

Die beiden sprangen auf und liefen hinüber. Auch Lacaud folgte eilig nach. „Was ist das, da drüben, was da auf unsern Berg zukommt?“ rief der Alte. „Vielleicht könnt ihr das besser erkennen.“

„Das sind Soldaten oder berittene Landpolizei“, sagte Dobbs.