Part 6
„Alt ist er“, bestätigte Dobbs. „Aber er ist zähe wie eine gekochte alte Stiefelsohle. Wenn es darauf ankommt, hält der mehr aus als wir beide zusammengenommen. Ich muß nur gleich gestehen, ich habe nicht viel Ahnung von Goldgraben und weiß nicht einmal recht, wie es aussieht, wenn man es vor sich im Dreck liegen sieht. Howard hat Erfahrung, er hat selber gegraben und hat auch fein Geld gemacht. Im Öl ist alles wieder draufgegangen. So einen alten erfahrenen Burschen mitzuhaben, ist schon halb eingesackt. Wer weiß, ob er überhaupt mitgeht.“
„Fragen wir ihn einfach“, riet Curtin.
Sie gingen zum Oso Negro. Howard lag im Bett und las Banditengeschichten im Western Story Magazine.
„Ich?“ sagte er sofort. „Was für eine Frage? Natürlich bin ich dabei. Bin immer dabei, wenn es auf Gold geht. Ich habe noch dreihundert Dollars hier auf der Bank. Zweihundert lege ich an für die Sache. Ist mein letztes Geld. Wenn das zu Ende ist, bin ich fertig. Aber man muß etwas wagen.“
Nachdem sie alles Geld zusammengeworfen hatten, erinnerte sich Dobbs seines Lotterieloses. „Sei doch nicht so abergläubisch“, sagte Curtin lachend. „Ich habe noch nie jemand gesehen, der in der Lotterie gewonnen hätte.“
„Macht nichts“, sagte Dobbs darauf. „Ich gehe die Liste wenigstens einmal nachsehen. Das kann nichts schaden.“
„Da gehe ich mit. Das lange Gesicht, das du machst, möchte ich gern sehen.“
Überall hingen die Listen aus. In jedem kleinen Laden, wo man Lose verkaufte. Die Listen waren auf Leinwand gedruckt. Weil niemand eine Liste kaufte, die Lotterie auch nie ein Nebengeschäft aus dem Listenverkauf machte, so wurden die Listen von Hunderten von Leuten betastet. Sie mußten sehr dauerhaft sein, um den Angriffen derer zu widerstehen, die glaubten, diesmal ganz sicher gewonnen zu haben.
Da gleich an der Ecke der Madrid Bar hing so eine Liste, groß wie ein Handtuch.
Dobbs warf einen Blick darauf und sagte zu Curtin: „Dein Aberglaube ist lächerlicher als meiner. Da, siehst du die fettgedruckte Nummer? Das ist meine Nummer. Auf mein Zwanzigstel kriege ich jetzt hundert Pesos ausgezahlt.“
„Wo?“ fragte Curtin erstaunt.
„Gehen wir gleich zur Agentur kassieren.“
Dobbs legte sein Los auf den Tisch. Der Agent prüfte es, und ohne einen Abzug irgendwelcher Art zu machen, händigte er Dobbs zwei dicke goldne Fünfzigpesostücke aus.
Als sie wieder auf der Plaza standen, sagte Curtin: „Nun will ich noch hundert Dollars heranschaffen. Dann langt es. Ich habe da einen Freund in San Antonio, drüben in Texas. Der schickt mir das Geld.“
Er telegraphierte, und das Geld kam pünktlich an. Sie nahmen den Nachtzug nach San Luis. Von dort fuhren sie mit dem nächsten Zug hinauf nach Durango.
Hier saßen sie über Karten und studierten die Gegenden.
„Wo Eisenbahn läuft, da brauchen wir gar nicht erst hinzugehen“, sagte Howard sachlich. „Das lohnt sich nicht. Wo eine Bahn ist, wo nur eine gute Straße ist, da kennt man jeden Winkel, in dem etwas sein könnte. Die wilden Ecken sind es, wo was zu holen ist. Da, wo kein Steg ist, wo keine Geologen sich hintrauen, wo kein Mensch weiß, was ein Auto ist, da muß man herumkriechen. Und so eine Gegend müssen wir uns aussuchen.“ Er stöberte auf der Karte herum und sagte dann: „Ungefähr hier. So genau kommt es nicht darauf an. Ist man erst einmal da, dann muß man die Augen aufmachen. Das ist alles. Ich habe einmal einen gekannt, der konnte das Gold riechen, gerade so wie ein durstiger Esel Wasser riecht, wenn er Lust hat, hinzugehen.“
„Richtig,“ sagte Dobbs, „da fällt mir ein, wir wollen gleich einmal hier in einem Nachbardorfe Esel kaufen, die uns die Packen schleppen.“
7
Curtin und Dobbs lernten sehr bald, daß sie ohne den alten Howard hilflos gewesen wären. So dick und so offen liegt das Gold nicht da, daß man darüber fällt. Man muß verstehen, es zu sehen. Man kann darüber hinweglaufen, und man sieht es nicht. Aber Howard sah es, auch wenn nur eine Spur davon in der Nähe war. Er sah es der Gegend an, ob sie Gold haben könne oder nicht, ob es die Mühe lohne, die Spaten von den Traggestellen abzubinden und ein paar Schaufeln voll Sand auszuheben und zu waschen. Wenn Howard herumpickte und herumwühlte oder gar in der Bratpfanne zu waschen begann, dann war es hoffnungsvolle Erde, die von Rechts wegen Gold haben mußte. Viermal hatten sie schon Gold gefunden. Aber die Menge, die sich auswaschen ließ, war so gering, daß man nicht auf einen guten Tagelohn kommen konnte. Einmal hatten sie einen sehr aussichtsreichen Platz gefunden, aber das Wasser, das sie benötigten, um auszuwaschen, war sechs Stunden weit, und sie mußten den Platz aufgeben.
So waren sie immer weiter gezogen, immer tiefer in das Hochgebirge hinein.
Eines Morgens fanden sie sich wie festgekeilt auf ihrem schmalen Wege. Sie krochen und kletterten keuchend herum und hatten Mühe, die Esel vorwärtszubringen. Sie waren verteufelt schlecht gelaunt.
Und Howard sagte noch dazu in diese schlechte Laune hinein: „Da habe ich mir aber zwei feine Kostgänger ausgesucht in euch beiden, das habe ich, verflucht noch mal.“
„Halt’s Maul!“ rief Dobbs wütend.
„Feine Kostgänger“, wiederholte Howard trocken und höhnend.
Curtin hatte ein gewaltiges Schimpfwort auf der Zunge. Aber ehe er es abfeuern konnte, sagte Howard: „Ihr seid ja so dumm, so schietenklötrig dumm, daß ihr die Millionen nicht einmal seht, wenn ihr mit beiden Füßen darauf herumtrampelt.“
Die beiden Jüngeren, die vorangingen, blieben stehen und wußten nicht, ob Howard sie verhöhnte, oder ob er infolge der Anstrengungen der letzten Tage einen Anfall von Schwachsinn bekommen hätte.
Aber Howard griente sie an und sagte ganz nüchtern, ohne irgendeine Aufregung zu zeigen: „Da geht ihr auf dem nackten, klaren, funkelnden Golde spazieren und seht es nicht einmal. Wie ich eigentlich dazu gekommen bin, mit solchen Skunks auf die Goldsuche zu gehen, wie ihr seid, das wird mir für den Rest meines Lebens noch viel zu denken geben. Ich möchte nur wissen, welch eine schändliche Sünde ich abzubüßen habe, daß ich euch erdulden muß.“
Dobbs und Curtin waren stehengeblieben. Sie blickten vor sich auf den Boden, dann sahen sie sich gegenseitig an, und dann guckten sie Howard an, mit einer Miene, die nicht ganz deutlich zeigte, ob sie anfingen zu verblöden, oder ob sie glaubten, daß Howard auf dem Wege dazu sei.
Der Alte bückte sich, grub mit der Hand in den losen Sand und hob eine Handvoll Sand auf. „Wißt ihr, was ich hier in der Hand habe?“ fragte er. Ohne eine Antwort abzuwarten, fügte er hinzu: „Das ist Zahldreck, oder wenn ihr das nicht versteht, das ist Goldstaub. Und das ist so viel, daß wir alle drei es auf unserm Rücken nicht fortschleppen können.“
„Laß sehen“, riefen beide gleichzeitig und kamen näher.
„Braucht nicht heranzukommen. Braucht euch nur zu bücken und es aufzuheben, dann seht ihr es und habt es in der Hand.“
Ungläubig hoben sie eine Handvoll Sand auf.
„Sehen werdet ihr es ja kaum,“ sagte Howard grinsend, „ihr Küchlein. Aber am Gewicht werdet ihr es wohl fühlen können, was los ist.“
„Wahrhaftig,“ rief Dobbs, „jetzt sehe ich es auch. Wir könnten gleich die Säcke vollfüllen und damit zurücktreiben.“
„Das könnten wir freilich“, sagte Howard und nickte. „Aber das wäre ein schlechtes Geschäft. Besser, wir waschen es rein aus. Warum sollen wir uns mit dem überflüssigen Sand schleppen? Den Sand kriegen wir nicht bezahlt.“
Howard setzte sich nieder und sagte: „Da holt nur erst einmal ein paar Eimer Wasser heran. Ich werde eine Prozentprobe machen.“
Und nun begann die eigentliche Arbeit. Es mußte Wasser gesucht werden. Sie fanden welches, aber es lag hundert und einige zwanzig Meter tiefer am Berg und mußte eimerweise heraufgeschleppt werden. Den Sand hinunterzuschleppen und gleich am Wasser zu waschen, machte größere Mühe, wenn es auf Zeit berechnet wurde. Das Wasser ließ sich immer wieder verwenden. Es wurde zwar nach jedem Waschen weniger, aber man brauchte nur diesen Vorrat ersetzen, während man umgekehrt allen Sand hinunterschleppen mußte und es vorkommen konnte, daß in zwei dicken Säcken Sand kaum ein Gramm Gut darin war.
Sie bauten das Camp, bauten die Schaukelgerüste und die Schwenkflitschen, gruben Rinnen für das Wassergefälle und stachen einen Tank aus, den sie mit Kalk und Lehm so sauber abdichteten, daß der Wasserverlust so gering wurde, daß es nicht der Mühe wert war, davon zu sprechen.
Nach zwei Wochen konnten sie an die produktive Arbeit gehen.
Es war Arbeit. Das durfte man schon sagen. Sie schufteten wie blöd gewordene Sträflinge. Am Tage war es sehr heiß, und in der Nacht war es bitterkalt. Ihr Arbeitscamp lag hoch im Gebirge, in der Sierra Madre. Kein geordneter Weg führte dorthin, nur ein Maultierpfad bis zum Wasser. Um die nächste Eisenbahnstation zu erreichen, dazu war ein Eselsritt von zehn oder zwölf Tagen erforderlich. Und der Marsch ging über steile Pässe und Gebirgspfade, durch Flußläufe, durch Hohlwege, an hohen scharfen Felsenwänden entlang. Auf dem ganzen Wege waren nur einige kleine Indianerdörfer.
„So habe ich in meinem ganzen Leben nicht geschuftet“, meinte Curtin eines Morgens, als ihn Howard noch vor Sonnenaufgang hochrüttelte. Er stand aber doch auf, sattelte die Esel und schleppte die Wassermenge, die für den Tag nötig war, obgleich er vor sieben Uhr keinen Bissen in den Magen bekam.
Als sie dann alle drei bei dem Frühstück saßen, sagte Howard: „Manchmal frage ich mich ganz ernsthaft, was ihr euch eigentlich unter Goldgraben und so gedacht habt? Ich bin sicher, ihr habt euch das so gedacht, daß man sich nur zu bücken braucht und das Gold, das wie Kieselsteine herumliegt, aufklaubt, in Säcke füllt und damit abzieht. Wenn das so einfach wäre und so leicht ginge, dann hätte das Gold aber eben auch nur den Wert von Kieselsteinen.“
Dobbs brummte vor sich hin und sagte nach einer Weile: „Da muß es doch aber Plätze geben, wo man es dicker findet, wo es nicht so kläglich mühselig ist, eine Unze beieinander zu haben?“
„Solche Plätze gibt es, aber die sind so selten wie der Hauptgewinn in einer Lotterie“, antwortete der Alte. „Ich habe Plätze gesehen, in denen man auf Adern stieß, wo die Burschen faustgroße Nüsse heraushieben oder ausbuddelten. Drei, vier, acht Pfund an einem Tage habe ich gesehen. Und dann habe ich gesehen, daß an derselben Stelle vier Mann drei Monate sich zu Tode rackerten und zu viert in den drei Monaten kaum fünf Pfund machten. Ihr könnt es mir gern glauben: Gut haltenden Sand waschen ist das Sicherste. Es ist schwere Arbeit, aber wenn man seine acht oder zehn Monate gemacht hat, kann man ein sauberes Sümmchen in die Tasche schieben. Und wenn man es fünf Jahre aushalten kann, ist man für den Rest seines Lebens gesichert. Aber den will ich erst sehen, der es fünf Jahre macht. Meist gibt das Feld schon nach ein paar Monaten völlig aus, und man muß wieder auf die Wanderung gehen, um ein andres, junges Feld zu finden.“
Die beiden Grünlinge hatten sich das Goldgraben leichter gedacht. Diesen Gedanken hatten sie in jeder Stunde viermal. Graben und graben von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang in einer teuflischen Hitze. Dann aufschmeißen und aufschmeißen, schwenken und schütteln und sieben. Und das alles drei-, vier-, fünfmal wiederholen. Immer wieder zurück in die Schwenkpfannen, weil es nicht rein herauskam.
So ging das Tag für Tag, ohne Unterbrechung. Sie konnten nicht gerade stehen, nicht liegen und nicht sitzen, so tat ihnen der Rücken weh. Ihre Hände wurden wie verknorpelte Krallen. Sie konnten die Finger nicht mehr gerade biegen. Sie rasierten sich nicht, und sie schnitten sich nicht das Haar. Sie waren zu müde dazu und gleichgültig gegenüber solchen Dingen. Wenn ihnen die Hemden oder die Hosen zerrissen, so nähten sie nur dann etwas daran, wenn es unbedingt nötig war, um die Sachen zu erhalten, weil sie sonst auseinandergefallen wären.
Da war kein Sonntag; denn der Ruhetag, den sie sich gesetzt hatten, war notwendig, um die primitive Maschinerie auszubessern, sich einmal zu waschen, ein paar Vögel oder ein Reh zu schießen, einen neuen Weideplatz für die Esel zu suchen und nach einem Indianerdorfe zu wandern und dort Eier, geriebenen Mais, Kaffeebohnen, Tabak, Reis und Bohnen einzukaufen. Sie mußten schon zufrieden sein, wenn sie solche Dinge überhaupt erhielten. An Mehl, Speck, weißen Zucker und Büchsenmilch konnten sie nur denken, wenn einer eine volle Tagereise unternahm, um zu dem größeren Dorfe zu gelangen, wo man diese Raritäten zuweilen, durchaus nicht immer, erhalten konnte. Wenn es bei einer solchen Expedition gelang, sogar eine Flasche Tequila mitzubringen, dann wurde das als ein Triumphzug angesehen.
Es kam dann die Frage auf, wie man sich zu der Lizenz verhalten solle. Ohne Lizenz durften sie suchen, aber nicht graben und raffinieren. Aber das mit der Lizenz hatte seine Schwierigkeiten. Einer mußte zur Regierung, mußte dort genau angeben, wo das Feld sei, und hatte ein nettes Sümmchen zu bezahlen. Von dem Ertrag mußten sie auch noch einen Prozentsatz abgeben. Und alles in allem konnte es einige Wochen dauern, bis die ganzen Angelegenheiten geregelt waren.
Das alles wäre nicht so schlimm gewesen. Was jedoch das Schlimmste war, das war allein nur die Tatsache, daß sie durch die Einholung der Lizenz, auch wenn sie noch so vorsichtig waren, sich Banditen auf den Hals hetzten. Jene Banditen, die nicht säen, aber ernten. Die lagen wochen- oder monatelang auf der Lauer, ließen die Männer tüchtig schuften, und wenn sie dann mit ihrer Ladung abzogen, wurden sie überfallen und ihnen alles Gold abgenommen. Und nicht nur das Gold wurde ihnen genommen, sondern auch die Esel und das Hemd, das sie auf dem Leibe hatten. Ohne Esel und ohne Hosen, Hemd und Schuhe aus der Wildnis herauszukommen, war eine verdammt schwierige Sache. Häufig sahen das die Banditen auch ein, und um die Ausgeraubten nicht in solche Bedrängnis gelangen zu lassen, nahmen sie ihnen auch noch das Leben ab, weil sie mitleidige Seelen waren. Wer konnte wissen, wo die armen Teufel geblieben waren? Der Busch ist so groß, seine Tiefen sind so undurchdringlich, seine Gefahren so viele. Da sucht einmal nach einem Vermißten. Und ehe das Suchen auch nur beginnen kann, hat der Busch kaum noch ein letztes Knöchelchen übriggelassen. Da soll man von diesem Knöchelchen dann noch erzählen, wer der Mann war, zu dem das Knöchelchen gehörte. Und die Banditen? Die werden vor das Standgericht gestellt. Aber um das zu können, muß man sie erst einmal haben. Und weil sie das wissen, daß ihnen niemand etwas tun kann, ehe man sie eingefangen hat, darum ist es ein so leichtes Geschäft, Bandit zu sein, anstatt sich abzurackern und das Gold, das für jeden daliegt, durch eigne Arbeit zu gewinnen.
Wenn eine Lizenz gezogen wird, das spricht sich immer herum. Und es wäre auch nicht das erstemal, daß nicht Banditen, sondern die Schächer einer großen und vornehmen Minenkompanie die proletarischen Entdecker aus dem Wege räumen. Dann wird das Feld ein paar Monate nicht ausgebeutet, die Lizenz verfällt, und die Kompanie erwirbt sich nunmehr die Lizenz, die ihr auch gegeben wird, weil der frühere Inhaber seine Rechte durch Abwesenheit aufgegeben hat.
Es war deshalb durchaus vernünftig, sich nicht um die Lizenz zu scheren. War man dann nach einer Zeit zu dem Entschluß gekommen, daß man das Feld verlassen könne, weil man genug habe, so konnte man die Beute unauffällig fortschaffen. Kein Mensch wird diese zerlumpten Herumtreiber untersuchen, und sie können leichten Mutes alle Leute, die ihnen begegnen und die Banditen sein könnten oder bei passender Gelegenheit Banditen werden wollen, um Tabak anbetteln.
Da ist also die Sache mit der Lizenz. Hat man eine, kann einem das Gold abgenommen werden von Banditen. Hat man keine, und es kommt heraus, nimmt einem die Regierung den halben oder den ganzen Bettel ab als Strafe. Da ist der Busch, der so groß, so weit, so verschwiegen ist. Und da sind so viele andre Dinge. Sobald man etwas besitzt, sehen alle Dinge in der Welt gleich ganz anders aus. Auf alle Fälle gehört man von dem Augenblick an zur Minderheit, und alle, die nichts besitzen oder die weniger besitzen, bekommt man zu Todfeinden. Man muß dann immer auf der Hut sein. Man hat dann immer etwas zu bewachen. Solange man nichts hat, ist man der Sklave seines hungrigen Magens und der natürliche Sklave derer, die einen hungrigen Magen füllen können. Wenn man aber etwas hat, ist man der Sklave seines Besitzes.
8
Die drei Männer, die sich hier zusammengefunden hatten, waren niemals Freunde gewesen. Sie hatten auch kaum je daran gedacht, irgendwann einmal Freunde zu werden. Sie waren, um das Beste in dieser Hinsicht zu sagen, Geschäftsfreunde. Aus reinen Nützlichkeitsgründen hatten sie sich zusammengetan. Sobald dieser Grund verschwand, hörte auch ihre Gemeinschaft auf. Sie kamen in Streitigkeiten, und sie zankten sich, wie das immer geschieht, wenn Menschen eine Weile beieinander sind. Dieses Zanken hätte sie mit der Zeit zu Freunden machen können. Das wäre nicht so verwunderlich gewesen. Wenn Menschen, die nicht Freunde sind, zu streiten anfangen und sich zanken, so ist das meistens der Beginn einer langen Freundschaft.
Die gemeinsamen Mühen, die gemeinsamen Sorgen, die gemeinsamen Hoffnungen, die gemeinsamen Enttäuschungen, die jene drei Männer in den Monaten, die sie nun schon beieinander waren, durchgemacht hatten, mußten nach allen Weisheiten der Soziologie zur Freundschaft führen. Sie waren doch Kriegskameraden, bessere Kriegskameraden, als je ein Krieg hervorbringen konnte. Da war mehr als ein Fall vorgekommen, daß Howard dem Dobbs, Curtin dem Howard, Dobbs dem Curtin das Leben gerettet hatte; dann wieder, daß Dobbs den Howard, ein andermal den Curtin vor dem Verlust des letzten Atems bewahrt hatte. Alle möglichen Kombinationen waren vorgekommen. Jeder war immer sofort bereit gewesen, dem andern zu helfen und seine eignen Knochen oder gar das eigne Leben dran zu wagen, den Abgestürzten in Sicherheit zu bringen. Was war da alles schon vorgekommen. Da brach ein angefällter Baum zu früh, und Dobbs fing ihn mit der Schulter auf und gab ihm dadurch eine andre Richtung, sonst hätte der Baum Curtin zerschmettert. Wie die Schulter nachher aussah!
„Fein war das, Dobbs“, sagte Curtin. Und das war alles. Was sollte er mehr sagen.
Zwei Wochen später brach ein Erdstollen durch, als Dobbs drin war, und Curtin wühlte ihn heraus, obgleich eine dicke schwere Schwarte kieseliger Erde über ihm hing und jeden Augenblick herunterbrechen konnte, um Curtin so sicher zu vergraben, daß Howard, der an der andern Seite den Stollen durchzustechen versuchte, auf alle Fälle zu spät gekommen wäre, um auch nur zu ahnen, wo die beiden hingekommen seien.
Als Dobbs dann herausgezerrt war, sein Bewußtsein wieder hatte und zu atmen anfing, sagte er: „Wenn ihr einmal mehr in die Hände gespuckt hättet, dann hätte ich auf diesen Sandhaufen nicht mehr spucken können.“ Dabei spie er ein Maul voll Erde aus.
Da wurden nie viel Worte gewechselt in solchen Fällen. Es war ganz nüchterner Dienst, den einer dem andern erwies. Aber diese Dienste, diese Hilfeleistungen brachten sie nicht näher zueinander. Sie wurden nicht Freunde. Sie würden nicht Freunde geworden sein, auch wenn sie noch zehn Jahre lang sich gegenseitig das Leben gerettet hätten.
Sie selbst konnten sich nicht beobachten, sie waren beteiligte Partei. Wer sie aber zuweilen hätte vor dem Feuer sitzen sehen, kurz vor dem Schlafengehen, der würde den Eindruck gewonnen haben, daß jeder von ihnen auf eine gute Gelegenheit warte, um den beiden andern an den Hals zu springen. Dennoch war es nicht Mord, was in ihren Augen glimmerte. Vielleicht war es Neid? Doch wenn jeder einzelne von ihnen gefragt worden wäre, was er gegenüber den andern empfinde, er würde nicht gesagt haben, „Neid“ oder „Habgier“. Das war es ganz bestimmt nicht. Jeder besaß gleich viel, jeder wußte, daß der andre so ziemlich alles Vermögen in das gemeinsame Unternehmen gesteckt hatte, daß jeder hart gearbeitet, jeder bitter gedarbt, jeder unmöglich Erscheinendes erduldet hatte, um zu etwas zu kommen. Wie konnte man da Neid empfinden? Oder Habgier? So widernatürlich fühlt ein gesunder Mensch nicht.
Jeden Abend, noch bei hellem Tageslicht, wurde der Ertrag des Tages sorgfältig abgeschätzt, dann in drei Teile geteilt, und jeder nahm seinen Teil an sich. Das hatte sich gleich von Anfang an wie von selbst gegeben.
„Am besten, wir teilen jeden Abend, und jeder nimmt seinen Anteil an sich.“ Diesen Vorschlag machte Curtin am zweiten Abend der Woche, in der die Arbeit anfing, die ersten Gewinne abzuwerfen.
„Dann brauche ich wenigstens nicht euer Schatzhüter zu sein“, sagte Howard.
Sofort sahen die beiden andern auf: „Wir hatten nichts davon gesagt, daß du das Gut in Verwahrung haben solltest. Das wäre erst noch sehr die Frage gewesen, ob wir dir das alles anvertraut hätten.“
„Schaut ihr aus dem Fenster heraus?“ lachte Howard. Er fühlte sich nicht beleidigt. Er hatte solche Wandlungen zu oft erlebt, als daß er sich deswegen aufgeregt hätte. Gutmütig sagte er: „Ich habe nur gedacht, daß ich der Vertrauenswürdigste hier bin.“
„Du?“ rief Dobbs. „Wir wohl nicht? Wir sind wohl entlaufene Sträflinge?“
Und Curtin sagte: „Was wissen wir denn, wo du alt geworden bist.“
Howard ließ sich nicht aus der guten Laune bringen. „Freilich wißt ihr das nicht. Aber ich denke, hier draußen und zwischen uns, da zählt das alles nicht. Ich habe keinen von euch gefragt, wo er herkommt und wo er seine Jahre der Unschuld verbracht hat. Das wäre auch sehr unhöflich gewesen. Man soll niemand zum Lügen verführen. Hier draußen, wo kein Hahn kräht, da rettet kein Schwindel. Ob wir uns hier gegenseitig was vorlügen, oder ob wir uns einander die blutige Wahrheit erzählen, das ist keinen Nickel wert. Aber ich bin unter uns dreien der einzige, der hier draußen vertrauenswürdig ist.“
Die beiden andern grienten. Aber ehe sie Zeit fanden, eine saftige Antwort zu geben, fuhr Howard fort: „Braucht nicht aufzufahren. Es ist richtig, was ich sage. Hier gilt nur die nackte Tatsache. Wir könnten ja dir“, dabei nickte er zu Dobbs hinüber, „das Gut zur Aufbewahrung anvertrauen. Aber wenn ich im Busch sitze und Stützen zimmere und Curtin in den Laden hinuntergeritten ist, packst du auf und ziehst ab.“
„Das ist eine Gemeinheit, so etwas zu sagen“, brauste Dobbs auf.
„Mag sein,“ erwiderte Howard ruhig, „daß es eine Gemeinheit ist, es auszusprechen. Aber es ist dieselbe Gemeinheit, so etwas zu denken. Und du wärst der erste Mensch, dem ich je begegnet bin, der so etwas nicht denken würde. Mit dem Gute der andern durchzubrennen ist, da will ich euch gleich meine Meinung sagen, keine Gemeinheit, sondern hier draußen ist das nur eine ganz natürliche Sache. Ein Dummkopf, der es nicht tut. Ihr seid nur zu schäbig, es einzugestehen. Aber laßt uns mal zwanzig Kilo Fein im Schatze haben, dann will ich einmal sehen, was ihr denkt. Ihr seid nicht besser und nicht schlechter als irgendwelche andre Burschen. Ihr seid ganz natürliche Menschen. Und wenn ihr mich hier eines Tages an einen Baum bindet, alles aufpackt und dann abzieht und mich hier verrecken laßt, um mein Gut zu haben, so tut ihr nur das, was jeder tun würde, wenn er nicht im rechten Augenblick den Gedanken bekäme, daß es sich letzten Endes vielleicht nicht voll bezahlen ließe. Ich kann mit eurem Gut nicht abkneifen. Ich bin nicht mehr flink genug auf den Beinen. Mich hättet ihr innerhalb zwölf Stunden am Kragen und hängt mich ohne Gewissensbisse am nächsten Baum auf. Ich kann nicht ausrücken, ich bin auf euch angewiesen. Darum dachte ich, daß ich hier der einzige Vertrauensmann bin.“
„Wenn man das so überdenkt,“ sagte Curtin, „dann hast du recht. Aber auf alle Fälle ist es besser, wir machen jeden Abend Teil, und jeder bewacht sein Gut allein. Dann kann jeder gehen, wann er will.“
„Nichts dagegen“, sagte Howard. „Ist gar nicht so schlecht. Dann ist jeder besorgt, daß der andre sein Versteck belauschen könnte.“