Der Schatz der Sierra Madre

Part 18

Chapter 183,940 wordsPublic domain

Der Alte oder Curtin können ihn natürlich meuchlerisch umbringen. Das können sie, dagegen ist man trotz aller Gesetze wehrlos. Aber dann werden sie gehenkt oder kommen in den elektrischen Stuhl. Das wissen sie vorher, und darum werden sie es schön bleiben lassen.

Da bellt wieder eine Lokomotive durch die Nacht. Es ist für Dobbs, als höre er Musik. Die Musik des Geborgenseins.

Merkwürdig, daß Curtin gar nicht schrie, als er ihn niederschoß, daß er nicht stöhnte, nicht wimmerte, nicht röchelte, nicht seufzte. Nichts, nichts. Er brach zusammen wie ein gefällter Baum. Schlug lang hin und war tot. Nur das Blut quoll und preßte sich dick und zähe durch das Hemd. Das war die einzige Bewegung. Und als Dobbs mit dem brennenden Ast ihn beleuchtete und erwartete, daß er ein Grauen empfinden würde, sah er nur das weiße starre Gesicht. Er hätte sich auch gar nicht grauen können, denn Curtin lag so komisch verrenkt da, daß Dobbs beinahe gelacht hätte über die groteske Verrenkung des Körpers.

Und Dobbs lachte nun vor sich hin. Er fand es so komisch, alles, wie Curtin hingeschlagen war, wie er da so stumm lag, und wie ein ganzes Leben so mit einem leisen Bewegen des Abzuges eines Revolvers für immer ausgelöscht ist.

Wo kann nur der Leichnam sein? Verschleppt? Gefunden und in Sicherheit gebracht? Von einem Löwen oder einem Jaguar fortgezerrt? Das hätte er aber sehen müssen. Vielleicht war er nicht tot?

Dobbs wurde unruhig. Er begann zu frieren. Er schürte im Feuer herum. Dann drehte er sich um und sah über die kahlen Flächen, dann hinüber in das Gesträuch. Endlich mußte er aufstehen. Er ging umher. Er redete sich ein, daß er es tun müsse, um sich zu erwärmen. Aber in Wahrheit tat er es, weil er so leichter nach allen Seiten beinahe zugleich sehen konnte. Zuweilen glaubte er, daß er jemand heranschleichen sehe. Dann wieder meinte er zu hören, wie jemand sich dem Feuer nähere. Und dann plötzlich hatte er das Gefühl, daß jemand ganz dicht hinter ihm stände, daß er eben dessen Atem an seinem Ohr verspürt habe, und daß die Spitze eines langen Messers in seinen Rücken ziele. Mit einem kurzen Ruck sprang Dobbs vorwärts und drehte sich um, den Revolver gezogen. Aber er sah nichts. Er sah nichts weiter als die dunklen Schatten der Esel, die gelangweilt grasten oder sich gelegt hatten.

Dobbs entschuldigte sich gegenüber, daß man immer auf seiner Hut sein müsse, und daß ein solches Gebaren durchaus nicht lächerlich sei und mit Furcht oder gar Gewissen nichts zu tun habe. Wer so allein in der Wildnis ist und wertvolles Gut mit sich führt, ist immer etwas nervös. Das ist ganz natürlich. Und wer das nicht eingesteht, der betrügt sich nur selbst. Er schlief in dieser Nacht nicht ganz so gut wie in der vorhergegangenen. Aber er wußte auch gleich die Ursache. Es war nur darum, weil er zu sehr übermüdet war. Der Abmarsch am Morgen verzögerte sich, weil einige Esel weit abgestrichen waren und eingeholt werden mußten. Dobbs war zu nachlässig gewesen, als er die Knebel festlegte. Er verlor volle zwei Stunden.

Der Weg wurde besser, und gegen zwölf Uhr konnte Dobbs ausrechnen, daß er in drei Stunden in Durango sein würde. Es war nicht seine Absicht, gleich mitten in die Stadt zu gehen, sondern er wollte an der ersten Fonda, die er am Rande der Stadt traf, halten und abladen. Dort wollte er mit dem Besitzer der Fonda verhandeln, daß er ihm Käufer für die Tiere besorgen möge, falls er sie nicht vielleicht gleich selbst zu einem billigen Preise übernehme, um ein gutes Geschäft zu machen. Dann würde er alles übrige Gepäck, also die Säcke mit dem allein wichtigen Gut, auf einen Wagen verladen und zur Expreßgutstelle fahren lassen. Das würde dann in keiner Weise auffallen. Deklarieren könne er leicht als trockne Felle. Er bezahlt die Höchstrate für Handelsware, dann kümmert sich niemand mehr darum.

Der Weg wurde ungemein sandig und staubig. Die eine Seite des Weges war offen. An der andern Seite aber erhob sich eine Wand von trocknem, brüchigem Lehm und bröckelndem, zerfasertem und ausgewettertem Stein. Dorniges Gesträuch und Magueypflanzen standen müde, durstig und mit dickem Staub bedeckt an einigen Stellen am Wege.

Wenn sich der Wind erhob, oder wenn eine Bö gezogen kam, so standen dicke Wolken erstickenden Staubes in der Luft. Sie erschwerten das Atmen. Und der Sand spreute in die Augen, daß sie schmerzten und für einige Minuten zu erblinden schienen. War die Bö vorübergefegt, so stand die Luft still, schwer, eisern und lastend über dem Lande. Dann kochte und glühte die Luft, und der Staub sengte und röstete die Haut. Die Erde, seit Monaten wartend auf den Regen, konnte die auf ihr lastende Gewalt der Sonne nicht ertragen, und sie warf das Leuchten zurück zur Höhe in quälender Brunst. Das glastende Flimmern des wuchtenden Sonnenlichtes hieb Menschen und Tieren in die Augen und in das Hirn, daß sie sich taumelnd dahinschleppten, die Augen schlossen und nichts mehr denken konnten als das Ende dieser Pein.

Die Esel torkelten mit halbgeschlossenen Augen weiter. Keiner streute, keiner brach aus. Sie gingen wie Apparate. Sie bewegten kaum den Kopf. Auch Dobbs hatte die Augen zu. Wenn er sie nur ganz schmal öffnete, hieb die sengende Flut des grellen Lichts in sie hinein, daß er glaubte, die Augäpfel müßten ihm verbrennen mit einem Husch.

Durch einen schmalen Ritz in den Augen sah er dann einige Bäume am Wege stehen. Er dachte, daß er hier ein wenig halten wolle, fünf Minuten oder zehn, um sich eine Weile gegen den Baumstamm lehnen zu können, den Schatten zu fühlen und die Augen aufzumachen, um sie zu erholen. Die Esel werden ja leicht stehenbleiben und zufrieden sein, einen Augenblick rasten zu können im Schatten.

Er kam zu den Bäumen, lief nach vorn, wendete den führenden Esel, und der Zug stand. Die Esel drängten sich von selbst in den Schatten und blieben ruhig. Dobbs ging zum Wassersack, spülte sich den Staub aus dem Munde und trank.

„Keine Zigarette, Mensch?“ hörte er da jemand sprechen.

Er zuckte zusammen. Seit Tagen die erste menschliche Stimme, die an sein Ohr klang.

Im ersten Augenblick, als er sprechen hörte, dachte er an Curtin, dann sofort an Howard. Aber dann begriff er, noch in derselben Sekunde, daß es spanisch war, und daß es also keiner seiner beiden Genossen sein könne. Er wendete den Kopf und sah unter einem der nächsten Bäume drei Männer liegen. Sie waren völlig zerlumpte und heruntergekommene Mestizen. Leute, die vielleicht vor langer Zeit bei irgendeiner Minengesellschaft gearbeitet hatten und nun seit vielen Monaten ohne Arbeit waren. Sie trieben sich hier draußen in der Nähe der Stadt herum, schliefen, faulenzten, bettelten, und wenn sie irgendwo einen kleinen Diebstahl verüben konnten, betrachteten sie das als eine Fügung Gottes, der keinen Spatz verhungern läßt, auch wenn er weder pflügt noch sät.

Vielleicht auch waren sie ausgebrochene Sträflinge, oder sie wurden einer verunglückten Sache wegen gesucht und verbargen sich hier, bis ihnen ein Bart gewachsen war und sie hoffen durften, zurück in die Stadt zu gehen, ohne erkannt zu werden. Was die Stadt nicht einmal auf ihrem Kehrichthaufen duldet, das treibt sich draußen an den Wegen, die zur Stadt führen, herum. Eine gute Strecke weiter draußen als da, wo die verrosteten Konservenbüchsen, die zerbrochenen Flaschen, die durchlöcherten Emailletöpfe, die zerbeulten Eimer, die vergilbten Zeitungsfetzen und all der übrige Speichel beginnt, den eine zivilisierte Stadt täglich auswirft. Es ist in den Tropen nicht besser denn anderswo. Kein Tier erzeugt soviel Unrat und Kot wie der zivilisierte Mensch; und den Unrat, den er täglich erzeugt, zu beseitigen, kostet ihn ebensoviel Mühe, Arbeit und Nachdenken wie die Anfertigung und der Verbrauch der Dinge, die er nötig zu haben glaubt.

Dobbs war ja lange genug im Lande, um zu wissen, daß er sich nun in einer der verteufeltsten Lagen befand, die er je erwartet hatte. Diesen Auswurf der Städte kannte er. Das waren die Leute, die nichts zu verlieren hatten, hier in einem Sinne, der sich auf keine andre Menschenschicht anwenden läßt.

Er dachte jetzt, daß er einen bösen Fehler begangen hatte, vom Wege abzuweichen, um hier eine Viertelstunde im Schatten zu rasten. Sicherer war er auf dem Wege auch nicht, aber er war nicht ganz so in der Falle wie augenblicklich.

„Eine Zigarette habe ich nicht. Habe selber seit zehn Monaten keine mehr gekostet.“

Das klang sehr gut. Er sagte damit gleichzeitig, daß er selbst ein armer Teufel sei, der sich nicht einmal eine Zigarette kaufen könne.

„Aber ich habe etwas Tabak noch übrig“, fügte er hinzu.

„Papier zum Rollen?“ fragte einer der Männer.

Die Männer lagen noch ruhig und faul am Boden. Alle hatten sich ihm zugewendet, einer halb sitzend, einer auf einen Arm gestützt, und der andre lang auf dem Bauche liegend und den Kopf träge zur Seite geneigt, um Dobbs anzusehen.

„Ein Stück Zeitungspapier habe ich“, sagte Dobbs.

Er zog den Tabaksbeutel, brachte ein Stück Papier aus der Tasche und reichte es dem, der ihm am nächsten lag, hinunter; denn der bemühte sich nicht, aufzustehen, um den Tabak anständig in Empfang zu nehmen.

Alle rissen ein Stück Papier ab und schütteten den Tabak auf. Dann rollten sie die Zigaretten, und der vorderste gab den Tabakbeutel zurück.

„Cerillos? Zündhölzer?“ fragte der eine, der den Beutel zurückgab.

Dobbs griff in die Tasche und brachte die Zündhölzer hervor. Auch die Schachtel mit den Zündhölzern gaben die Leute wieder zurück.

„Nach Durango?“ fragte einer.

„Ja, ich will die Esel verkaufen. Ich brauche Geld. Ich habe nichts.“

Das war eine kluge Antwort, dachte Dobbs, jetzt wissen sie schon, daß ich nichts in der Tasche habe.

Alle drei lachten auf. „Geld. Das ist es gerade, was wir auch brauchen, was, Miguel? Da warten wir drauf, auf das Geld.“

Dobbs lehnte gegen einen Baum so, daß er die drei im Auge behalten konnte. Er stopfte sich jetzt seine Pfeife und zündete sie an. Jede Müdigkeit war vergangen. Er suchte nach einem Auswege. Ich könnte sie vielleicht als Treiber mieten, dachte er, dann fällt es gar nicht auf, wenn ich in die Stadt komme; es ist besser, als wenn ich ganz allein mit der Karawane ankomme. Dann sind sie sicher, sie haben Arbeit, erwarten jeder einen Peso, und da vergessen sie andre Absichten. Sie fühlen dann schon das Essen im Magen und ein paar Gläser Tequila.

„Ich könnte zwei oder drei Treiber gebrauchen“, sagte er.

„Könntest du?“ lachte einer.

„Ja, die Esel machen mir zu schaffen. Sie halten nicht zusammen.“ „Was willst du denn zahlen?“ fragte ein andrer.

„Einen Peso.“

„Allen drei oder jedem?“

„Jedem. Freilich erst, wenn wir in der Stadt sind und ich dort Geld einkassiert habe, jetzt habe ich keinen Centavo in der Tasche.“

Wieder dachte Dobbs, wie klug und deutlich die Antwort sei.

„Bist du denn ganz allein?“ fragte nun der, der sich auf den Arm gestützt hatte.

Was soll ich antworten, dachte Dobbs. Um aber nicht zu lange auf eine Antwort warten zu lassen und dadurch Verdacht zu erregen, sagte er: „Nein, ich bin nicht allein. Es kommen zwei andre meiner Freunde hinter mir auf dem Wege, mit den Pferden.“

„Das ist merkwürdig, Miguel, meinst du nicht auch?“ sagte der, der lang ausgestreckt auf dem Bauche lag.

„Ja,“ gab Miguel zu, „das ist wirklich merkwürdig. Geht hier ganz allein mit seiner großen Karawane und läßt seine Freunde auf Pferden hinterherkommen.“

„Siehst du die Freunde kommen, auf den Pferden?“ fragte der, der den Kopf aufgestützt hatte.

„Will mal zusehen“, erwiderte der Ausgestreckte. Er erhob sich langsam, trat aus den Bäumen heraus und sah den Weg hinauf, den man in der Ferne besser übersehen konnte als gerade in der letzten Strecke.

Er kam zurück und sagte: „Die beiden Freunde mit den Pferden sind noch weit hinterher. Sicher eine Stunde weit. Das ist merkwürdig, Miguel, meinst du das nicht auch?“

„A decir verdad,“ sagte Miguel, „ich denke auch, das ist sehr merkwürdig. Was hast du denn da alles geladen?“ fragte er dann, stand auf und ging zu einem der Esel.

Mit der geballten Hand klopfte er die Packen ab.

„Felle, scheint es“, sagte er.

„Ja, auch Felle“, gab Dobbs zu. Er fühlte sich immer unbehaglicher und dachte an Aufbruch.

„Tiger?“

„Ja,“ sagte Dobbs leichthin, „es ist auch Tiger dabei.“

„Bringen schönes Geld“, meinte Miguel mit sachverständiger Miene und trat von dem Esel wieder zurück.

Um seine Unbehaglichkeit zu verbergen, ging Dobbs nun zu einem Esel und zog die Gurten fester, obgleich es gar nicht nötig war. Dann ging er zu einem andern und rüttelte an den Packen, als ob er sich davon überzeugen müsse, daß sie fest genug sitzen. Hierauf zog er seinen Gürtel an und zerrte die Hosen höher, als ob er sich zur Weiterreise fertigmache.

„Werde ich wohl – ja, da muß ich wohl nun wieder weiter, um noch vor Abend in der Stadt zu sein.“ Er klopfte dabei seine Pfeife an seinem hochgehobenen Stiefelabsatz aus, als er das sagte. „Wer will denn als Treiber mitgehen nach Durango?“ Er sah sich um, umkreiste aber gleichzeitig die Esel, um sie zusammenzuholen.

Keiner der Burschen gab eine Antwort. Sie sahen sich an und wechselten Blicke miteinander. Einen der Blicke fing Dobbs auf, und er stieß einen der Esel an, um ihn in Gang zu bringen. Der Esel trottete los, und ein andrer folgte ihm träge. Die übrigen aber blieben stehen und nagten an dem Gras. Dobbs ging zu einem andern Esel und rief ihm zu. Auch der begann abzutrotten.

Die Männer waren aufgestanden. Sie schlenderten zwischen die noch stehenden Esel und drängten sie, scheinbar unabsichtlich, zurück oder stellten sich so, daß die Esel nicht folgten, sondern wieder stehenblieben, wenn sie schon einen Schritt gemacht hatten.

Dann aber begannen sie unruhig zu werden, als sie sahen, daß die Spitze marschierte und schon auf dem Wege war, und sie drängten die Männer zur Seite, um Platz zu bekommen. Aber die Männer wurden nun lebhaft und griffen den Eseln dreist in die Leinen und hielten sie fest.

„Weg da von den Eseln!“ schrie Dobbs erbost.

„Was da?“ sagte Miguel frech mit vorgestrecktem Kopf. „Die können wir so gut verkaufen wie du, die werden nicht schlechter dadurch, daß wir sie verkaufen.“

Die beiden andern lachten und packten noch einen zweiten Esel.

„Weg da von den Eseln, sage ich noch einmal!“ schrie Dobbs mit erhöhter Stimme. Er sprang einen Schritt zurück und zog den Revolver.

„Mit deinem Eisen da kannst du uns nicht erschrecken,“ höhnte einer, „uns nicht. Du kannst nur einen schießen, und dem ist es ohnehin gleichgültig.“

„Zurück und die Esel los!“ schrie Dobbs.

Dann schoß er auf den nächsten. Es war Miguel. Aber der Revolver klickte nur kalt und hart. Dreimal, fünfmal, siebenmal klickte der Revolver. Kein Schuß krachte. Dobbs starrte, und die Männer starrten. Sie vergaßen vor Erstaunen zu lachen oder zu höhnen.

Aber einer bückte sich und ergriff einen schweren Stein.

Eine Sekunde nur folgte, eine kurze Sekunde. In dieser Sekunde jedoch kamen die Gedanken so schnell auf Dobbs ein, daß er, selbst in dieser kurzen Sekunde, wo es sich um sein Leben entschied, noch denken mußte, wie es nur möglich sei, daß man in einer Sekunde so viel denken könne. Sein erster Gedanke war, wie es geschehen konnte, daß der Revolver versagte. Aber da kam eine ganz lange Geschichte in sein Bewußtsein. In jener Nacht, wo er Curtin erschoß, hatte er sich an den schlafenden Curtin geschlichen, dessen geladenen Revolver gezogen und ihn später mit diesem Revolver niedergeschossen. Curtin hatte beide Revolver in den Taschen gehabt, seinen eignen und den des Dobbs. Da beide Revolver gezeichnet waren und Howard die Revolver hätte nennen können, warf Dobbs den Revolver Curtins, mit dem er die Schüsse getan hatte, zu dem Leichnam, als er ihn das zweite Mal aufsuchte und ihm den zweiten Schuß gab. Den eignen Revolver aber steckte er zu sich. So gewann es den Anschein, falls Curtin gefunden wurde, als sei er angegriffen worden und habe sich verteidigt. Der Revolver des Dobbs hatte ein andres Kaliber, aus seinem Revolver konnten die Schüsse nicht gefeuert worden sein. Dobbs hatte nur eins vergessen. Als er seinen eignen Revolver wieder an sich nahm, vergaß er, ihn zu laden. Er hatte es vergessen, daß in jener Nacht, als Curtin ihm den Revolver abnahm, Curtin den Revolver entladen hatte. Unter allen andern Gedanken, die ihn während der letzten Tage so viel beschäftigten, hatte er nicht einmal daran gedacht, daß der Revolver noch immer ungeladen sei.

Immer noch in derselben Sekunde dachte jetzt Dobbs an eine andre Waffe. Er stand dicht bei einem der Esel, an dessen Packen ein Machete gebunden war. Er griff zu, um den Machete zu ziehen und sich damit zu verteidigen. Das wäre ihm auch gelungen. Er hätte, den Machete in der Hand, vielleicht Zeit gefunden, den Revolver zu laden, denn er hatte einige Patronen lose in der Hemdtasche.

Aber da war die Sekunde zu Ende, und der Stein sauste an seinen Kopf. Er sah ihn kommen, konnte aber den Kopf nicht rasch genug abwenden, weil er seine letzten Gedanken ganz auf den Machete gerichtet hatte.

Der Stein streckte ihn nieder, mehr durch die Wucht und den Anprall als durch die Verletzung.

Ehe er jedoch Zeit gewann, wieder aufzuspringen, war Miguel schon am Machete, auf das er durch die Bewegung des Dobbs erst aufmerksam geworden war. Mit einem gewandten Griff zog er den Machete aus der langen Lederscheide, sprang zu dem liegenden Dobbs, und mit einem kräftigen, kurz und sicher ausgeholten Hieb schlug er Dobbs den Kopf glatt vom Nacken.

Nicht so sehr erschreckt als vielmehr verblüfft über diese rasche Tat starrten alle drei auf den Leichnam. Die Augen des Kopfes, der nur um die Breite des Machete vom Rumpfe entfernt lag, zuckten nervös und blieben dann im scharfen Ruck zu dreiviertel geschlossen stehen. Beide Hände spreizten sich lang aus und krampften sich fest zusammen. Das taten sie mehrere Male. Dann, nachdem sie das letztemal die Nägel in die eignen Handflächen gepreßt hatten, lösten sie sich sanft und starben, halb geöffnet.

„Das hast du getan, Miguel“, sagte einer der beiden andern halblaut und kam näher.

„Halt dein Maul“, rief Miguel wütend und drehte sich so rasch nach dem Sprecher um, als wolle er ihn auch erschlagen. „Das weiß ich selber, wer ihm eins draufgewichst hat, du Hänfling. Wenn es herauskommt, werdet ihr beide genau so gut erschossen wie ich. Das wißt ihr doch, oder soll ich es den Gendarmen erzählen. Bei mir macht es sowieso keinen Unterschied aus und ich bin eure Pflegemutter nicht.“

Er betrachtete den Machete. Es war nur ganz wenig Blut daran. Er rieb ihn ab an dem Baume und dann schob er ihn wieder in die Scheide.

22

Die Esel, die sich ja im allgemeinen nicht so in die Angelegenheiten der Menschen zu mischen pflegen, wie die Hunde es so gern tun, waren lässig abmarschiert. Da sie viel klüger sind, als Menschen, die nie etwas mit Eseln zu tun haben, gemeinhin glauben, so marschierten sie auf dem richtigen Wege immer auf Durango zu.

Die Männer hatten in ihrer Erregung die Esel ganz vergessen. Sie nahmen dem Leichnam die Hosen und die Stiefel ab und zogen die Sachen gleich an. Viel Wert hatten weder die Hosen noch die Stiefel; denn sie hatten die letzten zehn Monate mehr getan, als man von solchen Dingen erwartet. Dennoch waren sie, verglichen mit den Fetzen, die jene Männer trugen, wahre Prachtstücke.

Das Hemd aber wollte niemand haben und niemand wollte es anziehen, obgleich alle drei an Stelle der Hemden etwas trugen, von dem man schwer hätte sagen können, welches die kompaktere Masse war, die Löcher oder die darumhängenden Fetzen.

„Warum willst du denn das Hemd nicht nehmen und anziehen, Ignacio?“ fragte Miguel, während er mit dem Fuße gegen den Leichnam stieß, der jetzt nichts weiter anhatte als das mürbe getragene Khakihemd.

„Ist nicht viel wert“, erwiderte Ignacio.

„Du hast Grund, so etwas zu sagen, du Hund, du dreckiger“, sagte Miguel darauf. „Gegen das deine betrachtet ist es besser als neu.“

„Ich mag es nicht“, meinte nun Ignacio und wandte sich ab. „Es ist zu nahe am Halse. Warum nimmst du es denn nicht?“

„Ich?“ fragte Miguel und zog wütend die Stirne hoch, „ich ziehe nicht das Hemd an, das so ein Hund von einem Gringo warm am Leibe gehabt hat.“

Die Wahrheit aber war, daß das Hemd auch für Miguel zu nahe am Halse des Leichnams war. Es hatte zwar keine Blutflecken, aber trotzdem wollte es keiner anziehen. Sie hatten das Vorgefühl, daß sie sich in dem Hemde nicht wohlfühlen könnten. Sie vermochten das Gefühl nicht zu erklären und gaben sich alle damit zufrieden, daß das Hemd eben zu nahe am Halse sei, und daß es darum als Wertgegenstand nicht mehr in Betracht kommen könne.

„Der Schurke wird ja wohl in seinem Packen noch ein paar andre Hemden haben“, sagte Ignacio.

Miguel fuhr ihn sofort an. „Da wartest du erst einmal, bis ich nachgesehen habe, und was dann übrigbleibt, da können wir darüber sprechen.“

„Bist du hier vielleicht der Hauptmann?“ schrie nun der dritte, der die letzten Minuten scheinbar uninteressiert, gegen einen Baum gelehnt dagestanden hatte. Er hatte guten Grund, uninteressiert zu scheinen, denn er hatte sich die Hosen angeeignet, während Miguel die Stiefel genommen hatte. Nur Ignacio war leer bei dieser Teilung ausgegangen, weil er das Hemd nicht gemocht hatte.

„Hauptmann?“ brüllte Miguel erbost. „Hauptmann oder kein Hauptmann, was hast du denn bis jetzt getan?“

„Habe ich ihm denn nicht den Stein an den Schädel gefeuert?“ prahlte der dritte. „Du hättest dich ja sonst nicht an ihn gewagt, du Cobarde.“

„Du mit deinem Stein,“ höhnte Miguel, „das war gerade wie ein Zahnstocher. Wer von euch beiden räudigen Katzen hätte sich denn herbeigemacht und ihm den Rest gegeben? Ihr Jammerfetzen, die ihr seid. Und damit ihr es wißt, gleich jetzt, den Machete kann ich auch noch ein zweites Mal gebrauchen und auch noch ein drittes Mal, für euch beide. Ich werde euch nicht um eure Erlaubnis fragen.“

Er wendete sich um und wollte zu den Packen gehen.

„Wo sind denn die Esel hin, verflucht noch mal?“ rief er erstaunt.

Erst jetzt kam es allen ins Bewußtsein, daß die Esel abmarschiert waren.

„Nun aber nach und die Biester eingeholt, sonst kommen sie in die Stadt, und wir haben gleich darauf die Schwärme von Gendarmen hier herumsausen“, rief Miguel.

Die Männer machten sich auf und rannten dem Zuge nach. Sie hatten gut zu laufen, denn die Esel, die hier kaum ein trockenes Hälmchen am Wege fanden, das sie aufgehalten hätte, waren munter vorangetrottet. Es dauerte mehr als eine Stunde, ehe die Männer mit den Tieren wieder zurück bei den Bäumen waren.

„Wir werden ihn besser einscharren,“ sagte Miguel, „sonst schwärmen die Geier herum, und jemand, der nichts Besseres zu tun weiß, könnte nachsehen kommen, was die Geier hier gefunden haben.“

„Ja, willst du denn vielleicht einen Zettel mit deinem Namen bei ihm zurücklassen?“ fragte Ignacio höhnisch. „Es kann uns doch gleichgültig sein, ob man das Aas findet oder nicht. Er wird es nicht mehr erzählen, wen er zuletzt getroffen hat.“

„Du bist aber schlau, mein Hühnchen“, sagte Miguel. „Wenn man den Hund findet und bei uns seine Esel, dann kannst du nichts mehr abstreiten. Aber wenn man bei uns die Esel findet und nirgends den Kadaver, da soll dir erst mal einer beweisen, daß du dem Gringo in die Hölle verholfen hast. Wir haben die Esel von dem Gringo gekauft. Aber wenn man das findet, was noch von ihm übrig ist, glaubt dir niemand, daß du die Esel gekauft hast. Also los an die Arbeit.“

Und mit demselben Spaten, mit dem Dobbs den Curtin einzugraben gedacht hatte, wurde er nun selbst eingescharrt. Es ging sehr rasch. Die Männer machten sich nicht viel Mühe. Sie taten gerade das Allernotwendigste und überließen die Arbeit den Ameisen und den Würmern.