Part 15
„Ich gehe rüber, allein,“ schlug Howard vor, „ihr bleibt hier bei den Eseln. Ich will hören, was die wollen.“
Howard ging hinüber. Als er vor den Männern stand, sagte er: „Guten Tag, womit können wir dienen?“
„Kommen Sie von den Bergen runter?“ fragte einer der Beamten.
„Ja, wir haben gejagt.“
„Sind Sie alle geimpft?“ fragte der Mann nun.
„Ob wir was? Ob wir geimpft sind?“ Howard sprach es mit leichten Worten, denn er hatte sofort erkannt, was die Männer hier wollten.
„Freilich, wir sind alle geimpft. Schon als ganz kleine Kinder. Das ist bei uns gesetzlich. Ich bin sicher schon zehnmal geimpft worden in meinem Leben.“
„Wann das letztemal?“
„Vor zwei Jahren.“
„Haben Sie das Certificado bei sich?“
Howard lachte: „Das trage ich doch nicht immer in der Tasche.“
„Natürlich nicht“, sagte nun der Mann. „Aber dann muß ich Sie jetzt hier impfen. Wir sind die Impfkommission, und wir müssen jeden impfen, den wir hier in den Dörfern treffen.“
Der Mann mit der Brille ging in die Hütte und kam mit seinem Kasten hervor. Er öffnete ihn, Howard entblößte den Oberarm, und der Mann kratzte ihm mit der Nadel ins Fleisch. „Mit Ihnen haben wir es leichter als mit den Leuten hier“, sagte er lachend. „Hier die Leute müssen wir auflauern, die rennen in die Berge und in das Dickicht, weil sie glauben, wir wollen ihnen den Kopf abschneiden.“
„Ja,“ meinte einer der Polizeimänner, während er ein Buch herausnahm, „hier die gesamte Einwohnerschaft zu impfen, kostet uns mehr Mühe, als wenn wir eine Horde Banditen einfangen sollen. Aber die Seuche nimmt überhand, wenn wir nicht alles hier zum Impfen herankriegen. Die Kinder, das ist das Schlimmste. Die Frauen machen ein Geschrei, als ob wir die Kinder ermorden wollten, und kämpfen wie Wahnsinnige mit uns, wenn wir die Nadel ansetzen wollen. Da, sehen Sie mein Gesicht, ganz zerkratzt von den Weibern, und hier mein Kollege hat eine schwere Beule am Kopfe, wo ihn die Weiber mit einem Stein getroffen haben. Wir sind schon vier Tage hier. Alle haben sich verkrochen, und wir müssen sie aushungern, bis sie wieder hereinkommen. Nach und nach kommen sie ja, weil sie gesehen haben, daß die Kinder, die wir schon geimpft haben, noch immer am Leben sind. Aber wie sollen wir es ihnen denn klarmachen, daß wir nur zum Besten der Leute und ihrer Kinder hier arbeiten.“
Während der Zeit hatte er in dem Buche herumgeblättert und kam zu den leeren Blättern.
„Schreiben Sie hier auf beide Seiten Ihren Namen hin“, sagte der Beamte.
Howard schrieb und gab das Buch zurück.
„Ihr Alter?“
Der Beamte schrieb es ein, unterschrieb das Blatt, riß die eine Hälfte des Blattes an der perforierten Linie aus und gab sie Howard.
„Hier haben Sie Ihr Certificado, diesen andern Abschnitt behalten wir in unserm Buch. Schicken Sie Ihre beiden Kameraden auch herüber. Es wird ihnen nichts schaden, auch wenn sie schon zehnmal geimpft sind.“
„Was habe ich denn nun zu bezahlen?“ fragte der Alte. „Wir sind sehr knapp mit Geld.“
„Da haben Sie nichts zu bezahlen. Das kostet nichts. Bezahlt die Regierung.“
„Das wäre ja dann recht billig“, sagte Howard lachend und schob den Ärmel herunter.
„Wir wissen ja,“ sagte nun einer der andern Beamten, „daß Sie alle geimpft sind, oder wir nehmen es wenigstens an. Aber wir tun es hier mit Vorliebe, daß wir Sie impfen. Wir sind recht dankbar, daß Sie gerade hier zur rechten Zeit vorbeikommen. Die Einwohner hier, die sehen von ihren Verstecken aus ja jede Bewegung, die wir machen. Darum haben wir uns auch gerade diese Hütte ausgesucht, die steht am freiesten. Wenn die Leute nun sehen, daß wir keinen Unterschied machen zwischen Indianern und Weißen, und daß Sie hier Ihren Arm hinhalten, als ob Sie das jeden Tag täten, so bekommen die Leute Vertrauen und sehen, daß es nicht das Leben kostet.“
Howard ging hinüber und schickte Dobbs und Curtin zum Impfen.
„Ich wüßte nicht, was ich lieber täte,“ sagte Curtin lachend, „jeden Augenblick dachte ich, sie werden kommen und dumme Fragen machen.“
„Wenn es dir Vergnügen macht,“ sagte Howard, „dann kannst du denen erzählen, was du in den letzten Monaten getan hast. Die haben kein Interesse für deine Familienangelegenheiten. Die sind die Impfkommission, und alles, was nicht mit Impfen zu tun hat, läßt sie kalt. Die impfen einen verfolgten Banditen, der gerade vorüberkommt, und lassen ihn laufen. Es gehört nicht zu ihrem Geschäft, Banditen einzufangen.“
„Na, na,“ unterbrach Dobbs, „besser, du hältst das Maul, wir lassen uns impfen, und dann sofort weiter.“
„Habe ich denn gesagt, daß wir uns hier niederlassen sollen?“
„Aber du redest gerade so, als ob wir denen um den Hals fallen sollten“, sagte Dobbs und trottete hinüber zu der Hütte.
Howard schüttelte den Kopf mit einer bedauernden Gebärde und wandte sich an Curtin: „Dieser Dobbs ist ohne Humor, was ich immer sage. Ich falle doch lieber einer Impfkommission um den Hals als einer Polizeitruppe, die Minen kontrollieren geht, in die Hände. Nun laufe nur rüber, Curtin, und lasse dir dein Papier geben, daß wir weiterkommen.“
Am Abend lagerten sie in der Nähe des Örtchens Amapuli. Sie hatten dort bleiben müssen, weil man ihnen gesagt hatte, daß sie bis zur nächsten Wasserstelle vor Einbruch der Nacht nicht kommen könnten.
Während sie noch ihr Abendessen bereiteten, kamen vier Indianer des Dorfes zu ihrem Lager. Sie grüßten und fragten sehr höflich, ob sie sich niedersetzen dürften.
„Como no?“ sagte Howard. „Warum nicht, Sie stören uns in keiner Weise.“
Die vier Indianer saßen eine Weile und sahen zu, wie die Fremden ihr Fleisch rösteten und ihren Reis kochten.
„Sie kommen gewiß von weit her,“ sagte endlich einer der Indianer, „und Sie wollen gewiß noch weit reisen? Sie sind wohl sicher sehr kluge Männer.“
Curtin sagte: „Wir können Bücher lesen, und wir können Briefe schreiben, und wir können mit Zahlen rechnen.“
„Mit Zahlen?“ fragte einer. „Zahlen? Das kennen wir nicht.“
„Zehn ist eine Zahl,“ erklärte Curtin, „und fünf ist eine Zahl.“
„Oh,“ meinte nun einer der Besucher, „das ist nur halb. Zehn ist nichts, und fünf ist nichts. Sie meinen zehn Finger oder fünf Bohnen oder drei Hühner, nicht wahr?“
„So ist es“, mischte sich Howard ein.
Die Indianer lachten, weil sie es verstanden hatten, und einer sagte: „Zehn kann man nicht sagen. Man muß immer sagen, was zehn? Zehn Vögel oder zehn Bäume oder zehn Männer. Wenn man zehn oder drei oder fünf sagt, ohne daß man auch sagt, was man meint, so ist das ein Loch, und das ist leer.“
Dann lachten sie wieder. Nach einem längeren Schweigen sagte dann einer: „Mein Sohn ist ins Wasser gefallen. Wir haben ihn gleich wieder gefischt. Aber ich glaube nicht, daß er tot ist. Er wacht aber nicht auf. Sie haben gewiß Bücher gelesen und wissen, was man tun kann.“
Howard fragte: „Wann ist Ihr Sohn ins Wasser gefallen? Gestern?“
„Nein, heute nachmittag. Aber er wacht nicht auf.“
„Ich werde mit Ihnen gehen und mir Ihren Sohn ansehen“, sagte Howard. „Ich werde sehen, ob er tot ist.“
Die Männer standen auf, und Howard ging mit ihnen. Sie kamen in ein Haus, das aus getrockneten Lehmziegeln gebaut war. Auf einem Tische lag eine Matte, und auf der Matte lag der Verunglückte.
Howard sah ihn sehr sorgfältig an, hob die Augendeckel, legte sein Ohr auf die Brust, fühlte die Hände und Füße ab und sagte: „Ich will einmal versuchen, ob er zu sich kommt.“
Er machte eine Viertelstunde lang Atembewegungen, dann ließ er dem Jungen heiße Umschläge auf den Leib legen, rieb die Füße und Hände, und als er sein Ohr wieder auf die Brust legte, fand er, daß das Herz zu schlagen begann. Nach einer Stunde begann der Junge selbst zu atmen, und wenige Minuten darauf öffnete er die Augen.
Die Männer und Frauen, die in der Hütte standen, hatten der Tätigkeit des Fremden zugesehen, ohne einen Laut zu äußern. Die beiden Frauen, die sich mit dem Erwärmen der Umschläge befaßten, verständigten sich nur durch Gesten oder durch ein leise geflüstertes Wort. Selbst jetzt, als der Junge völlig erwacht war, trauten sich die Leute nicht zu sprechen.
Howard nahm seinen Hut, setzte ihn auf und ging zur Tür. Niemand hielt ihn zurück, und niemand sagte etwas. Nur der Vater kam ihm nach, gab ihm die Hand und sagte: „Vielen Dank, Senjor.“ Dann ging er wieder zurück in sein Haus.
Es war nun finster geworden, und Howard hatte Mühe, das Lager zu finden. Aber der Lichtschein des Feuers zeigte ihm endlich den Weg.
„Was hast du denn ausgerichtet?“ fragte Dobbs.
„Kleinigkeit“, sagte Howard. „Künstliche Atmung, und da kam er schon. Hatte nur gerade einen Schock. Wäre sicher nach ein paar Stunden selbst hochgekommen ohne Hilfe. Hat gerade ein Maulvoll Wasser abbekommen. Habt ihr mir noch etwas übriggelassen vom Fleisch?“
Vor Sonnenaufgang waren sie schon wieder auf dem Marsche. Sie wollten recht bald Tomini erreichen und versuchen, dort das Hochgebirge zu kreuzen.
Als sie ihre Mittagsrast beendet hatten, die Esel aufgepackt waren und sie eben begannen, die Tiere auf den Weg zu bringen, sagte Curtin: „Was ist denn da los? Sieht ja aus, als ob wir jemand auf den Hacken haben.“
„Wo?“ fragte Dobbs. „Ja, jetzt sehe ich. Indianer auf Pferden. Die brauchen doch aber nicht gerade auf unsern Hacken zu sein. Können doch ebensogut auf einem Spazierritt sein oder zu Markt reiten.“
Es dauerte nicht lange, und die Reiter waren herangekommen. Sie erkannten die vier Indianer, die ihnen gestern abend den Besuch abgestattet hatten, und außerdem waren da noch zwei Männer, die Howard in dem Hause gesehen hatte.
Die Männer grüßten, und dann sagte der eine: „Aber, Senjores, warum sind Sie uns denn fortgelaufen?“
Howard lachte und sagte: „Wir sind nicht fortgelaufen, aber wir müssen weiterreisen, wir müssen zur Stadt. Wir haben dort wichtige Geschäfte, die eilig sind.“
„Oh,“ sagte der Indianer, dessen Sohn in Lebensnöten gewesen war, „Geschäfte können warten. Geschäfte sind nicht eilig. Es gibt noch mehr Tage, nicht nur heute und nicht nur morgen und nicht nur übermorgen. Aber ich muß Sie doch erst einladen. Ich kann Sie doch nicht fortlassen. Sie haben meinem Sohn das Leben wieder zurückgegeben. Dafür müssen Sie mein Gast sein. Zwei Wochen. Ach, das ist zu wenig. Sie müssen sechs Wochen lang mein Gast sein. Ich habe Land. Ich habe viel Mais. Ich habe Kühe. Ich habe viele Ziegen. Ich gebe Ihnen jeden Tag einen guten Truthahn zu essen und Eier und Milch. Meine Frau wird Ihnen jeden Tag Tamales machen.“
„Wir danken Ihnen von ganzem Herzen,“ sagte Howard, „aber wenn wir nicht rechtzeitig in der Stadt sind, verlieren wir unser Geschäft.“
„Geschäfte laufen nicht davon“, sagte nun ein andrer der Indianer. „Geschäfte sind zäh wie das Fleisch einer alten Ziege. Geschäfte machen Sorgen. Warum wollen Sie sich Sorgen machen, wenn Sie es so gut bei uns haben sollen. Sie werden keine Sorgen haben, und wir haben auch Musik und Tanz.“
„Nein, wir müssen gehen, wir müssen ganz bestimmt zur Stadt“, sagte Dobbs, und er wurde ein wenig ärgerlich.
„Wir haben Ihr Geschenk angenommen,“ sagte nun der Vater, „und Sie müssen auch unser Geschenk annehmen.“
Als die Indianer sahen, daß es schwieriger war, die Fremden zu Gast zu bitten, als sie sich gedacht hatten, sagte einer: „Die beiden jüngeren Männer mögen ruhig gehen, aber du,“ und er wendete sich Howard zu, „du darfst nicht gehen. Der Sohn meines Bruders würde sicher sterben, wenn wir dich nicht zu Gaste bitten. Wir müssen deine Medizin bezahlen, weil du so gut warst zu dem Jungen.“
So verärgert die drei Reisenden auch waren, so sehr sie sich wehrten, sie konnten nicht entkommen. Sie waren umringt von den sechs Männern und waren in deren Gewalt.
Endlich kam Dobbs auf einen Gedanken. Er sagte zu Howard: „Die Dummheit, die wir gestern getan haben, läßt sich nicht rückgängig machen. Die sind zufrieden, wenn du bleibst. Sie wollen nur dich hierbehalten. Wir gehen weiter, und du kannst später nachkommen. Das ist der einzige Ausweg.“
„Du hast gut reden“, sagte Howard. „Aber was wird aus meinen Packen?“
„Die behältst du bei dir“, sagte Curtin.
Dobbs widersprach und sagte: „Würde ich nicht raten. Die stöbern das durch und nehmen es dir weg, oder sie reden herum, und es kommt heraus, und wenn die dich nicht erschlagen, dann hören Banditen davon und lauern dir auf.“
„Was soll ich denn nun tun?“ fragte Howard.
„Wir nehmen dein Gut mit und liefern es bei der Bank auf deinen Namen ein. Oder traust du uns etwa nicht?“ Das sagte Dobbs.
„Trauen? Warum nicht trauen?“ Howard lachte und sah von einem zum andern. „Wir haben ja beinahe ein ganzes Jahr zusammen gelebt und zusammen gearbeitet. Da war doch immer etwas zu trauen. Oder etwa nicht?“
Und da ihnen nichts weiter übrigblieb, mußten sie zu einer Entscheidung kommen, mit der auch die Indianer zufrieden waren. Denen war es nur darum zu tun, Howard ihre Dankbarkeit zu erweisen. So schien es der beste Ausweg zu sein, daß Howard den beiden Arbeitsgenossen sein Gut übergab. Beide übernahmen die Verantwortung für die Ablieferung, und beide gaben ihm einen Zettel, auf dem sie das Gut quittierten, soundso viele Säckchen, jedes ungefähr das gleiche Gewicht von soundso vielen Gramm ausgewaschenen Sandes.
„Und wo liefert ihr es ab?“ fragte Howard.
„Wir geben es in ein Safe der Banking Company in Tampico, auf deinen Namen“, sagte Curtin.
„Gut denn“, sagte Howard, und sie schieden voneinander.
„Ist ja nur ein paar Wochen, Alter“, sagte Curtin. „Ich warte auf alle Fälle auf dich in Tampico. Triffst mich im Southern oder im Imperial. Ich würde mit dir hierbleiben, aber das ist ja solche Zeitvergeudung, und du weißt doch, ich habe jemand auf mich warten.“
Howard bekam eines der Pferde, während der Indianer, der sein Pferd hergegeben hatte, zu einem andern Manne mit aufs Pferd stieg. Dann zogen sie lachend und zufrieden in ihr Dorf, Howard im Triumph in ihrer Mitte führend.
18
Durch den Aufenthalt und durch die langen Unterhandlungen, bei denen die Indianer keine Eile zeigten, wohl aber Zähigkeit, ihren Willen durchzusetzen, war ein halber Tag verlorengegangen. Es erweckte ganz und gar den Eindruck, als ob die Indianer auf die Begleitung der beiden Genossen Howards nicht allzu großen Wert legten. Hätte Howard gewünscht, daß die beiden in die Gastfreundschaft eingeschlossen sein müßten, so hätten sie mitgehen müssen, und man würde ihnen dieselben Freundlichkeiten erwiesen haben wie Howard. Aber die Indianer schienen keinen Gefallen an den beiden zu finden. Vielleicht war es deren Blick, der ihnen nicht zusagte, und sie legen auf den Blick mehr Wert als auf das übrige Aussehen.
Dieser Aufenthalt war die Ursache, daß Curtin und Dobbs heute nicht einmal Cienega, ein winziges Indianerdorf, erreichten und so einen Tag mehr zu reisen hatten, ehe sie zu dem Paß im Hochgebirge kamen, wo sie den Übergang machen wollten.
Sie waren beide durch den Vorfall ärgerlich geworden und mißmutig. Kaum daß sie ein Wort miteinander sprachen, und wenn sie etwas zu sagen hatten, so sagten sie es knurrend. Sie waren wütend, daß sie die Fracht Howards zu transportieren hatten, daß sie seine Esel zu treiben hatten, daß sie sein Gut abladen und aufladen mußten, und daß er fehlte und seinen Teil an der Arbeit nicht verrichtete. Und es waren gerade die Esel des Howard, die auszubrechen liebten, es waren gerade seine Packen, die nicht gut aufgeschnürt waren und während des Transports sich von den Tragsätteln lösten. Sie luden fluchend auf. Und während sie das taten, begannen die übrigen Esel zu streuen, und mußten eingeholt werden. Solche Dinge kamen nicht vor, wenn da drei Mann waren. Auf Howard konnten sie nur aus der Ferne fluchen und schimpfen. Sie sahen bald ein, wie lächerlich das war; denn Howard konnte es nicht hören, und da war es törichte Kraftverschwendung, auf ihn loszuwettern. Sie fluchten dann auf die Esel. Aber die antworteten nicht und nahmen es nicht ernst. Sie trotteten ihren Weg, zupften da ein Hälmchen aus und rissen dort ein Zweiglein von einem Strauch, wenn immer sie eine Sekunde Zeit hatten, ihre Zunge zu bewegen und das nächste Tier im Zuge nicht so unhöflich drängte.
Schließlich blieb den beiden Burschen nichts andres übrig, als sich gegenseitig anzuknurren, sich alberne Vorwürfe zu machen, sich für ferne und weit zurückliegende Dinge die Schuld zuzuschieben, nur um Antworten zu hören und sich an den Antworten immer mehr zu erhitzen. Es sind immer die Antworten, die einen Streit machen. Denn welcher von beiden hätte die philosophische Ruhe gehabt, auf Vorwürfe, Anschuldigungen und lächerliche Behauptungen nicht zu antworten? Curtin hatte die Spitze des Zuges und Dobbs den Schwanz. Und über die Esel hinweg, die geduldig und langmütig zwischen den beiden trollten, warfen sie sich ihre lieblichen und wohlgemeinten Reden zu. Die Esel drehten ihre Ohren bald nach vorn, um einen strahlenden Fluch Curtins auszukosten, und bald drehten sie ihre Ohren nach hinten, um zu hören, in welch kräftiger Form Dobbs die Schmährede Curtins aufnehmen und beantworten werde. Dann kamen die Esel, die nebeneinander gingen, mit ihren Nasen zusammen, schnüffelten sich an, flüsterten etwas und grinsten mit breiten Mäulern. War der Pfad zu schmal, so daß sie nicht nebeneinander aufkommen konnten, so schnüffelte der eine Esel an den Hinterbacken des vor ihm marschierenden. Der drehte sich dann um, nickte und grinste und gab unzweideutig zu erkennen, daß er es verstanden und sich seine Meinung gebildet habe. Sie gaben dann ihre Meinungen unter sich weiter, immer durch Schnüffeln und Umdrehen, Nicken und Grinsen und Wackeln und Drehen der armlangen Ohren. Hätten sich Dobbs und Curtin nur einen Augenblick Zeit genommen und einmal darauf geachtet, was und wie die Esel über die Angelegenheit dachten, so würden sie sicher einen Begriff von wahrer Weltweisheit bekommen haben. Aber wer wird sich denn so weit herablassen, daß er den Esel als Lehrmeister duldet?
„Ich mache Stopp hier“, sagte Dobbs plötzlich. „Ich bin doch kein Vieh, daß ich den ganzen Tag so drauflosrenne.“
„Es ist ja erst drei Uhr, Mensch“, erwiderte Curtin.
Dobbs schrie wütend über die Esel hinweg: „Ich habe dir doch nicht geheißen, hier Lager zu machen. Meinetwegen kannst du losbürsten bis morgen früh.“
„Geheißen? Du?“ blökte Curtin zurück. „Du hast mir gar nichts zu heißen. Du bist doch nicht der Boß.“
„Du vielleicht? Sag’s nur. Ich warte nur darauf, das von dir zu hören.“ Dobbs wurde rot im Gesicht.
„Gut,“ sagte Curtin etwas ruhiger, aber doch noch verärgert, „wenn du nicht mehr weiter kannst –“
„Kannst? Kannst?“ schrie Dobbs. „Mit dir kann ich noch um die Wette.“
„Ja, ja, das ist gut. Also wenn du nicht mehr willst, dann können wir abladen und Lager machen. Meinetwegen, mir auch recht.“
„Hier ist doch Wasser,“ sagte Dobbs, ebenfalls ruhiger werdend, „wer weiß, ob wir am Abend Wasser finden.“
Essen stimmt immer versöhnlich, wenn während des Essens nicht über die Kostenfrage geredet wird.
Auch hier stimmte das Essen versöhnlich, obgleich es kein Festessen war. Und auch hier wurde ein Trinkspruch ausgebracht. Auch hier auf den andern.
Dobbs war der Redner des Abends. Er sagte: „Was wird denn der alte Bursche machen?“ Und dabei dachte er nicht an ihn, sondern an sich selbst, an seine eigenen Interessen. Freilich, zuerst war ja sein Gedanke wohl in der Tat bei Howard. Aber noch ehe er den Satz beendete, wurde ihm klar, daß etwas andres ihm näher lag als Howard. Er sah hinüber zu den Packen, und sein Blick haftete eine Weile an den Packen Howards.
Curtin sah ebenfalls hinüber zu den Packen. Aber er deutete den Blick des Festredners unrichtig. Denn er sagte: „Oh, ich denke, wir kriegen die ganze Schiffsladung fein und sauber ins Häuschen. Wir sind jetzt weit genug fort vom Berg. Das ist nun ganz unverdächtig. In zwei Tagen, wenn wir einen guten Blick haschen von der Höhe, können wir schon die Eisenbahn rauchen sehen.“
Dobbs sagte nichts darauf. Er stierte ins Feuer, dann sah er hinüber, wo sich die dunklen Schatten der grasenden Esel bewegten, und weil er nicht wieder ins Feuer starren und nicht wieder die Esel beobachten wollte, so fiel sein Blick abermals auf die Packen und blieb an den Packen Howards hängen.
Plötzlich stieß er Curtin mit der Faust an und lachte laut auf. Sein Lachen wurde glucksend und schluckend und holpernd.
Curtin sah ihn erstaunt und verwirrt an, wurde von dem Lachen etwas angesteckt, lächelte und sah sich um, als wolle er nach der Ursache suchen, warum Dobbs vergnügt und lachlustig war.
Endlich fragte er mit lachendem Munde: „Mensch, worüber lachst du denn eigentlich so sehr?“
„Ach Söhnchen, ach Söhnchen“, sagte Dobbs, herausplatzend mit Lachen, „Söhnchen, das ist ja so sehr komisch, so unsagbar komisch.“
„Was ist komisch?“
„Denke dir doch nur, dieser Esel von einem Mann gibt uns seine ganze Bronze. Hier draußen in der Wildnis. Und wir können damit so leicht abziehen. Kein Windhauch bleibt mehr übrig von uns. Wo will er uns denn suchen, dieser alte Knochen?“
Curtin hatte aufgehört zu lächeln. „Ich verstehe dich nicht, Dobbs“, sagte er. „Wovon redest du denn?“
Dobbs lachte und stieß Curtin wieder mit der Faust an: „Verstehst nicht? Du Bähschaf, wo bist du denn groß geworden?“
„By Jolly, ich verstehe dich nicht.“ Curtin schüttelte den Kopf.
„Was ist da zu verstehen? Sei doch nicht so hartleibig. Wir ziehen ab.“
Curtin zeigte keine Miene, daß er verstände, was man von ihm wolle.
„Wir ziehen ab“, erläuterte Dobbs. „Verladen alles sauber und teilen auf, und jeder geht seiner Wege.“
„Ich fange nun an zu begreifen.“ Curtin nickte.
„Es hat lange gedauert“, sagte Dobbs und klopfte ihm auf die Schulter.
Curtin stand auf. Er trat ein paar Schritte herum, dann kam er wieder zum Feuer. Er setzte sich aber nicht, sondern blieb stehen und sah hoch in den Himmel. Dann sagte er kurz und hart: „Wenn du meinst, daß wir Howard leichtmachen sollen um seine Arbeit, wenn du meinst –?“
„Was denn sonst? Freilich meine ich das. Und ich meine es im Ernst!“
„Ja, also wenn du das meinst,“ setzte Curtin fort, als sei er gar nicht unterbrochen worden in seinem Satze, „da mache ich nicht mit. Ich bin nicht von dieser Partei.“
„Am Ende,“ sagte nun Dobbs, während er aufstand und sich ganz dicht vor den stehenden Curtin hinstellte, „am Ende brauche ich deine Erlaubnis dazu nicht. Wenn du das durchaus wissen willst. Dich frage ich nicht. Und wenn du nicht mitmachst, so ist das dein Schade. Dann nehme ich das ganze Süßholz allein, und du kannst dir die Rotznase wischen, wenn du einen Lappen hast. Verstehst du das?“
„Ja, das verstehe ich jetzt.“ Curtin schob die Hände in die Taschen und trat einen Schritt zurück, um Dobbs nicht so dicht auf dem Leibe zu haben.
„Und?“ fragte Dobbs hart. „Und was?“
„Solange ich hier bin, kriegst du nicht eine Linse von dem, was dem Alten gehört. Ich habe ihm den Zettel unterschrieben –“
„Habe ich doch auch, pfeife ich drauf. Er soll uns erst einmal finden. Dann erzähle ich ihm, Banditen haben es uns abgenommen. Klar wie ein Diamant.“
Curtin sprach unbeirrt weiter: „Ich habe den Zettel unterschrieben, und ich habe ihm mein Wort gegeben, daß ich es mit dir oder ohne dich richtig abliefern will. Es ist nicht allein wegen des Zettels und wegen meiner Unterschrift und wegen meines Versprechens. Man verspricht so viel im Leben, und man unterschreibt so viel im Leben, wenn man das alles halten sollte, hätte man keine Zeit mehr zum Leben. Das ist es nicht. Es ist etwas andres. Er hat es nicht gestohlen, er hat es nicht irgendwo aufgelesen, er hat es nicht in der Lotterie oder an der Börse oder an der Monte Bank gewonnen. Er hat es treu und schwer und ehrlich erarbeitet. Ich habe vor nichts Respekt. Aber etwas achte ich. Und das ist das, was jemand hart und treu mit seinen Händen erarbeitet hat.“
Dobbs machte eine wegwerfende Geste: „Laß doch die bolschewistischen Ideen woanders. Da kannst du deine Hühner damit füttern. Die kenne ich auswendig.“