Part 10
Der Offizier kommandiert sechs Mann, die sich aufstellen.
Die beiden Mestizen bleiben durchaus ruhig, sie sind nicht nervös, nicht ängstlich. Sie bekreuzigen sich, murmeln etwas, bekreuzigen sich wieder und stecken sich eine neue Zigarette an. Dann stellen sie sich nebeneinander auf, ohne einen Befehl abzuwarten.
Der Offizier ruft: ‚Fertig!‘
Die beiden Banditen rauchen noch ein paar Züge, dann werfen sie die Zigaretten fort.
Nachdem die Löcher zugeschaufelt sind, nehmen der Offizier und die Soldaten die Mützen ab, stehen eine Weile schweigend, setzen die Mützen wieder auf, verlassen den Friedhof, sitzen auf und reiten los.
Warum soll sich der Staat unnötig größere Ausgaben machen, wenn der Endzweck doch derselbe ist!
Ein andrer Trupp Kavallerie bemerkte in dem bergigen Gelände acht Männer einige Kilometer voraus auf Pferden reitend. Die Männer schienen die Soldaten gesehen zu haben, denn plötzlich fielen sie in Trab und verschwanden. Der Offizier folgte mit seinem Trupp, konnte aber nicht finden, wohin sich die Reiter gewandt haben mochten. Die Hufspuren auf dem sandigen Wege waren so zahlreich und gingen so weit auseinander, daß der Offizier keine Spur aufnehmen konnte. Er beschloß, den Spuren zu folgen, die am frischesten schienen.
Nach einigen Stunden kamen die Soldaten zu einer einsamen Hazienda. Die Soldaten ritten in den weiten Hof und saßen ab, um ein wenig zu rasten. Der Besitzer kam heraus, und der Offizier fragte ihn, ob er nicht eine Anzahl Reiter gesehen habe. Der Besitzer erklärte, niemand sei vorübergeritten, er müßte es sonst wissen. Darauf erklärte der Offizier, er müsse die Hazienda durchsuchen, worauf ihm der Besitzer antwortete, er möge tun, was ihm beliebe.
Der Besitzer ging in das Haus zurück, und als die Soldaten sich nun dem Hause näherten, wurde auf sie von mehreren Seiten aus geschossen. Ein Soldat war tot und vier verwundet, als sie das Hoftor beim Zurückgehen erreicht hatten.
Eine Hazienda ist wie ein großer Gutshof. Sie ist mit einer dicken hohen Mauer umgeben und steht wie eine kleine Festung im Gelände.
Die Soldaten hatten ihre Gefallenen mit hinausgeschleppt. Sobald sie draußen waren, wurde das Tor von innen geschlossen und über die Mauer auf die Soldaten weitergefeuert.
Und nun beginnt ein wackres Gefecht, das, wie beide Parteien genau wissen, nur mit der völligen Vernichtung des andern endet oder mit Mangel an Munition. Die Belagerten haben nichts zu verlieren, erschossen werden sie auf jeden Fall. Die Verteidigung ist die einzige Gelegenheit, die sie haben, um ihre Lage zu ändern.
Der Offizier läßt erst einmal alle Pferde so weit zurückbringen, daß sie nicht geschossen werden können. Die Banditen verschwenden keine Kugel auf die Pferde während des Rücktransports, so reichlich haben sie die Munition nicht.
Die Soldaten sind übel dran. Die Hazienda liegt in einem offnen Gelände von Äckern und Viehweiden. Aushungern können sie die Banditen nicht, auf Artillerie zu warten, würde der Offizier und würden auch seine Leute als eine Schande betrachten. Es muß also angegriffen werden.
Die Hazienda ist rechteckig, und von allen vier Seiten greift eine Abteilung an. Es geht sehr kriegsmäßig dabei zu. Die Soldaten machen kurze Sprünge, legen sich wieder auf den Boden, eröffnen das Feuer, um die andere Front einen Sprung näher machen zu lassen. Die Mauer können sie nicht nehmen; sie richten den Angriff auf die beiden Tore, das in Front und das an der Rückseite. Nach dreistündigem Kampfe lockt der Offizier die Belagerten zum Vordertor, während er das Rücktor, das nur von drei Mann verteidigt wird, erklettern und aufbrechen kann.
So leicht geben die Banditen den Kampf aber nicht auf. Es entwickelt sich im Hofe und dann vom Wohnhause aus eine kleine Schlacht. Am späten Nachmittag sind die Soldaten unbestrittene Besitzer der Hazienda. Sie haben vier Tote, zwei Schwerverwundete und neun mit leichten Schüssen. Im Hause und im Hofe finden sie nicht nur die acht, die sie vor sich reiten sahen, sondern noch einige andre Zugräuber.
Sieben sind tot, fünf verwundet, die gleich erschossen werden. Unter den Toten ist der Besitzer der Hazienda, von dem man nicht weiß, ob er selbst ein Bandit ist, oder ob er von den Banditen unter Androhung des Todes gezwungen wurde, ihre Anwesenheit abzuleugnen. Das Hofpersonal hat sich verkrochen und kommt jetzt hervor. Es hat nichts mit der Sache zu tun. Das ist sicher. Die Familie des Haziendabesitzers ist auf Besuch in der Hauptstadt. In den Kleidern der Männer finden die Soldaten Unmengen von Sachen, die aus dem Zugüberfall herstammen. So werden die Banditen nach und nach abgefangen. Einzeln und in Horden. Aber sie alle innerhalb einer kurzen Zeit zu fangen, hat seine Schwierigkeiten. Und je mehr Zeit vorübergeht, ehe man sie alle hat, um so seltener werden die letzten erwischt. Diese nicht Gefangenen schließen den Rest ihrer Tage sicher nicht in beschaulicher Ruhe ab.
Und ihr,“ beendete Lacaud seinen Bericht, „ihr glaubt ganz ernsthaft, daß ich etwas mit diesen Banditen zu tun haben könnte, die ein so grauenhaftes Verbrechen wie jenen Zugüberfall begangen haben?“
„Dann haben wir hier nichts zu lachen, wenn die heraufkommen“, sagte Howard. „Also diese Vertrauensfrage wäre auch geklärt.“
„Dann sind die Kerle da unten wahrscheinlich jene letzten, von denen du sprichst“, sagte Dobbs.
„Das glaube ich wohl. In dem Bericht war erwähnt, daß einer einen goldbronzierten Strohhut aufgehabt hätte, und daß man den für einen Hauptmacher hält, der sich am rohesten betragen hat.“
„Dann haben wir hier nichts zu lachen, wenn die heraufkommen“, sagte nun Curtin. „Aber ich sehe sie gar nicht mehr.“
„Die kannst du nicht sehen, die sind jetzt an der Schleife“, sagte Dobbs. „Wenn sie an der Schleife vorüber sind, dann kommt die Stelle, wo wir sehen können, ob sie heraufkommen, oder ob sie unten das Felsental entlang gehen.“
13
Sie saßen da auf dem Fels und starrten hinunter, um die Reiter aus der Schleife hervorkommen zu sehen.
„Wieviel hast du denn gezählt?“ fragte Howard.
„Zehn oder zwölf“, sagte Curtin.
„So viel können doch von den Banditen gar nicht mehr übrig sein nach deiner Erzählung“, sagte Howard nun zu Lacaud.
„Sicher nicht. Die haben den größten Teil abgefangen. Aber die vier oder fünf, die noch übrig sind, können sich ja mit andern getroffen und zu einer neuen Bande vereinigt haben, die etwas Neues planen.“
„Ich glaube, Bob hat recht. Und wenn das so ist, und die kommen herauf, dann geht es uns schlecht. Die brauchen Revolver und Munition.“
„Du kennst doch das Dorf und die Leute da unten“, wandte sich Howard an Curtin. „Vielleicht haben die Burschen da unten im Dorf nach Revolvern gesucht, und die Indianer haben in ihrer Angst gesagt, daß du hier oben seist und ein Gewehr hättest, weil du da auf der Jagd bist.“
„Verteufelt noch mal, du hast recht, Alter. So wird es sein. Dann kommen sie auf jeden Fall hier herauf, um sich das Gewehr zu holen.“
„Dann tun wir besser, keine Zeit weiter zu verlieren und gleich an Vorbereitungen zu denken“, sagte Dobbs. „Curtin, du magst hier sitzen bleiben, weil du scharf sehen kannst, und beobachten, ob sie kommen. Wir werden alles dicht machen.“
Sie fingen nun gleich die Esel ein, brachten sie in ein Dickicht an der andern Seite des Felsens und banden sie fest. Dann brachten sie ihre Waffen, zwei Eimer mit Wasser und die Pakete mit Biskuit in eine tiefe Erdrinne, die sich dicht an der Felswand befand. Diese Rinne war gut zur Verteidigung geeignet, denn sie konnten weder von hinten angegriffen noch umgangen werden und hatten den freien ausgerodeten Platz vor sich, wo sie jede Bewegung der Angreifer verfolgen und jeden Mann gut aufs Korn nehmen konnten.
„Wir hätten aber genügend Zeit,“ sagte Curtin während dieser Vorbereitungen, „auf den Fels zu klettern, dort in eine Spalte zu kriechen und abzuwarten, bis sie wieder fort sind.“
„Ach, du Rind,“ sagte Dobbs, „dann kommen sie doch an die Mine, und wir können nicht mehr heran, um unsern Teil, den wir dort versteckt haben, auszuheben.“
„Ich habe hier keine Mine gesehen“, sagte Lacaud.
„Freilich nicht“, erwiderte Dobbs. „Wir müssen dir ja nun doch wohl die offnen Handflächen zeigen. Natürlich haben wir hier eine Mine. Solange wir den Platz halten, kommen sie nicht dran. Aber wenn wir uns verkriechen, dann suchen sie nach Curtin und nach seinem Gewehr, und dann kommen sie natürlich auf die Mine, heute oder morgen. Das alles rauszubuddeln haben wir nicht Zeit genug, und wir können auch hier nicht mehr weg, wenn jemand an der Mine ist, können also unsre Sache nicht heimbringen. Wir müssen immer über den Platz hier und können ihnen auf dem Wege nicht ausweichen. Wir müssen schon auf den Knochen beißen. Auch wenn die gar nichts wissen, daß wir hier feine Sache haben, Gewicht, verstehst du, die ziehen uns aus, völlig, lassen uns nicht mal die Stiefel. Können wir dann hier verrecken.“
„Das ist so“, bestätigte Howard. „Wenn wir einen andern Ausweg hätten, ich würde es auch nicht auf Ernst ankommen lassen. Wir müssen, das ist alles.“
„Sie sind eingebogen. Sie kommen rauf“, schrie Curtin und sprang von der Felskante herunter. „Nun aber rasch und alles klar gemacht.“
„Was denkst du denn, wie lange es noch dauert, bis sie hier sein können?“ fragte Howard: „Du kennst doch den Weg am besten.“
„Das dauert jetzt genau fünfzig Minuten. Dann sind sie hier. Wenn sie ohne Pferde kommen und die Abschneider wüßten, dann könnten sie zehn Minuten früher hier sein.“
„Du bist sicher, ganz sicher, daß sie heraufkommen?“ fragte Dobbs.
„Nachdem sie hier eingebogen sind, können sie gar nicht anders gehen. Sie müssen rauf. Da geht kein Weg nach einer andern Seite ab.“
„Aber sie könnten doch vielleicht auch wieder umkehren?“
„Natürlich können sie das. Aber darauf warten wir besser nicht.“
„Wir werden das Zelt niederlegen“, riet Dobbs. „Dann sehen sie nicht gleich, daß hier mehr als eine Person sein kann. Sieht auch so aus, als ob wir wer weiß wie reich seien.“
Das Zelt wurde eingeholt und in die Rinne gebracht. Dann stachen sie Schußlöcher aus, damit sie mit dem Kopfe nicht hoch brauchten und doch alles übersehen konnten. Sie berieten noch einen Kriegsplan, und endlich schlug allen das Herz, denn sie hörten die Stimmen der Männer, die an der letzten Wegkrümmung waren.
Einige Minuten später traten die Männer aus dem Busch heraus und kamen an den Rand des offenen Platzes. Die Pferde hatten sie offenbar an der letzten Wegbiegung zurückgelassen, denn gerade das letzte Stück des Weges war für Pferde sehr schwer zu nehmen. Aber sie hatten vielleicht noch einen andern Grund, warum sie die Pferde hinter sich ließen. Sie waren sieben Mann, die übrigen drei waren sicher bei den Pferden oder standen an günstigen Stellen auf Beobachtung. Alle waren sie bewaffnet. Jeder hatte einen Revolver, einige hatten außerdem auch noch Gewehre. Alle hatten sie ihre großen Hüte auf und bunte Tücher um den Nacken gebunden, aber sonst waren sie sehr abgerissen. Zwei besaßen nur Sandalen, zwei waren barfuß, einer hatte an dem einen Bein eine Ledergamasche, das andre Bein war ohne Gamasche; und während das Bein mit der Gamasche einen gelben Schnürstiefel am Fuße hatte, trug der Mann am andern Fuße einen schwarzen Gummistiefel. Keiner hatte ein völlig ganzes Hemd an; dafür aber besaßen einige Lederjacken, und drei hatten lange, bis zum Knöchel reichende, enganliegende braune Lederhosen. Alle aber trugen einen oder gar mehrere Patronengürtel. Einige trugen Decken über die Schultern geworfen. Wahrscheinlich waren die Decken der andern sowie die Taschen mit den Lebensmitteln bei den Pferden.
Als sie den Platz, der an der hinteren Seite von dem steilen Fels und an den übrigen Seiten von dichtem, undurchdringlich erscheinendem Buschwerk und dornigem Gesträuch, untermischt mit Bäumen, eingezäunt war, betreten hatten, sahen sie sich neugierig um. Sie erweckten den Eindruck, als hätten sie etwas andres erwartet, als was sie nun sahen. Daß hier ein Lagerplatz war, der noch vor kurzer Zeit als Camp gedient hatte, mußten sie ja erkennen. Da lag noch das Holz herum, die Feuerstellen sahen noch frisch und unverweht aus, leere Konservenbüchsen, Scherben zerbrochenen Tongeschirrs, Papier- und Zeitungsfetzen lagen verstreut, und dann war noch da die lichte Stelle, wo das Zelt gestanden hatte, ganz scharf abgegrenzt. Der Platz war ein unregelmäßiges Viereck von etwa sechzig Schritt Seitenlänge, der dadurch immer größer geworden war, weil von den Seiten täglich das Holz fortgenommen wurde, das für das Feuer gebraucht wurde. Auch an den frisch abgeschlagenen Bäumen ließ sich erkennen, daß der Platz noch ganz kürzlich bewohnt gewesen sein mußte.
Die Männer standen in einer Gruppe und begannen zu rauchen. Einige hockten sich nieder, und die übrigen redeten. Der Mann mit dem goldbronzierten Strohhut schien der Führer zu sein, denn alle sahen sie auf ihn, wenn er etwas sagte.
Sie kamen einige Schritte näher in den Platz. Dort standen sie wieder und besprachen sich. Es war deutlich zu sehen, daß sie nicht wußten, was sie tun oder was sie unternehmen sollten. Einzelne schienen zu der Überzeugung zu kommen, daß der Gringo, der Amerikaner, ausgezogen war, und daß man zu spät komme. Das schien endlich auch der Führer, den sie Ramirez nannten, anzunehmen.
Das Gespräch wurde lauter, weil die Leute anfingen, sich weiter zu zerstreuen und sich in größerer Entfernung voneinander zu unterhalten. So konnten die Männer in der Erdrinne beinahe alles verstehen, was dort geplant war, und sich danach richten. Vielleicht zogen die Banditen nach einer längeren Rast wieder ab, und sie bekamen hier endgültig Ruhe.
Obgleich einzelne der Banditen bei ihrem Herumstreifen bis an die seitlichen Grenzen des Platzes kamen, so war doch kaum zu befürchten, daß sie so leicht den Weg zur Mine finden würden; denn Dobbs und Curtin hatten ihn in der letzten Stunde noch besonders gut verkleidet, und solange das eingesteckte Dornengestrüpp nicht dürr und welk wurde, war der Weg zur Mine durchaus sicher.
Endlich, nach langem Hin- und Herreden, schienen die Banditen zu einem Entschluß gekommen zu sein. Sie sprachen so laut und sie gestikulierten dabei so heftig, daß die Belagerten nun schnell lernten, was die Banditen zu tun gedachten. Sie hatten beschlossen, hier für einige Zeit ihr Hauptquartier aufzuschlagen, bis die Sache mit dem Zugraub etwas verblaßt war und die Soldaten in weiter abliegenden Distrikten auf der Verfolgung waren. Der Platz schien ihnen außerordentlich günstig zu sein. Etwas tiefer unten fanden sie Wasser, Gras für die Pferde würde auch wohl in der Nähe sein, und die Lebensmittel konnte man irgendwo von den Feldern unten im Tale stehlen, wenn man Wild nicht mehr essen könne. Weiter unten auf dem Wege hatten sie eine offene Stelle gefunden, von wo aus man die Wege im Tal beobachten könne, und wenn man die Soldaten wirklich kommen sähe, so könne man rechtzeitig noch entwischen, wenn man in der Zwischenzeit einen andern Rückweg ausfindig mache; denn herunter von diesem Platz müßten sie, wenn Soldaten auf den Weg kämen, weil man hier in einer Falle sitze.
In der kurzen Zeit hatten sie wirklich gut die Gegend beobachtet. Sie brauchten nur einen andern Rückweg zu finden, und das würde ihnen schon glücken, wenn nicht gerade von hier oben, dann weiter unten auf dem Wege, vielleicht in der Nähe der Quelle.
„Gerade hatte ich gedacht,“ sagte Howard leise zu Curtin, „daß wir doch rechte Esel gewesen seien, daß wir nicht zur Mine gekrochen sind. Aber jetzt sehe ich, daß dies das Dümmste gewesen wäre, was wir hätten tun können. Denn wenn die sich hier einnisten, würden sie uns an der Mine doch sehr bald aufspüren. Es ist schon das beste, was wir getan haben.“
„Was wir aber nun machen sollen, wenn die hier ihr Hauptquartier aufschlagen, das weiß ich wirklich nicht“, flüsterte Dobbs. „Daran hat keiner von uns gedacht. Ich wenigstens habe angenommen, daß sie kommen und wieder gehen.“
„Warten wir einmal eine Weile,“ sagte nun Lacaud, „vielleicht ändern sie ihren Plan wieder und gehen.“
„Ich schlage vor,“ riet Howard, „wir verteilen uns auf die Länge der Rinne. Wenn sie hier herumstreifen sollten, brauchen sie uns nicht alle auf einem Klumpen zu finden und uns abzuschießen wie die Kaninchen. Die glauben ja, daß nur einer hier oben ist, und wenn wir sie dann von mehreren Seiten packen, bringen wir sie vielleicht so in Verwirrung, daß sie losziehen.“
Howard und Lacaud nahmen nun die beiden fernen Ecken der Rinne. Jeder der beiden hatte eine gute Jagdbüchse. Curtin und Dobbs verteilten sich so in der Mitte der Rinne, daß beide nicht gleichzeitig von einer Person gesehen werden konnten, die etwa in der Nähe der Rinne herumstreifen sollte.
Die Banditen hockten im Haufen auf dem Platze, nicht weit von dem schmalen Eingang. Sie rauchten, redeten und lachten; zwei lagen lang ausgestreckt und schliefen oder dösten. Einer war zu den Pferden gegangen, um den Posten dort zu erzählen, daß man hierbleiben würde, und daß sie dort weiter unten nach einem Futterplatz für die Pferde suchen sollten. Ein andrer war zu dem Beobachtungsposten geschickt worden, um mit ihm gemeinsam das Tal zu überblicken. Allen, die in der Rinne saßen, kam jetzt der Gedanke, daß es die beste Gelegenheit für sie wäre, die fünf Kerle, die noch auf dem Platze waren, gut aufs Korn zu setzen und abzuknallen. Wenn dann die übrigen fünf zur Hilfe kämen, könnte man sie aus der sicheren Deckung heraus erfolgreich empfangen, und man wäre dann die ganze Sippschaft los. Und jeder ärgerte sich, daß man einen solchen Plan nicht rechtzeitig beraten habe. Mord war es ja kaum zu nennen, dachten sie, denn das waren ja keine Menschen, das waren Bestien.
Dobbs dachte sich immer mehr in diesen Plan hinein, und dann konnte er ihn nicht mehr für sich behalten. Er kroch zu Howard, der ihm am nächsten war.
„Dasselbe habe ich gerade auch gedacht“, erwiderte der Alte. „Aber dann haben wir die toten Kerle alle hier herumliegen.“
„Die graben wir doch ein“, flüsterte Dobbs.
„Natürlich. Aber ich will hier keinen Kirchhof haben, wo wir vielleicht noch ein paar Wochen hausen müssen. Kirchhof ist ja notwendig, aber man muß ihn doch nicht gerade Tag und Nacht vor dem Fenster haben. Sonst wäre ich ganz damit einverstanden; einer, der mit dem blatternarbigen Gesicht, sieht so niederträchtig aus, daß man sich als ausgewachsener Mann vor ihm fürchten muß, wenn man mit ihm zusammen in der Kirche sitzt.“
„Dem wirst du in der Kirche nicht begegnen.“
„Aber gerade. Gerade dem und gerade dieser Mörderbande. Ich schwöre dir, gerade diese sind es, die der heiligen Jungfrau von Guadalupe oder dem San Antonio die meisten silbernen Beinchen und Ärmchen unter die Füße hängen. Die rutschen auf den Knien von der Kirchtür bis zum Altar und dreimal um die vier Wände herum. Geh mal hin und untersuche sie mal, die haben alle ihr Bildchen oder ihre Münze um den Hals hängen. Hier die Regierung in Mexiko, die weiß schon recht gut, warum sie mit der Kirche so handfest umspringt. Die Leute sind ja zehnmal abergläubischer als die schwärzesten Heiden in Zentralafrika. Die sind – aber Mensch, was will denn der da? Der kommt ja geradeswegs hier herüber. Rasch auf deinen Posten.“
Geschwind wie eine Katze kroch Dobbs davon.
Da kam in der Tat einer der Männer auf die Rinne zugeschlendert, gerade auf die Stelle zu, wo Curtin saß. Er sah nicht vor sich hin oder in Richtung der Rinne, er hielt vielmehr den Kopf hoch und betrachtete sich die Felsenwand in ihrer ganzen Länge. Es schien, daß er dort nach einem Rückwege suche. Vielleicht war ihm die Idee gekommen, daß der gesuchte Gringo dort irgendwo stecken könne, oder daß er dort seinen Weg ins Tal habe, weil man ihn ja nicht auf dem andern Wege getroffen habe.
Er sah aber, daß dort kein gangbarer Weg sei, es war alles wie vermauert. Er pfiff vor sich hin und drehte sich, um wieder zurückzugehen. Dabei sah er nach unten und bemerkte die Erdrinne. Sicher dachte er, das sei der Weg, den sie gebrauchen könnten. Er kam näher, beinahe bis zum Rand der Rinne, und da erblickte er Curtin.
Curtin hatte ihn den ganzen Weg lang beobachtet; er war deshalb nicht überrascht, als er ihn dicht über sich sah.
„Caramba!“ rief der Bandit, drehte sich zurück und rief laut hinüber zu seinen Genossen: „Kommt hierher. Hier sitzt das Vögelchen in seinem Nest und brütet seine Eier aus.“ Er lachte laut auf.
Die übrigen Männer waren sofort aufgesprungen und kamen überrascht näher. Als sie aber auf halbem Wege waren, schrie Curtin: „Halt, ihr Banditen, ich schieße.“
Die Banditen blieben sofort stehen. Sie wagten nicht, nach ihren Revolvern zu greifen. Sie wußten ja nicht recht, was los sei.
Der Mann, der Curtin entdeckt hatte, hielt sofort beide Hände hoch und ging, immer die Hände hoch haltend, zurück zu der Mitte des Platzes, wo die übrigen standen.
Eine Weile war alles ruhig, und dann begannen die Männer eilig und aufgeregt miteinander zu reden.
Endlich trat der Führer etwas in den Vordergrund und sagte: „Wir sind keine Banditen. Wir sind von der Polizei. Wir suchen die Banditen.“
Curtin steckte den Kopf ein wenig hoch. „Wo habt ihr denn die Schilder? Wenn ihr von der Polizei seid, so müssen Sie doch wenigstens ein Schild haben. Zeigen Sie es einmal offen her.“
„Ein Schild?“ erwiderte der Mann. „Ich habe kein Schild. Ich brauche auch keins. Brauche auch gar keins zu zeigen. Kommen Sie da mal heraus. Wir wollen mit Ihnen sprechen.“
„Sie können auch von dort aus mit mir sprechen. Ich verstehe ganz gut, was sie sagen.“
„Wir werden Sie in Arrest nehmen. Sie jagen hier und haben keine Lizenz zum Jagen. Wir werden Sie verhaften und Ihnen den Revolver abnehmen und Ihr Gewehr.“
Curtin lachte hinüber. „Wo ist Ihr Schild? Dürfen Sie denn Waffen tragen? Sie haben doch kein Schild, und Sie sind nicht von der Federalpolizei, auch nicht von der Staatspolizei. Sie können mich gar nicht in Haft nehmen.“
„Hören Sie, Senjor,“ sagte der Wortführer und kam einen Schritt näher, „wir werden Sie nicht in Arrest nehmen. Geben Sie uns nur Ihren Revolver. Das Jagdgewehr dürfen Sie behalten. Wir brauchen den Revolver und auch die Munition.“
Er kam noch einen Schritt näher, und die übrigen Männer folgten ihm. „Nicht einen Schritt näher,“ rief Curtin, „sonst wird gefeuert, damit Sie es wissen.“
„Seien Sie doch ein wenig mehr höflich, Senjor. Wir wollen Ihnen doch gar nichts tun, wir brauchen nur den Revolver.“
„Den benötige ich selbst.“
„Werfen Sie das Eisen hier herüber, dann belästigen wir Sie nicht mehr und gehen unsrer Wege“, rief einer der übrigen Männer.
„Nichts kriegen Sie, und nun machen Sie, daß Sie fortkommen.“
Curtin war ein wenig höher gestiegen, um den Platz besser übersehen zu können.
Die Männer berieten nun wieder, was zu tun sei. Sie sahen, daß der Gringo in der Erdrinne augenblicklich im Vorteil war; er lag gut gedeckt. Sobald sie zogen, ließ er sich fallen, und ehe sie den Durchgang zum Busch erreichen konnten, hatte er sechsmal gefeuert, und wenn er gut geschossen hatte, lagen sie alle flach. Sie gingen deshalb wieder zurück und setzten sich auf den Erdboden. Es war inzwischen zehn Uhr geworden, und sie dachten daran, sich ihre Tortillas und Tamales oder was sie sonst mit sich führten, zu wärmen. Sie zündeten ein kleines Feuer an und hockten sich herum, um ihre dünne Mahlzeit zu bereiten.
Sicher waren sie zu der Überzeugung gekommen, daß der Gringo ihnen ja auf alle Fälle in die Hände schlüpfen müsse. Er konnte dort nicht weg, und da sie hier auf dem Platze ihr Feldlager hielten, so handelte es sich gewiß nur um zwei Tage, und der Belagerte mußte aufgeben. Er würde ja auch einmal schlafen, und dann könne man ihn leicht überraschen.