Der Schäfer: Eine Geschichte aus der Stille
Chapter 7
»Jetzt, wie sieht es jetzt auf der Heide aus?,« sagt Karl-Jachl. »In brennender Sonnenglut werden die Schnuckenwege liegen -- ein Mann wird im Sonnenbrand am Heidemoor stehen und Torf stechen, er wird die schwarzen Stücke zum Trocknen hoch aufbauen. Keiner ist wie hier in der Nähe, der immerfort ruft.« Oder vom Wacholderfeld reden sie. Oder Jachl schwärmt von den hellen Nächten, in denen es heller ist wie hier mit allem elektrischen Licht. Und wie anders der Regen herabrieselt als hier, wo er immer nur stört, und wo kein Mensch auf ihn gewartet hat und Tag und Nacht ihn herbeisehnt und »Gott sei Dank« bei den ersten Tropfen sagt und sich auch noch weiter freut, wenn er stundenlang wie in Mollen von oben herabgeschüttet wird. Hier denken sie bloß an die Kleider, die verdorben werden, nicht an den dürren Erdboden, der getränkt werden muß. Ja, was wissen sie hier überhaupt von der Welt!? Die Heide haben die wenigsten gesehen, und wenn sie sie sahen, konnten sie sie wieder vergessen. Ja, wie _kann_ ein Mensch die Heide _vergessen_? Er muß ja gar kein Herz haben. Vor den Schaufenstern, wo es blitzt und blinkert, stehen sie, und das ist doch rein nichts gegen das Silber des Wollgrases oder das Gold des blühenden Postes oder das Kupferrot vieler Büsche!
Die beiden Hausdiener reden immer nur halblaut. --
Längst hat Karl-Jachl Geld genug zur Heimreise. Er wartet aber: eines Tages könnte Lieschen kommen und nach ihm fragen, dann muß er doch da sein. Je länger er hier arbeitet, je weniger böse ist er ihr. Hier werden sie nun doch mal so -- die Mädchen. -- --
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Ein Glücksjäger bist du, mein Jachl, nicht, du Scheuer, du Reiner! Hinter deinen Schnucken verstehst du herzulaufen, aber nicht hinter deinem Glück! Was du auch tust, mir kommt es vor, du sähest in die Wolken. Ja, und »in die Wolken sehen« ist ein unsicherer Glücksweg.
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Jeden zweiten Sonntag geht Karl-Jachl mit der roten Jule aus. Sie schwärmt fürs Kabarett. Beim erstenmal traute er sich gar nicht richtig hinein. Manche hatten ja gar nichts an. Was sie sangen und worüber alle lachten, verstand er kaum. Aber schließlich gewöhnt sich auch ein Schäfer daran. Das bunte, wechselnde Licht gefällt Karl-Jachl und die Studenten- oder Soldatenlieder, bei denen zuletzt alle lustig mitsingen.
Am liebsten geht er in den Zirkus. Pferde, die sind was! Die lohnen anzusehen. Hat er einmal einen freien Abend, so steht er auf der Galerie im Zirkus und wendet keinen Blick von den Schulreitern. --
Das »nach dem Himmel sehen« hat Karl-Jachl sich abzugewöhnen versucht. Wozu auch? Fabrikschlote jagen ihren Rauch in die Höhe; die langen Häuserreihen verderben alles. Und dann ist der Weg auch vom Stiefelputzen und Koffertragen bis zum Himmel _zu_ weit; so hoch kann Karl-Jachl nicht sehen, so scharf seine Augen auch sind. --
Einige Monate ist Karl-Jachl sehr hinter Zeitungen hergewesen. Mit einmal sind sie ihm ganz »über« geworden.
Politisches! Das geht ja, wenn es einer ordentlich versteht. Dagegen ist nichts zu sagen. Aber sonst! Wozu steht alles drin von Zank und Mord und Betrügerei und all den Schlechtigkeiten, die so leicht zum Nachmachen sind? Damit mag Karl-Jachl lieber gar nichts zu tun haben. Zuerst dachte er, sowas stehe nur selten mal drin. Ja, prost Mahlzeit! Wie zum Bäcker Semmel gehören, so gehören in die Zeitung Mord und Totschlag. Darum sieht er nicht mehr hinein. Und auch weil sie ein'n immer zum Geldverschwenden bringt. Besser ist, wenn man gar nicht weiß, wo es furchtbar billige Hosen oder Hüte oder allen möglichen Krims-Krams gibt. Zeitunglesen kostet mehr Geld als einer glaubt.
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Wer meinen Jachl nicht kennt, der könnte ihm nicht mehr den Heidjer anmerken. Er hat sogar aufgehört, sich, wie er es anfangs immerfort tat, zu wundern. Er weiß, in Berlin kommen wohl täglich tolle Sachen vor. Was erlebt er nicht allein in seinem Hotel, seitdem er nicht mehr _ganz blind_ ist!
Aus der weiten Welt steigen sie ab; Damen sind dazwischen, die so fein aussehen wie Prinzessinnen. Der Staat der roten Jule ist nichts dagegen. Manche betrachten den Hausdiener in der hellblauen sauberen Uniform so freundlich, daß Karl-Jachl das Blut in den Kopf steigt. Was haben sie an ihm zu besehen? Einmal ist eine mit einem Grafen gekommen, die hat ihn angesehen und gesagt: »Sie sind Ihrer Sprache nach wohl nicht aus Berlin?« Karl-Jachl hat natürlich vor ihr stramm gestanden und ganz stolz geantwortet: »Joachim Bohn aus Lüttersloh.« Da ist die Dame -- ganz jung ist sie nicht mehr gewesen -- wie Schnee geworden; aber gefragt hat sie nicht weiter. Karl-Jachl wußte nicht, wodurch er es mit ihr verdorben hatte. Am selben Abend sind der Graf und die Gräfin weg, ganz plötzlich. -- (Karl-Jachl merkte schon oft, daß Herrschaften sehr veränderlich sind.) Die Dame hat ihm einen Briefumschlag gegeben, als sie klingelte, damit er das Gepäck herunterschaffe, ja -- und da hat sie gesagt: »Behalten Sie das für sich« -- aber so undeutlich hat sie geredet, daß Karl-Jachl fragen mußte, erst dann hat sie deutlich wiederholt: »Für Sie.«
Ja, Karl-Jachl hat es längst gemerkt: Tolle Sachen passieren in Berlin.
Also in dem Briefumschlag haben fünf Scheine gesteckt, jeder ist 100 Mark wert.
Soviel Geld für gar nichts! Karl-Jachls Schreck ist nicht klein gewesen. Große Damen haben wohl ihre Launen. Wenn sie nicht so plötzlich fortgereist wäre, hätte Jachl sie angesprochen, weshalb sie _ihm_ das geschenkt? Doch nicht weil er aus Lüttersloh ist? Erzählt hat er es keinem. Wozu? In Berlin traut einer dem andern immer rasch Schlechtes zu. Womöglich hätte man ihn noch für 'nen Dieb gehalten und in die Zeitung gebracht. Beschwören kann Karl-Jachl: Das Geld ist ihm richtig geschenkt worden. --
Wenn er zurück nach Lüttersloh kommt, will er mal rumhorchen, ob von da eine Gräfin gebürtig ist. Kann wohl möglich sein. Von überall kommen Barone und Grafen. --
In den gewölbten Truhendeckel hinter die heilige Genoveva steckt Karl-Jachl die Scheine. Da sind sie sicher aufgehoben. Er gebraucht sie nicht. --
Allmählich ist Berlin ja ganz leidlich und wäre zum Aushalten, wenn es auf der Welt keine Heide gäbe. Aber wie der eine immer aufs Wasser will und mit seinen Gedanken auf den großen Schiffen ist, so muß es Jachl wohl in die Heide zwingen. Er kann nichts dafür. Und wenn Lieschen auch das Kind hat, mit soll sie doch.
Gerade als Jachl beim Überlegen ist, wann er hier aufhören will, bekommt er einen Brief von seinem früheren Dienstherrn. Der schreibt ihm:
»Lieber Jachl, Du bist so wie die andern auch und kommst nicht zurück, aber ich will Dich fragen, ob Du als Oberschäfer hier bei mir annehmen willst. Ausstehen tust Du nichts, das weißt Du. Hier sind die Schäfer sehr knapp, ein ordentlicher Mann ist versorgt für Lebenszeit. Zu Johanni geht meiner. Es grüßt Dein Dienstherr Klas Hinnerk.«
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Nun ist es also soweit. Karl-Jachl hat nichts erst zu überlegen. Er ist mit sich einig: »Viele passen besser nach Berlin und manche besser nach Lüttersloh.« --
Komisch ist es: Zweimal müssen sie ihn heut rufen: Karl! Karl! Für sich selber heißt er schon in diesem Augenblick wieder nur noch: Jachl. Den eigentlichen Namen nehmen sie einem in Berlin auch ohne viel zu fragen. Das braucht sich wohl eine anständige Kreatur nicht gefallen zu lassen.
Noch zwei Wochen bleibt er in der hellblauen Livrée. Daß er nur den einen Platz in Berlin gehabt hat, ist selbstverständlich. »Was nützt verändern? Fehler sind überall, man weiß nie, was man eintauscht. Schäfer sein, ist auch nicht immer ein Vergnügen. Was können einem nicht die Schnucken zusetzen mit Bocken und Krankheit und dazu Wind oder Nebel oder Nässe.«
Jachl weiß wohl, »alle soewen Johr ännert sik de Natur, aber nein, so verändern kann sich seine Natur nicht, daß er je Verlangen nach Berlin bekommt. Stadtmensch ist Stadtmensch und Heidjer ist Heidjer. Es ist gut, daß wenige die Heide mögen! Was wäre sonst wohl für'n Gedränge auf ihr.« --
Bald kommt Jachl hierher nicht zurück. Er sieht sich deshalb an seinen freien Nachmittagen gründlich den »Zoologischen« an. Bis zur Dunkelheit geht er herum. Am meisten staunt er über die vielen Sorten Schafe. So verschieden hat er sie sich denn doch nicht vorgestellt! Bücher kauft er auch noch, in denen man nachlesen kann von Rassen und Wolle und Krankheiten, und wie man sie behandeln muß. Und dann ein Buch, das ganz vollgeschrieben ist vom »Leben der Bienen«. Schäfer und Schäfer ist nicht immer dasselbe. --
Erst zuletzt will er im Hotel von seiner Abfahrt erzählen. Lachen werden sie nur und »dummer Schäfer« sagen. »Dumm! Dumm! Ja, wer ist denn eigentlich der Dumme? Rasch ist das wohl gar nicht ausgemacht. In Berlin halten sie sich ja für furchtbar klug. Wenn man aber ordentlich hinsieht, dann findet man nicht viel, was sie von ihrem Klugsein haben. Viele sind kränklich, viele haben kein Geld, viele Schulden, liederlich sind viele, und die, die ordentlich sind, müssen sich furchtbar quälen, wenn sie weiter kommen wollen. Jachl weiß, weshalb er nicht in Berlin aushält: Zu viel Ungerechtes muß der Mensch da hinnehmen oder mit ansehen. Auf der Heide ist mehr Gerechtigkeit und weniger Gerede und Großtun.«
Stillvergnügt lächelt er. Ihm ist bei seiner Dummheit wohler, wie denen bei ihrer Klugheit.
Wenn bloß die Sache mit Lieschen erst richtig im Gang wäre. Wohl hundertmal wollte er hin zu ihr, aber vor lauter Angst ging er nie. Angst wovor? Ja, das kann er selber nicht sagen. Er ist ihr furchtbar gut, und doch traut er sich nicht hin zu ihr. Das muß wohl von der Liebe kommen. Immer wurde er ganz kopfschwach, weil sein Herz toll zu klopfen anfing, so oft er mit ihr zusammen war. --
Jetzt kann er es aber nicht länger aufschieben. Hin zu ihr muß er, gleich heute, nun er nicht mehr Karl ist, sondern schon Jachl, Jachl, der Schäfer! --
Wieder sucht er Lieschens Adresse auf dem Einwohnermeldeamt. Diesmal blättert der Beamte länger als das erste Mal, bevor er fragt: »Verehelichte Schütze?« Und hinzusetzt er: »Hören Sie denn nicht?«
Jachl schluckt, bis er leise herausbringt: »Kann wohl sein.« --
So dunkel ist ihm noch nie vor Augen geworden. Aber, daß er in die Ackerstraße gehen muß, das steht fest. Ohne Lieschen nochmal gesehen zu haben, kann er doch nicht abfahren. --
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Fünf Treppen hoch, dicht unterm Dach wohnt Frau Schütze. Laute Stimmen sind zu hören. Jachl klopft. Ein halb Trunkener reißt die Tür auf. In eine enge, halb dunkle Kammer tritt er.
Wieder hat Lieschen ein ganz kleines Kind auf dem Arm. Ein zweijähriges hockt am Boden. Ihr Mann zankt weiter, er schimpft »auf das fremde Biest, das er mit satt machen soll«. Gleich aber wirft er sich auf den Strohsack und schnarcht schon nach einigen Minuten laut.
Leise streichelt Jachl Lieschens Arm; am liebsten streichelte er sie immer weiter und sagte gar nichts. Aber ohne Reden geht es doch nicht. Beide stehen dicht nebeneinander vor der Dachluke. Lieschen erklärt, daß es zu schwer gewesen allein mit dem Kinde, daß sie kränklich war und nicht mehr ordentlich hat verdienen können. Und egal sei ihr auch alles gewesen, weil Jachl nie mehr was hat von sich hören lassen. Zu wütend ist er damals weggestürzt. -- Ihr Mann war nicht immer »so«. Erst seitdem er arbeitlos geworden, trinkt er. Zuerst ging alles ganz gut. Sie haben eine ordentliche Wirtschaft anschaffen können. Maurer verdienen nicht schlecht, wenn sie Arbeit haben. Nur mit Matten, dem Jungen, fing bald der Ärger an; den Matten kann der Mann nicht ausstehen.
Während Lieschen das alles erzählt, hebt Jachl den Jungen auf. Zutraulich greift ihm der gleich nach der Nase.
Jachl ist noch immer nicht für viel Worte, er hat sich darin auch in Berlin nicht verändert.
»Ja, denn gib ihn mir man mit, Lieschen; da ist gar nichts bei zu besinnen.« --
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Zusammen gehen sie die Treppe herunter. Lieschen schluchzt. Das Kleinste übergibt sie einer Nachbarin. Für den kümmerlichen Matten ist es wohl Glück, aber auch Glück kommt -- besonders für Mütter -- oft wie Schmerz und ist nicht immer gleich zu erkennen. --
Lieschen hat ihren Jungen auf den Arm genommen. Zwischen vielen Menschen kommt er auf seinen eigenen Beinen schlecht vorwärts. Jachl geht wie ein richtiger Ehemann neben ihnen.
Bis zum Abendzug kann er noch viel besorgen. Er will gleich noch heute fort. Wohin sollte er hier mit dem Kinde? Und für Lieschen und ihn ist langes Hinziehen unklug. --
Zuerst gehen sie in ein Warenhaus und kaufen Matten ein bißchen Zeug. Lieschen muß sich auch ein fertiges Kleid aussuchen. Jachl besteht darauf.
Was hätten sie sich alles zu sagen! Wochen würden nicht ausreichen. Aber in solchen Stunden ist Reden das Schwerste. Zwischen Klugen und Dummen hört da jeder Unterschied auf. Allen liegen Steine auf den Herzen und Schlösser vor den Lippen, und die schöne Zeit geht unbenützt vorüber. --
Ohne es erst zu verabreden, bleiben sie bis zur Abfahrt beisammen. Viel Stunden sind es nicht. Eine Woge, die ihm fast Schwindel verursacht, geht Jachl durch die Brust. -- --
Lieschen kniet vor der altersgrauen Truhe. Sie packt alles schön ordentlich zusammen. Die heilige Genoveva klebt so fleckenlos im Deckel, als habe sie nicht schon vor Jahren Jachl auf die Reise ins Leben begleitet. Aber mit dem schönen Spruch: »Fürchte dich nicht, glaube nur!«, der auch noch unbeschädigt im Deckel befestigt ist, mit dem hat es doch nicht seine Richtigkeit gehabt. Der Vers ist mehr für den Himmel geschrieben, als für die Erde. Und für Berlin überhaupt nicht.
Später sitzen sie einsilbig in einem Gasthaus nebeneinander. Essen muß der Mensch. Eisbein und Sauerkraut ist doch Lieschens Lieblingsgericht. Ein gehäufter Teller steht vor ihr. Es schmeckt ihr aber nicht. Die mitgeschluckten Tränen drücken zu sehr auf den Magen.
Um sechs Uhr sind sie am Bahnhof. Wieder viel zu früh; genau wie damals, als Lieschen die Fahrt nach Lüneburg antrat. Jachl hat Lieschens Hand genommen. Angefaßt mit ihr zu gehen, war ja immer sein höchster Wunsch. Fest hat sie seine Finger umklammert.
»Wenn die Zeit doch nicht so rasch herum wäre.« Nur das können sie denken. Haben aber Denken und Wünschen schon je einen Zug aufgehalten? Auch der für Jachl bestimmte braust unbarmherzig heran. Zwei Hände fallen auseinander -- schwer und langsam -- --
Rasch ist ein Abteil gefunden. Lieschen langt Matten hinein. Noch einmal steigt Jachl aus und küßt ruhig die Frau, die, fast so lang er denken kann, zu ihm gehört, und die doch nie wirklich sein gewesen. --
* * * * *
Fahrplanmäßig geht alles weiter -- auf Bahnhöfen und im Leben. --
Kerzengrade sitzt Jachl all die Stunden auf der Bank. Matten schläft in seinem Arm. Er darf doch Matten nicht stören. Vom Kinderpflegen hat Jachl bisher nichts gelernt, deshalb stellt er sich nicht gerade geschickt an.
Ganz steif sind seine Glieder, als der kleine Schläfer sich endlich regt. Ordentlich recken muß er sich und strecken, bevor er die Knochen wieder in Ordnung bekommt. --
Die letzte Fahrstunde bringt Jachl stehend am Fenster zu. Alte Häuschen tauchen auf; kleiner und grauer scheinen sie geworden, aber so lichtumflutet liegen sie da, als wolle die Natur ihn feierlich empfangen und beweisen, daß vor ihr Unterschiede nicht bestehen. -- --
»Vater!«
Jachl hört's und hört's doch nicht.
»Vater!« --
Fast erschrocken dreht er sich um. Daran hat er gar nicht gedacht, daß er wohl nun der Vater ist. Rasch verwandelt sich sein erstes Fühlen in Dank. Er drückt Matten einen Augenblick fest an seine Brust. »Wir wissen nu beide, wohin mit uns, mein Jung'; wir haben nu 'nen Platz für alle Liebe.« Um sich gleich wie ein erfahrener Vater einzuführen, fragt Jachl seinen Sohn: »Kannst du reiten?« (Etwas Besseres fällt ihm nicht gleich ein.) Schnell hebt er Matten auf seine Kniee und läßt ihn reiten, bis sie beide ganz außer Atem kommen.
Die letzte Haltestelle ist erreicht. Jachl übergibt einem Fuhrmann seine Sachen, nimmt den Kleinen an die Hand und wandert mit ihm auf wohlbekannten Heidewegen weiter. --
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Der Schäfer weiß: Manch einer wird fehlen, der dahin gehen mußte in den Jahren, während denen er in der Fremde gewesen ist. Aber der kleine Heidefluß hier, neben dem sie eben schreiten, der ist ebenso still-fröhlich geblieben wie früher. Und gegen den rosigen Schein, der gerade auf den Heidbergen liegt, kommt keine Illumination auf, wenn sie in Berlin auch eine Menge Geld dafür hingeben. --
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Jachl, der doch selten für viel Worte war, muß von der Heimatluft wie betrunken sein; er redet an diesem Morgen zu Matten, als könne er ihm nicht eilig genug von allem erzählen, was die Heide für sie beide in Bereitschaft hält.
»Gewiß, wir sollen hier nur geringe Leute sein, Matten, aber du sollst mit der Zeit selbst sehen, wo die Geringen sind; zu vielen Vergleichen wirst du aber nicht kommen, denn du bleibst ja hier bei mir -- du und ich gehören nun doch zusammen. Gut sollst du's haben, Matten. Ich bin so leidlich geworden, ja, das bin ich; aber du mußt anders werden, ganz anders, dafür bin ich da; ich weiß jetzt auch, was 'nem Menschen guttut an Ordnung und Reinlichkeit und wie er sich benehmen soll. Wenn zu uns Leute aus der Stadt kommen, sollen sie sich wundern, wie du hier zwischen die Schnucken kommst.«
Matten verstünde nichts von diesem allen, auch wenn er aufpaßte. Das tut er aber gar nicht. Er ist mit den Gräsern und den Blumen und den Moosen beschäftigt, die er am Boden sieht. Sonst ist er auf harten, kahlen Dielen in lichtlosen Hofräumen herumgerutscht. Wie sollte er hier nicht gucken und lachen und mit beiden Händen in die Luft greifen, so oft er in die Höhe sieht. Das Helle droben, das will er sich herunter holen. Jachl begreift's und lacht auch und möchte ebenso nach dem Hellen fassen.
»Ja, Matten, greif du nur in die Luft. So viel Luft hast du doch in deinem ganzen Leben noch nicht gehabt. Recht hast du zu lachen, ganz, ganz laut zu lachen, mein Jung'. Von allem Bösen sind wir jetzt fort. Solche Jungen wie dich machen sie in der großen Stadt krüpplig. So oder so! Nachher kommen sie mit ihrem »Kinder-Rettungsverein« und tun sich groß, aber was sie vorher alles ruhig geschehen lassen, davon reden sie nicht. Hier haben wir Frieden und Segen und Gesundheit für dich. Und reich sind wir auch, Matten, dir kann ich's anvertrauen: Fünf blaue Scheine haben wir. Mit der Zeit bauen wir uns ein kleines Häuschen, ein blitzblankes Häuschen neben unserm Schnuckenstall. Mitbauen mußt du helfen, Matten, dabei kann ich dich nicht schonen. Für das ganze große Hotel mit allem Gold und Silber tausch' ich es nicht ein, unser Häuschen. Hör' doch ein bißchen zu, mein Jung', was Vater red't -- --«
Jachl sagt's, aber in Wahrheit verlangt er gar nicht, daß Matten aufpaßt. Was kümmert es einen Trunkenen, ob ihn jemand anhört! Jachl wird weiter reden, bis sein glückseliges Herz zur Ruhe kommt und rasch, ach zu rasch veratmet ja solch bißchen Glückstrunkenheit.
»In die Schule wirst du müssen, Matten, das gehört sich, aber wir haben ja noch ein paar Jährchen Zeit. Immer will ich dir ein Stückchen Weg entgegenkommen. Die Schnucken müssen auch mit. Und wenn du nachher sagst: Lehrer möcht' ich werden, Dorfschullehrer, werd' ich's überlegen. Ein bißchen hoch hinaus, das schadet nicht. Und das sag' ich, Matten, solch Prämienblatt wie Vater, das mußt du Ostern auch immer mitbringen und es ganz von weitem auch durch die Luft schwenken, und eingerahmt soll es werden, nicht bloß so angeklebt an der Wand hängen, wo Fliegenschmutz und Staub drauf sitzen. Und, Matten, diesen Sonntag gehen wir in die Kirche; mir ist so nach Betenmüssen. In Berlin ist der liebe Gott viel weiter weg; -- ich weiß ja, daß das Unsinn is, und es kommt Vatern bloß so vor, ja, das weiß er, aber hin wollen wir, Matten -- du brauchst nicht bloß allein einen Vater -- ich auch.«
Die Stille und der Duft der Heide treiben Jachl in diesen Minuten nur immer stärker in einen seltsamen Rausch hinein. So leicht und frei hat er sich noch nie gefühlt. Wie kann ihm so wohl sein ohne Lieschen? Die schmerzliche Sehnsucht ist nicht mehr in ihm. Vielleicht kommt sie wieder, die Sehnsucht. Wie soll er das wissen? Aber heute, heute ist sie verflogen.
Wohin, mein Jachl, wohin ist sie verflogen?
Mit der Hand beschattet er wieder und wieder die Augen, um deutlicher erkennen zu können, wenn eine wohlbekannte Kuppe in der Ferne emportaucht oder eine Waldeswand, deren Bäume sich wohl doch nicht wenig verändert haben. Breiter und höher sind sie geworden, grad wie der Schäfer. Aber dieselben sind sie doch geblieben; bei ihnen ist es bloß von außen, das Verändern.
So oft Jachl Verändertes sieht, sagt er dasselbe, nein, er ruft es: »Matten, Matten, haben wir es gut! In Berlin kommt einer beim Verändern selten gut fort. Zum Bessern verändert er sich nich, mehr zum Schlechten bei allem Zeitungslesen und Großtun und Geldverbrauchen und Nichtshaben. Matten! Matten! Um uns brauch' sich keiner mehr zu ängst'gen.« --
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Genau wie Jachl bei der Trennung von der Heide unglücklich gewesen ist, obwohl keiner da war, dem der Abschied von ihm schwer wurde, so ist heute niemand da, der seine Seligkeit mitempfindet. Kein Mensch. Das ist wahr. Aber an Menschen hat Jachl auch gar nicht gedacht, so oft seine Gedanken nach Hause flogen. Zu Hause ist er unter diesen zitternden Zweigen, die verlangend nach ihm zu greifen scheinen, wie Mutterhände. Und sonst hat er hier noch hundert »zu Hause«, ohne Vater oder Mutter oder Geschwister. --
Zuerst ist Jachl ganz langsam gegangen. Jetzt plötzlich hebt er seinen Jungen auf, um rascher weiter zu kommen. Nicht wegen Klas Hinnerk, dem Dienstherrn, hat er Eile, dem kommt er früh genug auch eine Stunde später. Und die Schnucken können auch noch ein bißchen warten. Nur Freude jagt ihn; zu sprechen hat er aufgehört. Ein paar Minuten hat er flöten müssen. Auf der Heide ist niemand, der Flöten verbietet. Nach dem Flöten ist das Singen gekommen und dann -- das Schweigen.
Hügelauf, hügelab gehen sie. Jedesmal, wenn sie aufwärts steigen, scheint es Jachl, als käme er seinem Himmel wieder ein wenig näher.
Mit dem Himmel ist es ja wohl immer nur Einbildung, aber -- wer an ihn glaubt, der hat ihn. --
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