Der Schäfer: Eine Geschichte aus der Stille
Chapter 6
Ja, die Herren in Berlin sind klüger als die aus Lüttersloh. Die wissen besser, wie sie rasch zu einer Braut kommen. Jachl ist nur von einem Gedanken erfüllt. Immer und immer summen die Worte in ihm: »Alles hängt von Lieschen ab -- alles hängt von Lieschen ab« -- --
Wie er das meint, könnte er selber nicht erklären. Denkt er dabei nur an diesen Augenblick oder an sein ganzes Leben? --
Er möchte gern nach des Mädchens Hand greifen, angefaßt mit ihr gehen -- nur angefaßt. Ob er wohl solche Tat zustande bringt? Solche Tat könnte ja wohl einen Brautstand beginnen? Wenn er doch rasch den kleinen Maler um Rat fragen könnte.
Von winzigen Knöspchen sind die schwärzlichen jungen Zweige besät, neben denen sie dahin schlendern. Lieschen bleibt stehen und sucht, ob sie nicht einen Zweig findet, dessen Grün bereits etwas größer ist. Den möchte sie dann mit nach Haus nehmen. »Zum Andenken«, wie sie sagt. Ein paar Augenblicke sehen beide in die Büsche, dann holt Jachl sein Messer aus der Tasche, schneidet ein paar herrliche, frühlingsfrische Zweige und reicht sie Lieschen. Ja, er reicht sie ihr und -- mutvoll hält er ihre Hand ganz fest. Und nun gehen sie wirklich noch eine halbe Stunde, wie zwei artige Kinder angefaßt, ihres Weges. Manchmal sieht Jachl sich um. Er weiß nicht, wünscht er, daß andere ihn sehen oder wünscht er es nicht. --
Der Duft der knospenden Pflanzen tut Lieschen wohl. Weit, weit fort von Berlin fühlt sie sich. Hätte sie nur nicht ihr Mieder so fest zusammengeschnürt. Sie möchte gern wieder mal tief, ganz tief Atem holen, aber das geht nicht, das ist ihr unmöglich. Der Druck von Jachls warmer Hand durchströmt sie wie Feuer. Am liebsten fiele sie ihm um den Hals und gestände ihm ihre Not. --
Sie staunt: hier muß etwas Berauschendes in der Luft sein; wie können Leute hier gesund werden; hier wird man eher wie von Sinnen.
Den Zug haben beide vergessen, an seine pünktliche Abfahrt gar nicht mehr gedacht. --
Im Fluge haben sich Jachls Gefühle verändert. Ihm genügt nicht mehr das Handhalten: einen Kuß, einen einzigen, möchte er Lieschen geben. Unermeßlich schwer erscheint ihm das, und er weiß doch, wie viele Menschen dies Schwere vollbringen.
Eigentlich ist er wütend auf Lieschen. Weshalb fängt sie nicht mit Küssen an. Sie weiß doch immer rasch Rat. Sie kommt doch aus Berlin!
Wieder werden sie beide einsilbig. Zuletzt verstummen sie ganz. -- -- »Jetzt -- jetzt,« denkt Jachl, während Lieschen ihn ganz bekümmert ansieht -- »jetzt«. -- Seine roten Lippen pressen sich glühend auf die ihren -- »Lieschen, liebes Lieschen --«
Gellend schrillt der Pfiff der Eisenbahn durch die Luft.
»Ich muß weg«, schreit Lieschen auf -- »das ist der Zug -- meine Herrschaft erwartet mich.« Eilig reißt sie sich los.
Jachl begreift, da gibt es kein Festhalten. Daß auch gerade jetzt der Zug kommen muß, jetzt in dem Augenblick, der ihn gelehrt hat, daß das Küssen gar nichts Schweres ist! Welch ein Jammer!
Beide laufen atemlos zum Bahnhof. Noch rechtzeitig kann Lieschen sich in das Gewühl auf dem Bahnsteig mischen. Schwatzend drängen Hunderte in die Wagen. Lieschen sitzt eingeengt zwischen singenden Burschen. Nicht einmal mehr mit ihrem Taschentuch kann sie Jachl zuwinken. --
Lange noch bleibt er auf dem Bahnsteig stehen, nachdem vom Zuge nichts mehr zu sehen ist. Langsam dreht er sich um. So viel Freude war wohl noch nie in ihm! Beinahe wie Schluchzen hört sich sein glückliches Aufatmen an. --
* * * * *
»Joachim Bohn ließ sich doch in der Arbeit so gut an,« meint der Obergärtner, »aber in letzter Zeit ist er wie auf'n Kopf gefallen« --
Ja, das ist Jachl. Verliebtsein ist aber auch ein Zustand, bei dem man nicht weiß, hat man noch einen Kopf oder hat man keinen. --
Wenn die andern von einer Braut reden, beteiligt Jachl sich jetzt zwar, aber immer nur kleinlaut. War jener Kuß ein Verlobungskuß? Woher soll er das bestimmt wissen? Fort kann er hier nicht so plötzlich, und seinen langen Brief hat Lieschen bisher nicht beantwortet. Das Warten auf diese Antwort ist schlimmer wie eine Krankheit. Jachl wundert sich, daß die Ärzte von solcher Heimwehkrankheit nichts merken. Ihn überfällt sie meist ruckweise. Seit Lieschens Besuch hat er sie fast täglich ein paar Stunden. --
Liebe, Sehnsucht, Heimweh sind für ihn dasselbe. Nie stellt er sich Lieschen in Berlin vor, immer nur auf der Heide. Zum Dichter macht sie ihn: mit Lieschen hört er in seiner Vorstellung die Rotkehlchen singen und die Märzdrosseln flöten; mit ihr steht er unterm Kirschbaum, und sie freuen sich an der reichen, roten Ernte. Er steckt ihr eine Kirsche in den Mund, die so sauer, daß sie das Gesicht verzieht. Darüber lachen sie beide. Jachl verspricht, nur noch mit süßen Kirschen zu kommen. --
Lieschen kennt Lüttersloh, aber nicht die weite Heide, auf die Jachls Schnuckenstall gesetzt ist; sie wird es bald selber merken. Viele Tage werden notwendig sein, um ihr die Herrlichkeiten zu zeigen, zwischen denen sie nun wieder immer und immer leben darf. Berlin ist rascher gezeigt, als die Heide. Teure Blumen gibt es dort wohl in Massen, aber wer hat in Berlin solchen Haselbusch für sich allein oder solchen Walnußbaum? Jachls Grasgarten ist eine Pracht. Wieviel Buntes blüht da nicht je nach der Jahreszeit: Schneeglöckchen, Pfingstrosen, Studenten- und Ringelblumen. Wenn im Rasen gelbe Butterblumen leuchten, wird Jachl immer besonders lustig zu Sinn. Lieschen wird erst im Grasgarten glauben, daß Berlin beim Vergleichen schlecht fortkommt. Jachl kann sich kein Leben unterhaltsamer vorstellen, wie das auf der Heide. --
Pfingsten wird er einen Tag Urlaub erbitten und die Sache in Berlin in Ordnung bringen. Oktober soll er aus der Heilstätte entlassen werden. Er zählt die Tage. --
»Unser Paradepatient! Ist gar nicht mehr zum Wiedererkennen,« sagt der Doktor, während er Jachl den fremden Ärzten präsentiert. »Der hat's erreicht.« Dann redet der Doktor noch etwas von »geordneter Nahrungszufuhr, wohltuender Wirkung körperlicher Bewegung, von gut gelüfteten Schlafhäusern und von planmäßig in Angriff genommenem Kampf gegen Tuberkulose«. Jachl hat das fremdländische Wort so oft aussprechen hören, daß es ihm selbst ganz glatt, ohne Stottern, auch über die Lippen geht. --
Kurz vor Pfingsten schreibt Lieschen endlich. Jachl traut sich gar nicht den Brief aufzumachen. Gut, daß er allein beim Begießen ist; niemand kann sehen, wie lange er das Papier zwischen den Fingern hin und her dreht. --
Also mit seiner Reise nach Berlin ist es nichts. Lieschen muß ihre Herrschaft in einen Badeort begleiten; sie bleibt lange fort, viele Monate. --
Schriftlich möchte »es« Jachl nicht mit ihr abmachen. Er ist hierbei mehr fürs Mündliche. Nach Pfingsten vergeht die Zeit wohl rascher. Vielleicht bekommt er ein paar Tage im September Urlaub.
[Abbildung]
Ordentlich in die Glieder ist ihm der Schreck gefahren. Aber »was soll man dabei tun?« -- --
* * * * *
Zwischen den Genesenden der Heilstätte werden alle Gespräche jetzt zu Plänen. Nur Worte wie: »Zu Hause, bei Muttern, Stellung, Arbeit, Vorwärtskommen« sind zu vernehmen.
Der lange August versichert Jachl unzählige Male, »daß er viel zu schade ist, um als Schäfer zu versauern.« Hundert Stellen kann er ihm in Berlin besorgen. Kinderspiel! Bei der Figur!
Am frohesten ist der kleine Maler, daß er mit seinem Nachbarn zusammen fortkommt. Solche Jungen wie Jachl hat er in Berlin nie kennen gelernt. --
Jachl sagt wenig. Ich glaube, seine Seele bebt. Immer ist ihm, als schiene ganz hell die Sonne.
Zuerst will er -- gleich wenn er ankommt -- in Berlin die Verlobungsringe besorgen, aber nein, das geht nicht, er muß das Maß von Lieschens Finger haben. -- Ganz elend ist ihm manchmal vor Freude und Sehnsucht. Manchmal weiß er selbst nicht mehr, freut er sich am meisten auf Lieschen oder auf die Schnucken. Es ist schwer zu unterscheiden. Ordentlich wie Fieber ist es, aber mit der Lunge hat es nichts mehr zu tun. -- Ja, die Schnucken! Ob die wohl einer vergessen kann, der mit ihnen zusammen gewohnt hat, und der ihre Leiden und Freuden genau kennt?
Jochem, der nun schon so lange Jachls Schnucken in Behandlung hat, kann eigentlich überhaupt nicht schreiben. Mühsam, sehr mühsam buchstabiert Jachl aus den Zetteln, die von Zeit zu Zeit ankommen, was in »seinem« Stall passiert. Immer bleibt der Schnuckenstall »seiner«. Dem würde er schön grob kommen, der an diesen seinen Rechten zweifelte. --
Nun er heute allen Lebewohl sagt, gibt es ihm doch einen Stoß; einen ganzen Tag hat er nur mit Bedanken zu tun. Schreiben wird er und nie vergessen, wie gut hier alle waren, und immer so leben, wie er es hier gelernt hat. Ja, das wird er. Darauf können sie sich verlassen.
Mit ihm treten zwanzig junge Menschen die Reise an; nicht nur die Fahrt in eine andere Stadt, sondern gleich auch die Fahrt in die Mühsal des Lebens. Alle sind frohbewegt, erwartungsvoll und siegessicher. --
Diesmal erscheinen Jachl die Häuser der Hauptstadt lange nicht mehr so hoch, wie zur Zeit seiner ersten Ankunft. Er findet aber noch, daß der Himmel zwischen den Dächern wie eingepfercht ist. Die breiteste Straße kommt ihm luftlos vor. Vor Fleischerläden bleibt er zwar noch stehen, aber nicht mehr sehr lange. -- Ganz ruhig betritt er eine Kneipe, als er Hunger verspürt. Der kleine Maler hat Jachl in seine Schlafstelle »eingeführt«. Erst am folgenden Morgen wollen sie nachsehen, ob Lieschen wieder zurück ist. --
Geschrieben hat sie nicht mehr. Er wiederholt sich immer, daß sie im Dienst schwer Zeit für Briefschreiben findet.
Ermüdet begibt Jachl sich am ersten Tage auf die Schlafstelle. Der Unterschied zwischen dem schlechtgelüfteten, engen Raum und dem Schlafhaus, das er so lange bewohnte, ist doch sehr groß. Nur die unruhige Erwartung des nahen Wiedersehens, die ihm das Blut rascher als sonst durch die Adern jagt, macht ihn unempfindlich gegen den Lärm, der von der Straße hereinschallt und gegen das laute Sprechen in der Stube. In ihm selbst mag wohl an diesem Abend der Lärm am größten sein. --
Ob auch ein Schäfer Nerven hat? Dieweil er ein Mensch ist: Ja!
Mein Jachl besitzt niemanden, der ihm Schreck und Kümmernis aus dem Wege räumt. Nicht immer wird er in der großen Stadt aufrecht stehen. Manchmal werde ich mich seiner ein wenig schämen müssen, obwohl ich verstehe, daß ein trauriges Herz ein unguter Begleiter ist. --
An diesem ersten Abend in Berlin sind wieder nur die paar Worte in ihm: »Von Lieschen hängt es ab -- von Lieschen hängt es ab.« --
Schliefest du doch recht lange, mein Jachl. Wann wirst du noch einmal so erwartungsfroh erwachen wie am kommenden Tage?! --
Der kleine Maler ist pünktlich als Begleiter zur Stelle. Zuerst müssen die nötigen Einkäufe für Jachls Verschönerung gemacht werden. Er selbst wundert sich: ganz sicher geht er über die Straßen. Den Automobilen weicht er ohne Furchtsamkeit aus. Im großen Warenhaus stellt er sich beim Anprobieren seines Anzuges so gelassen vor den Spiegel, als habe er von jeher auf diese Weise den Eindruck festgestellt, den er und ein neuer Anzug hervorrufen. --
Der kleine Maler ist ein guter Führer. Schon früh gegen zehn Uhr sitzen die beiden und stärken sich im großen Kaufhause. -- Jachl ist nun wie ein richtiger Stadtherr angezogen, aber für den heutigen Besuch ist die Verschwendung unbedingt nötig. --
Vor dem Haus: »Schaperstraße 24« verabschiedet sich der Maler. --
Joachim Bohn betrachtet erst jedes Fenster des Hauses, bevor er beim Portier klingelt. Vielleicht putzt Lieschen gerade die Scheiben. Nein, zu sehen ist sie nicht. Langsam steigt er die Treppen hinauf. Drei hohe Stiegen. »Links«, hat der Portier ihm noch nachgerufen. --
»*Dr.* Marwitz«, liest Jachl. Er klingelt. Dauert es immer so lange, bevor jemand öffnet?!
Endlich hört Jachl Schritte. Sie könnte es sein. Die Tür wird geöffnet.
»Ach, bitte, ich möchte zu Fräulein Lieschen.« Leicht lächelnd sieht das Stubenmädchen Joachim prüfend an: »Ach, die -- die ist schon seit fünf Monaten hier fort -- --«
Ehe Jachl noch etwas fragen kann, steht er vor der geschlossenen Tür. --
Nie ist ihm der Gedanke gekommen, Lieschen könnte die Stelle gewechselt haben. Genau so arglos wie Großmutter Bohn scheint der Jachl zu sein. Nur hatte sie es besser wie er. Sie brauchte sich nicht suchend aufs Einwohnermeldeamt zu begeben; sie erfuhr nie, wie oft Trude die Stelle gewechselt hatte, bis sie überhaupt mit »Stellenannehmen« fertig war. -- --
Etwas Furchtbares ist ein Einwohnermeldeamt. So ruhig Jachl sich bis dahin in Berlin bewegt hat, auf den langen Korridoren des Polizeipräsidiums wird ihm doch ganz schwindlig. Zweimal muß der kleine Maler, der noch vor dem Hause Schaperstraße 24 stand, als Jachl herunterkam, erinnern, daß die Auskunft fünfundzwanzig Pfennige koste. Dann sucht Jachl so lange in seinem Portemonnaie, als könne er nicht mehr eine Mark von zehn Pfennigen unterscheiden. --
»Sie suchen Lieschen Müller?«
Der kleine Maler bejaht die Frage.
Minutenlanges Blättern.
»Lieschen Müller, zurzeit im Mütterheim, Akazienallee.« --
Erledigt! Fertig!
Jachl steht auf der Straße. Er hört nicht, was sein Führer redet. Er hat so furchtbares Sausen im Kopf, als führen alle Autos geradeswegs durch seinen Kopf, immer nur durch seinen Kopf.
Hin zu ihr muß er. Dabei ist nichts zu besinnen.
Gegen vier Uhr hat er sich bis zur Akazienallee durchgefragt. Der Weg war lang. Jachl wünschte, er wäre noch viel länger gewesen. --
Ein ganz kleines Schild ist am Eingang angebracht. »Mütterheim« steht darauf.
Die erste, die ihm auf dem Hofe des Gebäudes begegnet, ist Lieschen. Sie trägt ein Kind auf dem Arm, das genau ihre Augen und ihre Nase und ihren Mund hat. Sofort erkennt das Jachl, obwohl er eigentlich alles wie durch Nebel sieht. --
In einen Winkel des Hofes sind sie getreten. Lieschen ist kalkbleich geworden. Sie weiß nicht, was sie sagen soll.
»Es ist ja gar nicht sowas Schlimmes«, begehrt sie endlich fast zornig auf. --
Wut, Schmerz, Eifersucht reißen an Jachl. Zorn übermannt ihn. Sein Arm zittert. Er möchte die Hand heben und sie schlagen; er möchte sie erwürgen. --
Das Kind schützt Lieschen. So viel Verstand hat er behalten: dem Kinde will er nicht weh tun. --
Stumm, grollend stehen die alten Freunde einige Sekunden voreinander. --
Jachl hat gewußt, daß Mädchen Liebhaber haben, und daß sie Kinder bekommen, aber Lieschen, sein Lieschen! Er fühlt, etwas Gefährliches tobt in ihm. »Bin ich das denn? Wovon ist mir so rot vor den Augen? Nur fort, hier fort,« denkt er.
Als habe er ein Verbrechen begangen, läuft Jachl davon. -- --
Herz, du weißt nichts von Schäfer und König. Du weißt nur von Menschenleid und Menschenlust. -- --
Schon nach einer Viertelstunde verlangsamt Jachl seine Schritte. Nicht lange, und er schleicht nur noch. In der Brust tut ihm etwas furchtbar weh. Von einer Straße in die andere schiebt er sich ohne Ziel, ohne klare Gedanken. --
Grelles elektrisches Licht erinnert ihn, daß der Abend längst hereingebrochen sein muß. Ohne zu wählen betritt er eine Kneipe, einen Keller, der laut Aufschrift bis früh acht Uhr geöffnet bleibt. An einen langen Tisch setzt er sich neben halbtrunkene Männer.
»Jauersche und Kartoffelsalat«, hört er eine Stimme rufen.
»Mir auch«, schreit Jachl.
»Und 'ne Weiße.« --
»Mir auch«, wiederholt er.
Er ißt und trinkt, hört zu und trinkt, bis aller Jammer schwindet; nicht nur schwindet, sondern einer hellen Lustigkeit gewichen ist. Von Lieschen und ihrem Kinde weiß er bald gar nichts mehr. Was gehen die ihn an? Da sitzt ja ein dralles Fräulein neben ihm; eins, das kaum siebzehn ist, mit gekrausten roten Haaren und vielen Ringen auf den Fingern und einem Mund, der so rot ist, wie Jachl noch nie einen Mund sah. Eine weiße Bluse ist über ihre Brust gespannt; deutlich erkennt man rosa Bändchen darunter und ein Hemd, das ganz mit Spitzen besetzt ist. »Wie kommt solche Feine in'n Keller?« simuliert Jachl. »Und weshalb drängt sie sich gerade an mich? Darüber muß man staunen! Schade, daß der kleine Maler nicht mit hier ist, der wüßte sicherlich Bescheid zu geben.« --
Unsicher erinnert sich Jachl, daß er noch gestern in der Heilstätte gewesen, daß er fest versprochen, alles Gute, was er dort gelernt hat, weiter einzuhalten: schlechte Luft zu meiden und schlechte Gesellschaft und Rauch und Hitze und Alkohol und noch viele, viele Dinge, auf die er sich jetzt gar nicht mehr besinnt. Schon heute nicht mehr besinnt! --
Immer lustiger wird es in dem halbdunklen, von Fuseldunst erfüllten, überhitzten Raum. Jachl hört Schimpfworte gemeinster Art. Taumelnde Gestalten verlassen den Keller. Andere, auch taumelnd, fallen die Stufen herab. Johlend erheben sich Männer, deren Gesichter dunkel gerötet und schweißtriefend sind. Sekundenlang wundert sich Jachl immer noch, woher er hier zwischen diesen sitzt. Dann aber hört auch das Wundern auf. --
Alle haben ein Mädchen am Arm. Sie streiten oder sie küssen. --
Mit vielen zusammen steht Jachl endlich auf der Straße. Er merkt, auch er hat eine untergehakt; er glaubt, es ist die mit dem spitzenbesetzten Hemd. Genau weiß er es aber nicht. --
Bezahlen kann Jachl nichts mehr. Die rote Jule hat ihm ihr gefülltes Portemonnaie gegeben. Ist das schwer und dick! Er wiegt es bewundernd in der Hand. »Weil du mir gefällst,« hat sie gesagt und ihm laut schmatzend einen Kuß versetzt. »Sapperment,« lacht Jachl, »der schmeckt, der schmeckt, so was gibt's bloß bei euch hier in Berlin.«
Für einige Minuten hat ihn die frische Luft klar im Kopf gemacht. Er merkt, um die rote Jule beneiden ihn andere. »Ja, das ist Meine,« schreit er, »mir gehört die.« Dabei stößt er mit den Ellenbogen um sich. »Keiner ran -- keiner ran,« wiederholt er unzählige Male, ebenso brüllend wie die anderen.
Die rote Jule streichelt ihn und versucht ihn zu beruhigen. Ihre Freundinnen gönnen ihr den hübschen, starken Jungen nicht. Rasch stößt sie einen schlafenden Kutscher an. »Heda, Männeken, 'ne Fuhre.« --
In weiche Polster sinkt Jachl. Zum erstenmal in seinem Leben fährt _ihn_ eine Droschke.
Wohin die schöne Jule mit ihm fährt, weiß er nicht. --
Erst am nächsten Vormittag, als er vors Haus tritt, studiert er: »Körnerstraße«. Er dreht sich rundum. Wo ist er? In dieser Gegend war er vorher nicht. Aber das ist ja alles egal jetzt. Wie gestorben kommt er sich vor.
»Auf Wiedersehn« hat die rote Jule gerufen und ihn gestreichelt und ihn geküßt und »Schatz« gesagt und »Liebster«. --
Er lebt also doch. Das ist gewiß. Aber krank ist er! An so viel Leid und Liederlichkeit ist mein Jachl nicht gewöhnt. Nicht mal an seine Schnucken denkt er. Gleichgültig sind sie ihm, ganz gleichgültig. Kein bißchen Verlangen hat er nach ihnen. Er muß ja nun auch in Berlin bleiben. Ja, das muß er. Geld zum Weiterreisen besitzt der Schäfer nicht mehr. Schadet nicht. Ob Berlin oder Lüttersloh ist nun egal. Alles ist egal, alles, alles. --
Schmunzelnd empfängt ihn der kleine Maler. Gar nicht erstaunt. Ja, Berlin! Hat er nicht vorher gesagt, wie's da zugeht? Na, Rat zu schaffen ist nicht schwer. Den neuen Anzug, ja, den müssen sie versetzen. In die alte Kluft muß Jachl zurück. »'s ist kein Unglück; auf'n Leib bekommt man schon wieder was,« tröstet der Freund.
Jachl, der allmählich wieder zu Verstand kommt, setzt eine gottesjämmerliche Miene auf bei der Vorstellung an die rasche Trennung von dem besten Anzug, den er im Leben besessen hat.
Tapfer steht der kleine Maler ihm in aller Not bei. Versetzt ist rascher wie gekauft. Dann gehen sie in die Jägerstraße. »Mietskontor« heißt es. Jachls große Figur gefällt. Nach zwanzig Minuten ist er angestellt, oder, wie der kleine Maler es nennt, »verkauft«; so rasch geht alles, daß Jachl gar nicht mehr zur Besinnung kommt. --
* * * * *
Jachl heißt plötzlich nicht mehr Joachim, nicht mehr Jachl, er heißt: Karl. Und Schäfer ist er auch nicht mehr, sondern Hausdiener. Schäfer werden in Berlin nicht gebraucht.
Der kleine Maler versichert, Joachim habe das große Los gezogen: Hausdiener mit Livrée in solchem vornehmen Hotel. Gleich möchte er tauschen! Die Hauptsache ist aber, in Berlin muß einer »was vorstellen«. Ja, und beim »Was vorstellen« kommt der kleine Freund nicht mit. --
Von früh bis spät hört Karl-Jachl seinen neuen Namen rufen. Immer kommandiert ihn einer, manchmal gleich zwei. Er kommt sich nur noch wie eine Schnucke vor; hier hat _er_ gar nichts mehr zu rufen, hier wird er bloß immer gerufen. Am Abend ist er so müde, daß er sofort einschläft. Während des ganzen Tages muß er sehr aufpassen, damit er nicht grob angeschrieen wird. --
Zuerst war ihm immer, als habe ihn ein Schlag auf'n Kopf getroffen. Das muß wohl vom Schreck im Mütterheim gekommen sein. Nach einer Woche ward es besser. -- Nicht einmal so viel Zeit bleibt Jachl zum ruhigen Überlegen. Und auch nicht so viel Ruhe; denn, was war die Volksheilstätte gegen die Pracht, zwischen der Jachl jetzt zu arbeiten hat. Seide und Samt, Gold und Silber, wohin er sieht. Seine Gedanken muß einer dazwischen beisammen haben, sonst können sie ihn nicht gebrauchen. An die vielen großen Spiegel überall im Haus muß man sich auch erst gewöhnen. Und dann _die_ feinen Leute! Jachl gefallen sie gar nicht und Berlin auch nicht, aber er weiß wohl, der wird ausgelacht, der das eingesteht. In Berlin ist sich verstellen die Hauptsache, das merkt er rasch. --
Nie wäre Jachl hier geblieben, hätte Lieschen nicht sein Leben ganz verdreht. Er geht ja mit der roten Jule, das ist wahr, aber mit einer gehen und an eine andere denken, das kann passieren. --
Manchmal kommt es Jachl so vor, als nähme einer, der nicht zu sehen ist, jeden Tag einen großen Sandsack und schütte ihn über Berlin aus. Jedes Sandkorn ist ein Kind oder ein Eingewanderter, und nachher soll jedes Sandkorn allein aufpassen, daß es nicht in die Erde gestampft wird. Das ist wohl dumm gedacht, aber wenn Jachl sich in Livrée noch so fein in den Hotelspiegeln sieht, immer und immer fällt ihm das von den Sandkörnern ein. -- Ja, auf der Heide! Da war er wohl eher etwas wie ein festgewurzelter Baum!
Ganz leise haben sie sich wieder in ihn eingeschlichen, die Gedanken an die Schnucken und an den Grasgarten und an die Heidewege und an die schwarzen Machangelbüsche, an die braunen Farren, an die roten Eichen, an die weichen Moosdecken, an die scheuen Rehe, an die Spitzmäuse und an die bunten Schnirkelschnecken. Immer sind sie alle auch mit hier in diesem feinen Hause. --
Das Beste im Hotel ist ein Landsmann, sogar einer, dem Berlin auch nicht gefällt. Richtige Feiertagsstunden verleben beide im geheimen, wenn sie von »ihrer« Gegend sprechen. Zuerst sehen sie sich immer ängstlich um; sie wissen, gleich heißt es, einer ist ein Dummkopf, wenn er an Berlin kein Gefallen hat. Dann aber beginnen sie. Schwatzhaft wie sonst nie wird Jachl. Anfangs ist das Gespräch ein rasch sprudelnder Quell, dann verlangsamt es sich, bis jeder mit einem müden Seufzer aufsteht.