Der Schäfer: Eine Geschichte aus der Stille

Chapter 5

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Was haben die Leute bloß alles erfunden! Und wie halten so viele es aus! Wenn Jachl zu Hause über das Feld geht, dann weiß er doch, ihm kann nichts passieren, aber hier mögen wohl jeden Tag welche ums Leben kommen. Das kommt nur von dem vielen Erfinden. Wozu ist das nötig? Jachl hat zwar seinen Husten, aber sonst sind doch die meisten stärker und gesunder, die gar nichts mit Berlin und all seiner Erfinderei zu tun haben. Dazu haben sie solche Eile; alle rennen immer so, wie Jachl mal ausnahmsweise hinter einer verlaufenen Schnucke. Ja, das Laufen haben sie raus. Einer sieht nicht nach dem andern. Wie kann es hier Lieschen so gefallen?

In Hamburg ist sie nicht lange geblieben. Freiwillig fuhr sie nach Berlin.

Jachl weiß, daß es viel auf der Welt gibt, wobei er nicht mitreden kann, aber wundern kann er sich. Das darf ihm keiner wehren. Also tüchtig wundert er sich mal zuerst darüber, daß ein Mensch _freiwillig_ nach Berlin reisen kann.

Ordentlich leichter wird ihm während des Wunderns. Beinahe wie Verachtung ist es. Doch das unterscheidet mein Jachl nicht. --

Obwohl ihm der Magen knurrt, tritt er nicht in eine Kneipe ein. Er wagt es nicht. Lieber hungern und dursten.

Was alles muß ein Mensch wissen, der vor Berlin keine Angst hat. Jachl ist gewiß kein Feigling. Wie ist er zu Haus allein hinter dem Bock hergerannt, als ihn die Wespen wild gemacht hatten! Und auch sonst scheute er keine Gefahr. Aber hier in Berlin muß man von ganz anderer Wissenschaft sein. Es kommt ihm vor, als ob sie alle zu stolz sind und Augen hinten und vorne haben. Viele Jahre mögen wohl dazu gehören, bis einer soviel Augen bekommt, daß er zwischen all dem Neumodischen nicht zu Schaden kommt. --

Wohl zehnmal hat Jachl seine Uhr hervorgezogen, um nachzusehen, ob er immer noch nicht weiterfahren kann.

Wenn er wenigstens das Haus wüßte, in dem Lieschen wohnt. Aber in dem letzten Brief hat sie ihm eine Straße aufgeschrieben, die kennt hier kein Mensch. »Berlin, postlagernd«. Die Leute lachen, so oft er fragt: »Bitte, wo komme ich nach der Straße postlagernd?« --

So entschließt sich Jachl ruhig vor dem Fleischerschaufenster auszuharren, bis es Zeit ist, abzufahren. Er beobachtet die Mädchen, die zum Einkauf das Geschäft betreten. Sauber sind sie alle. Das ist wahr! Man merkt gleich, keine hat mit Mist oder mit Melken zu tun. Die Augen gehen ihnen rundum. Jachl sieht nur nach dem Fleisch, das sie in ihren Körben haben, sie aber sehen ihm grad' ins Gesicht, so lange und so grade, daß ihm heiß wird. --

Schließlich vergeht aber auch in Berlin die Zeit, wenn sie Jachl auch viel, viel langsamer weitergekrochen ist, als zu Haus beim Schnuckenhüten. --

Wieder sitzt er im Zuge; diesmal hat er es rascher geschafft. Schon nach zwei Stunden muß er aussteigen.

Gott sei Dank! Ein bißchen mehr Himmel haben sie hier, wenn er sich auch nicht -- wie Jachl glaubt -- dem unabsehbar vielen über der weiten Heide vergleichen kann.

* * * * *

»Volksheilstätte« heißt Jachls Reiseziel. Ja, es gibt viele Völker, das weiß er von der Schule her. Ganz tief holt er Atem, dann spuckt er aus und reibt sich die Hände sauber, ehe er beim Pförtner die Glocke zieht.

Solcher Anmeldung bedurfte es nicht, wollte jemand ihn in seinem Schnuckenstall aufsuchen. -- Freundlich wird ihm der Weg ins Haus gewiesen. Er sieht fünf, sechs, nein, acht Häuser, nicht solche Riesen wie in Berlin. Das Eintreten wird ihm gar nicht schwer. Sein Mut kehrt zurück. Tapfer stellt er sich vor: Joachim, der Schäfer. --

Auf der Heide hat er sich nie anders rufen hören wie: »Schäfer«. Nicht: Joachim; lange schon nicht mehr: Jachl. Daß er einen richtigen Vatersnamen hat, kommt bei ihm, dem Schäfer, gar nicht in Betracht. --

»Sie heißen Joachim Bohn?« fragt die Oberin freundlich. Noch nie hat jemand Jachl »Sie« genannt.

Sie! Sie! Er muß sich erst besinnen, ehe er nickt.

»Gut, also treten Sie näher, lieber Joachim Bohn.« --

Hätte Jachl nicht trotz seiner Krankheit eine kräftige Natur, so wäre er von der Fülle des Überraschenden, das er in den nächsten Tagen erlebte, »kopfschwach« geworden.

Auf der Heide hat er wohl das liebe Vieh gebadet, aber daß der Mensch auch in einen Bottich, der mit warmem Wasser angefüllt ist, gelegt wird, das hat Jachl nicht geahnt. Früher hat er einmal ein Märchenbuch gehabt. »Aus tausend und einer Nacht« hieß es. So staunt er immerfort hier. --

Die Volksheilstätte ist Bildungs- und Erziehungsanstalt ersten Grades für den Schäfer. Ja, Jachl hat wohl seinen Stall auch sauber gehalten, er hat ihn gefegt und gescheuert, aber -- aber -- hier sieht es ja sogar in der Küche wie in einem verzauberten Schloß aus: Blaue Fliesen bis zur halben Höhe der Wand, und darüber ist die Wand noch schön mit blanker Farbe gestrichen. Der Milchkochkessel läßt sich überhaupt gar nicht beschreiben; 250 Liter gehen auf einmal hinein. Zum Essen versammeln sich alle in dem »Speisesaal«. Der Name ist an die Tür geschrieben. Jachl bringt zuerst vor lauter Staunen sein Essen kaum herunter; es bleibt ihm in der Kehle stecken. Allmählich faßt er sich. Nach einiger Zeit weiß er, daß das helle Licht durch »Glühlampen« entsteht, daß die bunten Glasscheiben »farbige Bleiverglasung« genannt werden, daß das auf dem Fußboden »gemusterter Linoleumbelag« ist.

Ja, das hört sich einfach an, aber bis ein Schäfer das alles in seinen Kopf bekommt, davon kann er geradezu krank werden, aber nicht gesund. Das Fieber ist ganz sicher nur von dem vielen Verwundern gekommen. Jachl denkt sich sein Teil. Der Fahrstuhl hat ihm solchen Schreck eingejagt, daß er sich ganz fest an die Pflegeschwester geklammert hat, sonst wäre er hingestürzt. -- Zum Erschrecken ist viel in der Volksheilstätte; aber an das Feine und Großartige gewöhnt sich einer wohl auch. Und gesund wird es wohl sein, das will Jachl ja nicht bestreiten. --

Immer kommt alles anders, wie man sich's vorstellt. Jachl hat an viel große Medizinflaschen gedacht, die er auszutrinken bekommen wird. Seine Kur ist rein zum Lachen. Nur liegen, schön eingepackt. Nichts wird eingerieben, nichts wird eingenommen. Er hat wenig Vertrauen. Wie soll das helfen? Luft hat er ja immer gehabt; nur gelaufen ist er, nicht gelegen. Na, die Dokters müssen es ja verstehen. --

Mehr, viel mehr wie ein Student auf der Hochschule, lernt mein Jachl in dieser Heilschule. In seinem Dorf werden sie es nicht glauben und ihn Aufschneider und Prahler schimpfen. Manches wird er auch gar nicht ordentlich beschreiben können. Viele Worte sind nicht leicht zu verstehen: Wasserklosett, Ausgußbecken, Operationszimmer, Dunkelkammer, Lichtbad und viele, viele Worte sonst noch! Aber Jachl hat Zeit sie zu lernen, viel Zeit. Nein, keinem wird er es in Lüttersloh übelnehmen, der nicht glauben kann, Jachl, der Schäfer, schläft in einem _Schlafhaus_, in einem Haus, das nur allein zum Schlafen gebaut ist, in dem nichts sonst gearbeitet werden darf. Wahrhaftig, nur geschlafen! Und dann -- das mit der Zahnbürste! Jedermann hat eine. Es ist auch zu verschwenderisch und schwer zu glauben. Jachl wußte zuerst nicht, wozu die kleine Bürste dalag; dann hat er nachgemacht, wie es die andern machten. Überhaupt am weitesten kommt einer mit Nachmachen. Manches Ding hat er hin und her gedreht, aber wozu es sein könnte, fiel ihm nicht ein. Wenn er aber ein bißchen rechts hinschielte und links hinschielte, so wußte er es. Menschen sind wohl eigentlich wie Schnucken. Was der eine macht, macht der andere nach. Schnucken sind doch grad auch so fürs Nachmachen. --

Nahe am Heulen ist Jachl immer an den Besuchstagen. Zu fast jedem kommt einer. Vorher sehen sie immer nach der Tür, oder -- wenn sie in der Liegehalle sind, -- auf den Weg hinaus. Redet man mit ihnen, so passen sie nicht auf; sie denken: »Wer wird heute kommen? Onkel oder Tante, Vater oder Mutter, Bruder oder Schwester?« Jachl hat von diesen allen keinen. Bloß Lieschen, und die ist in dem Jahr nicht ein einziges Mal gekommen. »Es geht wirklich nicht! Ein Dienstmädchen kann nicht wie es will; es muß wie die Herrschaft will,« entschuldigt sie Jachl. Er weiß längst, daß es mit der Straße »Postlagernd« unklug war. Gern setzte er sich für zwei Stunden auf die Bahn und besuchte Lieschen in der Lothringer Straße. Berlin ist ihm aber streng verboten, und gehorchen muß einer in einer Volksheilstätte immer, daran hat er sich längst gewöhnt. --

Jachl hofft an jedem Mittwoch von neuem. Könnte Lieschen ihn nicht überraschen? Weshalb nicht? In seiner Phantasie ist ihre Freundschaft riesenhaft gewachsen. _Einen_ Menschen muß wohl der Mensch haben, an den er sein Herz hängt. Jachl hat keine andere ausprobiert. Er weiß nicht, wie sie sind, die Mädchen; seine eigenen Gefühle setzt er einfach bei Lieschen auch voraus. Und daß sie nicht schreibt, ist nicht ihre Schuld. Wer weiß, wie streng ihre Herrschaft ist. --

Um drei Uhr nachmittags kommt der Zug an. Sein Pfeifen ist, wenn man gut aufpaßt, schwach zu hören. Alle legen oder setzen sich dann rasch in Positur. Wer einen Spiegel hat, sieht noch schnell hinein. Einigen treten vor Freude Tränen in die Augen. Wenige Minuten später kommen schon die ersten. Jeder Besucher hat eine Tüte in der Hand, darin sind Weintrauben oder Apfelsinen oder Kuchen. Manche bringen ein paar Blumen mit. Im Winter gibt es in Berlin auch Rosen, Tulpen, Veilchen. In Lüttersloh gibt es die bloß im Sommer. Zu manchen kommen sogar mehrere auf einmal. So Unverschämtes wünscht sich Jachl gar nicht.

Wenn das Hereinströmen aufhört, wird die Tür zugemacht. Jachl nimmt dann immer ein Buch vor die Nase, aber er spitzt doch die Ohren. Ihm ist es ganz egal, was sie _reden_, bloß Streicheln oder Küssen, das kann er nicht vertragen. Dabei wünscht er: »Wenn sie erst nur alle wieder draußen wären.« -- Es kommt ihm vor, als sähen sie ihn ein bißchen mitleidig an oder ein bißchen verächtlich: »Wie kann ein Mensch aber auch gar keinen Besuch bekommen?« --

Bekanntschaften hat Jachl mit der Zeit genug gemacht. Da sind zuerst seine zwei Nachbarn. Der eine ist Malerlehrling. Er hat dieselbe Krankheit wie Jachl. Gleich als Jachl den Platz neben ihm angewiesen bekam, eröffnete der kleine Maler die Bekanntschaft mit der Versicherung: »Du wirst gewiß auch nie wieder gesund.« Jachl fragte kleinlaut: »Woher weißt du das?«

»Von mei'm Vater; der sagt, ich bin >chronisch<, und das heißt doch soviel wie: >nie wieder ganz werden<. Vater hat es aus einem Medizinbuch rausgelesen. Und >chronische< hast du auch, Jachl, darauf kannst du dich verlassen.«

In Jachls Kehle kommt etwas Schweres in die Höhe, er muß ordentlich schlucken, bis er's runtergepreßt hat: das ist Schreck. -- Später hat's Jachl seinem Nachbarn nicht mehr geglaubt. Das war Unsinn mit »chronisch«. --

Der kleine Maler weiht Jachl -- trotz »chronisch« -- in die Geheimnisse von Berlin ein; nicht in die allerschlimmsten, aber doch in Dinge, von denen ein Hütejunge, wenn er auch schon ein richtiger Schäfer ist, nichts wissen kann. An seiner Krankheit, versichert der Nachbar, sei die Schlafstelle schuld; na, was da alles passiert! und seine Braut, die hat's auch auf der Lunge. --

Daß in Berlin mit sechzehn und achtzehn Jahren _jeder_ eine Braut haben muß, leuchtet Jachl wieder nicht ein. In Berlin sind sie doch wohl viel weiter.

Am liebsten erzählt der kleine Maler vom Theater. Theater ist sehr schwer zu begreifen, wenn es einer noch nie gesehen hat. Jachl will nicht streiten, aber, was kann an all dem Vorgemachten, was doch alles nur ausgedacht ist, sein? Ihm gefällt nur, was wahr ist. Auf der Heide sind ihm die Wolken und der Wind und der Schnee und die bunten Farben am Himmel Theater genug. Aber erzählen läßt sich Jachl gern von all den Dingen, dann ist das Stilleliegen nicht so langweilig. --

Der Nachbar zur Linken sollte vor Jahren in »Fürsorge«; er fing aber an zu husten, und so haben sie ihn hier eingesperrt. Für den »langen August« ist die Heilstätte zuerst dasselbe wie ein Gefängnis gewesen. Er zeigt Jachl einen Zettel, den er mal stibitzt hat, auf dem steht:

»Durch den freiwilligen Erziehungsbeirat geschickt, erscheint bei uns die Großmutter eines 14 jährigen ehelichen Knaben. Seine Mutter ist vor einigen Monaten an der Schwindsucht gestorben. Der Vater lebt mit einer Wirtschafterin zusammen. Der Knabe soll von beiden schlecht behandelt werden.«

Schwarz auf weiß ist es also geschrieben, daß die Schuld nicht an August allein lag, daß er »so« geworden ist. Er findet, Jachl kann überhaupt noch nicht mitreden, denn Rumtreiben, ohne Obdach sein, Stehlen, das alles kennt er nicht. -- Der lange August hat in den drei Jahren seines Aufenthaltes hier auch eingesehen, daß man weiter mit Ehrlichsein kommt, als mit Schlechtsein. Sein Husten hat sich gebessert. August soll so lange als möglich in der Anstalt festgehalten werden.

Den Zettel, welchen er Jachl zeigte, hat er von einem Bogen abgerissen, auf dem lauter Sachen von schlechtgewordenen Kindern zu lesen sind. August borgt Jachl den Bogen, damit er sieht, wie es in Berlin zugeht. Das hat Jachl wirklich nicht gewußt! In Lüttersloh gibt es auch eklige Mädchen und Jungen, die stehlen und betrügen, aber daran ist Lüttersloh nicht schuld. In Berlin sind die vielen schlechten Beispiele und die vielen Kleider und Ringe und all die Sachen, die sie sich auf den Leib kaufen möchten. Ja, das ist wohl zu glauben, daß sie da einen »Kinder-Rettungsverein« brauchen. --

Nicht weit von Jachl liegt ein kleiner Junge, dessen einziger Wunsch darin besteht, an seinem Geburtstag bei Vater und Mutter zu sein und bei all seinen Geschwistern. Gar keine Geschenke will er haben, nur den einen Tag zu Hause sollen sie ihm schenken. Als Jachl dem Kleinen erzählt, daß er nie einen Geburtstag mit Vater und Mutter gefeiert habe, meint der: »Das lügst du; ein Junge muß doch Vater und Mutter zum Geburtstagfeiern haben, sonst ist er ja gar kein Kind.« --

Erst in der Heilstätte fängt Jachl allmählich zu fühlen an, daß er zu niemandem gehört. »Das traurige Simulieren kommt bloß vom Nichtstun,« denkt er, »beim Arbeiten merkt man von allen Schmerzen nichts.« --

Auch er hat einen Wunsch, einen riesengroßen, wie der kleine Geburtstagsjunge. Er lautet: zur ländlichen Kolonie! Sie gehört auch zur Volksheilstätte. Wenn er dorthin überwiesen würde! Sie wäre für ihn das gelobte Land. Jedes Mal, während der Untersuchung beim Doktor, faßt er sich ein Herz und fängt davon an. --

Seitdem er kurze Spaziergänge machen darf, wählt er stets den Weg zum Schweinestall. Die dorthin gelieferten Küchenabfälle betrachtet er prüfend; und die Frage, »wie Schweine fettgemacht werden?« verursacht ihm Herzklopfen. Schließlich wäre er aber auch schon froh, wenn er in die Abteilung: Puten, Gänse, Enten und Truthähne käme. Durch den hohen Drahtzaun beobachtet er das Geflügel so innig und so hingebend, daß der kleine Malernachbar immer wieder rufen muß, wenn die Stunden für den Aufenthalt in der Liegehalle herangerückt sind.

Endlich kommt Jachls großer Tag.

»Gartenbauschule« heißt das Paradies, das er betreten darf. Ein neues Leben beginnt: Jäten, Harken, Begießen! Mit dem Herumliegen ist es vorüber.

Von seiner Krankheit wissen die Ärzte wohl mehr als er selbst. Hin und wieder mal ein bißchen Husten. Das ist doch nicht Krankheit?

Die Gartenarbeit bringt all sein Denken zurück zu seinen Schnucken und zu Lieschen. Die Heide, die Schnucken und Lieschen kommen immer bei ihm dicht zusammen.

Lieschen ist doch seine Freundin; vielleicht sollte er sie nur ein bißchen daran erinnern. Vor Ostern schreibt er ihr deshalb:

»Liebes Lieschen, wenn Du nicht kommst, reise ich zu Dir. Erlauben werden sie es hier jetzt bald. Komme doch an einem Feiertag. Ich bin bald gesund. Vielleicht mache ich auch nach Berlin, aber zuerst will ich doch mal nach meinen Schnucken sehen. Ich schicke Dir das Reisegeld; so viel kann ich noch an Dich wenden. Ich stehe am ersten Feiertag am Gitter und warte und am zweiten wieder und am dritten auch wieder. Dein alter Jachl.«

Zu den meisten von den »Großen« kommt eine Braut. Jachl ist entschlossen, mit Lieschen die Sache mal zu bereden. Sein Mut wird täglich größer; bloß _kommen_ muß sie, dann wird die Sache schon werden. --

* * * * *

Besuchsstunde! Sonnenschein! Feiertag! Noch viel mehr Gutes ist den kleinen und großen Menschen in der Heilstätte kaum beschieden. --

Jachl steht pünktlich am Zaun. Ein Veilchensträußchen dreht er in der heißen Hand. Mit ihm warten Scharen von Leuten auf die Besucher. --

Wie gut es die Kranken auch haben mögen, immer fühlen sie sich als Verbannte, fern dem flutenden Lebensgetriebe. Zank und Streit zwischen Angehörigen hat hier aufgehört; ein Gefühl verbindet die Besucher und ihre Erkrankten: Liebe.

Heute strömen besonders viele im Sonnenschein der Heilstätte zu. Jachls scharfer Blick irrt suchend umher: dort die Eine könnte es sein. Genau weiß er es nicht. Die städtische Kleidung macht die Menschen ganz anders. Er sucht weiter und sieht doch rasch wieder zurück. Sein Herz klopft wie ein Hammer. --

Das Fräulein im grauen Paletot, das ihm bekannt vorkam, tritt mit durch die Pforte. Zögernd hält es Umschau. --

So groß war Lieschen nicht; sie kann ja aber noch gewachsen sein. Also los: »Fräulein« --

Das Fräulein bleibt stehen.

»Wäre sie es doch nicht«, denkt Jachl eine Sekunde lang, aber schon fragt eine bekannte Stimme: »Wo finde ich hier Herrn Bohn?«

Gott, Gott! Jachl kann nur stottern. Da lacht das Fräulein und sagt: »Ich war wohl blind, daß ich-- ich -- (sie bekommt das: »Du« auch nicht leicht über die Lippen) -- daß ich Sie, nein, daß ich Dich nicht gleich erkannte.«

_So_ rasch faßt Jachl sich nicht. Verlegen steht er da, so verlegen, als wäre er nur noch der Schäfer und hätte Berlin und die Heilstätte nie gesehen.

Aber reden muß man, wenn einer zu Besuch kommt! Was nur, was?! Jachl hat sich doch vorgenommen zu zeigen, wie viel er hier gelernt hat. Nun benimmt er sich recht wie ein ganz dummer Bauer! Ja, die Herren in Berlin werden wohl anders reden können! Lieschen fängt aber auch gar nicht an mit Erzählen! So war sie doch früher nicht! Sie hat doch sonst immer das Wort geführt. -- --

Weshalb Lieschen nicht redet?

Wenn Jachl nicht blind ist, muß er »es« doch merken. Bei dem Gedanken wird ihr glühend heiß. Was gäbe sie darum, wenn ihr »das« nicht passiert wäre! In diesen Augenblicken ist für sie das große Berlin versunken. Sie hat Jachl ja nie vergessen, aber es gibt da zu viele Herren und zu viele Tanzlokale und zu viele Warenhäuser, in denen Sachen ausgestellt sind, die man haben möchte!

Dunkel empfindet sie: sie ist ja gar nicht mehr _das_ Lieschen, welches mit Jachl gemeinsam den Reisekorb vor Jahren zum Bahnhof schleppte. --

In Berlin war Lieschen beinah stolz auf ihre Umwandlung, aber Jachls gute, blauen Augen haben ganz rasch etwas in ihr geweckt, das lange schon schlief. Man könnte es mit dem unbequemen Wort »Gewissen« bezeichnen. Sie wehrt sich zwar: »Geht es nicht den meisten ebenso?« »Jugend hat keine Tugend« und »Berlin ist nicht Lüttersloh«. Aber so recht überzeugen kann sie sich von ihrer Tugendhaftigkeit doch nicht mehr. Wie konnte sie _das_ nur tun? Wenn's noch einer zum Heiraten gewesen wäre! Aber ein Studierter, der gar nicht an Heiraten denken kann. Das hat sie doch gewußt. Bis heute, inmitten der Großstadtluft, nannte es Lieschen nur »ihr Pech«; heute, während sie den treuen Landsmann wieder trifft, nennt sie es zum ersten Mal »ihr Unglück«. -- Ganz stolz stellt sie fest: groß und stattlich ist Jachl! Von der Krankheit ist ihm nichts anzusehen. Seine Augen kommen ihr noch blauer vor als früher. Immer hat er sowas »Sinnierendes« in den Augen, »sowas Anständiges« hat er an sich -- sowas -- worüber sie in Berlin lachen. Warum hat Lieschen ihn nur nicht früher besucht?! Sie war wohl ganz von Gott verlassen? Behext muß sie gewesen sein, ja, den Kopf haben sie ihr gründlich in Berlin verdreht. Das fühlt sie erst hier! --

Langsam kommen sie endlich in ein Gespräch. Manchmal sagt Jachl die Worte nicht in richtiger Ordnung, und Lieschen geht es nicht viel besser. Sie wissen selbst nicht deutlich, daß das, was sie ganz in Unordnung bringt, Rührung ist. Wie Pferde, die schwer anziehen, und dann im Galopp weiter wollen, so ringen sich ihnen zuerst die Worte mühevoll aus den Herzen.

Schreckhaft durchfährt es Jachl sofort: »Nur drei Stunden -- dann ist er wieder allein -- dann ist er wieder Einspänner.« Lieschen hat sich ja _sehr_ verändert, aber ihre Stimme, die ist noch genau wie früher, wenn sie auch berlinisch redet.

Vielleicht ist allein diese Stimme die Ursache, daß Jachl, den Schäfer, plötzlich ein fressendes Heimweh überfällt: Heimweh, wie er es nie gehabt hat, nach _seinem_ Himmel und _seiner_ Heide und _seinem_ Stall und _seinen_ Schnucken -- nach den Wolken, die auch _seine_ Wolken sind. --

* * * * *

Je mehr ich meinen Jachl kennen lerne, je öfter grüble ich, wess' Standes und Geistes sein Vater gewesen sein mag. Der Möglichkeiten gibt es wohl wie Sand am Meer. Blut von dessen Blut ist ja in seinen Adern, deshalb wüßte ich so gern, wie dieses Blut beschaffen war. Jung, denke ich, muß Jachls Vater gewesen sein, nicht gar weit vom Knabenalter entfernt, als ihm der Sohn geboren wurde. Das Leben wird noch nichts in ihm zertreten haben; die große Erwartung mag noch hell in ihm geleuchtet haben. Er war ein Vornehmer, wie immer sein Rock beschaffen sein mochte. Vielleicht war er vor der Welt nur »ein gewöhnlicher Mann«. Aber der Welt trauen ist ein unsicherer Glaube. Lauschen und tief schauen ist ihr nicht eigentümlich. Gewöhnliche Leute! Sie hausen nicht immer in Dachkammern. -- Beseligt wird der junge Träumer ein frisches Ding, das noch ganz vom Hauch der Heide umströmt war, umfangen haben -- --

Dann -- ja dann kam die Wirklichkeit. Sie hieß: Joachim Bohn und _schien_ nicht mehr als ein Bauernjunge.

Ja, so denke ich manchmal, wenn ich meinen Jachl ansehe und fühle, wie er derb und doch voll Gemüt ist, wie Ursprünglichkeit und ungebundene Natürlichkeit ihn gegen alles Gemachte und Übertriebene feien.

* * * * *

Lieschen, die trotz aller raschen Lebenserfahrung ein großes Kind geblieben ist, weiß gar nicht, was für einer da neben ihr geht. Daß Berlin mit seinem Lärm und Halloh verwandelt, glaubt sie wohl, aber vom Einfluß der Einsamkeit und ihrer eindrucksvollen inneren Beredsamkeit ahnt ihr Gemüt nichts. -- --

Zuerst nach der Ankunft hat Jachl Lieschen stolz durch die Heilstätte geführt. All die vorzüglichen Einrichtungen soll sie bewundern, und dabei will Jachl den andern zeigen, daß auch zu ihm Besuch kommen kann. Weshalb sollte gerade zu ihm niemand kommen? --

Nachdem Lieschen alles gesehen hat, schlägt Jachl einen Spaziergang vor. Lange reden sie darauf vom Wetter; wie schön der April und wie die Heide jetzt wohl aussehen mag. Immer aber ist es, als ob etwas Schweres auf Jachl läge. Am liebsten finge er an zu heulen. Das wäre doch aber eine furchtbare Schande.

Lieschen wischt immerfort mit dem Taschentuch über ihr Gesicht. Ihr ist glühend heiß, nicht nur weil die Sonne so wärmt, sondern weil innere Angst ihr Schweißtropfen erpreßt. --

Jachl fragt nach ihrem Dienst, und wo sie Sonntags immer hingehe, aber er hört gar nicht, was sie antwortet. Wie macht er es bloß, daß er ihr gefällt? _Wie wird er Bräutigam?_

Allmählich fängt Lieschen an, mitteilsamer zu werden. Durch viel reden möchte sie ihre innere Verwirrung verdecken.

Sie merkt wohl, daß Jachl etwas überlegt, und daß seine Gedanken nicht hier und nicht in Berlin sind. Sie weiß selbst nicht, was sie herausschwatzt von Konzert-Cafés und Kino und Landpartien und Tanzvergnügungen und von all dem dummen Zeug, das mit daran schuld ist, daß es soweit mit ihr gekommen ist. Jachl nickt beinah ebenso mechanisch wie der Ohm damals, als er ihm seine ersten Schulabenteuer erzählte.