Der Schäfer: Eine Geschichte aus der Stille
Chapter 4
Nachtfalter taumeln durch die Luft. Fledermäuse huschen in den Wacholderbüschen. Sterne funkeln. Überall ist Licht und Lust trotz der Nachtzeit, die doch zum Schlafen vom lieben Herrgott eingerichtet ist, wie Jachl immer gemeint hat. Noch nie hat er draußen eine Nacht so ganz durchwacht. --
Langsam streicht im Osten Röte am Himmel empor. Jachl fällt auf einen Baumstumpf. Er muß eine Weile ausruhen; er kann nicht weiter.
Seine Gedanken sind ihm selbst fremd. Was wollen sie denn diese anderen Gedanken?
Erfahrene Leute nennen das Gefühl, welches dich, mein Jachl, in diesen Minuten beklemmt: Sehnsucht. Wie aber solltest du es kennen oder nennen?
Du fassest nur tief in deine inhaltsreiche Hosentasche und suchst, bis du etwas Eingewickeltes herausgefunden hast. Behutsam nimmst du ein Bild, siehst es an und versenkst es wieder zwischen Schlüsseln und Streichhölzern und Taschenmesser und Schere und Bindfaden und all den vielen andern Dingen, die du auch notwendig gebrauchst. --
Gegen 10 Uhr vormittags sieht Jachl endlich, endlich von weitem seinen Stall. In der Freude, wieder daheim zu sein, versinkt jedes andere Gefühl. Er ist sicher, daß das bißchen Bluten rasch vergessen sein wird, wenn er sich nur von dem wilden Lauf, warm zugedeckt, ausruhen kann. Das Zähneklappern kommt vom Frühwind und vom leeren Magen. Der Atem ist ihm ganz kurz geworden. --
Müde folgen die Schnucken den Hunden. Jachl lacht, wie eifrig manche von ihnen sich gleich wieder in die kleinen Kiefern vor dem Stall festbeißen. Wie sollen sie in die Höhe wachsen, die armen Kiefern, bei _der_ Behandlung?
Rasch kocht er sich einen festen Buchweizenbrei; der tut gut! Dann wickelt er sich fest in seinen groben Schäfermantel. Einige Minuten später schallt lautes Schnarchen durch den Schnuckenstall. -- -- --
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»Tee hilft immer«, hat der Ohm Jachl gelehrt. Bei schwacher Brust tut auch ausgebratenes Hundefett Wunder. Ob dies nun eigentlich »schwache Brust« ist? Jachl glaubt es. Zuerst versucht er eine Roggenbreikur. Der bräunliche Brei mit frischer Milch übergossen, ist nicht übel. Und »Fledersaft«, aus getrockneten Beeren des Flieders gepreßt, kann auch nicht von Schaden sein. --
»Bloß nich mit die Doktors anfangen.« So oft hat es der Jachl gehört, daß er »die Doktors« unmöglich Gelehrsamkeit zutrauen kann. --
Jagten die Schnucken ihren Schäfer nur nicht immer über Stock und Stein! Mit dem Laufen will's gar nicht wie früher werden. Auf sandverwehtem Heidewege kommt einer oft ins Stolpern, und gerade beim Stolpern sticht's dem Jachl immer in der Brust.
Geholfen haben ja Fliedersaft und Roggenbrei und Hundefett, ja, das haben sie, aber so recht ist dem Jachl doch noch nicht. --
Am liebsten hockt er und flicht Körbe, ja, sogar das bisher von ihm so verachtete »Knüttzeug« nimmt er zwischen die Finger. Lang sind die Finger und so weiß die Haut, als fühlten sie niemals die Sonne, die doch wahrlich genug auf ihnen gebrannt hat. -- -- --
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Heide, du taufrische, braune Heide, die du melancholisch oder jubelnd dahinfließt, weißt du, daß du -- (ach, lächle nicht) Persönlichkeiten bildest? Du bist nicht ruhmgierig wie die große Stadt. Du biegst und zerrst nicht absichtlich an Tier und Pflanzen und Menschen. Du breitest nur deinen Himmel über sie -- unabsehbar weit; in deine große Stille nimmst du auf. In deine schimmernde Stille, und du lässest gewähren. Du mahnst ganz leise, daß es nicht lohnt (daß es vielleicht nur lächerlich ist) gewichtig auf etwas Großes loszustürmen, weil du weißt, wie klein auch das Große in der Nähe wird, wie es Farbe und Form verändert. Du prahlst nicht mit großen Zielen. Du verschwendest ganz einfach nur dich selbst, du einsame Schöne. Verschwendung ist deine Beredsamkeit, ist deine Bildnergabe, ist der Same, den du ausstreust.
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Jachl, der nichts ist als der Scheper, als der Bauernjunge, ist dennoch vielleicht durch die Heide »auch einer« geworden! Nicht allein durch die Heide, aber mit ihrer Hilfe. Ja, das ist er! Ganz bestimmt! Er hat nicht nötig, sich vor einem Stadt-Lehrling oder vor einem Studenten oder vor einem Prinzen zu schämen, obwohl er doch nur eine blaugefärbte Leinenweste mit zwei Reihen blanker Knöpfe trägt und eine schirmlose Mütze, die aus der Haut eines jungen, schwarzen Schnuckenlammes genäht ist. Von Lackschuhen und gestickten Chemisetts und von all dem »Nötigen«, welches ja wohl ein junger Mann haben muß, ahnt er gar nichts. Aber -- nein -- verstecken braucht er sich doch nicht, mein Jachl. Besonders wegen seiner Gedanken, meine ich. Und Gedanken sind ja wohl die Hauptsache.
Woran Jachl eigentlich denkt? Nie an Großartiges, immer nur an Gewöhnliches; etwa an Vieh oder an Weide oder an Wollhandel oder an Torfstechen oder an Runkelrüben oder an Kleinknechte oder Großknechte und was dergleichen mehr ist, -- aber, ja, ein Aber ist dabei.
Welch ein Aber? Man muß es wohl fühlen, glaube ich. Zu erklären ist es kaum.
Gedanken haben auch ihren Schein und ihren Schimmer.
Vielleicht habe ich meinen Jachl nur so gern, weil ihm nie die Vorstellung kommt, daß es auf Erden Menschen gibt, die es viel, viel besser haben als er. Er läßt Dornen, Dornen sein und Rosen, Rosen; er sucht gar nicht immer nach den Bergen; er sieht viel Schönes auch im Tal. -- --
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Lieschen hat in einem ihrer Briefe erklärt: »ein Schäfer, der immer nur auf der Heide rumsitzt, ist was Langweiliges«. Na, denn muß Jachl doch auch mal einen Sonntagstanz im nahen Kirchdorf probieren. Was sein muß, muß sein! Lieschen wird es wohl verstehen! Mädchen verstehen sich auf so was besser. -- Von Jachls mangelhafter Gesundheit weiß sie nichts. Wäre sie in seiner Nähe, so hätte sie ihn längst von sich und seinen Schnucken fortgelockt. Wie sang sie doch immer:
»Komm, tanz mit mir, tanz mit mir, Ich hab' 'ne bunte Schürze für« -- --
und angesehen hat sie Jachl dabei immer! Nun sie fort ist, merkt er erst, was für eine Mordsdirn sie ist.
Frauensleute sind so schwer zu kennen wie Schnucken. Sie haben auch so was Unsicheres wie die. Man muß eigentlich auf beide den ganzen Tag aufpassen; plötzlich sind sie weg, wenn man auch noch so gut zu ihnen gewesen ist. Hat sich eine verlaufen, so weiß man auch nie, wie und wo man sie wieder zu sehen bekommt. --
Jachl beugt vieler Unzufriedenheit im Leben mit einem leicht Geseufzten: »Was soll man dabei tun?« vor. Sobald er bis zu dem Gedanken gekommen, ist er auf dem Wege sich abzufinden.
Was soll man dabei tun? Wie Sonne und Regen kommen, ohne daß man sie holt, so überläßt er dem lieben Gott auch alle anderen Schwierigkeiten, an denen er, der Schäfer, allein doch nicht viel ändern könnte.
Jachl beginnt die Vorbereitungen für seinen Vergnügungsgang, indem er sich in die Spiegelscherbe sieht, die er noch im Stall vorgefunden hat, als er einzog. »Spack« sieht er aus; das ist wahr. Wer weiß, ob ihn eine zum Tanzen mag. Er hat ordentlich Angst. Schließlich trösten ihn die vielen Stoppeln, die auf seiner Oberlippe sitzen, die müssen Eindruck machen und das Helle, welches sogar schon an seinem Kinn sproßt, auch. --
Der Stallstellvertreter ist für einen Tag gekommen. Jachl summt wie ein Alter:
»Morgen is Sündag! Dor smitt de Bur de Plünn' (die Lumpen) ab.«
Großartig kann er sich herausstaffieren. Lang genug hat er des Ohms alte Truhe durchsucht. Er fand Stulpenstiefeln und ein rotes Halstuch und eine rote Weste mit Messingknöpfen. Lieschen würde Augen machen. Schad', daß sie nicht im Kirchdorf, oder daß nicht eine andere Dirn dort, die auf ihn wartet. --
Schon von weitem hört Jachl das Karussell. Ordentlich springerig wird ihm. Er sieht sich um, ob er allein ist, dann schießt er mehrmals Purzelbaum. Zuerst kommt er bei dem Bandhändler vorüber, der seine Waren auf einer Scheunendiele ausgelegt hat. Jachl klappert zwar mit den wenigen Münzen in seiner Tasche, aber beim Klappern läßt er es bewenden. --
Im Weitergehen hört er in verschiedenen Gastwirtschaften »Mesik«. Er weiß nicht recht, kann er tanzen oder kann er nicht tanzen. Er glaubt, daß er es kann. Aber mit »welcher« soll er gleich stundenlang, wie es Brauch ist, zusammen bleiben? Musternd tritt er in das erste beste Gasthaus ein. Nicht eine Dirn ist da, mit der zu hopsen es ihn gelüstet. Rasch trinkt er einen Kümmel, ehe er in einer anderen Wirtschaft weiter nach einer Tänzerin sucht. -- Hier nimmt er ein Bier und dort einen Schnaps und immer so weiter, bis er in allen Häusern gewesen ist und auf den Beinen so unsicher, wie wenn er ein Mädchen im Arm einen halben Tag ohne Unterbrechung herumgeschwenkt hätte. --
»Wie sieht der Jung' aus«, sagen die Bauern.
»Käsig, na ja, das kommt von's Vergnügen«, setzen sie verständnisvoll hinzu, stoßen sich an und kichern.
Gelangweilt drückt Jachl sich von einem Platz auf den anderen. Längst ist er mit seinen Lieblingsgerichten durch. Er kann doch nicht immer weiter Rauchfleisch essen und Quetschkartoffeln mit ausgebratenem Speck und Weizenklöße mit getrockneten Zwetschen. -- Anfangs fallen ihm seine verlassenen Schnucken ein, bei denen hat er es doch am besten. Je mehr Branntwein er trinkt, je rascher laufen die Gedanken von den Schnucken fort zu Lieschen. Dideldumdei! Dideldumdei!
Niemand wirft besorgte Blicke auf meinen Jachl. Sein helles Haargestrüpp, das er so fein mit Wasser fest zusammengeklebt hatte, steht ihm längst wieder richtig hoch zu Berge. Das Halstuch hat er abgerissen, es hängt halb aus der Hosentasche hervor. Ihm ist heiß geworden und übel, gräßlich übel, und der Kopf schmerzt nicht wenig. Die schöne, rote Weste ist begossen, zwei ihrer Metallknöpfe hat er verloren. -- Keiner hat mit ihm Mitleid. Weshalb sollte auch hier einer mit einem großen Bauernjungen Mitleid haben, der halb betrunken ist? Solchen Luxus gewähren die Heidjer einander nicht. Mitleid hat man mit einem, der sich den Kopf blutig geschlagen hat; was sonst innen im Kopf schmerzt, darum kümmern sie sich gegenseitig nicht. --
Jachl bleibt wie ein Stück Holz in einem Winkel der Gaststube liegen. Er wird gezupft und gerufen, bis er die Augen aufreißt, so weit aufreißt, als ihm möglich. Gottes Donnerwetter! Wie brummt ihm der Schädel!
»Na, warte Lieschen, das nennst du Vergnügen?«
Vorsichtig stellt er sich auf die Beine. Er gibt sich einen derben Ruck. Vorwärts! Es geht! --
* * * * *
Der erste leichte Frost liegt auf der Heide. Nichts rührt sich über dem Moor. Ein wenig taumelt Jachl. Wohin sind bloß alle lustigen Vögel geflogen? Die frechen Meisen und die ängstlichen Goldhähnchen, der Buntspecht und der Reiher, die Drosseln und die fröhlichen Finken? Sie alle scheinen in Jachls Schädel zu rumoren. Gewiß wollten sie nichts mit dem kalten Nordostwind zu tun haben, der den Schäfer jetzt umpustet, und der ihn wieder lebendig macht, ihn fest aufrecht auf die Beine stellt. »Je, je,« stöhnt Jachl von Zeit zu Zeit vor sich hin, »is sowas Vergnügen?«
Wütend stampft er über das heut nacht ganz weiße Moor. Hart gefroren ist es noch nicht; man überschreitet es, als wäre man leicht gewiegt.
Groß und grau läuft Jachls Schatten neben ihm dahin. Eine Eichkatze springt über den Weg. Ehe er es noch richtig merkt, trabt er zwischen großen Flocken weiter. Der erste Schnee! Rasch, immer rascher fällt er herab. Nach einer Viertelstunde hat er jedem Baum und jedem Busch und jedem Hügel ein funkelnagelneues Gewand angezogen. Gar nicht zum Wiedererkennen sind sie. Jachl lacht. Breit und dick geworden sind alle miteinander. Ganz putzig sehen sie aus, Bäume beinah wie Berge. --
Kein Schritt des einsamen Wanderers schallt mehr in die Weite hinein; nur seine Fußtapfen sind zu sehen; zu hören ist nichts von Jachl. -- Vor einem kleinen Sumpf bleibt er einen Augenblick stehen. »Wie braunes Bier«, denkt er und schüttelt sich. Bier und Branntwein sind noch nicht aus Jachls Kopf heraus. Keinen Tropfen bringt er so rasch wieder über die Lippen. Das nimmt er sich vor.
In der weißen Stille ist sein Schnuckenstall schwer zu finden. Verschwunden scheint er zu sein, fortgehext. So genau der Schäfer auch Weg und Steg kennt, in dieser Nacht geht er in der Irre. Alles ist weiß; alles hat Form und Farben verändert. Vorsichtig tastet Jachl von einem Baum zum andern. Jetzt aber greift er ins Leere. Seine Hand faßt nur Luft. Er überlegt: Stehenzubleiben ist das Klügste. Und abzuwarten. Das Wetter hat sich ja immer wieder geändert, wird es auch in dieser Nacht. Wenn nicht in der Nacht, so doch am Morgen oder am Vormittage. Nur Geduld muß einer haben, dann kann ihm hierbei nichts passieren. --
Jachl weiß nicht, ist's der weiche Schnee, der nachgibt oder ist das Moor auf diesem Fleck noch so weich und schwankend. Schwankt der Jachl oder das Moor?
»'s wird noch immer der Kümmel sein«, entscheidet er selbst, geärgert über seine Vergnügungsreise. Er schwört, nie mehr eine zu machen, höchstens mal mit Lieschen; da paßt denn einer auf den andern auf.
Im Eifer des sich Gelobens merkt Jachl anfangs gar nicht, daß er bedenklich tiefer in das weiße Moor gerutscht ist. Bis über die Knie steckt er darin. Jähes Entsetzen packt ihn. Fürchterlich wird ihn zumute. Das Leben kommt ihm plötzlich so munter vor und der Tod so traurig.
»Nein -- nein -- nicht sterben,« schreit er, »nicht sterben«; ohne aufzuhören, gellend nur die beiden Worte -- kreischend -- brüllend, dann leiser, immer leiser werdend -- wimmernd »nicht sterben -- nicht sterben -- nicht -- sterben« --
Gleichgültig und lautlos fällt der dichte Schnee hernieder. --
Jachl kennt die Gefahr, in der er sich befindet. Rührt er sich, so geht's vielleicht noch rascher in die Tiefe. -- Heiße Lebensgier foltert ihn. Was tun? Was tun? In Todesangst fängt er plötzlich an zu flöten, so laut und schallend, wie er nie bisher im Leben geflötet hat. Vielleicht geht ein Mensch in der Frühe durch die Heide und lauscht und sucht, woher der Schall kommt. Jachl kann nicht mehr schreien, nicht mehr brüllen, nicht wimmern; all seine Kraft hat sich ins Flöten umgesetzt. Er flötet, er flötet, als sei das Aufhören sein sicherer Tod.
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Am Moorgraben entlang gehen zwei Heidejäger durch die weiße Wüste. Erwartungsvoll halten sie Umschau. Sie lauschen. Sie stieren auf einen Punkt, und sie erkennen, daß da im Schnee etwas steckt, etwas, das man retten muß. Behutsam wagen sie sich näher heran. Sie halten dem Jachl einen langen, festen Speer hin, den sie bei sich tragen. Vorsichtig greift er zu, fest, ganz fest; dabei hört er nicht zu flöten auf. Ja, wahrhaftig: der Schäfer hat flötend dem Tode den Rücken gekehrt.
* * * * *
Kehrte Jachl dem Tode wirklich den Rücken? Sicher ist es nicht.
Zuerst hat der Viehdoktor den Kopf geschüttelt. Weshalb sollte der es nicht auch verstehen? »Vieh ist Vieh«, sagt er, wenn er mal statt eines Ochsen einen Knecht zu behandeln bekommt.
Monate sind seit Jachls Tanzreise vergangen. Längst lagert er wieder mit seinen Schnucken in der Sommerglut; längst schwätzen wieder allerlei Vögel im Schilf und in den Büschen.
Die Mücken sind ein wenig zu dreist gewesen. Sie haben einigen Schnucken große Wunden beigebracht. Vergeblich hat sie Jachl mit Teer und Wagenschmiere eingerieben. »Vielleicht haben giftige Schnaken das Unheil angerichtet«, denkt er. Gegen die kommt er wohl doch nicht allein an. Den Tierarzt muß er holen. Für ihn, den Schäfer, ist's wie halbe Schande. --
Komisch geht es wohl auf der Welt zu! Wohin wäre mein Jachl ohne den Tierdoktor gekommen? --
Stolz ist der Schäfer, daß der gelehrte Mann seine Herde lobt. Dem Erfahrenen sind die gut abgerichteten Hunde ein Beweis, daß er es mit keinem zu tun hat, der beschränkt oder nachlässig oder kenntnislos ist. Er würdigt Jachl langer, intimer Gespräche über Heidekrautweide und ihres Wertes für die Lämmer. Jachl antwortet wie ein alter Schäfer; er weiß, daß er hierbei mitreden kann. Aufs »Zufüttern« kommen sie und auf »Lebendgewicht«. Dabei sieht der Viehdoktor Jachl an und meint, »du hast nicht viel mehr wie deine beste Schnucke, sorg' lieber zuerst für dein eigen Lebendgewicht«.
Jachl ist in der Freude über das fachmännische Gespräch ganz erregt, seine Backen brennen. Das bißchen Husten hat er ganz vergessen. Der Viehdoktor aber denkt, als er davonfährt, »dem schick ich unsern Landarzt, der hat ihn nötig«.
Und er tut's.
So kommt es, daß Jachl, der doch nichts von »die Doktors« hält, ihnen in die Finger fällt. --
»Na, denn zieh dich mal aus«, sagt der Arzt freundlich.
Was macht der Mann bloß alles! Er klopft auf Jachls Brust, er klopft auf Jachls Rücken, er legt sein Ohr dicht auf Jachls Herz. Als er fertig ist, setzt er sich gemütlich auf einen Schemel im Stall hin und sagt seelenruhig nur ein einziges Wort: »Lungenheilstätte.«
Woher soll ein Schäfer wissen, was das ist? Im Lehrbuch für Schafzucht stand nichts davon.
Der Doktor erklärt, aber Jachl versteht nur so viel, daß er von den Schnucken fort soll.
Das ist doch gar nicht möglich! Zuerst ist er stumm, und dann fängt er an auseinanderzusetzen, weshalb er hier bleiben muß. Aber der Doktor, der zuerst so freundlich war, sagt grob: »Papperlapapp, dann stirb man hier.«
Fürs Sterben ist Jachl aber immer noch ebensowenig wie damals, als er im Moor beinah erstickt wäre.
Unruhig dreht er sich an diesem Abend auf seinem Lager hin und her und denkt wieder kläglich: »Nicht sterben -- nicht sterben.« -- --
Eine umfangreiche Schreiberei beginnt. Papiere müssen beschafft werden. Der Landarzt sorgt dafür, daß alles ordnungsgemäß angebahnt wird. Wochen vergehen aber doch, bis Jachls Abreise nichts mehr hindert.
Ach, diese letzten Wochen! Wieviel muß Jachl ausstehen! Sein Herz ist nicht krank, es ist sogar riesenstark, daß es _soviel_ Kummer aushält. Ja, es ist wahr: Jachl läßt keine Mutter zurück, keinen Vater, keine Geschwister, keine Braut, er hat gar keine Ursache sich zu grämen. Aber fragt ein Herz nach Ursache, wenn es sich bedrückt und beengt fühlt? Sind da Grund und Ursache entscheidend?
An die große Stadt, in deren Nähe das Rote Kreuz seine Heilstätten hat, mag er gar nicht denken. Da sollen doch soviel schlechte Leute leben! Und neumodische Gewohnheiten werden sie haben! Wohl alle mit Hüten auf'm Kopf. Mützen und Kappen sind da nicht angesehen. Das hat Jachl ja auf Lieschens Bild gemerkt. Überhaupt: Stadtmenschen mögen ja auch ganz ordentliche Menschen sein, aber man muß sich erst sehr an sie gewöhnen. Ein Schnuckenschäfer wird wohl in Berlin gar nicht estimiert sein. Das ahnt Jachl schon im voraus. Sie sollten ihn aber nur mal fragen, wie schwer ein ordentlicher, zuverlässiger aufzutreiben ist. -- Seinen Nachfolger hat er schon vier Wochen einstudiert. Jachl will nichts Schlechtes von Jochem sagen, aber soviel steht fest: Schäferverstand hat der nicht! Immer ist Jochem gleich mit der Schäferschaufel bei der Hand, wirft mit ihr Erde zwischen die Herde und beunruhigt die armen Tiere. Jachl regiert sie mit einem einfachen Zuruf. Jochem aber jagt sie bald zusammen, bald auseinander, ohne Sinn und ohne Verstand. Was wird das bloß werden, wenn Jachl erst fort ist? So jung er noch ist, diesem geringen Hütejungen ist er haushoch »über«. Das weiß auch der Dienstherr. »Jachl,« hat er gesagt, »Jachl, deinen Posten kannst du immer wieder haben, aber du wirst das Zurückkommen auch vergessen, wie die Jungens alle aus'm Dorf.«
Ja, das hat er gesagt. --
Heute packt Jachl. Zuerst kommen alle alten Männer- und Frauentrachten aus des Ohms Truhe heraus, und dann kommen Jachls Schätze hinein. In den hochgewölbten Deckel der tannenen Truhe hat er die feinsten Bilder geklebt. Ein Jesusknäblein wird ihn jedesmal anlächeln, wenn er aus der Truhe etwas herausnimmt, und der feingepinselte Spruch, den Lieschen einst gleichgültig am Boden hat liegen lassen: »Fürchte dich nicht, glaube nur!« Nie hat Jachl über den Sinn der Worte nachgedacht, aber es kommt ihm vor, als könnte es gut für ihn sein, ihn mit auf die Reise zu nehmen. --
Auf das Gespann seines Dienstherrn ladet Jachl sein Gepäck. Er darf nicht, wie er wollte, es allein schleppen. Ganz streng hat es der Doktor verboten. Seitdem er krank sein soll, reden sie ihm in alles rein. Jachl war das gar nicht gewöhnt. Seinen Schnucken war doch alles recht. Was soll man aber dabei tun?
Am letzten Abend haben sich die Schnucken wie immer um ihren Schäfer gedrängt. Jachl klopft und streichelt jede besonders freundschaftlich. Keine merkt etwas von dem Verlust, der ihr bevorsteht. Überhaupt, keiner ist da, von dem Jachl wirklich Abschied zu nehmen hat mit Küssen und Drücken, bevor er auf den Wagen klettert. Und doch drehte er am liebsten wieder um, nachdem er ein Stückchen zugefahren ist. Aber er weiß, hier ist seines Bleibens nun nicht mehr. Was hätte Umkehren für Sinn?
Er heult ein bißchen, wirklich nur ein bißchen, als er nichts mehr von Jochem und den Schnucken sieht.
Zuletzt, ehe der Leiterwagen in die Stadt rasselt, sieht Jachl, wie ein Dummerjan, nur in die Höhe, immer in den Himmel, grad' wie damals, als er wie besessen nach dem Luftschiff sah. Er fühlt plötzlich, von wem er jetzt Abschied zu nehmen hat: vom Himmel! Ja, wie sie auch mit Berlin prahlen mögen, _so_ viel Himmel wie hier kriegt er nun nicht mehr zu sehen. So viel Himmel haben sie da nicht. So viel Himmel können sie sich für all ihr Geld nicht kaufen. --
Noch in der Eisenbahn drängt Jachl sich vor, steckt den Kopf so weit als möglich heraus und sieht hoch _nur_ in den Himmel. Nachher wischt er etwas Feuchtes aus den Augen. -- --
* * * * *
Ich will hier gleich berichten, daß sich mein Jachl, obwohl er ungeschickt und unerfahren ist, in dem neuen Leben nicht wie ein Dümmling anstellt. Er merkt rasch, sein Heideverstand gilt schon auf der Reise nicht mehr viel.
So unterschiedlich hat er sich die Menschen doch nicht vorgestellt! Welche, die in die vornehmste Klasse steigen, sehen ganz komisch aus mit all dem Zeug, was sie auf'm Leib tragen. Müssen die viel Geld haben! So viel Geld kann sich Jachl gar nicht vorstellen. Warum kaufen sie aber nicht mehr Zeug für ihre Röcke? Sie sind doch viel zu eng; ganz ausgewachsen sehen sie aus, grad' so wie Jachl in seinem Anzug. Und was schleppen sie nicht alles an sich herum, was schwer sein muß, besonders auf'm Kopf.
Auch die in der *IV*. Klasse sind anders wie Leute in Lüttersloh, aber ganz so schlimm wie die Feinen sind sie nicht. Je länger Jachl reist, je mehr anders werden sie.
So oft der Zug hält, glaubt er: das ist Berlin! Jede Stadt kommt ihm beklemmend groß vor mit ihren vielen Schornsteinen, mit Soldaten und Droschken und Straßenbahnen. _Noch_ größer und höher soll ja aber Berlin sein.
Endlich, endlich, Gott sei Dank, ist es da.
»Berlin! Alles aussteigen«, ruft der Schaffner um 6 Uhr 1 Minute frühmorgens.
Jachl folgt seinen Bahngenossen. Er läßt sich bis zur Sperre mit durchschieben. Draußen studiert er nochmals den Zettel, auf dem ihm die Weiterfahrt genau aufgeschrieben ist. -- Einige Stunden muß er sich wohl Berlin ansehen. Das geht doch nun nicht anders. Wird das eine Arbeit sein!
Mit dem wenig Himmel -- er sieht es gleich -- das stimmt! Solch Gewimmel ist immer zwischen den hohen Häusern, wie wenn Schnucken sich zusammendrängen. Jachl kommt es immer so vor, -- er weiß wohl, das ist nur Dummheit von ihm -- als wackelten die Häuser mit den vielen, vielen Fenstern. Vor einem Fleischerladen bleibt er stehen. Die Hammel, die er prüfend betrachtet, sind das erste Vernünftige, was er in Berlin sieht. Am liebsten rührte er sich hier nicht vom Fleck. Der Lärm der Straße ist ja, wie wenn immerfort Gewitter wäre.