Der Schäfer: Eine Geschichte aus der Stille
Chapter 2
Etwas Furchtbares muß er getan haben. Etwas, wofür sie ihn prügeln werden und schimpfen, wie niemals vorher. -- Nach einer Weile streckt er seinen schlanken Bubenhals in die Höhe und klettert auf einen hohen Steinhaufen. Aus des Ohm kleinem Häuschen sieht er große Flammen züngeln, und alle Leute laufen mit Wassereimern durch die Straßen. --
Jachls Herz klopft. Ganz kalt sind seine Finger. Er hört wie der Ohm und die Nachbarn ihn rufen: »Jachl -- Jachl!«
Soll er sich melden?
Je später sie ihn finden werden, desto besser für ihn. Das ahnt er. Aber immer lauter ruft die heisere Stimme, die er so genau kennt: »Jaachl -- Jaachl -- Ja -- achl!« --
Alle sind sie zusammengelaufen: der Gendarm und der Schullehrer und der Dorfschulze, die Bauern und die Knechte. Sie alle jammern: »Ist der Jachl verbrannt? Wo ist Jachl?« -- Der Ohm sorgt nicht um sein bißchen Hab und Gut; nur an den Jungen denkt er. --
»Ja--a--chl!«
Endlich macht sich Jachl auf den Rückweg. Ganz behutsam schleicht er heran --
Wenn sie ihn nur nicht gleich sehen! -- --
Es ist geschehen!
Des Müllers Knecht hatte die besten Augen. --
»Halloh -- halloh -- --«
Der Ohm weint, weint wie ein kleines Kind. Er hört gar nicht auf zu schluchzen. Den Stock haben nur die Nachbarn bei der Hand. »Der verfluchte Bengel!« hört sich Jachl nennen. »Brandstifter!« ruft eine andere Stimme. »Unglückswurm -- von Gott Verlassener!«
Jachl rührt sich nicht; er weiß nicht, was das ist: »Brandstifter« und »von Gott Verlassener«. Dicht zum Ohm hat er sich gestellt; vermutlich -- er ahnt es dunkel -- wird der es nicht erlauben, daß die andern zu toll losschlagen. Püffe und Stöße hageln aber doch reichlich auf ihn nieder. --
Endlich steht der Sünder schluchzend allein neben den Mauerresten im Rauch. Jachls Tränen gelten nicht so sehr den Püffen, als der verworrenen Ahnung des Unheils, das er angerichtet hat. Alles, was der Ohm und er besessen und lieb gehabt haben, sieht er verdorben. Das meiste ist verbrannt. --
Abend ist's geworden. Beide merken es kaum. Ohne sich erst noch nach einem anderen Asyl umzusehen, wenden sie sich dem verfallenen Ställchen zu, das ihre einzige Schnucke beherbergt. Platz genug werden sie finden, um sich auszustrecken. Jachl fegt mit einem dicken Strauchbesen die Schlafstelle sauber, bevor er ein paar alte Tücher, die Nachbarsleute herbeischleppten, auf den Boden wirft. Wenige Minuten nur und beide schlafen. Sie besitzen nichts, auch nicht Nerven, die sie ruhe- und schlaflos machen könnten.
Durch die kleine Luke fällt ein Mondstreifen. Friedlich schnarchen Ohm und Jachl. Sie scheinen zu lächeln: der Kleine vielleicht, weil er weiß, daß er einen Beschützer hat, und der Alte, weil er fühlt, daß er auf Erden noch jemandem nötig ist. --
Erst der nächste Morgen zeigt ihnen deutlich, was sie verloren haben. Wie in die Trümmer eines Palastes schauen sie auf ihre vernichtete Hütte.
Ohne langes Besinnen fängt Jachl an mit einem Beil zwischen dem Schutt zu rühren. Zu heiß ist er noch für seine Hände. Jeden Scherben, den er aus der glühenden Asche holt, begrüßt er glückselig. Behutsam legt er ein Stück auf das andere. Einen ganzen Berg schichtet er rasch auf; wie ein Schatzgräber jubelt er bei jedem Fund.
Im Dorf wundern sie sich sehr über soviel Schlechtigkeit. _Sie_ wissen ja nichts von der Seele eines Kindes; auf so Kostbares verstehen sie sich nicht. Höchstens meint der eine oder der andere entschuldigend: »Er is ja noch zu klein«, oder: »Er weiß doch nicht, was er angerichtet hat«, oder: »Gott sei Dank, daß er nicht meiner is.«
Mittags, als der Ohm von der Arbeit heimkehrt, gräbt Jachl immer noch so eifrig, wie wenn er sich die schönste Burg baue. Trotz allen Bemühens bleiben die beiden aber von jetzt ab Stallbewohner. Zum Wiederaufbauen der kleinen Hütte langt des Alten Beutel nicht. So voll wird seine Kasse auch niemals werden. Der Ohm ist schon zufrieden, etwas Ähnliches wie eine Stube an den Stall geklebt zu haben. Eine Kochgelegenheit töpfert er auch zurecht.
Um den Jachl haben alle ein paar Tage einen weiten Bogen gemacht. Rasch ist der Bogen kleiner geworden. Seine Freunde wissen eine Weile nicht, ob sie ihn nun als Helden, Indianer oder Bösewicht behandeln sollen. Jedenfalls rufen sie den Stallbewohner nur noch neckend »Scheper«. Und weil sie wissen, daß dieser Schäfer nichts zu hüten hat, brüllen sie höhnend:
»Scheper, Scheper, dudeldei, Lät de Schap in unse Wei (Weide).«
Jachl hat aber nicht lange Zeit, sich über ihr Gebrüll zu ärgern. Er wird in die Schule geschickt. Ein anderes Leben beginnt. --
* * * * *
Solche große Stube, wie die Klasse ist, hat Jachl noch nie betreten. Er berichtet dem Ohm, daß da alle stillsitzen müssen, und daß er nun »Joachim« heiße, ganz großartig: »Joachim«. Zuerst habe er, der doch der »Jachl« ist, gar nicht gewußt, daß er gerufen sei. Aber gefallen tue es ihm, und wehe dem, der ihn von jetzt ab anders nenne; bloß der Ohm, der darf, weil er doch schon so _alt_ ist, weiter »Jachl« rufen.
Joachim malt in stiller Begeisterung Buchstaben. Niemand kümmert sich um seine Schularbeiten, wie sich niemand um seine Spiele bekümmert hat. Er buchstabiert eifrig; nicht, weil er fleißig zu sein für nötig hält, sondern weil er neugierig ist, »was kommt«. Bevor er ein halbes Jahr zur Schule geht, kennt er sein Lesebuch auswendig, jedes Gedicht und jede Geschichte. Immer hat er an dem Ohm einen geduldigen Zuhörer. »Verstehste auch, Ohm?« fragt er fortwährend. Jachl hat das nicht unbegründete Empfinden, daß das Nicken des Alten mehr der Gewohnheit, als dem Verständnis entspringe. Furchtbar laut muß er sprechen; der Ohm ist im Laufe der Jahre recht taub geworden. Sehen kann er auch schlecht. Daß man einen Arzt fragen könnte, fällt beiden nicht ein. Fürs »doktern« war der Alte nie. Auch nicht fürs Nachdenken. --
»Ohm, wo bleib' ich, wenn du tot bist?« fragt ihn der Junge.
»Ich leb' schon noch, Jachl.«
»Aber, wenn du sterbst?«
Ein bißchen Angst irrt manchmal durch Jachls Kopf; nur ein schwaches Ahnen, daß es Kinder besser haben könnten als er. Vielleicht nicht besser, nur anders. --
Wenn Freiheit wirklich immer eine köstliche Gabe wäre, so müßte Jachl zu den Großgrundbesitzern gezählt werden. Sicher ist, daß er sich solchen Besitzes nicht bewußt ist, und daß er zu jung ist, um nicht oft durch ihn gefährdet zu werden. --
Kein Auge ist da, für das sein Anzug zu schlecht oder zu dünn ist. Vor drei Jahren erbte Jachl seinen jetzigen von des Schulzen Sohn. Damals schlotterte er ihm um die hageren Glieder. Nun strecken sich schon lange seine Arme weit aus den kurzen Ärmeln hervor. Entgegen dem Brauch, daß zuerst die kurzen Hosen an die Reihe kommen und später die langen, hält's der Jachl umgekehrt. Nur noch bis knapp über die Knie lassen sich die Hosen, deren Farbe längst unergründlich geworden ist, ziehen. --
Jachl kennt kein Kranksein. Einmal hat er Zahnschmerzen gehabt. Der Ohm erbot sich sofort zum Ausziehen. Ohne lange Vorbereitung -- trotz unsicheren Erkennens -- riß der Alte wirklich den richtigen Missetäter heraus. Jachl brüllte eine Minute auf, aber er zweifelte nicht, daß das Ausziehen eines Zahnes immer so, nur so erledigt werden könne. --
Nach einer Keilerei auf der Dorfstraße kommt eines Tages der Achtjährige mit der Frage auf den Alten zugesprungen:
»Du, Ohm, wo is'n eijentlich mein Vater?«
»Weiß Gott, wo sich der in die Welt rumtreiben tut!«
»Un meine Mutta?«
»Weiß ich auch nich -- >unbekannt verzogen<!«
Die Hütte, in der die Beiden wohnen, hat allmählich einen sonderbaren Wandschmuck bekommen. Zu Beginn der Osterferien bringt Jachl immer ein großes, bedrucktes Blatt heim, auf dem von Rosen bekränzt die Worte zu lesen sind:
»Weil du von jeder bösen Sache Dich ferne hieltst und sittsam bliebst Und aufmerksam in jedem Fache Dir möglichst alle Mühe gibst, So nehme hier zum Angedenken Dies Ehrenblatt als Zeichen an, Daß du in allen Gegenständen Nach Möglichkeit genug getan, Und trag' es heim als Augenweide Zu deiner Eltern Trost und Freude.«
Behutsam klebt Jachl seine Ehrenblätter an die Wand, eines und noch eines und wieder eines dazu. Längst kennt er die roten Tintenstriche, mit denen der Herr Lehrer durch das: »Zu deiner Eltern Trost und Freude« fährt, und die gleichmäßigen Buchstaben, die dafür seines Ohmes Trost und Freude verkünden. Ihm erscheint der schöne Vers deshalb nicht weniger schön. Nur -- Trost? Der Ohm hat gar keinen Trost nötig, und von zuviel Freude ist ihm beim Anschauen des Ehrenblattes auch nichts anzumerken.
Gar soviel Wissenschaften werden vom Herrn Lehrer nicht gefordert. Nur die nötigsten Fächer beschweren die Köpfe seiner Bauernjungen. Wieviel Jachl trotz guten Aufpassens nicht begreift, kommt in der Schule nie ans Tageslicht. Da ist in der Religionsstunde oft von sittlicher Kraft die Rede. Kraft zum Puffen und Stoßen, die ist den Jungen in der Schule nichts Unbekanntes, aber sittliche Kraft ist nur mangelhaft in ihren dicken Schädel zu bringen. Ohne Stocken hat Jachl in der Christenlehre die Worte aufgesagt: »Der Gottlosen Rotte beraubt mich, aber ich vergesse deines Gesetzes nicht.« Zwar weiß er nicht, wann der Gottlosen Rotte ihn beraubt hat, aber alles, was der Herr Lehrer aus der Bibel verkündet, das soll wohl stimmen. Also bemüht sich der Schuljunge auch an diese Beraubung zu glauben.
* * * * *
Je länger ich meinen Jachl kenne, je mehr neige ich der Vorstellung zu, man sollte ihn eigentlich zu den Glückskindern zählen. Immer nimmt er die Dinge, wie sie sind. Dahin haben ihn nicht Überwindung oder mühseliges Überlegen gebracht, sondern angeborene Veranlagung. Vielleicht ist's ein glücklicher Instinkt mit dem er gesegnet wurde; Rebellion steht nicht in seiner Lebensliste, und doch kann man ihn nicht temperamentlos nennen.
Wüßte ich nur, wer sein Vater gewesen! Ich wollte mich gern dem Jachl zulieb tief in alle Vererbungsmöglichkeiten versenken. -- Von seiner Mutter konnte ich auch nicht viel erforschen. Ich habe wohl ihr Kleid gesehen, aber nicht ihr Herz kennen gelernt.
* * * * *
Der Dreizehnjährige ist eigentlich schon der »Ernährer« der Familie. Winzig genug ist zwar ihr Verbrauch, trotzdem darf er sich vor keiner Arbeit scheuen, wenn sie immer satt werden wollen. Geld verdienen erscheint Jachl das Allererste, gleichgültig wie alt einer ist.
Die Schule erlaubt ihm nur Nebenbeschäftigungen. Ställe kann er bei den Bauern scheuern, Kühe melken, Schweine füttern. Jachl findet all diese Arbeiten wundervoll. Er kommt sich sehr wichtig vor. Die braunfleckige Kuh kennt ihn sicherlich, und jedes Schwein grunzt gerade ihn besonders liebevoll an. Der Ohm hat in den wenigen Augenblicken, die Jachl beim Essen neben ihm verbringt, immer nur zu nicken, wenn der Junge von all seinen wunderschönen Erlebnissen berichtet.
Was ist der Jachl doch für ein Seltsamer! Gar keine Anzeichen von »Verwahrlosung« sind an ihm. Wie ein Heidebusch kommt er mir vor, dem kein Wetter leicht Schaden antut. Er kennt es nicht anders, daß allerlei Ungemach über ihn dahingeht. »Was soll man dabei tun? Das ist doch so.« --
Die Heide mit allem, was auf ihr blüht und grünt und atmet, erfüllt beständig seine Gedanken. Zum Stehlen oder Betrügen läßt sie ihn gar nicht frei. Im Winter, im Sommer, immer ist viel Lebendiges auf ihr und gerade das Lebendige lockt Jachl. Er kennt in der Nähe jede krüpplige Fichte, jeden Heideweg, jeden schwarzen Machangelbusch, jeden Schnuckenstall und jeden Scheper. Vor den jungen Maibäumen steht er und betrachtet sie, als könne er sie wachsen sehen. Kein Naturgeschichtsbuch ist in seinem Besitz, aber er hat so gut aufgepaßt, wenn der Ohm und die Schäfer und die Knechte erzählen, daß er schon jetzt richtig mit Tier und Pflanzen umzugehen versteht.
Jachl rechnet seit Monaten die Tage nach, die noch vergehen müssen, bis ihm -- ihm ganz allein -- die Schnucken oder die Gänse oder die Kühe anvertraut werden. Er schwankt, welche Herde ihm die liebste sein würde. In Gedanken lebt er sich abwechselnd mit Schnucken, Gänsen und Kühen ein. Jede Art erfordert andern Verstand. Das weiß Jachl.
Über einen Beruf sich den Kopf zu zerbrechen, bleibt ihm erspart. Vor eine Wahl wird _er_ nicht gestellt. Was sollte er wohl anders werden als Schäfer? Wär's nur schon Ostern! Bis dahin hat der Jachl noch viel Sorgen, aber nachher -- dann -- ja dann hört doch sicher alle Mühsal auf! Einem in der Heide umherwandernden Hütejungen kann doch wohl nichts mehr fehlen!?
[Abbildung]
Noch gehen dem Jachl aber in buntem, wirrem Durcheinander tausend Dinge durch den Kopf: Ein nicht vorhandener Einsegnungsanzug, dann der Konfirmationsspruch: »Auch wenn mein Vater und meine Mutter mich verlassen, nimmt der Herr mich auf«, dazu die Ermahnungen, die der Pfarrer an diesen Satz knüpft, ferner die Sorge, ob der Bauer auch keinen andern zum Hütejungen aussuchen wird, und die Frage, wann das Luftschiff, von dem der Urlauber Schulze gesprochen, wirklich und wahrhaftig im Sommer hier über Lüttersloh fliegen werde?
Augenblicklich steht Jachl tief nachdenklich vor des Ohms Sonntagshose. Der Alte kann sie entbehren; er hat sie ihm geschenkt. Wenn die schlechtesten Stellen herausgeschnitten würden? Sie könnte fein werden. Schneider Kiekebusch gibt sich aber bei _der_ Arbeit gewiß keine Mühe. Jachl dreht die Hose hin und her. Ob er selbst sie zu ändern probiert? Zuerst fängt er an, sie mit Wasser und Seife zu reiben. Vor Eifer wird er feuerrot. Während der Schulstunden hängt er sie zum Trocknen auf eine Stange, die draußen vor dem Stall in die Erde gerammt ist.
An diesem Tage ist das Aufpassen in der Klasse sehr schwer. Wie wird er sein Kleinod wiedersehen? Unverändert speckig und fleckig oder schön rein? Im Galopp läuft er nach Schulschluß die Treppen herunter. Einige Minuten später zeigt er dem Ohm triumphierend seinen Schatz. _Er_ findet die Hose fast so schön wie eine nagelneue. --
Abends spät quält sich Jachl sie enger zu machen. Das kann doch nicht so schwer sein. Zwei Nähnadeln sind aber bereits zerbrochen und noch ist nichts erreicht. Was tun? Mädchen verstehen so etwas besser. Welches sollte er bitten? Einem zu kleinen möchte er seine »schöne« Hose nun doch nicht anvertrauen, und an eine große wagt er sich nicht recht heran. -- Es muß aber wohl sein. Lieschen fällt ihm ein. Er hat sie jahrelang kaum gesprochen. Mit Mädchen hat ein Junge doch nichts zu reden. Gerade jetzt lernt sie nähen; zufällig erfuhr er es. Gräßliche Furcht hat er vorm Ausgelachtwerden. Wer weiß, wie Mädchen sind! Aber er faßt Mut. Es geht nicht anders. Marsch los! Am besten ist's, er versucht sofort sein Heil.
Leise schleicht er sich unters Fenster, um zu hören, ob die Maschine noch klappert. Ja, Lieschen näht. Sie scheint allein in der Stube zu sein. Jachl klopft ans Fenster.
»Was is?« ruft eine junge Stimme.
»Komm mal ans Fenster.«
Lieschen erhebt sich flink. Obgleich sie zwei Jahre älter als der Junge ist, überragt er sie bedeutend. Ginge jemand vorüber, er würde ein Stelldichein vermuten.
Stotternd bringt Jachl sein Anliegen vor. Noch nie hat er mit Mädchen wirklich zwanzig Worte gesprochen. Die Hose hält er Lieschen dicht vor die Augen, um recht genau erklären zu können, wo und wieviel sie abgenäht werden muß. Bereitwillig verspricht sie ihre Hilfe. »Wenn ich sie nur nicht verderbe,« setzt sie unsicher hinzu. Am nächsten Abend soll Jachl sein Eigentum wieder in Empfang nehmen. Klapp! Das Fenster ist zugeflogen. Erleichtert und beglückt springt er nach Hause. --
So nah hat Jachl Mädchen noch nie gesehen. Was sie bloß für Augen haben! Sie leuchten ja toller wie 'ne Stallatern'! --
Jachl, der keine Nacht bisher schlaflos verbrachte, wirft sich unruhig hin und her. »Wird sie sie verderben? Was für feine Hände hat Lieschen, und wie waren ihre Haare? Wahrhaftig, schwarz wie Kohle.«
In Jachls Kopf hat sich Lieschen hineingeschlichen! Ganz breit macht sie sich und treibt ihm alles andere aus der Brust. --
Am nächsten Morgen erhebt es ihn nicht so wie sonst, daß seine Anwesenheit im Stall für jede Kuh eine Freude ist. Er denkt nur an seine Hose und an den Abend. --
Gegen 9 Uhr klopft er an das Nachbarfenster. Strahlend hält ihm Lieschen ihr Werk hin, dabei fragt sie ihn besorgt: »Wo is denn dein Rock? Und hast du einen Hut zur Einsegnung?«
Ja, Rock und Hut und Stiefel! Jachl erzählt, daß ihm der Bauer einen Rock versprochen hat. Noch sehr gut soll er sein, bloß zu groß. Und einen Hut darf er sich neu kaufen, richtig ganz neu. Aber Stiefel? Von der Großmutter stehen noch zwei Paar da; gar nicht schlecht sind sie. Wenn Lieschen sie mal ansehen wollte?
Sie will. Gleich begleitet sie ihren neuen Freund in seine Kammer. Der Ohm schnarcht. Jachl probiert die Stiefel. Je, schon jetzt sind seine Füße größer, als die der Großmutter waren! Wenn er aber tüchtig _zieht_, bekommt er doch vielleicht die Stiefel an. Das Auftreten ist zuerst sehr schwer, aber nach ein paar Minuten tut's schon weniger weh. Und Stiefel »an« werden wohl nie ein Vergnügen sein.
Lieschen entscheidet: Jachl kann die Stiefel ruhig tragen. Niemand werde sie wieder erkennen.
Zum Hutkauf will sie auch mitgehen, und den Rock wollen sie, wie die Hose, gemeinsam herrichten. --
»Na, denn bis morgen, Jachl!«
In den nächsten Tagen lernt Jachl zum ersten Mal in seinem Leben Kranksein kennen. Er mag nicht essen, nicht schlafen, ein furchtbares Brennen in der Brust hat er und ganz lautes Herzklopfen. Seine Beine zittern manchmal, und alles tanzt ihm vor den Augen. Wenn er mit Lieschen etwas bespricht, ist die Krankheit am schlimmsten.
Von dem Ohm hat Jachl die Abneigung gegen die »Dokters« geerbt. Er versucht also allein mit seinem Leiden fertig zu werden. Furchtbar schwer ist's: Schweine zu füttern, Kühe zu melken, Ställe zu scheuern, Konfirmationsunterricht zu nehmen, Schularbeiten zu machen, Garderobennöte zu durchleiden und dabei noch eine Krankheit loswerden zu wollen!
Jachl kocht sich Tee; denselben Tee, welchen auch die Kuh bekommt, wenn sie zuviel brüllt. Ein bißchen hilft er, aber hat Jachl denn überhaupt Zeit krank zu sein? --
Während er neben Lieschen in die nächste kleine Stadt trabt, zittert er wohl noch, aber sie reden doch vergnügt von allem möglichen. Auf dem Heimweg wird er fast gesund. Seinen steifen Hut trägt er gut verpackt unterm Arm. Er hat ihn vor einem langen, breiten Spiegel aufprobiert, der nicht ein bißchen zerbrochen gewesen ist. Zum ersten Mal sieht Jachl sich selber. »Der hellhaarige, lachende, große Mensch -- bin ich der? Wahrhaftig?«
Eine Sekunde durchfährt ihn unbändige Freude.
»Wonach siehst du denn noch immer?« fragt Lieschen, »ein Hübscher bist du, daß du's weißt.«
Jachl hört noch lange: »Ein Hübscher bist du -- ein Hübscher bist du.«
Schneider Kiekebusch muß zur Umwandlung des Rockes doch hinzugezogen werden. Er ist nicht zu umgehen. Lieschen allein wagt sich nicht heran. Jachl bittet erst auch gar nicht lange, denn: »sicher ist sicher«. Hat er doch beim Anpassen der »schönen« Hose mit Schrecken bemerkt, daß Lieschen ein wenig zu viel abgenäht hat, und daß der Hose Straffheit durchaus nicht angenehm ist. -- Großartig paßt aber dann am Einsegnungstage nach Lieschens Urteil der ganze Anzug. Niemand weiß ja, wie sehr Jachl die Schuhe drücken, wie knapp er sich in die »schöne« Hose gepreßt hat, und daß die schwarzen Handschuhe (sie stammen auch noch von der Großmutter) schon die Krümmung eines Fingers zur Qual machen.
In der sicheren Voraussetzung, vom nächsten Tage ab »ein gemachter Mann« zu sein, überwindet Jachl alles Ungemach. --
Einige Minuten lang hat er gehofft, der liebe Gott, von dessen Güte er besonders viel in den letzten Wochen hörte, werde ihn vielleicht gerade an diesem Tage mit Vater oder Mutter überraschen. Es war aber nichts damit. --
Heute sind alle in Lüttersloh wie die Stadtherren angezogen. Jachl kommt sich auch furchtbar nobel vor.
Seine Gedanken sind aber nicht soviel, wie es vorgeschrieben ist, beim lieben Gott. Während des sehr feierlichen Augenblickes des Niederkniens, fällt ihm ein -- ach, es ist schändlich, -- daß ihm ein Regenschirm fehle, und daß gerade ein Schirm in der Hand einen gut angezogenen Burschen immer erst »komplett« mache. --
Am Nachmittag dieses Tages fühlt Jachl wieder sehr die Krankheit. Das kommt daher, weil er von Lieschen Abschied nehmen muß, die sich nach der Stadt vermietete.
* * * * *
In den Wochen ihrer Freundschaft hat Jachl möglichst oft die Nähe seiner einzigen Freundin gesucht. Einmal -- es ist zum Lachen -- als er sich derb gestoßen hatte, und Lieschen ihre Hand vorsichtig auf die blaugewordene Stelle legte, hat Jachl sich versprochen und »Mutter« zu ihr gesagt. Beide haben tüchtig gelacht! Mutter! Nie hat der Junge diesen Namen vorher so zärtlich über die Lippen gebracht. --
Also nach Lüneburg will Lieschen, dorthin, wo die Mädchen statt der Kappen Hüte über die dicken Haarflechten stülpen. In Jachls Vorstellung ist Lüneburg erschreckend groß: groß etwa wie Newyork oder London für erfahrene Reisende. So weit in die Welt wird _er_ wohl nie kommen! Was sollte _er_ auch in Lüneburg? Schäfer werden sie dort mehr haben als sie brauchen, und Jachls Sinnen und Trachten geht ja nur nach dem Schäferstand. --
Bis zur nächsten Bahnstation hilft er Lieschens Korb tragen. Jeder von ihnen hat einen der festen Seitengriffe gefaßt. Im Vergleich zu seinem eigenen Hab und Gut erscheint Jachl Lieschens Besitz an Kleidern und Wäsche riesengroß. Er weiß nicht, wie froh ihre Eltern sind, daß nun wieder eines aus der großen Kinderschar flügge wird und in die Fremde ziehen kann. --
Durch hohen Wacholder schreiten sie in erster Tagesfrühe. Vieles möchte Jachl noch sagen. In Lüneburg, in solch großer, großer Stadt, haben sie gewiß alle einen Schatz. Da stehen ja auch womöglich Soldaten! Diese Vorstellung macht Jachls Krankheit wieder viel schlimmer. Noch einsilbiger als sonst marschiert er weiter. Lieschen verspricht zu schreiben und Jachl zu antworten. Beim Gehen fangen sie zu singen an. Durch den feinsilbrigen Nebel, der sie umzieht, tönt es weniger schön als laut:
Wenn die Hoffnung nicht wär', So lebt' ich nicht mehr; Denn die Hoffnung allein Kann lindern die Pein. Und wie ging es denn hin, Und wie ging es denn her -- Und wie ging es denn her -- -- Wenn die Hoffnung nicht wär'?!
Im Winter muß man Große Kälte ausstahn; -- Und im Sommer da ist's Eine grausige Hitz! -- -- Und wie ging es denn hin, Und wie ging es denn her -- Und wie ging es denn her -- -- Wenn die Hoffnung nicht wär'?!
Zehn-, zwanzigmal wiederholen sie mechanisch die gleiche Weise:
Und wie ging es denn hin, Und wie ging es denn her -- Und wie ging es denn her -- -- Wenn die Hoffnung nicht wär'?! -- --
Lieschen ist in Gedanken schon weit fort. Jeder Schritt bringt sie ja dem neuen Leben näher.
»Schade, daß der Jachl Trübsal bläst,« denkt sie. »Was hat er nur, warum starrt er mich heute immer so an? Er weiß doch, wie ich aussehe.«
Ja, weiß er es denn wirklich? Weiß er, daß er neben einem blitzsauberen Mädchen dahingeht? Ich glaube es nicht. In Lüttersloh haben sie alle rote Backen, lange Zöpfe und lachende Augen. Nur, daß Lieschens ein wenig anders sind als die der meisten, das fühlt er unklar. Aber, wenn sie auch nicht anders wären, der Jachl hätte sich doch mit all seiner unverbrauchten Zärtlichkeit an sie geklammert. Jemand, der für _ihn_ Zeit hat! Jemand, den sein Wohl und Wehe mitberührt! Muß dieser Jemand nicht sein ganzes Herz in Aufruhr versetzen? --
Nur zu rasch taucht der kleine Bahnhof aus dem Nebel auf. Sie kommen eine Stunde zu früh. Solche Reisenden wie diese kommen immer wenigstens eine Stunde zu früh. --
Gemächlich dampft die Lokalbahn heran.
»Na, denn mach's gut,« ruft Lieschen beim Händeschütteln.