Der Satansgedanke

Part 9

Chapter 93,743 wordsPublic domain

So strömte Faustus dasselbe Geheimnis von sich, von dem er im Buche zu Salzburg gelesen hatte: »Wisset, daß es einen wunderbaren Stoff gibt im Körper des Menschen, genannt Luz. Der ist des Menschen ganze Kraft und Tüchtigkeit, zugleich die Wurzel und der Boden von allem Sein. Und wenn der Mensch vergeht, so stirbt und vergeht diese Kraft nicht und löst sich dabei nicht auf, wie der Zufall des Körpers. Selbst wenn sie auf einmal in das größte Feuer getan würde, so brennt sie und verzehrt sich nicht. Sie kann auch nicht geteilt werden und zerbrochen oder zerstampft oder zermahlen, sondern sie ist ewigdauernd. Im Menschen und nach dessen Hinscheiden, so wie geschrieben steht im Ecclesiastica 26: _Et ossa sorum impingabit_.«

Diese Kraft nun, die Himmel und Erde und alle Fernen gleicherweise durchpulst und alles erschauern macht, was geschaffen oder noch ungeschaffen ist, gab Faust, der ihrer Herr geworden war, mit einer Art Grauens von sich hin, so daß sich ihm die Haare knisternd hoben und sich sträubten, wie bei einem, der arg entsetzt ist. Er aber bestrich das ganze Rund völlig mit der schwarzen Kohle und streckte und dehnte das hinein, was törichte Menschen den Willen nennen, was aber gar nicht ihrer ist, sondern des unheimlichen Allbelebers Geheimnis.

Es kam nun das Mädchen.

Wenig geheimnisvoll, sondern unbefangen tuend, empfing sie Faust und sprach von vielen Dingen, aber nicht besonders zuredentlich. Sondern er lauerte leise dahin, wie sie immer mehr von dem schwarzen Rund gefangen genommen wurde, wie ihr der Atem schon etwas kürzer werden wollte und sie, je länger je mehr, nach dem dunklen Kreise starrte, so daß ihr zuletzt die Augen weit und angstvoll wurden und sie nicht mehr loskonnte von dem, was sie unwiderstehlich dorthinzog.

»Eva, laß ab,« sagte Faust, freundlich prüfend. »Hast doch schon mehrere kabbalistische Charaktere bei mir gesehen und doch nicht begehrt, in sie einzudringen. Wirst mir auch jetzt nicht neugierig sein.«

Helena schüttelte die Locken aus dem Gesicht wie wirre Gedanken. Sie versuchte, sie zu sammeln. Aber bald umging sie, im Kreise, wieder den schwarzen Fleck. Immer näher kam sie ihm, es zog sie mit unwiderstehlichen Gewalten hin. Mehr, viel mehr, als der Schwindel den Erbleichenden an hoher Wand aus der Tiefe her erbeben macht, -- aber ähnlich.

»Daß du mir nicht zu nahe herantrittst,« schrie Faust ihr bedrohend zu: »Es ist dort, wie ein tiefer Brunnen; abgrundtief, daraus die Vergangenheit steigen kann und auch die Zukunft, so sehr reicht er bis an die Ewigkeit hin! Du würdest hineintaumeln und dich zerstürzen! Um aller Kräfte willen, geh nicht zu nah heran und betritt den Kreis nicht! Hinunterschauen aber magst du immerhin.«

Leichenblaß und zitternd schritt das Mädchen hinzu und die Knie schlotterten ihm so sehr, daß Faust jeden Augenblick zu ihr zu springen bereit war, um sie zu halten. Aber sie stürzte dennoch nicht, sondern vermochte sich, auf versagenden Füßen, schwer und schleppend, zu erhalten.

»Was hast du?« fragte Faust.

Das bejammernswerte Geschöpf, das jetzt nicht einmal mehr schön zu nennen war, so entstellt war es vor Schwäche, Neugier und Entsetzen, brach in ein irrsinniges, verlegenes Kichern aus.

»Was hast du?« wiederholte er. Da kicherte sie noch gepreßter und lachte dann krämpfig und schrill auf.

»Gesteh's nur ruhig. Knie' daran hin und schau dich satt; es soll dir keine Schande sein,« tröstete er. Da kniete sie an den Rand des schwarzen Fleckes, und nun schien ihr wohler zu werden. Der Schwindel ließ nach, der Angstschweiß verflog langsam und das Grauen verwandelte sich in eine Art Jammer; dann in Mitleid, später in Teilnahme, zuletzt in Entzücken.

»Nun, was siehst du?« fragte Faust, mit nachschleichenden Augen.

»Kinder, holde Kinder, wie Engelsputten,« rief sie mit mütterlich überquellender Liebe. Beinahe jauchzte das Mädchen.

Sie vergaß des Schwindels vor der schwarzen Brunnentiefe, die aus unermeßlichen Abgründen bis zu ihr heranreichte und stemmte die lieben Arme zu beiden Seiten auf, während eine unsagbare Verzückung sie holdseliger erscheinen ließ, als jemals. Ihre Farbe war zurückgekommen und ihre Wangen schön und erglühend; ihre Augen schwammen in unermeßlicher Zärtlichkeit und Sehnsucht. »Ah,« rief sie, als zerpreßte es ihr das Herz und die weiße Kehle. »Ah!«

»Red' dir's von der Seele,« riet Faust mit erbebender Stimme.

Da fuhr sie zögernd, dann aber immer reißender, fort in ihren Gesichten. »Du, du, Zunächstes, du Kleines, Kleines!«

Sie sah sich nach dem Manne um, der abseits stand, das nachdenkliche Antlitz gesenkt und die Hand in den Bart und um das Kinn geklammert. »Siehst du nicht her? Jammert es dich nicht? Es bewegt die reizenden, die vollen Lippen, und die hat es von dir. Und es hat den schauenden Blick der Augen von dir, das geht mir bis ins tiefste! Du, Johannes! Hörst du, es bewegt die Lippen, aber es möchte gar nicht saugen. Reden möcht es, denk dir Johannes!« Ihre Stimme verschlug sich beinahe vor Mitleid und Liebe und bekam einen zauberisch süßen, flehenden Ton: »Sie alle möchten schon reden, denk dir, du, du, hilf zu!«

Und mit herzzerreißendem Blick: »Sie wollen Mutti sagen!«

Eine Weile starrte sie hinunter, dann fügte sie mit einem Schmerze und einer Gequältheit ohnemaßen hinzu: »Und dürfen nicht!«

Sie stöhnte in Sehnsucht, dann lief ihre Rede weiter: »Aber du, sie haben doch alle deine Augen, deine trotzigen, deine scheuen, deine verdunkelten, geheimnisreichen Augen! Nur den Hals, den haben sie von mir. Oh du, sie haben gar keine hohen, starken Schultern! Rund, rund und lieblich ja, aber nicht belastet! Eins von ihnen kann sich jetzt nimmer halten. Du, du! O die runden Ärmchen, wie sie sich stemmen! Hilf, es will klettern. Die wehrlosen Knielein, wie sie sich abmühen, und finden keinen Halt am Rande und -- -- Faust! Faust!«

Mit der entsetzlichen Angst des Tieres, das nicht selber sterben darf um der Jungen willen, sondern sie verderben sehen muß, was unbeschreiblich grausam ist, rief sie: »Ich lass' es nicht zu, ich will nicht! Lieber will ich selber mit ihnen -- --!«

Ein so entsetzlicher Schrei gellte aus der Kehle des gequälten Mädchens, welches ihr junges Volk immer schwächer zu ihr streben und haltlos gleiten, ja zu stürzen beginnen sah, daß Faust mit einem jähen Sprunge heranschnaubte, sie zurückstieß, so daß sie hintenüber in Ohnmacht sank und seinen roten Mantel über das schwarze Rund hinwarf. Das Mädchen hätte sich sonst zu den stürzenden Kleinen in den Abgrund geworfen und wäre, auf dem magischen Kreise, tot liegen geblieben.

Schwer, wild und schwer atmete der erschütterte Mann.

Und er stand lange Zeit, schaudernd. Viele Künste hatte er geübt und oft war er über einen Hingestürzten weggeschritten, dem die Magie Herz und Seele verklammt und ihn getötet hatte. Das, jetzt aber, war ihm bis in die Nieren gegangen. Er vermochte selber nur mit Anstrengung zu stehen und zu atmen. Starr blickte er auf das wesenlose Bündelchen Leib, wie es da lag, zusammengekauert, sowie er es hingestoßen und es seine Besinnung verloren hatte. Endlich raffte er sich zusammen und ging, mit einem keuchenden Seufzer, nach Mixturen. Dann redete er ihr ruhig zu. Von dem, was er sagte, sind ihr später die Verse erhalten geblieben, die er mit dem tiefsten Mitleide und väterlicher Milde sprach:

»Was willst denn du? Die ewig Unruh oder ewig Ruh? Die ewig Ruh, die kennt die Seligkeit, Die dir ein tiefer Schlaf allweile beut. Die Hast, die ist ein ewiger Herod', Der mord't dein Kind und gibt dir selbst den Tod.«

Mehr unter dem Ton seiner Stimme, als unter solchen Worten schlug sie gänzlich andere, irre, hilflose, aber nur mehr verwunderte Augen auf. Nichts an ihr schien mehr gestört; sie war bloß wie nach einem schweren Traume, von dem sie nichts mehr wußte. Wie zerschlagen.

Nur aus ihrer elfenbeinweißen Haut dampfte immer noch die Angst, und Faust erschauerte, als hätte er ein andres Wesen in den Armen. Sonst hatte das einzige Mädchen einen Duft, behaglich, wie heiß angeplättetes Linnen; hausmütterlich und lieb. Jetzt spürte er Fremdes, ihm Feindliches an ihr und als sie sich erholt und auf viele verwunderte Fragen nur dürftige Antwort erhalten hatte: »Dir ist schlecht worden,« oder »Geh nun zum Vater, ich habe Angst um dich,« da mußte sie sich doch zum Fortgehen anschicken, war deshalb traurig, entschuldigte sich, verwundert und verwirrt, daß sie ihm statt Liebe und Lust nur Schrecken gebracht hätte und ging endlich, auf ihren schwachen, zitternden Füßen fort in die Nacht hinaus und nach Hause. Sie schämte sich sehr.

Hinter ihr aber ballte sich Faustens Seele schwarz und grimmig zusammen wie Wettergewölk.

Auch auf der Gasse ging es nicht geheuer zu. Zwei Männer hatten, jeder verhohlen und ungesehen vom andern, auf die Chrysoloras gepaßt. Zuerst sprang der junge Stainer aus dem Dunkel und wollte der Geliebten nach. Sie ermorden, sie schützen? Was wußte er selber! Er war namenlos unglücklich! Helena, die Dirne des Meisters!

Der andere maß ihn flink und berechnete seine Bewegung, seine Gestalt und sein unsicheres Unterfangen; dann eilte auch er vor und faßte den Scholaren am Arm: »Still,« zischelte er.

Der Junge erstarrte. Im schwachen Mondlicht sah er ein Antlitz, abgründig häßlich. Breite, freche, höhnische, nichts glaubende und nichts bemitleidende Lippen, tückische Augen, breiter, niedriger Wollschädel, abstehende Ohren, Lasterfalten am ganzen gemeinen Antlitz heruntergezogen. Erst dachte er: »Des Fausti Schwager, der Leibhaftige!« Aber dann ward er sogleich inne, daß keiner der Bösen so auszusehen vermöchte. Mögen sie entsetzlich sein, sie sind Geister und sind groß. Dieses Antlitz, in seiner niedrigeren Gemeinheit und gänzlich seelenlosen Häßlichkeit, konnte nur einem Menschen gehören!

»Was wollt Ihr?« stammelte der Student.

»Warum hast du auf die Chrysoloras gelauert?« fragte der andere so drohend dawider, daß Stainer sich verteidigte: »Ich bin doch ihr Vetter, der Sympert!«

»Dann mags gut sein; mich hat ihr Vater aufgestellt, der alte Chrysoloras.«

»Du bist so einer, was die Welschen Bravo nennen?« fragte Stainer mit Grauen.

»Ich bin sein Diener, weiter nichts; das merk dir. Du hast gesehen, wie weit die beiden sind. Du weißt nicht, ob du dawider sein sollst oder dafür?«

»Wahrhaftig, das weiß ich nicht,« stammelte der junge Mensch.

»Na. Ich will dir Zweifel und Mühe bald abnehmen.«

»Mann,« sagte der Student traurig: »Das wird kaum notwendig sein; denn er selber sinnt sich nichts anderes, als seinen Tod.«

»Mag ehedem gewesen sein; ehe er das Mädel hatte.«

Der junge Mensch griff sich nach dem Herzen. Wenn der Meister um des Weibes willen, um seiner sehnlich Begehrten willen, abstand von dem Übergroßen und sich im Getändel niederließ, dann war für ihn das allerletzte dahin. Daß er die Helena erst hinnahm, aber dann dem Gott, mit höhnischem Dank, wieder zustellte, das hätte er ihm zugetraut. Aber daß der weitgewagteste aller Menschen -- -- Nein!

»Der gibt sich weder gefangen, noch gibt er sich zufrieden,« sagte Stainer endlich. »Laßt ihn. Er wird Euren letzten Dienst nicht brauchen. Auch könnt Ihr ihm nicht an. Nur er sich selber. Und das wird geschehen.«

Der fremde Mann trat kurz lachend in die Nacht zurück und Sympert sah, wie lang der Oberleib des kleinen Kerls war und wie abscheulich krumm und verdreht seine Beine. Ihn ekelte.

Was alles dem Meister nach dem Leben strebte, das er doch selber längst verachtete! -- Aber wenn sich der Faust dennoch auflöste in dieser späten Liebe?

Mit Zweifeln und Verzweiflungen sich umherschlagend, ging der junge Mensch, der sich in den Todesgedanken so merkwürdig verstrickt hatte, nach Hause.

Faust oben blieb allein und unbehelligt.

Er stand immer noch vor seinem hingeworfenen, roten Mantel und trug beinahe selber Scheu, das greulich zum Leben erweckte schwarze Rund wieder zu enthüllen; -- so, in einsamer Nacht. Endlich riß er doch die Schaube fort und lachte kurz und krämpfig auf. Ihm tat es nichts. Er wischte die Kohle weg, die für den Meister nichts als Kohle war, so leicht, wie der loseste Spinnweb. Überall flog sie nichtig umher, als er sie zerstäubte. Dann ging Faust in der Stube hin und wider.

»So hab' ich sie! Jaha, so hab' ich sie: Das ewige, versteckte Mütterchen! Ich soll den Affentanz mittun, weiterführen und teilhaben an dem Spottgewimmel; jaha! Und wenn mein Sohn Kaiser würde:

»Was ist mir, Fausto, der Kaiser? Ein allen voraustanzend' arm' Prunkäfflein; immer auf sein eigen Spiel bedacht. Demütig Dienst und Erkenntnis seines Amts hat er nicht in sieben Tagen seines Lebens. Und dann hat er dumme und rohe Einflüsterer dazu. Nein, mein Sohn wär mir zu gut, um Kaiser zu werden. Und was würd' er dann sonst? Wie ekelfett sind diese Herzen von Vätern, die ihre eigene Brut mit andächtiger Liebe salben, bloß weil sie, in ihrer verdeckten Eitelkeit, vermeinen, die wären von ihnen!

»Wer ist denn seines Vaters? Das Hurenkind deiner Frau ist nur um einen einzigen Menschen ferner von dir, als dein eigenes. Gegen Myriaden, die ehemaligen Blutes sind, stehst du ihm allein gegenüber! Da saß eine Großtant' auf ihrem Gelde, fest, blaß und neidisch, mit kaltem Blick und stumpfen Augen, wie eine kranke Kröte. Dein Kind kriegt von ihr die latente Habsucht! Da schnupperte ein heimlicher Hurer den verschlamptesten Frauenzimmern nach, während dir selber gerad eine einzige Liebe im Leben genügt hätte, die aber übergroß, und zu der Besten und Schönsten! Deine Tochter aber kriegt =seine= schmutzige Hundegier! Nein, ich lass' weder mich, noch die andern Menschen mehr an den ewigen Sautrog heranzerren.«

Er schritt wieder auf und ab, dann blieb er stehen:

»Und kämpfte ich vergebens gegen ihn, der sich des Symbols der Erden, des lechzenden Weibes, bedient, um Liebe zu heucheln, die nur Eigenliebe ist? Gegen die Weiber soll ja Eisen und Feuer vergebens sein! Und kämpfte ich vergebens, -- ich, der eine? Gibts was Schöneres, als der Einzige sein, gegen alle?!

O du, o du, o du!« Und der ergrauende Mann mit den Irrlichtaugen schüttelte die Faust gegen den Himmel. Dann lachte er, sagte: »Da ist er ja gar nicht, Narr.« Und preßte die Faust gegen seine Brust.

Am andern Tage war der Doktor von Innsbruck fort und sowohl die Späher des sich verhalten und vorsichtig gebärdenden, aber im tiefsten vor Wut rotglühenden Griechen, als auch das besinnungslos liebende Mädchen stellten ihm vergebens mehr die Wege ab. Er aber reiste durch eine jener geheimen Künste, wie er sie dem Studenten gezeigt hatte, nach der Stelle in den Bergen, wo sich der weiße Kalk vom roten Porphyr zu jener grauenhaften Kluft abgespalten hatte. Dorthin kam ihm nach wenigen Tagen schon der junge Stainer nach, stillgeworden, in gepreßter und zusammengehaltener Verzweiflung. Mit dem arbeitete nunmehr Faust Tag und Nacht. Es war alles so weit gediehen, daß beinahe unausgesetzt die schreckliche grüne Stickluft unter der fortwährend hinunterspülenden Säure aus dem Braunstein trat und sich ins bodenlos scheinende hinuntersenkte. Faust hatte die Tiefe zu ermessen versucht und erwartete nunmehr mit klammem Herzen, ob es endlos dauern würde, bis die grüne Bluthustenluft so weit stieg, daß man an sie herniedermessen konnte; denn sie sank, gleich einer schweren Flüssigkeit, immer wieder in die Tiefe. Um das zitterte der große Zerstörer, daß die Erde dort unten einen geheimen Nebengang haben könnte, der unersättlich von seinem Werk abtränke und fräße, so daß er wohl bis zum jüngsten Tage da den Braunstein zersetzen konnte. Aber da er zur Probe immer wieder lebende Tiere, in einem Korb an endlosen Schnüren, in die Tiefe kurbeln und dann wieder in die Höhe ziehen ließ, da kamen sie, eines Tages endlich, nicht mehr lebend zurück. So oft er den Versuch wiederholte, immer waren sie drunten erstickt und rochen schandbar nach dem reißenden, grünen Gift. Nun besorgte er freilich wieder das Gegenteil, die Kluft könnte nicht tief genug sein und verbrachte Tag und Nacht mit verzweifelten Berechnungen. Aber es schien alles zur Genüge richtig zu sein. Dann stemmte er die Arme empor und lachte die Sonne jaulend wie ein Verrückter an.

Er schien gänzlich besessen, und ebenso verzaubert und benommen war auch der junge Mensch, den er sich da gezügelt und gerichtet hatte. Sie redeten beinahe nichts miteinander, trieben ihr Werk mit zusammengebissenen Zähnen und arbeiteten und arbeiteten, zwischen dem wimmelnden und scheuen Knappenvolk, das zwar allerhand Sagen tuschelte, aber immer von dem einen Gedanken wieder gelähmt und verdummt wurde: Gold.

Kurze Zeit aber vor dem Tag Christi Geburt kam Helena Chrysoloras zu den unheimlich schaffenden Männern.

Manuel, ihr Vater, hatte sie hart angefahren. Dann in sie geredet, was Menschenberedsamkeit vermochte. Hatte sie beräuchert. Hatte sie durch Priester beschworen, daß sie entzaubert würde. Aber sie weinte nur um Faust. Man hatte ihr seinen etwas hohen Rücken bis zu einem Buckel großgelogen. Aber sie wurde nur um so irrer und verzweifelter, indem sie ausrief: »Dann, wenn er so höckrig ist, weiß ich, warum er mich verläßt: Ich bin immer noch nicht schön genug, um all' das gutzumachen, was ihr an ihm Häßliches entdeckt!« Zuletzt war sie all' ihrem Anhang, ihrer Freund- und Verwandtschaft heimlich entwichen und kam, eine halb Gestörte, in den wüsten Felsen an, in denen der verlorene Faustus arbeitete.

Dort war er schon so weit gediehen, daß der Hirschhorngeist, den der Doktor zur letzten Herausbringung seines zerstörenden Öles bedurfte, immerzu, seit langem schon und täglich von neuem durch Wagenkolonnen in Fässern herangeführt worden war. Er aber hatte eine Vorrichtung erdacht, wie man jedem dieser Fässer mit einem Male den Boden öffnen und so seinen ganzen Inhalt auf einmal in die Tiefe stürzen könne. Damit aber die grüne Stickluft in all' ihren Schichten gleichmäßig damit durchgossen würde, so hatte Faust diese Fässer verschiedentlich tief versenken lassen; je ein Dutzend auf je hundert Ellen Tiefe und ein unendliches Gewirre von feinem Tauwerk ging aus den Abgründen herauf, an dem man mit einem einzigen Ruck an dem großen Flaschenzug, der alle diese kleinen Sehnen vereinte, sämtliche Fässer mit dem Hirschhorngeist aufbrechen lassen konnte. Es war in der Gegend auch ein unerträglicher Geruch von dem Geiste des _sal ammoniacum_, dem sich immer wieder ein Hauch jener entsetzlichen, grünen Luft beimengte, die dort in den Bergtiefen versenkt und angesammelt war, so daß jedem, der in die Nähe kam, das Wasser aus den Augen gebissen wurde und die Bergknappen immer mehr zu raunen begannen, hier habe der Satanas sein wahrhaftiges und ruchbares Reich aufgeschlagen. Immer aber hielten die Habgierigen unter ihnen das frömmere und erschreckende Volk hin; weil Faust ihnen allen einen schweren Anteil an dem ungeheuren Ophir versprochen hatte, das er da drunten mit seiner schwarzen Kunst erzeugen und ertrotzen wollte.

Faustus war durch die üble Luft und durch die ungeheure Erregung und Anspannung aller Seelenkräfte ganz gelb im Antlitz geworden; sein Schüler aber glich schon grauem Papier, wie jenes ist, aus dem die Wespen ihre Nester bauen.

Es ist wohl wahr, daß beide immerzu von neuem fürchterliche Krämpfe und Kämpfe in ihrem Innersten mit der Verzweiflung des Lebens zu durchtoben hatten, das sich aufschreiend ins Sonnenlicht zurückretten wollte. Es war nur merkwürdig, daß der Junge diese entsetzlichen, maßlos reißenden Todesängste viel weniger und auch seltener verspürte, als der Faustus, dem sich alles Ingeweide wand und wehrte, je näher er an sein Ziel zu kommen wähnte. Früher hatte er an dem Wagnis, immer knapp an den Rand des Wahnsinns oder des Todes heranzutreten, ein verderbtes Gefallen gefunden. Jetzt zerfraß ihn die bedingungslose Feigheit der Kreatur oft so sehr, daß er wähnte, sich nie und nimmermehr aufraffen, sondern ihr unterliegen zu müssen. Es ist auch das einzige völlig Übermenschliche an ihm, daß sein Stolz und seine rettungslose Überzeugung vom Unrecht und der Torheit Gottes sich immer wieder aus diesen Vernichtungen emporwanden und er, wenn er nächtens die Helena und ihre kleinen Kinder jammervoll herbeigerufen und zurückgewünscht und die liebe Sonne sein Eins und Alles genannt hatte, am Tage wieder verbissen und eisern wurde.

Der Student war völlig seiner Melancholie verfallen und so stumpfsinnig, wie ein Tier in der Tretmühle. Er begeisterte sich nicht mehr, er liebte nicht mehr und haßte nicht mehr, wollte nichts mehr ergründen noch wissen, sondern trieb, wie ein Aas auf dem Flusse, wesenlos kreiselnd dem Untergange zu. So mußte Faust ihn haben und so allein war er zuverlässig und zu gebrauchen.

Aber da geschah das Unerwartete.

Der verlorene und gestörte Schüler stand hüstelnd am Abgrunde des Felsenschachtes und sah glasaugig zu, wie die Fässer mit dem Hirschhorngeiste, der entsetzlich aus ihnen hervorstank, in die Tiefe gelassen wurden. Da trat ein Wesen neben ihn und erfaßte flehend seine Hand, kniete vor ihn hin, küßte gar diese seine eiskalte Hand. Er starrte sie an.

Der kahle Wintersonnenschein fiel auf ihr wirres Haar, und obwohl das nach Art einer Begine nonnenhaft gekleidete Wesen an den Schläfen ganz weiß geworden war, so erglühte noch ihr Scheitel, wie sie die Stiftsfrauenhaube zurückzog, im traumhaften Golde einer zersprungenen, seligen Erinnerung.

Helena!

Der Bube starrte seine Base an.

Eine Zerstörung ohnegleichen hatte über diese rührende Schönheit hinweggefegt. Um die Augen waren Gramsprenkel ringsumher und tiefste, tierische Angst starrte heraus, wenn man in ihre Sterne sah. Der Mund war scharf und heruntergezerrt; ein Winkel hing willenlos und greisenhaft hernieder und nur die feine, klare Nase war sich ähnlich geblieben. Bloß war sie leidvoll schmal und kindlich geworden.

Immer noch starrte der Student in die Verwüstung. Unfern von ihm saß der Faustus; der schien davon zu wissen und hatte seinen zottigen Kopf wie ein Trotzender vergraben. Alles kam dem Studenten wie ein grauenhaft unwahrscheinlicher Traum vor. Er rang nach Atem und bekam einen ganzen Schwall Höllenluft in die Lungen. Jetzt sah er in die Tiefe. Da wirrten die Schnüre hinunter, liefen die Taue der Flaschenzüge, an denen immer neue Fässer voll Stank in das Eingeweide der Erde versanken.

Mit einem neuen Entsetzen stierte er wieder auf die, welche seine allerschönste und allerfernste Base gewesen war.

Die nickte traurig und jammervoll. Aber es schien, als sei ihr die Gabe der Rede völlig geschwunden. Genau ebenso, wie jene ungebornen Kindlein, die sie in ihrer rasenden Sehnsucht und Bezauberung gesehen, so bewegte sie die mümmelnden Lippen. Es sah elend und herzzerstechend aus, aber sie brachte kein Wort hervor und keinen Ton.

Die Knappen wimmelten an den Wänden des Schachtes umher, klebten daran oder hingen an Seilen, alle hüstelnd, so daß es wie ein ewiges Ticken und Tröpfeln klang; alles ganz unwirklich. Alles ameisenhaft. Alles wie heller Hohn auf Menschen. Gold glaubten sie zu erkrabbeln und fingerten und hantierten für den entsetzlichen Tod. War es jämmerlicher oder war es verächtlicher, daß all' das einen solchen Sinn hatte? Und das ganze Leben, war es nicht dasselbe Fingern und Hantieren und Wimmeln um einen sicheren Tod?

Wie hatte der Faust gehöhnt? 'Die Menschen sind die immerwährenden Leichenmaden am ewig faulenden und ewiglich sterbenden Leibe Gottes!'

Da ging ein Riß durch die ganze Seele des schwermütigen Knaben. Ein Riß, den das Wesen nicht mehr aushielt. Die zerstörte Schönheit der hinreißend Geliebten, das Madengewimmel der Menschlein ringsum, der Gestank; -- der stumpfe Höllenmeister da drüben! Es war so gräßlich, daß das erwachende junge Blut augenblicklich überkochte und ins Rasen geriet.