Part 5
Faust zog am Gasthof zum Stein vorüber, wo Paracelsus, durch das Lärmen angelockt, aus seinem Fenster schaute und grimmig lächelnd nickte. Der Zauberer ritt über die Salzachbrücke, immer mehr umdrängt vom Volk und kam in die Getreidegasse, wo das Tosen die Höhe erreichte. Die Studenten wollten ihn mit Gewalt auf die Hoch- und Domschule bringen und jetzt erst begann sich Faust etwas unruhig auf seinem Klepper umzusehen, wie er der gar so großen und entzückenden Liebe des ihm verhaßten Menschengeschmeißes entrinnen möchte.
Da sah er aus dem Fenster eines Hauses die Griechin, welche mit dem Namen auch den Ruhm des schönsten Weibes der alten Heidensage trug. Ehe er einen fragenden Blick hinauftun konnte, ob er sich unterwinden dürfe, dort oben bei der Dame Schutz zu suchen vor den Begeisterungsstürmen einer Rasse, an welcher alles tierisch dumm und verblendet ist außer ihrer Verlogenheit, ehe er also seine düster und trotzig gebliebenen Augen nur um ein weniges erhob, weil er fühlte, hier wurden sie schüchtern und knabenhaft, da breitete die Chrysoloras auch schon beide Arme aus und rief hinunter: »Fauste, mein Doktor, komm herauf!«
Jetzt wagten die Lärmbuben freilich nicht, dem immer rätselhafter werdenden Manne zu folgen.
Da: erst berieten sich Kaiser, König und Fürst insgeheim, in ehrender Form, mit ihm. Sodann mußte ihn der Teufel zu Wittenberg in eigener Person holen, und nun schrie das stolzeste und von allen nur aus scheuer Ferne angeglühte Mädel ihn mit ausgebreiteten Armen an: 'Fauste, mein Doktor, komm zu mir!'
Wenn =der= nicht hexen konnte -- -- --?
Droben aber ging ihm das Mädchen, welches jetzt schon verschüchtert war, entgegen, faßte seine beiden Hände und sagte: »Ich wußte ja, daß Ihr unmöglich zu sterben vermöchtet, ehe --«
»Ehe?« sagte Faust nicht ohne leichten Schreck.
»Ehe Ihr nicht das Größte vollbringt, was jemals ein Mensch getan,« fuhr Helena ganz betreten fort, als sie seine weitauf prüfenden Augen sah.
»Ihr ahnt? Und grüßt mich dennoch so?« fragte Faust in einer Erschütterung, die ihm selber unerklärlich übers Herze rann. Da neigte sich das stolze und schöne junge Weib über seine beiden Hände, die sie immer noch umklammert hielt und küßte sie.
Stainer starrte ihn, wortlos geworden, an. Nein, da war kein Siegeslächeln eines glücklichen Verführers. Er aber litt nur um so mehr, weil er seine Base liebte; liebte mit aller Inbrünstigkeit des Leibes und der Seele, die nichts anderes begehrt, als den Tod oder den milden Ton der einen, tröstenden Stimme.
Faust, ohne einen Zug in seinem traurigen Antlitz zu verändern, trat, etwas vorsichtig und zögernd, ans Fenster, aus dem er, in gebührender Ferne, ruhig wartend auf die unten turbulierende Menge hinuntersah, nicht anders, als wie ein geruhiger Mann, der auf das Ablaufen schmutzigen Wassers bei einer Überschwemmung wartet. Wohl blickte er einmal nach den beiden mit entschuldigender Geste zurück. Einmal, dann noch einmal. Sonst tat er nichts, was einer Verbindlichkeit oder Werbung für die schöne Jungfrau gleichgesehen hätte.
Helena sah nach dem Seltsamen hin. Ihre Augen schwammen in unwirklichen Träumen.
Es war große Stille im braunverbälkten Zimmer, und drei Herzen klopften, jedes in ganz anderem Schlage. Das eine zuckte in Verachtung und Hohn; zugleich in Sorge, es könnte ein neuer Fallstrick Gottes um sein Herz sich ringeln. Das Jungenherz ergrimmte sich in namenlosem Trotz und Weh, weil es, zwischen dem Meister und der Seele aller Seelen, eine unreine Verbindung fürchtete. Helena war verzaubert und liebte. Sie liebte mit jener wunderbaren Verseeltheit, die niemals ein Mann verstehen kann.
Manchmal hatte auch der Faust über Ähnliches gegrübelt: »Es heißt, das Weib wäre die Materie und der Mann die Erlösung und Abkehr? Und dennoch begehrt der Mann stets den Körper, das beste Weib aber immer jenes, was man mit dem Wunderworte 'Wesen' ausdrückt.«
»Nie sehnt sich ein unberührtes Weib nach rasender Umarmung anders, als um, gegen ihr reines, eigenes Gefühl, zu beweisen, daß es, liebend, auch erdulden kann.«
»Kein schöner Junge wird das jemals verstehen und ergründen.«
Helena Chrysoloras sah nicht die sorgenhohen Schultern des ungroßen und dennoch so großen Mannes und sah nicht seine ergrauenden Haare und seine umfurchten Augen. Sie sah nur seine Verachtung, seine Vergrämtheit und seine riesengroße Ferne von allem; -- auch von Gott. -- Und von ihr selber.
Und so liebte sie ihn.
»Es geht also nicht anders; man muß die zwei Unheimlichen gegeneinander hetzen,« hieß es bei den Ärzten und Professoren. »Es wird, je länger, desto wilder in Salzburg!« Faustens rauschender Einzug, sein kaltes Gesicht, das auf unsagbaren Hochmut schließen ließ, sein eisiger Hohn über die falsche Wittenberger Todeskunde und die Enttäuschung der Kollegen brachten alle auf.
Aber, wenn ihm einer in der Stadt an den Kragen konnte, dann war es der Paracelsus, der in den Künsten Fausti ebensowohl erfahren sein mußte wie jener. Und wenn einer an den Adepten und Arzt herankonnte, so war es Faust allein.
Wie oft schon hatte man einen braven Italiener bezahlt, der dem Arzte, welcher oft nächtlich einsam wandelte, eine abfertigende »Coltellada« versetzen sollte. Immer aber waren Dolch oder Messer an dem Gefeiten zerbrochen oder hatten sich krummgebogen. Kugeln, die aus sicherer Entfernung nach ihm geschickt worden waren, prallten an ihm ab und jaulten pfeifend in die Luft empor, als wären sie an einen Felsen angefahren. Sie fielen dann wohl gar zu Füßen des erschrockenen Schützen nieder, der sich heilig verschwor, niemals wieder auf den Adepten zu zielen. Denn ein andermal konnte das viel unheimlicher ausgehen! Man hatte nacheinander zwei, vom erzbischöflichen Gericht zum Tode verurteilte Steinbockschützen, heimlich, unter der Bedingung freigelassen, daß sie mit ihrem unfehlbaren Stutzen dem Paracelsus auflauerten. Da geschah es, daß Paracelsus dem einen gebot, wieder in die Haft zurückzukehren, wo ihn der sichere Tod erwartete. Und der verzweifelte Kerl, welcher wußte, daß er auf eines Hirsches Rücken geschmiedet in die Wälder gejagt und so elendiglich zerrissen werden würde, stelzte am andern grauen Morgen steif wie eine Maschinenpuppe vor die Schranne und sagte wie aus einem Traum heraus: »Ich bin der Andrä Rabenaltl, der dem Erzbischof die Steinböck weggeschossen hat und auf Leib und Leben gefangen sitzen muß.«
Worauf ihm, wegen seines sonderbaren Ausbruches, gar noch der Prozeß wegen Zauberei gemacht wurde und er an einem Pflock erwürgt und dann verbrannt wurde. So wenig war gegen den Paracelsus auszurichten.
Auch gegen Stein und Bein war der Adept gefeit; die Würfe der geschicktesten Buben hatten ihn zwar getroffen, aber ohne Wirkung, als hätte man Wasser nach ihm gespritzt. Einem aber war dabei der Arm lahm geworden und das Übel hatte sich lange Zeit nachher erst gegeben. Seither warf kein Straßenjunge mehr einen Stein nach dem Philipp aus Hohenheim.
Ein namenloser Zorn und eine abergläubische Angst wühlte also in den Widersachern und oft sehr rohen und dummen Mitbewerbern des Paracelsus um ärztliche oder alchymische Kunst. Aber erst jetzt, nach drei Jahren ohnmächtigen Grimmes, schien die Stunde gekommen.
Beide Männer waren gewaltig eitel und prahlerisch gewesen: das nun mußte unter dem Einfluß des Weines wieder angefacht werden. Dann konnte man sie gegeneinander stellen.
Dazu kam noch ein Böses.
Faust und Paracelsus waren einmal am Abend zusammen, und, noch gänzlich in Frieden, aus dem Laboratorium des Arztes gegangen, wo ihnen Sympert Stainer assistieren gedurft hatte. Aber die beiden Männer hatten bei der ungeheuren Hitze des späten Septembertages erst Salzburger Bier, dann eisgekühlten Klaret getrunken und waren jetzt scharf und reizbar geworden.
So kam es zu einem Wortwechsel, den der Schüler zu belauschen vermochte.
»Ihr kommt ja doch nicht weiter,« hatte Faust ärgerlich gesagt, weil sich das Geheimmittel wieder einmal mit furchtbarer Heftigkeit zersetzt hatte, ohne daß jemand an die Phiole gerührt hätte, die im Felsenkeller am Stein zur Beobachtung stand. Der ganze Felsen war nächtens von der Explosion bis hoch hinauf an den Franziskanerberg aufgerissen worden, obwohl nur ganz wenige Quentchen des Satanöles dort verwahrt gewesen waren.
»Ja mein Gelahrtester,« hatte drauf Paracelsus erwidert: »Jahrelang, wie Malvasier, und in einem Faßkeller, läßt sich das Salzsticköl (er nannte es so) nicht bewahren und wenn Ihr etwan vermessentlich meint, unseres Herrgotts Erdkugel damit auseinander zu treiben, dann hat's noch gute Weg' damit!«
Es war ein Glück, daß der scheue Arzt dabei mißgünstig abseits und zu Boden schauen mußte, als ängste er sich selber über die Wirkung dieses Wortes; denn Faust war aschengrau geworden über das ganze Gesicht. So angreifend war dieses plötzliche Entfärben, daß der junge Scholar, in jähem Erkennen und Entsetzen, alles erriet und selber gelb wie Käse wurde, als er Faustens Verfärbung bemerkte, die ja schnell wich.
Aber in die Wangen des jungen Menschen kam lange Zeit keine Farbe wieder, Faust selber bemerkte das recht wohl.
Ruhig sagte er: »Ich hoff' auch, die Welt erst zu meinem seligen oder unseligen End' auseinander zu sprengen. Und daß das recht weit hinausgeschoben sein mög', des werd' ich mich gar wohl zu versichern trachten.«
»Ich weiß nit,« murmelte Paracelsus, »wie lang Euer Kontrakt mit dem Unterirdischen reicht.«
Faust tat, als hörte er nicht, reichte aber dem Arzte, beim Abschied, zum ersten Male nicht die Hand hin. Ein langer Blick aus den schwermütigen und argwöhnischen Augen des Paracelsus begleitete ihn, als er schied.
Stainer blieb zurück und hoffte begierig, daß der Adept nun eine oder die andere Äußerung über Faust und sein gräuliches Vorhaben machen sollte. Aber Paracelsus lachte kurz und ganz sonderbar verlegen, sandte den jungen Menschen auch gleich in auffälliger Hast von sich fort. Stainer wußte nicht, wie ihn die Füße zu seiner ruhigen Base trugen, bei der alle Herzensnot und Angst sich für ihn sonst immer zu lösen pflegten.
Faust aber ging in sein Quartier auf die Bischofsfeste hinauf, langsam und absichtlich zögernd, damit die Sonne untergehen und Stern auf Stern am verdunkelnden Firmament sich entzünden könnte.
Er beobachtete ihren Gang, er spähte, wie erst die großen, dann die mittleren Sterne sich sichtbar machten, dann stellte er mehrmals das Astrolabium prüfend ein, schrieb einige Zeichen nieder, schüttelte wieder den Kopf, wurde ungehalten, als ihm ein Diener das Abendmahl bringen wollte und wies es gänzlich zurück. Dann blieb er in die emportauchende Nacht hinein auf der obersten Plattform des Reckturmes und spähte dem Zug und der Drehung der Gestirne nach. Immer wieder blickte er nach Osten, wo neue Sternscharen emporkamen, nickte den untergehenden nach und besah die, sich heutigen Tages nahenden, mit Aufmerksamkeit. Als dann die Mitternacht von den vielen Kirchentürmen der Bischofsstadt, mit dem eigentümlich feuchten und verschwimmenden Ton der Salzburger Glocken, zu schlagen anhub, stellte er das Horoskop des Philipp von Hohenheim, genannt Aureolus Theophrastus Bombastus Paracelsus.
Dann versank er bis in den Morgen hinein in Berechnungen, schrak plötzlich zusammen und rief leise empor: »Dann muß es bald sein oder nie! Wenn er nur im Eintritt der Herbst- Tag- und Nachtgleiche angreifbar ist, so könnt' ich ein Jahr verlieren!« Hastig blätterte er noch in einem Kalender, den er selber angefertigt hatte und sagte dann mit bestimmtem und drohendem Tone: »Heute noch!«
Senkrecht über der Vorstadt Mülln am Felsen lag, vor die Bürgerwehr geklebt, auf einer kleinen Bastion das Wirtsgärtlein zum Lindwurm. Dort zechten heute, wegen der wunderbar föhnigen und lauen Septembernacht, die Doktoren und hatten alle schon rote Köpfe. Das war nicht gut, obwohl es ihnen Witz und Mut zu allerlei Hetz- und Neckreden machte. Denn der Doktor Faustus, der in Heidelberg, in Köln und Ingolstadt die ältesten Rauf- und Zechhelden unter der deutschen Studentenschaft bis zur Übergabe und Schandbarkeit niedergetrunken hatte, saß immer noch unbewegten Gesichtes unter den Herren, die immerfort ihre beiden Gäste durcheinander rühmten und feierten, und bei dem vielen Zutrinken selber mehr Geschmack am ausgezeichneten Weine bekommen hatten, als an der Hetze und an ihrer Rache. Nur ein paar stillere, blasse und kleine Beobachter mahnten immerzu, behutsam, zur Vorsicht und zur Tat.
Jovial zurückgelehnt versicherten die stärkeren Männer aber fortwährend, es habe noch lange nicht angefangen und der Spaß möchte sich doch nur hinziehen. Bald würden ja der Paracelsus und der Faust rote Köpfe wider einander bekommen und dann gehe das große Hahnenspiel an.
»Den möcht ich sehen, der wider den hochberühmten Faustum irgend eine Kunst der Erden wüßt, sie gegen ihn zu verwenden,« rief ein kleiner, magerer Herr mit großer Begeisterung. »Es haben einmal vier Zauberer seine Berechnungen mit List zu stören versucht und der Doktor hat sie gewarnet; es wär einer im Zimmer, der ihm dawider wäre, er möcht davon ablassen, sonst erging es ihm übel! So gutmütig erwies sich unser Doktor gegen seinen Widersacher. Aber der andere schlugs in den Wind. Da ist es sehr übel ausgefallen für jenen!«
»Ja,« sagte Doktor Faust. »Er war sehr bald tot. Und ist nicht einmal gerichtlich ein Lärm gemacht worden, deshalb, weil ich gute Zeugenschaft hatte, daß er selber sich in den Tod hineingetan hat, wie denn jeder Mensch immer seinen Tod selber mit Fleiß vorbereitet, er mag tun, was er will: auch ausweichen; er arbeitet immer sehr geschickt an seinem eigenen End'!«
»Bei den Trinkern mag das sein,« sagte der Theophrast. »Auch bei den Buhlern. Aber da, haha, da fällt mir ein, der Doktor Faustus habe ja einmal die griechische Helena zu Erfurt vor die Studenten gezaubert? Dabei sollen die jungen Herrn vor Erinnerung und Begierde die ganze Nacht nicht haben schlafen können. Da wir nun doch zusammen als Confratres sitzen und uns nichts übel nehmen wollen, so mag uns der Doktor doch mit Vergunst erzählen, wie ihm selber die Erscheinung bekommen habe?«
Nun war die Geschichte mit der Flucht des Faust zu der schönen Chrysoloras und seine freundliche Aufnahme bei der gefeierten Jungfer schon so sehr in aller Mund, daß ein gewaltiges Gelächter losdonnerte und Faust Mühe hatte, sein unbewegtes Gesicht zu bewahren.
»Heraus damit, wie wars mit der Helena?« schrien die Gesellen.
»Sie war ohnemaßen schön,« sagte Faust feierlich.
»Und habt Ihr die Roll' des schönen Paris weiter geübt mit ihr?« rief ein mächtiger, rot angezechter Medikus.
»Sie war noch nicht reif dazu,« sagte Faust im gleichen Ernst.
»Oho, in der Ilias steckt manches, das sie als recht reif für allerlei Mannsen schildert,« rief ein anderer.
»Jegliches menschliche Wesen scheint diese Erden, wie ein Komet, in einer Parabel zu streifen, wie Ihr gelehrten Herrn Ärzte denn im langsamen Reifwerden und langsamen Altern eine auffällige Kurvengleichheit mit einer Parabel finden werdet. Die Parabel aber hat ihren Schluß unermeßlich weit draußen, gar nicht zu errechnen und wann sie wieder auf die Erden zurückschwingt, diese Kraft, welche Helenen oder Paracelsum oder sonst einen der Herren hier, ins hiesige Erdenlicht geschleudert hat, das ist sehr schwer auszurechnen. Manche Parabel ist breit, kurz und stumpf. So kommt zum Beispiel der Herr Doktor Würstl sehr bald wieder auf die Erden und wird abermals, eitel wie ein Sonnenstäublein, in ihrem vergänglichen Lichte kreiseln.«
Groß Gelächter schallte auf, einige aber riefen: »Weiter, weiter von der Helena!«
»Mit der Helena verhält es sich so, daß ich nicht die Macht habe, eine Tote zu erwecken; aber manchmal kann ich von der Zukunft zuleihe nehmen und aus ihrer Sphäre Licht oder Schatten abziehen, wie Wein, wenn sie nahe genug ist, und die Ziehkraft der Gestirne günstig. So mußte Helena, bei ihrem Wiederschwung in den schmalen Sonnenstrahl, der in unser Erdenzimmer fällt, nicht mehr weit sein, sonst hätte ich sie nicht in _materia_ zwingen können.«
»Mir scheint auch, sie wird nicht weit von hier sein,« gröhlte ein betrunkener Herr. Einige lachten, andere machten: Kscht!
Faust behielt sein unbewegtes Antlitz. Ein anderer aber rief:
»Und ich muß dennoch wieder sagen: Weder kann uns ein anderer Sterblicher die Helena wiederzaubern als nur der Doktor Faustus, noch kann ihm irgendwer durch seine Kunst Schaden zufügen! Niemand! Und mischte der Paracelsus selber das Gift, er kann ihm nicht an.«
»Paracelsus könnte mich im Augenblick töten,« sagte Doktor Faust abermals ernsthaft und fast leise. »Redet nicht so laut und reizt den Hochberühmten nicht, von dessen Wissen Ihr keine Ahnung habt. Denn er wäre der einzige, dem ich mich überwinden würde, zu sagen: Rabbuni, Meister.«
»Könnt's auch,« sagte der Paracelsus scheinbar kalt. Innerlich aber glühten ihm Wein und Zorn, weil er, in seinem Mißtrauen, Fausti ehrende Worte für Hohn und Ironie nahm.
Faust begann wiederum: »Mein Doktor, ich meine das im Ernst und nicht Ihr braucht's mir zu sagen, sondern ich selber rede davon. Ich weiß wohl, daß mir alles, außer äußerer Wohlgestalt, von der Natur geschenkt worden ist und auch meinen Mangel hat mir die Vorsehung weislich gegeben, damit ich bei meiner leichtsinnigen Art nicht gänzlich in bloßen Sinnengenuß verfallen, sondern ein wenig leiden und grübeln möge. Unser aller Meister und Vorbild aber, der Doktor Paracelsus, kann jahrelang vor einer verschlossenen Pforte stehen und mit dem Engel des Schweigens ringen, bis der sich überwunden gibt und ihm auftut und antwortet! Das ist mehr, als mein Genius oder Dämonion mir leichthin schenkt. Es ist auch mehr, als eure Forschung, meine Herrn. Es ist ein ewiges Feuer, davon dann und wann einer von uns ein Fünklein haben mag, er aber sitzt und hütet den ganzen Hort. Paracelsus hat das Beste, was dem Menschen gegeben sein kann. Was uns andern höchstens gnädiglich zu erraten gegeben ist, das ergräbt und erarbeitet er, und müßt er seinen Weg durch Eis, durch Eisen, durch Feuer und selbst durch ein Heer von Kollegen hindurchgehen!«
Diesmal schwiegen alle, nur Paracelsus lachte auf und trank einen tüchtigen Zug, setzte den Becher ab, sah noch einmal mißtrauisch auf Faust hin und sagte: »So Ihr nicht wieder gescherzt habt, mein guter Doktor, so will ich Euch alles abbitten, was ich im Argwohn gegen Euch gesagt hab'. Es ist ja wahr, ich verfolg' meine Fährten, wie die Natur sie mir weist, als ein armer Spürhund Gottes. Aber so, wie wir alle zusammen das Schwert niederlegen vor der Schönheit, mit der Satan einen Anachoreten besiegen, und hinwiederum Gott den Teufel zähmen und gut machen könnte, so hab' ich die größte Ehrfurcht vor dem Ingenio, auch wenn es sich wie ein rechtes Kind, das es immer ist und sein muß, alles schenken lässet. Und darum wünsch' ich Euch, mein lieber Doktor, es mög' Euch das Letzte und Schönste geschenkt werden, was Eure sich neigenden, aber immer noch rüstigen Tag' vergolden könnt. Auf daß Ihr auch in der Frauenliebe seid, was Ihr Euch sonst mit Recht nennet: Faustus, der Glückliche.«
Die beiden berühmten oder doch mindestens beschrieenen Männer tranken sich Bescheid und murmelnd und verdutzt sahen die Neidharte zu, wie sich beide Männer eher zu verbünden als zu verfeinden schienen, infolge der ganz unerwarteten Milde und Herzlichkeit des ehedem so großprahlerischen Faust, der niemand neben oder gar über sich gelten lassen gewollt.
War es das Alter? War es die Liebe? Die Doktoren rieten auf alles, nur auf das eine nicht, daß es der nahe Tod war, der den Unbändigen bescheiden, ja scheinbar liebevoll gegen den Paracelsus machte, weil der ihm unerbittlich voraus mußte. Er störte seine Zirkel.
Der Paracelsus kam jetzt sehr schnell wegen seiner Wissenschaft mit einem starken, feuerroten und dicken Fünfmaßweindoktor in Streit, dem sich andere lärmend beimengten. Da schlich ein kleines, gelbes Männlein an Faust heran und zischelte ihm zu: »Ihr, der weitaus Berühmtere und Geistesmächtigere werdet doch dem Handarbeiter, dem Laboranten nicht schmählich den Vortritt lassen? So zahmes Zukreuzekriechen eines großen Mannes hab' ich meiner Tag weder erhört noch für möglich gehalten!«
»Was soll ich gegen den Paracelsum, was vermag ich denn gegen ihn,« sagte Faust seufzend, als sähe er selber ein, daß da nichts auszurichten wäre und ließ resigniert die Arme sinken.
»Ist er denn ganz und gar unangreifbar? Gott hat tausend sterbliche Stellen am Menschen gelassen. Der Teufel läßt nur eine. Aber die ist da, und Ihr wüßtet sie, wenn schon nicht anzugreifen, so doch zu nennen.«
»Das wißt Ihr selber,« gab Faust trübselig lächelnd zurück. »Er ist gegen Eisen und Blei, gegen Stahl und Stein gefeit; nur ist niemand gegen das Holz gefeit, weil es sich in aller Schöpfung nicht begeben darf, daß ein Mensch weiterleben könnt' an derselben Materie, an der der Heiland gestorben. Wenn der Doktor durch einen fallenden Baum getroffen würde, wie ich wähne in seinem Horoskop gesehen zu haben, oder selber gegen einen Baum fiele, was nach den dunklen Zeichen ebenfalls möglich wäre, dann müßte er wohl versterben. Denn mit Knütteln wollt Ihr ihn doch nicht erschlagen, meine Herrn. Das wäre eine Schande und ein Unglück für Euch alle!«
Faust stand auf und sah dem Doktor gerade ins Gesicht, so daß der zurückwich: »Ich will dem Paracelo nicht zuleibe,« rief er.
»Ihr wollts,« sagte Faust, »so wie Ihr es mir wolltet. Mir tut Ihr nichts, denn ich reis' in dreien Tagen ab und überdies kenne ich auch meine Stund', die nicht in der Hand von Euresgleichen liegt. Dem Doktor da drüben aber ist diese Nacht gefährlich, das sag' ich Euch und hab's herausgelesen aus meiner Kunst. Wollt Ihr sie nützen? Heute kann's geschehen, und sonsten in Jahrfrist nimmer. Das sag' ich Euch, aber meine Hand biet' ich dazu nicht anders. Und nun gehabt Euch wohl, weil wir uns doch in diesem Leben nicht mehr sehen.«
Ehe der Doktor etwas erwidern konnte, war Faust, ohne Urlaub zu nehmen, schon im Dunkel verschwunden und niemand merkte es, weil das Lärmen um Paracelsus immer ärger wurde. Der große, rote, angetrunkene Arzt brüllte vor Wut, Paracelsus antwortete immer mit kleinen, kurzen und eisern ruhigen und schlagfertigen Sätzen. Alle andern hatten auch schon rote Köpfe. Der kleine Doktor, der wenig getrunken hatte und sich vorsichtig und kühl verhielt, fürchtete, daß Paracelsus die Gesellschaft vorzeitig im Zorne verlassen und ihnen so entgehen könnte. Oder sie zogen die Messer und Degen gegen ihn und verschafften dem Gefeiten einen neuen, abergläubischen Triumph. Ja, es schien, als wollte Paracelsus das ertrotzen, daß sie ihn zu erstechen versuchten, um sich an ihrer vergeblichen Mühe schrill zu lachen.
Da trennte der kleine Doktor geschäftig und geschickt die Streitenden, und indem er sie zu begütigen suchte, redete er leise und eindringlich mit dem einen und dem andern, von denen sich sogleich jeder verdutzt nach dem inzwischen entronnenen Faust umsah.
Aber niemand zweifelte an der Tüchtigkeit des Rates, den ihnen der Schwarzkünstler, wie von ungefähr, hinterlassen hatte.
Jetzt umgaben immer größere Gruppen versöhnlich und vermittelnd die noch Streitenden und den übermütigen Herausforderer der ganzen Kollegenschaft. Sie riefen, es wäre zu viel und wäre auch zu spät und man müßte heimdenken. Einige umringten den ziemlich angezechten Adepten und torkelten mit ihm hinter den andern her, auf allerlei Schlängelwegen an Felsen den Steilpfad nach der Stadt hinunter suchend.