Der Satansgedanke

Part 4

Chapter 43,621 wordsPublic domain

Und er erzählte dem Erzbischof, der die beiden Gelehrten vor den Kaiser gebracht, lebhaft und indem er mehrmals seine Hand auf den Arm des römischen Königs legte, wie um einen Bundesgenossen und Zeugen anzurufen, wie Faust vor längeren Jahren in Innsbruck dem Kaiser eine galante Ovation mit seiner Kunst gebracht hätte. Mitten im Winter wäre morgens im Schlafgemach des Kaisers, als der erwachte, ein reizvoller Lustgarten erstanden, wie er im Lande Italien nicht lenzlicher blühen hätte können! Veilchen, Narzissen und Orangen zugleich hätten geduftet und alle köstlichen Früchte des Südens wären zugleich, an beladen hängenden Ästen, gereift. Dazu war die feinste Musik, ganz leise und dezent, und immerzu jauchzten die Vöglein ihr Frühlingsglück von den Ästen. Der Kaiser verzögerte sich in seiner Verwunderung wohl über eine Stunde und sah den holden Zauber an; als er aber seinen Truchseß und andere Herrn vom Hofe heibeirief, auch Befehl gab, man sollte geschwind den römischen König holen, da fegte ein kühles Herbstwindlein durch den Saal, die Blätter gilbten, welkten, fielen; die kleinen Vögel flogen fort, das Staudenwerk zerdorrte, zerfiel in Staub, und alles war vorüber, ohne daß eine Spur im Saal verblieb.

»Mir hat der Doktor das nit vergönnt,« brummte der römische König mit lächelndem Vorwurf.

»Weil ich für Eure königliche Majestät was anderes bewahrt hab,« sagte Faust.

»Ei, das muß man hören,« riefen beide hohe Herrn. »Was denn?«

»Gold,« sagte Doktor Faust.

Hochauf lauschten die Fürsten, auch der von Salzburg, bei dem Worte.

»Gold zum Kriegführen, und dazu ein furchtbarliches Zerstörungsmittel, das alle Feinde Eurer Majestäten in Staub schmettern und zerreißen wird. Wegen letzterem wolleten die Majestäten nur den hier anwesenden berühmten Gelehrten und Alchymisten Theophrastum Paracelsum ab Hohenheim fragen.«

»Es ist ein ganz erschreckliches und gräßliches Gewaltmittel,« sagte Philipp von Hohenheim, »und ich vermesse mich vorauszusagen, daß es dadurch noch Ende dieses Jahres keinen Feind auf Erden mehr wider die Majestäten geben könnt'. Aber was das Gold angeht, das setzt mich doch selber in Verwunderung. Ist doch der Doktor nicht einer von den Reichen und da wär mir der Manuel Chrysoloras schon lieber und sicherer.«

»Das sagt der Goldmacher selber?« rief belustigt der römische König.

»Das sagt der Goldmacher selber,« wiederholte Paracelsus sehr ernst. »Eben, weil ich weiß, daß die alchymistische Kunst das gelbe Metall zwar mit vieler Müh' erzwingen und herstellen kann, daß aber die erhaltenen Bröcklein so gering sind in Ansehung der Kosten und Mittel und Zeit, und der Gefährdung, daß solches Gold zehnfach und noch viel teurer zu erstehen kommt, denn das von Gott geschaffene und in ehrlicher Menschenarbeit ergrabene.«

»Wenn die hohen und höchsten Herrschaften mir hier unter ihrer kaiserlichen und königlichen Ehr' versichern wollten, was es mit dem auf sich hätte, das ich zugesagt und versprochen hab',« sagte Faust, »so wollt' ich vor dem von Hohenheim, der Meister in der alchymischen Kunst ist, wohl mein Geheimnis lüften.«

»Das sagen wir dir bei unserem heiligen Amt und bei unserer Kronen zu,« sagte der Kaiser und legte seine Hand in jene des Königs und des Erzbischofs.

»Nun wohl denn, so will ich zuerst davon reden, was der Paracelsus recht gut weiß; daß das Geheimnis des Goldes eine ganz erschreckliche Glut und ein Druck ohnemaßen ist; -- =eines= der Geheimnisse des Goldes,« fügte er hinzu.

Paracelsus nickte.

»Ferner weiß sowohl der Paracelsus, als auch die höchsten Herrschaften, zumindest mein gnädiger Herr Salisburgensis, daß man das lauter und gediegen Gold zumeist am Quarzkiesel findet, an dem es hanget und aus dem es entstand.«

»Das ist wieder wahr,« sagte der Erzbischof.

»Zum dritten ist bekannt, daß man solches Gold aus dem trächtigen Kiesel mit Zuhilfenahm' der Glasmacherseifen, oder, wie man auch sagt, des Braunsteines scheidet.«

»Ah,« rief der Erzbischof erratend.

»Nun weiß hier mein gnädiger Gönner, der hochwürdigste Fürst der Kirche, daß in dem Eurer römisch königlichen Majestät erb- und eigengehörigen Lande Tirol eine Kluft tief in die Erden gehet; da kömmt ein geringerer, goldhältiger Quarz neben dem Porphyr vor und ist zusamt vielem Braunsteine in diese so erschrecklich tiefe Kluft hinuntergestürzt, daß meines gnädigen Bischofs Hochwürdigkeit sogar Zweifel ausgesprochen hat, ob sie nicht gar bis ganz nahe ans ewige und höllische Feuer heranginge.«

»Ich hab' von dieser Kluft gehört,« sagte König Ferdinand.

»Nun haben wir das Gewaltöl; und können wir davon erzeugen so viel, daß diese Kluft unten gar ausgefüllt werden könnt', da würde, wenn man es mit einem Fett oder Terpentin zur _explosio_ brächte, in dem Porphyrgestein eine solche Gewalt der Pressung entstehen, daß der Quarz, der seit Anbeginn der Schöpfung dort noch nie unter ähnlichem Druck gestanden hat, sich verfinge und ummodulierte und das in ihm eingeheimnißte Gold ganz und gar herausgäb, unterstützt von dem schmelzenden Braunstein.«

»Das könnt sein, das könnt ja sein!« rief der von Salzburg, und sogar Paracelsus nickte verwundert: »Ich sag' nicht nein.«

»So kommet denn, beide Herrn Doktores, zu gelegener Zeit, die wir euch wissen lassen werden, gegen Innsbruck,« sagte der Kaiser und erhob sich. »Zwei solche Köpfe, der heiße des Faustus und der kühle des Paracelsus, die werden's vielleicht wohl zwingen.«

»Ihr seid mit solcher Mitarbeiterschaft wohl zufrieden, Faust?« fragte der Erzbischof, und Faust erwiderte mit tiefer Reverenz gegen den Paracelsus: »Es ist mir eine Erleichterung und eine freudige Hoffnung dazu! Denn mit solchem Collaboranten zur Seite =muß= es gelingen!«

Jetzt lächelte sogar der schwermütige Paracelsus, der eitel und darum leicht geschmeichelt war, und mit Ehren, wie man sie sonst nur großen Herrn erwies, wurden die beiden Doktores entlassen. Draußen drückte der Paracelsus dem Faust die Hand.

»Ich hab' Euch in meinem Innern Unrecht getan,« sagte er. »Aber jetzt bitt' ich Euch das ab, dank Euch und vermein, es werd' uns endlich Lohn und Segen werden; beiden, auf unsere alten Tag'. Wenn das Wunder gelingt. -- Ich bin mancher Praktiken dazu kundig und will Euren Gedanken, nachdem wir die Stell' besehen, verbessern und ausarbeiten, was und so gut ich's vermag.«

»Das wollt' ich Euch gebeten haben, hochweiser Herr Kollega,« sagte Faust und nahm Urlaub vom Arzte.

Wie leicht auszudenken ist, war bei denen Doktors in Salzburg laute und stürmische Rede und noch mehr heimlich grabender und fressender Neid ob der Berufung der zwei Landfremden zum Kaiser und König. Denn keiner der Mediziner, ja nicht einmal einer von den Theologen hatte solcher Ehre teilhaftig werden können, und außer den Chrysoloras waren nur ein paar adlige Herrn vom Domkapitel mitgefahren.

In Salzburg wachsen keine Hiobs, wohl aber sind dort viel knorriger Fäuste zu finden. Erst ging die Rede, daß man den beiden Marktschreiern mit einer Ehrenketten aus gut gedrehtem Hanf entgegenkommen müßte; jedem eine, und darüber einen Stammbaum, irgendwo an der Mosstraßen, wo die Raben ohnedies immer hungrig blieben. Dann gewannen die feineren Stimmlein aufmerksame Ohren; die spannen aus, man müßte eben die zwei, die sich ohnedas nicht recht vertragen konnten, aufeinanderhetzen und das Geschäft, welches die Doktors an ihnen vorhatten, selber besorgen lassen. Es sollte also an beide ein Gastgebot ergehen, so, als wenn man sie dankbar feiern wollte, daß sie die Salzburger Hoch- und Domschul und ihre Wissenschaft zu unerhörten Ehren gebracht, an der natürlich alle Anteil hätten, Doktores, Magister und Studenten. Dann im Weindunst würde die eine Hälfte wider die andere zu streiten anfangen, wessen Verdienst das größere wäre. Die einen wollten dem Prahler Faust mit Honigseim ein ganzes Wonnenbad bereiten, während die andern 'dem exakten und erfreulich nüchternen Paracelsio' eine Festpforte aufzuputzen gewillt waren, während ihnen Faust als ein unklarer Wirbulant zu gelten hatte, dem's einmal von ungefähr gelingen wollt, und zehn andere Mal nicht.

Es war dem auch so. Paracelsus hielt sich, immer mehr, je älter er geworden war, an den klaren und scharfen Verstand und alles verachtete er, je länger desto mehr, was nicht vor der Vernunft bestehen konnte.

Faust verachtete gerade die Vernunft, welche ihm die kältesten, schlechtesten und verächtlichsten Menschen zu erziehen schien mit immer größerem Hohn. Er sagte, ein Arzt mit bloßer Vernunft lerne es wohl gut, Menschen zu behandeln (_id est_ betrügen), aber nimmermehr Krankheiten! Ein Juriste werde nichts als ein heimlicher Scharfrichter, oder, wenn er sich gar zu den Advokaten geschlagen hätte, ein Schinder. Ein Handelsmann würde zum dreifachen Juden, weil ihm dann die Frömmigkeit zur Wohltätigkeit und Dankbarkeit des Juden fehlte. Und ein Kriegsmann oder gar ein Fürst? Wohin der mit allzu großer Vernunft hinkäme, das hätte man ja sattsamlich am Vater und Sohn Borgia in Italien erlebt.

Die dem Faust nun näher standen, erkannten, daß er sich seines großen Wissens sehr wohl zu bedienen wußte, aber oft nur zu Betrügereien; weil er die Menschen gerne prellte und weil er sie im ganzen haßte. Nicht aus Gewinnsucht. War er aber mit sich allein, so versenkte er sich ins Unbewußte und versuchte zu sein wie ein Kind, das in der Dämmerstunde mit furchtsamen Ahnungen und Phantasien spielt. In der von ihm immer ausgesprochenen Überzeugung, daß die höchste Kraft alles nur mit der Unfehlbarkeit der Ahnung tue, kam er so vom Wege exakter Forschung immer weiter ab und überließ sich den köstlichen Aufregungen der Geisterwelt, der Magie und ihren schauerlichen Strömungen; wohl bewußt, daß sie auch ihre Wirbel und Unterströmungen hat, in welchen der beste Schwimmer alle Gewalt verliert und hinabgezogen wird. So spielte er sein lebelang mit dem ungeheuerlichen Sinnenkitzel (der dem Menschen von der Vorsehung gegeben ist, damit er lebe und sich seines Lebens wehre), mit der Todesangst. Das greuliche Spiel damit war ihm so sehr zum Bedürfnis geworden, daß ihm Liebe und Wollust nur als schale Nebenreize erschienen, 'gut genug für junge Buben, die noch keine Ahnung von den Köstlichkeiten des Seilgehens über dem Todesabgrund haben.'

Seinem Famulus Wagner gab er die gewagtesten Experimente auf; denn wie ihm selber wenig daran lag, früher oder später dabei zerrissen zu werden, so lag ihm auch an dem Leben eines lasterhaften, jungen Leckers nichts. Wagner hatte Auftrag, alles in Fausti Namen zu tun; er kaufte sogar, abends in der Dämmerung, in einem falschen Barte ein, welcher dem des Doktors täuschend nachgemacht war, trug seine Schaube und sahe des öftern höhnisch, als Doktor Faustus, zum Fenster hinaus, wenn die Stadtguardi von Wittenberg vorüberzog. Faust war aus dem Wittenbergischen bei Leibes- und Lebensstrafe verwiesen; aber keiner von den Soldaten und Hauptleuten der Guardi hätte sich verwunden, den schauerlichen Doktor dort oben auszuheben. Zudem muß noch hinzugefügt werden, daß man dem Faust nicht nur nachsagte, er könnte sich mit Hilfe des höllischen Geistes in wenigen Stunden durch die Luft über ganz Deutschland hinwegheben, sondern er war auch des Geheimnisses bewußt, sich doppelgängerisch umzutun. Sogar Wagner hatte sich mehrmals entsetzt, weil er manchmal, heimkehrend, über seinen beim Zechen vergessenen Arbeiten und Laborationen den Doktor Faust räuspernd, kopfwackelnd und hüstelnd drübergebeugt gefunden hatte, welche Erscheinung ihn sogar einmal scharf und traurig angesehen, immer aber auf Anruf in Nichts zerronnen war.

Darüber ging in Wittenberg viel Gerede und die Theologen um Luthern herum waren die eifrigsten, welche solche Geschichten austrugen, statt daß sie das Blendwerk verachtet und damit zu Nichts gemacht hätten.

Es muß dies erzählt sein, um das Verwunderliche zu begreifen, daß Faust auch die Anschläge der Salzburger Doktors ahnte. (Oder wußte, wie mans haben will.) Die einen sagten, er hätte einen kleinen Geist in einem Kristall eingebannt bei sich, der ihm, durch ein Sieb hindurch, vorzitterte, was im selben Augenblick da oder dort geschähe, von wo immer Faust Kundschaft haben wollte. Der Doktor selber hatte davon geredet, wie es mit jenen Bildern im Sieb genau so wäre, als ob heiße Luft über einem Schornstein oder über sommerlichen Feldern zittere, so daß alles, was dahinter geschähe, fortwährend hin und her- und ineinander ränne; auch wäre es schon eine große Aufregung und Herzensangst, also bis in die Sphären der niederen Geister zu sehen und zu vernehmen; wollte man jedoch in jene der befreiteren aufsteigen, dann habe man jeden Augenblick zu gewärtigen, vor namenlosem Entsetzen tot hinzufallen.

So viel von jenem Siebdrehen und dem gebannten Geistlein im Kristall. Und genug, Faust =wußte=; ob aus Schwarzkunst, ob aus Schlauheit, ob aus Ahnungskraft? Er träumte auch in Nächten, wenn zuvor Intriguen gegen ihn gerichtet und großer Haß aufgelaufen war, ungemein hart und qualvoll davon. Faust also wußte, was die Salzburger Doktors vorhatten und überlegte, ob er sich mit dem Paracelsus gegen sie, oder mit ihnen gegen den Paracelsus zusammenschlagen sollte, um eine der Parteien zu schädigen.

Das also war, was der Doktor Faust auf der Rückreise von Braunau nach Salzburg wälzte und plante. Nun auch zum Paracelsus.

Der überlegte lange und klüglich, was der Faust von der Goldmacherei im Großen gesagt hatte. Er, Paracelsus, war trotz allem Forschen niemals zum gerechten und klaren System der Goldbereitung gekommen, sondern ihm war, gerade bei aller alten, rezeptuellen Systematik, beinahe immer mißlungen, auch nur das kleinste Pröbchen Edelmetall zu erzwingen. Dagegen waren ihm bei ganz wilden und zufallsreichen Versuchen sowohl Lösungen geraten, aus denen allerfeinstes, graugrünes Goldpulver sich niedergeschlagen hatte, ja manchmal war ihm sogar im Feuer die gelbe Sündenmutter der Menschheit entgegengeschmolzen. Wie der Faust gesagt hatte, nur unter großer Hitze und bei gewaltiger Pressung gediehe das Ding, war das auch ihm stetiglich aufgefallen. Aber nun überlegte er, daß unter ihnen beiden denn doch er, Paracelsus, der weitaus klarere Kopf wäre. Wenn es irgendwo in der Natur und ihren Welten etwas zu erforschen und dann zu formulieren gäbe, da war der Faust weithin nicht zu gebrauchen! Der erschauerte. Seine Ahnungen entstanden, wenn der Geist ihn anpackte, so wie ein Nordlicht entsteht. Alles war ihm unbewußt geschenkt; -- nichts war erworben.

Sonderbar auch: wenn der Faust dämonisch wurde und Sprüche tat, als wären sie von einem höheren Geiste gesagt, so daß der Paracelsus selber aufstaunen mußte und ausrief: »Ja, ja!« dann sah er's oft, daß des kleinen Magiers ergrauendes Haar sich gesträubt hatte, wie das eines Hundes, der sich entsetzlich fürchtet. Oder wie das Haar eines Katzenfelles, das man mit einem Bernstein- oder Glasstabe überfährt. Irgend eine Kraft wohnte im Fausto; aber es war weder eine bewußte, noch eine logisch verfolgte. In Summa, der Faust konnte kaum ganz oder auch nur halb hinter jenes ewig gaukelnde und sich verhütende System geraten sein, wie man das rote Gold erzwingt!

Freilich, ein Nachdenkenswertes hatte der große Zufall, daß die Natur an jener Stelle Glasmacherseife und goldhaltigen Quarz (obgleich Porphyrquarz sonst nie Gold zu erzeugen schien) in solch engem Höhlenschrund zusammengestürzt hatte. Es war vielleicht nur ein kühner, verwegener Einfall Faustens, auf Grad und Ungrad das zu benützen und ungeheuer viel von dem Öl zu erzeugen, welches aus nichts anderm, als aus dem Unatembaren der Luft und aus dem Scharfen des Salzes bestand, wie Paracelsus festgestellt zu haben glaubte. --

Und der Gelehrte mit den schwermütigen und argwöhnischen Augen grübelte, ob da nur eine großartige Alfanzerei des Faust, oder eine dämonische Ahnung riesigen Gelingens, oder gar ein aufgetanes Wissen dahinterstecken könnte ...

Es war ihm doch ein gar zu abenteuerliches Unternehmen. Groß genug, um Kaiser und Reich, zunebst tausend Mann Bergknappen, die einen in schwere Unkosten, und die andern außer Atem zu setzen! So daß es, wenn es mißlang, dem Fausto einen flittervergoldeten Alchymistengalgen eintragen kunnt!

Und er wollte und wagte es dennoch. -- Seltsam.

Nun waren alle wieder in Salzburg außer dem Faust.

Helena Chrysoloras hatte den Doktor auf der ganzen Reise nicht gesehen, weil sie gesondert und von Sympert begleitet in einer Sänfte reiste. Aber sie hatte den ganzen Tag mit dem Vetter von ihm geträumt. Besonders, nachdem sie von der (beim Kaiser Karl, dem schweigsamen und zurückhaltenden Spanier ganz ungewöhnlichen) Ehrung erfahren hatte, welche dem Doktor zuteil geworden war: Daß Kaiser, König, Erzbischof und die beiden Gelehrten eine ganz geheime und sogar bängliche Besprechung miteinander gehabt hätten; denn alle fünfe waren aus dem Zimmer, im Gasthof zum schwarzen Lamm in Braunau, völlig blaß und mit allem Anschein einer tiefen Erregung herausgekommen, ohne daß es schien, als hätten sie sich überworfen. Sondern alle schienen eines einzigen Sinnes und Planes voll zu sein.

Niemand aber, auch nicht der vielmächtige Chrysoloras, konnte sagen oder erfahren, um was solche Rede gegangen sein mochte.

Das fuhr dem verwöhnten Griechentöchterlein nur noch mehr in Herz und Phantasie. Sie fühlte sich jetzt berechtigt, den bisher für unheimlich gehaltenen, übermächtigen Einfluß des Doktors auf ihr ganzes Sinnen eher reizvoll zu finden. Da doch die beiden mächtigsten Häupter der Christenheit ihm erlegen zu sein schienen!

Es kam noch ein überraschendes Ereignis hinzu. Faust hatte seine Rückreise verändert, da er, statt nach Salzburg, zuerst in das Berchtesgadener Land und von da durch den Paß Lueg nach Hallein gefahren war, wo er von den Bergknappen möglichst viele Vorteile in der Gesteinsbohrung, im Eintrieb von Stollen und Schächten, in der Sprengarbeit und anderen Praktiken mehr zu erfahren suchte. Er gewann dabei viel, so daß er sich mehrere Tage in den Bergwerken verzögerte und nicht wußte, daß inzwischen eine verwunderliche und schreckliche Kundschaft nach Salzburg gedrungen war, eine Nachricht, die ihn selber schon in Braunau antreffen gekonnt hätte.

Aus Wittenberg war Nachricht gekommen, daß der vermaledeite Doktor Johann Georg Faustus, nachdem er, obwohl landesverwiesen, mit Hilfe seiner Zauberei immer wieder böslich und zufleiß dahin, als in den gelobten und frommen Bannkreis Luthers, zurückgekehrt wäre, endlich dort im Dorfe Rimlich sein verdientes Schicksal gefunden, allen Anscheines nach vom Teufel geholt und dabei vom Bösen nächtlicherweile unter erschrecklichem Lärm von einer Wand an die andere geschmissen worden sei. Das zerspritzte Hirn wäre bis an die Zimmerdecke hinangeklebt; der völlig zerbrochene und schlotternde Körper aber zum Fenster hinausgeschleudert und auf einem Misthaufen liegend gefunden worden. »Womit eine ehrliche Christenheit, endlich, ein spätes aber um so abschreckenderes Zeugnis erhalten hätte, wohin arg zauberische Hinterlisten zum Beschlusse führen mögen,« hieß es.

Dem Faust wurde die Nachricht ins Halleiner Bergwerk gebracht, wohin ein Schüler des Paracelsus gekommen war, der bei seinem Anblick fast zum Tode erstarrt wäre. Wie denn der Doktor lebe?! Da er doch, durch seine Schwarzkunst, kürzlich erst gegen Wittenberg entrückt und dort seinem Schicksal in die Fänge geraten wäre?

Faust schwieg lange Zeit und blieb unergründlich, worüber sich der Scholar nur noch mehr entsetzte; denn da der Doktor nicht widersprach, sondern bloß zu erschrecken und dann tief nachdenklich zu werden schien, so kam das dem Mediziner, der sehr abergläubisch war vor, als hätte der Faust zwei Leben. Und nun wäre erst einmal sein Doppelgänger von ihm gewichen und hätte den einen Tod erleiden müssen ....

Der Schreck und der nachfolgende tiefe und schweigende Ernst des Doktors kam aber daher, weil er nun für sicher wußte, daß sein Famulus Christoph Wagner bei einem Versuch in Stücke gerissen worden sei.

Wie er es denn für sich selber auch nicht anders versehen hätte.

Nun war sein letzter Mitarbeiter dahin. Freilich nicht sein Mitwisser. Denn dem Zechbruder und Weiberläufer Wagner konnte man so großschauerliche Ding', wie Faust sie in der Seele barg, nicht enthüllen.

Jetzt also wußte niemand mehr um jene Satansgewalt, als die drei Fürsten, die es wegen seiner tödlichen und nur ihm bekannten Launen im _statu nascendi_, -- niemals aus eigenem herzustellen vermocht hätten, -- und der Paracelsus. Im Grunde also bloß mehr einer außer ihm.

Ob nicht dieser Eine schon zuviel war, nachdem er das seine getan und entdeckt, daß man das Höllenöl zähmen oder ihm zum mindesten die Reizmittel vorenthalten könnte, die es sich jederzeit zum Anlasse nahm, um aufzufliegen?

»Ich, ich werde nicht allein dahingehen, wie Wagner,« murmelte damals Faust vor sich hin. »Stattlich Gefolge will ich bei meiner Himmelfahrt haben; -- aber der Paracelsus wird mein Vorläufer sein müssen.«

In Salzburg gab es heftiges Hin und Wider bei der Wittenberger Nachricht. Die einen sagten, daß man für gewiß wisse, Faust wolle und könne nicht gegen Wittenberg gefahren sein. Die Gegenpartei erinnerte, daß es nur zu bekannt wäre, wie Faust einmal seine Freunde in Erfurt über Nacht besucht habe, da alle Welt ihn in Prag beim Kaiser wußte, und in derselbigen Nacht wäre er wieder gegen Prag zurückgefahren, ehe der Hahn sich zu regen begann. Darum hatte er sich damals Martini ausgesucht, wo die Nächte sehr lang werden. Nicht, um längere Fahrzeit, sondern um längere Zechzeit zu haben! Er sei gewißlich nach Wittenberg weggezückt worden; ob durch eigene Zauberei oder durch die Macht des Bösen, der ihn dort erwartete?

Dem widersetzte sich aber der zurückgekehrte Paracelsus mit vielem Hohn, schuf sich dadurch nur um so mehr Feinde, aber erreichte mit seinen kühl abschätzenden Worten wenigstens, daß weder der junge Sympert Stainer noch die Chrysoloras in Verzweiflung kamen, sondern eher zuversichtlich blieben.

Zum erst namenlosen Entsetzen der Salzburger ritt der Doktor, den man von Freilassing oder sonst woher aus dem Nordosten erwartet hätte, an der Salzach zum Tor am Stein, also auf dem entgegengesetzten Ende, gelassen, und nur um einiges ernster und schweigsamer, wieder in die Stadt ein, und es war bald ein solches Laufen, Starren und zuletzt Zurufen von Volk und begeisterten tollgewordenen Studenten um ihn, daß die Gegenpartei schon zu schreien begann, das Volk bereite ihm ja beinah einen Palmsonntag.

Es schien auch verwunderlich. Gerade die katholischen Studenten und ihr Anhang schienen am meisten über die gesunde Rückkehr des totgeschrienen Zauberers zu jubeln. Daran, daß sie alle Ursach' hatten, über die ins Leere gegangenen moralischen Folgerungen der Wittenberger Lutheraner zu lachen, dachte niemand. Faust wußte, was er von all diesem Hosiannah zu halten hätte und verzog kaum eine Miene; wie er denn in letzter Zeit immer unergriffener dreinzuschauen sich angewöhnt hatte. Er war so ferne von der Welt, vom Leben und seinen Eitelkeiten abgekommen, daß es, bei dem ehedem so leidenschaftlichen Betonen seiner selber, kaum glaublich schien. Nur, wer ahnte, daß er seiner ungeheuerlichen Selbstbehauptung einen grausigen Schlußpunkt plante, nur wer wußte, daß er sich im Geheimen auf den herzzerreißenden Jammerruf: 'O weh, wohin sind schwunden alle meine Jahr',' eine überlebensgroße Antwort gesetzt hatte, der begriff die Starrgewordenheit dieser Züge. Die schien sonst auf Erden niemand zu haben als, außer Faust, -- nur mehr der Kaiser. Derselbe erkenntnisreiche Kaiser, in dessen Reich die Sonne und die Niedertracht nicht unterging. Karl der Fünfte war vielleicht der Einzige, der alles so sehr überkostet hatte und ebenso weltmüde war, wie Faustus.

Nur, daß Karl noch seinen Gott hatte, -- als Allerletztes.